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Anthroposophie
Eine Zusammenfassung nach einundzwanzig Jahren
GA 234

2 Februar 1924, Dornach

Fünfter Vortrag

[ 1 ] Es ist von mir ausgeführt worden, wie man den Menschen gliedern soll in den physischen Leib, den ätherischen Leib, den astralischen Leib, und wie man durch eine gewisse Übung der eigenen Erkenntniskräfte, der Kräfte des Gemütes und Willens, dahin kommen kann, eine tiefere Einsicht in diese Gliederung des Menschen zu erhalten. Diese Gliederung, die wir beim Menschen erblicken, finden wir auch draußen in der Welt. Nur müssen wir uns klar sein darüber, daß ein beträchtlicher Unterschied ist zwischen dem, was wir in der Welt finden außerhalb des Menschen, also in der außermenschlichen Welt, und in der Innenwelt des Menschen selbst.

[ 2 ] Wenn wir zunächst die physische Welt betrachten, und wir können sie eigentlich nur betrachten in Anknüpfung an das feste, erdige Dasein, dann kommen wir dazu, verschiedene Stoffe zu unterscheiden. Ich brauche auf die Einzelheiten nicht einzugehen. Sie wissen ja, wenn der Anatom kommt und dasjenige, was vom lebenden Menschen übriggeblieben ist, nachdem dieser durch die Pforte des Todes gegangen ist, den Leichnam, untersucht, dann hat dieser Anatom nicht nötig — wenigstens glaubt er es nicht nötig zu haben, und innerhalb gewisser Grenzen hat er ein Recht zu diesem Glauben —, an irgend etwas anderes zu denken als an die irdischen Stoffe, die er auch findet im außermenschlichen Dasein. Er untersucht, was im außermenschlichen Dasein vorhanden ist an Salzen, an Säuren, an anderen zusammengesetzten oder einfachen Stoffen, er untersucht dann dasjenige, was der menschliche Organismus enthält. Und er findet sozusagen nicht nötig, seine physikalischen, seine chemischen Kenntnisse zu erweitern.

[ 3 ] Der Unterschied tritt ja nur hervor, wenn man die Dinge mehr im Großen betrachtet, wenn man eben auf das aufmerksam wird, was ich so stark betont habe: daß dieser menschliche Organismus in seiner Gesamtzusammenfassung als Totalität nicht aufrechterhalten werden kann von der außermenschlichen Natur, sondern der Zerstörung unterliegt. So daß wir sagen können: im festen, erdigen Physischen finden wir nicht sehr viel Unterschied zunächst zwischen dem, was außermenschlich und dem, was innermenschlich ist. Größeren Unterschied aber müssen wir schon anerkennen in dem, was Ätherisches ist.

[ 4 ] Ich habe Sie ja aufmerksam darauf gemacht, wie das Ätherische eigentlich auf uns herunterblickt aus der außerirdischen Welt, und wie aus dem Ätherischen herein alles, ob es ein großer oder ein kleiner Tropfen ist, rund gemacht wird, kugelig gemacht wird (es wird gezeichnet). Und diese Tendenz, aus dem Kräftezusammenhang des Ätherischen heraus ein Kugeliges zu gestalten, erstreckt sich auch auf den Ätherleib des Menschen. Eigentlich haben wir fortwährend mit Bezug auf unseren Ätherleib damit zu kämpfen — natürlich geschieht das alles im Unterbewußten —, die Kugelform zu überwinden. Der menschliche Ätherleib, so wie er nun einmal ist, ist sehr angepaßt in seiner Form, in seiner Gestaltung dem menschlichen physischen Leib. Er hat nicht so feste Grenzen, er ist in sich beweglich; aber wir können in ihm auch unterscheiden eine Kopfpartie, eine Rumpfpartie, undeutlich die Gliedmaßenpartien, da verschwimmt der Ätherleib. So daß es so ist, daß wenn wir einen Arm bewegen, der Ätherleib, der sich sonst der Form des menschlichen Organismus anpaßt, nur etwas herausragt über denselben, während er nach unten auseinandergeht‘ Dieser Ätherleib hat aber durch das Universum, durch den Kosmos eigentlich die Tendenz, Kugelform anzunehmen. Gegen diese Kugelform muß eben dasjenige, was als höheres Wesen im Menschen ist, der astralische Mensch und der Ich-Mensch kämpfen. Das plastiziert heraus aus der Kugelform eben diese Form, die sich der menschlichen Gestalt anpaßt. So daß wir sagen können: Der Mensch stellt sich als Äthermensch in die allgemeine Ätherwelt so hinein, daß er in sich zusammenschließt eine Eigenform aus dem Ätherischen; während ringsherum alles Ätherische darnach trachtet, soweit Gestaltung in Betracht kommt, Kugeliges zu gestalten aus dem Flüssigen. Beim Menschen wird das Flüssige, wenn ich mich so ausdrücken darf, eben menschenähnlich, aber das geschieht durch innere Kräfte. Da arbeiten die inneren Kräfte den äußeren kosmischen Kräften entgegen.

[ 5 ] Noch stärker ist dieses Entgegenarbeiten beim astralischen Menschen. Das Astralische kommt ja sozusagen wie aus dem Unbestimmten, wie ich Ihnen gestern angedeutet habe, hereingeströmt. Und dieses Astralische wirkt im außermenschlichen irdischen Dasein so herein strömend (siehe Pfeile im grünen Kreis), daß es aus der Erde heraus die Pflanzenform kraftet, die noch deutlich dieses Folgen dem Astralischen zeigt. Denn es sind ja die Astralkräfte, die die Pflanze aus der Erde herausholen. Die Pflanze selbst hat nur einen Ätherleib; aber die astralischen Kräfte sind es, die sie herausholen aus der Erde. Beim Menschen ist der astralische Leib außerordentlich kompliziert, und man nimmt ihn wirklich so wahr, wie ich ihn gestern dargestellt habe, als ein inneres Musikalisches, als ein wirbelndes Leben, als ein weben des Leben, als innere Regsamkeit und alles das, was, wenn ich mich so ausdrücken darf, gespürte, empfundene Musik ist; während man alles andere Astralische von außen radial einströmend findet. Und dieses radial Einströmende, das wird eben in die menschliche astralische Form verwandelt. Da kommen komplizierte Dinge zum Vorschein. (Es wird gezeichnet.)

[ 6 ] Sagen wir zum Beispiel, es ströme von einer Seite her ein Astralisches ein; die menschliche Wesenheit biegt dieses Astralische in der verschiedensten Form um, um es sich dienstbar zu machen und einzugliedern, so daß der Mensch sich seinen Astralleib aus den radial einströmenden Astralkräften erzwingt, könnte man sagen, durch seine eigene innere Wesenheit.

[ 7 ] Nun, sehen Sie, man kann aber doch sagen: Wenn man den seelisch-geistig geschärften Blick hinauswendet in den Kosmos, bekommt man schon die Auffassung des Ätherischen und man bekommt auch den Eindruck: das Ätherische ist dasjenige, was macht, daß wir von der Erde wegstreben; während wir durch die Schwere der Erde mit der Erde zusammengehalten werden, streben wir durch das Ätherische weg. Im Wegstrebenden ist eigentlich das Ätherische tätig. Sie brauchen dabei nur folgendes zu denken: das menschliche Gehirn ist ungefähr 1500 Gramm schwer. Eine Masse, die 1500 Gramm schwer ist, die auf die feinen Blutgefäße drücken würde, die unter dem Gehirn sind, würde diese ganz zerquetschen. Würde unser Gehirn wirklich seine 1500 Gramm Schwere haben im lebenden Menschen, könnten wir natürlich nicht die Blutgefäße, die unter dem Gehirn sind, haben. Aber innerhalb des lebenden Menschen wiegt ja das Gehirn höchstens 20 Gramm. Soviel wird, weil das Gehirn im Gehirnwasser schwimmt und um das Gewicht des verdrängten Wassers leichter wird, das Gehirn leichter, ungeheuer viel leichter; so wirkt das Gehirn eigentlich wegstrebend vom Menschen. Und in diesem Wegstreben wirkt das Ätherische. So daß man sagen kann: gerade am Gehirn veranschaulicht sich das, was da vorliegt, außerordentlich stark.

[ 8 ] Sie haben das Gehirn im Gehirnwasser schwimmend. Dadurch vermindert sich sein Gewicht von 1500 Gramm auf etwa bloß 20 Gramm. Also bloß etwa 20 Gramm schwer ist unser Gehirn, nimmt also in seiner Wirksamkeit in außerordentlich geringem Maße an unserer physischen Leiblichkeit teil. Da findet das Ätherische ungeheuer viel Möglichkeit, hinaufzuwirken. Das Gewicht wirkt hinunter, aber das Gewicht wird aufgehoben. Im Gehirnwasser entwickelt sich vorzugsweise die Summe der ätherischen Kräfte, die uns weghebt von dem Irdischen. Wir würden ja, wenn wir unseren physischen Leib zu tragen hätten mit all seinen Schwerekräften, einen Sack haben, an dem wir zu schleppen hätten. Aber jedes Blutkörperchen schwimmt ja, verliert von seinem Gewicht.

[ 9 ] Es ist eine alte Erkenntnis, diese von dem Gewichtsverlust im Flüssigen. Sie wissen ja, daß sie dem Archimedes im Altertum zugeschrieben worden ist. Er badete einmal und merkte, als er das Bein aus dem Badewasser herausstreckte, wieviel schwerer es ist, als wenn er das Bein im Badewasser drinnen hielt, und da rief er: Ich hab’s gefunden! Heureka! Ich hab’s gefunden! — Nämlich, daß jeder Körper im Flüssigen so viel leichter wird, als die Flüssigkeitsmasse beträgt, die er verdrängt. Wenn Sie also den Archimedes sich im Badewasser vorstellen, das physische Bein (es wird gezeichnet), und dann jenes Bein aus Wasser geformt, so wird das physische Bein so viel weniger schwer sein im Wasser, als dieses Wasserbein hier wiegt. Um das wird es leichter sein. Und so wird unser Gehirn im Gehirnwasser drinnen um so viel leichter, als die Gehirnflüssigkeit von der Größe des physischen Gehirns beträgt. Man nennt es in der Physik Auftrieb. Also in diesem Wegstreben durch das Flüssige wirkt das Ätherische, während das Astralische zunächst angeregt wird durch die Atmung, durch das Luftförmige, das in den menschlichen Organismus hereinkommt. Und indem das Luftförmige seinen Weg durchmacht durch den Menschen und in ungeheuer feinem, zerstiebtem Zustande im Haupte anlangt, wirkt in dieser Luftverteilung, Luftorganisierung, das Astralische.

[ 10 ] So kann man wirklich in dem Stofflichen, in dem festen, erdigen Stofflichen das Physische sehen; in dem Flüssigen, namentlich wie seine Wirkung im Menschen ist, das Ätherische; in dem Luftförmigen schon das Astralische.

[ 11 ] Es ist die Tragik des Materialismus, daß er nichts von der Materie weiß, wie sie in Wirklichkeit in den verschiedenen Gebieten des Daseins wirkt. Das ist gerade das Merkwürdige, daß der Materialismus so unwissend ist über die Materie. Er weiß gar nichts über die Wirkung der Materie, weil man darüber erst etwas erfährt, wenn man die in der Materie wirksame Geistigkeit, die die Kräfte darstellen, ins Auge fassen kann.

[ 12 ] Und so ist es: Schreitet man durch die Meditation vor zu der imaginativen Erkenntnis, von der ich Ihnen schon gesprochen habe, so findet man in allem Wasserweben der Erde zugleich das Ätherische. Es ist vor einer wirklichen Erkenntnis kindisch, zu glauben, daß in alledem, was da webt — nehmen Sie das Meer, das Flußwasser, die aufsteigenden Nebel, die herabfallenden Wassertropfen, die sich formenden Wolken, nehmen Sie das alles zusammen —, zu glauben, daß da nur dasjenige enthalten ist, was der Physiker und der Chemiker vom Wasser wissen, es ist eigentlich kindisch gegenüber einer wirklichen Erkenntnis. Denn in alledem, was da draußen ist in dem mächtigen Tropfen der Wassererde, in demjenigen, was fortwährend aufsteigt in Dunstesform, sich zu Wolken formt, herunterkommt in Nebel und Regen, was sich sonst auf der Erde durch das Wasser zuträgt — das Wasser hat ja eine ungeheure Tätigkeit bei der Bildung der verschiedenen Erdstrukturen —, in alledem wirken die Ätherströmungen, das ÄÄtherweben, das sich einem enthüllt, wenn man das Denken so erkraftet hat, wie ich es auseinandergesetzt habe: in Bildern. Überall ist im Hintergrunde dieses Wasserwebens das Weben der Imagination, der Weltimagination, und — gewissermaßen von rückwärts kommend in diese Weltimagination — überall diese astralische Weltensphärenharmonie.

[ 13 ] Nun ist es aber so beim Menschen, daß man in ihm alle diese Verhältnisse ganz anders findet als außerhalb des Menschen. Wenn man ins Außermenschliche schaut mit dem in der Art geschärften Blick, wie ich es Ihnen angedeutet habe, da findet man sozusagen die Welt zunächst aufgebaut aus dem Physischen, unmittelbar an der Erde haftend; dem Ätherischen, das schon den Kosmos erfüllt; dem Astralischen, das da einströmt, wesenhaft einströmt. So daß man wirklich nicht etwa bloß ein allgemeines abstrakt astralisches Weben hat, sondern Wesen da hereinkommen, Wesen, die seelisch-geistig sind, so wie der Mensch auch in seinem Körper seelisch-geistig ist. Das schaut man.

[ 14 ] Schaut man dann auf den Menschen zurück, so findet man auch im Menschen für dasjenige, was draußen ätherisch ist, entsprechend seinen Ätherleib. Aber dieser Ätherleib zeigt sich nicht so, daß Sie sagen können (es wird gezeichnet): da ist der physische Mensch, dann ist das der Ätherleib. Gewiß, man kann es so zeichnen, aber das ist nur ein festgehaltener Ausschnitt. Sie sehen niemals bloß den gegenwärtigen Ätherleib, sondern wenn Sie einen Menschen in bezug auf seinen Ätherleib betrachten, dann sehen Ste diesen Ausschnitt, den man zeichnen kann, angrenzend an dasjenige, was vorangeht. Sie sehen immer den ganzen Ätherleib bis zu der Geburt hin. Das Zeitliche ist ein Einheitliches. Sie können nicht, wenn Sie einen zwanzigjährigen Menschen vor sich haben, den zwanzigjährigen Ätherleib bloß sehen, sondern Sie sehen alles, was im Ätherleib geschehen ist bis zu der Geburt hin und noch etwas darüber hinaus. Da wird wirklich die Zeit zum Raum. So wie Sie, wenn Sie in eine Allee hineinschauen und die Bäume durch die Perspektive einander immer nähergerückt werden, so wie Sie also in die ganze Allee hineinsehen dem Raume nach: so schauen Sie den Ätherleib, wie er gegenwärtig ist, an, sehen aber zurück das ganze Gebilde, das ein zeitliches Gebilde ist. Der Ätherleib ist ein Zeitorganismus. Der physische Leib ist ein Raumesorganismus. Der physische Leib ist jetzt ja abgeschlossen. Der Ätherleib ist immer als Ganzes da, entsprechend der vergangenen Lebensdauer während dieses Lebens. Das ist eine Einheit. Daher könnten Sie eigentlich den ÄÄtherleib nur zeichnen oder malen, wenn Sie Wandelbilder malen könnten; nur mit einer größeren Geschwindigkeit müßten Sie malen. Was man als augenblickliche Gestaltung zeichnet oder malt, ist eben nur ein Durchschnitt, verhält sich dem ganzen Ätherleib gegenüber so, wie wenn Sie einem Baum den Stamm durchschneiden und dann zeichnen, was Sie da sehen im Durchschnitt. So ist es, wenn Sie den ÄÄtherleib in einem Schema zeichnen, eben nur ein Durchschnitt, denn der ganze Ätherleib ist ein zeitlicher Verlauf. Und man kommt, indem man diesen zeitlichen Verlauf überblickt, sogar etwas über die Geburt, ja sogar über die Empfängnis hinaus bis zu einem Punkte, wo man schaut, wie der Mensch heruntergestiegen ist aus seinem vorirdischen Dasein zu diesem jetzigen Erdendasein, und sich sozusagen als Letztes, das er durchgemacht hat, bevor er von einem Elternpaar konzipiert wurde, Substantialität aus dem allgemeinen Weltenäther herangezogen und zu seinem eigenen Ätherleib gebildet hat.

[ 15 ] So daß Sie also, sobald Sie vom Ätherleib sprechen, nicht anders sprechen können, als indem Sie das zeitliche Leben des Menschen bis über die Geburt hinaus überblicken. Das, was man als den Ätherleib in einem bestimmten Zeitmomente ansieht, ist nur eine Abstraktion; das Konkrete ist der zeitliche Verlauf.

[ 16 ] Beim astralischen Leib ist es noch anders. Auf den astralischen Leib des Menschen kommt man in der Art, wie ich Ihnen das gestern gesagt habe.

[ 17 ] Das kann ich Ihnen nur schematisch zeichnen. Es muß ja auch in der Zeichnung für Sie der Raum zur Zeit werden. Nehmen wir an, am 2. Februar 1924 betrachten Sie den astralischen Leib eines Menschen. Hier wäre der Mensch (es wird gezeichnet) und wir betrachten seinen astralischen Leib. Ja, es macht der Mensch diesen Eindruck: da ist sein physischer Leib, da ist sein Ätherleib, und da kann man auch seinen astralischen Leib betrachten. Es macht den Eindruck, wie ich es in meinem Buche «Theosophie» beschrieben habe. Es ist so. Aber kommt man zu der eigentlich inspirierten Erkenntnis, wie ich sie gestern beschrieben habe, die gegenüber dem leeren Bewußtsein auftritt, dann gelangt man zu folgender Einsicht. Dann sagt man sich: Dasjenige, was da als astralischer Leib im Menschen gesehen wird, das ist eigentlich nicht am 2. Februar 1924 vorhanden, sondern wenn der Mensch, dessen astralischen Leib man betrachtet, zwanzig Jahre alt geworden ist, so muß man die Zeit zurückverfolgen. Sie kommen dann hin, meinetwillen zu dem Januar 1904, und Sie bekommen die Einsicht: da eigentlich ist erst in Wirklichkeit dieser astralische Leib da, und weiter zurück ins Unbegrenzte, weiter zurück, da ist er eigentlich erst. Er ist gar nicht mitgegangen durch das Leben, er ist da geblieben. Hier ist nur eine Art Schein. — Es ist so, wie wenn Sie in eine Allee hineinschauen würden (es wird gezeichnet): da geht es weiter, es sind die letzten Bäume, sie sind sehr nahe; dahinten steht eine Lichtquelle. Ja, Sie können hier den Schein des Lichtes noch haben, aber die Lichtquelle ist doch dahinten, die ist nicht hervorspaziert, damit hier der Schein des Lichtes ist.

[ 18 ] So ist der astralische Leib auch da geblieben (es wird auf die Zeichnung verwiesen), wirft nur seinen Schein in das Leben herein. Der astralische Leib ist eigentlich in der geistigen Welt geblieben, ist nicht mitgegangen in die physische Welt. Wir stehen unserem astralischen Leibe nach immer vor unserer Empfängnis, vor unserer Geburt und Empfängnis in der geistigen Welt drinnen. Es ist so, wie wenn wir, wenn wir 1924 zwanzig Jahre alt geworden sind, eigentlich doch geistig noch lebten vor dem Jahre 1904, und nur einen Fühler vorgestreckt hätten in bezug auf den astralischen Leib.

[ 19 ] Sie werden sagen: Das ist eine schwierige Vorstellung. Schön, aber Sie wissen, es hat einmal einen spanischen König gegeben, dem hat man gezeigt, wie kompliziert das Weltengebäude ist. Da hat der spanische König gemeint, wenn er das Weltengebäude gemacht hätte, hätte er es einfacher gemacht. Das mag schon der Mensch denken, aber die Welt ist eben in Wirklichkeit nicht einfach, und der Mensch schon gar nicht, sondern man muß sich etwas anstrengen, um das zu erfassen, was der Mensch ist.

[ 20 ] Sie schauen also, indem Sie nach dem astralischen Leib schauen, direkt in die geistige Welt hinein. Astralisches um sich haben Sie nur in der außermenschlichen Welt. Wenn Sie die Menschen anschauen, schauen Sie in die geistige Welt hinsichtlich ihrer astralischen Leiber hinein. Sie sehen direkt dasjenige, was der Mensch selber, bevor er auf die Erde heruntergestiegen ist, in der geistigen Welt durchgemacht hat.

[ 21 ] Sie werden sagen: Aber mein astralischer Leib wirkt doch in mir. Das tut er auch, selbstverständlich tut er das; aber denken Sie sich, hier wäre irgendein Wesen (es wird gezeichnet), das hätte irgendwelche Stricke und würde durch diese Stricke, die mechanisch verbunden wären, etwas verrichten. Weit weg im Raume tritt die Wirkung von einem Wesen auf, das eben hier ist. So ist es hier mit der Zeit. Ihr astralischer Leib ist da geblieben, aber er streckt seine Wirkungen eben durch das ganze Leben aus. Wenn Sie also heute eine Wirkung Ihres astralischen Leibes beachten, so hat die ihren Ursprung in der Zeit, die längst vergangen ist, wo Sie, noch bevor Sie auf die Erde heruntergestiegen sind, in der geistigen Welt waren. Die Zeit wirkt da herein. Die Zeit ist, mit anderen Worten, da geblieben für das Geistige. Und derjenige, der glaubt, daß das Vergangene in dem, was in der Zeit wirklich lebt, nicht mehr da sei, der gleicht einem Menschen, der in einem Eisenbahnzug sitzen würde, fortführe, und einer sagte ihm: Du, das war doch eine schöne Gegend, die wir da Mitte unten durchfahren haben —, und der Mensch, der also einfältig wäre, würde sagen: Ja, schöne Gegend, aber sie ist ja verschwunden, sie ist ja gar nicht mehr da. — Solch ein Mensch würde also glauben, wenn er mit dem Eilzug vorübergefahren ist an einer Gegend, dann sei sie verschwunden, sei nicht mehr da. Geradeso gescheit ist es, wenn der Mensch glaubt, was in der Zeit vergangen ist, sei nicht mehr da. Es ist eben fortwährend da, es wirkt in ihn herein. Der 3. Januar 1904 in seinem geistigen Bestande ist noch da, geradeso wie das Räumliche da ist, wenn Sie durchgefahren sind; es ist da, und es ist so da, daß es hereinwirkt in die Gegenwart.

[ 22 ] So daß, wenn Sie Ihren astralischen Leib so beschreiben, wie ich es in meiner «Theosophie» getan habe, dann müssen Sie, um die Einsicht zu einer vollständigen zu machen, eben sich bewußt werden, daß das, was da wirkt, der Schein desjenigen ist, was eigentlich weit zurückliegend wirkt. Sie sind als Mensch wirklich ein Komet, der seinen Schweif weit zurück in die Vergangenheit erstreckt. Man kann nicht anders eine wirkliche Einsicht in die menschliche Wesenheit gewinnen als dadurch, daß man auf die neuen Begriffe kommt.

[ 23 ] Die Menschen, die glauben, daß man mit denselben Begriffen, die man hier für die physische Welt hat, auch in die geistige Welt eintreten kann, die sollten Spiritisten werden, nicht Anthroposophen. Da, nicht wahr, versucht man alles Geistige, nur ein bißchen dünner, gerade auch in den gewöhnlichen Raum, wo die physischen Menschen herumgehen, hereinzuzaubern. Aber das ist eben kein Geistiges. Das sind nur feine Ausschwitzungen, selbst die Schrenck-Notzingschen Phantome sind nur feine Ausschwitzungen des Physischen, sehr dünne Ausschwitzungen, die noch in ihrer Gestaltung den Nachklang des Ätherischen haben. Es sind bloße Phantome; sie sind nicht ein wirklich Geistiges.

[ 24 ] Wenn Sie die Sache so betrachten, dann werden Sie sich sagen: In der außermenschlichen Natur sind die höheren Welten gegenwärtig. Beim Menschen kommen wir sogleich in die Zeit hinein, in seinen zeitlichen Verlauf, wenn wir die aufeinanderfolgenden Welten betrachten. Man kann aber beim Menschen auch noch weiterdringen in der Erkenntnis. Und da mündet die Erkenntnis ein in ein Element, von dem man heute in unserer philiströs-materialistischen Zeit nicht zugeben will, daß es auch ein Erkenntniselement sein kann.

[ 25 ] Ich habe Ihnen als die erste Stufe der Erkenntnis diejenige vorgewiesen, die — nun ja, die groben, robusten physischen Dinge um uns herum erblickt durch die Sinne. Die zweite Art war die des erkrafteten Denkens, wo man die sich bewegenden Bilder der Welt in sich auffaßt. Die dritte Art war die inspirierte, wo man dasjenige wahrnimmt, was sich wesenhaft in diesen Bildern ausspricht, was hineintönt wie ein Sphärenmusikalisches, aber wesenhaft. Nimmt man das beim Menschen wahr, dieses wesenhaft Sphärische, dann wird man nicht bloß aus der Materie hinausgeführt, sondern aus der Gegenwart hinausgeführt in das vorirdische Leben des Menschen, in sein Dasein, das er gehabt hat als geistig-seelisches Wesen, bevor er auf die Erde herabgestiegen ist. Diese inspirierte Erkenntnis erlangt man, wenn man das leere Bewußtsein herstellt, nachdem man vorher das erkraftete Denken gehabt hat.

[ 26 ] Den weiteren Aufstieg in der Erkenntnis erlangt man dadurch, daß man die Kraft der Liebe zu einer Erkenntniskraft macht. Nur darf es nicht die triviale Liebe sein, von der allein in unserer materialistischen Zeit zumeist gesprochen wird, sondern es muß diejenige Liebe sein, die imstande ist, sich eins zu fühlen mit einem Wesen, das man selber nicht ist innerhalb der physischen Welt; also wirklich fühlen können das, was in dem anderen Wesen vorgeht, ebenso wie das, was in einem selbst vorgeht, ganz aus sich herausgehen können und wieder aufleben in dem anderen Wesen. Im gewöhnlichen Menschenleben bringt sich dieses Lieben nicht bis zu einem solchen Grade, der notwendig ist, um die Liebe zu einer Erkenntniskraft zu machen. Da muß man schon zuerst dieses leere Bewußtsein hergestellt haben, muß auch einige Erfahrungen mit dem leeren Bewußtsein gemacht haben. Ja, dann macht man etwas durch, was freilich viele Menschen nicht suchen, indem sie nach höherer Erkenntnis streben. Da macht man nämlich etwas durch, was man nennen könnte den Erkenntnisschmerz, das Erkenntnisleid.

[ 27 ] Wenn der Mensch irgendwo eine Wunde hat, dann schmerzt ihn das. Warum? Weil sein geistiges Wesen dadurch, daß der physische Leib verletzt wird, an dieser Stelle den physischen Leib nicht richtig durchdringen kann. Aller Schmerz rührt davon her, daß man irgendwie den physischen Leib nicht durchdringen kann. Und wenn man an etwas Außerlichem Schmerz erlebt, so ist es auch aus dem Grunde, weil man sich damit nicht vereinigen kann. Hat man das leere Bewußstsein erlangt, in das eine ganz andere Welt als diejenige, an die man gewöhnt ist, hereinflutet, dann hat man für die Momente, in denen man diese inspirierte Erkenntnis hat, den ganzen physischen Menschen nicht, dann ist alles wund, dann schmerzt alles. Das muß man zunächst durchmachen. Man muß sozusagen das Verlassen des physischen Leibes als richtigen Schmerz, als richtiges Leid durchmachen, um zur inspirierten Erkenntnis zu gelangen, um dazu zu gelangen im unmittelbaren Anschauen, nicht bloß im Begreifen. Das Begreifen natürlich kann ganz schmerzlos vor sich gehen und sollte von den Menschen erlangt werden, indem sie eben auch nicht durch den Initiationsschmerz hindurchgehen. Aber um zu dem zu kommen, dasjenige bewußt zu erleben, was der Mensch eigentlich an sich hat aus dem vorgeburtlichen Dasein, was noch aus der geistigen Welt geblieben ist und in einen hereinwirkt, um dazu zu kommen, dazu gehört zunächst das Hinübergehen über den Abgrund des ganz allgemeinen, ich möchte sagen universellen Leides, universellen Schmerzes.

[ 28 ] Und dann kann man die Erfahrung des Auflebens in einem ganz Andern haben, dann lernt man erst die höchstpotenzierte, die höchstgradige Liebe, die darinnen besteht, daß man wirklich nicht abstrakt sich selbst vergessen kann, sondern sich ganz außer acht lassen kann und ganz in das Andere hinüberkommen kann. Und wenn diese Liebe in Verbindung mit der höheren, inspirierten Erkenntnis auftritt, dann hat man eigentlich erst die Möglichkeit, mit all der Lebenswärme, mit all der Gemütsinnigkeit, mit all der Herzensinnigkeit, die natürlich etwas Seelisches ist, in das Geistige hineinzukommen. Und das muß man, wenn man weiterkommen will in der Erkenntnis. Die Liebe muß in diesem Sinne eine Erkenntniskraft werden. Denn wenn diese Liebe, die als Erkenntniskraft dann auftritt, eine gewisse Höhe erreicht hat, eine gewisse Intensität, dann kommen Sie hinüber durch Ihr vorirdisches Dasein in das vorige Erdenleben. Sie schlüpfen hinüber durch das Ganze, was Sie durchgemacht haben zwischen Ihrem letzten Tode und dem gegenwärtigen Erdenleben, in das frühere Erdenleben, in das, was man die vorhergehenden Inkarnationen nennt.

[ 29 ] Sehen Sie, dazumal sind Sie auch in einem physischen Leibe auf der Erde gewandelt, selbstverständlich. Aber von all dem, was da physischer Leib an Ihnen war, ist ja nichts geblieben; das ist alles in die Erdenelemente aufgesogen worden, von dem ist nichts da. Dasjenige, was Ihr innerstes Wesen war in der damaligen Zeit, das ist ganz geistig geworden, das lebt in Ihnen als ganz Geistiges.

[ 30 ] Wahrhaftig, unser Ich wird, indem es durch die Pforte des Todes geht, durch die geistige Welt geht bis zu einem neuen Erdenleben, ganz geistig. Und wer glaubt, es mit ganz gewöhnlichen Kräften des alltäglichen Bewußtseins erringen zu können, der kann es nicht erringen. Man kann es nur erringen, wenn die Liebe in der Weise höchstgesteigert ist, wie ich es angeführt habe. Denn der, der wir waren im früheren Dasein, der ist ebenso außer uns, wie ein anderer Mensch in der Gegenwart außer uns ist. Derselbe Grad von Außensein haftet unserem Ich an. Gewiß, es wird dann unser Eigentum. Wir erleben es als uns selbst, aber wir müssen erst so lieben lernen, daß diese Liebe gar nichts Egoistisches hat. Es wäre ja etwas Furchtbares, wenn man in seine vorige Inkarnation sich verlieben würde im gewöhnlichen Sinne des Wortes. Es muß die Liebe im höchsten Sinne gesteigert werden, daß man eben diese vorige Inkarnation zugleich als etwas ganz anderes erleben kann. Und dann dringt man, wenn die Kraft der Erkenntnis durch das leere Bewußtsein aufsteigt zu der Kraft der Erkenntnis durch die höchstgesteigerte Liebe, dann gelangt man zu dem vierten Gliede der menschlichen Wesenheit, zu dem eigentlichen Ich.

[ 31 ] Der Mensch hat seinen physischen Leib. Durch den lebt er in jedem Augenblick in der physischen Gegenwart der Erde. Der Mensch hat seinen Ätherleib. Durch den lebt er eigentlich fortdauernd bis ein Stückchen vor seine Geburt hin, wo er sich den Ätherleib gesammelt hat aus dem allgemeinen Weltenäther. Nun hat er seinen Astralleib. Durch den lebt er durch das ganze Dasein zwischen seinem vorigen Tode und diesem Heruntersteigen auf die Erde. Und dann hat er sein Ich. Da lebt er ins vorige Erdenleben hinein. So daß wir beim Menschen überall, wo wir von seiner Gliederung sprechen, sprechen müssen von seiner Ausdehnung in der Zeit. Wir tragen unser voriges IchBewußtsein unterbewußt in der Gegenwart in uns. Und wie tragen wir es in uns? Ja, wenn Sie das studieren wollen, wie wir es in uns tragen, dann müßten Sie aufmerksam werden darauf — und das ist auch der Weg dazu, an das Ich heranzukommen —, wie der Mensch nun hier in der physischen Welt nicht nur fester Leib ist, nicht nur ein flüssiger Mensch, ein luftförmiger Mensch, sondern wie der Mensch ja ein Wärmeorganismus ist. Primitiv, wenigstens sehr partiell weiß das schon jeder; wenn er Fieber mißt, so bekommt er verschiedene Fieberangaben, je nach den verschiedenen Stellen des Organismus, wo er mißt. Aber so ist es durch den ganzen menschlichen Organismus hindurch. Eine andere Temperatur haben Sie oben im Kopfe, eine andere in der großen Zehe, eine andere innerlich in der Leber, eine andere innerlich in der Lunge. Sie sind ja nicht nur das, was Sie in einem anatomischen Atlas in festen Konturen gezeichnet finden; Sie sind ein Flüssigkeitsorganismus, der in fortwährender Bewegung ist; Sie sind ein Luftorganismus, der Sie immerfort durchdringt, wie wenn Sie da immer ein mächtiges Symphonisches, Musikorganisches durchdränge. Und Sie sind bei alledem ein wogendes, warm-kalt Organisiertes, ein Wärmeorganismus, und in diesem Wärmeorganismus leben Sie selber drinnen. Das spüren Sie auch. Schließlich haben Sie nicht ein sehr starkes Bewußtsein davon, daß Sie, sagen wir, in einem Schienbein- oder in einem anderen Knochen leben, auch nicht ein starkes Bewußtsein davon, daß Sie in Ihrer Leber leben oder in den Säften Ihrer Gefäße. Aber daß Sie in Ihrer Wärme leben, davon haben Sie ein starkes Bewußtsein, wenn Sie das auch nicht differenzieren, wenn Sie auch nicht sagen: Da ist meine Wärmehand, da ist mein Wärmebein, da ist meine Wärmeleber und so weiter; aber es ist da, und ist es einmal gestört, ist nicht die menschlich angemessene Differenzierung im Wärmeorganismus vorhanden, dann spüren Sie es als Erkrankung, als Schmerz.

[ 32 ] Wenn man das Ätherische schaut, wenn man mit dem entwickelten Bewußtsein zur Bildhaftigkeit, zur Imagination gedrungen ist, dann hat man webende Bilder. Nimmt man das Astralische wahr, hat man die Weltensphärenmusik. Die dringt an einen heran, oder auch sie dringt aus uns heraus. Denn unser eigener Astralleib führt uns zurück in unser vorirdisches Dasein. Und gehen wir weiter zu jener Erkenntnis, die sich aufschwingt bis zur intensivsten Liebe, wo die Liebeskraft Erkenntniskraft wird, wo wir zunächst unser eigenes Dasein aus einem vorigen Erdenleben hereinfluten sehen in unser gegenwärtiges Erdenleben, so spüren wir dieses vorangehende Erdenleben in der normalen Differenzierung unseres Wärmeorganismus, in dem wir drinnen leben. Das ist die wirkliche Intuition. Da leben wir drinnen. Und wenn irgendein Impuls in uns aufsteigt, das oder jenes zu tun, so wirkt dies ja nicht nur, wie es im astralischen Leib ist, aus der geistigen Welt heraus, sondern von noch weiter zurück aus dem früheren Erdenleben. Das frühere Erdenleben wirkt in die Wärme Ihres Organismus herüber und erzeugt diesen oder jenen Impuls. Schauen wir in dem irdischfesten Menschen den physischen Leib, in dem flüssigen den ätherischen Leib, in dem luftförmigen den astralischen Leib, so schauen wir in dem Wärmemäßigen des Menschen das eigentliche Ich. Das Ich der gegenwärtigen Inkarnation ist nie fertig; das bildet sich. Das eigentliche, in den unterbewußten Tiefen wirkende Ich ist das des vorigen Erdenlebens. Und vor dem schauenden Bewußtsein nimmt sich ein Mensch, dem Sie gegenübertreten so aus, daß Sie sagen: Hier steht er; ich erblicke ihn zunächst so wie er dasteht, mit meinen äußeren Sinnen. Ich schaue dann das Ätherische, ich schaue das Astralische, dann aber hinter ihm den anderen Menschen, der er war in der vorigen Inkarnation.

[ 33 ] In der Tat, je weiter dieses Bewußtsein ausgebildet wird, desto mehr erscheint — perspektivisch macht sich das so (es wird gezeichnet) — das menschliche Haupt der gegenwärtigen Inkarnation, etwas darüber das menschliche Haupt der vorigen Inkarnation, etwas darüber das menschliche Haupt der noch weiter zurückliegenden Inkarnation. In Zivilisationen, die von diesen Dingen durch ein instinktives Bewußtsein noch etwas geahnt haben, finden Sie Bilder, wo hinter dem deutlich gezeichneten Antlitz, das auf das gegenwärtige Erdenleben bezogen wird, ein anderes, etwas weniger deutlich gemaltes ist, und ein noch weniger deutlich gemaltes als drittes. Es gibt solche ägyptische Bilder. Derjenige, der erblickt, wie eigentlich hinter dem Menschen der Gegenwart der Mensch der vorigen Inkarnation und der weiter zurückliegenden Inkarnation aufsteigt, versteht solche Bilder. Und es ist erst eine Realität, von dem Ich zu sprechen als dem vierten Gliede der menschlichen Natur, wenn man zugleich das zeitliche Dasein zu den vorigen Inkarnationen zurückerweitert.

[ 34 ] Das alles wirkt im Wärmemenschen. Die Inspiration kommt noch an einen heran von außen oder von innen. In der Wärme steht man selber drinnen. Da ist die Intuition, die wahre Intuition. Ganz anders erlebt man die Wärme als irgend etwas anderes an sich.

[ 35 ] Jetzt aber, wenn Sie das so betrachten, dann kommen Sie über eines hinaus, was gerade dem Menschen der Gegenwart, wenn er wirklich unbefangen mit seiner Seele zu Werke geht, ein großes Rätsel aufgeben sollte. Ich habe von diesem Rätsel gesprochen. Ich sagte, wir fühlen uns moralisch verbindlich gegenüber gewissen Impulsen, die uns rein geistig gegeben sind. Wir wollen sie ausführen. Wie das in die Knochen, in den Muskel schießt, wozu wir uns moralisch verbunden fühlen, das kann man zunächst nicht einsehen. Wenn man aber weiß, daß man sein Ich aus der vorigen Inkarnation, das schon ganz geistig geworden ist, in sich trägt, daß dieses Ich in die Wärme hereinwirkt, dann hat man den Übergang da in diesem Wärmemenschen. Auf dem Umwege durch das Ich der vorigen Inkarnation wirken die moralischen Impulse. Da bekommen Sie erst den Übergang vom Moralischen ins Physische. Wenn Sie bloß die gegenwärtige Natur betrachten und den Menschen als einen Ausschnitt aus der Natur, bekommen Sie diesen Übergang nicht.

[ 36 ] Denn wenn Sie die gegenwärtige Natur betrachten, so können Sie folgendes sagen: Nun ja, da draußen ist die Natur; der Mensch nimmt ihre Stoffe auf, baut sich seinen Organismus auf — so naiv kindlich stellt man sich das vor —, ist also ein aus den Stoffen der Natur zusammengeschweißter Ausschnitt aus der Natur. Schön. Jetzt fühlt er aber plötzlich: es gibt moralische Impulse, und er soll sich danach richten. Er soll nur einen einzigen Schritt machen im Sinne dieser moralischen Impulse. Ich möchte wissen, wie dieser Ausschnitt aus der Natur das anfängt? Der Stein kann es nicht; das Kalzium kann es nicht; das Chlor kann es nicht; der Sauerstoff kann es nicht; der Stickstoff kann es nicht, alles das kann es nicht. Der Mensch, der aus dem zusammengeschweißt ist, soll es plötzlich können: er empfindet einen moralischen Impuls, und er soll sich danach richten, da er doch aus alledem zusammengeschweißt ist, was das nicht kann.

[ 37 ] Aber in alledem, was da zusammengeschweißt ist, entsteht etwas, namentlich auf dem Umwege durch den Schlaf, was durch den Tod geht, was immer geistiger und geistiger wird und ein nächstes Mal in den Leib hineingeht. Nun ist es in diesem auch schon darinnen, weil es aus der vorigen Inkarnation kommt. Das ist geistig geworden. Das wirkt in die Inkarnation hinein. Dasjenige, was jetzt aus den Stoffen der Erde zusammengeschweißt ist, wird in der nächsten Inkarnation in den Wärmemenschen hineinwirken. Da strömt das Moralische von einem Erdenleben des Menschen in das andere hinein.

[ 38 ] Da begreift man den Übergang von der physischen Natur zur geistigen, und wiederum zurück von der geistigen zur physischen. Mit einem Erdenleben kann man das nicht, wenn man sich nicht einer seelisch-geistigen Erkenntnisunredlichkeit hingibt oder sich über das Ganze hinweg betäubt.

[ 39 ] Sehen Sie, was man als die Elemente des Irdischen betrachten kann, das feste Irdische, das Flüssige, das Gas- oder Luftförmige, das Wärmeartige, das ist überall durchzogen von dem, was man bezeichnen kann als das Physische — da ist es unmittelbar es selber —, das Ätherische, das Astralische und das Ichmäßige. Und so bekommt man im Zusammenhange mit dem Weltendasein, mit dem Universum, die Gliederung des Menschen. Und man kann sich eine Vorstellung davon bilden, inwiefern der Mensch ein Ausschnitt ist aus der Zeit, nicht nur aus dem Raume. Aus dem Raume ist er es nur seiner physischen Körperlichkeit nach. Aber das Vergangene ist für die geistige Betrachtung ein fortdauerndes Gegenwärtiges. Die Gegenwart ist zu gleicher Zeit eine wirkliche Ewigkeit.

[ 40 ] Es ist dieses, was ich Ihnen da auseinandersetze, einmal Inhalt instinktiver Bewußtseinsformen der Menschen gewesen. Wenn wir alte Urkunden wirklich verstehen, so finden wir schon, wie in alten Urkunden ein Bewußtsein von dieser Viergliederigkeit des Menschen im Zusammenhange mit der Welt lebt. Aber durch viele Jahrhunderte hindurch ist diese Erkenntnis dem Menschen verlorengegangen. Er hätte sonst niemals seinen Intellekt ausbilden können, so wie er ihn jetzt hat. Aber nun sind wir wieder an dem Punkte in der Menschheitsentwickelung angelangt, wo wir wiederum vordringen müssen von dem Physischen aus zu dem wirklich Geistigen.