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Anthroposophie
Eine Zusammenfassung nach einundzwanzig Jahren
GA 234

3 Februar 1924, Dornach

Sechster Vortrag

[ 1 ] Wenn man den Verlauf des menschlichen Erdenlebens betrachtet, so findet man ihn in einer Art von Rhythmus verlaufend, der sich ausdrückt in den Wechselzuständen zwischen Wachen und Schlafen. Unter den Gesichtspunkt des Wachens und Schlafens hat man zu rücken dasjenige, was in den letzten Vorträgen ausgeführt worden ist über die Gliederung des Menschen. Sehen wir uns einmal das, was dabei vorliegt, ich möchte sagen, mit dem gewöhnlichen Bewußtsein rein äußerlich an. Wir haben im wachenden Menschen den inneren Verlauf seiner Lebensprozesse, die aber im Unterbewußten oder Unbewußten verbleiben. Wir haben in diesem wachenden Menschen vorhanden das, was wir als die Sinneseindrücke kennen, jenes Verhältnis zu unserer irdischen und außerirdischen Umgebung, das durch die Sinneseindrücke vermittelt ist, und wir haben ferner im wachenden Menschen die Offenbarung seiner Willensnatur gegeben. Wir haben seine Bewegungsmöglichkeit als Ausdruck seiner Willensimpulse gegeben.

[ 2 ] Wenn wir den Menschen äußerlich betrachten, so finden wir, daß der innere Lebensprozeß, der im Unbewußten für den wachen Menschen verläuft, fortdauert während des Schlafes. Wir finden, daß während des Schlafes die Sinnestätigkeit und das auf ihr sich aufbauende Denken unterdrückt ist. Wir finden, daß unterdrückt ist das, was Offenbarung des Willens ist, und das, was beides miteinander verbindet, was gewissermaßen zwischen drinnensteht, das aktive Gefühlsleben.

[ 3 ] Wenn wir nun einfach unbefangen dieses, was so das gewöhnliche Bewußtsein ergibt, betrachten, ohne uns einzulassen in irgendwelche Vorurteile, so müssen wir uns doch sagen: Die als seelisch zu bezeichnenden Vorgänge und die Vorgänge, die zwischen dem Seelischen und der Außenwelt sich abspielen, die hören im Schlafe auf, höchstens daß aus dem Schlafe heraustönt dasjenige, was das Traumleben ist. Und wir dürfen ganz gewiß nicht annehmen, daß mit jedem Erwachen diese seelischen Prozesse gewissermaßen aus dem Nichts heraus neu geschaffen würden. Das wäre zweifellos auch für das gewöhnliche Bewußtsein ein ganz absurder Gedanke. Es bleibt nichts anderes übrig für das unbefangene Betrachten, als vorauszusetzen, daß alles, was im Menschen Träger ist der seelischen Vorgänge, auch während des Schlafes vorhanden ist. Dann aber müssen wir uns gestehen, daß dieses, was so Träger der seelischen Vorgänge ist, während des Schlafes nicht eingreift in den Menschen; daß also nicht eingreift in den Menschen dasjenige, was in seinen Sinnen hervorruft ein Bewußtsein von der Außenwelt, und was dieses Bewußtsein der Außenwelt aufrüttelt zum Denken; daß ebenfalls nicht eingreift das, was vom Willen aus den Körper in Bewegung setzt, und daß auch nicht eingreift das, was die gewöhnlichen organischen Prozesse zum Gefühl aufruft.

[ 4 ] Wir werden uns ja bewußt während des Wachlebens, daß die Gedanken in unseren Organismus eingreifen, wenn man auch mit dem gewöhnlichen Bewußtsein nicht überschaut, wie der Gedanke, die Vorstellung gewissermaßen hinunterströmt in das Muskelsystem, in das Knochensystem und den Willen vermittelt. Aber wir sind uns bewußt dieses Eingreifens der seelischen Impulse in die Körperlichkeit, und wir müssen uns klar sein darüber, daß eben dieses Eingreifen der seelischen Impulse fehlt, während wir im Schlafe sind.

[ 5 ] Daraus schon können wir rein äußerlich sagen: der Schlaf nimmt eben von dem Menschenwesen etwas weg. Und es wird sich nur fragen, was der Schlaf von diesem Menschenwesen wegnimmt. Wenn wir zunächst auf das sehen, was wir als den physischen Menschenleib bezeichnet haben — er ist im Schlafe fortdauernd tätig, wie er tätig ist während des Wachens. Aber auch all diejenigen Vorgänge, welche wir gekennzeichnet haben als die des ätherischen Organismus, sie dauern fort während des Schlafes. Der Mensch wächst während des Schlafes. Der Mensch verrichtet innerlich diejenigen Tätigkeiten, die der Ernährung, der Verarbeitung der Ernährung angehören. Er atmet weiter und so fort. Das alles sind Tätigkeiten, die nicht dem physischen Leibe angehören können, denn sie hören eben auf, wenn der physische Leib Leichnam wird. Da wird der physische Leib von der äußeren Natur, von der Erdennatur in Anspruch genommen. Die wirkt zerstörend. Das, was zerstörend wirkt, überfällt den Menschen im Schlafe noch nicht. Es sind also die Gegenwirkungen da gegen das Auseinanderfallen des menschlichen physischen Leibes. So daß wir schon daraus rein äußerlich uns sagen müssen: der ätherische Organismus ist auch während des Schlafes vorhanden.

[ 6 ] Wir wissen aus den vorangehenden Vorträgen, daß dieser ätherische Organismus durch Imagination zur wirklichen Erkenntnis gebracht werden kann. Man kann ihn im Bilde erleben, geradeso wie man durch die Sinneseindrücke den physischen Leib erlebt. Wir wissen auch, daß dasjenige, was man den astralischen Organismus nennen kann, durch Inspiration erlebt wird.

[ 7 ] Wir wollen nun nicht bei Schlußfolgerungen stehen bleiben, das könnten wir ja auch, aber wir werden diese Schlußfolgerungen in bezug auf den astralischen Leib und die Ich-Organisation lieber machen, nachdem zuerst die wirkliche Beobachtung für das entwickelte Bewußtsein vor unsere Seele getreten ist.

[ 8 ] Wollen wir zunächst uns einmal vergegenwärtigen, wie wir sagen mußten, daß der astralische Leib im Menschen wirkt. Er wirkt durch das Mittel des Luftartigen, des Gasartigen im menschlichen Organismus. So daß wir in alledem, was im Menschen als Wirkung, als Impulse des Luftartigen vor sich geht, zunächst den astralischen Leib erkennen müssen.

[ 9 ] Nun wissen wir, daß das Allerwesentlichste in bezug auf diese Tätigkeit des astralischen Leibes in dem Luftartigen zunächst die Artmung ist, und wir wissen schon aus der gewöhnlichen Erfahrung, daß wir zu unterscheiden haben zwischen der Einatmung und der Ausatmung. Und wir wissen weiter, die Einatmung ist für uns das Belebende. Wir entnehmen der äußeren Luft das Belebende, indem wir einatmen. Aber wir wissen auch, wir geben an die äußere Luft das ab, was nun nicht das Belebende ist, sondern das Ertötende. Physisch gesprochen, wir nehmen den Sauerstoff auf, geben die Kohlensäure ab. Allein das interessiert uns dabei weniger. Es interessiert uns eben das Ergebnis der gewöhnlichen Erfahrung, daß wir das Belebende einatmen, das Ertötende ausatmen.

[ 10 ] Nun handelt es sich darum, die höhere Erkenntnis, die da verläuft in Imagination, Inspiration und Intuition — das haben wir ja in den letzten Tagen besprochen —, also die inspirierte Erkenntnis, anzuwenden auf das Schlafleben und einmal wirklich zu prüfen: ist da etwas, das der Schlußfolgerung entspricht, die wir haben müssen, daß vom Menschen etwas herausgehoben wird?

[ 11 ] Diese Frage kann nur dadurch beantwortet werden, daß man die andere aufwirft und zur Beantwortung bringt: Wenn so etwas da ist, was außerhalb des Menschen ist, wie verhält sich nun dieses außerhalb des Menschen Befindliche?

[ 12 ] Nun, nehmen Sie einmal an, der Mensch habe es durch solche innerlichen Seelenübungen, wie ich sie charakterisiert habe, dazu gebracht, wirklich Inspiration zu haben, also in das leere Bewußtsein etwas hereinzubekommen. Er lebt in der Möglichkeit, inspirierte Erkenntnis zu haben. In diesem Augenblicke ist es ihm auch möglich, den Schlafzustand künstlich herbeizuführen, aber so, daß er nicht ein Schlafzustand ist, sondern daß er eben nun ein bewußter Zustand ist, der Zustand der Inspiration eben ist, wo die geistige Welt hereinflutet.

[ 13 ] Nun möchte ich ganz populär die Sache darstellen. Nehmen Sie an, derjenige, der ein solches inspiriertes Bewußtsein erlangt hat, ist imstande, gewissermaßen in einem Geistig-Musikalischen die Weltenwesen, die geistigen Weltenwesen in sich hereinsprechen zu fühlen. Dann wird er dabei, bei diesem inspirierten Erkennen, gewisse Erfahrungen machen. Aber er wird sich auch sagen: Ja, die Erfahrungen, die ich da mache, bewirken jetzt etwas sehr Eigentümliches; die bewirken, daß mir das, was ich vorausgesetzt habe, daß es während des Schlafes außerhalb des Menschen ist, nichts Unbekanntes mehr bleibt. Es ist wirklich so, daß man das, was da eintritt, mit folgendem vergleichen kann.

[ 14 ] Nehmen Sie an, Sie haben vor zehn Jahren ein Erlebnis gehabt. Sie haben es vergessen. Und durch irgendeine Veranlassung kommen Sie dazu, an dieses Erlebnis vor zehn Jahren sich wieder zu erinnern. Es ist so, daß es außerhalb Ihres Bewußtseins war, daß Sie, nachdem Sie irgendwelche Gedächtnishilfe oder dergleichen angewendet haben, dieses Erlebnis vor zehn Jahren wiederum in Ihr Bewußtsein hereinbringen. Es ist nun darinnen. Da haben Sie etwas, was außerhalb Ihres Bewußtseins war, was aber doch mit Ihnen verbunden war, wieder in das Bewußtsein hereingebracht.

[ 15 ] So geschieht es dem, der ein intimeres Bewußtsein hat und zur Inspiration kommt. Ihm fängt an das, was im Schlafe vor sich gegangen ist, aufzutauchen, wie sonst Erinnerungserlebnisse auftauchen. Nur daß die Erinnerungserlebnisse einmal da waren im Bewußtsein. Die Schlafeserlebnisse waren früher im Bewußtsein nicht da, aber sie kommen herein, so daß er eigentlich das Gefühl hat, er erinnert sich an etwas, was er allerdings in diesem Erdenleben nicht ganz bewußt erlebt hat, aber es kommt herein wie Erinnerungen; und man beginnt, wie man wieder verstehen lernt ein gehabtes Erlebnis durch die Erinnerung, so zu verstehen, was während des Schlafes sich vollzieht. Also in das inspirierte Bewußtsein hinein taucht das Erleben dessen, was außerhalb des Menschen während des Schlafes ist, einfach auf, und es wird ein Bekanntes aus einem Unbekannten. Und man lernt erkennen, was das, das da aus dem Menschen während des Schlafes herausschlüpft, nun während des Schlafes eigentlich tut.

[ 16 ] Wenn Sie in Sprache verwandeln würden, was Sie im Wachleben mit dem Atem erleben, so würden Sie sagen: Ich danke es dem Elemente, das ich einatme, daß ich innerlich mit Leben durchsetzt werde, und ich könnte es nimmermehr dem Elemente, das ich ausatme, verdanken, daß ich lebe, denn das ist etwas Tötendes.

[ 17 ] Sind Sie aber während des Schlafes außerhalb Ihres Leibes, wie wir es vorhin erschlossen haben, dann wird Ihnen die eigene Luft, die Sie ausatmen, gerade zu einem außerordentlich sympathischen Elemente. Sie haben das nicht beachtet, was mit der Ausatmungsluft erlebt werden kann, während Sie wachten, denn da haben Sie nur auf die Einatmungsluft geachtet, die das Belebende gibt, wenn Sie eben mit Ihrer Seele in Ihrem physischen Leibe drinnenstecken. Aber dasselbe, ja noch ein gehobeneres Gefühl haben Sie gegenüber der Luft, die Sie so meiden, wenn sie irgendwo angesammelt in einem Raume ist. Sie reden davon, daß Sie diese ausgeatmete Luft nicht mögen. Der physische Leib kann sie auch nicht während des Schlafes vertragen, aber das Seelisch-Geistige, das außerhalb des Leibes ist, das, ich möchte sagen, atmet gerade, physisch gesprochen, die ausgeatmete Kohlensäure ein. Es ist aber ein geistiger Vorgang. Es ist nicht ein Atmungsprozeß. Es ist ein Entgegennehmen des Eindruckes, den die ausgeatmete Luft macht. Aber nicht nur das. In dieser ausgeatmeten Luft bleiben Sie erstens auch während des Schlafes in Verbindung mit Ihrem physischen Leibe. Sie gehören dazu, weil Sie sich sagen: der atmet diese ertötende Luft aus, und das ist mein Leib. Sie sagen es unbewußt. Sie fühlen sich verbunden mit Ihrem Leibe dadurch, daß er Ihnen die Atmungsluft in diesem ertötenden Zustande zurückgibt. Sie fühlen sich ganz in der Atmosphäre, die Sie ausatmen.

[ 18 ] Das aber, was Sie da ausatmen, das trägt Ihnen die Geheimnisse Ihres Innenlebens fortwährend entgegen. Sie nehmen sie — allerdings für das gewöhnliche Bewußtsein, das im Schlafe ist, unbewußt — Ihrem Innenleben nach wahr. Es sprüht aus Ihnen die ausgeatmete Luft. Und diese ausgeatmete Luft erscheint Ihnen so, daß Sie sagen: Das bin ich ja selber, das ist meine innere Menschlichkeit, die aussprüht in das Weltenall. Und wie ein Sonnenhaftes erscheint Ihnen dasjenige, was Ihnen als ihr eigener Geist entgegenströmt in der ausgeatmeten Luft.

[ 19 ] Und jetzt wissen Sie, daß der astralische Leib des Menschen, wenn er drinnen im menschlichen Leibe ist, sein Gefallen hat, wenn ich mich so ausdrücken darf, an der Einatmungsluft, und diese Einatmungsluft dazu verwendet im Unbewußten, die organischen Prozesse in Bewegung zu setzen, mit innerer Regsamkeit zu durchströmen. Jetzt wissen Sie aber auch, daß der astralische Leib einfach, während Sie schlafen, außerhalb des physischen Leibes ist und empfängt, gefühlsmäßig empfängt die Geheimnisse der eigenen menschlichen Wesenheit in der ausgeatmeten Luft.

[ 20 ] Während Sie sich hinaussprühend bewegen in den Kosmos, schaut die Seele unbewußt, erst in der Inspiration bewußt, auf dasjenige, was da ein innerlicher Prozeß ist.

[ 21 ] Und es entsteht ferner ein merkwürdiger Eindruck. Es ist so, als ob aus einem Dunkel (es wird gezeichnet) sich abheben würde, was da dem schlafenden Menschen entgegenkommt, wie wenn dahinter ein Dunkles wäre, und in diesem Dunklen erscheint das — man kann es nicht anders sagen — als leuchtend, was Ausströmungsluft ist. Was da in dem Dunkel ist, das erkennt man seiner Wesenheit nach daran, daß einen dabei die täglichen Gedanken verlassen und einem in dem, was da herausflutet aus dem Menschen, gleichsam auftaucht das, was man die waltenden Weltgedanken nennen kann, die objektiven Gedanken, die schaffend sind. Das Dunkle, das aussprühende Helle, in dem treten allmählich auf die schaffenden Gedanken. Was da dunkel ist, das ist eine Finsternis, die sich über die gewöhnlichen alltäglichen Gedanken, wir können sagen, über die Gehirngedanken erstreckt. Da bekommt man sehr genau den Eindruck: Das, was man für das physische Erdenleben als das Wichtigste hält, das verdunkelt sich, sobald man aus dem physischen Leib heraußen ist, und man merkt viel intensiver, als man das voraussetzen kann im gewöhnlichen Bewußtsein, wie diese Gedanken von dem physischen Werkzeug, dem Gehirn, abhängig sind. Das Gehirn hält sozusagen wie an sich klebend diese Alltagsgedanken, die gewöhnlichen Gedanken zurück. Da draußen braucht man nicht mehr zu denken in demselben Sinne, wie man im Alltagsleben denkt. Denn da schaut man die Gedanken, die fluten durch das, als was man sich selber erscheint in der ausströmenden Atemluft. Und so merkt die inspirierte Erkenntnis, wie der astralische Leib während des Wachens im physischen Leib ist und die Verrichtungen, die er im physischen Leibe zu vollziehen hat, mit Hilfe der eingeatmeten Luft zu vollziehen beginnt; wie dieser astralische Leib, wenn er während des Schlafens außerhalb ist, entgegennimmt die Eindrücke des eigenen menschlichen Wesens. Während des Wachens ist diese Welt, die uns umgibt als Horizont, auf der wir stehen in der irdischen Umgebung, und das, was sich darüber wölbt als das Himmelsgewölbe, unsere Außenwelt; während des Schlafes wird das, was innerhalb unserer Haut ist, was sonst unsere Innenwelt ist, unsere Außenwelt. Nur daß wir zunächst das, was uns da entgegenströmt in der Atmungsluft, fühlen. Eine gefühlte Außenwelt haben wir zunächst.

[ 22 ] Des weiteren tritt aber noch etwas anderes ein. Unbewußt bleibt dem Menschen während des Wachens das, was sich anschließt an den Atmungsprozeß: der Zirkulationsprozeß, der Blutkreislaufprozeß. Er bleibt unbewußt während des Wachens. Der beginnt nun sehr bewußt zu werden während des Schlafes. Der beginnt wie eine ganz neue Welt aufzutauchen, und zwar wie eine Welt, die nun nicht bloß gefühlt wird, die man beginnt von einem anderen Gesichtspunkte aus zu verstehen, als man sonst mit dem gewöhnlichen Bewußtsein die äußeren Dinge versteht. Wie man hinsieht auf die äußeren Vorgänge der Natur während des Erdenlebens, so sieht man mit dem inspirierten Bewußtsein — aber der Wille als Lebensvorgang bleibt im Unbewußten bei jedem Schläfer vorhanden — auf diesen Zirkulationsprozeß. Jetzt lernt man erkennen, wie alles das, was wir durch den im gewöhnlichen Bewußtsein eben unbewußten Willen entwickeln, überall im Inneren einen Gegenprozeß hat.

[ 23 ] Wenn Sie irgendeinen Schritt machen, so findet nicht nur statt, daß Sie Ihren Körper bewußt an einen anderen Ort hintragen, sondern es findet auch das andere statt, daß ein wärmeartiger Prozeß, der Luftiges treibt, in Ihrem Inneren sich abspielt. Der ist der äußerste Ausläufer dessen, was dann gleichartig damit innerlich sich abspielt als die Stoffwechselprozesse überhaupt im Zusammenhange mit dem Blutkreislauf. Während Sie mit dem gewöhnlichen Bewußtsein außen die Ortsveränderung des Menschen bemerken als Äußerung seines Willens, schauen Sie jetzt auf sich zurück und finden lauter Vorgänge, die im Inneren des Menschen, das jetzt Ihre Welt ist, sich abspielen.

[ 24 ] Dieser Prozeß, auf den Sie da hinschauen, ist dann wahrhaftig nicht so, wie ihn aus der gewöhnlichen Anatomie heraus der heutige Naturforscher oder Mediziner konstatiert, sondern der ist ein großartiger geistiger Prozeß, ein Prozeß, der ungeheuer viele Geheimnisse birgt, ein Prozeß, welcher schon bei sich selber zeigt, daß im Grunde genommen der eigentliche treibende Motor, der da im Inneren des Menschen wirkt, gar nicht das gegenwärtige Ich ist. Es ist ja ein bloßer Gedanke, was der Mensch sein Ich nennt im gewöhnlichen Leben. Aber was da im Menschen wirkt, das ist das Ich der vorigen Erdenleben. Und Sie schauen in diesem ganzen innerlichen Verlauf, namentlich von Wärmeprozessen, wie aus weit zurückliegenden Zeiten das reale Ich, das durch die Zeitentwickelung durchgegangen ist zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, da drinnen wirkt, wie da ein ganz Geistiges drinnen wirkt, wie der geringste Stoffwechselprozeß und der stärkste Stoffwechselprozeß überall der Ausdruck dessen ist, was gerade höchste Wesenheit des Menschen ist.

[ 25 ] Und Sie kommen darauf, daß das Ich seinen Schauplatz gewechselt hat. Es wirkte innen in der Verarbeitung des Atems aus den bloßen Atmungsentwickelungen. Aber dasjenige, was als Wärmeentwickelungen aus den Atmungsentwickelungen hervorgeholt wird, das schauen Sie dann von außen an, schauen das ganze wirksame Ich, schauen es, wie es von Urzeiten herauf als reales Ich des Menschen wirkt, den Menschen eigentlich organisiert.

[ 26 ] Jetzt beginnen Sie zu wissen, daß tatsächlich während des Schlafes das Ich und der astralische Leib den menschlichen physischen und Ätherleib verlassen haben, außer ihnen sind und alles das, was sie sonst von innen erleben und treiben, nun von außen erleben und treiben. Dieses ist nun aber so, daß für das gewöhnliche Bewußtsein diese Ich-Organisation und diese astralische Organisation noch zu schwach sind, zu wenig entwickelt sind, um das bewußt mitzuerleben. Die Inspiration besteht eben nur darin, das Ich und den astralischen Leib so innerlich zu organisieren, daß sie das, was sonst nicht wahrnehmbar ist, wahrnehmen können.

[ 27 ] So daß in der Tat gesagt werden muß: Durch die Inspiration werden wir auf das geführt, was im Menschen astralischer Leib ist, durch die Intuition auf dasjenige, was im Menschen Ich ist. Intuition und Inspiration werden während des Schlafes im Ich und astralischen Leib unterdrückt; aber wenn sie erweckt werden, dann schaut sich durch sie der Mensch von außen an. Und was ist denn schließlich dieses Von außen-Ansehen?

[ 28 ] Erinnern Sie sich an das, was ich schon gesagt habe. Ich sagte Ihnen: da ist der Mensch in seiner gegenwärtigen Inkarnation. (Es wird gezeichnet, rechts Mitte.) Wenn er Imagination entwickelt, so schaut er seinen Ätherleib etwas vor die Geburt oder Empfängnis hingehend (gelb); aber sein astralischer Leib führt ihn durch Inspiration hinein in die ganze Zeit, die verflossen ist zwischen dem letzten Tode und dieser Geburt (rot). Und die Intuition führt ihn in das vorangehende Erdenleben zurück (gelb).

[ 29 ] Wenn Sie nun schlafen, so bedeutet das nichts anderes, als daß Sie das Bewußtsein, das sonst im physischen Leibe ist, zurück verlegen, zurückführen, daß Sie mit ihm zurückkehren. Der Schlaf ist also eigentlich ein Zurücklaufen in der Zeit zu dem, wovon ich Ihnen schon gesagt habe, daß es dem gewöhnlichen Bewußtsein als vergangen erscheint, aber doch da ist. Sie sehen, man muß auch da, wenn man wirklich zum Erfassen des Geistigen kommen will, die Begriffe ändern gegenüber den Begriffen, die man gewöhnt ist im physischen Leben zu verwenden. Man muß also eigentlich sich bewußt werden, daß der Schlaf jedesmal ein Zurückgehen ist in die Gefilde, die man durchgemacht hat im vorirdischen Dasein, oder sogar ein Zurückgehen ist in frühere Inkarnationen. Der Mensch erlebt tatsächlich während des Schlafes, nur kann er es nicht erfassen, dasjenige, was früheren Inkarnationen angehört, was er durchgemacht hat auch im vorirdischen Dasein.

[ 30 ] Über den Zeitbegriff muß man eine völlige Begriffsmetamorphose durchmachen; der muß ein ganz anderer werden. Wenn man daher an jemanden die Frage stellt: Ja, wo ist er denn, wenn er schläft? — dann muß man sagen: Er ist eigentlich in seinem vorirdischen Dasein oder sogar zurückgekehrt zu früheren Erdenleben. — Populär ausgedrückt sagt man eben: Der Mensch ist außerhalb seines physischen und seines Ätherleibes. Das Reale dazu ist das, was ich Ihnen auseinandergesetzt habe. Das ist, was sich darstellt als der rhythmische Wechselzustand zwischen Wachen und Schlafen.

[ 31 ] Ganz andere Verhältnisse treten nun mit dem Tode des Menschen ein. Da ist zunächst das Auffälligste dieses, daß der Mensch innerhalb des irdischen Lebens seinen physischen Leib läßt, der nun auch von den Kräften der physischen Welt aufgenommen und eben zersprüht wird, zerstört wird. Der kann jetzt nicht Eindrücke hervorrufen, wie ich es Ihnen beschrieben habe als auftretend vor dem schlafenden Menschen durch die ausgeatmete Luft, denn der atmet nicht mehr aus. Der physische Leib ist sozusagen auch in seinen Verrichtungen für den eigentlichen Menschen nun verloren. Aber etwas ist nicht verloren, dem man sein Nichtverlorensein schon ansehen kann auch für das gewöhnliche Bewußtsein. Wir haben in unserem Seelenleben ein Denken, Fühlen und Wollen. Aber über dieses Denken, Fühlen und Wollen hinaus haben wir noch etwas ganz Besonderes. Das ist die Erinnerung. Wir denken nicht nur über dasjenige nach, was gegenwärtig vor uns oder um uns ist. Unser Inneres birgt Reste von dem, was wir durchlebt haben. In Gedanken tritt es wiederum auf, was wir durchlebt haben. Ja, über diese Erinnerung haben insbesondere die manchmal etwas merkwürdigen Leute der Welt, die man Psychologen nennt, ganz kuriose Gedanken entwickelt. Da sagen solche Seelenforscher etwa das Folgende: Der Mensch braucht seine Sinne; er nimmt dies oder jenes wahr, denkt darüber nach. Jetzt hat er den Gedanken. Er geht weg, vergißt das Ganze. Nach einiger Zeit hebt er das Ganze aus seinem Gedächtnis heraus. Die Erinnerung an das, was einmal da war, tritt ein. Man kann sich wieder vorstellen, was man sich in der Zwischenzeit nicht vorgestellt hat, was nicht mehr gegenwärtig ist, was vergangen ist. Deshalb, so meinen diese Leute, hat sich der Mensch eben eine Vorstellung, einen Gedanken gebildet an dem Erlebnis, der Gedanke ist irgendwo hinuntergegangen, ist da in irgendeinem Schrank, Kasten drinnen, und wenn man sich wieder erinnert, so kommt er aus diesem Schrank heraus. Entweder springt er frei heraus oder aber er wird herausgeholt.

[ 32 ] Das, was so vorstellt, ist schon das Musterbild eines verworrenen Denkens. Denn dieser ganze Glaube, daß der Erinnerungsgedanke da irgendwo sitzt, wo er hervorgeholt werden kann, entspricht gar nicht dem Tatbestand, der eigentlich auftritt. Vergleichen Sie nur einmal eine unmittelbare Wahrnehmung, die Sie haben und an die Sie einen Gedanken anknüpfen, damit, wie eine Erinnerungsvorstellung, ein Erinnerungsgedanke auftaucht. Sie unterscheiden das ja gar nicht. Sie haben draußen einen Sinneseindruck, daran schließt sich ein Gedanke. Das, was hinter dem Sinneseindruck ist, was den Gedanken hervorruft, das nennen Sie ja gewöhnlich auch ein Unbekanntes. Der Gedanke, der aus dem Inneren aufsteigt als Erinnerungsgedanke, der ist ja gar nicht anders als der Gedanke, der außen an der Wahrnehmung auftritt. Das eine Mal haben Sie, wenn Sie den Menschen, schematisch gezeichnet, hier haben, seine Umgebung hier (gelb); der Gedanke tritt von außen auf, tritt an der Umgebung auf (roter Pfeil von links). Das andere Mal kommt er von innen. Da ist er ein Erinnerungsgedanke (Pfeil von unten). Die Richtung, von wo er herkommt, ist eine andere.

[ 33 ] Während wir etwas wahrnehmen, erleben, geht fortwährend unter der Vorstellung, unter dem Denken etwas vor sich. Es ist ja so: wir nehmen wahr denkend. Aber das Wahrnehmen, das geht auch in unseren Körper herein. Der Gedanke hebt sich nur ab. Es geht etwas in unseren Körper herein, und das nehmen wir nicht wahr. Das spielt sich ab, während wir darüber nachdenken, und das bewirkt einen Eindruck. Das ist nicht der Gedanke, der da hinuntergeht, sondern etwas ganz anderes. Aber dieses ganz andere ruft wiederum einen Vorgang hervor, den wir später wahrnehmen und über den wir uns den Erinnerungsgedanken so bilden, wie wir uns an der Außenwelt den Gedanken bilden. Der Gedanke ist immer gegenwärtig. Das zeigt schon eben die unbefangene Beobachtung, daß das so ist, daß da nicht der Gedanke irgendwo in einem Kästchen aufbewahrt wird, sondern es ist ein Vorgang, der sich abspielt und den wir dann auch mit der Erinnerung in einen Gedanken verwandeln, so wie wir die äußere Wahrnehmung in einen Gedanken verwandeln.

[ 34 ] Ich muß Sie mit diesen Erwägungen belasten, weil Sie sonst nicht eigentlich zum Verständnis der Erinnerung kommen. Die Kinder wissen es, wenn auch nur halb bewußt, manchmal aber auch die Erwachsenen in besonderen Fällen, daß der Gedanke nicht recht hinuntergehen will. Wenn man daher etwas memorieren will, so nimmt man ganz andere Dinge zu Hilfe. Denken Sie doch nur einmal, manche nehmen das laute Sprechen zu Hilfe, manche machen ganz merkwürdige Gesten, wenn sie sich irgend etwas einbläuen. Es handelt sich wirklich darum, daß sich da, parallel laufend dem bloßen Vorstellungsprozef, ein ganz anderer Prozeß noch abspielt. Und das, woran wir uns da erinnern, ist eigentlich das wenigste von dem, was dabei in Betracht kommt.

[ 35 ] Ich bitte Sie, wir gehen ja vom Aufwachen bis zum Einschlafen fortwährend durch die Welt; von allen Seiten her kommen die Eindrücke. Wir beachten zunächst wenige, aber sie beachten uns, und es prägt sich vieles, vieles, was dann nicht erinnert wird, ein. Da in den Tiefen unseres Wesens sitzt eine reiche Welt, von der wir nur einzelne Fetzen in die Gedanken heraufbekommen. Diese Welt, die ist eigentlich eingesperrt in uns, ist wie ein tiefes Meer in uns, und dasjenige, was Erinnerungsvorstellung ist, schlägt so wie einzelne Wellenschläge herauf. Aber es ist in uns. Sehen Sie, das, was in dieser Weise in uns ist, das hat uns nicht die physische Welt gegeben. Sie kann es uns auch nicht nehmen. Und wenn der physische Leib des Menschen abfällt, dann ist diese ganze Welt da, haftet an seinem Ätherleib. Unmittelbar nach dem Tode trägt der Mensch in der Tat alle seine Erlebnisse in seinem Ätherleibe wie eingeprägt in sich; gewissermaßen wie zusammengerollt trägt er sie in sich.

[ 36 ] Und das nächste, was der Mensch nun erlebt unmittelbar nach dem Tode, ist, daß nicht nur etwa die gewöhnlichen Erinnerungsfetzen, die sonst während des irdischen Bewußtseins auftreten, da sind, sondern daß alles da ist, was Eindruck macht auf den Menschen, daß der Mensch sein ganzes Erdenleben mit allem, was Eindruck gemacht hat, zunächst vor sich hat. Und der Mensch müßte im ewigen Anschauen dieses seines Erdenlebens bleiben, wenn jetzt nicht etwas anderes eintreten würde gegenüber dem Ätherleib, als durch die Erde und ihre Kräfte gegenüber dem physischen Leib eintritt. Die Elemente der Erde übernehmen den physischen Leib, zerstören ihn. Der Weltenäther, von dem ich Ihnen gesagt habe, er wirkt aus der Peripherie herein, er strahlt ein, der zerstrahlt dasjenige, was da eingeprägt ist, nach allen Seiten des Kosmos. So daß der Mensch als nächstes Erlebnis dieses hat: Während des Erdenlebens hat vieles, vieles auf mich Eindruck gemacht. Das ist alles in meinen Ätherleib eingetreten. Ich überschaue es, aber ich überschaue es immer undeutlicher. Wie wenn ich einen Baum sehen würde, der einen starken Eindruck auf mich gemacht hat während des Lebens. Ich sehe ihn zunächst in der Größe, in der er den Eindruck gemacht hat vom physischen Raum aus. Da wächst er. Da wird er größer, aber schattenhafter; da wird er immer größer, und er wächst ins Riesenhafte aus, wird immer größer und größer und immer schattenhafter und schattenhafter. Und so ist es: Ich habe einen physischen Menschen in seiner Gestalt kennengelernt, habe ihn unmittelbar nach dem Tode, so wie er sich mir eingeprägt hat in meinen Ätherleib, vor mir; da wächst er und wird immer schattenhafter und schattenhafter; alles wächst und wird schattenhafter und immer schattenhafter, bis es sich auswächst zum ganzen Kosmos und damit ganz schattenhaft wird, gänzlich verschwindet.

[ 37 ] Darüber vergehen einige Tage. Alles ist ins Riesenhafte übergegangen, schattenhaft geworden durch dieses Riesigwerden und dabei an Intensität abnehmend, vom Menschen als der zweite Leichnam abfallend. Aber das heißt eigentlich: vom Menschen durch den Kosmos weggenommen. Jetzt ist der Mensch in seinem Ich und in seinem astralischen Leibe. Und das, was sich seinem Ätherleib eingeprägt hatte, das ist jetzt im Kosmos drinnen, das ist in den Kosmos ausgeflossen. Und wir sehen das Wirken der Welt hinter den Kulissen unseres eigenen Daseins.

[ 38 ] Wir sind als Menschen hereingestellt in die Welt. Während wir das Erdenleben ablaufend haben, wirkt die ganze Welt auf uns ein. Wir rollen das, was da einwirkt, gewissermaßen zusammen. Die Welt gibt uns vieles. Wir halten es zusammen. In dem Augenblick, wo wir sterben, nimmt die Welt wieder an sich, was sie uns gegeben hat. Aber sie empfängt dadurch etwas Neues. Wir haben das alles in besonderer Weise erlebt. Das, was die Welt empfängt, ist etwas anderes, als sie uns gegeben hat. Sie nimmt unser ganzes Erleben auf. Sie prägt sich selbst in ihren eigenen Äther unser ganzes Leben ein.

[ 39 ] Und jetzt stehen wir in der Welt und sagen uns, indem wir dieses Erlebnis mit unserem Ätherleib zunächst nehmen: Wir sind wirklich nicht bloß für uns in der Welt, sondern die Welt hat etwas vor mit uns; die Welt hat uns hereingestellt, damit sie das, was in ihr ist, durch uns durchgehen lassen kann und es in der von uns veränderten Gestalt wiederum empfangen kann. Wir sind als Menschen nicht bloß für uns da, wir sind zum Beispiel in bezug auf unseren ätherischen Körper für die Welt da. Die Welt hat die Menschen nötig, weil sie dadurch mit ihrem eigenen Inhalte sich immer wieder neu und neu erfüllt. Es ist ein nicht Stoff- aber Gedankenwechsel zwischen der Welt und dem Menschen. Die Welt gibt ihre Weltengedanken an den menschlichen Ätherleib ab, und die Welt empfängt sie im durchmenschlichten Zustande wiederum zurück. Der Mensch ist nicht um seiner selbst allein, der Mensch ist um der Welten willen da.

[ 40 ] Nun, solch ein Gedanke darf nicht ein bloßer theoretisch-abstrakter Gedanke bleiben. Er kann es auch nicht. Man müßte nicht Mensch sein mit lebendigem Gefühl, sondern ein Wesen aus Papiermaché, wenn ein solcher Gedanke bloßer Gedanke bliebe, wobei ich nicht sagen will, daß nicht unsere Zivilisation wirklich dazu geeignet ist, den Menschen oftmals gegenüber solchen Dingen so gefühllos zu machen, wie wenn er aus Papiermaché wäre. Manchmal können einem schon die Zivilisationsmenschen der Gegenwart so erscheinen, als ob sie aus Papiermaché wären. Denn solch ein Gedanke, der verliert nicht das menschliche Fühlen und Empfinden mit der Welt, der tritt unmittelbar an dasjenige heran, wovon wir ausgegangen sind. Wir sind davon ausgegangen, daß wir sagten: Der Mensch fühlt sich in zweifacher Weise fremd der Welt gegenüber; auf der einen Seite in bezug auf die äußere Natur, von der er nur sagen kann, daß sie ihn zerstört seinem physischen Leibe nach, auf der anderen Seite innerlich in bezug auf sein Seelenleben, das aufglüht, aufsprüht, absprüht und so weiter, was eben für ihn zum Weltenrätsel wird. Jetzt beginnt aus einer geistigen Betrachtung heraus der Mensch zu fühlen: Er ist der Welt nicht bloß fremd, sondern die Welt gibt ihm, die Welt nimmt wiederum für sich etwas ab. Der Mensch beginnt sich innig verwandt zu fühlen mit der Welt. Die beiden Gedanken, die ich Ihnen gesagt habe, die die eigentlichen Weltengedanken sind: O Natur, du zerstörst nur meinen physischen Leib. Ich habe mit dir keine Verwandtschaft, trotz Denken, Fühlen und Wollen. In meinem Inneren, da glimmt es auf, da sprüht es ab. Ich habe meinem wirklichen Sein nach mit dir doch keine Verwandtschaft —, diese beiden Gedanken, die die Weltenrätsel in uns hervorzaubern, bekommen ein neues Gesicht, wenn wir jetzt beginnen, uns verwandt zu fühlen mit der Welt, uns zu fühlen wie ein Organisches, das in der Welt drinnen ist, das verwoben ist in den Weltenprozefßß. Und so ist der Beginn anthroposophischer Betrachtung der: Freundschaft zu schließen mit der Welt, Bekanntschaft zu schließen mit der Welt, die uns zunächst in der äußeren Betrachtung abgestoßen hat. Ein Menschlicherwerden ist die anthroposophische Erkenntnis. Und wer diese Gefühls-, diese Herzensnuance nicht aufnehmen kann in die anthroposophische Erkenntnis, der hat von der Anthroposophie nicht das Rechte. Denn die theoretische Anthroposophie ist eigentlich etwas, was man vergleichen könnte damit, daß man sagt: Jemand verlangt gar sehr, einen Menschen, den er einmal gekannt hat, oder der ihm durch irgend etwas anderes nahegetreten ist, kennenzulernen, und man reicht ihm eine Photographie. Er kann an der Photographie ja vielleicht seine Freude haben; aber warm kann er nicht werden, denn das Lebendige dieses Menschen tritt ihm nicht entgegen.

[ 41 ] Dasjenige, was theoretische Anthroposophie ist, ist die Photographie dessen, was eigentlich die Anthroposophie sein will, und die will ein Lebendiges sein. Und sie will sich eigentlich der Worte, der Begriffe, der Ideen bedienen, um ein Lebendiges aus der geistigen Welt in die physische Welt herein erstrahlen zu lassen. Anthroposophie will nicht nur Erkenntnisse vermitteln, sie will Leben erwecken. Und sie kann dieses. Allerdings, um Leben zu fühlen, muß man selber Leben entgegenbringen.