Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge
Band II
GA 236
27 April 1924, Dornach
Fünfter Vortrag
[ 1 ] Wir haben nun eine Reihe zusammenhängender Schicksalsentwickelungen betrachtet, welche aufklärend und erhellend für die Erfassung des geschichtlichen Lebens der Menschheit sein können. Die Betrachtungen, die wir gepflogen haben, sollten zeigen, wie aus vorhergehenden Erdenperioden das, was die Menschen in diesen vorhergehenden Erdenperioden erleben, erarbeiten, aufnehmen, hinübergetragen wird durch die Menschen selbst in spätere Erdenepochen. Und Zusammenhänge haben sich uns ergeben, so daß wir dasjenige, was durch Menschen, ich möchte sagen, tonangebend getan wird, begreifen aus im moralischen Sinne gemeinten Ursachen, die durch die Menschen selber gelegt worden sind im Laufe der Zeiten.
[ 2 ] Aber nicht nur dieser, ich möchte sagen, ursächliche Zusammenhang kann uns durch solche auf das Karma gerichtete Betrachtungen vor die Seele treten, sondern auch manches kann sich lichtvoll aufklären, was eigentlich zunächst für eine äußerliche Weltenbetrachtung unklar, unbegreiflich erscheint.
[ 3 ] Will man aber in dieser Beziehung mit der großen Umwandlung mitgehen, die in bezug auf die Empfindung und das Denken des Menschengemütes in der nächsten Zukunft notwendig ist, wenn die Zivilisation aufwärts-, nicht abwärtsgehen soll, dann ist es eben notwendig, daß man zunächst sozusagen einen Sinn für dasjenige entwickelt, was unter gewöhnlichen Umständen unbegreiflich ist und zu dessen Begreifen eben ein Einblick in tiefere menschliche und weltgesetzmäRige Verhältnisse gehört. Wer alles begreiflich findet, der braucht natürlich nichts zu begreifen von den oder jenen tieferen Ursachen. Aber dieses Begreiflichfinden ist ja nur scheinbar, denn alles begreiflich finden in der Welt, heißt eigentlich nur, allem gegenüber oberflächlich sein. Denn für das gewöhnliche Bewußtsein sind in der Tat die meisten Dinge in Wirklichkeit unbegreiflich. Und verwundert stehenbleiben können vor den Unbegreiflichkeiten selbst des alleralltäglichsten Daseins, das ist im Grunde genommen erst der Anfang für wirkliches Erkenntnisstreben.
[ 4 ] Das ist es ja, wonach von diesem Rednerpulte aus so oft der Seufzer ertönt ist: Man möge innerhalb anthroposophischer Kreise Enthusiasmus haben für das Suchen, Enthusiasmus haben für das, was eben in anthroposophischem Streben drinnenliegt. Und dieser Enthusiasmus muß wirklich damit beginnen, das Wunderbare in der Alltäglichkeit wirklich als etwas Wunderbares zu ergreifen. Dann wird man eben, wie gesagt, erst versucht sein, zu den Ursachen, zu den tiefer liegenden Kräften zu greifen, die dem uns umgebenden Dasein zugrunde liegen. Es können für den Menschen diese Verwunderungszustände gegenüber der alltäglichen Umgebung aus geschichtlichen Betrachtungen hervorgehen, aber auch aus dem, was in der Gegenwart beobachtet werden kann. Bei geschichtlichen Betrachtungen müssen wir ja oftmals stehenbleiben vor geschichtlichen Ereignissen, die uns aus der Vergangenheit berichtet werden und die erscheinen, als wenn da oder dort das Menschenleben wirklich in das Unsinnige ausliefe.
[ 5 ] Nun, es bleibt das Menschenleben sinnlos, wenn wir es nur so betrachten, daß wir den Blick auf ein geschichtliches Ereignis lenken und nicht fragen: Wie gehen aus diesem geschichtlichen Ereignisgewisse Menschencharaktere hervor, wie nehmen sie sich aus, wenn sie in ihrer späteren Wiederverkörperung auftreten? — Wenn wir darnach nicht fragen, so erscheinen auch gewisse geschichtliche Ereignisse völlig sinnlos, deshalb sinnlos, weil sie sich nicht erfüllen, weil sie ihren Sinn verlieren, wenn sie nicht ausgelebt werden können, wenn sie nicht weitere Seelenimpulse in einem folgenden Erdenleben werden, wenn sie nicht Ausgleich finden und dann weiterwirken in weiter folgenden Erdenleben.
[ 6 ] So ist ganz gewiß eine historische Sinnlosigkeit gelegen in dem Auftreten einer solchen Persönlichkeit, wie sie der Nero war, der römische Cäsar Nero. Von ihm ist innerhalb der anthroposophischen Bewegung ja noch nicht gesprochen worden.
[ 7 ] Nehmen Sie nur alles das in die Seele auf, was von dem römischen Cäsar Nero historisch berichtet wird. Gegenüber einer Persönlichkeit, wie es der Nero war, erscheint das Leben wie etwas, dem man ganz ungestraft einfach Hohn sprechen könnte, wie wenn man es verhöhnen könnte, wie wenn das gar keine Folgen hätte, wenn jemand mit einer restlosen Frivolität in einer an sich autoritativen Stellung auftritt.
[ 8 ] Nicht wahr, man müßte eigentlich stumpf sein, wenn man so sieht, was der Nero macht, und wenn man gar nicht irgendwie dazu kommen könnte, sich zu fragen: Was wird denn nun eigentlich aus einer solchen Seele, die, wie der Nero, der ganzen Welt Hohn spricht, das Leben anderer Menschen, das Dasein fast einer ganzen Stadt als etwas betrachtet, womit er spielen kann? — Welch ein Künstler geht mit mir verloren! — Das ist ja bekanntlich der Ausspruch, der Nero in den Mund gelegt wird, und der wenigstens seiner Gesinnung entspricht. Also bis in ein Selbstbekenntnis hinein die alleräußerste Frivolität, der alleräußerste Zerstörungswille und Zerstörungstrieb, aber so, daß dieser Seele diese Sache gefällt.
[ 9 ] Nun, da wird ja alles zurückgestoßen, was Eindruck auf den Menschen machen kann. Da gehen nur sozusagen weltzerstörende Strahlen von der Persönlichkeit aus. Und wir fragen uns: Was wird aus einer solchen Seele?
[ 10 ] Man muß sich klar darüber sein: Alles das, was da sozusagen auf die Welt abgeladen wird, das strahlt ja nun zurück in dem Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Das muß gewissermaßen auf die Seele selber wiederum sich abladen; denn alles dasjenige, was zerstört worden ist durch eine solche Seele, das ist nun da in dem Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Nun kam Nero zunächst wenige Jahrhunderte oder verhältnismäßig kurze Zeit darnach in unbedeutetem Dasein wiederum auf die Welt, wo sich zunächst nur dasjenige ausgeglichen hat, was Zerstörungswut war, die er auf die Souveränität hin ausgeübt hatte, ausgeübt aus sich heraus, weil er es so wollte; dabei wirkte die Rage, man möchte sagen, der Enthusiasmus für die Zerstörungswut. In einem nächsten Erdenleben erfüllte sich ausgleichend schon etwas von dieser Sache und dieselbe Seelenindividualität war jetzt in einer Stellung, wo sie auch zerstören mußte, aber zerstören mußte in untergeordneter Stellung, wo sie Befehlen unterlag. Und da hatte diese Seele die Notwendigkeit, nun zu fühlen, wie das ist, wenn man es nicht aus freiem Willen heraus tut, nicht in Souveränität vollbringt.
[ 11 ] Nun handelt es sich bei solchen Dingen wirklich darum, sie ohne Emotionen zu betrachten, sie ganz objektiv zu betrachten. Solch ein Schicksal, möchte ich sagen — denn auch so grausam zu sein wie Nero, so zerstörungswütig wie Nero zu sein, ist ja ein Schicksal —, ist im Grunde genommen ein erbarmungswürdiges Schicksal nach einer gewissen Seite hin. Man braucht gar nicht Rankünen zu haben, nicht irgendwie scharfe Kritik zu üben; dann würde man ohnedies nicht diejenigen Dinge erleben, die notwendig sind, um die Sache im weiteren Verlauf zu begreifen, denn in all die Dinge, von denen hier gesprochen worden ist, ist ja nur möglich hineinzuschauen, wenn man objektiv hineinschaut, wenn man nicht anklagt, sondern wenn man eben Menschenschicksale versteht. Aber die Dinge sprechen sich doch, wenn man nur den Sinn hat, sie zu verstehen, in einer deutlichen Weise aus. Und daß mir das Nero-Schicksal vor die Seele getreten ist, das war wirklich einem scheinbaren Zufall zuzuschreiben. Aber eben nur ein scheinbarer Zufall war es, daß mir dieses Nero-Schicksal einmal ganz besonders stark vor die Seele getreten ist.
[ 12 ] Denn sehen Sie, als sich einmal ein erschütterndes Ereignis vollzogen hatte, ein Ereignis, von dem ich gleich sprechen werde, das in der Gegend, um die es sich handelt, weithin erschütternd wirkte, da kam ich gerade zu Besuch zu der in meinem Lebensabriß öfters genannten Persönlichkeit Karl Julius Schröer. Und als ich dahin kam, war auch er, wie viele Leute, ungeheuer erschüttert durch das, was geschehen war. Und er sprach — eigentlich so, daß es zunächst unmotiviert war — wie aus dunklen Geistestiefen heraus das Wort «Nero». Man hätte glauben können, es wäre ganz unmotiviert gewesen. Es war aber später durchaus zu sehen, daß da eigentlich nur durch einen Menschenmund etwas wie aus der Akasha-Chronik heraus gesprochen worden war. Es handelte sich um folgendes.
[ 13 ] Der österreichische Kronprinz Rudolf war ja als eine glänzende Persönlichkeit gefeiert worden und galt als eine Persönlichkeit, die große Hoffnungen erregte für die Zeit, wenn er einmal auf den Thron kommen sollte. Wenn man auch allerlei über jenen Kronprinzen Rudolf wußte, so war alles das, was man wußte, doch so, daß man es eben als Dinge auffaßte, nun ja, die sich eigentlich fast so gehörten für einen «Grandseigneur». Jedenfalls dachte niemand daran, daß das zu bedeutsamen, tragischen Konflikten führen könnte. Und es war daher eine ungeheuer große Überraschung, eine furchtbar große Überraschung, als in Wien bekannt wurde: der Kronprinz Rudolf ist in den Tod gegangen auf eine ganz mysteriöse Weise, in der Nähe des Stiftes Heiligenkreuz, in der Nähe von Baden bei Wien. Immer mehr und mehr Details kamen da zutage, und zunächst sprach man von einem Unglücksfall; ja, der «Unglücksfall» wurde sogar offiziell berichtet.
[ 14 ] Dann, als der Unglücksfall schon ganz offiziell berichtet war, wurde bekannt, daß der Kronprinz Rudolf in Begleitung der Baronesse Vetsera hinausgefahren war zu seinem Jagdgute dort, und daß er mit ihr gemeinsam dann den Tod gefunden hatte.
[ 15 ] Die Details sind so bekanntgeworden, daß sie wohl hier nicht erzählt zu werden brauchen. Alles Folgende hat sich so vollzogen, daß kein Mensch, der die Verhältnisse kannte, daran zweifeln konnte, als die Dinge bekannt wurden, daß ein Selbstmord des Kronprinzen Rudolf vorlag. Denn erstens waren die Umstände so, daß ja in der Tat, nachdem das offizielle Bulletin herausgegeben war, daß ein Unglücksfall vorläge, sich zunächst der ungarische Ministerpräsident Koloman Tisza gegen diese Version wendete und von dem damaligen österreichischen Kaiser selbst die Zusage erlangte, daß man nicht stehenbleiben werde bei einer unrichtigen Angabe. Denn dieser Koloman Tisza wollte vor seiner ungarischen Nation diese Angabe nicht vertreten und machte das energisch geltend. Dann aber fand sich in dem Ärztekollegium ein Mann, der damals eigentlich zu den mutigsten Wiener Ärzten gehörte und der auch mit die Leichenbeschau führen sollte, und der sagte, er unterschriebe nichts, was nicht durch die objektiven Tatsachen belegt wäre.
[ 16 ] Nun, die objektiven Tatsachen wiesen eben auf den Selbstmord hin. Der Selbstmord wurde ja dann auch offiziell, das Frühere verifizierend, zugegeben, und wenn nichts anderes vorläge als die Tatsache, daß in einer so außerordentlich katholisch gesinnten Familie, wie es die österreichische Kaiserfamilie war, der Selbstmord zugegeben worden ist, so würde schon einzig und allein diese Tatsache bedeuten, daß man eigentlich nicht daran zweifeln kann. Also jeder, der die Tatsache da objektiv beurteilen kann, wird nicht daran zweifeln.
[ 17 ] Aber das muß man fragen: Wie ist es möglich gewesen, daß überhaupt jemand, dem so Glänzendes in Aussicht stand, zum Selbstmord griff, gegenüber Verhältnissen, die sich ja zweifellos mit leichter Hand in solcher Lebenslage hätten kaschieren lassen? — Es ist ja gar kein Zweifel, daß ein objektiver Grund, daß ein Kronprinz wegen einer Liebesaffäre sich erschießt —, ich meine, ein objektiver Grund, für die äußeren Verhältnisse objektiv notwendiger Grund, natürlich nicht vorliegt.
[ 18 ] Es lag auch kein äußerer objektiver Grund vor, sondern es war die Tatsache vorliegend, daß hier einmal eine Persönlichkeit, welcher der Thron unmittelbar in Aussicht stand, das Leben ganz wertlos fand, und das bereitete sich natürlich auf psychopathologische Weise vor. Aber die Psychopathologie muß ja auch in diesem Falle erst begriffen werden; denn die Psychopathologie ist schließlich auch etwas, was mit dem Schicksalsmäßigen zusammenhängt. Und die Grundtatsache, die da in der Seele wirkte, ist dennoch die, daß jemand, dem also das Allerglänzendste scheinbar winkte, das Leben ganz wertlos fand.
[ 19 ] Das ist etwas, meine lieben Freunde, das einfach unter diejenigen Tatsachen gehört, die man unbegreiflich finden muß im Leben. Und soviel auch geschrieben worden ist, soviel auch über diese Dinge gesprochen worden ist, nur der kann eigentlich vernünftig urteilen über eine solche Sache, der sich sagt: Aus diesem einzelnen Menschenleben, aus diesem Leben des Kronprinzen Rudolf von Österreich ist der Selbstmord, und auch die vorhergehende Psychopathologie in ihrer Ursächlichkeit für den Selbstmord, nicht erklärlich. Da muß, wenn man verstehen will, etwas anderes zugrunde liegen.
[ 20 ] Und nun denken Sie sich die Nero-Seele — nachdem sie noch durch das andere durchgegangen ist, wovon ich gesprochen habe — herübergekommen gerade in diesen sich selbst vernichtenden Thronfolger, der die Konsequenz zieht durch seinen Selbstmord: dann kehren sich die Verhältnisse einfach um. Dann haben Sie in der Seele die Tendenz liegend, die aus früheren Erdenleben stammt, die beim Durchgang durch die Zeit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt im unmittelbaren Anblicke sieht, daß von ihr eigentlich nur zerstörende Kräfte ausgegangen sind, und die auch auf eine splendide Weise, möchte ich sagen, die Umkehrung erleben muß.
[ 21 ] Diese Umkehrung, wie wird sie erlebt? Sie wird eben dadurch erlebt, daß ein Leben, das äußerlich alles, was wertvoll ist, enthält, nach innen sich so spiegelt, daß der Träger dieses Lebens es für so wertlos hält, daß er sich selber entleibt. Dazu wird die Seele krank, wird halb wahnsinnig. Dazu sucht sich die Seele die äußere Verwickelung mit der entsprechenden Liebesaffäre und so weiter. Aber das alles sind ja nur die Folgen des Strebens der Seele, ich möchte sagen, alle die Pfeile auf sich selbst zu richten, die früher diese Seele nach der Welt hin gewandt hat. Und wir sehen dann, wenn wir in das Innere solcher Verhältnisse hineinsehen, eine ungeheure Tragik sich entwickeln, aber eine gerechte Tragik, eine außerordentlich gerechte Tragik. Und die beiden Bilder ordnen sich uns zusammen.
[ 22 ] Ich sagte oftmals: Kleinigkeiten sind es, welche den Dingen zugrunde liegen, die in Wahrheit, im vollen Ernste Untersuchungen auf solchen Gebieten möglich machen. Da muß mancherlei im Leben mitwirken.
[ 23 ] Wie gesagt, als dieses Ereignis, das so erschütternd dazumal gewirkt hat, sich eben vollzogen hatte, war ich auf dem Wege zu Schröer. Ich bin nicht wegen dieses Ereignisses hingegangen, sondern ich war auf dem Wege zu Schröer. Es war sozusagen der nächste Mensch, mit dem ich über diese Sache sprach. Der sprach ganz unmotiviert: «Nero» — so daß ich mich eigentlich fragen mußte: Warum denkt der jetzt gerade an Nero? — Er leitete das Gespräch gleich ein mit «Nero». Es erschütterte mich das Wort «Nero» dazumal. Aber es erschütterte mich um so mehr, als dieses Wort «Nero» unter einem besonderen Eindrucke gesprochen war, denn zwei Tage vorher war ja, das ist auch öffentlich ganz bekannt geworden, eine Soiree bei dem damaligen deutschen Botschafter in Wien, bei dem Prinzen Reuß. Da war der österreichische Kronprinz auch anwesend. und Schröer auch, und er hatte dazumal gesehen, wie der Kronprinz sich verhalten hat, zwei Tage vor der Katastrophe. Und dieses merkwürdige Verhalten zwei Tage vor der Katastrophe bei jener Soir&e, was Schröer sehr dramatisch schilderte, und dann der nachfolgende Selbstmord zwei Tage darnach: dieses im Zusammenhange damit, daß da das Wort «Nero» ausgesprochen wurde, das war etwas, was schon so wirkte, daß man sich sagen konnte: Jetzt liegt eine Veranlassung vor, den Dingen nachzugehen. — Aber warum bin ich denn überhaupt vielen Dingen nachgegangen, die aus Schröers Mund kamen? Nicht als ob irgend etwas von Schröer, der ja solche Dinge natürlich nicht wissen konnte, einfach von mir aufgenommen worden wäre wie ein Omen oder so etwas. Aber manche Dinge, gerade die, welche scheinbar unmotiviert kamen, waren mir wichtig, wichtig durch etwas, was einmal merkwürdig zutage trat.
[ 24 ] Ich kam mit Schröer in ein Gespräch über Phrenologie, und Schröer erzählte, nicht eigentlich humoristisch, sondern mit einem gewissen inneren Ernst, mit dem er solche Dinge aussprach — man erkannte den Ernst eben an der gehobenen Sprache, die er auch in dem täglichen Umgang sprach, wenn er etwas mit vollem Ernst sagen wollte —, Schröer sagte: Mich hat auch einmal ein Phrenologe untersucht, hat mir den Kopf abgegriffen und hat da oben jene Erhöhung gefunden, von der er dann gesagt hat: Da sitzt ja in Ihnen der Theosoph! — Von Anthroposophie sprach man dazumal nicht, denn das war in den achtziger Jahren; es bezieht sich also nicht auf mich, es bezieht sich auf Schröer. Den hat er untersucht und gesagt: Da sitzt der Theosoph.
[ 25 ] Nun, es war in der Tat so: Schröer war äußerlich alles eher als Theosoph; das geht ja aus meiner Lebensbeschreibung wohl hervor. Aber gerade da, wo er von Dingen sprach, welche eigentlich herausfielen aus dem Motivierten, das er sagte, gerade da waren seine Aussprüche manchmal außerordentlich tief bedeutend. So daß sich einem schon diese zwei Dinge zusammensetzen konnten: daß er da das Wort «Nero» aussprach und daß er auch durch dieses äußerliche Konstatieren seiner Theosophie einem gelten mußte als jemand, auf den man hinhorcht, bei dessen unmotivierten Dingen man sozusagen nachschaut.
[ 26 ] Und so kam es denn wirklich, daß die Untersuchung in bezug auf das Nero-Schicksal dann aufklärend gewirkt hat für das weitere Schicksal, für das Mayerling-Schicksal, und gefunden werden konnte, daß man es wirklich mit der Nero-Seele in dem österreichischen Kronprinzen Rudolf zu tun hatte.
[ 27 ] Es war mir diese Untersuchung, die lange gedauert hat — denn in solchen Dingen ist man sehr vorsichtig —, ganz besonders schwierig, weil ich ja natürlich immer beirrt worden bin durch alle möglichen Leute — ob Sie es nun glauben oder nicht, es ist so —, die den Nero für sich in Anspruch nahmen und die das mit viel Fanatismus vertraten. So daß also, was an subjektiver Kraft ausging von solchen wiedergeborenen Neronen, natürlich zunächst bekämpft werden mußte. Man mußte durch das Gestrüpp da durch.
[ 28 ] Aber man kann finden, meine lieben Freunde, daß das, was ich Ihnen jetzt hier sage, ja viel wichtiger ist, weil es eine historische Tatsache begreift — eben den Nero —, und daß das in dem weiteren Verlaufe viel wichtiger ist, als etwa die Katastrophe von Mayerling zu begreifen. Denn nun sieht man, wie solche Dinge, die eigentlich zunächst, man möchte sagen, empörend auftreten, wie das Dasein des Nero, sich mit voller Weltgerechtigkeit ausleben, wie sich die Weltgerechtigkeit wirklich erfüllt und wie zurückkommt das Unrecht, aber so, daß die Individualität hineingestellt ist in die Ausgleichung des Unrechtes. Und das ist das Ungeheure an dem Karma.
[ 29 ] Und dann kann sich noch etwas anderes zeigen, wenn ein solches Unrecht ausgeglichen ist durch einzelne Erdenleben hindurch, wie es hier wohl fast schon ausgeglichen sein wird. Denn man muß nun wissen, daß ja zum Ausgleich dazugehört die ganze Erfüllung — denken Sie sich —, hervorgehend aus einem Leben, das sich wertlos hält, das so sehr sich wertlos hält, daß dieses Leben zunächst ein großes Reich und Österreich war ja dazumal noch ein großes Reich — und seine Herrschaft über ein großes Reich hingibt! Dieses Handanlegen an sich selbst in solchen Umständen, und hinterher, nachdem man durch die Pforte des Todes gegangen ist, weiterzuleben in der unmittelbar geistigen Anschauung, das erfüllt allerdings in einer furchtbaren Weise, was man Gerechtigkeit des Schicksals nennen kann: also Ausgleich des Unrechts.
[ 30 ] Aber auf der anderen Seite, wenn wir jetzt von diesem Inhalte absehen, so ist ja wiederum eine ungeheure Kraft in diesem Nero gewesen. Diese Kraft darf nun auch nicht verlorengehen für die Menschheit; diese Kraft muß geläutert werden. Die Läuterung haben wir besprochen.
[ 31 ] Ist nun eine solche Seele geläutert, dann wird sie die Kraft, die geläutert ist, eben auch in der Folgezeit in spätere Erdenepochen in einer heilsamen Weise hinübertragen. Und gerade dann, wenn wir das Karma als einen gerechten Ausgleich empfinden, werden wir auch niemals verfehlen können, zu sehen, wie das Karma prüfend auf den Menschen wirkt, prüfend wirkt selbst dann, wenn er sich in irgendeiner empörenden Weise in das Leben hereinstellt. Der gerechte Ausgleich geschieht, aber die Menschenkräfte gehen doch nicht verloren. Sondern es wird dann, wenn es durchlebt wird nach dem gerechten Ausgleich, dasjenige, was ein Menschenleben verübt hat, unter Umständen umgewandelt auch in Kraft zum Guten. Daher ist solch ein Schicksal, wie das heute geschilderte, schon auch durchaus erschütternd,
[ 32 ] Damit aber sind wir unmittelbar herangelangt, meine lieben Freunde, an die Betrachtung dessen, was man Gut und Böse im Lichte des Karma nennen kann: Gut und Böse, Glück und Unglück, Freude und Leid, wie sie der Mensch in sein einzelnes individuelles Leben hereinblicken und hereinleuchten sieht.
[ 33 ] In bezug auf die Empfindung der moralischen Lage eines Menschen waren frühere Erdenepochen, frühere geschichtliche Epochen viel empfänglicher als die heutige Menschheit. Die heutige Menschheit ist eigentlich gar nicht empfänglich für die Schicksalsfrage. Gewiß, man trifft ab und zu auf einen Menschen, der das Hereinspielen des Schicksals verspürt; aber das eigentliche Verständnis für die großen Schicksalsfragen, das ist für die heutige Zivilisation, welche das einzelne Erdenleben wie etwas Abgeschlossenes für sich betrachtet, doch etwas außerordentlich Dunkles und Unverständliches. Die Dinge geschehen halt. Es trifft einen ein Unglück, und man bespricht es, daß einen ein Unglück getroffen hat, aber man denkt nicht weiter nach. Man denkt namentlich auch darüber nicht weiter nach, wenn irgendein äußerlich scheinbar ganz guter Mensch, der gar nichts irgendwie verbrochen hat, durch irgend etwas, was von außen hereinwirkt wie ein Zufall, zugrunde geht, oder vielleicht nicht einmal zugrunde geht, sondern furchtbar viel leiden muß durch eine schreckliche Verletzung und dergleichen. Man denkt nicht nach, wie sich in ein sogenanntes unschuldiges Menschenleben so etwas hereinstellen kann.
[ 34 ] Nun, so unempfänglich und unempfindlich für die Schicksalsfrage war die Menschheit nicht immer, Man braucht gar nicht sehr weit in der Zeitenwende zurückzugehen, dann finder man, daß die Menschen empfanden, daß die Schicksalsschläge aus anderen Welten hereinkommen, daß auch das, was man sich selber als Schicksal macht, aus anderen Welten hereinkommt.
[ 35 ] Woher rührte denn das? Das rührte davon her, daß in früheren Epochen die Menschen nicht nur ein instinktives Hellsehen gehabt haben, und als das instinktive Hellsehen nicht mehr da war, Traditionen hatten über die Ergebnisse des instinktiven Hellsehens, nein, es waren auch die äußeren Einrichtungen so, daß die Menschen eigentlich die Welt nicht so oberflächlich, so banal anzusehen brauchten, wie heute im materialistischen Zeitalter die Welt angesehen wird. Man redet ja heute vielfach von der Schädlichkeit der bloßen äußerlich-materialistisch-naturalistischen Naturauffassung, die alle Kreise schließlich ergriffen hat, die auch die verschiedensten Bekenntnisse des religiösen Lebens ergriffen hat. Denn die Religionen sind ja auch materialistisch geworden. Von einer geistigen Welt will die äußere Zivilisation auf keinem Gebiete eigentlich mehr etwas wissen, und man redet davon, daß man so etwas theoretisch bekämpfen soll. Aber das ist nicht das Wichtigste; die theoretische Bekämpfung materialistischer Ansichten macht gar nicht so viel aus. Sondern das Wichtigste ist, daß durch die Anschauung, die allerdings den Menschen zur Freiheit gebracht hat und weiter zur Freiheit bringen will und die ja eine Durchgangsperiode bildet in der Entwickelungsgeschichte der Menschheit, auch das, was in früheren Epochen für die äußerliche sinnliche Anschauung des Menschen als ein Heilmittel da war, verloren worden ist.
[ 36 ] Natürlich hat auch der Grieche in den ersten griechischen Jahrhunderten — es dauerte ja ziemlich lange — in der Natur ringsherum die äußere Erscheinungswelt gesehen. Er hat so wie die heutigen Menschen auf die Natur hingeschaut. Er hat die Natur etwas anders gesehen, denn auch die Sinne haben eine Entwickelung durchgemacht, aber darauf kommt es jetzt nicht an. Der Grieche hatte jedoch ein Heilmittel gegen die Schäden, die organisch in dem Menschen durch das bloße Hinausschauen in die Natur entstehen.
[ 37 ] Wir werden ja wirklich nicht bloß physiologisch weitsichtig im Alter, wenn wir viel in die Natur hinausschauen, sondern durch das bloße Hinausschauen in die Natur bekommt unsere Seele eine gewisse Konfiguration. Sie schaut eigentlich in die Natur hinein und sieht in der Natur so, daß nicht alle Bedürfnisse des Sehens befriedigt werden. Es bleiben unbefriedigte Bedürfnisse des Sehens übrig. Und eigentlich gilt das überhaupt für das gesamte Wahrnehmen, Hören, Fühlen und so weiter; für die ist es dasselbe: es bleiben gewisse Reste unbefriedigt vom Wahrnehmen, wenn man bloß in die Natur hinausschaut. Und das Sehen bloß in die Natur hinaus ist ungefähr so, wie wenn ein Mensch im Physischen sein ganzes Leben hindurch leben wollte, ohne genügend zu essen. Wenn der Mensch leben wollte, ohne genügend zu essen, so würde er natürlich immer mehr und mehr herunterkommen im physischen Sinne. Aber wenn der Mensch immer nur in die Natur hinausschaut, kommt er seelisch in bezug auf das Wahrnehmen herunter. Er bekommt die Auszehrung, die seelische Auszehrung für seine Sinnenwelt. Das wußte man in früheren Mysterienweisheiten, daß man die Auszehrung für die Sinnenwelt bekommt.
[ 38 ] Aber man wußte auch, wodurch diese Auszehrung ausgeglichen wird. Man wußte, wenn man hinschaute bei der Tempelarchitektur auf das Ebenmaß des Tragenden und Lastenden oder wie im Orient auf die Formen, die eigentlich in äußerer Plastik Moralisches darstellten, wenn man hinschaute auf das, was in den Formen der Architektur sich dem Auge, dem Wahrnehmen überhaupt darbot, oder was dann eben wirklich an Architektur wiederum musikalisch sich darbot, daß darinnen das Heilmittel liegt gegen die Auszehrung der Sinne, wenn diese bloß in die Natur hinausschauen. Und wenn noch der Grieche in seinen Tempel geführt wurde, wo er das Tragende und Lastende sah, die Säulen, darüber den Architrav und so weiter, wenn er das wahrnahm, was da an innerer Mechanik und Dynamik ihm entgegentrat, dann wurde der Blick abgeschlossen. In der Natur dagegen stiert der Mensch hinaus, der Blick geht eigentlich ins Unendliche, und man kommt nie zu Ende. Man kann ja eigentlich Naturwissenschaft für jedes Problem ohne Ende treiben: es geht immer weiter, weiter. Aber es schließt sich der Blick ab, wenn man irgendeine wirkliche Archtitekturarbeit vor sich hat, die darauf ausgeht, diesen Blick zu fangen, zu entnaturalisieren. Sehen Sie, da haben Sie das eine, was da war in alten Zeiten: dieses Fangen des Blickes nach außen.
[ 39 ] Und wiederum, die gegenwärtige Innenbeobachtung des Menschen, die kommt ja nicht dazu, wirklich in das menschliche Innere hineinzusteigen. Eigentlich sieht der Mensch, wenn er heute Selbsterkenntnis üben will, so ein Gebrodel von allen möglichen Empfindungen und äußeren Eindrücken. Es ist nichts irgendwie Klares da. Der Mensch kann sich im Inneren gewissermaßen nicht erfangen. Er kommt nicht an sein Inneres heran, weil er nicht die Kraft hat, so geistig bildhaft innerlich zu greifen, wie er greifen müßte, wenn er wirklich real an sein Inneres herankommen wollte.
[ 40 ] Da wirkt der wirklich mit Inbrunst an den Menschen herankommende Kultus. Alles Kultusartige aber, nicht nur das äußerlich Kultusartige, sondern das Verstehen der Welt in Bildern, das wirkt so, daß der Mensch in sein Inneres hereinkommt. Solange man mit abstrakten Begriffen und Vorstellungen in sein Inneres zur Selbsterkenntnis kommen will, geht es nicht. Sobald man mit Bildern, die einem konkret machen die Seelenerlebnisse, in sein Inneres hinein sich versenkt, da kommt man in dieses Innere. Da erfängt man sich im Inneren.
[ 41 ] Wie oft mußte ich daher sagen: Der Mensch muß meditieren in Bildern, damit er in sein Inneres wirklich hineinkommt. Das ist ja etwas, was sogar schon in öffentlichen Vorträgen jetzt hinlänglich besprochen wird.
[ 42 ] Und so hat man, wenn man auf den früheren Menschen zurückblickt, in diesem früheren Menschen dieses: Auf der einen Seite wird sein Blick und seine Empfindung nach außen durch das Architektonische gewissermaßen abgeschlossen, in sich abgefangen (siehe Zeichnung); nach innen wird der Blick dadurch abgefangen, daß der Mensch sich sein Seelenleben innerlich vorstellt, wie es ihm dann äußerlich in den Bildern des Kultus vorgestellt werden kann (blau).
[ 43 ] Auf der einen Seite kommt man in sein Inneres hinunter, auf der anderen Seite trifft man auf mit dem Blick nach außen auf das, was in der Architektur da ist, in der Tempelarchitektur, in der Kirchenarchitektur. Es schließt sich das merkwürdig zusammen. Zwischen dem, was im Inneren lebt, und dem, auf was der Blick hier zurückgeworfen wird, da ist ein Mittelfeld (orange), das ja der Mensch im gewöhnlichen Bewußtsein gar nicht sieht, weil er seinen äußeren Blick heute nicht abfangen läßt von einer wirklichen, verinnerlichten Architektur, und weil er seine Innenschau nicht abfangen läßt von Imaginativem, von Bildhaftem. Aber was dazwischenliegt: Gehen Sie mit dem im Leben herum, gehen Sie herum mit einer durch Imagination vertieften Innenerkenntnis und mit einem durch äußere architektonische Formen, die nun wirklich aus dem Menschlichen heraus erbaut sind, geheilten Sinnesempfinden, dann bekommen Sie die Empfindung, wie sie die älteren Menschen gehabt haben für die Schicksalsschläge. Wenn man das ausbildet, was zwischen diesen beiden liegt, zwischen Empfindung des wahrhaft Architektonischen und Empfindung des wahrhaft symbolisch nach innen Gehenden, dann findet man die Empfänglichkeit für die Schicksalsschläge. Man empfindet das, was geschieht, als herüberkommend aus früheren Erdenleben Das ist nun wieder die Einleitung zu weiteren Karmabetrachtungen, die in der nächsten Zeit angestellt werden sollen und die dann auch das «Gut und Böse» in die Karmabetrachtungen einschließen. Aber sehen Sie, es handelt sich ja wirklich darum, daß in der anthroposophischen Bewegung real gedacht wird. Die dem heutigen modernen Menschen angemessene Architektur, die seinen Blick in der richtigen Weise abfangen könnte und die sein naturalistisches Schauen, das ihm das Karma verdeckt und verfinstert, allmählich in die Anschauung hätte hereinbringen können, die stand da draußen in einer gewissen Form da. Und daß innerhalb dieser Formen wiederum gesprochen wurde in anthroposophischen Auseinandersetzungen, das gab die Innenschau. Und unter allem anderen, was schon hervorgehoben worden ist, war gerade dieses Goetheanum, dieser Goetheanumbau mit der Art und Weise, wie in ihm immer mehr und mehr Anthroposophie getrieben worden wäre, die Erziehung zum karmischen Schauen. Diese Erziehung zum karmischen Schauen, sie muß in die moderne Zivilisation herein.
[ 44 ] Aber den Feinden dessen, was herein muß in diese moderne Zivilisation, denen liegt natürlich daran, daß dasjenige, was im echten, wahren Sinne den Menschen heranerzieht, was notwendig ist für die Zivilisation, abbrennt. Und so ist es möglich, auch da in die tieferen Zusammenhänge hineinzuschauen. Aber hoffen wir, daß in Bälde an derselben Stelle wiederum Karmaschauen erweckende Formen vor uns stehen!
[ 45 ] Das ist es, was ich heute, wo noch viele fremde, auswärtige Freunde zurückgeblieben sind von unserer Österveranstaltung her, was ich gerade heute als ein Schlußwort aussprechen wollte. Karmische Betrachtungen des individuellen menschlichen Lebens
