Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge
Band II
GA 236
4 Mai 1924, Dornach
Sechster Vortrag
[ 1 ] Nachdem wir eine Reihe von karmischen Zusammenhängen betrachtet haben, die sich abspielten im geschichtlichen Werden der Menschheit, und nachdem wir durch diese Betrachtungen gesehen haben, wie das eine oder das andere aus einem Erdenleben in die nächsten Erdenleben hinüberfließt, werden wir nunmehr dazu übergehen, die karmischen Zusammenhänge noch von einem anderen Gesichtspunkte aus zu betrachten, von dem Gesichtspunkte, der, ich möchte sagen, noch mehr in das unmittelbare menschliche Leben hineinführt. Denn Karmabetrachtung hat ja eigentlich nur dadurch einen wirklichen Wert, daß diese Betrachtung in unser lebendiges Ethos, in unsere ganze Lebensund Seelenverfassung hineinfließen kann, so daß wir, indem wir uns als Mensch in die Welt hineinstellen, durch die karmische Betrachtung eine Durchkraftung und zugleich Vertiefung des Lebens erfahren können. Das Leben hat ja viele Rätsel, und nicht alle Rätsel des Lebens können so betrachtet werden, daß sie ungelöst bleiben. Denn dadurch würde der Mensch allmählich aus seiner eigenen Wesenheit herausgerissen werden. Er würde ohne Bekanntschaft mit den Rätseln des Menschenwesens selbst wie ein unbewußtes Wesen sein Dasein verbringen. Aber es ist die Aufgabe des Menschen, immer bewußter und bewußter zu werden. Das kann er nur, wenn er alles dasjenige, was eigentlich an ihm, seiner Seele und seinem Geiste hängt, wirklich bis zu einem gewissen Grade durchschauen kann. Und da nun ein Bestandteil unseres ganzen Lebens und Daseins das Karma ist, so ist es selbstverständlich, daß karmische Betrachtungen unmittelbare Betrachtungen für die Grundlage unseres Menschenlebens sind.
[ 2 ] Nun sind aber karmische Betrachtungen in unmittelbarer Anwendung auf das Leben gerade für das gegenwärtige Menschheitsbewußtsein eigentlich außerordentlich schwer anzustellen. Denn es erfordert jede auch nur einigermaßen taugliche Betrachtung des Karma in dem Leben, das uns umgibt, in dem Leben, in dem wir selber drinnenstehen, daß wir viel, viel objektiver dem Leben gegenüberstehen können, als das für ein Bewußtsein möglich ist, das aus den gegenwärtigen Bedingungen des Lebens, aus den gegenwärtigen Bedingungen der Erziehung herauswächst.
[ 3 ] Es ist eben so vieles in den gegenwärtigen Lebensbedingungen, in die der Mensch hineinkommt, was die karmischen Zusammenhänge verdeckt, sie unsichtbar macht, so daß es außerordentlich schwierig ist, auch nur einigermaßen auf das hinzuschauen, was das Leben karmisch, schicksalsgemäß begreiflich macht.
[ 4 ] Der Mensch der Gegenwart ist ja so wenig eigentlich dazu geeignet, sich von sich selber loszulösen und an anderes hinzugeben. Der Mensch der Gegenwart lebt außerordentlich stark in sich selbst. Und das Eigentümliche ist ja, daß der Mensch heute, gerade wenn er nach dem Geiste hinstrebt, wenn er Geistiges aufnimmt, sehr stark in die Gefahr hineinkommt, dadurch noch mehr in sich selber zu leben. Bedenken wir nur einmal, meine lieben Freunde, wie es gerade mit dem Sich-Vertiefen in das anthroposophische Leben oftmals steht. Da wird mancher sich sagen können, der im Verlaufe seines Lebens in die anthroposophische Bewegung hereingekommen ist: Als ich noch draußen stand, da hatte ich diese oder jene Beziehungen zum Leben, in denen ich aufging, die ich als etwas hinnahm, was mit mir innig zusammenhing. Ich schätzte dies oder jenes, ich glaubte, daß dies oder jenes für das Leben notwendig ist. Ich hatte auch Freunde, denen ich nahestehen konnte aus den Lebensgewohnheiten heraus, aus dem, was das alltägliche Leben gebracht hat. Nun bin ich in die Anthroposophie hineingekommen. Da hat vieles von dem eigentlich gänzlich aufgehört. Da bin ich herausgekommen aus den alten Zusammenhängen, da sind mir wenigstens diese alten Zusammenhänge nicht mehr so wertvoll geblieben, wie sie früher waren. Da wurde mir manches auch von dem, was ich früher gern getan habe, zuwider. Da betrachtete ich es nicht mehr als etwas, mit dem ich eigentlich zusammenhängen möchte.
[ 5 ] Aber wenn dann der Mensch, nachdem er eine solche Betrachtung angestellt hat, weiter darüber nachdenkt, was denn nun für ihn an die Stelle davon getreten ist, dann findet er sehr leicht: Eigentlich hat sein Egoismus nicht abgenommen. Ich will jetzt das gar nicht in einem tadelnden, irgendwie auch nur mit einer Nuance von tadelndem Sinne aussprechen, sondern eben einfach als eine Tatsache hinstellen, die ja der Mensch sehr gut an sich selber beobachten kann: Eigentlich hat sein Egoismus zugenommen! Eigentlich gibt er jetzt viel mehr acht auf die Art und Weise, wie sein Inneres, sein Gemüt beschaffen ist. Eigentlich frägt er jetzt viel mehr, als er früher darnach gefragt hat: Was macht der andere Mensch auf mich für einen Eindruck?
[ 6 ] Früher hat er das, was der andere Mensch neben ihm getan hat, mit einer gewissen Selbstverständlichkeit hingenommen. Jetzt tut er es nicht mehr. Jetzt frägt er nach dem Eindruck, den es auf ihn macht. Oder aber, er stand früher in irgendeinem Lebenszusammenhang drinnen, der ihm ganz plausibel war. Er hat seine Pflichten getan und so weiter. Jetzt werden ihm diese Pflichten zuwider, jetzt möchte er heraus aus diesen Pflichten, weil er meint, sie seien nicht geistig genug und so fort. So führt gerade das geistige Streben innerhalb der Anthroposophie sehr leicht in eine Art von Egoismus hinein, in ein sich viel, viel ernster nehmen, als man sich vorher genommen hat.
[ 7 ] Die ganze Sache beruht aber darauf, daß eben in einem solchen Falle nicht die Erweiterung der Lebensinteressen nach außen eingetreten ist, sondern daß sich die Lebensinteressen in das Innere zurückgeschlagen haben. Ich habe es ja oftmals erwähnt, daß derjenige, der nun wirklich hineinwächst, ganz wahrhaftig hineinwächst in das anthroposophische Leben, nicht weniger Interesse an dem äußeren Leben nimmt, sondern gerade durch die Anthroposophie viel mehr Interesse an diesem äußeren Leben nimmt, daß alle anderen Wesen anfangen, ihm unendlich viel interessanter zu werden, viel mehr wert zu werden. Aber dazu ist notwendig, daß man sich nicht von dem äußeren Leben zurückzieht, sondern daß man in dem äußeren Leben drinnen die Geistigkeit sieht.
[ 8 ] Gewiß, da treten dann Dinge auf, die man früher nicht bemerkt hat. Aber man muß dann auch den Mut haben, sie zu bemerken und nicht über sie hinwegzuschauen. Zur karmischen Lebensbetrachtung ist eben durchaus nötig, sich ein gewisses Maß von der Gabe anzueignen, aus sich herauszugehen, in den anderen hineinzugehen. Das ist natürlich ganz besonders schwierig, wenn der andere ein Werkzeug wird zu karmischen Ausgleichen im Leben, die einem unangenehm oder vielleicht sogar schmerzlich sind. Aber ohne daß man auch bei den Dingen, die einem unangenehm und schmerzlich sind, aus sich herausgehen kann, ist eigentlich eine karmische, eine wahrhaft geltende karmische Lebensbetrachtung nicht möglich. Denn bedenken Sie nur, welche Bedingungen da sind in der Welt, damit Karma entsteht.
[ 9 ] Wir stehen in einem gewissen Menschenleben drinnen. In diesem Menschenleben tun wir, denken wir und fühlen wir das eine oder das andere. Wir treten in Beziehungen zu Menschen, und innerhalb dieser Beziehungen spielt sich das eine oder das andere ab. Wir denken, fühlen, wollen, tun solche Dinge, die einen karmischen Ausgleich fordern. Wir gehen Beziehungen zu Menschen ein, in deren Folgen Dinge geschehen, die wiederum einen karmischen Ausgleich fordern. Überblicken Sie nur einmal von diesem Gesichtspunkte aus ein menschliches Erdenleben, und sehen Sie dann darauf hin, daß am Ende dieses Erdenlebens der Mensch durch die Pforte des Todes eingeht in die geistige Welt.
[ 10 ] Er lebt jetzt in der geistigen Welt drinnen. In der geistigen Welt ist es nicht so wie in der physischen Welt. In der physischen Welt, da stehen Sie außerhalb der anderen Menschen. Auch denen gegenüber stehen Sie außerhalb, denen Sie schon menschlich nahetraten. Es ist ja immerhin zwischen zwei Menschen in der physischen Welt mindestens Luft und bei jedem seine Haut. Also Menschen in der physischen Welt, wenn sie sich noch so nahetreten, können in einem gewissen Sinn sich in sich selber zurückhalten.
[ 11 ] Das ist aber nicht möglich, wenn man durch die Pforte des Todes gegangen ist und in der geistigen Welt lebt. Nehmen Sie einen eklatanten Fall. Sie haben irgendeinem Menschen etwas zugefügt, was einen karmischen Ausgleich fordert. Sie leben mit ihm weiter, nachdem Sie beide durch die Pforte des Todes gegangen sind. Sie leben ja dann nicht durch Ihren guten Willen oder durch Ihre innere Vollkommenheit in dem anderen Menschen - also nicht bloß in sich, sondern wirklich in dem anderen Menschen -, sondern Sie leben zwangsweise, wenn ich mich so ausdrücken darf, in dem anderen Menschen.
[ 12 ] Nehmen Sie an, der Mensch A und der Mensch B gehen durch die Pforte des Todes. Sie sind nachher in der geistigen Welt. B und A stehen einander gegenüber in der geistigen Welt. Ja, dann lebt, während hier B in sich und A in sich gelebt hat, A ebensogut wie in sich inB und B ebensogut wie in sich in A. Die Menschen leben ja in der geistigen Welt ganz ineinander, und zwar getragen gerade durch diejenigen Kräfte, die sich in den Erdenleben aufgespeichert haben. Wir kommen nach dem Tode nicht zu beliebigen Menschen in Beziehung, sondern eben zu denjenigen Menschen, zu denen sich in Gutem und Bösem Beziehungen ergeben haben. Aber diese Beziehungen machen es, daß wir nicht nur in uns, sondern auch in dem anderen leben.
[ 13 ] Nun denken Sie sich, Sie haben irgendeinem Menschen etwas zugefügt, oder sagen wir, der B hat dem A etwas zugefügt, was einen karmischen Ausgleich fordert. Indem nun der B durch die Pforte des Todes schreitet, lebt er nach dem Tode, beim Durchgang durch die Welt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, in dem A. Er erlebt dasjenige, was er dem A zugefügt hat, in dem A darinnen. Und er verursacht in diesem Außer-sich-Leben, daß der karmische Ausgleich geschieht. Also dasjenige, was im karmischen Ausgleich in einem nächsten Erdenleben durch den Menschen A geschehen soll, das verursachen Sie selber durch Ihr Hinüberleben in den Menschen A. Nur dadurch, daß dann der Mensch A wiederum heruntersteigt in die physische Erdenwelt, macht er das, was Sie eigentlich in ihn gelegt haben, zu seiner eigenen Tat. Und er kommt Ihnen dann im nächsten Erdenleben mit dem entgegen, was Sie eigentlich durch ihn sich selber zufügen wollen.
[ 14 ] Wenn ich also in einem nächsten Erdenleben von einem anderen Menschen etwas zugefügt erhalte als karmischen Ausgleich, so ist es so, daß, während ich in ihm in der Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt steckte, ich das Stück für Stück selber in ihn gelegt habe. Da war es gar nicht seine Tat, sondern zu seiner Tat wird es erst wiederum, indem er heruntersteigt ins irdische Leben. So daß also die Bedingungen des Karma im Weltenlaufe diejenigen sind, welche durch das Ineinanderleben der karmisch verbundenen Menschen in der Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt da sind.
[ 15 ] Nun, wenn wir das gewöhnliche Erdenleben betrachten, dann sehen wir eigentlich in diesem gewöhnlichen Erdenleben nicht außerordentlich tief. Wir nehmen von dem anderen Menschen im Grunde genommen außerordentlich wenig bewußt wahr. Wir merken zum Beispiel einen gewissen Unterschied im Verhalten des anderen Menschen zu uns außerordentlich wenig. Uns tritt irgendein Mensch im Leben entgegen; sagen wir, er verhält sich in einer gewissen Weise. Nun werden wir es ja kaum bemerken, daß ein Mensch wirklich sich in einer gewissen Weise zu uns verhalten kann und daß ganz verschiedene Motive und Impulse zu diesem Verhalten in ihm stecken können. Es kann sich ein Mensch feindlich zu mir verhalten. Dieses feindliche Verhalten kann so liegen, daß ich einfach durch mein Dasein aufreizend auf ihn wirke, daß er auf etwas ganz anderes im Menschen gestimmt ist als auf das, was ich ihm entgegenbringe. Dadurch werde ich von ihm in einer gewissen Weise behandelt. Aber diese Behandlung, die kann so liegen, daß sie sich karmisch erst im nächsten Leben irgendwie ausgleicht. Die kann etwas ganz Ursprüngliches sein, etwas, was gar nicht durch vorige Erdenleben bedingt ist.
[ 16 ] Dagegen kann mir eine ganz ähnliche, vielleicht die gleiche Behandlung werden von einem Menschen, in den ich Stück für Stück das, was aus dieser Behandlung folgt, in dem Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt hineingepflanzt habe.
[ 17 ] Das Gefühl, das unterscheiden kann zwischen zwei solchen Behandlungsweisen, die äußerlich gleich sind, dieses Gefühl ist bei den Menschen der Gegenwart außerordentlich wenig entwickelt. Sonst würde viel mehr etwas auftauchen im Leben, was heute im Grunde genommen kaum auftaucht, was aber wiederum auftauchen muß, damit das Ethos des Lebens viel reiner werden kann, damit das moralische Empfinden viel kräftiger werden kann. Es muß einfach wiederum auftauchen im Leben etwas, was in früheren Zeitläuften, in gar nicht so weit zurückliegenden Zeitläuften in der menschlichen Empfindung lag, daß man nämlich dem einen Menschen gegenüber das Gefühl hat: der haßt dich und vollbringt aus Haß gegen dich diese oder jene Dinge; daß man bei dem anderen Menschen aber das Gefühl hat: der muß etwas gegen dich tun, weil er einfach nicht anders kann. Der erste, der könnte auch anders; der zweite kann einfach nicht anders, der ist innerlich prädestiniert, sich so zu verhalten.
[ 18 ] Dieses Gefühl, das in feiner Weise in den Tatsachen des Lebens unterschieden werden kann, muß wiederum allgemeiner werden. Dieses Gefühl wird dem Leben viele Nuancen geben, die außerordentlich wichtig sind im Leben.
[ 19 ] Und dazu kommt ein anderes. Sie werden ja leicht zugeben können, daß der Mensch mit anderen Menschen in Beziehungen kommt und daß an diesen Beziehungen mancherlei hängt, was ihn nicht in der gleichen Weise interessiert wie diese Beziehungen selber. Ich will einen ganz eklatanten Fall konstruieren. Nehmen Sie an, Sie treten in eine Gesellschaft ein — ich meine jetzt nicht die Anthroposophische, die schließe ich aus davon, aus Gründen, die schon noch in dem Verlauf dieser Karmavorträge herauskommen werden -, aber in eine Gesellschaft treten Sie ein. Es kann der Grund, warum Sie in diese Gesellschaft eintreten, darinnen liegen, daß Sie eine karmische Verbindung mit einem oder zwei Menschen, vielleicht nur mit einem einzigen Menschen in dieser Gesellschaft haben. Aber Sie müssen, indem Sie in diese Gesellschaft eintreten, um dem Menschen, um den es sich handelt, so nahezukommen, als es Ihre karmischen Beziehungen notwendig machen, alles übrige der Gesellschaft mitnehmen. Während karmisch wichtig nur die Beziehung zu diesem einen Menschen ist, nehmen Sie alles mit, was sonst in dieser Gesellschaft durch Menschen, die Sie da treffen und so weiter, an Sie herankommt.
[ 20 ] Da handelt es sich darum, daß wir auch wissen müssen: Das Leben steht uns so gegenüber, daß es in der verschiedensten Weise nuancierte Beziehungen zu uns hat, von den gleichgültigsten Beziehungen zu den im tiefsten Sinne bedeutendsten Beziehungen, die unmittelbar nebeneinanderstehen.
[ 21 ] Aber dazu kommt nun wiederum etwas anderes. Dazu kommt, daß das äußere Leben eben vielfach Maja, die große Illusion ist. So daß es sein kann - ich konstruiere wiederum einen Fall -, daß Sie in eine Gesellschaft eintreten, aber die Beziehung zu dem einen Menschen, die karmisch gut vorbedingt ist, die stellt sich sehr schwer heraus. Sie müssen erst mit den verschiedensten anderen Menschen Beziehungen anknüpfen, um an den einen heranzukommen. Sie gehen also durch die verschiedensten anderen Menschen, um an den einen heranzukommen. Sie gehen dadurch Beziehungen ein mit den anderen Menschen, die, ich möchte sagen, vor der robusten Lebensbetrachtung sich außerordentlich wirksam erweisen, ja, die sich stark geltend machen, die stark da sind, während vielleicht diejenige Beziehung, an die Sie dann zuletzt herankommen, die karmisch bedeutsam sein kann, sanft, leise, unvermerkt oder fast unvermerkt sich abspielt.
[ 22 ] So daß es wirklich so sein kann, daß das karmisch Bedeutende in irgendeinem Lebenszusammenhang wie ein kleiner Hügel neben Riesenbergen erscheint, die aber eine geringe Bedeutung haben. Allerdings erscheint dann erst vor einer durchgeistigten Betrachtung der kleine Hügel in seiner wahren Bedeutung. Es ist ja wirklich so, daß die Ereignisse, die in unser Leben eintreten, uns viel, viel Täuschungen verursachen. Wir wissen sie in der Regel, wenn wir nur das eine Erdenleben in Betracht ziehen, nicht zu werten. Schaut man andere Erdenleben auf dem Hintergrunde, dann kann man das eine Erdenleben erst in seinen Ereignissen richtig werten.
[ 23 ] Beispielsweise möchte ich nur etwas anführen. Nicht wahr, in unserer Zeit sind ja merkwürdige Persönlichkeiten aufgetreten. Abgesehen von denen, die ich schon karmisch vor Sie, hingestellt habe, sind mancherlei höchst merkwürdige Persönlichkeiten da oder dort gewesen. Und eine äußerliche Betrachtung führt oftmals durchaus nicht in die karmischen Zusammenhänge hinein, sondern erst eine Betrachtung, die auf markante Punkte des Lebens eingehen kann. Und da ergeben sich eben dann, ich möchte sagen, mit vollster Klarheit jene Tatsachen, die uns darauf aufmerksam machen, wie eigentlich das äußere Leben illusionär ist in vieler Beziehung, wenn wir es nicht auf der Grundlage des Geistigen betrachten. Ich habe vor kurzem hier ein Beispiel angeführt, das Ihnen vielleicht sehr merkwürdig vorgekommen ist, das Beispiel eines Alchimisten, eines alten Alchimisten aus der Schule des Basilius Valentinus, der wieder aufgetreten ist als Frank Wedekind.
[ 24 ] Mich hat zu der Beobachtung dieses merkwürdigen Karma - der Ausgangspunkt ist nicht immer bedeutsam, wenn dann der Ausgangspunkt zu der inneren Klarheit geführt hat, dann natürlich wird die Sache anders - der Umstand geführt, daß ich kaum jemals solche Hände gesehen habe, wie sie Frank Wedekind hatte, und daß ich dann mit diesen Händen Frank Wedekind einmal in München habe agieren gesehen, selber schauspielerisch agieren gesehen in seinem «Hidalla». Das ganze scheinbare Chaos dieses Stückes, das natürlich ein Horror für ein philiströses Gemüt ist, wie ich schon neulich sagte, im Zusammenhange mit dem Eindruck, den ich von früher von seinen Händen hatte, das ließ eben die alchimistischen Verrichtungen, die er getan hat, erscheinen. Und auf der Grundlage gerade des «Hidalla» im Zusammenhange mit diesen merkwürdigen Händen erschien diese frühere Inkarnation, die man dann weiterverfolgen konnte.
[ 25 ] Da sehen Sie, daß man ein Auge für dasjenige entwickeln muß, was außerordentlich bedeutsam an einem Wesen, an einem Menschen namentlich, sein kann. Es gibt Menschen, bei denen ist das Gesicht das Charakteristische. Es gibt aber auch Menschen, bei denen ist es ganz und gar nicht das Gesicht, sondern da sind es zum Beispiel die Hände; und aus dem Gesicht kann man gar nichts entnehmen, lediglich etwas aus den Händen. Wenn man von dem Individuellen ins Allgemeine geht, gerade an dem Beispiele, das ich eben angeführt habe, dann wird man, ich möchte sagen, mit Händen greifen können, wie die Sache ist. Gerade bei so gearteten Alchimisten des Mittelalters war es ja so, daß sie sich eine außerordentliche Geschicklichkeit der Hände aneignen mußten.
[ 26 ] Ich habe in früheren Vorträgen hier ausgeführt, wie von dem, was der Mensch als Haupt hat, nichts übrigbleibt. Aber das, was er in seinem übrigen Organismus hat, das prägt sich dann im Haupte aus. Wenn aber der Mensch Kind ist, geht ja die ganze Bildung des Menschen vom Haupte aus. Namentlich so ausdrucksvolle Organe wie die Hände bilden sich nach den intimsten Impulsen des Hauptes. So kann man geradezu erwarten, daß bei jemandem, der gearbeitet hat, wie eben Alchimisten arbeiten, etwas besonders Charakteristisches entweder in den Händen oder in den Füßen auftritt. Aber das alles soll ja nur darstellen, wie wichtig es ist, gerade dies oder jenes als bedeutsam zu nehmen, und als unbedeutsam etwas zu nehmen, was oftmals in der Sinneswelt als das Anschaulichste, als das Wesenslichste, als das Größte und so weiter auftritt.
[ 27 ] In unserer Zeit, sagte ich, sind ja mancherlei merkwürdige Persönlichkeiten aufgetreten, die dastehen, ohne daß man den Zusammenhang voll überblicken kann. Da handelt es sich dann darum, gerade bei solchen Persönlichkeiten auf dasjenige hinschauen zu können, was bei ihnen eklatant, bedeutsam ist. Daß einer ein großer Künstler wird zum Beispiel, das ist etwas, was zum kleinsten Teile bedingt zu sein braucht in seinem Karma. Aber was er gerade in dieser Kunst treibt, wie er in dieser Kunst sich benimmt, das ist etwas, was im Karma besonders bedingt ist. So zum Beispiel Dinge, die, ich möchte sagen, das Leben eigentlich poetisch machen, die enthüllen sich gerade vor einer karmischen Betrachtung.
[ 28 ] Sehen Sie, man kann da auf eines Menschen frühere Erdenleben zurückschauen. Dem jetzigen gegenüber stehen sie in gewissen Momenten ganz merkwürdig illustrierend da. Aber man versteht es nicht, sich in diese Dinge hereinzufinden, wenn man die gewöhnlichen Bedingungen des Verstehens, des Auffassens des Lebens nimmt. Denn in einem ganz anderen Sinne wird das Leben eine Realität, wenn man sich auf karmische Betrachtungen im Ernste einläßt.
[ 29 ] Ein Beispiel. Ich will es zunächst ganz einfach erzählen. Ich ging auf der Straße, hatte ein Bild vor mir,.das Bild eines Schiffbrüchigen. Das Schiff, von dem er gekommen war, war weit weg, aber im Untergehen. Er war in einem Rettungsboote, zueilend auf ein mäßig großes Eiland. Während er doch noch im Zweifel schwebte, ob er mit seinem Boote anlangt, um sich retten zu können, hielt er den Blick merkwürdig gerichtet - ich beschreibe ein Bild - auf die sprudelnden, schäumenden Wellen, so daß ein Gefühl da war: der hat noch Sinn, die Wellen anzuschauen, trotzdem er eigentlich davor steht, jeden Augenblick untergehen zu können, Eine durchrüttelte, aber in der Durchrüttelung, also in der leibfreien Art, mit der Natur tief verbundene Seele.
[ 30 ] Derselbe Weg, auf dem ich dieses Bild vor mir hatte, das mit der Umgebung gar keinen Zusammenhang hatte, der führte mich dann in jene Kunstausstellung hinein, in der ich zum allerersten Mal Böcklins «Toteninsel» sah.
[ 31 ] Ich möchte das nur aus dem Grunde erwähnen, damit Sie sehen, das Dem-Leben-Gegenüberstehen muß sich erweitern, wenn man an diese Dinge herankommt. Es handelt sich nicht etwa darum, bloß auf das hinzuschauen, was man nun empfinden oder vorstellen könnte in bezug auf Böcklin, wenn man die Möglichkeit hat, in der Beobachtung seines Karma von seiner «Toteninsel» auszugehen, während man schon davorsteht. Das muß gar nicht so sein, sondern man muß unter Umständen, wenn man wissen will, wovon man da auszugehen hat, zurückgehen auf das, was man vorher wie prophetisch gesehen hat, und muß das damit verbinden.
[ 32 ] Und so ist es auch wiederum wichtig, wenn man einem Menschen im Leben begegnet, um karmische Zusammenhänge zu finden, nicht allein dasjenige zu betrachten, was man just erlebt, wenn man ihm nun begegnet ist, sondern es kann aufklärend sein, wie das, was man im intimsten Seeleninneren vorher erlebt hat und wovon einem nachher erst das Licht aufgeht, mit dem zusammenhängt, was man nachher sieht an ihm, oder wahrnimmt von ihm oder durch ihn.
[ 33 ] Gerade das, was für das Karma aufhellend ist, das wirft seine Schatten voraus oder auch seine Lichter. Wenn man nicht einen Sinn für diese Intimitäten des Lebens hat, die zuweilen notwendig machen, daß man nicht nur das Zukünftige mit dem Vergangenen verbindet, sondern umgekehrt das Vergangene als etwas ansieht, was Aufschluß gibt über das Zukünftige, wenn man nicht in dieser Intimität das Leben betrachtet, wird man nicht leicht jene innere Regsamkeit der Seele entwickeln, die notwendig ist, um sich in karmische Zusammenhänge hineinzuleben.
[ 34 ] Man kann sogar sagen: Wenn besonders bedeutsame karmische Ereignisse in das Leben eines Menschen eintreten, so sind diese so, wenn sie äußerliche Ereignisse sind, daß sie mit irgendwelchen innerlichen Ereignissen zusammenhängen, die vielleicht jahrelang vorangegangen sind. Man muß sich schon eine solche erweiterte Lebensbetrachtung aneignen. Denn bedenken Sie doch das Folgende: Wenn Sie auf den menschlichen Verstand sehen, so wie er im gewöhnlichen Bewußtsein ist, so hat er ja nur seine Beziehung zur Vergangenheit. Er ist wirklich ein Epimetheus, der Verstand, er hat nur Beziehung zur Vergangenheit. Wenn Sie aber auf das menschliche Fühlen hinsehen, wie es aus den Tiefen des Gemütes herauf seine Nuancierungen erhält, so kommen Sie zu merkwürdigen Lebensgeheimnissen. Man kann sagen, an dem, was der Mensch denkt, kann man sehr wenig ermessen, wie sein Leben verläuft; an dem, was er fühlt, sehr stark. Und wenn Sie solch ein Leben betrachten, sagen wir dasjenige Goethes, und Sie stellen sich einmal die Frage: Wie kann Goethe, sagen wir 1790, gefühlt haben —, dann bekommen Sie durch die besondere Physiognomie des Goethe-Fühlens im Jahr 1790 die ganze spätere Nuancierung seines Lebens, denn die liegt im Keime da drinnen in dem Fühlen vom Jahre 1790. Sobald wir in die Tiefe der Menschenseele hinuntergehen, nehmen wir im Grunde genommen — nicht in den Einzelheiten natürlich, aber in der Nuancierung — das spätere Leben des Menschen durchaus wahr. Und der Mensch selber würde viel Aufschluß über sein Leben gewinnen können, wenn er auf die unerklärlichen Gefühlsnuancen, die nicht von außen bewirkt sind, sondern die aufsteigen, mehr achten würde.
[ 35 ] Solch ein Achten wird sich aber der Mensch ganz besonders angewöhnen, wenn er auf alle die Dinge eingeht, die ich heute erwähnt habe und die ich weiter erwähnen werde als wichtig für die Lebensbetrachtung, die auf karmische Zusammenhänge aufmerksam werden will, sei es auf karmische Zusammenhänge im eigenen Leben, sei es auf karmische Zusammenhänge, die ja ebenso wichtig sind, bei Menschen, die einem nahestehen. Sehen Sie, da handelt es sich dann darum, nun wirklich, wenn man das Karma betrachten will, durch den Menschen in einer gewissen Weise durchzuschauen. Solange im Gesichtsfelde, möchte ich sagen, der gewöhnliche physische Mensch steht, undurchsichtig dasteht, solange man zunächst nur auf seine Physiognomie sieht, auf die Art und Weise, wie er sich gebärdet, auf die Art und Weise, wie er spricht, oder gar auf die Art und Weise, wie er denkt — was ja zumeist überhaupt nur ein schablonenmäßiger Abglanz dessen ist, wie er erzogen ist und was er erlebt hat —, solange man nur auf das alles sieht, so lange erscheint eben im Hinschauen durchaus nicht die karmische Motivierung. Diese karmische Motivierung erscheint erst, wenn der Mensch in einem gewissen Sinne durchsichtig wird.
[ 36 ] Aber wenn der Mensch durchsichtig wird, so wird er es zunächst so, daß man eigentlich das Gefühl hat, er schwebt in der Luft. Man gewöhnt sich zunächst ab, zu glauben, der Mensch gehe oder bewege die Arme und Hände: die verliert man sozusagen zuerst. Verstehen Sie mich richtig, meine lieben Freunde: Im gewöhnlichen Leben ist einem das außerordentlich wichtig, was der Mensch mit den Armen und Beinen tut. Aber das verliert seine Bedeutung, wenn man das Tiefere im Menschen betrachten will. Nehmen Sie das im alleräußersten Umfange. Können Sie absehen von dem, was ein Mensch mit seinen Armen und Händen vollbringt, sehen Sie ihn gewissermaßen schwebend - ich bitte Sie, sich das nicht zu räumlich-bildlich vorzustellen, sondern mehr lebensgemäß -, sehen Sie ihn also gewissermaßen schwebend, das heißt, legen Sie keinen Wert auf die Reisen, die er gemacht hat, auf die Gänge, die er gemacht hat, auf das, was er durch seine Beine tut, legen Sie keinen Wert auf die äußere Arbeit, die er mit seinen Armen verrichtet, sondern sehen Sie darauf, wie er gestimmt ist, wie sein Temperament ist, wie alles das ist, woran Arme und Beine keinen Anteil haben: dann ist das die erste Durchsichtigkeit, die Sie für den Menschen gewinnen können. Stellen Sie sich vor, Sie haben hier irgendeinen Gegenstand, Sie sehen zunächst nichts als diesen Gegenstand. (Es wird gezeichnet.) Schön. Dann aber wird hier etwas darauf gezeichnet. Nun löschen wir das wieder aus. So ist es beim Menschen auch, wenn Sie zur ersten Durchsichtigkeit kommen, wenn Sie absehen vom Menschen im Leben, wenn Sie absehen von seinen Armen und Beinen. Also Sie müssen ihn herausreißen aus den Zusammenhängen, in die er durch die Verrichtung seiner Arme und Beine gekommen ist. Wenn Sie ihn dann betrachten, dann wird etwas von ihm durchsichtig. Das, was früher durch die Tätigkeit der Arme und Beine verdeckt worden ist, das sehen Sie dann durch ihn durch.
[ 37 ] Aber was sehen Sie dann? Dann fangen Sie nämlich an zu begreifen, daß hinter dem Menschen der Mond erscheint. Ich werde den dreigeteilten Menschen schematisch zeichnen; nehmen wir an, das hier (siehe Zeichnung, elliptischer Umriß, dreigeteilt) wird zunächst durchsichtig; Arme und Beine übersehen wir. Dann erscheint uns der Mensch nicht mehr so abgegrenzt von dem Weltenall, wie er uns sonst erscheint, sondern da beginnt er hinter sich den Mond zu zeigen mit all den Impulsen, die vom Monde aus auf den Menschen wirken. Wir fangen an zu sagen: Ja, der Mensch hat eine gewisse Phantasie, entwickelte oder unentwickelte Phantasie, Dafür kann er nichts. Da stehen die Mondenkräfte dahinter. Die werden uns nur durch das verdeckt, was aus der Tätigkeit seiner Arme und Beine hervorgeht. (Die untere Partie wird durchgekreuzt.) Jetzt ist das weg, und auf dem Hintergrunde erscheint uns der schöpferische Mond. (Der Mond wird gezeichnet.)
[ 38 ] Wir gehen weiter. Wir versuchen den Menschen weiter durchsichtig zu machen, und denken uns auch das weg. Sagen wir, wir suggerieren uns das weg, was den Menschen emotionell macht, was ihn mit einem gewissen Temperament begabt macht, was eben die mehr seelischen Äußerungen des alltäglichen Lebens sind. Da verschwindet vom Menschen noch mehr, der Mensch wird mehr durchsichtig. Und wir können weitergehen, wir können absehen von alledem, was im Menschen dadurch ist, daß er Sinne hat. Also früher haben Sie abgesehen von alledem, was im Menschen ist dadurch, daß er Arme und Beine hat. Jetzt fragen Sie sich, was bieibt von dem Menschen noch übrig, wenn ich absehe davon, daß er durch seine Sinne etwas wahrgenommen hat? Da bleibt noch eine gewisse Denkrichtung übrig, eine gewisse Impulsivität seines Denkens, eine gewisse Richtung seines Lebens. Aber dafür wird Ihnen das ganze rhythmische System, die Brust des Menschen durchsichtig. Jetzt ist auch dieses weg, und im Hintergrunde erscheint Ihnen alles das, was an Sonnenimpulsen da ist (siehe Zeichnung, Mitte). Sie schauen durch den Menschen durch und schauen eigentlich auf die Sonne, wenn Sie von alledem absehen, was der Mensch durch seine Sinne wahrgenommen hat. Das können Sie bei sich selber machen. Sie können sich fragen: Was habe ich durch meine Sinne? — Wenn Sie davon absehen, sehen Sie durch sich selber durch und sehen sich als ein Sonnengeschöpf. Und wenn Sie jetzt auch noch absehen von seinen Gedanken, seiner Denkrichtung, dann verschwindet der Kopf auch noch. Der ganze Mensch ist fort. Sie sehen durch und sehen zuletzt Saturn im Hintergrunde. Aber in diesem Augenblicke liegt Ihnen das Karma des Menschen, oder Ihr eigenes Karma, bloß da. Denn in dem Augenblicke, wo Sie die Saturnwirkungen im Menschen beobachten, wo Ihnen der Mensch ganz durchsichtig geworden ist und Sie ihn soweit betrachten, daß Sie ihn auf dem Hintergrunde des ganzen Planetensystems schauen, auf dem Hintergrunde von Mond, Sonne, Saturn, in diesem Augenblicke liegt Ihnen das Karma des Menschen da. Und wenn man von praktischen Karmaübungen spricht - ich habe ja erzählt, daß ich es schon im Beginne der Errichtung der Anthroposophischen Gesellschaft tun wollte, daß es dazumal nur noch nicht geglückt ist —, so muß man eigentlich so anfangen, man muß sagen: Es handelt sich darum, daß wir bei uns oder bei anderen zunächst absehen von allem, was wir im Leben dadurch sind, daß wir arm- und beinbegabte Wesen sind. Das müssen wir fortdenken.
[ 39 ] Also, was Sie jemals dadurch erlangt haben, daß Sie arm- und beinbegabte Wesen sind, das müssen Sie sich wegdenken. Nun werden Sie sagen: Ja, aber unser Karma erfüllen wir gerade dadurch, daß wir Arme und Beine haben! Das ist es eben! Solange Sie auf die Arme und Beine hinsehen, sehen Sie das nicht, was Sie dadurch erfüllen, daß Sie Arme und Beine haben. Sie sehen erst das, was Sie dadurch erfüllen, daß Sie Arme und Beine haben, wenn Sie auf die Arme und Beine nicht mehr hinsehen. Wenn Sie aber in der Arm- und Beintätigkeit dasjenige wirksam finden, was von Mondenimpulsen ausgeht, dann handelt es sich darum, daß wir weitergehen und absehen von dem, was der Mensch in sich aufnimmt durch seine Sinne, was er in seiner Seele hat durch seine Sinne, sei es bei uns oder bei anderen. Wir sehen ihn als Sonnenwesen, wir sehen den Sonnenimpuls in ihm. Und dann handelt es sich darum, daß wir absehen davon, daß er eine gewisse Denkrichtung hat, eine gewisse Seelenrichtung hat und so weiter. Dann sehen wir, wie er ein Saturnwesen ist.
[ 40 ] Kommen wir so weit, dann haben wir den Menschen noch einmal vor uns, aber jetzt als Geist. Jetzt gehen auch die Beine, jetzt arbeiten auch die Arme, aber geistig, und zeigen uns wieder das, was sie tun; aber sie zeigen es uns nach den Kräften, die in ihnen walten. Und das muß man ja erfahren.
[ 41 ] Wenn ich das geringste tue, wenn ich hier die Kreide aufhebe — solange ich bloß dieses Faktum sehe: «die Kreide-Aufnehmen», so lange weiß ich nichts von Karma. Ich muß das alles wegschaffen. Ich muß es dahin bringen, daß es sich mir noch einmal im Bilde nachschaffen kann, daß es im Bilde drinnen erscheint. Nicht durch die Kraft, die jetzt in meinen Muskeln liegt — aus der wird nichts erklärlich -, aber in dem Bilde, das dann an die Stelle tritt, erscheint dasjenige, was aus vorigen Inkarnationen heraus die Hand bewegen läßt, um die Kreide aufzunehmen.
[ 42 ] Und so ist es, wenn ich auf die geschilderte Weise nach und nach den sichtbaren Menschen wegschaffe und hinter ihm seine Mondenimpulse, seine Sonnenimpulse, seine Saturnimpulse sehe. Dann kommt mir aus dem Weltenall das Bild des Menschen wieder entgegen. Aber das ist jetzt nicht der Mensch in seiner gegenwärtigen Inkarnation, das ist der Mensch in irgendeiner seiner vorigen Inkarnationen oder in ein paar vorigen Inkarnationen. Ich muß erst dazu kommen, daß der Mensch, den ich hier neben mir herumwandeln sehe, durchsichtig für mich wird, immer durchsichtiger und durchsichtiger, indem ich von seinem ganzen Leben absehe. Dann tritt an denselben Ort, aber hervorkommend aus Weltenfernen, der Mensch, wie er einmal war in früheren Erdenleben.
[ 43 ] Es wird Ihnen heute vielleicht noch nicht ganz durchsichtig und verständlich sein, was über diese Zusammenhänge gesagt worden ist. Ich wollte heute auch erst fadenschlagend hinweisen auf das, was nun in der nächsten Zeit von uns berührt werden soll, wo wir eben eintreten wollen in immer genauere und genauere Betrachtungen des Wesens von Karma, wie es im Menschenleben von Erdendasein zu Erdendasein fließt.
