Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge
Band II
GA 236

30 Mai 1924, Dornach

Dreizehnter Vortrag

[ 1 ] Die Betrachtung der karmischen Zusammenhänge im Menschenleben erfordert in der Tat das völlige Verständnis von gesetzmäßigen Verhältnissen in der Welt, die der heutige Mensch mehr oder weniger ungewohnt ist. Denn es handelt sich ja darum, daß in die karmischen Zusammenhänge, die von einem Erdenleben in das andere hinübergreifen, Gesetzmäßigkeiten hineinwirken, die geistiger Art sind, geistiger Art so, daß man sie schon verkennt, wenn man nur im geringsten Grade daran denkt, daß es sich um eine Verursachung handelt, die in irgendeiner Beziehung ähnlich sei derjenigen, die wir sonst in der Welt finden, wenn wir von Ursache und Wirkung sprechen.

[ 2 ] Man muß eigentlich zunächst ganz genau einsehen, was im Inneren des Menschen vor sich geht hinter dem gewöhnlichen Bewußtsein, wenn man ein Verständnis für dasjenige gewinnen will, was karmische Zusammenhänge sind. Und ein Verständnis für das, was hinter dem gewöhnlichen Bewußtsein liegt, kann eigentlich nur die Betrachtung des menschlichen Wesens geben, wie es sich der übersinnlichen Erkenntnis, der Initiationserkenntnis darbietet.

[ 3 ] Gehen wir deshalb, namentlich um gewisse Dinge weiterzuführen, die in den letzten Vorträgen hier angedeutet worden sind und die dann in ihrer weiteren Ausführung zum vollständigen Verständnis des Karma führen werden, heute einmal darauf ein, wie der Mensch, wenn er aufsteigt zur imaginativen, zur inspirierten, zur intuitiven Erkenntnis, immer mehr und mehr die Möglichkeit gewinnt, einzusehen, wie er selbst als Mensch eigentlich im gesamten Kosmos drinnensteht.

[ 4 ] Es ist ja öfter, sogar in öffentlichen Vorträgen, hervorgehoben worden, daß durch diese imaginative Erkenntnis ein Lebenstableau für das gegenwärtige Erdenleben sich vor dem Menschen ausbreitet, daß der Mensch sein Leben in gewaltigen Bildern überschaut, daß er dabei gerade dasjenige überschaut, was diegewöhnliche Erinnerung nicht geben kann.

[ 5 ] Man kann sagen: Bei dieser Überschau, die ja aus dem Streben nach imaginativer Erkenntnis hervorgeht, ist der Mensch zunächst ganz in seinem physischen und ätherischen Leibe drinnen. Er macht sich durch die entsprechenden Übungen nur ganz unabhängig von alldem, was aus dem physischen Leibe heraus Eindrücke vermittelt. Der Mensch wird also durch die imaginative Erkenntnis unabhängig von seinen Sinneseindrücken, unabhängig von seiner Verstandeserkenntnis. Er lebt im Erkennen nur im ätherischen Leibe. Dadurch hat er dieses Erinnerungstableau.

[ 6 ] Also wir können sagen: Der Mensch lebt im Übersinnlichen, aber er lebt im Übersinnlichen so, daß er sich innerlich losgetrennt hat von seinem physischen Leibe. Sehen Sie, diese imaginative Erkenntnis wäre eigentlich gar nicht so schwierig zu erringen, wie es bei den meisten Menschen tatsächlich der Fall ist, wenn mehr Neigung dazu vorhanden wäre, den innerlichen Zusammenhalt des ganzen seelischen Lebens mit dem physischen Leibe zu durchbrechen.

[ 7 ] Natürlich, man kann verhältnismäßig leicht dasjenige durchbrechen, was an die unmittelbare sinnliche Auffassung geknüpft ist. Aber denken Sie sich nur, daß der Mensch ja mit seinem physischen Leibe auch durch die Seelenverfassung zusammenhängt, die er sich im Erdenleben aneignet. Wir sind ja, wenn wir in Lebensstimmungen sind für den physischen Plan, abhängig auch von dem physischen Leibe. Lebensstimmungen sind durchaus auch durch den physischen Leib bedingt. Wenn der Mensch dies oder jenes seinem Können, seinen Talenten, seiner sonstigen inneren Seelenverfassung zuschreibt, so hängt das alles mit seinem Erleben im physischen Leibe zusammen. Von alldem muß man, will man wirkliche imaginative Erkenntnis erlangen, frei werden. Wenn man nur eine Minute lang wirklich frei wird, so weiß man schon, was imaginative Erkenntnis ist, und dann eröffnet sich schon allmählich das Lebenstableau.

[ 8 ] Nun müssen Sie diesen Unterschied ins Auge fassen zwischen «mit dem physischen Leibe verbunden sein und dadurch drinnen sein im physischen Leibe», und «nicht mit dem physischen Leibe verbunden sein und doch drinnenstecken im physischen Leibe.» Das ist ein Unterschied, und das macht gerade die imaginative Erkenntnis aus: drinnen steckenbleiben im physischen Leibe, gar nicht herausgehen, aber dennoch unabhängig werden von ihm.

[ 9 ] Wenn Sie selber mit Ihrem seelisch-geistigen Leben im physischen Leibe bleiben, dann ist das so, daß Sie ihn ausfüllen, auch wenn Sie nicht mit ihm verbunden sind. Sie füllen ihn aus. Ich möchte schematisch dieses so zeichnen.

[ 10 ] Nehmen wir die gewöhnliche tägliche Lebensverfassung des Menschen an. Nehmen wir an, das sei der physischen Leib (siehe Zeichnung a, außen, hell), das sei der ätherische Leib (lila) und das sei das GeistigSeelische (gelb). Nun ist das in der folgenden Weise: Der Mensch hängt überall mit Muskeln, Knochen, Nerven von seinem ätherischen Leibe aus mit dem physischen Leibe zusammen. Diese Zusammenhänge sind überall da von dem ätherischen Leibe zu dem physischen Leibe. Denken Sie sich also, damit wir einen Vergleich haben: Sie haben ein poröses Tongefäß und schütten eine Flüssigkeit hinein, die Flüssigkeit füllt die Poren dieses porösen Tongefäßes aus. Es ist also die Flüssigkeit ausgelaufen in das poröse Tongefäß.

[ 11 ] Nun kann es aber auch so sein, daß Sie nicht ein poröses 'Tongefäß haben, sondern ein solches, welches gar nichts von der Flüssigkeit in sich aufnimmt; dann wird die Flüssigkeit nur eben darinnen sein in dem Tongefäß, gar keine Verbindung mit dem Inneren der Wände des Tongefäßes selber haben. So ist der Mensch in der imaginativen Erkenntnis in seinem Leibe drinnen, aber der Ätherleib geht nicht in die Muskeln, in die Knochen und so weiter hinein. So daß ich das dann so zeichnen kann: Physischer Leib (siehe Zeichnung b); der Ätherleib bleibt aber jetzt für sich, und da drinnen ist das Geistig-Seelische des Menschen. Es ist nur im Inneren des Menschen der Ätherleib herausgehoben. Die Folge dieses Heraushebens muß natürlich zur Wahrnehmung gelangen, wenn man wiederum in den alten Zustand zurückkommt. Daher ist es nur natürlich, daß der Mensch, wenn er wirklich sich bemüht herauszukommen aus seinem physischen Leibe und dennoch drinnenbleibt, wie es bei der imaginativen Erkenntnis der Fall ist, daß er sich nicht nur ermüdet, sondern schwer fühlt, daß er seinen physischen Leib dann stark fühlt, weil er ja wiederum hineinkriechen muß.

[ 12 ] Das ist so für das imaginative Erkennen, nicht aber für das inspirierte Erkennen. Das inspirierte Erkennen, das bei leerem Bewußtsein, wie ich Ihnen auseinandergesetzt habe, eintritt, dieses inspirierte Erkennen bewirkt, daß der Mensch mit seinem Geistig-Seelischen außerhalb seines physischen Leibes ist. Das ist also (Zeichnung c) das Geistig-Seeelische außerhalb des physischen und des Ätherleibes.

[ 13 ] Die äußere Konfiguration muß also sein wie im Schlaf. Der Mensch muß mit seinem Ich und mit seinem astralischen Leib ganz außerhalb des Ätherleibes sein können. Dann erst tritt die inspirierte Erkenntnis ein.

[ 14 ] Wenn aber jetzt der Mensch wiederum zurückkehrt in seinen physischen und Ätherleib, dann merkt er, daß in diesem physischen und Ätherleib etwas darinnen ist, daß dieser physische und Ätherleib gar nicht so sind, wie man sie sonst erfaßt, sondern daß da etwas darinnen ist. Das ist sehr wichtig. Und es ist deshalb sehr wichtig, weil eigentlich dadurch, daß man das weiß, der ganze Vorgang der Initiation bezeichnet wird.

[ 15 ] Man gelangt ja zunächst dazu, eine gewisse Schwierigkeit zu haben, nach der Inspiration wiederum in den physischen Leib zurückzukommen, weil man eigentlich das Gefühl hat, man taucht in etwas ganz anderes unter als das, in dem man gewöhnlich als in seinem physischen und in seinem Ätherleib drinnensteckt.

[ 16 ] Nun erinnern Sie sich, daß ich Ihnen gestern gesagt habe: Wenn man zurückblickt und das Erinnerungstableau hat, und dieses Erinnerungstableau dann durch die inspirierte Erkenntnis auslöscht, wenn man also in der inspirierten Erkenntnis ist, dann nimmt man eben in der inspirierten Erkenntnis wahr, was da drinnen ist im physischen Leibe. Man nimmt nämlich wahr, wenn man auslöscht das Erinnerungstableau für die Zeit von der Geburt bis zum siebenten Jahre, bis zum Zahnwechsel: In diesem physischen Leibe war eine Engelwesenheit drinnen. Man nimmt eine dritte Hierarchie in einem Wesen wirklich wahr. So daß der Tatbestand dieser ist: Man gelangt aus seinem physischen Leib heraus, kommt wiederum in diesen physischen Leib als in sein menschliches Haus zurück, und siehe da, man trifft seinen Engel drinnen, wenn man auf die Zeit von der Geburt bis zum siebenten Lebensjahre zurückblickt.

[ 17 ] Sehen Sie, solche Tatsachen wurden schon einmal in der Menschheitsentwickelung gewußt, und zwar zu verschiedenen Zeiten in verschiedener Weise gewußt im alten instinktiven Hellsehen, und mit solchen Tatsachen rechnete man bei gewissen Veranstaltungen des menschlichen Lebens.

[ 18 ] Man hatte ja in alten Zeiten durchaus das Bewußtsein, daß man die Namengebung einrichtet nach geistigen Tatsachen. Heute ist es den Leuten in der Regel gleichgültig, was ihre Kinder für Namen bekommen. Für manchen ist ja nur ein Gesichtspunkt der, daß die Sache schön klingt und dergleichen. Manchmal ist sogar eine gewisse Koketterie bei der Namengebung da. Es gefällt den Leuten der Name. Es gab alte Zeiten, in denen die Namengebung zusammenhing mit einer Beziehung, die man sich dachte, mit einer Beziehung des Kindes zur geistigen Welt. Nehmen Sie zum Beispiel ein Zeitalter an, in dem man eine prophetische Wesenheit mit Namen Elisa verehrt hat: da hat man gewisse weibliche Kinder genannt Elisabeth, das heißt das Haus des Elisa. Und so ist ausgedrückt gewesen, daß man dieses Kind in die Welt hereingesetzt hat unter der Voraussetzung, daß man sich dadurch die Gnade des betreffenden Propheten sichern wollte. Und so sind die Namen gegeben worden in dieser Absicht.

[ 19 ] Warum? Weil man gewußt hat, daß der Mensch, wenn er außer seinem Leibe ist und wieder in seinen Leib zurückkehrt, daß er dann eigentlich wird zum Träger, daß er sich sieht als den Träger geistiger Wesenheiten. Und der ganzen Vorstellung, daß insbesondere Kinder von ihrem Engel geschützt werden, der liegt zugrunde, daß man bei der Initiation, wenn man auf diese Zeit von der Geburt bis zum siebenten Jahre zurückblickt, das erlebt, was ich gestern dadurch charakterisiert habe, daß ich sagte: Wenn man im Erinnerungstableau diese Zeit auslöscht, so scheint die Hierarchie der Angeloi durch, beziehungsweise die Mondenverrichtungen. — Ich sagte gestern schon: Das ist etwas verschoben, aber auf das alles werden wir zu sprechen kommen. — Also man sieht das zugleich dann als etwas, das im Menschen drinnensteckt.

[ 20 ] Und wiederum, wenn man zum Beispiel auf dasjenige zurückblickt, was vom siebenten bis vierzehnten Jahre liegt, und dann zurückkehrt in seinen Leib, so findet man eine Erzengelwesenheit. Diese Erzengelwesenheit ist natürlich auch von der Geburt bis zum siebenten Jahre darinnen. Man findet sie nur nicht, wenn man nur auf diesen Zeitraum zurückblickt von der Geburt bis zum siebenten Lebensjahre. Und so ist es, daß man bei dieser Rückkehr von außerhalb des Leibes in den Leib hinein gewahr wird: Da drinnen sind ja alle Wesenheiten der höheren Hierarchien. Nur kann man zu dieser Art von Selbsterkenntnis, daß der Leib der Träger der Wesenheiten der höheren Hierarchien ist, gar nicht anders kommen als dadurch, daß man erst draußen ist und wiederum in den Leib zurückkehrt.

[ 21 ] Das kann aber wieder nur im Zusammenhange mit einer anderen Tatsache verstanden werden. Sehen Sie, in der Welt sind viele Sterne, und ich habe Ihnen gesagt, diese Sterne sind nur die äußeren Zeichen für Götterkolonien. Kolonien geistiger Wesenheiten sind in Wirklichkeit da, wo das äußere Zeichen des Sternes funkelt. Aber Sie dürfen sich nicht vorstellen, daß diese Götter mit ihrem Bewußtsein nur, sagen wir zum Beispiel, in der Venus oder in der Sonne oder im Merkur oder im Sirius und so weiter sind, sondern hauptsächlich sind sie dort. Dort sozusagen haben sie den Schwerpunkt ihres Wesens. Aber alle geistigen Wesenheiten des Kosmos, die irgend etwas zu tun haben mit der Erde, die können gar nicht so im Weltenall existieren, daß man sagen kann, sie bewohnen nur Mars oder Venus. So paradox es Ihnen klingen wird, muß ich doch sagen: Die Götterwesenheiten, die zur Erde gehören, und die Mars-, Venus-, Jupiter- und so weiter -bewohner sind, auch die Sonnenbewohner, wären blind, wenn Sie nur die Sonne oder den Mars oder den Jupiter bewohnen würden. Sie wären so blind, wie wir blind sind, wenn wir kein Auge haben. Sie wären da, würden wirken, wie wir gehen können und greifen können, wenn wir kein Auge haben, aber sie würden nicht sehen — natürlich auf Götterart ist das gemeint —, sie würden nicht wahrnehmen durch ein gewisses Wahrnehmungsvermögen, was im Kosmos vorgeht. Daraus aber müssen Sie sich die Frage aufwerfen, meine lieben Freunde: Wo ist das Auge, das Wahrnehmungsvermögen der Götter? Wo ist das? — Und sehen Sie, dieses Wahrnehmungsvermögen der Götter ist neben dem, was er noch sonst ist, der Mond, der unser Nachbar im Kosmos ist. Alle göttlichen Wesenheiten von Sonne, Merkur, Mars, Jupiter, Saturn haben im Monde ihr Auge. Sie sind zugleich im Monde.

[ 22 ] Und nun bedenken Sie, was alles mit den Dingen, die hier zum Beispiel betrachtet worden sind, eigentlich gesagt ist. Nehmen Sie nur die eine Tatsache. Vom Monde wurde gesagt, daß er einmal ein Teil der Erde war und erst im Verlaufe der Zeit aus der Erde herausgegangen ist. Damals also war das Auge der Götter mit der Erde verbunden, die Götter beschauten von der Erde aus das Weltenall. Daher konnten damals auch die großen Urlehrer die Weisheit, die sie der Menschheit gebracht haben, dieser Menschheit geben. Denn indem sie auf der Erde lebten, schauten sie mit dem Auge der Götter in den Kosmos hinaus, weil der Mond in der Erde war. Und als der Mond wegging, konnten sie eine Zeitlang noch die Erinnerung haben, konnten aus der Erinnerung heraus sehen, was mit dem Auge der Menschheit angeschaut da war, konnten die Götter belehren, mußten aber dann ihren Weg zum Monde machen und selber eine Kolonie begründen, wo jetzt eben die Urlehrer sind, damit sie mit dem Auge der Götter schauen können.

[ 23 ] Bedenken Sie ein anderes: Jahve regierte das jüdische Herz, die jüdische Seele vom Monde aus, und diejenigen der großen Urlehrer der Menschheit, die noch teilnahmen an dem Jahve-Kultus und der JahveLehre, die hatten sich verbunden gerade mit Jahve im Monde, um mit seinem Auge in den Kosmos hinauszuschauen. Der Mond wird sich wieder einmal vereinigen mit der Erde. Dann wird der Mensch wiederum auf der Erde die Möglichkeit haben, mit dem Auge der Götter in den Kosmos hinauszuschauen. Dann wird er ein naturgemäßes Hinausschauen in den Kosmos haben. Das alles, sehen Sie, sind Tatsachen, welche den Menschen erst die wahre Natur des Weltenalls lehren können. Denn erst wenn man die Welt so anschaut, schaut man zum Monde in der richtigen Weise hin.

[ 24 ] Und jetzt bekommen wir auch den Grund, warum auf Erden gerade die Freiheit sich entwickeln kann. Solange der Mond mit der Erde verbunden war, und solange die alten Urlehrer aus ihrer Erinnerung heraus die Menschen lehrten, und solange man dann in den Mysterien noch das von den alten Urlehrern Gelehrte aufbewahrte, was ja bis ins 14. nachchristliche Jahrhundert hinein dauerte, so lange war alle Weisheit das mit den Augen der Götter Geschaute. Erst seit dem Zeitenraum, den ich Ihnen angegeben habe, 1413, ist die Erde ganz in die Unmöglichkeit versetzt, mit den Augen der Götter zu schauen. Da beginnt also mit der Entwickelung der Bewußtseinsseele die Möglichkeit, die Freiheit für die Menschen zu entwickeln.

[ 25 ] Aber eigentlich ist der Mensch ja auf der Erde nur in bezug auf seine sinnliche Wahrnehmung und in bezug auf alles das, was Verstandeserkenntnis ist, denn das hängt mit dem sinnlich-physischen Leib zusammen. — In Wahrheit ist die Sache so: Wenn wir uns den Menschen vorstellen (Zeichnung Seite 228), so ist er nur in bezug auf seine Sinne und auf seine Verstandeserkenntnis herausragend über die Hierarchien, die über ihm wohnen — ich müßte also das Rote über den Wärmesinn und alles führen (rot) —, während er mit Bezug auf alles, was hinter seinem Verstande liegt, ausgefüllt ist mit der dritten Hierarchie (hellgrün). Mit Bezug auf alles, was hinter seinem Fühlen liegt, ist er ausgefüllt mit der zweiten Hierarchie (Brust, orange), für alles das, was hinter seinem Wollen ist, mit der ersten Hierarchie (Rumpf, gelb).

[ 26 ] Wir sind also eigentlich in den Hierarchien drinnen und ragen nur mit unseren Sinnesorganen und mit unserem Verstande aus der Welt der Hierarchien heraus. Wir sind wirklich so als Menschen, wie wenn wir schwimmen würden und nur ein wenig oben mit dem Kopf herausragen würden. So ragen wir mit unseren Sinnen und mit unserem Verstande aus dem Meere der Hierarchienwirkungen heraus.

[ 27 ] Das findet man alles, wenn man wieder aus dem außerleiblichen Wahrnehmungszustand in den Leib zurückkehrt. Da findet man, wie der Mensch das Haus der Götter ist.

[ 28 ] Daraus geht Ihnen aber ein weiteres hervor, meine lieben Freunde: Wenn die Götter kosmisch schauen wollen, dann schauen sie durch den Mond. Wenn die Götter heute noch von der Erde aus, was einen ganz anderen Aspekt gibt, den Kosmos betrachten wollen, dann müssen sie aus dem Menschen heraus schauen. Und das Menschengeschlecht ist das andere Auge der Götter.

[ 29 ] Auf naturgemäßee Weise konnte der Mensch in uralten Zeiten mit dem Auge der Götter schauen, weil der Mond mit der Erde vereinigt war. Er wird es wieder können, wenn der Mond sich wieder mit der Erde vereinigen wird. Durch die Initiation, dadurch, daß der Mensch gewahr wird beim Zurückgehen in den Leib, daß das ja Götter sind, und er diese Bekanntschaft mit den Göttern macht, lernt er durch des Menschen Auge die Welt betrachten. So daß die Initiation dasselbe gibt, was eben früher die Benützung des Mondenauges den Göttern gegeben hat.

[ 30 ] Alles das, was wir nun mit dem gewöhnlichen Bewußtsein tun, die Absichten, die wir mit dem gewöhnlichen Bewußtsein realisieren, sind von uns abhängig; aber unser Karma wird von den Hierarchien, die in uns sind, geformt und gebildet. Da haben Sie also die eigentlichen Gestalter einer ganz anderen Weltenordnung, einer Weltenordnung, die vom Moralisch-Seelischen ausgeht. Das ist die andere Seite des Menschen, die Hierarchienseite.

[ 31 ] Solange man bei der imaginativen Erkenntnis bleibt und zurückschaut auf das eigene Erdenleben, so lange ist man völlig überzeugt davon, daß man als Mensch eine Einheit ist; man ist auch völlig überzeugt davon, daß gewisse Handlungen im Leben frei sind, weil man sie aus der Einheit der Menschennatur heraus vollbringt. Man merkt auch noch nicht viel von seinem Karma bei der bloßen imaginativen Erkenntnis. Tritt die inspirierte Erkenntnis ein und kehrt man wiederderum zurück in den Leib, dann fühlt man sich aufgeteilt in eine Welt von unzähligen Hierarchien. Man gelangt in seinen Leib zurück und weiß zunächst nicht, wer man ist. Ist man der Engel, ist man dieses Wesen aus der Hierarchie der Dynamis, Exusiai und so weiter? Man ist aufgeteilt in eine Welt von Wesenheiten. Man ist betäubt von der Vielheit seines Wesens, denn man ist mit diesen Wesen allen eins.

[ 32 ] Da muß dann durch die entsprechenden Übungen der Mensch so stark werden, daß er demgegenüber seine Einheit geltend machen kann. Aber dann sieht man auch — es ist dieses ja die Nachwirkung des Lebens zwischen dem Tod und einer neuen Geburt —, wie das Karma geformt wird durch das Zusammenwirken so vieler Wesenheiten, die in einem drinnen sind. Da wirken ja unzählige Wesen mit bei dem, was das Karma formt; unzählige Götterwesen wirken da mit. So daß man wirklich sagen kann: Die Menschenwesenheit bringt nur in bezug auf die Verstandestätigkeit und die Sinnentätigkeit ein Erdenleben zu. In bezug auf die Gefühls- und Willenstätigkeit lebt ja der Mensch das Götterleben mit. Ja sogar in bezug auf eine weiter zurückliegende verborgene Gedankentätigkeit lebt der Mensch das Götterleben mit: In bezug auf eine verborgene Gedankentätigkeit das Leben der Angeloi, Archangeloi, Archai; in bezug auf das Verborgene im Gefühlsleben das Leben der Exusiai, Dynamis, Kyriotetes; in bezug auf den Willen lebt der Mensch mit das Leben der Cherubim, Seraphim, Throne. Dieses, was man menschliches Schicksal nennt, ist daher eine Götterangelegenheit und muß als Götterangelegenheit auch behandelt werden.

[ 33 ] Was heißt denn aber das für das Erdenleben? Der Mensch ist eigentlich, wenn er sich nicht dazu bequemt, eine gewisse Gelassenheit zu entwickeln gerade in bezug auf sein Schicksal, wenn er mit seinem Schicksal grollt, wenn er, von sich aus natürlich, mit seinem Schicksal unzufrieden ist, wenn er in das Schicksal durch subjektive Entschlüsse hineinpfuscht, da ist der Mensch eigentlich so, wie wenn er fortwährend die Götter stören würde bei der Bildung seines Schicksals. Man kann eigentlich nur in seinem Schicksal leben, wenn man mit Gelassenheit das Leben hinnehmen kann. Und empfinden, wie das Schicksal wirkt, das gehört eben zu den Dingen, die mit starken Prüfungen der Menschennatur verknüpft sind. Und kann der Mensch wirklich dazu gelangen, es mit seinem Schicksal ernst zu nehmen, dann wird er gerade aus dem Erleben seines Schicksals die größten Antriebe erfahren können, die stärksten Impulse aufnehmen können, um mit der geistigen Welt zu leben. Und dann wird der Mensch zunächst eine Empfindung bekommen, aus dem Leben heraus eine Empfindung bekommen, wie Schicksalszusammenhänge sind.

[ 34 ] Den neuzeitlichen, modernen Menschen ist ja diese Feinheit, Zartheit der Empfindung vielfach verlorengegangen. Sie empfinden grob. Aber nehmen Sie einmal an, der Mensch läßt sich in einer zarteren Empfindung darauf ein, innerlich sein Verhältnis zu überschauen, das er zu einem Menschen gehabt hat, der in der Jugend ihm Vorbild, Lehrer oder irgend etwas war. Es ist ja nicht ausschließlich so, daß die Menschen auf solche, die ihre Lehrer waren, nur so zurückblicken müssen, daß sie sie eigentlich verachten, sondern es gibt ja auch durchaus die Möglichkeit und die Fälle, wo die Menschen mit einer gewissen inneren Befriedigung zurückblicken auf solche, die ihre Erzieher, ihre Vorbilder waren. Da kann sich dann dieses Zurückblicken im intimen inneren Erleben in einer gewissen Weise vertiefen. Man kann finden, wie man zum Beispiel zwischen dem siebenten und vierzehnten Jahre empfand: Das, was diese verehrte Lehrerautorität machte, das müsse man auch machen, man könne gar nicht anders, als das auch machen. Oder man fühlt, wenn diese verehrte Lehrerindividualität etwas lehrt, etwas sagt, als ob man das schon gehört hätte, als ob das nur Wiederholung wäre. Das gehört sogar zu den schönsten Errungenschaften des Lebens, wenn man auf so etwas hinsehen kann wie auf eine Wiederholung. Und dann kommt man darauf: Da muß ja etwas zugrunde liegen. Und da kann man schon mit dem gesunden Menschenverstand sagen: In diesem Leben kann natürlich da nichts zugrunde liegen. Da wird man durch den gesunden Menschenverstand auf frühere Erdenleben verwiesen. So werden auch viele Menschen durch ihren gesunden Menschenverstand auf frühere Erdenleben verwiesen.

[ 35 ] Nun, was liegt vor, wenn man in dieser Weise auf einen Lehrer oder auf einen Erzieher zurückblicken kann? Da liegt das vor, meine lieben Freunde: Der Mensch hat in diesem Leben diesen Erzieher durch das Schicksal erhalten. Es ist ja nun einmal ein Karma, einen Lehrer durch ein Schicksal zu erhalten. Das weist zurück auf früheres Erdenleben.

[ 36 ] In der Regel — das zeigt nun die okkulte Beobachtung — ist es nicht so, daß in diesem früheren Erdenleben der Lehrer bereits Lehrer war des Betreffenden, sondern er stand zu ihm in einem ganz anderen Verhältnisse. Man nimmt die Gedanken auf, wenn man einem Lehrer oder einem Erzieher gegenübersteht — wenn auch im Bilde —, man nimmt in der richtigen Pädagogik gerade die Gedanken, die Vorstellungen auf. Wenn das der Fall ist, so führt das in der Regel zurück auf ein früheres Erdenverhältnis, wo man nicht Gedanken, sondern Gefühle aufgenommen hat von der betreffenden Persönlichkeit, wo man weniger Gelegenheit hatte, Gedanken aufzunehmen, als vielmehr Gefühle aufzunehmen von der betreffenden Persönlichkeit, die in der mannigfaltigsten Weise durch das Leben vermittelt sein können. Wir können dasselbe auch für das jetzige und ein folgendes Erdenleben charakterisieren.

[ 37 ] Nehmen wir einmal an, jemand hat in diesem Erdenleben Gelegenheit, viel innere herzliche Sympathie zu haben für diesen oder jenen Menschen, mit dem er heute nicht sonderlich in ein Lebensverhältnis kommt, dem er nur begegnet, aber der ihm ungeheuer sympathisch ist. Es kann dann so sein, daß diese Sympathien, die da entwickelt werden in dem jetzigen Erdenleben, dazu führen, daß der Betreffende, der diese Sympathien entwickelt, in einem folgenden Erdenleben den, für den er die Sympathien entwickelt, zum Lehrer hat, zum Erzieher hat.

[ 38 ] Und was ist da objektiv dann geschehen? Wenn man zu jemandem Gefühlssympathien entwickelt, dann hängt das ab von dem, was die Wesenheiten der zweiten Hierarchie, die Wesenheiten der Exusiai, Dynamis, Kyriotetes im Menschen und um den Menschen herum für ihn entfalten.

[ 39 ] Wenn dann im nächsten Leben der Einfluß nicht auf dem Umweg der Gefühle, sondern auf dem Umweg der Gedanken und Vorstellungen geschieht, dann haben die Wesenheiten der zweiten Hierarchie dasjenige, was sie in einem vorhergehenden Leben getan haben, an die Wesenheiten der dritten Hierarchie, an Angeloi, Archangeloi, Archai abgegeben, und die wirken jetzt im Menschen darinnen.

[ 40 ] So daß, denken Sie, das folgende vorliegt: Wenn unser Karma von einem Erdenleben zum anderen sich entwickelt, dann bedeutet das, daß Taten, wirkliche Taten übergehen von einer Hierarchie auf die andere, daß im Kosmos, im geistigen Kosmos etwas ungeheuer Bedeutungsvolles geschieht.

[ 41 ] Wir blicken also gewissermaßen, wenn wir auf das Schicksal des Menschen sehen, wie durch einen Schleier in ein weitausgebreitetes Weltgeschehen. Das kann schon, wenn wir uns das so recht zum Bewußtsein bringen, im allerhöchsten Grade einen sehr starken Eindruck auf den Menschen machen. Sie brauchen sich das wirklich nur recht gemütsmäßig vorzustellen.

[ 42 ] Stellen Sie sich vor, Ste überschauen das schicksalsmäßige Leben eines Menschen. Man sollte das schicksalsmäßige Leben eines Menschen wahrhaftig nicht gleichgültig überschauen, denn indem man auf das Schicksal eines Menschen hinschaut, überschaut man eigentlich etwas, was an Taten sich von der obersten Hierarchie in die unterste, von der untersten wiederum zurück in die oberste ergießt. Auf ein Weben und Arbeiten und Leben in der Reihenfolge der Hierarchien schaut man, wenn man auf das Schicksal eines Menschen hinschaut. Man sollte im Grunde genommen das Schicksal eines Menschen mit einer ungeheuren inneren Pietät, mit tiefer innerer Ehrfurcht betrachten, weil man, indem man das Schicksal eines Menschen betrachtet, vor der ganzen Welt der Götter steht.

[ 43 ] Das habe ich eigentlich etwas zur Empfindung bringen wollen, als ich meine Mysterien verfaßte, wo Sie immer finden Bilder, die im Erdenleben vor sich gehen, und Bilder, die drüben in den geistigen Welten vor sich gehen. Und ich habe in meinen Mysterien auch anschaulich gemacht, wie nicht nur schließlich die oberen Hierarchien, sondern auch die Elementarwesen, und wie das Ahrimanische und Luziferische in das Leben und Weben der Taten, die von oben nach unten, von unten nach oben erfließen, sich hineinmischen, wenn das Schicksal des Menschen sich erfüllt.

[ 44 ] Denken Sie an die Szenen, die sich abspielen für Strader und Capesius im Übersinnlichen, wo sie als ganz andere Wesensformen auftreten, aber dieselben sind. Das ist ja nur die andere Seite, die wirklich im Menschen ist, dasjenige, was in der Welt der Götter, und nicht in der Welt der Erdenreiche, der Mineralien, der Tiere, der Pflanzen, der Berge, der Wolken und Bäume und so weiter ist. Wie mit heiliger Scheu hinzuschauen auf die Schicksale der Menschen, das ist auch etwas, was wir uns aneignen müssen, was die Zeit sich aneignen muß. Wenn man Biographien liest, die unsere heutigen materialistisch gesinnten Menschen schreiben, so ist es eigentlich furchtbar, denn die werden ohne heilige Scheu vor dem Schicksal desjenigen geschrieben, für den man diese Biographie schreibt. Eigentlich sollten Biographen wissen, daß, indem sie in ein Menschenleben auch nur schildernd hineingreifen, sie in einer unsichtbaren Weise in alle Hierarchien hineingreifen.

[ 45 ] Durch solche Erwägungen kommt man zu der Gefühlsseite der Anthroposophie, wird gewahr, wie alles, was als Anthroposophisches an uns herankommt, auch unser Gefühl berühren muß, wie wir nicht nur etwas lernen, sondern wie wir auch angeregt werden, über die Welt Gefühle zu entwickeln, Gefühle, die uns eigentlich erst richtig in das Menschenleben hereinstellen. Und ohne daß wir auf solche Gefühle geführt werden, können wir eigentlich jene Gesetzmäßigkeit nicht durchschauen, die das Karma des Menschen durchzieht. Die kosmische Form des Karma und die individuelle Betrachtung karmischer Zusammenhänge