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Esoteric Considerations of Karmic Connections
Volume III
GA 237

4 August 1924, Dornach

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Zehnter Vortrag

Tenth Lecture

[ 1 ] Was als Empfindung hervorgerufen werden sollte, das ist, daß der einzelne innerhalb der anthroposophischen Bewegung Befindliche etwas verspürt von der eigentümlichen karmischen Stellung, welche gerade der Drang zur anthroposophischen Sache dem Menschen gibt. Wir müssen uns ja gestehen, daß im gewöhnlichen Lebenszusammenhange der Mensch wenig von seinem Karma verspürt, und daß er sich dem Leben so gegenüberstellt, als wenn eben aus zufälligen Verkettungen heraus die Dinge geschehen würden, die zu Erlebnissen für ihn werden. Daß in dem, was uns im Erdenleben begegnet von der Geburt bis zum Tode, eben der schicksalsgemäß-karmische Zusammenhang ist, das wird wenig beachtet. Und wenn es beachtet wird, dann glaubt man alsogleich, es drücke sich darinnen irgend etwas Fatalistisches aus, es drücke sich etwas aus, was die menschliche Freiheit in Frage stelle und dergleichen.

[ 1 ] What should be evoked as a feeling is that the individual within the anthroposophical movement should sense something of the unique karmic position that the very impulse toward the anthroposophical cause bestows upon a person. We must admit, after all, that in the ordinary course of life, people are largely unaware of their karma, and that they approach life as if the events that become their experiences were simply the result of chance sequences. Little attention is paid to the fact that what we encounter in our earthly life from birth to death is precisely this fateful, karmic connection. And when it is noticed, people immediately believe that it expresses something fatalistic, something that calls human freedom into question, and the like.

[ 2 ] Ich habe öfter davon gesprochen, daß gerade das intensive Durchschauen der karmischen Zusammenhänge das Wesen der Freiheit erst ins rechte Licht stellt. Und so brauchen wir auch nicht, wenn wir genauer die karmischen Zusammenhänge ins Auge fassen, zu fürchten, daß uns dadurch ein unbefangener Einblick in das Freiheitswesen des Menschen verlorengehen könne. Ich habe Ihnen die Dinge geschildert, welche sowohl mit früheren Erdenleben derjenigen, die in die MichaelGemeinschaft hereinkommen, zusammenhängen wie auch mit dem Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Sie sehen daraus, daß es bei solchen Menschen, also im Grunde genommen bei Ihnen allen, karmisch darauf ankommt, daß das Geistige eine große, eine bedeutungsvolle Rolle spielt in dem ganzen inneren Gefüge der Seele.

[ 2 ] I have often spoken of how it is precisely the intensive examination of karmic connections that sheds the proper light on the essence of freedom. And so, when we take a closer look at these karmic connections, we need not fear that we might thereby lose an unbiased insight into the nature of human freedom. I have described to you the matters related both to the past earthly lives of those who enter the Michael Community and to the life between death and a new birth. You can see from this that for such people—that is, essentially for all of you—it is karmically essential that the spiritual play a major, significant role in the entire inner structure of the soul.

[ 3 ] In unserer heutigen materialistischen Zeit kann ja eigentlich aus allen Erziehungs- und Lebensverhältnissen heraus ein Mensch zu so etwas wie zur Anthroposophie ehrlich nur dadurch kommen — sonst ist eben sein Kommen unehrlich —, daß er einen karmischen Impuls in sich hat, der ihn zum Geistigen treibt. Dieser karmische Impuls ist die Zusammenfassung alles dessen, was in der Weise durchgemacht worden ist vor dem Herabstieg in dieses Erdenleben, wie ich es geschildert habe.

[ 3 ] In our materialistic age, a person from virtually any educational or social background can honestly come to something like anthroposophy—otherwise, their coming to it is simply insincere—only if they have a karmic impulse within them that drives them toward the spiritual. This karmic impulse is the synthesis of everything that was experienced in the manner I have described prior to the descent into this earthly life.

[ 4 ] Das aber, daß der Mensch so stark verbunden ist mit geistigen Impulsen, die direkt auf seine Seele wirken, das bringt ihn dazu, in einer weniger intensiven Art, als dies bei anderen Menschen der Fall ist, beim Herabsteigen aus den geistigen in die physischen Welten sich hineinzufügen in die äußere Körperlichkeit. Man möchte sagen: Allen denen, die in der geschilderten Weise in die Michael-Strömung sich hineinlebten, war es vorgesetzt, mit einer gewissen Reserve in den physischen Leib hineinzugehen. Und das liegt durchaus auf dem Grunde des Karma der Anthroposophenseelen.

[ 4 ] However, the fact that human beings are so strongly connected to spiritual impulses that act directly upon their souls leads them, in a less intense way than is the case with other human beings, to adapt themselves to their outer physicality as they descend from the spiritual into the physical worlds. One might say: All those who immersed themselves in the Michael current in the manner described were required to enter the physical body with a certain reserve. And this is entirely rooted in the karma of anthroposophical souls.

[ 5 ] Bei denjenigen, die heute aus einem inneren Drange sich ganz bewußt und ängstlich fernhalten von dem Anthroposophischen, bei denen findet man überall ein volles Festsitzen in der physischen Körperlichkeit. Bei denen, die sich heute zu jenem geistigen Leben hinwenden, das die Anthroposophie geben will, findet man ein loseres Verhältnis wenigstens des Astralleibes und der Ich-Organisation gegenüber der physischen und der Ätherorganisation.

[ 5 ] In those who, out of an inner impulse, consciously and anxiously keep their distance from anthroposophy today, one finds everywhere a complete fixation on physical corporeality. In those who today turn toward the spiritual life that anthroposophy seeks to offer, one finds a looser relationship—at least on the part of the astral body and the “I” organization—toward the physical and etheric organizations.

[ 6 ] Das aber bedingt, daß der Mensch dann weniger leicht mit dem Leben fertig wird, einfach deshalb, weil er zwischen mehr Möglichkeiten zu wählen hat als andere, weil er leicht herauswächst aus dem, in das andere hineinwachsen. Bedenken Sie nur, wie stark mancher Mensch heute dasjenige ist, was er durch die äußeren Lebenszusammenhänge geworden ist, und es ist so, daß eigentlich, man möchte sagen, trotzdem es manchmal in einer merkwürdigen Weise der Fall ist, gar kein Zweifel aufkommen kann, daß er hineinpaßt in die Zusammenhänge. Man sieht einen Beamten, einen Kommerzienrat, einen Bauführer, einen Fabrikanten und so weiter: sie sind das, was sie sind, mit absoluter Selbstverständlichkeit. Gewiß, auch unter ihnen kommt es vor, daß sie sagen: Es scheint, als ob ich zu was Besserem geboren wäre oder wenigstens zu etwas anderem —; aber es ist dann nicht so ernst gemeint. Vergleichen Sie damit die unendlichen Schwierigkeiten, die da vorliegen bei denjenigen, die durch ihren inneren Drang in die Spiritualität der Anthroposophie hereingetrieben werden. Vielleicht bei nichts anderem zeigt sich das so eklatant, so merkwürdig intensiv wie gerade bei der Jugend, und zwar bei der jüngsten Jugend.

[ 6 ] But this means that a person then finds it harder to cope with life, simply because they have more options to choose from than others, because they easily outgrow what others are just growing into. Just consider how strongly some people today are defined by what they have become through the external circumstances of their lives, and the fact is that—even though it is sometimes the case in a curious way—there can be no doubt whatsoever that they fit into those circumstances. One sees a civil servant, a commercial councilor, a construction manager, a factory owner, and so on: they are what they are with absolute matter-of-factness. Certainly, even among them it happens that they say: “It seems as if I were born for something better, or at least for something different”—but they do not mean it all that seriously. Compare this with the endless difficulties faced by those who are driven by an inner urge into the spirituality of anthroposophy. Perhaps nowhere else is this evident so strikingly, so remarkably intensely, as among young people—and especially among the very youngest.

[ 7 ] Sehen Sie, wenn man namentlich die älteren Waldorfschüler nimmt, diejenigen, die in den höheren Klassen der Waldorfschule sind, so findet man sowohl bei männlichen wie bei weiblichen Schülern, daß sie in ihrem geistig-seelischen Entwickelungswege verhältnismäßig rasch fortschreiten, daß es aber dadurch selbst schon diesen jungen Leuten nicht leichter, sondern vielfach schwerer, weil komplizierter, wird, das Leben innerlich zu ergreifen. Die Möglichkeiten werden weitere, die Möglichkeiten werden größere. Und während es sonst im gewöhnlichen Gange des heutigen Lebens keine allzu große Aufgabe ist — gewisse Ausnahmen abgerechnet — für diejenigen, die als Erzieher, als Lehrer der aufwachsenden Jugend zur Seite stehen, Mittel und Wege zu finden, um in richtiger Weise zu raten, wird das Raten gerade dann schwerer, wenn man so wie in der Waldorfschule die Kinder vorwärtsbringt, weil das Allgemein-Menschliche mehr hervortritt, weil die Weite des Gesichtskreises, die angeeignet wird, eben eine größere Summe von Möglichkeiten vor das Seelenauge stellt.

[ 7 ] You see, if one considers, in particular, the older Waldorf students—those in the upper grades of the Waldorf school—one finds that both male and female students progress relatively quickly along their spiritual -psychic development, they progress relatively quickly; yet this does not make it easier for even these young people—but in many cases more difficult, because it is more complex—to grasp life inwardly. The possibilities become broader; the possibilities become greater. And while in the ordinary course of life today it is not an overly great task—barring certain exceptions—for those who stand by the side of growing youth as educators and teachers to find ways and means to offer guidance in the right way—this guidance becomes all the more difficult precisely when, as in the Waldorf school, children are guided forward, because the universal human qualities come more to the fore, and because the breadth of perspective they acquire presents a greater array of possibilities before the eye of the soul.

[ 8 ] Daher ist es ja für Waldorflehrer, nachdem sie durch ihr Karma zu diesem Berufe geführt wurden, so notwendig, ihrerseits Weite des Gesichtskreises, Welterkenntnis, Weltempfinden, Weite des Blickes sich anzueignen. Alle pädagogischen Maßregeln in den Details sind ja viel weniger wichtig an dieser Stelle als eben die Weite des Blickes. Und man kann schon sagen: An so etwas wie dem Karma eines solchen Lehrers zeigt es sich auch wiederum, wie die Summe der Möglichkeiten eine große wird, eine viel größere wird als sonst. Solch ein junger Mensch oder ein Kind gibt nicht bestimmte, sondern mannigfaltige, nach allen Seiten hin differenzierte Rätsel dem Lehrer auf. Für alles das, was da eigentlich vorliegt an karmischen Vorbedingungen, die zur Anthroposophie hindrängen, kann man am besten ein Verständnis hervorrufen, wenn man nicht pedantisch konturiert spricht, sondern wenn man solche Dinge mehr andeutet und mehr die Atmosphäre charakterisiert, in der Anthroposophen sich ausleben und sich entwickeln.

[ 8 ] That is why it is so essential for Waldorf teachers—once they have been led to this profession by their karma—to cultivate for themselves a broad perspective, an understanding of the world, a sense of the world, and a broad outlook. All the specific pedagogical measures are, after all, far less important at this point than precisely this breadth of vision. And one can certainly say: The very karma of such a teacher also reveals how the sum of possibilities becomes great—much greater than usual. Such a young person or child presents the teacher not with specific puzzles, but with manifold ones, differentiated in every direction. The best way to foster an understanding of all the karmic preconditions that actually exist and that draw people toward anthroposophy is not to speak in pedantically defined terms, but rather to hint at such things and to characterize the atmosphere in which anthroposophists live out their lives and develop.

[ 9 ] Das alles aber macht notwendig, daß der Anthroposoph eine Vorbedingung beachtet, eine besonders bei ihm stark entwickelte Vorbedingung seines Karma. Man kann das Verschiedenste angeben, und wir werden noch Mannigfaltiges angeben über die Gründe, warum der eine oder der andere Charakter, das eine oder das andere Temperament aus denjenigen Ereignissen der geistigen Welt heraus, die ich angeführt habe, zur Anthroposophie getrieben wird; aber alle diese Triebe, die da die einzelnen Anthroposophen zur Anthroposophie treiben, haben etwas wie ein Gegenbild, das stärker gemalt ist vom Weltengeiste, als es bei anderen Menschen der Fall ist.

[ 8 ] That is why it is so essential for Waldorf teachers—once they have been led to this profession by their karma—to cultivate for themselves a broad perspective, an understanding of the world, a sense of the world, and a broad outlook. All the specific pedagogical measures are, after all, far less important at this point than precisely this breadth of vision. And one can certainly say: The very karma of such a teacher also reveals how the sum of possibilities becomes great—much greater than usual. Such a young person or child presents the teacher not with specific puzzles, but with manifold ones, differentiated in every direction. The best way to foster an understanding of all the karmic preconditions that actually exist and that draw people toward anthroposophy is not to speak in pedantically defined terms, but rather to hint at such things and to characterize the atmosphere in which anthroposophists live out their lives and develop.

[ 10 ] Es erfordert alles das, was da als viele Möglichkeiten in bezug auf die mannigfaltigsten Lebensdinge da ist, von den Anthroposophen Initiative, innere Initiative des seelischen Lebens. Und bekanntmachen muß man sich damit, daß für den Anthroposophen etwa der folgende Satz gilt, daß der Anthroposoph sich sagen muß: Bin ich nun einmal durch mein Karma Anthroposoph geworden, so verlangt dasjenige, was mich hat treiben können zur Anthroposophie, daß ich achtgebe, wie in meiner Seele — irgendwie mehr oder weniger tief — die Notwendigkeit erscheint, im Leben Seeleninitiative zu finden, aus dem Innersten des eigenen Wesens heraus etwas beginnen zu können, etwas beurteilen zu können, etwas entscheiden zu können. |

[ 9 ] All of this, however, makes it necessary for the anthroposophist to take into account a prerequisite—one that is particularly strongly developed in him—regarding his karma. One could cite a wide variety of examples, and we will yet cite many more regarding the reasons why one character or another, one temperament or another, is drawn to anthroposophy by those events in the spiritual world that I have mentioned; but all these impulses that drive individual anthroposophists toward anthroposophy have something like a counter-image that is more strongly imprinted by the World Spirit than is the case with other people.

[ 11 ] Das ist im Karma eines jeden Anthroposophen eigentlich geschrieben: Werde ein Mensch mit Initiative, und siehe nach, wenn du aus Hindernissen deines Körpers oder aus Hindernissen, die sich dir sonst entgegenstellen, den Mittelpunkt deines Wesens mit der Initiative nicht findest, wie im Grunde genommen Leiden und Freuden bei dir von diesem Finden oder Nichtfinden der persönlichen Initiative abhängen! — Das ist etwas, was wie mit goldenen Buchstaben immer vor der Seele des Anthroposophen stehen sollte, daß er Initiative in seinem Karma liegend hat, und daß vieles von dem, was ihm im Leben begegnet, davon abhängt, inwieferne er sich dieser Initiative willentlich bewußt werden kann.

[ 11 ] This is, in fact, written in the karma of every anthroposophist: Become a person of initiative, and observe how—if, due to physical obstacles or other challenges that stand in your way, you fail to find the center of your being through initiative—your suffering and joy ultimately depend on whether or not you find this personal initiative! — This is something that should always stand before the soul of the anthroposophist as if in golden letters: that initiative lies within his karma, and that much of what he encounters in life depends on the extent to which he can willfully become aware of this initiative.

[ 12 ] Bedenken Sie, daß damit eigentlich außerordentlich viel gesagt ist; denn zugleich ist ja in der Gegenwart außerordentlich viel Beirrendes in bezug auf alles das, was das Urteilen lenken und leiten kann. Und ohne ein klares Urteilen über die Verhältnisse des Lebens windet sich die Initiative nicht aus den Untergründen der Seele heraus. Aber was bringt uns denn zu einem klaren Urteilen über das Leben, gerade in der Gegenwart?

[ 12 ] Consider that this actually says an extraordinary amount; for at the same time, there is an extraordinary amount in the present that can mislead us with regard to everything that can direct and guide our judgment. And without a clear judgment about the circumstances of life, initiative cannot emerge from the depths of the soul. But what leads us to a clear judgment about life, especially in the present?

[ 13 ] Nun, meine lieben Freunde, wollen wir einmal einen der wichtigsten Charakterzüge unserer Zeit ins Auge fassen, und wollen wir uns einmal die Frage beantworten, wie wir gegenüber einem der wichtigsten Charakterzüge unseres gegenwärtigen Lebens zu einer gewissen Klarheit kommen können. Sie werden sehen: bei dem, was ich jetzt sagen werde, handelt es sich um so etwas wie das Ei des Kolumbus. Aber beim Ei des Kolumbus handelt es sich darum, daß einem einfällt, wie man es aufstellt, damit es stehen bleibt, und auch bei dem, was ich jetzt besprechen werde, wird es sich darum handeln, daß einem die Sache einfällt.

[ 13 ] Well, my dear friends, let us consider one of the most important characteristics of our time, and let us try to answer the question of how we can gain some clarity regarding one of the most important aspects of our present-day lives. You will see: what I am about to say is something like Columbus’s egg. But with Columbus’s egg, it’s a matter of figuring out how to position it so that it stands upright, and what I’m about to discuss will also be a matter of figuring out the solution.

[ 14 ] Wir leben in der Zeit des Materialismus. Dasjenige, was schicksalsmäßig sich um uns, in uns abspielt, steht ja alles im Zeichen dieses Materialismus auf der einen Seite und des zunächst überallhin verstreuten Intellektualismus auf der anderen Seite. Ich habe diesen Intellektualismus gestern charakterisiert an dem Journalismus und an dem Drang, überall in Volksversammlungen die Angelegenheiten der Welt zu entwickeln. Man muß sich bewußt werden, wie stark heute unter dem Einflusse dieser beiden Zeitenströmungen der Mensch steht. Denn es ist fast so unmöglich, sich diesen Zeitströmungen des Intellektualismus und des Materialismus zu entziehen, wie es unmöglich ist, ohne Regenschirm, wenn es regnet, nicht naß zu werden. Es ist eben überall um uns herum da.

[ 14 ] We live in an age of materialism. Everything that fatefully unfolds around us and within us is, after all, shaped by this materialism on the one hand and by intellectualism—which is, for the time being, scattered everywhere—on the other. Yesterday I characterized this intellectualism in terms of journalism and the urge to discuss world affairs at every public gathering. One must realize just how strongly people today are influenced by these two currents of our time. For it is almost as impossible to escape these currents of intellectualism and materialism as it is impossible to avoid getting wet without an umbrella when it rains. It is simply all around us.

[ 15 ] Denken Sie doch nur einmal: Wir können doch einfach gewisse Dinge nicht wissen, die wir wissen sollen, wenn wir sie nicht in der Zeitung lesen; wir können gewisse Dinge nicht lernen, die wir lernen sollen, wenn wir sie nicht im Sinne des Materialismus lernen. Wie soll heute einer Arzt werden, wenn er nicht den Materialismus dabei «verzehren» will! Er kann ja nicht anders, als den Materialismus mitnehmen; er muß es selbstverständlich tun. Und wenn er eben nicht den Materialismus mitnehmen will, so kann er im Sinne der heutigen Zeit nicht ein wirklicher Arzt werden. Also wir sind ja dem fortwährend ausgesetzt. Das aber spielt doch in das Karma ungewöhnlich stark herein.

[ 15 ] Just think about it for a moment: There are simply certain things we cannot know—things we are supposed to know—unless we read them in the newspaper; there are certain things we cannot learn—things we are supposed to learn—unless we learn them in the spirit of materialism. How is anyone supposed to become a doctor today if they don’t want to “absorb” materialism in the process! They have no choice but to embrace materialism; they must do so as a matter of course. And if they simply don’t want to embrace materialism, then they cannot become a true doctor in today’s world. So we are constantly exposed to this. But this plays an exceptionally strong role in karma.

[ 16 ] Aber das alles ist ja wie dazu geschaffen, Initiative in den Seelen zu untergraben! Jede Volksversammlung, in die man geht, sie hat ja als Volksversammlung nur einen Zweck, die Initiative der einzelnen Menschen, mit Ausnahme derjenigen, die da reden und Führer sind, zu untergraben. Jede Zeitung kann ihre Aufgabe nur erfüllen, wenn sie «Stimmung» macht, wenn sie also die Initiative des einzelnen untergräbt.

[ 16 ] But all of this is, after all, tailor-made to undermine initiative in people’s souls! Every public assembly one attends has, as a public assembly, only one purpose: to undermine the initiative of individual people—with the exception of those who speak there and serve as leaders. Every newspaper can fulfill its purpose only if it creates a “mood”—that is, if it undermines the initiative of the individual.

[ 17 ] Auf diese Dinge muß hingesehen werden, und man muß sich bewußt werden, daß ja im Grunde das, was der Mensch als sein gewöhnliches Bewußtsein hat, ein sehr kleines Kämmerchen ist. Alles, was in der Weise, wie ich es eben geschildert habe, um den Menschen herum vorgeht, hat auf das Unterbewußte einen riesigen Einfluß. Und schließlich, es bleibt uns nichts anderes übrig als, wenn ich mich so ausdrücken darf, außer dem, daß wir Menschen sind, auch Zeitgenossen zu sein. Manche glauben, man könnte «nur Mensch» sein in irgendeinem Zeitalter, aber das führt auch ins Verderben, man muß schon auch Zeitgenosse sein. Es ist ja natürlich übel, wenn man nichts anderes ist als Zeitgenosse, aber man muß schon auch Zeitgenosse sein, das heißt, man muß eine Empfindung haben für dasjenige, was in der Zeit geschieht.

[ 17 ] We must pay attention to these things and realize that, fundamentally, what a person experiences as their ordinary consciousness is really just a very small little room. Everything that takes place around a person in the way I have just described has an enormous influence on the subconscious. And finally, we have no choice—if I may put it that way—but to be contemporaries as well as human beings. Some believe that one can be “merely human” in any given age, but that also leads to ruin; one must also be a contemporary. Of course, it is bad if one is nothing but a contemporary, but one must also be a contemporary—that is, one must have a sense of what is happening in the present.

[ 18 ] Nun werden allerdings gerade manche Anthroposophengemüter herausgerissen aus einer lebendigen Empfindung für das, was in der Zeit ist, indem sie gerne im Zeitlosen plätschern wollen. In dieser Beziehung kann man ja die sonderbarsten Erlebnisse haben in Gesprächen mit Anthroposophen. Sie wissen zum Beispiel ganz gut, wer Lykurg war, aber sie können zuweilen von einer Unbekanntschaft mit den Zeitgenossen erscheinen, die einfach rührend ist.

[ 18 ] However, some anthroposophists’ minds are torn away from a living sense of what is happening in the present, as they are eager to dwell in the timeless. In this regard, one can indeed have the strangest experiences in conversations with anthroposophists. For example, they know quite well who Lycurgus was, but at times they can seem so unfamiliar with their contemporaries that it is simply touching.

[ 19 ] Das kommt eben davon, daß — weil die Anlage zur Initiative da ist — der Mensch, der eben so veranlagt ist und so durch sein Karma in die Welt hineingestellt ist, eigentlich immer — verzeihen Sie den Vergleich — wie eine Biene ist, die einen Stachel hat, aber die sich fürchtet zu stechen in dem entsprechenden Moment. Die Initiative ist der Stachel; aber man fürchtet sich zu stechen. Man fürchtet sich namentlich, in das Ahrimanische hineinzustechen. Man fürchtet nicht, daß das Ahrimanische dadurch irgendwie beschädigt wird, aber man fürchtet, daß der Stachel stößt und zurückgeht und einem dann selber in den Leib dringt. So ungefähr ist die Furcht geartet. Und so bleibt die Initiative aus einer allgemeinen Lebensfurcht zurück. Diese Dinge muß man nur durchschauen.

[ 19 ] This is precisely because—since the capacity for initiative is present—the person who is so disposed and has been placed in the world in this way by his karma is, in fact, always—forgive the comparison—like a bee that has a stinger but is afraid to sting at the right moment. Initiative is the stinger; but one is afraid to sting. One is afraid, in particular, of stinging the Ahrimanic. One does not fear that the Ahrimanic will be harmed in any way by this, but one fears that the stinger will strike and then rebound, piercing one’s own body. That is roughly the nature of this fear. And so the initiative is held back by a general fear of life. One must simply see through these things.

[ 20 ] Indem wir so überall theoretisch und praktisch auf den Materialismus aufstoßen und der Materialismus mächtig ist, werden wir beirrt in unserer Initiative. Und hat ein Anthroposoph Sinn dafür, so wird er überall bis in die intensivsten Impulse seines Willens hinein durch den theoretischen und praktischen Materialismus beirrt, zurückgestoßen. Das aber gestaltet in einer eigentümlichen Weise das Karma. Und wenn Sie recht sich selbst beobachten, so erfahren Sie etwas darüber in Ihrem Leben vom Morgen bis zum Abend. Und daraus muß dann das allgemeine Gefühl entstehen: Wie beweise ich theoretisch und praktisch dem Materialismus seine Falschheit? — Und das ist ja der Drang, der nun in sehr vielen Anthroposophengemütern ist, irgendwie dem Materialismus die Falschheit zu beweisen. Das ist das Lebensrätsel, das vielen von uns theoretisch und praktisch aufgegeben ist: Wiekommt man damit zurecht, dem Materialismus die Falschheit zu beweisen?

[ 20 ] Because we encounter materialism everywhere—both theoretically and practically—and because materialism is so powerful, we are led astray in our initiative. And if an anthroposophist has a sense for this, he will be led astray and pushed back by theoretical and practical materialism everywhere, right down to the most intense impulses of his will. But this shapes karma in a peculiar way. And if you observe yourself closely, you will experience something of this in your life from morning to night. And from this must then arise the general feeling: How can I prove, both theoretically and practically, that materialism is false? — And that is indeed the impulse that now exists in the minds of so many anthroposophists: to prove, in some way, the falsity of materialism. This is the riddle of life that has been set before many of us, both theoretically and practically: How does one go about proving the falsity of materialism?

[ 21 ] Der eine, der eine Schule durchgemacht hat, ein Gelehrter geworden ist — exempla sind in der Anthroposophischen Gesellschaft durchaus da —, fühlt, wenn er dann anthroposophisch aufgewacht ist, ungeheuer den Drang, den Materialismus zu widerlegen, den Materialismus zu bekämpfen, alles mögliche gegen den Materialismus zu sagen. Nun fängt er an, den Materialismus zu bekämpfen, zu widerlegen, glaubt vielleicht gerade dadurch, so recht in der Michaelischen Strömung drinnen zu sein. Ja, meistens gelingt das schlecht, und man kann schon sagen: Diejenigen Dinge, die gesagt werden gegen den Materialismus, sie werden ja sehr häufig aus sehr gutem Willen heraus gesagt, aber sie . gelingen eigentlich nicht; sie machen keinen Eindruck auf diejenigen, die eben Materialisten in theoretischer oder praktischer Beziehung sind. Warum das? Das ist gerade dasjenige, was Klarheit des Urteils verhindert.

[ 21 ] The person who has gone through a school of study and become a scholar—and there are certainly examples of this in the Anthroposophical Society—feels, once he has awakened to anthroposophy, an immense urge to refute materialism, to combat materialism, and to say everything possible against materialism. Now he begins to fight against materialism, to refute it, perhaps believing that precisely through this he is truly part of the Michaelic current. Yes, most of the time this is not very successful, and one can certainly say: The things that are said against materialism are very often said out of the best of intentions, but they . . . do not really succeed; they make no impression on those who are materialists, whether in a theoretical or practical sense. Why is that? That is precisely what prevents clarity of judgment.

[ 22 ] Da steht nun der Anthroposoph und will, um nicht stecken zu bleiben mit seiner Initiative, Klarheit haben über das, was ihm an den Materialisten entgegentritt. Er will die Unrichtigkeit des Materialismus in allen Hintergründen finden, und er findet in der Regel nicht viel. Er glaubt, den Materialismus zu widerlegen — aber der steht immer wieder auf. Woher kommt das?

[ 22 ] So here stands the anthroposophist, who—in order not to get stuck with his initiative—wants clarity about what the materialists are putting up against him. He wants to find the fallacy of materialism in every aspect, and as a rule, he doesn’t find much. He believes he is refuting materialism—but it keeps rearing its head. Where does this come from?

[ 23 ] Jetzt kommt eben das, was, ich möchte sagen, das Ei des Kolumbus ist. Woher kommt das, meine lieben Freunde?

[ 23 ] Now here comes what I would call the egg of Columbus. Where does this come from, my dear friends?

[ 24 ] Sehen Sie, es kommt daher, daß der Materialismus eben wahr ist — was ich schon öfter gesagt habe —, daß der Materialismus nicht unrecht hat, sondern recht hat! Davon kommt es. Und der Anthroposoph sollte auf eine besondere Art lernen, daß der Materialismus recht hat. Er sollte es nämlich auf die Weise lernen: daß der Materialismus recht hat, aber nur für die physische Leiblichkeit gilt. Die anderen Menschen, die Materialisten sind, die kennen nur die physische Leiblichkeit, oder glauben sie wenigstens zu kennen. Das ist der Irrtum, nicht im Materialismus liegt der Irrtum. Wenn man auf materialistische Art Anatomie, Physiologie oder das praktische Leben kennenlernt, so lernt man die Wahrheit kennen, aber sie gilt nur für das Physische. Und dieses Geständnis muß ganz aus dem Innersten des Menschenwesens heraus gemacht werden: daß der Materialismus recht hat auf seinem Gebiete, und daß es gerade das Glänzende der neueren Zeit ist, das Richtige auf dem Gebiete des Materialismus gefunden zu haben. Aber die Sache hat eben ihre praktische Seite, ihre praktisch-karmische Seite,

[ 24 ] You see, it stems from the fact that materialism is indeed true—as I have said many times before—that materialism is not wrong, but right! That is where it comes from. And the anthroposophist should learn in a special way that materialism is right. He should learn it in this way: that materialism is right, but applies only to physical corporeality. Other people who are materialists know only physical corporeality, or at least believe they know it. That is the error; the error does not lie in materialism itself. When one learns anatomy, physiology, or practical life in a materialistic way, one comes to know the truth, but it applies only to the physical realm. And this acknowledgment must come from the very depths of the human being: that materialism is right in its own domain, and that it is precisely the brilliance of modern times to have found the truth in the realm of materialism. But the matter also has its practical side, its practical-karmic side,

[ 25 ] Nun kann für den Anthroposophen in seinem Karma das eintreffen, daß er zu der Empfindung kommt: Da lebe ich mit solchen Menschen, mit denen mich sogar das Karma zusammengebracht hat — ich habe gestern davon gesprochen —, da lebe ich mit Menschen zusammen, die nur den Materialismus kennen, die nur das Richtige über das physische Leben wissen; sie kommen nicht an die Anthroposophie heran, weil sie gerade durch die Richtigkeit dessen, was sie wissen, beirrt werden.

[ 25 ] Now, as part of their karma, an anthroposophist may find themselves coming to the realization: “Here I am living with people whom karma itself has brought me together with—as I spoke of yesterday—here I am living with people who know only materialism, who know only what is true about physical life; they cannot come to understand anthroposophy precisely because they are misled by the very truth of what they know.”

[ 26 ] Nun leben wir heute, in der Michaelzeit, mit der Seele in der dem Michael entfallenen Intellektualität. Als Michael selber die kosmische Intelligenz verwaltete, da waren die Sachen anders. Da riß die kosmische Intelligenz aus dem, was als Materialismus da war, die Seele immer wieder los. Es hat natürlich auch in anderen Zeitaltern Materialisten gegeben, aber nicht so wie in unserem Zeitalter. In anderen Zeitaltern war einer Materialist: er war eingepflanzt mit seinem Ich, mit seinem astralischen Leib in seinen physischen und Ätherleib, er fühlte seinen physischen Leib (siehe Zeichnung rechts, hell). Aber dasjenige, was Michael verwaltete als kosmische Intelligenz, riß die Seele wiederum los (gelb). Heute leben wir neben Menschen, sind oftmals karmisch mit ihnen verbunden, in denen die Sache so ist: Sie haben den physischen Leib; aber weil die kosmische Intelligenz dem Michael entfallen ist und sozusagen in den Menschen individuell, persönlich lebt, bleibt das Ich, das ganze Geistig-Seelische, im physischen Leibe darinnen (siehe Zeichnung links). Sie stehen neben uns, indem tief untergetaucht ist in ihren physischen Leib ihr Geistig-Seelisches. So müssen wir es aber der Wahrheit gemäß anschauen, wenn wir neben nichtspirituellen Menschen stehen. Und es darf nicht bloß dieses Stehen neben nichtspirituellen Menschen Sympathie und Antipathie im gewöhnlichen Sinne hervorrufen, sondern es muß etwas Erschütterndes haben. Und es kann etwas Erschütterndes haben, meine lieben Freunde! Und wenn man das Erschütternde des in diesem Sinne neben richtigen Materialisten Stehens haben will, dann muß man auf diejenigen Materialisten hinsehen, die oftmals hochbegabt sind, die auch aus gewissen Instinkten heraus ganz gute Triebe haben mögen, die aber nicht zur Spiritualität kommen können.

[ 26 ] Today, in the Michael era, we live with our souls immersed in the intellectuality that has fallen away from Michael. When Michael himself administered the cosmic intelligence, things were different. Back then, the cosmic intelligence repeatedly tore the soul free from what existed as materialism. Of course, there have been materialists in other ages as well, but not as they are in our age. In other ages, a materialist was someone who was rooted—with his “I” and his astral body—in his physical and etheric bodies; he felt his physical body (see illustration on the right, light-colored). But that which Michael administered as cosmic intelligence would in turn tear the soul away (yellow). Today we live alongside people—often karmically connected to them—in whom the situation is as follows: They have a physical body; but because cosmic intelligence has been lost to Michael and lives, so to speak, individually and personally within human beings, the “I”—the entire spiritual-soul aspect—remains within the physical body (see drawing on the left). They stand beside us, with their spiritual-soul aspect deeply submerged within their physical body. But this is how we must view it in accordance with the truth when we stand beside non-spiritual people. And this mere act of standing beside non-spiritual people must not merely evoke sympathy and antipathy in the ordinary sense; rather, it must have something deeply moving about it. And it can be deeply moving, my dear friends! And if one wishes to experience the profound impact of standing alongside true materialists in this sense, then one must look to those materialists who are often highly gifted, who may also have quite good impulses arising from certain instincts, but who are unable to attain spirituality.

[ 27 ] Das Erschütternde nimmt man dann wahr, wenn man gerade die großen Begabungen, die edlen menschlichen Eigenschaften unter den Materialisten ins Auge faßt. Denn davon kann doch keine Rede sein, daß derjenige, der heute in der Zeit der großen Entscheidungen sich nicht an den Spiritualismus heranfindet, dadurch nicht Schaden an seinem Seelenleben nimmt in die nächsten Inkarnationen hinein. Das nimmt er doch. Und wir sollten eigentlich — neben dieser Erscheinung, daß heute durch ihr Karma eine Anzahl von Menschen einen inneren Drang zur Spiritualität haben, andere nicht herankönnen an diese Spiritualität —, wir sollten an der Anschauung dieses Gegensatzes, an dem karmischen Zusammenleben mit solchen Menschen, wie ich sie charakterisiert habe, etwas tief Erschütterndes, etwas tief unsere Seele Berührendes finden. Dann erst kommen wir mit unserem eigenen Karma zurecht und sonst nicht. Denn wenn wir alles das zusammennehmen, was ich gerade über den, wenn ich es jetzt so nennen darf, Michaelismus gesagt habe, dann werden wir finden: die «Michaeliten» sind ja durchaus ergriffen in ihrer Seele von einer Kraft, die bis in den ganzen Menschen, auch ins Physische hinein, vom Geistigen aus wirken will.

[ 27 ] What is truly shocking becomes apparent when one considers the great talents and noble human qualities found among materialists. For there can be no question that anyone who, in this age of great decisions, does not find their way to spiritualism will suffer damage to their soul life that extends into their next incarnations. They certainly do. And we should actually—in addition to the fact that today, due to their karma, a number of people feel an inner urge toward spirituality while others cannot approach this spirituality—we should find something deeply moving, something that touches our souls deeply, in the sight of this contrast, in the karmic coexistence with such people as I have characterized them. Only then can we come to terms with our own karma; otherwise, we cannot. For if we take into account everything I have just said about what I might now call “Michaelism,” we will find that the “Michaelites” are indeed deeply moved in their souls by a force that seeks to work from the spiritual into the whole human being, including the physical body.

[ 28 ] Ich habe es gestern so charakterisiert, daß ich sagte: Diese Menschen, sie streifen ab das Rassische, dasjenige, das aus dem natürlichen Dasein heraus dem Menschen ein Gepräge gibt, so daß er der oder jener Mensch ist. Und indem der Mensch in dieser Erdeninkarnation, in der er jetzt hier Anthroposoph wird, vom Spirituellen ergriffen wird, wird er vorbereitet dazu, eben nicht mehr nach solchen äußeren Merkmalen, sondern so, wie er in seiner jetzigen Inkarnation war, zu sein. Es wird einmal der Geist an diesen Menschen zeigen seien wir uns dessen in aller Bescheidenheit bewußt —, wie er physiognomiebildend sein kann, menschengestaltend sein kann.

[ 28 ] Yesterday I characterized it by saying: These people shed the racial aspect—that which, arising from natural existence, gives a person their distinctive character, making them this or that individual. And as the human being, in this earthly incarnation in which he is now becoming an anthroposophist, is seized by the spiritual, he is prepared to no longer be defined by such external characteristics, but rather to be as he was in his present incarnation. One day the Spirit will reveal to these people—let us be aware of this in all humility—how it can shape physiognomy and form the human being.

[ 29 ] Das ist bisher noch niemals in der Weltgeschichte gezeigt worden. Bisher haben die Menschen aus ihren Volksuntergründen, aus dem Physischen heraus ihre Physiognomien gebildet. Wir können heute noch an den Physiognomien der Menschen, besonders wenn sie jung sind, wenn sie noch nicht durchfurcht sind von den Sorgen des Lebens oder von den Freuden und Erhebungen, den göttlichen Seiten des Lebens, angeben, woher sie stammen. Man wird einmal Menschen haben, an deren Physiognomie man nur wird angeben können, wie sie in der vorigen Inkarnation gewesen sind, indem sie da zur Spiritualität vorgedrungen sind. Dann werden die anderen neben ihnen stehen — und was wird dann das Karma noch bedeuten? Dann wird das Karma die gewöhnlichen karmischen Affinitäten abgestreift haben.

[ 29 ] This has never before been demonstrated in world history. Until now, people have formed their physiognomies from their folk traditions, from the physical realm. Even today, we can still tell from people’s physiognomies—especially when they are young, before they have been scarred by life’s sorrows or by its joys and exaltations, the divine aspects of life—where they come from. One day there will be people whose physiognomy will reveal only what they were like in their previous incarnation, having advanced toward spirituality there. Then the others will stand beside them—and what will karma mean then? Then karma will have shed its ordinary karmic affinities.

[ 30 ] In dieser Beziehung wird Ihnen gerade derjenige, der das Leben ernst zu nehmen versteht, sagen können: Karmisch verbunden war man mit vielen, oder ist es noch, die nicht in die Spiritualität hereinkommen können. Und neben vielleicht mancher Lebensverwandtschaft fühlt man doch eine tiefe Befremdetheit, in ganz berechtigter Weise eine tiefe Befremdetheit: es fällt der karmische Zusammenhang, der sich sonst im Leben abspielt, ab, er geht weg. Und es bleibt, möchte ich sagen, zwischen jemandem, der da draußen im Felde des Materialismus steht, und einem Menschen, der im Felde der Spiritualität steht, nichts anderes mehr karmisch übrig — aber das bleibt übrig —,, als daß er ihn anschauen muß, daß er besonders aufmerksam wird auf ihn. Und auf eine Zeit in der Zukunft können wir hinschauen, wo diejenigen, die immer mehr und mehr im Laufe des 20. Jahrhunderts in die Spiritualität hineinkommen, neben anderen stehen, die mit ihnen im früheren Erdenleben karmisch verbunden gelebt haben. Karmische Affinitäten, karmische Verwandtschaften machen sich in dieser Zukunft wenig mehr geltend; aber dasjenige, was aus den karmischen Verwandtschaften geblieben ist, das ist, daß sie, die im Felde des Materialismus Stehenden, hinsehen müssen auf die im Felde der Spiritualität Stehenden. Die heutigen Materialisten werden auf die heutigen Spiritualisten in der Zukunft hinschauen müssen. Das wird vom Karma geblieben sein.

[ 30 ] In this regard, it is precisely those who know how to take life seriously who will be able to tell you: You were—or still are—karmically connected to many who cannot find their way into spirituality. And alongside perhaps some kindred spirits, one nevertheless feels a deep sense of alienation—a sense that is entirely justified: the karmic connection that otherwise plays out in life falls away; it disappears. And what remains, I would say, between someone standing out there in the realm of materialism and a person standing in the realm of spirituality—karmically speaking, nothing else remains—but this does remain—is that the former must look at the latter, that he becomes particularly attentive to him. And we can look toward a time in the future when those who, in the course of the 20th century, have increasingly turned toward spirituality will stand alongside others with whom they lived in karmic connection in a previous earthly life. Karmic affinities and karmic kinships will have little effect in this future; but what remains of these karmic kinships is that those standing in the realm of materialism will have to look toward those standing in the realm of spirituality. Today’s materialists will have to look toward today’s spiritualists in the future. That will be what remains of karma.

[ 31 ] Wiederum eine erschütternde Tatsache, meine lieben Freunde! Und wozu das? Oh, das ruht in einem weisen göttlichen Weltenplane. Wodurch lassen sich Materialisten heute etwas beweisen? Dadurch, daß sie es vor Augen haben, dadurch, daß sie es mit Händen greifen können. Die im Felde des Materialismus Stehenden werden mit Augen sehen, werden mit Händen greifen können an denjenigen, mit denen sie früher karmisch verbunden waren, an der Physiognomie, an dem ganzen Ausdrucke, was der Geist ist; denn er wurde jetzt physiognomisch schaffend. So wird für Augen bewiesen, am Menschen bewiesen werden, wie der Geist schaffend in der Welt ist. Und es wird zum Karma der Anthroposophen gehören, daß sie denen, die heute im Felde des Materialismus stehen, demonstrieren werden, daß es Geist gibt, und daß der Geist am Menschen selber durch die Ratschlüsse der Götter sich demonstriert.

[ 31 ] Yet another shocking fact, my dear friends! And what is the point of this? Oh, it is part of a wise, divine plan for the universe. How can materialists be convinced of anything today? Only by seeing it with their own eyes, only by being able to touch it with their own hands. Those who stand in the camp of materialism will see with their own eyes and be able to touch with their own hands those with whom they were formerly karmically connected—in their physiognomy, in their entire expression—what the spirit is; for it has now become a creative force in physiognomy. Thus it will be proven before their eyes, demonstrated in human beings, how the spirit is a creative force in the world. And it will be part of the karma of the anthroposophists to demonstrate to those who today stand in the realm of materialism that the spirit exists, and that the spirit manifests itself in human beings through the decrees of the gods.

[ 32 ] Gerade aber, um dahin zu kommen, ist es notwendig, daß wir nicht in unklarem, nebulosem Treiben dem Intellektualismus gegenüberstehen, daß wir nicht ohne Regenschirm ausgehen. Ich meine jetzt: Wir sind dem, was ich als die zwei Strömungen, die Redereien und die Schreibereien, bezeichnet habe, ja ausgesetzt. Ich sagte: wie man naß wird, wenn man ohne Regenschirm ausgeht beim Regen, so kommt eben auch das über den Menschen — wir können ja nicht anders. Im «zartesten Kindesalter», wenn wir zwanzig bis vierundzwanzig Jahre alt sind, da müssen wir in materialistischen Werken dasjenige studieren — was wir schon einmal studieren müssen. Ja, in diesem zarten Kindesalter von zwanzig bis vierundzwanzig Jahren, da ist es ja nun wirklich so, daß wir, wenn wir die Dinge studieren, noch durchaus innerlich für den Materialismus präpariert werden, aus der Satzfügung, aus der plastischen Gestaltung der Sätze heraus. Wir können uns dagegen wehren, es macht nichts aus, wir werden dennoch präpariert dadurch.

[ 32 ] But precisely in order to get there, it is necessary that we not face intellectualism with vague, nebulous activity—that we not go out without an umbrella. What I mean is this: We are, in fact, exposed to what I have called the two currents—the talk and the writing. I said: just as one gets wet when going out without an umbrella in the rain, so too does this happen to people—we simply cannot help it. In our “tenderest youth,” when we are twenty to twenty-four years old, we must study materialistic works—which we must study at some point anyway. Yes, in this tender age of twenty to twenty-four, it is indeed the case that when we study these things, we are still thoroughly prepared inwardly for materialism—through the structure of the sentences, through the vivid formulation of the phrases. We can resist it; it doesn’t matter—we are nevertheless prepared by it.

[ 33 ] Da ist es eben notwendig, nicht bloß mit Formalien zu kommen. Man kann heute einen Menschen nicht davor retten, dem intellektualistischen Materialismus ausgesetzt zu sein. Denn würde man heute über Botanik oder über Anatomie nicht materialistische Bücher schreiben: es würde nicht gehen, der Lebenszusammenhang gestattet es nicht. Aber es handelt sich darum, daß man diese Dinge nicht im Formalen bloß ergreift, sondern daß man sie in der Realität ergreift. Da muß man verstehen, daß, weil Michael nicht wie früher das Seelisch-Geistige aus dem Physisch-Leiblichen herauszieht, Ahriman sein Spiel hat mit dem in der Leiblichkeit befindlichen Seelisch-Geistigen. Und gerade dann, wenn dieses Seelisch-Geistige begabt ist, aber doch in der Leiblichkeit drunten steckt, dann wird es Ahriman ganz besonders nahen, dann kann es Ahriman ganz besonders ausgesetzt sein. Und gerade an den begabtesten Menschen findet Ahriman seine Beute, um die Intelligenz dem Michael zu entreißen, sie wegzubringen von Michael. Da tritt eben nun das ein, was in unserer Zeit eine viel größere Rolle spielt, als man gewöhnlich glaubt. Inkarnieren können sich die ahrimanischen Geister nicht, aber inkorporieren, zeitweilig menschliche Seelen durchdringen, menschliche Körper durchsetzen. Dann ist der brillante, der glänzende, der überragende Geist einer ahrimanischen Intelligenz stärker als das, was im einzelnen Menschen ist, viel, viel stärker. Dann mag der einzelne Mensch noch so intelligent sein, dann mag der einzelne Mensch noch soviel gelernt haben: Wenn ganz und gar ergriffen ist der physische Körper von diesem Gelernthaben, kann ein ahrimanischer Geist sich für Zeiten in ihm inkorporieren. Dann ist es Ahriman, der ihm aus den Augen schaut, es ist Ahriman, der ihm die Finger bewegt, dann ist es Ahriman, der sich schneuzt, dann ist es Ahriman, der geht.

[ 33 ] That is precisely why it is necessary not to rely solely on formalities. Today, one cannot protect a person from being exposed to intellectualistic materialism. For if one were to write non-materialistic books on botany or anatomy today, it would not work; the context of life does not allow for it. But the point is that one must not grasp these things merely in a formal sense, but rather in reality. One must understand that, because Michael no longer draws the soul-spiritual out of the physical-bodily as he did in the past, Ahriman is able to exert his influence on the soul-spiritual that resides within the physical body. And precisely when this soul-spiritual aspect is gifted but still trapped within the physical body, it becomes particularly vulnerable to Ahriman; it can be especially exposed to him. And it is precisely in the most gifted human beings that Ahriman finds his prey, in order to snatch intelligence away from Michael, to carry it away from Michael. This is where what plays a much greater role in our time than is generally believed comes into play. The Ahrimanic spirits cannot incarnate, but they can incorporate—temporarily penetrate human souls and permeate human bodies. Then the brilliant, the dazzling, the towering spirit of an Ahrimanic intelligence is stronger than what is within the individual human being—much, much stronger. Then, no matter how intelligent the individual may be, no matter how much the individual may have learned: when the physical body is completely taken over by this acquired knowledge, an Ahrimanic spirit can incorporate itself into it for a time. Then it is Ahriman who looks out of his eyes; it is Ahriman who moves his fingers; then it is Ahriman who blows his nose; then it is Ahriman who walks.

[ 34 ] Anthroposophen dürfen nicht zurückschrecken vor solchen Erkenntnissen. Denn das allein kann den Intellektualismus in seiner Realität vor die Seele bringen. Ahriman ist eine große, eine überragende Intelligenz, und Ahriman möchte mit der Erdenentwickelung ein Durchdringendes erreichen. Er benützt jede Gelegenheit, wo irgendwie sich die Geistigkeit so in das Leibliche eines Menschen hineinversetzt, daß das Leibliche stark erfaßt wird, daß das Bewußtsein in einer gewissen Weise hinuntergedämmert wird durch dieses starke Erfassen des Leibes vom Geiste. Und da tritt es ein — es ist in unserer Zeit eben möglich geworden —, daß ein glänzender Geist in einem Menschen sitzt, aber die menschliche Persönlichkeit überragt. Dann kann ein solcher Geist, der in einer menschlichen Persönlichkeit ist und diese menschliche Persönlichkeit überragt, auf Erden wirken, wirken, wie Menschen wirken.

[ 34 ] Anthroposophists must not shy away from such insights. For only this can reveal intellectualism in its true nature to the soul. Ahriman is a great, a towering intelligence, and Ahriman seeks to achieve a pervasive influence through Earth’s evolution. He seizes every opportunity where the spiritual somehow penetrates so deeply into a human being’s physical body that the physical is strongly grasped, so that consciousness is, in a certain sense, dimmed by this strong grasping of the body by the spirit. And then it happens—it has indeed become possible in our time—that a brilliant spirit dwells within a human being but towers above the human personality. Then such a spirit, which is within a human personality and towers above it, can work on Earth, working just as human beings work.

[ 35 ] Darnach strebt Ahriman zunächst, stark strebt er darnach. Ich habe Ihnen gesagt von dem Wiedererscheinen derer auf Erden, die jetzt an die Spiritualität herankommen, die es ganz ehrlich und intensiv meinen; das wird am Ende des Jahrhunderts sein. Aber gerade diese Zeit möchten die Ahrimangeister am stärksten benützen, weil die Menschen von dem Intelligenten, das sie befallen hat, so befangen sind, weil die Menschen so unglaublich gescheit sind. Man hat ja schon Angst heute, einen gescheiten Menschen zu finden! Aber man muß diese Angst fortwährend haben, denn fast alle sind gescheit, so daß man aus der Angst über die Gescheitheit der Menschen gar nicht herauskommt. Und es ist so, daß diese Gescheitheit, die herangezüchtet wird, benützt wird von Ahriman. Wenn nun die Körper auch noch besonders dazu geeignet sind, daß das Bewußtsein heruntergetrübt werden kann, dann geschieht es eben, daß Ahriman selber in Menschengestalt inkorporiert auftritt. Nachweislich ist Ahriman bereits zweimal als Schriftsteller aufgetreten in dieser Weise. Für denjenigen, der das Leben als Anthroposoph klar und scharf ins Auge fassen will, wird es sich eben durchaus darum handeln, auch in diesem Falle keine Verwechslungen zu begehen.

[ 35 ] This is what Ahriman strives for first and foremost; he strives for it with great intensity. I have told you about the reappearance on Earth of those who are now drawing near to spirituality, who are entirely sincere and deeply committed; this will take place at the end of the century. But it is precisely this time that the Ahrimanic spirits wish to exploit most strongly, because people are so captivated by the intellect that has taken hold of them, because people are so incredibly clever. After all, people are already afraid today of encountering a clever person! But one must constantly harbor this fear, for almost everyone is clever, so that one can never escape the fear of people’s cleverness. And the fact is that this cleverness, which is being cultivated, is exploited by Ahriman. If, in addition, the bodies are particularly suited to having their consciousness clouded, then it happens that Ahriman himself appears incarnated in human form. It has been proven that Ahriman has already appeared in this way twice as a writer. For anyone who wishes to view life as an anthroposophist with clarity and sharpness, it will be a matter of utmost importance not to make any mistakes in this case either.

[ 36 ] Denn, was nützt es schon, meine lieben Freunde, wenn einer irgendwo ein Buch erscheinen läßt und seinen Namen darauf schreibt und er gar nicht der Verfasser ist? Man verwechselt dann den wahren Verfasser mit einem anderen. Wenn Ahriman der Verfasser irgendeines Buches ist, wie sollte es denn zum Heile ausschlagen, wenn man nicht darauf kommt, wer der wirkliche Verfasser ist, wenn man einen Menschen für den Verfasser hält, während es Ahriman ist, der sich durch seine glänzende Gabe so hineinfindet in alles, daß er sich verwandeln kann in den Stil eines Menschen! Wie kann es zum Heile ausschlagen, wenn Ahriman der Schriftsteller ist und man das mit menschlichem Werke verwechselt? Auf diesem Gebiete sich Unterscheidungsvermögen aneignen, das ist dasjenige, was so restlos notwendig ist, meine lieben Freunde.

[ 36 ] For, my dear friends, what good does it do if someone publishes a book somewhere and puts his name on it, even though he is not the author at all? The true author is then mistaken for someone else. If Ahriman is the author of any book, how could it possibly lead to salvation if one fails to realize who the real author is—if one mistakes a human being for the author, when in fact it is Ahriman who, through his brilliant gift, immerses himself so completely in everything that he can transform himself into the style of a human being! How can it be for the good if Ahriman is the writer and one confuses this with a human work? To acquire discernment in this area—that is what is so absolutely necessary, my dear friends.

[ 37 ] Dazu wollte ich zunächst führen, um im allgemeinen auf eine Erscheinung, die in unserem Zeitalter spielt, hinzuweisen. Im Vortrage am nächsten Freitag werde ich dann noch genauer auf solche Erscheinungen eingehen.

[ 37 ] I wanted to begin by addressing this in order to draw attention, in general terms, to a phenomenon that is taking place in our time. In next Friday’s lecture, I will then discuss such phenomena in greater detail.