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The Rudolf Steiner Archive

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Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge
Band III
GA 237

4 Juli 1924, Dornach

Zweiter Vortrag

[ 1 ] Ich werde heute noch einiges darüber anzudeuten haben, wie die karmischen Vorbereitungskräfte im Menschen dann weiter ihre Entwickelung durchmachen, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes gegangen ist. Wir müssen uns ja vorstellen, daß für das gewöhnliche Bewußtsein die Sache so liegt, daß die Bildung des Karma, jener Verkehr überhaupt mit der Welt, den man karmisch nennen kann, sich im Menschen mehr instinktiv abspielt. Wir sehen die Tiere instinktiv handeln. Gerade solche Worte, die sehr häufig innerhalb und außerhalb der Wissenschaft gebraucht werden, wie Instinkt, werden ja gewöhnlich in ganz unbestimmter Weise gebraucht. Man gibt sich keine Mühe, etwas Deutlicheres darunter sich vorzustellen. Was ist denn eigentlich bei den Tieren dasjenige, was man Instinkt nennt?

[ 2 ] Wir wissen, die Tiere haben eine Gruppenseele. Das Tier ist ja, so wie es ist, kein abgeschlossenes Wesen, sondern dahinter steht die Gruppenseele. Welcher Welt gehört denn eigentlich die Gruppenseele an? Da muß man die Frage beantworten: Wo findet man die Gruppenseelen der Tiere? Hier in der physisch-sinnlichen Welt findet man die Gruppenseelen der Tiere ja nicht, hier sind nur die einzelnen Individuen der Tiere. Man findet die Gruppenseelen der Tiere erst, wenn man entweder durch Initiation oder im gewöhnlichen Verlauf der menschlichen Entwickelung zwischen dem Tode und einer neuen Geburt in die ganz andere Welt hineinkommt, die der Mensch zwischen Tod und neuer Geburt durchmacht. Da findet man unter den Wesenheiten, mit denen man dann zusammen ist und unter denen ja vorzugsweise diejenigen sind, die ich angeführt habe als solche, mit denen man das Karma ausarbeitet, die Gruppenseelen der Tiere. Und die Tiere, die hier auf dieser Erde sind, handeln, wenn sie instinktiv handeln, aus dem vollen Bewußtsein dieser Gruppenseelen heraus. So können Sie sich vorstellen, meine lieben Freunde, wie, wenn wir, schematisch gezeichnet, hier das Reich haben, in dem wir zwischen Tod und neuer Geburt leben (siehe Zeichnung, gelb), die Kräfte wirken, die von den Gruppenseelen der Tiere ausgehen (blau). Die sind da drinnen auch. Und hier auf dieser Erde sind dann die einzelnen Tiere, die wirken, indem sie gewissermaßen an den Fäden gezogen werden, die zu den Gruppenseelen hingehen, die man in dem Reiche zwischen dem Tod und einer neuen Geburt findet. Das ist Instinkt.

[ 3 ] Es ist ganz natürlich, daß eine materialistische Weltanschauung den Instinkt nicht erklären kann, weil der Instinkt ein Handeln aus dem heraus ist, was Ste zum Beispiel in meinem Buche « Theosophie» und in meiner «Geheimwissenschaft im Umriß» als «Geisterland» bezeichnet finden. Beim Menschen ist das anders. Der Mensch hat auch einen Instinkt, aber er handelt, wenn er hier ist, durch diesen Instinkt nicht aus diesem Reiche heraus, sondern er handelt aus seinen früheren Erdenleben heraus, über die Zeit hinaus aus seinen früheren Erdenleben, aus einer Anzahl früherer Erdenleben (rot). Wie das geistige Reich auf die Tiere in der Art wirkt, daß sie instinktiv handeln, so wirken die früheren Inkarnationen des Menschen auf die späteren Inkarnationen so, daß das Karma einfach instinktmäßig ausgelebt wird, aber es ist ein geistiger Instinkt, es ist ein Instinkt, der innerhalb des Ich wirkt. Gerade wenn man dies ins Auge faßt, wird man die absolut widerspruchslose Vereinigung dieses Instinktwirkens mit der menschlichen Freiheit ins Auge fassen. Denn die Freiheit wirkt aus dem Gebiete heraus, aus dem die Tiere instinktiv wirken: aus dem Geisterreiche heraus.

[ 4 ] Nun wird es sich uns aber heute viel mehr darum handeln, wie dieser Instinkt sich vorbereitet, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geht. Hier im Erdenleben ist das karmische Erleben eben instinktiv, es spielt sich sozusagen unter der Oberfläche des Bewußtseins ab. In dem Augenblicke, wo wir durch die Pforte des Todes gegangen sind, wird alles das, was wir zunächst auf Erden erlebt haben, während weniger Tage ja objektiv bewußt; wir haben es vor uns in sich immer vergrößernden Bildern. Da geht mit dem, was wir da überschauen, auch dasjenige mit, was sich instinktiv im karmischen Walten abgespielt hat. So daß also, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes schreitet und das Leben, sich immer mehr vergrößernd (siehe Zeichnung, gelb) vor seinem Anblick sich abspielt, mit alledem auch dasjenige mitgeht, was ihm nur instinktiv, nicht bewußt war: das ganze karmische Gewebe (blau). Das sieht er nicht gleich in den nächsten Tagen nach dem Tode, aber er sieht allerdings das, was er sonst nur in der blassen Erinnerung überblickt, in lebendiger Gestaltung; er sieht zum Beispiel, daß da schon etwas anderes drinnen ist als die gewöhnliche Erinnerung. Wenn man dann mit dem Initiationsblick überschaut, was da der Mensch vor sich hat, so kann man folgendes ausführen.

[ 5 ] Der Mensch selbst, der gestorben ist und das gewöhnliche Bewußtsein gehabt hat während des Erdenlebens, sieht ja sozusagen dasjenige, was er da vor sich hat als sein Erdenleben in einem mächtigen Panorama, das sieht er ja sozusagen von vorne (siehe Zeichnung, blau). Mit dem Initiationsblick kann man es auch von der anderen Seite, von rückwärts anschauen (gelb), dann sprießt da heraus das Netz der karmischen Zusammenhänge. Da sieht man es dann, dieses Netz der karmischen Zusammenhänge, die ja zunächst noch aus Gedanken gesponnen sind, die in dem Willen während des Erdenlebens gelebt haben — da kommt es heraus.

[ 6 ] Aber jetzt gliedert sich gleich ein anderes an, meine lieben Freunde. Ich habe es Ihnen ja oftmals betont: die Gedanken, die man während des Erdenlebens bewußt durchlebt, sind tot; diejenigen Gedanken aber, die ins Karma hineinverwoben sind, und die da herauskommen, sie sind lebendig. So daß nach dem Rückwärts der Lebensüberschau lebendige Gedanken heraussprießen. Und jetzt ist das ungeheuer Bedeutsame und Wesenhafte dieses, daß nun die Wesen der dritten Hierarchie herankommen und das, was da aufsprießt, ich möchte sagen von der Hinterseite der Lebensüberschau, in Empfang nehmen. Angeloi, Archangeloi, Archai saugen gewissermaßen dasjenige auf, was da aufsprießt, atmen es auf.

[ 7 ] Das geschieht während der Zeit, während welcher der Mensch sich hinauflebt bis zum Ende der Mondsphäre. Dann tritt er ein in diese Mondsphäre, und die Rückwärtswanderung durch das Leben beginnt, die ein Drittel der Zeit dauert, die der Mensch auf der Erde durchlebt hat, die eigentlich, genauer gesprochen, so lange dauert, wie die Schlafenszeiten dauerten, die der Mensch auf der Erde verbracht hat.

[ 8 ] Wie dieses Rückwärtsleben geschieht, habe ich Ihnen ja auch schon öfter dargestellt. Wir können uns aber zunächst fragen: Wenn der Mensch im gewöhnlichen Schlafe ist, wie ist er da im Verhältnis zu dem Zustande, in dem er so unmittelbar nach dem Tode ist? Ja, sehen Sie, wenn der Mensch in den gewöhnlichen Schlaf kommt, so ist er ja als geistig-seelisches Wesen nur in seinem Ich und in seinem astralischen Leibe. Er hat nicht seinen Ätherleib bei sich, der ist zurückgeblieben im Bette. Dadurch bleiben die Gedanken leblos, haben gar keine Wirkungsweise, sind Bilder. Jetzt, indem der Mensch durch die Pforte des Todes geht, nimmt der Mensch zunächst seinen Ätherleib mit, der sich dann vergrößert, und der Ätherleib hat nun nicht nur für das physische Wesen das Belebende in sich, sondern auch für die Gedanken. Dadurch können die Gedanken lebendig werden, daß der Mensch eben seinen Ätherleib mitgenommen hat, der ja im Loslösen die lebendigen Gedanken hinausträgt von dem Menschen zu dem gnadenvollen Empfangen der Angeloi, Archangeloi, Archai hin.

[ 9 ] Das ist zunächst, ich möchte sagen, der erste Akt, der sich abspielt im Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, daß jenseits der Schwelle des Todes herankommen an das, was sich vom Menschen loslöst, was seinem sich auflösenden ätherischen Leibe anvertraut ist, die Wesenheiten der dritten Hierarchie, daß das in Empfang genommen wird von den Wesenheiten der dritten Hierarchie. Und wir verrichten als Menschen ein gutes, ein schönes, ein herrliches Gebet, wenn wir über den Zusammenhang des Lebens mit dem Tode oder über einen Verstorbenen so denken, daß wir sagen:

Es empfangen Angeloi, Archangeloi, Archai im Ätherweben
das Schicksalsnetz des betreffenden Menschen.

[ 10 ] Denn da schauen wir hin auf einen geistigen Tatbestand. Und es hängt schon etwas davon ab, ob Menschen geistige Tatbestände denken oder nicht, ob sie bloß mit Gedanken, die auf der Erde zurückbleiben, Tote begleiten, oder ob sie die Toten begleiten auf ihrem weiteren Wege mit Gedanken, die Abbilder sind dessen, was in jenem Reiche geschieht, in das der Tote eingetreten ist.

[ 11 ] Das ist ja dasjenige, meine lieben Freunde, was der heutigen Initiationswissenschaft als so ungeheuer wünschenswert erscheint: daß innerhalb des Erdenlebens solches gedacht werde, was Abbild ist eines wirklichen geistigen Geschehens. Mit bloßem Theoriendenken, mit dem bloßen Denken darüber, daß der Mensch höhere Glieder hat, mit dem Aufzählen dieser höheren Glieder ist ja noch keine Verbindung hergestellt mit der geistigen Welt. Erst mit dem Denken von Realitäten, die sich in der geistigen Welt abspielen, ist eine solche Verbindung mit der geistigen Welt hergestellt.

[ 12 ] Daher sollten es wiederum Herzen vernehmen können, was Herzen vernommen haben während der alten Initiationszeiten in den alten Mysterien, wo man den zu Initiierenden eindrucksvoll immer zugerufen hat: Macher mit die Schicksale der Toten! Es ist ja nur das mehr oder weniger abstrakt gewordene Wort davon geblieben: «Memento mori», das auf den gegenwärtigen Menschen nicht mehr in der tiefen Weise wirken kann, weil es eben abstrakt geworden ist, weil es nicht das Bewußtsein hinausdehnt in ein lebendigeres Leben, als es hier in der Sinneswelt ist.

[ 13 ] Und was da der Empfang des menschlichen Schicksalsnetzes ist durch Angeloi, Archangeloi, Archai, das entwickelt sich so, daß man den Eindruck hat: das webt und lebt in violett-blauer Ätheratmosphäre. Es ist Weben und Leben in violett-blauer Ätheratmosphäre.

[ 14 ] Und wenn sich der Ätherleib auflöst, das heißt, wenn die Gedanken eingeatmet sind von Angeloi, Archangeloi, Archai, dann tritt der Mensch nach einigen Tagen in dieses Zurückleben ein, wie ich es Ihnen geschildert habe. Da erlebt der Mensch seine Taten, seine Willensimpulse, seine Gedankenrichtungen so, wie sie gewirkt haben in den anderen Menschen, denen er irgend etwas Gutes oder Böses zugefügt hat. Er lebt sich ganz ein in die Gemüter der anderen Menschen, er lebt nicht in seinem eigenen Gemüte. Mit dem deutlichen Bewußtsein, daß er es ist, der mit diesen Dingen etwas zu tun hat, erlebt er die Erlebnisse, die in den Tiefen der Seelen der anderen Menschen vor sich gegangen sind, mit denen er in karmische Verbindung getreten ist, denen er überhaupt irgend etwas in Gutem oder Bösem zugefügt hat. Da zeigt es sich wieder, wie nunmehr dasjenige aufgenommen wird, was der Mensch so erlebt. Er erlebt es in voller Wirklichkeit, in einer Wirklichkeit, die ich ja schildern mußte als wirklicher noch als die Sinneswirklichkeit zwischen der Geburt und dem Tode. Er erlebt also eine Realität, in der er, ich möchte sagen, glutvoller drinnen steht als hier im Erdenleben.

[ 15 ] Schaut man das wiederum mit dem Blick der Initiationseinsicht von der anderen Seite an, so sieht man, wie jetzt das, was da der Mensch erlebt, in die Wesenhaftigkeit, in die Realität der Kyriotetes, Dynamis, Exusiai aufgenommen wird. Die saugen die Negative der menschlichen Taten auf. Die durchdringen sich damit. Und dieser Blick, dieser Initiiertenblick, der nun auf dieses ganz Wunderbare hinschaut, wie der Menschen in Gerechtigkeit umgesetzte Tatenfolgen aufgesogen werden von Exusiai, Dynamis, Kyriotetes, dieser ganze Anblick versetzt denjenigen, der ihn hat, in ein solches Bewußtsein, daß er sich weiß im Mittelpunkt der Sonne, und damit im Mittelpunkte des Planetensystems. Er schaut vom Gesichtspunkt der Sonne aus auf dasjenige, was geschieht. Und er sieht ein lilaartiges Weben und Leben, er sieht das Aufsaugen der in Gerechtigkeit umgesetzten Menschentaten durch Exusiai, Dynamis und Kyriotetes in dem Weben und Leben einer hellvioletten, einer lilafarbigen Astralatmosphäre.

[ 16 ] Sehen Sie, da hat man die Wahrheit, daß der Sonnenanblick, so wie er sich dem Erdenmenschen darstellt, ja nur von der einen Seite her ist, von der Peripherie her. Vom Mittelpunkte erscheint die Sonne als das Feld, wo die Geisteswirkungen, die Taten von Exusiai, Dynamis, Kyriotetes vor sich gehen. Da ist alles geistige Tat, geistiges Ereignis. Da finden wir, ich möchte sagen, die Rückseite der Bilder des Erdenlebens, das wir hier zwischen der Geburt und dem Tode erleben.

[ 17 ] Und wiederum denken wir in der richtigen Weise an dasjenige, was da geschieht, wenn wir den Gedanken so gestalten, daß wir das Wort, das gewöhnlich bloß für Verwehen, Vergehen, Verwelken, Vernichtetwerden gebraucht wird, in seiner eigentlichen Bedeutung nehmen. Wir haben das Wort «Wesen», wir haben das Wort «Geben». Wenn wir sagen: «Vergeben», so heißt das «Hingeben». Nur im Kartenspiel heißt es anders, aber in der naturgemäßen Sprache heißt es «FHingeben». Wenn wir sagen: «Verwesen», heißt es: das Wesen hinleiten. Mit diesem Bewußtsein bilden wir den Satz:

Es verwesen in Exusiai, Dynamis, Kyriotetes
im Astralempfinden des Kosmos
die gerechten Folgen des Erdenlebens des Menschen.

[ 18 ] Dann, wenn dieses vollbracht ist, wenn der Mensch dieses Drittel des irdischen Lebens verlebt hat nach dem Tode, zurückgewandert ist, sich nun wiederum am Ausgangspunkte des Erdenlebens, aber im Geistesraum fühlt, in dem Momente vor seinem Eintritt in das Erdenleben, da tritt der Mensch, man kann sagen, durch den Mittelpunkt der Sonne in das eigentliche Geisterland ein. Da drinnen werden nun diese ins Gerechte umgesetzten Erdentaten aufgenommen in die Tätigkeit der ersten Hierarchie. Da gelangen sie in den Bereich der Seraphim, Cherubim und Throne. Da tritt der Mensch ein in ein Reich, bei dessen Betreten er fühlt: was auf der Erde durch mich geschehen ist, das nehmen in ihr eigenes Tatenwesen auf Seraphim, Cherubim und Throne, Bedenken Sie nur, meine lieben Freunde, wir denken richtig über dasjenige, was mit dem 'Toten vorgeht im weiteren Leben nach dem Tode, wenn wir den Gedanken hegen: Das, was er hier auf der Erde am Schicksalsnetz gesponnen hat, das wird zunächst aufgefangen von Angeloi, Archangeloi, Archai. Die tragen es hin, in dem nächsten Abschnitt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, in den Bereich der Exusiai, Dynamis, Kyriotetes. Diese werden umfangen, umsponnen von den Wesenheiten der ersten Hierarchie. Und immer wird in diesem Umspinnen, Umfangen in das Wesen, in das Tatenwesen, in das Tun der Throne, Cherubim und Seraphim des Menschen Tun auf Erden aufgenommen. Und wir denken wiederum richtig, wenn wir uns nun zu dem ersten und zu dem zweiten Satze den dritten hinzufügen:

Es auferstehen in Thronen, Cherubim, Seraphim
als deren Tatenwesen
die gerechten Ausgestaltungen des Erdenlebens des Menschen.

[ 19 ] So daß, wenn man den Initiationsblick hinrichtet auf das, was fortwährend geschieht in der geistigen Welt, wir hier auf der Erde das Treiben der Menschen haben mit ihrem Karma-Instinkte, mit dem, was sich als das Schicksalsgewebe abspielt: ein mehr oder weniger dem Gedankengewebe ähnliches Gewebe. Richten wir aber den Blick hinauf in die geistigen Welten, dann sehen wir, wie dasjenige, was einstmals Erdentaten der Menschen war, nachdem es durch Angeloi, Archangeloi, Archai, Exusiai, Dynamis, Kyriotetes durchgegangen ist, aufgenommen wird, sich oben als Himmelstaten verbreitet bei Thronen, Cherubim, Seraphim (es wird an die Tafel geschrieben):

[ 20 ] 1. Es empfangen Angeloi, Archangeloi, Archai im Ätherweben das Schicksalsnetz des Menschen.
2. Es verwesen in Exusiai, Dynamis, Kyriotetes im Astralempfinden des Kosmos die gerechten Folgen des Erdenlebens des Menschen.
3. Es auferstehen in Thronen, Cherubim, Seraphim als deren Tatenwesen die gerechten Ausgestaltungen des Erdenlebens des Menschen.

[ 21 ] Das, meine lieben Freunde, ist insbesondere in der Gegenwart eine bedeutsame, eine unendlich bedeutsame und eine unendlich erhabene Tatsachenreihe. Denn jetzt eben ist es so im eingetretenen MichaelReiche, daß, ich möchte sagen, in diesem weltgeschichtlichen Augenblicke geschaut werden können die Taten derjenigen Menschen, die vor Ablauf des Kali Yuga in den achtziger, neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts hier auf Erden gelebt haben; dasjenige, was damals war unter Menschen, das ist jetzt aufgenommen worden von Thronen, Cherubim und Seraphim. Aber niemals war der geistige Lichtkontrast ein so großer, wie er in der Gegenwart ist für diese Tatsachenreihe.

[ 22 ] Wenn man in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts den Blick hinaufgerichtet hat und gesehen hat, wie die Revolutionsleute von der Mitte des 19. Jahrhunderts in ihren Taten gewissermaßen oben aufgenommen wurden von Thronen, Cherubim und Seraphim, dann sah man, daß etwas von Düsternis über der Mitte des 19. Jahrhunderts lagerte. Und es hellte sich nur wenig auf dasjenige, was man dann sah beim Übergange in das Reich der Seraphim, Cherubim und Throne.

[ 23 ] Wenn man aber jetzt zurückblickt auf das, was am Ende des 19. Jahrhunderts als Taten der Menschen in dem Verhältnis der Menschen untereinander sich abgespielt hat, dann — nachdem man eben noch klar hat sehen können in dieser auslaufenden Kali Yugazeit, nachdem man eben noch einigermaßen hat sehen können, was sich da abgespielt hat und sozusagen wie verwehende Gedankenmassen durchschauen konnte dasjenige, was sich schicksalsmäßig unter diesen Menschen vom Ende des Kali Yuga abgespielt hat —, dann entschwindet einem das, und man schaut dasjenige, was himmelwärts daraus geworden ist, in einem strahlend hellen Lichte.

[ 24 ] Das aber bezeugt nichts anderes als die ungeheure Bedeutung dessen, was da eigentlich geschieht im Umsetzen von Menschen-Erdentaten in Seelen-Himmelstaten in der Gegenwart. Denn, was der Mensch als sein Schicksal, als sein Karma erlebt, das spielt sich ab für ihn, in ihm, um ihn, von Erdenleben zu Erdenleben. Aber dasjenige, was sich abspielt noch in der Region der Himmelswelten als die Folge dessen, was er hier auf der Erde erlebt und verrichtet hat, das wirkt fortwährend auch in der historischen Gestaltung des Erdenlebens weiter. Das spielt sich ab in dem, was der Mensch hier auf Erden nicht als einzelner Mensch beherrscht.

[ 25 ] Nehmen Sie diesen Satz nur in seiner vollen Schwere, meine lieben Freunde. Der einzelne Mensch erlebt sein Schicksal. Schon wenn zwei Menschen zusammenwirken, entsteht ja ganz etwas anderes als der Vollzug des Schicksals des einen und des anderen Menschen. Es spielt sich sozusagen zwischen den beiden Menschen etwas ab, was herausgeht aus demjenigen, was jeder einzelne erlebt. Für das gewöhnliche Bewußtsein ist ja kein Zusammenhang zunächst bemerkbar zwischen dem, was sich da zwischen Menschen abspielt, und dem, was oben in den geistigen Welten geschieht. Nur wenn heilig-geistiges Handeln hereingeholt wird in die physisch-sinnliche Welt, wenn die Menschen bewußt ihre physisch-sinnlichen Taten so umgestalten, daß sie zugleich Taten in der geistigen Welt sind, dann wird ein solcher Zusammenhang hergestellt.

[ 26 ] Aber alles das, was dann zwischen Menschen geschieht im größeren Umkreise, das ist ja noch etwas anderes, als was der einzelne Mensch als Schicksal erlebt. Das alles, was so nicht einzelmenschliches Schicksal ist, sondern was durch das Zusammen-Denken und ZusammenEmpfinden, Zusammen-Fühlen und Zusammen-Handeln der Menschen auf Erden bewirkt wird, das steht im Zusammenhange mit demjenigen, was da oben Seraphim, Cherubim und Throne tun. Und in das fließen ein die Taten der Menschen in dem Zusammenhange dieser Menschen, und auch die einzelnen menschlichen Erdenleben.

[ 27 ] Dann ist eben der weitere Anblick, der sich dem Initiiertenblick darbietet, von einer besonderen Wichtigkeit. Wir schauen hinauf. Oben zeigt sich heute die himmlische Tatenfolge desjenigen, was in den letzten siebziger Jahren, den achtziger, den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts sich hier auf Erden abgespielt hat. Dann ist es, wie wenn ein feiner Regen, ein geistiger Regen herunterfiele auf die Erde und benetze die Menschenseelen und triebe sie zu dem, was zwischen den Menschen gewissermaßen historisch entsteht.

[ 28 ] Und da kann man dann wiederum sehen, wie in lebendigen Gedanken-Spiegelbildern dasjenige auf dem Umwege durch Seraphim, Cherubim und Throne heute lebt, was in den siebziger, achtziger, neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts hier auf der Erde durch Menschen getan worden ist.

[ 29 ] Wenn man dieses durchblickt, ist es einem ja wirklich oftmals so, daß man ganz genau sieht: Man spricht heute mit einem Menschen; dasjenige, was er einem sagt durch die allgemeine Meinung, was nicht aus seinen eigenen Emotionen, seinen inneren Impulsen kommt, sondern was er einem sagt, weil er eben ein Angehöriger dieses Zeitalters ist, das erscheint einem oftmals wie im Zusammenhang stehend mit denjenigen Menschen, die in den siebziger, achtziger, neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gelebt haben. Es ist wirklich so, daß man manchen heutigen Menschen wie in einer Geistversammlung sieht, umringt von gewissen Menschen, die sich um ihn bemühen, die aber eigentlich nur die vom Himmel geregneten Nachbilder dessen sind, was durch Menschen im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts gelebt hat.

[ 30 ] So gehen wirklich auf geistige Art die Revenants, ich möchte sagen, die sehr realen Gespenster eines früheren Zeitalters, in einem späteren Zeitalter um. Es ist das eine der feinen, generellen Karmawirkungen, die in der Welt vorhanden sind, und die oftmals auch von den okkultesten der Okkultisten nicht beachtet werden. Man möchte manchem, der einem heute etwas nicht Persönliches, sondern Stereotypes sagt, ins Ohr raunen: Das hat dir der oder jener im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts gesagt!

[ 31 ] So erst wird das Leben ein Ganzes. Und wieder muß von diesem Zeitalter, von diesem mit dem Ablauf des Kali Yuga begonnenen Zeitalter gesagt werden, daß es sich unterscheidet von allen zunächst historischen früheren Zeitaltern. Es unterscheidet sich in der Art, daß tatsächlich diejenigen Menschentaten, die verflossen sind im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, auf das erste Drittel dieses 20. Jahrhunderts den denkbar größten Einfluß haben.

[ 32 ] Meine lieben Freunde, ich sage es, indem ich damit etwas bezeichnen will, was fern ist allem Gebrauche von abergläubischen Worten, ich sage es als etwas, das mit dem vollen Bewußtsein, eine exakte Tatsache auszusprechen, gesagt wird: Noch nie sind so vernehmbar die Gespenster der letzten uns vorangegangenen Zeit unter uns herumgegangen wie in der Gegenwart. Und wenn die Menschen heute diese Gespenster nicht wahrnehmen, so ist es nicht deshalb, weil wir im finsteren Zeitalter leben, sondern weil die Menschen zunächst noch durch das Licht des lichten Zeitalters geblendet sind. Dadurch ist das, was durch die Revenants des vorigen Jahrhunderts unter uns vollzogen wird, etwas so ungeheuer Fruchtbares für die Ahrimanleute. Die Ahrimanleute wirken heute, ohne daß es die Menschen bemerken, in einer besonders schlimmen Weise. Sie versuchen, möglichst viel von diesen Gespenstern des vorigen Jahrhunderts, ich möchte sagen, ahrimanisch zu galvanisieren und zu Einfluß zu bringen auf die Menschen der Gegenwart.

[ 33 ] Man kann durch nichts diesem ahrimanischen Zuge unseres Zeitalters mehr entgegenkommen als durch alles das, was geschieht, indem sich für die Verirrungen des vorigen Jahrhunderts, die ja eigentlich heute für die Einsichtigen längst verglommene Ideen sind, populäre Vereinigungen bilden. Das Laientum hat ja niemals so stark in einem Zeitalter die Verirrungen des vorigen Zeitalters popularisiert wie in dem heutigen Zeitalter, wie in der Gegenwart. Und man kann schon sagen: will man das Wesen der ahrimanischen Taten kennenlernen, so kann man das heute eigentlich überall, wo man Versammlungen besucht, die aus dem gewöhnlichen Bewußtsein heraus wirksam sind. Man hat heute viel Gelegenheit, den Ahrimanismus in der Welt kennenzulernen, denn er wirkt außerordentlich stark. Und er ist es ja, der auf diesem Umwege, wie ich es heute geschildert habe, die Menschen abhält davon, dasjenige in ihr Herz, in ihre Seele aufzunehmen, was neu hervortreten muß, weil es eben früher nicht da war, wie das, was eben in der Anthroposophie zutage tritt.

[ 34 ] Die Menschen sind schon zufrieden, wenn sie nur irgendwie dasjenige, was in der Anthroposophie neu zutage tritt, decken können mit irgendeinem alten Ausspruch. Man soll nur sehen, wie zufrieden die Menschen sind, wenn in irgendeinem Vortrage von mir etwas vorkommt, von dem dann einer sagen kann: Sieh einmal, das steht auch in einem alten Buche. — Es steht doch ganz anders darinnen, eben aus ganz anderen Bewußtseinsgründen heraus! Aber man ist so wenig mutig, das, was auf dem Boden der Gegenwart wächst, aufzunehmen, daß man sich schon beruhigt fühlt, wenn man so etwas aus der Vergangenheit herbeibringen kann.

[ 35 ] Das eben bezeugt, wie stark Vergangenheitsimpulse auf die gegenwärtigen Menschen wirken und wie beruhigt sich die Menschen der Gegenwart fühlen, wenn Vergangenheitsimpulse auf sie wirken. Und das kommt eben davon her, daß dieses 19. Jahrhundert so stark in das 20. Jahrhundert noch hereinwirkt. Künftige Betrachter der Menschheitsgeschichte der Gegenwart, die ja geistig schildern werden, während wir heute bloß aus Dokumenten schildern, die werden vor allen Dingen das zu schildern haben, was in den Worten liegt: Schaut man hin auf den Beginn des 20. Jahrhunderts, auf die ersten drei Jahrzehnte, so nimmt sich alles das zumeist so aus, wie wenn es eigentlich getan wäre von den Schattenbildern der Menschentaten vom Ende des 19. Jahrhunderts.

[ 36 ] Wenn ich vielleicht ein Wort hier aussprechen darf, das wahrhaftig nicht politisch gemeint ist — Politik muß aus unserer Anthroposophischen Gesellschaft ganz herausbleiben —, aber wenn ich ein Wort hier aussprechen darf, das eben einfach Tatsachen charakterisieren soll, so ist es dieses: Man kann hinschauen auf die weltumwälzenden Taten Geschehnisse, meine ich, Ereignisse, denn Taten waren es ja nicht —, aber auf die weltumwälzenden Ereignisse namentlich des zweiten Jahrzehnts des 20. Jahrhunderts. Es ist ja schon so oft ausgesprochen worden, daß es eine Trivialität geworden ist, zu sagen, daß eigentlich, solange die Zeit währt, über die man Geschichte schreibt, solch Weltumwälzendes sich nicht zugetragen hat. Aber stehen denn nicht die Menschen im Grunde genommen in diesen weltumwälzenden Taten so darinnen, als wenn sie nicht darinnen stünden? Man geht überall herum; es ist so, als ob sich die weltumwälzenden Ereignisse außerhalb der Menschen abspielten, als wenn die Menschen gar keinen Anteil daran hätten. Man möchte fast jeden Menschen, den man heute trifft, fragen: Ja, hast denn du mitgemacht das zweite Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts? Und erst, wenn man die Sache noch von einem anderen Gesichtspunkte ansieht: wie hilflos nehmen sich die Menschen aus, wie unendlich hilflos, wie hilflos im Urteilen, wie hilflos im Tun! Ministerstühle sind ja noch niemals unter so großen Schwierigkeiten besetzt worden wie in dieser Zeit. Bedenken Sie nur, wie kurios es ist, was nach dieser Richtung eigentlich geschieht, wie hilflos die Menschen sind in dem, was sich da abspielt! Da kommt man schon darauf, die Frage aufzuwerfen: Ja, wer tut denn da eigentlich etwas? Wer ist denn daran beteiligt? Nun, wer daran beteiligt ist, meine lieben Freunde, das sind, mehr als die Menschen der Gegenwart, die Menschen vom letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Deren Schattenkräfte sieht man in allem wirksam.

[ 37 ] Sehen Sie, das ist das Geheimnis unserer Zeit. Man möchte sagen: Keine anderen Toten waren jemals so mächtig wie diejenigen vom letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts. Das ist auch ein Weltaspekt. Und wenn man mit Bezug auf den geistigen Inhalt sich die entsprechenden Dinge anschaut im einzelnen Falle, kommt man doch auf ganz Merkwürdiges.

[ 38 ] Es hat sich für mich darum gehandelt, ob ich bei der Neuauflage meiner Schriften, die geschrieben worden sind in den siebziger, achtziger, neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, dies oder jenes ändern sollte. Diejenigen, die einfache Philister der Gegenwart sind, sagen: Alles hat sich erneut; die wissenschaftlichen Theorien und Hypothesen von dazumal sind ja längst abgetane Dinge. — Betrachtet man aber die Sache vom realen Standpunkte, so kann man nichts ändern. Denn eigentlich steht hinter jedem, der heute ein Buch schreibt, oder der von einer Lehrkanzel herunterspricht, einer dahinter im Schattenbilde: da sprechen noch immer die Du Bois-Reymonds, die Helmholtzens, die Haeckels, diejenigen, die eben in der damaligen Zeit gesprochen haben; in der Medizin die Oppolzer, Billroths und so weiter. Das ist etwas vom Geheimnis der Gegenwart. Deshalb sagt die Initiationswissenschaft: Niemals waren die Toten so mächtig wie in unserem Zeitalter.

[ 39 ] Das ist dasjenige, was ich jetzt in diese Karmabetrachtungen einfügen wollte.