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Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge
Band III
GA 237

1 Juli 1924, Dornach

Erster Vortrag

[ 1 ] Ich möchte heute für diejenigen, die eben da sein können, einiges ausführen, was eine Art Episode sein kann innerhalb der Betrachtungen, die wir hier nun schon seit einiger Zeit pflegen. Es soll, was ich sage, zur Illustration und Erklärung von manchem dienen, was aus dem bisher Behandelten wie eine Frage auftauchen kann, und es soll zu gleicher Zeit dadurch einiges Licht auf die Seelenverfassung der gegenwärtigen Zivilisation fallen.

[ 2 ] Wir haben ja durch Jahre hindurch schon immer auf einen ganz bestimmten Zeitpunkt der im wesentlichen europäischen Zivilisationsentwickelung aufmerksam machen müssen, der da liegt in der Mitte des Mittelalters, um das 14., 15. Jahrhundert. Wir weisen damit auf denjenigen Punkt in der Menschheitsentwickelung hin, wo der Intellektualismus beginnt, wo die Menschen damit beginnen, vorzugsweise auf das Denken, auf den Intellekt aufzupassen und ihn zum Richter zu machen über dasjenige, was unter Menschen gedacht und getan werden soll.

[ 3 ] Nun kann man sich ja, weil das Zeitalter des Intellektes heute da ist, durch das Miterleben der Gegenwart allenfalls eine rechte Vorstellung machen von dem, was Intellektualismus ist, was eben im 14. und 15. Jahrhundert an die Oberfläche der Zivilisation gekommen ist. Aber die Seelenverfassung, die vorangegangen ist, die fühlt man heute eigentlich nicht mehr in lebendiger Art. Wenn man Geschichte betrachtet, so projiziert man eigentlich dasjenige, was man in der Gegenwart zu sehen gewöhnt ist, auch weiter nach rückwärts im geschichtlichen Ablauf, und man bekommt nicht viel Vorstellung davon, wie ganz andersartig die Geister vor diesem Zeitraum waren. Und wenn man Urkunden sprechen läßt, so liest man eben in die Urkunden zum großen Teil schon dasjenige hinein, was heutige Denkungs- und Anschauungsart ist.

[ 4 ] Der geisteswissenschaftlichen Betrachtung stellt sich eben manches ganz und gar anders dar. Und wenn man zum Beispiel den Blick auf jene Persönlichkeiten hinwendet, die aus dem Arabismus, aus der Kultur Asiens heraus auf der einen Seite beeinflußt waren von dem, was im Mohammedanismus als Religion sich ausgelebt hat, auf der anderen Seite aber auch beeinflußt waren von dem Aristotelismus, wenn man auf diese Persönlichkeiten schaut, die dann den Weg herüber über Afrika nach Spanien gefunden haben, die dann tief beeinflußt haben die Geister Europas, bis zu Spinoza und über Spinoza hinaus wiederum weiter die Geister Europas beeinflußt haben, dann gewinnt man über sie keine Anschauung, wenn man sich ihre Seelenverfassung so vorstellt, wie wenn sie einfach Menschen der Gegenwart gewesen wären, nur daß sie so und so viele Dinge noch nicht gewußt haben, die später gefunden worden sind. Denn so ungefähr stellt man sie sich ja vor. Aber die Denk- und Anschauungsweise auch noch derjenigen Persönlichkeiten aus der angedeuteten Zivilisationsrichtung, die etwa im 12. Jahrhundert lebten, war ganz anders als die heutige.

[ 5 ] Heute fühlt sich der Mensch, wenn er so auf sich selbst zurückblickt, als der Besitzer von Gedanken, Gefühlen, Willensimpulsen, die dann zur Tat werden. Vor allen Dingen schreibt sich der Mensch eben zu das «ich denke», das «ich fühle», das «ich will». Bei diesen Geistern, bei diesen Persönlichkeiten, von denen ich jetzt rede, war das «ich denke» noch gar nicht von solcher Empfindung begleitet, mit der wir heute sagen: Ich denke —, sondern nur das «ich fühle» und «ich will». Diese Menschen haben ihrer eigenen Persönlichkeit nur ihr Fühlen und ihr Wollen zugeschrieben. Aus altzivilisatorischen Untergründen heraus lebten sie viel mehr in der Empfindung «es denkt in mir», als daß sie gedacht hätten «ich denke». Sie dachten wohl: «ich fühle, ich will», aber sie dachten durchaus nicht in demselben Maße: «ich denke», sondern sie sagten sich — und das ist eine ganz reale Anschauung gewesen, die ich Ihnen jetzt mitteilen will —: Gedanken sind in der sublunarischen Sphäre, da leben die Gedanken. — Überall sind diese Gedanken in derjenigen Sphäre, die gegeben ist dadurch, daß wir uns die Erde (siehe Zeichnung, blau) vorstellen an einem gewissen Punkt, den Mond hier an einem anderen, dann Merkur, Venus und so weiter. Sie dachten sich die Erde als dichte, feste Weltenmasse, aber sie dachten sich als zweites, was dazu gehört, die lunarische Sphäre bis zum Monde hinauf (gelb).

[ 6 ] Und so wie wir sagen, in der Luft, in der wir atmen, ist Sauerstoff, so sagten diese Leute — es ist eben ganz vergessen worden, daß das so war —: In dem Äther, der bis zum Mond hinaufreicht, sind Gedanken. — Und wie wir sagen, wir atmen den Sauerstoff der Luft ein, so sagten diese Menschen allerdings nicht: wir atmen die Gedanken ein, aber: wir perzipieren die Gedanken, wir nehmen die Gedanken auf. Und sie waren sich dessen bewußt, daß sie sie aufnehmen.

[ 7 ] Sehen Sie, heute kann ein Mensch sich so etwas meinetwillen auch als Begriff zu eigen machen. Er kann vielleicht sogar aus der Anthroposophie heraus so etwas einsehen. Aber er vergißt es ja gleich wieder, wenn es aufs praktische Leben ankommt. Wenn es aufs praktische Leben ankommt, dann macht er sich gleich eine ganz merkwürdige Vorstellung, er macht sich die Vorstellung, daß die Gedanken in ihm entspringen, was ganz gleich wäre, wie wenn er meinte, daß der Sauerstoff, den er aufnimmt, nicht von außen aufgenommen würde, sondern aus ihm heraus entspränge. Für die Persönlichkeiten, von denen ich spreche, war eben ein tiefes Gefühl, ein unmittelbares Erlebnis: Ich habe nicht meine Gedanken als meinen Besitz, ich darf eigentlich nicht sagen, «ich» denke, sondern «Gedanken sind», und ich nehme sie auf, diese Gedanken.

[ 8 ] Nun, vom Sauerstoff der Luft wissen wir, daß er in verhältnismäßig kurzer Zeit den Kreislauf durch unseren Organismus durchmacht. Wir zählen solche Kreisläufe nach den Pulsschlägen. Das geschieht schnell. Die Persönlichkeiten, von denen ich spreche, stellten sich schon das Aufnehmen der Gedanken wie eine Art von Atmen vor, aber ein sehr langsames Atmen, ein Atmen, das darin besteht, daß im Beginne des Erdenlebens der Mensch fähig wird, die Gedanken aufzunehmen. So wie wir den Atem eine gewisse Zeit zwischen der Einatmung und der Ausatmung in uns halten, so stellten sich diese Menschen auch einen Tatbestand vor, dahingehend, daß sie nun die Gedanken halten, aber eben nur so, wie wir den Sauerstoff, der der äußeren Luft angehört, halten. So stellten sie sich es vor: sie halten die Gedanken, und zwar während der Zeit ihres Erdenlebens, und sie atmen sie wieder aus, hinaus in die Weltenweiten, wenn sie durch die Pforte des Todes gehen. So daß man es also zu tun hatte mit einem Einatmen: Lebensbeginn; Atemhalten: Dauer des Erdenlebens; Ausatmen: Hinaussenden der Gedanken in die Welt. Menschen, die so innerlich erlebten, fühlten sich mit allen anderen, die gleich erlebten, in einer gemeinschaftlichen Gedankenatmosphäre, die nicht bloß einige Meilen über die Erde hinaufging, sondern die eben bis zum Mondenumkreis ging.

[ 9 ] Man kann sich nun vorstellen, daß diese Anschauung, die damals um die europäische Zivilisation gekämpft hat, sich immer weiter und weiter ausbreiten wollte, namentlich von jenen Aristotelikern aus, die von Asien herüber nach Europa auf dem Wege gekommen sind, den ich angedeutet habe. Man könnte sich nun vorstellen, daß diese Anschauung sich wirklich ausgebreitet hätte. Was wäre geworden?

[ 10 ] Ja, es wäre dann nicht dazu gekommen, daß im vollsten Sinne des Wortes sich das hätte ausleben können, was sich doch im Laufe der Erdenentwickelung hat ausleben müssen: nämlich die Bewußtseinsseele. Diejenigen Menschen, von denen ich da spreche, standen sozusagen im letzten Stadium der Entwickelung der Verstandes- oder Gemütsseele. Heraufkommen sollte im 14. und 15. Jahrhundert die Bewußtseinsseele, die eben alles in der Zivilisation in Intellektualismus überführte, wenn sie im Extrem sich auslebte.

[ 11 ] Die europäische Bevölkerung war in ihrer Totalität im 10., 11., 12. Jahrhundert keineswegs durchaus befähigt, eine solche Anschauung, wie die der Persönlichkeiten, die ich charakterisiert habe, einfach über sich ergehen zu lassen, denn die Entwickelung der Bewußtseinsseele wäre dann ausgeblieben. Wenn es auch sozusagen im Ratschluß der Götter bestimmt war, daß die Bewußtseinsseele sich entwickele, so war es doch so, daß diese Bewußtseinsseele sich nicht aus der Eigentätigkeit der europäischen Menschheit in ihrer Totalität heraus hat entwickeln können, sondern es mußte gewissermaßen ein Impuls kommen, der dahin ging, die Bewußtseinsseele besonders zu entwickeln.

[ 12 ] So daß wir heraufkommen sehen von dem Zeitalter an, das ich jetzt charakterisiert habe, zwei Geistesströmungen. Die eine Geistesströmung war sozusagen bei den arabisierenden Philosophen vertreten, die vom Westen Europas herein die europäische Zivilisation stark beeinflußten, viel stärker, als man heute glaubt. Die andere Strömung war diejenige, welche in schärfster Weise diese Strömung, die ich charakterisierte, bekämpfte, welche in schärfster Strenge diese Anschauung als die ketzerischste für Europa hinstellte. Wie stark das noch lange gefühlt wurde, das, meine lieben Freunde, empfinden Sie, wenn Sie Bilder anschauen, wo etwa Dominikanermönche oder Thomas von Aquino selber im Triumphe dargestellt werden, im Triumphe einer ganz anderen Anschauung, einer Anschauung, die vor allen Dingen die Individualität, das Persönliche des Menschen betont, die dahin arbeitet, daß der Mensch sich seine Gedanken als sein Eigentum aneignet, und wo diese Dominikaner dargestellt werden, wie sie die Vertreter des Arabismus mit Füßen treten. Die sind unter ihren Füßen, die werden getreten. In solchem Gegensatz hat man eben die beiden Strömungen lange empfunden. Eine Gefühlsenergie, wie sie in einem solchen Bilde liegt, ist eigentlich in der heutigen, etwas apathischen Menschheit nicht mehr vorhanden. Wir brauchen sie allerdings nicht für jene Dinge, für die damals gekämpft worden ist, aber wir brauchen sie für andere Dinge wiederum gar sehr!

[ 13 ] Bedenken wir einmal, was da vorgestellt wurde: Einatmung der Gedanken aus dem Weltenäther, aus der sublunarischen Sphäre: Lebensanfang; Atemhalten: Erdenleben; Ausatmung: wiederum Hinaustreten der Gedanken, aber mit der individuell menschlichen Färbung, in den Weltenäther, in die Impulse der Sphäre unter dem Monde, in die Impulse der sublunarischen Sphäre.

[ 14 ] Was ist denn dieses Ausatmen? Ganz genau dasselbe, meine lieben Freunde, wie das, von dem wir sagen: in den drei Tagen nach dem Tode vergrößert sich der Ätherleib des Menschen. Der Mensch sieht zurück auf den sich langsam vergrößernden Ätherleib, er sieht, wie sich seine Gedanken hinaus ausbreiten in den Kosmos. Es ist ja ganz dasselbe, was nur, ich möchte sagen, von einem subjektiveren Standpunkte aus dazumal dargestellt worden ist. Also es ist ja immer wiederum wahr, wie diese Leute dazumal empfanden und erlebten. Sie empfanden den Kreislauf des Lebens tiefer, als er heute empfunden werden kann.

[ 15 ] Aber dennoch: wären ihre Anschauungen herrschend geworden in Europa in der Form, in der sie damals da waren, dann wäre nur ein schwaches Ich-Gefühl bei den Menschen der europäischen Zivilisation zur Entwickelung gekommen. Die Bewußtseinsseele hätte nicht heraustreten können, das Ich hätte sich in dem «ich denke» nicht erfaßt, der Unsterblichkeitsgedanke wäre immer verschwommener und verschwommener geworden. Die Menschen hätten immer mehr und mehr auf dasjenige hingeblickt, was so im allgemeinen in der sublunarischen Sphäre herumwellt und -webt, wenn es übriggeblieben ist von dem Menschen, der hier auf dieser Erde gelebt hat. Man hätte die Geistigkeit der Erde als ihre erweiterte Atmosphäre gefühlt, man hätte sich mit der Erde gefühlt, aber nicht als individueller Mensch, abgesondert von der Erde; denn die Menschen, die ich charakterisierte, die fühlten sich eigentlich durch dieses «es denkt in mir» mit der Erde innig zusammenhängend. Sie fühlten sich nicht in demselben Grade als Individualitäten, wie dies die Menschen im übrigen Europa anfingen zu fühlen, wenn auch in unklarer Weise.

[ 16 ] Dann aber müssen wir doch auch das Folgende berücksichtigen: Nur diese geistige Strömung, von der ich sprach, wußte davon, daß, wenn der Mensch stirbt, die von ihm während des Erdenlebens aufgenommenen Gedanken im Weltenäther, der die Erde umgibt, wellen und weben. Und diese Anschauung wurde also von denjenigen Persönlichkeiten, die ja namentlich aus dem Dominikanerorden hervorgingen, scharf bekämpft, und scharf wurde geltend gemacht: Der Mensch ist eine Individualität, man hat vor allen Dingen auf dasjenige zu sehen, was vom Menschen als Individualität durch die Pforte des Todes geht, nicht auf das, was sich auflöst im allgemeinen Weltenäther. Das wurde eben vorzugsweise, obwohl nicht allein von den Dominikanern, aber ich möchte sagen, repräsentativ von den Dominikanern betont. Diese Anschauung von der Individualität des Menschen wurde scharf und energisch vertreten gegenüber der ersten Richtung, die ich charakterisiert habe. Aber gerade dies bewirkte einen ganz bestimmten Zustand.

[ 17 ] Denn sehen wir einmal hin auf die Vertreter, sagen wir also jetzt, des Individualismus. Es waren ja da diese individuell gefärbten Gedanken, die in den allgemeinen Weltenäther übergingen. Und diejenigen, die gegen diese Strömung kämpften, die wurden gerade dadurch, daß sie noch wußten, noch lebendig wußten: da wird das behauptet, diese Anschauung ist da — beunruhigt gerade von dem, was wirklich da war. Diese Beunruhigung durch die sich vergrößernden und auflösenden und die menschlichen Gedanken an den Weltenäther abgebenden Kräfte, diese Beunruhigung gerade der hervorragendsten Denker, die hörte ja erst im 16., 17. Jahrhundert auf.

[ 18 ] Man muß sich schon in die Seelenverfassung namentlich solcher Leute, die dem Dominikanerorden angehört haben, hineinversetzen können, um zu ermessen, wie gerade diese Leute beunruhigt wurden durch dasjenige, was vorhanden ist als Hinterlassenschaft von den verstorbenen Menschen, und an das sie nicht mehr mit ihrer Anschauung sozusagen glauben dürfen, glauben können. Man muß sich hineinversetzen in die Gemüter dieser Menschen. So trocken, so abstrakt, so eisig begrifflich, wie die Menschen heute denken, konnte ja ein hervorragender Geist im 13., 14. Jahrhundert nicht denken. Heute kommen einem ja die Menschen vor, wenn sie irgendwelche Anschauungen vertreten, als wenn es als eine Bedingung gälte für das Vertreten von Anschauungen, daß einem erst das Herz aus dem Leibe gerissen wird. Dazumal war es nicht so. Dazumal war Innigkeit, ich möchte sagen Herzlichkeit in all dem, was man als Ideen vertrat. Dadurch aber, daß diese Herzlichkeit vorhanden war, war auch in einem solchen Falle wie dem, den ich hier anführe, ein starker innerer Kampf vorhanden.

[ 19 ] Und unter den furchtbarsten inneren Kämpfen hat sich dasjenige ausgebildet, was zum Beispiel vom Dominikanerorden als eine gewisse Philosophie ausgegangen ist, die dann später das Leben, weil das ja noch viel mehr auf Autorität einzelner Menschen gebaut war, stark beeinflußte. Solch eine allgemeine Bildung gab es ja damals noch nicht; es strömte in alles, was Bildung war, was überhaupt die Leute wußten, dasjenige hinein, was wenige besaßen, die daher auch mehr hinaufragten zu dem, was philosophisches Leben und Streben war. In all dem, was da in die Zivilisation einfloß, war enthalten, was in solchen inneren Kämpfen durchlebt wurde. Heute liest man die Schriften der Scholastiker und empfindet nur trockene Gedanken. Aber trocken sind ja eigentlich bloß die Leser heute. Diejenigen Menschen, die sie geschrieben haben, waren schon nicht trocken in ihrem Gemüte. Die waren voll inneren Feuers gegenüber ihren Gedanken. Und dieses innere Feuer kam eben von dem Bestreben, abzuweisen den objektiven Gedankeneinfluß.

[ 20 ] Wenn heute einer denkt über Weltanschauungsfragen, so beirrt ihn ja eigentlich nichts. Man kann heute den größten Unsinn denken, und man denkt ihn ganz ruhig, weil für die Menschheit, die schon so lange innerhalb der Bewußtseinsseele sich entwickelt hat, keine Beunruhigung von der Art eintritt, daß die einzelnen empfinden würden, wie nun die Gedanken der Menschen sich ausnehmen, wenn sie nach dem Tode hinausfließen in die Ätherumgebung der Erde. Heute sind ja ganz unbekannt solche Dinge, wie sie noch im 13., 14. Jahrhundert erlebt werden konnten, wo jüngere Priester zu älteren Priestern kamen und noch die inneren Qualen, die sie durchmachten im Beständigbleiben in ihrem Religionsbekenntnisse, dadurch ausdrückten, daß sie sagten: Mich quälen die Gespenster der Toten.

[ 21 ] Denn mit den Gespenstern der Toten war das eben gemeint, was ich jetzt charakterisiert habe. Da konnten die Menschen noch hineinwachsen in dasjenige, was sie eben lernten. Man lernte innerhalb einer gewissen Gemeinschaft, sagen wir einer Dominikanergemeinschaft, daß der Mensch individuell ist, auch seine individuelle Unsterblichkeit hat. Man lernte, daß es eine falsche, ketzerische Anschauung ist, wenn in bezug auf das Denken eine All-Erdenseele angeschaut wird, man lernte das scharf bekämpfen. Aber man empfand in gewissen Augenblicken, in denen man so recht mit sich selber zu Rate ging, das objektive Wirken der Gedanken von den Überresten der verstorbenen Menschen und sagte sich dann: Ist es denn ganz richtig, daß ich das tue, was ich tue? Da ist etwas Unbestimmtes, das in meine Seele hineinwirkt. Ich komme nicht auf dagegen. Ich werde festgehalten. Ja, die Intellekte der Menschen, oder wenigstens vieler Menschen, waren eben zu jener Zeit noch so geordnet, daß für sie die Toten wenigstens noch tagelang nach dem Tode recht allgemein sprachen. Und hatte der eine aufgehört zu sprechen, so fing ein anderer an. Man fühlte sich auch in bezug auf solche Dinge dann ganz darinnen im allgemeinen Geistigen des Weltenalls, wenigstens noch im Ätherischen.

[ 22 ] Dieses Miterleben mit dem Weltenall, das hat in unsere Zeiten herein eben ganz aufgehört. Und dafür haben wir das Leben in der Bewußtseinsseele errungen. Und all das, was uns als eine Realität ebenso umgibt wie Tische und Stühle, wie Bäume und Flüsse, was uns als eine geistige Realität umgibt, das wirkt nur noch auf die Tiefen des Unterbewußtseins der Menschen. Die Innerlichkeit des Lebens, die geistige Innerlichkeit des Lebens, die hat eben aufgehört. Die wird erst wiederum errungen in einer lebendig aufgenommenen geisteswissenschaftlichen Erkenntnis.

[ 23 ] Und so lebendig müssen wir über eine geisteswissenschaftliche Erkenntnis denken, wie es sich uns ergibt, wenn wir solche Erscheinungen, die noch gar nicht so lange hinter uns liegen, anschauen. Man denke sich den scholastischen Denker oder Schriftsteller des 13. Jahrhunderts. Er schreibt seine Gedanken hin. Heute ist denken leicht, denn die Menschen haben sich schon gewöhnt, intellektualistisch zu denken. Dazumal fing es eben an, da war es noch schwer. Da war man sich noch bewußt einer ungeheuren inneren Anstrengung, da war man sich bewußt einer Ermüdung durch das Denken wie durch das Holzhacken, wenn ich mich trivial ausdrücken darf. Heute ist ja das Denken vieler Menschen schon ganz automatisch geworden. Und ist man denn heute etwa von der Sehnsucht befallen, jeden seiner Gedanken mit seiner menschlichen Persönlichkeit zu verfolgen? Man hört zu, wie die Menschen heute wie ein Automat einen Gedanken aus dem anderen hervorgehen lassen können, so daß man gar nicht nachkommt, daß man auch gar nicht weiß, warum; denn da ist nichts von einer Notwendigkeit vorhanden. Aber solange der Mensch im Leibe lebt, soll er mit seiner Persönlichkeit seine Gedanken verfolgen. Dann nehmen sie schon einen anderen Gang: sie breiten sich aus, wenn er gestorben ist.

[ 24 ] Ja, so konnte man sitzen in der damaligen Zeit und die Lehre von dem individuellen Menschen zur Rettung der Lehre von der individuellen Unsterblichkeit mit allen scharf einschneidenden Gedanken verteidigen, polemisch werden gegen Averroes oder sonstige Leute von jener ersten Richtung, die ich heute charakterisiert habe. Dann war aber eine Möglichkeit vorhanden: es war die Möglichkeit vorhanden, daß dasjenige, was gerade von einer solchen hervorragenden Persönlichkeit wie Averroes nach dem Tode wie eine Art Gespenst in der sublunarischen Sphäre sich aufgelöst hat, wiederum am Ende der subJunarischen Sphäre — eben durch den Mond selber — gerade stark gesammelt worden und geblieben ist, nach der Vergrößerung sogar wieder verkleinert worden ist und ihm Gestalt gegeben worden ist, so daß es wiederum zu einem, ich möchte sagen, im Äther aufgebauten Wesen konsolidiert worden ist. Das konnte geschehen. Dann saß man und versuchte, den Individualismus zu begründen: Man polemisierte gegen Averroes — und Averroes erschien, erschien drohend und beirrte das Gemüt. Gegen den längst verstorbenen Averroes standen im 13. Jahrhundert die wichtigsten scholastischen Schriftsteller auf. Gegen den längst Gestorbenen polemisierte man, gegen dasjenige, was als Lehre geblieben ist: er bewies einem, daß seine Gedanken wiederum verdichtet, konsolidiert worden sind und weiterleben!

[ 25 ] Diese inneren Kämpfe, die dem Anfang des Bewußtseinszeitalters vorangegangen sind, sind schon so, daß man heute auf ihre ganze Intensität, auf ihre Innigkeit hinschauen sollte. Worte sind schließlich Worte, und die späteren Menschen nehmen eben das, was hinter den Worten ist, mit denjenigen Begriffen, die sie haben. Aber solche Worte schlossen manchmal reiches Seelenleben ein, deuteten hin auf Seelenleben, wie ich sie eben jetzt charakterisiert habe.

[ 26 ] Und so haben wir zwei Strömungen, die im Grunde genommen bis zum heutigen Tage wirksam geblieben sind. Wir haben die eine Strömung, die gern — jetzt nur noch von der geistigen Welt, aber da um so stärker — dem Menschen klarmachen möchte, daß ein allgemeines Gedankenleben die Erde umgibt, daß man in Gedanken drinnen seelisch-geistig atmet, und die andere Strömung, die vor allem den Menschen hinweisen will darauf, daß er sich unabhängig machen sollte von solcher Allgemeinheit, daß er sich in seiner Individualität erleben sollte. Die eine Strömung, die erste, mehr wie ein unbestimmtes Raunen in der geistigen Erdenumgebung, ist heute für viele Menschen, die schon auch vorhanden sind, nur noch wahrnehmbar, wenn in besonders gestalteten Nächten die Leute auf ihrem Lager liegen und dem Unbestimmten zuhören, und wo aus diesem Unbestimmten heraus alle möglichen Zweifel geboren werden an dem, was die Leute heute aus ihrer Individualität heraus mit solcher Bestimmtheit behaupten. Wir haben bei anderen Leuten, die immer gut schlafen, weil sie mit sich selbst zufrieden sind, dann das strenge Betonen des individuellen Prinzips.

[ 27 ] Und dieser Kampf lodert eigentlich auf dem Grunde der europäischen Zivilisation. Er lodert bis zum heutigen Tage. Und in den Dingen, die sich äußerlich an der Oberfläche unseres Lebens abspielen, haben wir im Grunde genommen kaum etwas anderes als eben oberflächliche Wellenschläge dessen, was in der Tiefe der Seelen schon einmal vorhanden ist als Überrest jenes tieferen, jenes intensiveren Seelenlebens der damaligen Zeit.

[ 28 ] Nun sind ja so manche Seelen aus der damaligen Zeit wiederum im gegenwärtigen Erdenleben da. Sie haben in einer gewissen Weise besiegt, was sie dazumal in starkem Maße für das Oberbewußtsein beunruhigt hat, wenigstens für gewisse Augenblicke im Oberbewußtsein beunruhigt hat. Aber in der Tiefe lodert das in zahlreichen Gemütern heute um so mehr. Geisteswissenschaft ist eben wiederum dazu da, um auch auf solche historische Erscheinungen hinzuweisen.

[ 29 ] Nun aber dürfen wir das Folgende nicht vergessen. In demselben Maße, in dem die Menschen im Erdenleben unbewußt werden für dasjenige, was doch da ist: die Äthergedanken der nächsten Erdenumgebung, in demselben Maße, in dem sich daher die Menschen ihren Eigenbesitz, das «ich denke» aneignen, in demselben Maße engt sich die menschliche Seele ein, und der Mensch geht mit einer eingeengten Seele durch die Pforte des Todes. Diese eingeengte Seele hat dann unwahre, unvollständige, sich widersprechende irdische Gedanken in den Weltenäther hineingetragen. Die wirken nun auch wieder zurück auf die Gemüter der Menschen. Und daraus entstehen soziale Bewegungen, wie wir sie eben heute entstehen sehen. Die muß man ihrer inneren Entstehungsweise nach begreifen, dann wird man auch einsehen, daß es kein Heilmittel gibt gegen diese oftmals so zerstörerischen sozialen Anschauungen als die Verbreitung der Wahrheit über das geistige Leben und Wesen.

[ 30 ] Sie haben ja schon aus den Vorträgen gesehen, die hier gerade als historische Vorträge mit Berücksichtigung des Reinkarnationsgedankens gehalten worden sind und die zu ganz konkreten Beispielen geführt haben, wie unter der Oberfläche der äußeren Geschichte die Dinge wirken, wie dasjenige, was in einem Zeitalter lebt, in ein späteres Zeitalter durch die ins Leben wiederkommenden Menschen ins Leben hinübergetragen wird. Aber es wirkt ja alles, was an Geistigem vorhanden ist zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, mit an der Gestaltung dessen, was von einem Erdenleben ins andere durch Menschen getragen wird. Heute wäre es etwas Gutes, würden zahlreiche Seelen sich jene Objektivität erwerben, zu der man Verständnis erweckend sprechen kann, wenn man gerade diejenigen Menschen charakterisiert, die in der Abendröte des Verstandes- oder Gemütszeitalters gelebt haben.

[ 31 ] Diese Menschen, die damals gelebt haben, zum Teil jetzt wieder da sind, die haben gerade diese Abendröte eines Zeitalters tief in ihrer Seele miterlebt: Sie haben durch ihre fortwährenden Anfechtungen von jenen Gespenstern, von denen ich gesprochen habe, im Grunde doch einen tiefen Zweifel aufgenommen an der einzigartigen Gültigkeit des Intellektualistischen. Dieser Zweifel ist zu begreifen. Denn so im 13. Jahrhundert hat es viele Menschen gegeben, die erkennende Menschen waren, die dazumal im ja fast durchaus theologisierenden Wissenschaftsbetrieb darinnen waren und die es als eine tiefe Gewissensfrage behandelten: Was wird denn nun eigentlich?

[ 32 ] Solche Seelen haben oftmals für die damalige Zeit Großes, Gewaltiges aus ihren früheren Inkarnationen in diese Zeit hineingetragen. Sie haben es schon in intellektualistische Färbung gebracht, aber sie empfanden das Ganze als eine Niedergangsströmung, und sie empfanden Gewissensbisse bei der aufgehenden Strömung, die nach Individualität hindrängte — bis dann diejenigen Philosophen kamen, die unter einem bestimmten Einfluß standen, der eigentlich allen Sinn totgeschlagen hat. Wenn man radikal spricht, kann man auch sagen: bis die kamen, die unter dem Einfluß von Descartes, von Cartesius standen; denn auch sehr viele von denen, die in der früheren Scholastik drinnengestanden hatten, waren ja der Denkweise des Cartesius sozusagen zum Opfer gefallen. Ich sage nicht, daß sie Philosophen geworden sind. — Diese Dinge verwandelten sich ja, und wenn die Menschen anfangen, in diesen Richtungen zu denken, dann werden Dinge zu Selbstverständlichkeiten, die merkwürdiger Unsinn sind; denn von Descartes kommt ja her der Satz: Cogito ergo sum — Ich denke, also bin ich.

[ 33 ] Meine lieben Freunde, das galt unzähligen scharfsinnigen Denkern als eine Wahrheit: Ich denke, also bin ich. Die Folge davon ist, vom Morgen bis zum Abend: ich denke, also bin ich. Ich schlafe ein: ich denke nicht, also bin ich nicht. Ich wache wieder auf: ich denke, also bin ich. Ich schlafe ein, also, da ich nicht denke, bin ich nicht. — Und die notwendige Konsequenz ist: man schläft nicht nur ein, man hört auf zu sein, wenn man einschläft! Es gibt keinen weniger geeigneten Beweis für das Dasein des Geistes des Menschen als den Satz: Ich denke, also bin ich. Dennoch fing dieser Satz an, im Zeitalter der Bewußtseinsentwickelung als der maßgebende Satz zu gelten.

[ 34 ] Man ist heute genötigt, wenn man auf solche Dinge aufmerksam macht, den Anschein eines Sakrilegs auf sich zu nehmen. Aber gegenüber dem allem möchte ich hinweisen auf eine Art Gespräch, das nicht historisch verzeichnet ist, das aber durch geistige Forschung heraus gefunden werden kann unter den Tatsachen, die geschehen sind, ein Gespräch, das stattgefunden hat zwischen einem älteren und einem jüngeren Dominikaner, und das etwa so gelautet hat.

[ 35 ] Der Jüngere sagt: Denken ergreift die Menschen. Denken — der Schatten der Wirklichkeit — ergreift die Menschen. Denken war ja immer in alten Zeiten die letzte Offenbarung des lebendigen Geistes von oben. Jetzt ist es dasjenige, das vergessen hat diesen lebendigen Geist von oben, jetzt wird es als bloßer Schatten erlebt. Wahrlich sagte dieser Jüngere —, wenn man einen Schatten sieht, dann deutet dieser Schatten auf Realitäten hin: die Realitäten sind schon da! Also nicht das Denken als solches ist damit angefochten, aber daß man aus dem Denken den lebendigen Geist verloren hat.

[ 36 ] Der Ältere sagte: Es muß eben in dem Denken — dadurch, daß der Mensch seine Blicke liebevoll hinwendet auf die äußere Natur und Offenbarung als Offenbarung hinnimmt, nicht mit dem Denken an die Offenbarung herangeht —, es muß eben in dem Denken für die frühere himmlische Realität wiederum eine irdische Realität gefunden werden.

[ 37 ] Was wird eintreten? — sagte der Jüngere. Wird die europäische Menschheit so stark sein, um diese irdische Realität des Denkens zu finden, oder wird sie nur so schwach sein, um die himmlische Realität des Denkens zu verlieren?

[ 38 ] Darinnen, in diesem Zwiegespräch, liegt eigentlich alles, was in bezug auf die europäische Zivilisation heute noch gelten kann. Denn nach jener Zwischenzeit mit der Verdunkelung der Lebendigkeit im Denken, die nun da war, muß eben wiederum das Erringen des lebendigen Denkens eintreten, sonst wird die Menschheit schwach bleiben und die eigene Realität über der Realität des Denkens verlieren. Daher ist es schon notwendig, daß seit dem Eintreten unseres Weihnachtsimpulses in der anthroposophischen Bewegung rückhaltlos gesprochen werde in Form des lebendigen Denkens. Sonst kommen wir immer mehr und mehr dazu, daß auch dasjenige, was da oder dorther gewußt wird daß der Mensch physischen Leib, Ätherleib, Astralleib hat —, nur mit den Formen des toten Denkens erfaßt wird. Aber das darf nicht mit den Formen des toten Denkens erfaßt werden, denn dann ist es eigentlich eine entstellte Wahrheit, nicht die Wahrheit selber.

[ 39 ] Das ist, was ich heute charakterisieren wollte. Wir müssen dazu kommen, mit innerem Anteil über die gewöhnliche Geschichte hinaus Sehnsucht nach derjenigen Geschichte zu haben, die im Geiste gelesen werden muß und gelesen werden kann. Diese Geschichte, sie soll immer mehr und mehr in der anthroposophischen Bewegung gepflegt werden. Heute wollte ich, ich möchte sagen, mehr das Konkret-Programmatische nach dieser Richtung hin vor Ihre Seele stellen, meine lieben Freunde. Manches ist aphoristisch gesagt worden, aber der Zusammenhang in diesen Aphorismen, die ich heute gesprochen habe, wird Ihnen aufgehen, wenn Sie versuchen, das, was ausgesprochen werden wollte, weniger intellektualistisch zu verfolgen, als vielmehr es mit dem ganzen Menschen zu erfühlen — erkennend es erfühlen, fühlend es erkennen —, damit immer mehr und mehr wirklich von Spiritualität getragen werde nicht nur, was innerhalb unserer Kreise gesagt wird, sondern auch das, was innerhalb unserer Kreise gehört wird.

[ 40 ] Erziehung brauchen wir zum spirituellen Anhören, dann werden wir unter uns die Spiritualität entwickeln. Diese Empfindung wollte ich heute anregen, nicht einen systematischen Vortrag halten, sondern mehr oder weniger — allerdings mit Berufung auf allerlei geistige Tatsachen — zu Ihren Herzen sprechen.