Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge
Band III
GA 237
6 Juli 1924, Dornach
Dritter Vortrag
[ 1 ] Wir haben gesehen, wie die Betrachtung des Karma, in dem das menschliche Schicksal eingeschlossen ist, führt von den weitesten Verhältnissen des Weltenalls, von den Sternenwelten, bis hinein in die intimsten Erlebnisse des menschlichen Herzens, insofern dieses Herz ja ein Ausdruck ist für alles das, was der Mensch im Leben auf sich wirken fühlt, was mit ihm im Zusammenhange des Erdendaseins vorgeht. Wir werden immer wiederum, wenn wir gerade aus einem tieferen Verständnis der karmischen Zusammenhänge heraus zum Urteilen kommen wollen, aufgefordert, nach diesen beiden so entfernt voneinander liegenden Gebieten des Weltendaseins hinzuschauen. Man muß eigentlich sagen: Was man sonst auch betrachtet, sei es die Natur, sei es die mehr natürliche Konfiguration der Menschheitsentwickelung in der Geschichte oder das Völkerleben, es führt alles nicht so hoch hinauf in kosmische Gebiete wie gerade die Karmabetrachtung. Diese Karmabetrachtung, sie macht uns überhaupt aufmerksam auf die Zusammenhänge des menschlichen, hier auf der Erde vollbrachten Lebens mit dem, was in den Weltenweiten vorgeht. Wir sehen dieses menschliche Leben auf der Erde, wenn es in gewissen Zusammenhängen seine Grenze erreicht, sich entfalten bis etwa zum siebzigsten Jahre. Was darüber hinaus ist, ist eigentlich ein gnadevoll geschenktes Leben. Was darunter ist, steht unter karmischen Einflüssen; die werden wir noch zu betrachten haben.
[ 2 ] Aber man kann — das haben wir ja schon öfter von verschiedenen Gesichtspunkten aus in den mannigfaltigsten Betrachtungen berührt — ein menschliches Erdenleben auf etwa zweiundsiebzig Jahre rechnen. Zweiundsiebzig Jahre ist nun auch, vor dem Hintergrund der Geheimnisse des Kosmos gesehen, eine merkwürdige Zahl, deren Bedeutung einem eigentlich erst dann so richtig aufgeht, wenn man, ich möchte sagen, das kosmische Geheimnis des menschlichen Erdenlebens in Betracht zieht. Wir haben ja geschildert, was die Sternenwelt vom geistigen Gesichtspunkte aus eigentlich ist. Wir kommen sozusagen, wenn wir in ein neues Erdenleben eintreten, aus der Sternenwelt in dieses Erdenleben zurück. Und da fällt einem auf, wie sich alte Anschauungen, auch wenn man traditionell gar nicht an sie anknüpft, einfach wieder ergeben, sobald man mit Hilfe der heutigen Geistesforschung sich dem entsprechenden Gebiet naht. Wir haben ja gesehen, wie die verschiedenen Planetensterne, wie die Fixsterne teilnehmen am menschlichen Leben, an dem, was das menschliche Leben durchdringt und durchzieht hier auf Erden. Letzten Endes, wenn wir ein ausgelebtes Erdenleben vor uns haben, das nicht gar zu sehr steckenbleibt in den unteren Grenzen, das wenigstens die Hälfte der Erdenzeit durchlebt, kann man sagen: der Mensch, indem er von geistig-kosmischen Weiten heruntersteigt zu einem irdischen Dasein, kommt immer von einem bestimmten Sterne her. Man kann diese Richtung verfolgen, und es ist nicht unsachlich, sondern im Gegenteil recht exakt, wenn wir davon sprechen, der Mensch habe einmal «seinen Stern». Ein bestimmter Stern, ein Fixstern, ist die geistige Heimat des Menschen.
[ 3 ] Wenn man dasjenige, was ja außer Raum und Zeit erlebt wird zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, umsetzt in seine räumliche Bildlichkeit, dann muß man dazu kommen, sich zu sagen: Jeder Mensch hat seinen Stern, der bestimmend ist für das, was er sich erarbeitet zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, und er kommt aus der Richtung eines bestimmten Sternes her. — So daß wir schon in unser Gemüt die Vorstellung aufnehmen können: Wenn wir das gesamte Menschengeschlecht betrachten, das die Erde bewohnt, so finden wir, wenn wir hier auf der Erde Umschau halten und die Kontinente durchgehen, diese Kontinente bevölkert von den Menschen, die gegenwärtig inkarniert sind. Die anderen Menschen — wo finden wir sie im Weltenall? Wohin haben wir zu schauen im Weltenall, wenn wir den Seelenblick zu ihnen hinwenden wollen, nachdem sie dort eine bestimmte Zeit hindurch zugebracht haben nach dem Durchschreiten der Pforte des Todes? Wir schauen in die richtigen Richtungen, wenn wir hinschauen zum Sternenhimmel. Das sind die Seelen — wenigstens sind das die Richtungen, die uns die Seelen finden lassen —, die sich zwischen dem Tode und einer neuen Geburt befinden. Wir überschauen das ganze Menschengeschlecht, das die Erde bevölkert, wenn wir hinauf- und hinunterschauen.
[ 4 ] Nur diejenigen, die eben auf dem Gange dahin oder auf dem Gange daher sind, finden wir in der planetarischen Region. Wir können aber nicht über die Mitternachtsstunde des Daseins sprechen zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, ohne an einen Stern zu denken, den dann gewissermaßen, aber mit Berücksichtigung dessen, was ich über Sternenwesen gesagt habe, der Mensch bewohnt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Wenn man mit einem solchen Wissen an den Kosmos herantritt, meine lieben Freunde: da draußen sind die Sterne, Weltenzeichen, aus denen uns entgegenschimmert und entgegenglänzt das Seelenleben derjenigen, die zwischen dem Tode und einer neuen Geburt sind — dann werden wir aufmerksam darauf, daß wir ja auch die Konstellation der Sterne daraufhin ansehen können, uns fragend: Wie hängt das alles, was wir in den Weltenweiten schauen, mit dem Menschenleben zusammen? — Wir lernen dann anders, gemütvoll hinaufschauen auf den silberglänzenden Mond, auf die blendende Sonne, auf die nächtlicherweile funkelnden Sterne; denn wir fühlen uns mit alledem auch menschlich vereint. Und das ist etwas, was durch Anthroposophie für Menschenseelen errungen werden soll: daß sich diese Menschenseelen mit dem ganzen Kosmos auch menschlich vereint fühlen. Aber dann auch gehen uns erst gewisse Geheimnisse des Weltendaseins auf.
[ 5 ] Meine lieben Freunde, die Sonne geht auf und unter, die Sterne gehen auf und unter. Wir können verfolgen, wie die Sonne, sagen wir, untergeht in der Gegend, wo bestimmte Sterngruppen sind. Wir können jenen scheinbaren, wie man heute sagt, Gang, den die Sterne machen bei ihrem Umkreise um die Erde, verfolgen; wir können den Gang der Sonne verfolgen. Wir sagen heute, im Laufe von vierundzwanzig Stunden sei es so, daß die Sonne die Erde umkreist — scheinbar natürlich alles —, daß die Sterne die Erde umkreisen. So sagen wir, aber das ist ja nicht ganz richtig gesprochen. Wenn wir immer wieder und wiederum aufmerksam Sternengang und Sonnengang beobachten, so kommen wir dahinter, daß die Sonne im Verhältnis zu den Sternen nicht immer zur selben Zeit aufgeht, sondern immer ein klein wenig später; jeden Tag ein klein wenig später kommt sie an den Ort, an dem sie am vorhergehenden Tag im Verhältnis zu den Sternen gewesen ist. Und dann summieren sich diese Zeitstrecken, um die die Sonne immer zurückbleibt hinter dem Sternengang, summieren sich, werden eine Stunde, werden zwei Stunden, werden drei Stunden und werden schließlich ein Tag. Und der Zeitpunkt rückt heran, wo wir sagen können: die Sonne ist hinter dem Stern um einen Tag zurückgeblieben.
[ 6 ] Und nun nehmen wir an, irgend jemand sei meinetwillen am ersten März irgendeines Jahres geboren, habe gelebt bis zum Ablauf des zweiundsiebzigsten Lebensjahres. Er feiert seinen Geburtstag immer am ersten März, weil die Sonne sagt, am ersten März sei dieser Geburtstag. Er kann ihn auch so feiern, denn die Sonne erglänzt durch die zweiundsiebzig Jahre hindurch, wenn sie auch weiterrückt im Verhältnis zu den Sternen, doch immer in der Nachbarschaft jenes Sternes, der geleuchtet hat, als der Mensch auf der Erde angekommen ist.
[ 7 ] Wenn der Mensch aber zweiundsiebzig Jahre gelebt hat, dann ist ein voller Tag abgelaufen, und er kommt in seinem Lebensalter an einer Stelle an, wo die Sonne den Stern verlassen hat, in den sie gerade eingetreten ist, als er sein Leben angetreten hat. Und er kommt bei seinem Geburtstag über den ersten März hinaus: der Stern sagt nicht mehr dasselbe, was die Sonne sagt. Die Sterne sagen, es sei der zweite März, die Sonne sagt, es sei der erste März: der Mensch hat einen Weltentag verloren, denn es sind gerade zweiundsiebzig Jahre, daß die Sonne um einen Tag hinter dem Stern zurückbleibt.
[ 8 ] Und während dieser Zeit, während sich die Sonne im Bereiche seines Sternes aufhalten kann, kann der Mensch auf der Erde leben. Dann, unter normalen Verhältnissen, wenn die Sonne nicht mehr seinen Stern beruhigt über sein irdisches Dasein, wenn die Sonne nicht mehr zu seinem Stern sagt: der ist unten, und ich gebe dir das, was dir dieser Mensch zu geben hat, von mir aus, während ich nun vorläufig, dich zudeckend, mit ihm dasjenige mache, was du sonst mit ihm machtest zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, wenn die Sonne das nicht mehr zum Stern sagen kann, fordert der Stern den Menschen wiederum zurück.
[ 9 ] Und da haben Sie die Vorgänge am Himmel als unmittelbar zusammenhängend mit dem menschlichen Dasein auf der Erde: Wir sehen in den Geheimnissen des Himmels das Lebensalter des Menschen ausgesprochen. Der Mensch kann zweiundsiebzig Jahre leben, weil die Sonne in dieser Zeit um einen Tag zurückbleibt. Dann kann sie also einen Stern, den sie vorher beruhigt hat, indem sie sich vor ihn gestellt hat, nicht mehr beruhigen, so daß der wieder frei geworden ist für die geistig-seelische Arbeit des Menschen im Kosmos.
[ 10 ] Diese Dinge können eigentlich nicht anders begriffen werden, als wenn sie mit Ehrfurcht begriffen werden, mit jener Ehrfurcht, welche die alten Mysterien die Ehrfurcht vor dem Oberen genannt haben. Denn diese Ehrfurcht vor dem Oberen leitet uns immer wieder und wieder an, dasjenige, was hier auf Erden geschieht, im Zusammenhange zu sehen mit dem, was in der gewaltigen majestätischen Sternenschrift sich abspielt. Und es ist eigentlich doch ein recht eingeschränktes Leben, das die Menschen heute zum Beispiel führen, gegenüber dem Leben, das noch im Anfange der dritten nachatlantischen Periode geführt wurde, wo man überall beim Menschen gerechnet hat nicht nach demjenigen, was bloß seine Schritte auf der Erde verzeichnet, sondern nach dem, was über das Menschenleben die Sterne des Weltenalls sagen.
[ 11 ] Sehen Sie, ist man einmal aufmerksam auf solche Zusammenhänge und ist man in der Lage, in seiner Seele solche Zusammenhänge mit Ehrfurcht aufzunehmen, dann wird man sich auch sagen können: Was immer hier auf der Erde vorgeht, hat ja sein Korrelat, sein Gegenbild in den geistigen Welten. Und in der Sternenschrift drückt sich aus, wie der Zusammenhang ist zwischen dem, was hier vorgeht, mit dem, was — wenn wir vom Erdengesichtspunkt aus sprechen — eine ziemliche Zeit vorher in der geistigen Welt sich abgespielt hat. Und eigentlich muß jede karmische Betrachtung in solch scheuer Ehrfurcht vor den Weltengeheimnissen angestellt werden.
[ 12 ] Nun nähern wir uns einmal in solch scheuer Ehrfurcht einigen karmischen Betrachtungen, die in der nächsten Zeit hier gepflogen werden sollen. Nehmen wir einmal zunächst das eine: Hier sitzt eine Anzahl von Menschen, ein Ausschnitt aus dem, was man die Anthroposophische Gesellschaft nennt. Immerhin, ob der eine nun mit stärkeren, der andere mit schwächeren Banden vereinigt ist mit dieser Anthroposophischen Gesellschaft, es gehört schon zum Schicksal des Menschen, bei manchen zum grundlegenden, intensiven Schicksal, seinen Weg in die Anthroposophische Gesellschaft gefunden zu haben. Und es liegt nun einmal in jener Vergeistigung, welche die Anthroposophische Gesellschaft finden soll seit der Weihnachtstagung, nun auch immer bewußter und bewußter zu werden über dasjenige, was geistig-kosmisch einer solchen Gemeinschaft zugrunde liegt, wie es die Anthroposophische Gesellschaft ist. Dann kann auch aus diesem Bewußtsein heraus der einzelne in dieser Gesellschaft darinnenstehen.
[ 13 ] Deshalb kann es immerhin begreiflich sein, daß mit jenen Verantwortlichkeiten, die sich ergeben aus der Weihnachtstagung her, nun auch damit begonnen wird, etwas über das Karma der Anthroposophischen Gesellschaft zu sprechen, über dieses recht komplizierte Karma; denn es ist ja ein allgemeines Karma, das aus dem karmischen Zusammenflusse vieler einzelner Menschen entsteht. Und wenn Sie alles das in seinem wahren Sinn und in seinem tiefen Sinn nehmen, was im Verlauf dieser Karmavorträge gesagt worden ist und was auch aus anderen Zusammenhängen hervorgeht, die hier betrachtet worden sind, dann werden Sie ja darauf kommen, meine lieben Freunde, daß dasjenige, was sich hier abspielt, indem eine Anzahl von Menschen durch ihr Karma in die Anthroposophische Gesellschaft hereingeführt werden, sein Vorgeschehen, so will ich es nennen, hat in einem Geschehen, das sich abgespielt hat mit diesen Menschen, bevor sie in das irdische Dasein eingetreten sind, und das wieder die Nachwirkung ist von Ereignissen, die sich in vorigen Erdenleben abgespielt haben.
[ 14 ] Wenn Sie nun zunächst nur einmal den Gedanken schweifen lassen über alles das, was durch eine solche Idee angeregt wird, dann werden Sie sagen: Es kann dieser Gedanke allmählich dahin vertieft werden, daß die Geschichte geistig erscheint, die hinter der Anthroposophischen Gesellschaft steht. Nur kann das nicht im Fluge geschehen, sondern es kann nur langsam und allmählich zum Bewußtsein kommen, damit es so zum Bewußtsein komme, daß auch das Tun der Anthroposophischen Gesellschaft sich errichte auf den Untergründen, die durchaus für die Anthroposophen vorhanden sind.
[ 15 ] Und nun, sehen Sie, zunächst ist es ja Anthroposophie, welche die Gesellschaft zusammenhält, Anthroposophie als solche. Und Anthroposophie muß doch in irgendeiner Weise von demjenigen, der sich in der Gesellschaft einfindet, gesucht werden. Das hat seine Vorgeschehnisse in dem, was erlebt worden ist — wir wollen es zunächst nur bis dahin verfolgen —, bevor die Seelen, die eben Anthroposophen werden, in das irdische Dasein heruntersteigen.
[ 16 ] Wenn aber dann mit einer gewissen Durchschau auf das, was da eigentlich sich vollzogen hat, das Auge hinblickt auf die Welt, dann muß heute das Folgende gesagt werden: Es gibt in der Welt heute viele Menschen, die man da oder dort findet und von denen man, wenn man ihren Zusammenhang mit ihrem vorirdischen Dasein ins Auge faßt, eigentlich sagen muß: sie sind durch dieses vorirdische Dasein für die Anthroposophische Gesellschaft bestimmt gewesen und können durch gewisse Ereignisse nicht den Weg in dieselbe finden. — Viel mehr solcher Menschen, als man denkt, gibt es. Das aber legt uns erst recht herzlich die Frage auf: Welches ist die Vorbestimmung, welches ist die Prädestination, die eine Seele an die Anthroposophie heranführt?
[ 17 ] Sehen Sie, ich möchte zunächst von extremen Fällen ausgehen, welche lehren können, wie das Karma gerade bei einer solchen Sache spielt. In der Anthroposophischen Gesellschaft entsteht ja wirklich, man möchte sagen, in einer intensiveren Weise für den einzelnen Menschen die Frage nach dem Karma als auf einem anderen Gebiete. Ich will nur auf das Folgende hinweisen: Nehmen Sie einmal an, daß die Seelen, die gegenwärtig in einem Menschenleibe inkarniert sind, zumeist nicht so weit, man kann schon sagen überhaupt nicht so weit, zurückführen, daß sie zunächst irgend etwas erlebt haben können in verflossenen Erdenleben, was sie — nehmen wir ein radikales Beispiel — innerhalb der anthroposophischen Bewegung zur Eurythmie hinführt; denn diese Eurythmie hat es ja nicht gegeben in denjenigen Zeiten, in denen die Seelen verkörpert waren, die heute Eurythmie suchen.
[ 18 ] Da entsteht die brennende Frage: Wie kommt eine Seele dazu, den Gang nach der Eurythmie hin zu machen aus karmischen Untergründen heraus? Aber so ist es ja mit allen einzelnen Gebieten des gesamten Lebens: Seelen finden sich heute, welche nach dem, was Anthroposophie gibt, den Weg suchen. Wie kommen sie dazu, dasjenige, was die Vorbedingungen ihres Karma in den vorigen Erdenleben sind, gerade nach der Richtung zur Anthroposophie hin zu entfalten?
[ 19 ] Nun sind da zunächst solche Seelen, die mit einer gewissen inneren starken Intensität zur Anthroposophie hingetrieben werden. Diese Intensität ist ja nicht bei allen gleich, aber es gibt Seelen, die mit einer starken inneren Intensität hingetrieben werden zur Anthroposophie, daß es einem so vorkommt, als wenn sie geradezu ohne Seitenpfade, in aller Geradheit zur Anthroposophie hinsteuern und in irgendein Gebiet des anthroposophischen Lebens hineinmünden.
[ 20 ] Da gibt es eine Anzahl von Seelen, die aus dem Grunde zu einem solchen weltenkosmischen Steuern in ihrer Seele kommen, weil sie in besonderer Stärke empfunden haben in abgelaufenen Jahrhunderten, in denen sie ihr voriges Erdenleben durchgemacht haben, daß das Christentum an einem bestimmten Wendepunkt angekommen war. Sie haben in einem Zeitalter gelebt, wo das Christentum vorzugsweise dazu geführt hatte, in ein mehr oder weniger instinktives menschliches Fühlen überzugehen, wo das Christentum zwar mit einer Selbstverständlichkeit, aber mit einer instinktiven Selbstverständlichkeit geübt wurde, wo die Seelen eigentlich nicht die Frage aufgeworfen haben: Warum bin ich ein Christ? — Und wir kommen, wenn wir den Blick zurückwenden auf das 13., 12., 11., 10., 9., 8. Jahrhundert der nachchristlichen Entwickelung, insbesondere auf solche Seelen, die durchchristet waren, die hereinwuchsen in das Bewußstseinszeitalter, die aber das Christentum noch vor dem Bewußstseinszeitalter in die reine Gemütsseele hinein voll aufgenommen haben, denen aber schon in bezug auf die mehr weltlichen Angelegenheiten dasjenige erglänzte, was die Bewußtseinsseele bringen soll.
[ 21 ] Was da, ich möchte sagen, unbewußt gelebt hat, so daß es gewissermaßen mit Umgehung des Kopfes dazumal in die Verrichtungen des Organismus hineingegangen ist, was da gelebt hat in vieler Beziehung als ein frommes Christentum, aber ein Christentum, das über sich selber nicht zur Klarheit kam, das stellte an diese Menschen die Forderung — denn, was unbewußt ist in einem Erdenleben, wird um einen Grad bewußter im nächsten Erdenleben —, die Frage aufzuwerfen: Warum sind wir Christen?
[ 22 ] Das aber führte dazu — ich spreche heute einleitungsweise die Dinge zunächst andeutend, sie sollen weiter ausgeführt werden —, daß solche Seelen nun auch in dem Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt vorzugsweise in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in der geistigen Welt einen Zusammenhang hatten, Und es gab Seelenvereinigungen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in der geistigen Welt, die die Konsequenzen des Christentums zogen, das sie hier auf Erden erlebt haben, in dem Glanze und in dem umfassenden Schein, in der umfassenden Offenbarung der geistigen Welt. Gerade in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es Seelen in dem Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, die dahin drängten, in kosmische Imaginationen umzusetzen, was sie in einem christlichen vorangehenden Leben gefühlt haben. Und gerade das, was ich hier einmal als einen Kultus beschrieben habe, das spielte sich da im Übersinnlichen ab. Und eine große Anzahl Seelen war versammelt in diesen gemeinsam gewobenen kosmischen Imaginationen, in diesen mächtigen Bildern eines Zukunftsdaseins, das dann in veränderter Gestalt gesucht werden sollte während des nächsten Erdendaseins.
[ 23 ] Aber da hineinverwoben war alles dasjenige, was an schweren inneren Kämpfen, die viel schwerer waren, als man gewöhnlich denkt, sich abgespielt hat zwischen dem 7. und 13., 14. nachchristlichen Jahrhundert. Die Seelen derjenigen Menschen, die ich meine, haben gerade in dieser Zeit manches durchgemacht. Und alles, was sie da durchgemacht haben, woben sie hinein in jene mächtigen kosmischen Imaginationen, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts von einer größeren Anzahl von Seelen gemeinschaftlich gewoben wurden.
[ 24 ] Alles das, was da an kosmischen Imaginationen gewoben wurde, das ist durchspielt auf der einen Seite von etwas, das ich nicht anders beschreiben kann denn als eine Art von sehnendem, erwartungsvollem Gefühle. All dieses Ausarbeiten von mächtigen kosmischen Imaginationen wird erlebt von diesen Seelen so, daß sie ein verdichtetes, aber aus mannigfaltigen Einzelheiten heraus verdichtetes Gefühl in ihren Seelen, in ihren entkörperten Seelen haben; es ist das Gefühl, das ich etwa in der folgenden Art beschreiben kann: Wir haben unten im letzten Erdendasein die Hinneigung zu dem Christus erlebt. Wir haben tief die Geheimnisse empfunden, welche die Tradition aufbewahrt hatte für die Christen, an das heilig-ernste Geschehen, das sich in Palästina im Beginne der christlichen Zeitrechnung abgespielt hat. Aber hat Er denn in aller seiner Glorie, in all seinem Glanze vor unserer Seele gestanden, dieser Christus? Diese Frage ging aus den Gemütern hervor. Sie sagten: Haben wir es nicht nur nach unserem Tode vernommen, wie der Christus aus kosmischen Höhen als Sonnenwesen auf die Erde heruntergestiegen ist? Haben wir ihn als Sonnenwesen erlebt? Hier ist er nicht mehr: Er ist mit der Erde vereint; hier gibt es nur etwas wie eine weltenkosmische Erinnerung an ihn. Wir müssen wieder zu der Erde den Weg finden, um den Christus vor unserer Seele zu haben. Christus-Sehnsucht begleitete diese Seelen — aus dem Weben von großen, majestätischen, kosmischen Imaginationen, die mit den Geistern der oberen Hierarchien gewoben wurden; diese Sehnsucht begleitete diese Seelen aus dem vorirdischen Dasein in das irdische herein.
[ 25 ] Das ist etwas, was mit einer hinreißenden Intensität erlebt werden kann für den geistigen Blick, der das Geschehen in der verkörperten und nichtverkörperten Menschheit beobachtete im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts. Und da mischte sich eben das Mannigfaltigste in diese Eindrücke hinein. Denn gerade dadurch, daß die Seelen, die jetzt wiedererscheinen, mitgemacht haben in ihrer Christus-Empfindung all das, was sich abgespielt hat zwischen denen, die nach dem Christentum strebten, und denen, die noch drinnenstanden in den Vorstellungen des alten Heidentums, wie es ja zumeist der Fall war in den Jahrhunderten, auf die ich hingedeutet habe, gerade dadurch liegt für diese Seelen ja wirklich vieles von dem vor, was in der Seele die Möglichkeit herbeiführt, auf der einen Seite den Versuchungen Luzifers, auf der anderen Seite den Versuchungen Ahrimans zu verfallen. Und im Karma weben Ahriman und Luzifer geradeso wie die guten Götter. Das haben wir ja schon gesehen.
[ 26 ] Nun, was alles einverwoben ist in dasjenige, was heute in seiner karmischen Auswirkung sich abspielt, das muß im einzelnen verfolgt werden, um wirklich die geistigen Untergründe des anthroposophischen Strebens zu verfolgen. Und es ist, wenn die Weihnachtstagung ernst genommen wird, auch durchaus der Zeitpunkt da, wo von gewissen Dingen der Schleier sozusagen hinweggezogen werden darf. Nur müssen die Dinge mit dem nötigen Ernste aufgefaßt werden.
[ 27 ] Beginnen wir einmal, wie gesagt, mit einem radikalen Fall. Lassen wir das, was eben gesagt worden ist, in der heutigen Stunde im Hintergrunde walten, indem wir das Folgende besprechen.
[ 28 ] Wir sehen, wie sich aus dem vorirdischen Dasein in das irdische Dasein herein durch ihre Erziehung hindurch, durch das, was sie auf der Erde erleben, Menschenseelen finden, die den Weg in die Anthroposophische Gesellschaft herein suchen, die auch eine Weile in der Anthroposophischen Gesellschaft sind. Unter ihnen kann sich der Fall ereignen, daß, gerade nachdem eine solche Seele eine Zeitlang sich als ein eifriges, vielfach sogar übereifriges Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft zeigt, sie dann später zum allerheftigsten Gegner wird. Sehen wir uns an einem solchen extremen Fall das Karma einmal an.
[ 29 ] Nehmen wir einmal diesen extremen Fall: Jemand tritt herein in die Anthroposophische Gesellschaft, er erweist sich als ein eifriges Mitglied; nach einiger Zeit bringt er es zustande, nicht nur Gegner zu werden, sondern vielleicht beschimpfender Gegner — im Grunde genommen ein sehr, sehr merkwürdiges Karma.
[ 30 ] Betrachten wir einen einzelnen Fall. Da ist eine Seele. Wir schauen zurück in ein voriges Erdendasein. Wir schauen dabei zurück in die Zeit, wo alte Erinnerungen aus der Heidenzeit her, berückend für die Leute, dagewesen sind, und wo die Leute sich hineingefunden haben in das, was ja in jener Zeit sich, ich möchte sagen, mit Wärme als Christentum ausgebreitet hat, was aber von vielen Menschen doch auch mit einer gewissen Oberflächlichkeit aufgenommen wurde.
[ 31 ] Wenn solche Dinge besprochen werden, muß man sich ja immer klar sein, daß man sozusagen irgendwo anfangen muß bei einem Erdenleben. Jedes Erdenleben führt ja wiederum auf frühere zurück, so daß natürlich ungeklärte Reste da sind, auf die man als bloße Tatsachen hinweisen kann. Sie sind ja wieder die karmischen Folgen von früheren; aber man muß doch irgendwie anfangen.
[ 32 ] Nun kann man eine solche Seele schauen, wie sie gefunden wird gerade in jener Zeit — und zwar gefunden wird auf eine Art, die mir und anderen hier in der Gesellschaft recht nahegegangen ist —, gefunden wird in jener Zeit, auf die ich hingedeutet habe, als eine Art verfehlter Goldmacher, im Besitze von Schriften, Manuskripten, die sie kaum verstehen konnte, die sie in ihrer Art ausdeutete, und dann experimentierte sie nach den Vorschriften, ohne eigentlich eine Ahnung zu haben von dem, was sie da machte. Denn in die geistig-chemischen Zusammenhänge hineinzuschauen, ist ja keine einfache Sache. Und so sehen wir einen solchen Experimentator mit einer kleinen Bibliothek der mannigfaltigsten Vorschriften, die weit hineinführen bis in arabisch-maurische Zusammenhänge, und sehen, wie an fast abgelegener Stätte, aber einer Stätte, die besucht wird von vielen Neugierigen, dieser Mensch seine Tätigkeit entfaltet. Er kommt dazu, sich ein eigentümliches Leiden heranzuzüchten unter dem Einflusse dieser unverstandenen, verständnislos geübten Tätigkeit, ein Leiden, das namentlich seinen Kehlkopf ergreift — es ist eine männliche Inkarnation —, so daß die Stimme allmählich umflort und immer umflorter wird und zuletzt kaum mehr da ist.
[ 33 ] Nun sind die christlichen Lehren verbreitet, sie ergreifen ja die Menschen überall. Da ist auf der einen Seite die Gier in diesem Menschen, das Goldmachen zu erreichen, und mit dem Goldmachen manches andere, was man hätte erreichen können, wenn es in der damaligen Zeit gelungen wäre; auf der anderen Seite das Herandringen des Christentums an ihn in einer Weise, die eigentlich voll von Vorwürfen ist. Etwas von einer, ich möchte sagen, nicht ganz gereinigten Faustischen Stimmung entwickelt sich. Stark wird das Gefühl: Hast du nicht doch furchtbar Unrecht getan? Und nach und nach bildet sich nun dennoch unter dem Einflusse solcher Gedanken die skeptisch in der Seele lebende Anschauung heraus: Daß du deine Stimme verloren hast, das ist die göttliche Strafe, die gerechte Strafe dafür, daß du dich an unrichtiges Zeug herangemacht hast.
[ 34 ] In dieser Seelenlage suchte der Betreffende den Rat von Menschen auf, die jetzt auch mit der Anthroposophischen Gesellschaft sich verbunden haben, die dazumal in sein Schicksal so eingreifen konnten, daß sie gewissermaßen seine Seele retteten aus diesen tiefen Zweifeln heraus. Man kann schon sprechen von einer Art Rettung der Seele. Aber das alles vollzog sich unter solchen Nebenereignissen, daß der Betreffende doch in einem starken, nur äußerlich bleibenden Fühlen dieses durchlebte. Auf der einen Seite wurde er überwältigt von einer Art Dankgefühl gegenüber denjenigen, die ihn seelisch errettet hatten; auf der anderen Seite mischte sich gerade in diese Unklarheit ein furchtbar ahrimanischer Impuls hinein durch dasjenige, was hier eingetreten war: nach einer starken, nach dem Unrecht-Magischen hin gehenden Neigung ein nicht ganz echtes Sich-Erfühlen in der christlichen Gerechtigkeit; in das alles mischte sich ein ahrimanischer Zug hinein. Weil es Unklarheit über die Seele verbreitete, so kam der Betreffende dazu, in seinen Dank einen ahrimanischen Zug hineinzubringen, und der Dank wurde umgewandelt in etwas, was in der Seele einen unwürdigen Ausdruck fand und dem Betreffenden wieder vor die Seele trat, als er in dem Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt namentlich an derjenigen Stelle angekommen war, die ich bezeichnet habe als die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts. So daß er da durchlebte, was die Seele dazumal an äußerem, veräußerlichtem, ich möchte sagen, kriechendem Dank entwickelte, daß er dieses in der ganzen Menschenunwürdigkeit wieder da durchlebte.
[ 35 ] Und so sehen wir gerade dieses Bild des ahrimanisierten Dankes hineingemischt in die kosmischen Imaginationen, von denen ich gesprochen habe. Und wir sehen, wie diese Seele hinuntersteigt aus dem vorirdischen Dasein in das irdische Dasein, auf der einen Seite mit all denjenigen Impulsen, die ihr gekommen sind aus ihrer Zeit des alten Goldmachen-Wollens, der Vermaterialisierung des geistigen Strebens, während auf der anderen Seite sich unter ahrimanischem Einfluß etwas entwickelt, was deutlich wahrzunehmen ist als Schamgefühl über den unrechtmäßig veräußerlichten Dank. Diese zwei Strömungen leben in der Seele beim Heruntersteigen, und diese zwei Strömungen drücken sich dadurch aus, daß die betreffende Persönlichkeit, als sie wieder Persönlichkeit geworden ist im irdischen Leben, den Weg sucht zu denjenigen hin, die da waren, wo auch diese Seele war in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
[ 36 ] Nun entsteht zunächst etwas wie eine Erinnerung an das, was durchlebt worden ist in der Bildgestaltung des unrechtmäßigen, des veräußerlichten Dankes — das alles spielt sich, ich möchte sagen, wie automatisch ab —, und es erwacht dann dasjenige, was da drinnen lebt, was ich geschildert habe als Schamgefühl über die eigene Menschenunwürdigkeit. Das ergreift diese Seele. Da dies aber ahrimanisiert ist — auch aus dem Karma früherer Zeiten heraus selbstverständlich —, gießt es etwas aus wie einen furchtbaren Haß auf all dasjenige, dem man sich zunächst zugewendet hat.’ Und das gewendete Schamgefühl verwandelt sich, transformiert sich in eine wütende Gegnerschaft, gleichzeitig vereinigt mit der ungeheuren Enttäuschung darüber, daß das Unbewußte so wenig seine Befriedigung gefunden hat. Es hätte diese Befriedigung gefunden, wenn irgend etwas Ähnliches eingetreten wäre, wie es in der unrechtmäßigen Goldmacherkunst lag.
[ 37 ] Sehen Sie, meine lieben Freunde, da haben wir ein Beispiel, wie sich nun in einem radikalen Falle die Dinge innerlich wenden; wie wir die merkwürdigen, mysteriösen Wege von so etwas wie dem Zusammenhang von Schamgefühl und Haß in einem früheren Dasein aufsuchen müssen, wenn wir aus den Vorbedingungen heraus ein gegenwärtiges Leben verstehen wollen.
[ 38 ] Sehen Sie, wenn man solche Dinge so betrachtet, dann gießt sich allerdings etwas von Verständnis über all dasjenige aus, was in der Welt durch Menschen vorgeht, und dann beginnen große Schwierigkeiten des Lebens, wenn man es mit dem Karmagedanken ernst nimmt. Aber diese Schwierigkeiten sollen kommen, denn sie sind im ganzen Wesen des Menschenlebens begründet. Und eine solche Bewegung wie die anthroposophische muß eben vielem ausgesetzt sein, weil sie nur dadurch jene starke Kraft entwickeln kann, welche ihr notwendig ist.
[ 39 ] Ich habe dieses Beispiel zuerst angeführt aus dem Grunde, damit Sie sehen, daß auch sozusagen das Negative wird gesucht werden müssen im karmischen Zusammenhange mit dem ganzen Schicksale, das die anthroposophische Bewegung erstehen läßt aus den vorangegangenen Inkarnationen der in ihrer Gesellschaft Vereinigten, und demjenigen, was jetzt geschieht.
[ 40 ] So, meine lieben Freunde, kann gehofft werden, daß ein ganz neues Verständnis nach und nach erwacht für das Wesen der Anthroposophischen Gesellschaft, daß sozusagen die Seele der Anthroposophischen Gesellschaft mit all ihren verschiedenen Schwierigkeiten erforscht werden kann. Denn auch da muß man nicht bloß beim einzelnen Menschenleben bleiben, sondern zurückgehen auf dasjenige, was sich eigentlich, man kann da nicht sagen, wieder verkörpert, aber wieder erlebt. Und damit wollte ich heute beginnen.
