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Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge
Band III
GA 237

8 Juli 1924, Dornach

Vierter Vortrag

[ 1 ] Ich möchte heute einiges einfügen in unsere Betrachtungen, das uns dann möglich machen wird, die karmischen Zusammenhänge der anthroposophischen Bewegung selber genauer zu verfolgen. Dasjenige, was ich heute einfügen will, soll ausgehen von der Tatsache, daß in der anthroposophischen Bewegung zwei Gruppen von Menschen sind. Im allgemeinen habe ich ja charakterisiert, wie sich die anthroposophische Bewegung aus einzelnen Menschen zusammensetzt. Die Sache ist natürlich zunächst nur im großen und ganzen gemeint, aber es gibt eben zwei Gruppen von Menschen in der anthroposophischen Bewegung. Nur sind die Erscheinungen, die ich charakterisiere, nicht so auf der flachen Hand liegend; sie sind nicht so, daß man mit der groben Beobachtung sagen kann: Bei dem einen ist das so, bei dem anderen ist das so. Vieles von dem, was ich heute zu charakterisieren haben werde, liegt nicht im vollen gewöhnlichen Bewußtsein der Persönlichkeit, sondern liegt eben, wie das meiste Karmische, in den Instinkten, im Unterbewußtsein, prägt sich aber durchaus in Charakter, Temperament, Handlungsweise und in der wirklichen Handlung aus.

[ 2 ] Wir haben die eine Gruppe zu unterscheiden, welche zu dem Christentum in einer solchen Weise steht, daß den Angehörigen dieser Gruppe die Zugehörigkeit zum Christentum besonders am Herzen liegt, und daß in ihren Seelen die Sehnsucht lebt, sich als Anthroposoph im richtigen Sinne des Wortes, wie sie es auffassen, Christ nennen zu können. Für diese Gruppe ist es geradezu ein Trost, daß in vollem Umfange gesagt werden kann: Die anthroposophische Bewegung stellt eine solche Bewegung dar, welche den Christus-Impuls anerkennt und in sich trägt. Und es würde dieser Gruppe Gewissensbisse machen, wenn das nicht der Fall wäre.

[ 3 ] Die andere Gruppe ist zunächst in ihrer Offenbarung oder in der Offenbarung ihrer Persönlichkeiten nicht weniger ehrlich christlich, aber es ist so, daß diese Gruppe eigentlich aus einer anderen Voraussetzung heraus an das Christentum herankommt. Es ist so, daß diese Gruppe zunächst Befriedigung findet an der anthroposophischen Kosmologie, an der Entwickelung der Erde aus anderen planetarischen Formen heraus, Befriedigung findet an demjenigen, was Anthroposophie über den Menschen im allgemeinen zu sagen hat, und von da ausgehend dann gewiß naturgemäß zu dem Christentum hingeführt wird, aber nicht in demselben Maße ein innerliches Herzensbedürfnis hat, unbedingt den Christus in die Mitte zu stellen. Wie gesagt, diese Dinge spielen sich zum großen Teile im Unterbewußten ab. Wer Seelenbeobachtung üben kann, der weiß immer im einzelnen Falle die betreffenden Persönlichkeiten in der richtigen Weise zu beurteilen.

[ 4 ] Nun gehen die Voraussetzungen zu dieser Gruppierung in alte Zeiten zurück. Sie wissen ja aus meiner «Geheimwissenschaft im Umriß» daß in einer bestimmten Zeit der Erdenentwickelung Seelen gewissermaßen ihren Abschied genommen haben von der fortlaufenden Erdenentwickelung, daß sie zum Bewohnen anderer Planeten gekommen sind, und daß sie während einer bestimmten Zeit, der lemurischen und der atlantischen Zeit, wiederum auf die Erde heruntergekommen sind. Und wir wissen ja auch, daß unter dem Einflusse der Tatsache, daß von den verschiedenen Planeten, vom Jupiter, Saturn, Mars und so weiter, aber auch von der Sonne die Seelen heruntergekommen sind, um irdische Gestalt anzunehmen, die ursprünglichen Mysterien, die ich in meiner «Geheimwissenschaft» auch Orakel genannt habe, entstanden sind.

[ 5 ] Nun sind diese Seelen so, daß unter ihnen natürlich viele waren, welche durch ein sehr altes Karma dazu neigten, eben in diejenige Strömung sich hineinzubegeben, die dann die christliche wurde. Wir müssen ja ins Auge fassen, daß immerhin kaum ein Drittel der Erdenbevölkerung sich zum Christentum bekennt, und daß also nur gesagt werden kann, daß ein gewisser Teil der Menschenseelen, die da herunterkamen, die Tendenz entwickelte, den Impuls entwickelte, nach der christlichen Strömung hin sich zu entfalten.

[ 6 ] Nun kamen eben die Seelen zu verschiedenen Zeiten herunter, und es gibt solche, welche verhältnismäßig früh heruntergekommen sind in den ersten Zeiten der atlantischen Entwickelung. Es gibt aber auch solche, welche verhältnismäßig spät heruntergekommen sind, die sozusagen einen langen vorirdischen planetarischen Aufenthalt gehabt haben. Es sind dies solche Seelen, bei denen, wenn man zurückgeht von ihrer jetzigen Inkarnation, man vielleicht kommt zu einer Inkarnation in der ersten Hälfte des Mittelalters, zu einer christlichen Inkarnation, vielleicht noch zu einer christlichen Inkarnation, dann, wenn man weiter zurückgeht, zu den vorchristlichen und so weiter, und daß man verhältnismäßig bald von der frühesten Inkarnation, auf die man auftrifft, sagen muß: Jetzt geht es nach rückwärts hinauf ins Planetarische. Vorher waren diese Seelen noch nicht in Erdeninkarnationen da. Bei anderen Seelen, die auch ins Christentum eingelaufen sind, steht die Sache so, daß man weit zurückgehen kann, viele Inkarnationen findet, und dann sind, nach vielen vorchristlichen, auch schon atlantischen Inkarnationen, diese Seelen in die christliche Strömung untergetaucht.

[ 7 ] Nun ist ja natürlich für alles intellektualistische Betrachten eine solche Sache, wie ich sie jetzt eben erwähnt habe, so irreführend als möglich; denn leicht könnte man auf den Glauben kommen, daß bei solchen Persönlichkeiten, die gegenüber dem heutigen Urteile der Zivilisation als besonders fähige Köpfe zu gelten haben, gerade viele Inkarnationen nach rückwärts hin vorliegen. Das muß aber nicht der Fall sein, sondern es können durchaus solche Persönlichkeiten, welche im heutigen Sinne gute Fähigkeiten haben, in das Leben eingreifende Fähigkeiten haben, solche sein, bei denen man nicht auf so viele Inkarnationen zurückkommt. |

[ 8 ] Ich darf dabei vielleicht an das erinnern, was ich — inaugurierend die anthroposophische Strömung, die wir jetzt eben in der anthroposophischen Bewegung haben — bei der Weihnachtstagung vorgebracht habe, wo ich von denjenigen Individualitäten gesprochen habe, an die dann das Gilgamesch-Epos anknüpft. Ich habe ja dazumal einiges über solche Individualitäten ausgeführt. Bei einer dieser Individualitäten haben wir es gerade mit verhältnismäßig wenigen nach rückwärts reichenden Inkarnationen zu tun. Dagegen ist es eben bei der anderen so, daß wir es mit vielen nach rückwärts reichenden Inkarnationen zu tun haben.

[ 9 ] Nun ist ja vor allen Dingen, ganz gleichgültig, ob noch Inkarnationen dazwischen liegen oder nicht, für Menschenseelen, die heute in die Anthroposophie hereinkommen, diejenige Inkarnation wichtig — die in der Regel ja auf lange Zeiten, auf zwei bis drei Jahrhunderte verteilt ist —, die etwa in das 3., 4., 5. nachchristliche Jahrhundert fällt, bei einigen eben auch noch in spätere Zeiten. Wir müssen uns also vor allen Dingen die Erlebnisse der Seelen in dieser Zeit ansehen — bei einigen geht es auch noch bis ins 7., 8. Jahrhundert herauf, und dann kommen sie zum Befestigen durch eine spätere Inkarnation. Aber ich will die Sache heute möglichst präzise anknüpfen an die erste sozusagen christliche Inkarnation.

[ 10 ] Bei diesen Seelen kommt sehr stark in Betracht, wie sie sich nach ihren Vorbedingungen, nach ihren früheren Erdenleben zum Christentum stellen konnten. Sehen Sie, meine lieben Freunde, diese Frage ist deshalb eine wichtige Karmafrage, zunächst — wir werden später ja auch sozusagen nebensächlichere Karmafragen zu besprechen haben, aber diese Frage ist eine karmische Kardinalfrage —, weil zur Anthroposophischen Gesellschaft, zunächst mit Übergehung vieler anderer, nebensächlicherer Dinge, die Menschen ja gerade durch diese innersten Erlebnisse früherer Inkarnationen kommen, gerade durch dasjenige, was ihre Seele in bezug auf Weltanschauung, religiöses Bekenntnis und so weiter erlebt hat. Daher muß in bezug auf das Karma der Anthroposophischen Gesellschaft schon in den Vordergrund gestellt werden, was diese Seelen in bezug auf Erkenntnis, in bezug auf Weltanschauung und Religionen erlebt haben.

[ 11 ] Nun war es in diesen ersten Jahrhunderten der christlichen Entwickelung durchaus möglich, noch traditionell an Erkenntnisse anzuknüpfen, die ja seit der Begründung des Christentums über das Wesen Christi vorhanden waren, Erkenntnisse, die dahin gingen, daß man denjenigen, der als Christus in der Persönlichkeit des Jesus lebte, als einen Sonnenbewohner, ein Sonnenwesen angesehen hat, bevor es das irdische Leben betreten hat. Man darf nicht glauben, daß die christliche Welt in bezug auf diese Sachen immer so unwissend war wie heute. In den ersten Jahrhunderten des Christentums verstand man schon auch das Evangelium an bestimmten Stellen, die sehr deutlich sprechen in der Richtung, daß das Wesen, das als Christus bezeichnet wird, von der Sonne herunter in einen Menschenleib gekommen ist. Wie man sich das im einzelnen vorgestellt hat, darauf kommt es ja weniger an; aber diese Vorstellung, die so weit ging, wie ich es jetzt charakterisierte, die hatte man eben.

[ 12 ] Doch war zu gleicher Zeit in der Epoche, von welcher ich jetzt gesprochen habe, schon eine geringere Möglichkeit da, so etwas zu verstehen, daß ein Wesen, das von der Sonne stammt, auf die Erde herunterkommt. Und insbesondere waren es diejenigen Seelen, die in das Christentum eingeströmt waren und viele Erdeninkarnationen, bis weit in die atlantische Zeit zurückreichend, hatten — viele Seelen waren es —, die eigentlich nicht mehr verstehen konnten, wie man den Christus ein Sonnenwesen nennen kann. Gerade diejenigen Seelen, welche in ihren alten Bekenntnissen sich an die Sonnenorakel angeschlossen fühlten, die eigentlich schon in der atlantischen Zeit den Christus verehrten, aber indem sie den Christus verehrten, eben auf die Sonne hinaufschauten, diese Seelen, die also einmal — selbst nach des heiligen Augustinus Ausspruch —, schon bevor das Christentum auf der Erde begründet wurde, gewissermaßen Sonnenchristen waren, diese Seelen konnten aus ihrer ganzen Geistigkeit heraus kein rechtes Verständnis dafür finden, daß der Christus ein Sonnenheld wäre. Deshalb zogen sie es vor, an demjenigen festzuhalten, was ohne diese Interpretation, ohne diese christologische Kosmologie, den Christus allerdings als einen Gott betrachtete, aber als einen Gott, unbekannt woher, der sich mit dem Leibe des Jesus vereinigt hatte. Und dann nahmen sie das, was in den Evangelien erzählt wird, eben einfach unter den Voraussetzungen hin, die ich angeführt habe. Sie konnten nicht mehr den Blick hinaufwenden in die kosmischen Welten, um das Wesen des Christus zu verstehen, gerade deshalb, weil sie den Christus eben nur in außerirdischen Welten kennengelernt hatten. Weil ihnen auch die irdischen Mysterien, die Sonnenorakel, von dem Christus immer als von einem Sonnenwesen gesprochen haben, konnten sie sich nicht in die Anschauung hineinfinden, daß dieser Christus, dieser außerirdische Christus ein wirkliches Erdenwesen geworden sei.

[ 13 ] Und so kamen diese Seelen, als sie dann durch die Pforte des Todes gingen, in eine merkwürdige Lage. Sie kamen in die Lage, die ich, wenn ich es etwas trivial charakterisieren soll, dadurch kennzeichnen könnte, daß ich sage: Diese Christen befanden sich im Post-mortemZustande in der Lage, in der ein Mensch sich befindet, der von einem anderen Menschen gut den Namen kennt, vielleicht auch vieles von ihm hat erzählen hören, aber ihn selbst seiner Wesenheit nach nie kennengelernt hat. Da kann es eben passieren, daß, wenn jene Stütze fehlt, die ihm gedient hat, solange er bloß den Namen gekannt hat, ihm dann, wenn irgend etwas kommt, wo er die Wesenheit kennen soll, sein seelisches Leben gegenüber dieser Erscheinung versagt.

[ 14 ] Und so kamen diese Seelen, von denen ich eben jetzt gesprochen habe, die in alten Zeiten namentlich zu den Sonnenorakeln sich zugehörig fühlten, im Post-mortem-Zustande in die Lage, sich zu fragen: Ja, wo ist denn eigentlich der Christus? Wir sind jetzt bei den Wesen der Sonne, da haben wir ihn immer gefunden; jetzt finden wir ihn nicht! — Daß er auf Erden sei, das hatten sie nicht mitgenommen in ihre Gedanken und Gefühle, die ihnen geblieben waren, als sie durch die Pforte des Todes gegangen waren. Sie fanden sich nach dem Tode in einer großen Ungewißheit über den Christus, und sie lebten in dieser Ungewißheit über den Christus, sie blieben in dieser Ungewißheit in vieler Beziehung und waren dadurch — wenn noch eine Inkarnation in der Zwischenzeit kam — leicht geneigt, denjenigen Menschengruppen sich anzuschließen, die in der Religionsgeschichte Europas in den verschiedenen Ketzergesellschaften geschildert werden.

[ 15 ] Und gleichgültig, ob sie noch eine solche Inkarnation durchmachten oder nicht, sie fanden sich dann ein, ich möchte sagen, in jener großen überirdischen Versammlung, die ich am letzten Sonntag hier charakterisiert habe, und die ich versetzt habe in die Zeit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Da fanden sich vor einer Art übersinnlichem Kultus, der da bestand in mächtigen Imaginationen, eben auch diese Seelen ein, denen man vorzugsweise in diesem überirdischen Kultus das Sonnengeheimnis Christi in mächtigen Imaginationen vor das geistige Auge stellte. Es hatte dies die Aufgabe, diese Seelen, die in einer gewissen Weise in der gekennzeichneten Art mit ihrem Christentum in eine Sackgasse gekommen waren, wenigstens durch Bilder, bevor sie wiederum zum Erdenleben heruntergingen, an den Christus heranzuführen, den sie nicht ganz, aber so weit verloren hatten, daß er in ihrer Seele in die Strömungen des Zweifels und der Ungewißheit hineingeraten war.

[ 16 ] Eigentümlich verhielten sich dann diese Seelen. Sie gerieten zwar nicht etwa in eine noch größere Ungewißheit dadurch, daß man ihnen dieses vorführte — es gab schon eine Art von Befriedigung für sie in dem Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, auch eine Art von Erlösung aus gewissen Zweifeln —, aber es gab für sie auch eine Art Erinnerung an das, was sie nun, von dem Mysterium von Golgatha noch nicht in der richtigen Weise, in der kosmischen Weise durchdrungen, über den Christus aufgenommen hatten. Und so blieb ihnen im Innersten ihres Wesens eine ungeheure Wärme und Hingabe für das Fühlen des Christentums und ein unterbewußtes Heraufdämmern jener mächtigen Imaginationen. Und das alles drängte sich zusammen in die Sehnsucht, nun in richtiger Weise Christen sein zu können. Als sie dann herunterstiegen, wieder jung wurden, zur Erde kamen am Ende des 19. Jahrhunderts oder um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert, da waren sie diejenigen Seelen, welche gar nicht anders konnten — weil sie eigentlich in gefühlsmäßiger Weise, ohne kosmisches Verständnis, den Christus aufgenommen hatten in der frühchristlichen Inkarnation —, als sich zu Christus hingedrängt zu fühlen. Aber die Eindrücke, die sie in den mächtigen Imaginationen bekommen hatten, zu denen sie im vorirdischen Leben hindrängten, die blieben ihnen unbestimmte Sehnsuchten. Und so wurde es ihnen schwer, sich in die anthroposophische Weltanschauung hineinzufinden, insofern diese anthroposophische Weltanschauung zunächst den Kosmos betrachtet und die Christus-Betrachtung noch zurückstellt. Warum wurde es ihnen schwer? Es wurde ihnen schwer aus dem einfachen Grunde, weil sie zu der Frage: Was ist Anthroposophie? — in ganz besonderer Art standen.

[ 17 ] Werfen wir die Frage auf: Was ist Anthroposophie ihrer Realität nach? Ja, meine lieben Freunde, wenn Sie durchschauen alle die wunderbaren, majestätischen Imaginationen, die als ein übersinnlicher Kultus in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts dastanden, und das in Menschenbegriffe übersetzen, dann haben Sie die Anthroposophie.

[ 18 ] Für das nächsthöhere Erlebnisniveau, für die nächste geistige Welt, aus der der Mensch heruntersteigt ins irdische Dasein, war Anthroposophie da in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Nicht auf der Erde war sie, aber da war sie. Und wenn heute Anthroposophie geschaut wird, dann schaut man sie nach der Richtung der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts; ganz selbstverständlich schaut man sie dort. Sogar schon am Ende des 18. Jahrhunderts schaut man sie.

[ 19 ] Und sehen Sie, Menschen können folgendes Erlebnis haben. Es gibt eine Persönlichkeit, die war einmal in einer ganz besonderen Lage. Durch einen Freund wurde die große Rätselfrage des menschlichen Erdendaseins aufgeworfen. Aber dieser Freund war etwas verstrickt in das Kantsche Denken, und so kam die Sache in einer abstrakt-philosophischen Weise heraus. Der andere konnte sich nicht hineinfinden in das «kantige» Kantsche Denken, und alles rührte in seiner Seele diese Frage auf: Wie hängt Vernunft und Sinnlichkeit im Menschen zusammen? — Da öffneten sich gewissermaßen — nicht Tore, aber Schleusen, die für einen Moment hereinleuchten ließen in diese Seele jene Regionen der Welt, in der sich abspielten jene gewaltigen Imaginationen. Und da kam das, was so, nicht durch Tore, nicht durch Fenster, aber durch Schleusen hereinkam, in, ich möchte sagen, Miniaturbilder übersetzt, heraus als das «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie». Denn die Persönlichkeit, die ich meine, ist Goethe.

[ 20 ] Es sind Miniaturbilder, kleine Spiegelbilder, sogar manchmal ins Liebliche übersetzt, was da herunterkam in dem «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie». Es braucht daher gar nicht besonders wunderbar zu erscheinen, daß, als es sich darum handelte, das Anthroposophische in künstlerischen Bildern zu geben, wo ja auch zurückgegangen werden mußte auf die Imaginationen, da meine «Pforte der Einweihung» in der Struktur — wenn auch im ganzen Inhalte anders — ähnlich wurde dem «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie».

[ 21 ] Sehen Sie, die Dinge liegen eben so, daß man schon durch das, was vorgegangen ist, hineinschauen kann in den Zusammenhang. Jeder, der nur einigermaßen mit okkulten Tatsachen sich beschäftigt hat, weiß ja, daß dasjenige, was auf Erden geschieht, im Grunde genommen die Herunterspiegelung von etwas ist, was lange vorher sich in der geistigen Welt abgespielt hat, etwas variiert, so daß nicht hineingemischt sind bestimmte Geister der Hindernisse, Geister der Hemmnisse, aber es hat sich eben vorher im Geistigen abgespielt.

[ 22 ] Und diejenigen Seelen, die sich gerade anschickten, am Ende des 19. Jahrhunderts, am Beginn des 20. Jahrhunderts oder eigentlich um die Wende, herunterzusteigen ins irdische Dasein, die brachten sich dann eine gewisse Sehnsucht, allerdings im Unterbewußtsein, mit, auch etwas von Kosmologie und dergleichen zu wissen, hinzuschauen auf die Welt im anthroposophischen Sinne. Aber ihre Gemütsentflammung für den Christus war vor allem stark, und daher hätten sie Gewissensbisse empfunden, wenn das, wozu sie sich hingezogen fühlten im vorirdischen Dasein, zur Anschauung der Anthroposophie, nicht von dem Christus-Impuls durchzogen gewesen wäre. Das ist die eine Gruppe, im großen ganzen natürlich.

[ 23 ] Die andere Gruppe lebte anders. Die andere Gruppe hatte, als sie in ihrer gegenwärtigen Inkarnation auftrat, ich möchte sagen, noch nicht jene Müdigkeit im Heidentum erlangt, welche die Seelen, die ich beschrieben habe, erlangt hatten. Gegenüber den anderen waren sie ja verhältnismäßig kurze Zeit auf Erden, hatten weniger Inkarnationen vollführt. In diesen wenigen Inkarnationen hatten sie sich erfüllt mit jenen mächtigen Impulsen, die man gerade dann haben kann, wenn man mit den vielen heidnischen Göttern in früheren Erdenleben noch in einem sehr lebendigen Zusammenhange gestanden hat, und wenn dieser Zusammenhang noch stark nachwirkt in späteren Inkarnationen. Es sind daher auch solche Seelen, die in den ersten christlichen Jahrhunderten noch nicht müde waren des alten Heidentums, in denen die alten heidnischen Impulse stark nachwirkten, trotzdem sie mehr oder weniger zum Christentum, das ja nur langsam sich aus dem Heidentum herausarbeitete, hinneigten. Diese Seelen nahmen damals das Christentum vorzugsweise mit dem allerdings vom Gemüte durchzogenen Intellekt auf, aber doch immerhin mit dem Intellekt, und dachten viel über das Christentum. Dabei müssen Sie nicht an gelehrtes Denken denken; es können verhältnismäßig einfache Menschen gewesen sein in einfachen Lebensverhältnissen, aber sie dachten viel.

[ 24 ] Wiederum ist es gleichgültig, ob eine spätere Inkarnation noch nachfolgte, denn die hat wohl einiges verändert, aber das Wesentliche ist nun, daß, als diese Seelen durch die Pforte des Todes gingen, sie die Rückschau auf die Erde so hatten, daß ihnen eigentlich das Christentum wie etwas erschien, in das sie erst hineinwachsen mußten. Weil sie eben weniger müde waren des alten Heidentums, weil sie noch aus dem alten Heidentum heraus starke Impulse in ihren Seelen trugen, warteten sie gewissermaßen noch darauf, erst echte Christen zu werden.

[ 25 ] Gerade diejenigen Persönlichkeiten, von denen ich auch heute vor acht Tagen gesprochen habe, daß sie gegen das Heidentum auf der Seite des Christentums kämpften, gehörten selber zu solchen Seelen, die eigentlich noch viel Heidentum, viel heidnische Impulse in sich trugen und eigentlich noch warteten, richtig Christen zu werden. Als diese Seelen durch die Pforte des Todes gingen, drüben in der geistigen Welt ankamen, durchmachten das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt und dann in der Zeit, die ich angedeutet habe — erste Hälfte des 19. Jahrhunderts oder etwas früher —, vor jene gewaltigen, gloriosen Imaginationen kamen, da erblickten sie in diesen Imaginationen lauter Impulse für den Antrieb ihres Arbeitens, ihres Wirkens. Sie nahmen diese Impulse vorzugsweise in ihren Willen auf. Und man möchte sagen: Sieht man dann hin mit dem okkulten Blicke auf das, was solche Seelen namentlich in ihrem Willen tragen, dann zeigt sich gerade heute in diesem Willen vielfach der Abdruck jener gewaltigen Imaginationen.

[ 26 ] Aber solche Seelen, die in einer solchen Verfassung ins irdische Leben eintreten, die haben zunächst das Bedürfnis, dasjenige, was sie im vorirdischen Dasein als maßgebend in der Karma-Arbeit erlebt haben, auch hier wiederum in der Art zu erleben, wie es sich eben auf Erden erleben läßt. Und so verlief für die erste Art von Seelen, für die erste Gruppe von Seelen das geistige Leben in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts so, daß sie sich gedrängt haben dazu aus einer tiefen Sehnsucht heraus, Teilnehmer jenes übersinnlichen Kultus zu werden. Aber dabei kamen sie, ich möchte sagen, in eine gewisse Art von nebuloser Stimmung, so daß beim Herunterstieg auf die Erde nur dunkle Erinnerungen blieben, an die dann allerdings verständnisvoll anknüpfen konnte die ins Irdische verwandelte Anthroposophie. Dagegen war es bei der zweiten Gruppe wie ein Wiederzusammenfinden in der Nachwirkung eines Entschlusses, der gefaßt worden war gerade von diesen Seelen, die noch immer nicht ganz müde des Heidentums waren, die aber in der Erwartung standen, Christen werden zu können in einer sachgemäfßen Entwickelung. Es war, wie wenn sie sich erinnern sollten an einen Entschluß, den sie damals in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gefaßt hatten: all dasjenige, was da in mächtigen Bildern stand, herunterzutragen auf die Erde, es in Erdenform zu verwandeln. Gerade wenn wir hinschauen auf manchen Anthroposophen, der vor allen Dingen den Impuls in sich trug, in tätiger Art mit der Anthroposophie mitzuarbeiten, gerade unter solchen Anthroposophen finden wir Seelen der zuletzt charakterisierten Art. Beide Typen sind sehr deutlich voneinander zu unterscheiden.

[ 27 ] Nun, meine lieben Freunde, werden Sie sagen: Ja, das alles, was du uns da sagst, das klärt uns auf über manches im Karma der Anthroposophischen Gesellschaft; aber es könnte einem ja angst und bange werden vor dem, was noch nachkommt, wenn man sieht, wie man da über manche Dinge aufgeklärt wird, über die man vielleicht nicht gerne aus einer gewissen Unwissenheit herausgerissen wird. Denn sollen wir jetzt beginnen nachzudenken, ob wir zu dem einen oder zu dem anderen Typus gehören?

[ 28 ] Darauf muß schon eine ganz bestimmte Antwort gegeben werden. Die Antwort, die darauf gegeben werden muß, ist diese: Wäre die Anthroposophische Gesellschaft nur etwas, was eine theoretische Lehre in sich trüge, vielleicht auch das Bekenntnis zu diesen oder jenen Ideen der Kosmologie, der Christologie und so weiter, wäre sie ihrem Wesen nach dieses, so wäre sie wirklich nicht das, was sie im Sinne derjenigen sein soll, die an ihrem Ursprunge stehen. Anthroposophie soll tatsächlich etwas sein, was bei den wahren Anthroposophen das Leben umgestalten kann, was in das Geistige hinübertragen kann dasjenige, was man nur in seinen ungeistigen Auslebungen heute erleben kann.

[ 29 ] Nun frage ich Sie: Wirkt das auf das Kind ganz besonders schlimm ein, wenn es über gewisse Dinge in einem bestimmten Lebensalter aufgeklärt wird? Bis zu einem gewissen Lebensjahre wissen ja die Kinder nicht, ob sie Franzosen oder Deutsche oder Norweger oder Belgier oder Italiener sind, wenigstens hat die ganze Betrachtungsweise, ob sie das oder jenes sind, keine große Bedeutung für sie. Sie wissen sozusagen nichts davon. Sie werden noch nicht viel chauvinistische Säuglinge erlebt haben, Sie werden auch noch nicht Chauvinisten mit drei Jahren und dergleichen erlebt haben. Man wird erst in einer bestimmten Lebensepoche gewahr: du bist Deutscher, du bist Franzose, du bist Engländer, du bist Holländer und so weiter. Lebt man sich nicht in naturgemäßer Art in diese Dinge ein, indem man sie hinnimmt? Sagt man etwa, daß das etwas ist, was man nicht ertragen könnte: in einem bestimmten kindlichen Alter zu erfahren, man sei Pole oder man sei Franzose oder Deutscher oder Russe oder Holländer? Da ist man es eben gewöhnt, da betrachtet man es als etwas Selbstverständliches. Aber das, meine lieben Freunde, ist auf äußerem, sinnlichem Gebiete. Anthroposophie soll aber das ganze Menschenleben auf ein höheres Niveau heraufheben. Man soll anderes ertragen lernen als das, was einen bloß, wenn man es mißversteht, im sinnlichen Leben schockiert. Und unter dem, was man erkennen lernen soll, ist eben dieses, daß man nun auch selbstverständlich hineinwachsen soll in die Selbsterkenntnis: man gehört zu dem einen oder zu dem anderen Typus.

[ 30 ] Dadurch wird, möchte ich sagen, die Unterlage geschaffen für den Menschen, die anderen karmischen Einschläge in richtiger Weise in das Leben hineinzustellen. Und deshalb mußte schon gewissermaßen als erste Direktion das gegeben werden, wie man sich nach der besonderen Art seiner Prädestination zur Anthroposophie, zu dieser ganzen Christologie und zu dem mehr Passiv- oder Aktivsein in der anthroposophischen Bewegung stellt.

[ 31 ] Natürlich gibt es zwischen beiden Typen auch durchaus Übergänge. Aber diese Übergänge rühren davon her, daß dasjenige, was aus der vorhergehenden Inkarnation herüberkommt, herüberwirkt in die gegenwärtige, durchleuchtet wird von der noch früheren Inkarnation. Namentlich bei den Seelen der zweiten Gruppe ist das vielfach der Fall. Es leuchtet bei ihnen vieles noch aus den echt heidnischen Inkarnationen herüber. Daher haben sie eine ganz vorbestimmte Neigung, den Christus sofort so zu nehmen, wie er eigentlich genommen werden muß: als eine kosmische Wesenheit.

[ 32 ] Das, was ich da sage, zeigt sich eigentlich gar nicht so stark der ideellen Betrachtung als vielmehr der praktischen Lebensbetrachtung. Man kann viel besser als ihren Gedanken nach die beiden Typen kennenlernen — die abstrakten Gedanken haben ja keine große Bedeutung für den Menschen —, man kann den Menschen viel besser kennenlernen an der Art und Weise, wie er Einzelheiten im Leben handhabt. Und da wird man zum Beispiel finden, daß Übergangstypen von dem einen zu dem anderen vielfach unter denjenigen sind — das Persönliche ist ja dabei selbstverständlich immer ausgeschlossen —, die eigentlich gar nicht anders können, als die Gewohnheiten des außeranthroposophischen Lebens in die anthroposophische Bewegung hereintragen, die eigentlich gar nicht einmal geneigt sind, die anthroposophische Bewegung besonders wichtig zu nehmen, die sich namentlich dadurch charakterisieren, daß sie in der anthroposophischen Bewegung viel über Anthroposophen schimpfen. Gerade unter denen, die viel schimpfen über die Verhältnisse in der anthroposophischen Bewegung selber, namentlich über Persönlichkeiten, schimpfen im kleinlichen, sind Übergangstypen, die von dem einen in das andere hinüberschillern. Da sind dann die beiden Impulse nicht von einer sehr starken Intensität.

[ 33 ] Und wir müssen daher unter allen Umständen, selbst wenn es bisweilen eine Art Gewissenserforschung darstellt, eine Charakter-Gewissenserforschung, wir müssen schon dem Leben eine Möglichkeit abgewinnen, die anthroposophische Bewegung dahin zu vertiefen, daß wir an solche Dinge herantreten, uns ein wenig Gedanken darüber machen: Wie gehören wir unserer übersinnlichen Natur nach zu dieser anthroposophischen Bewegung? Dadurch wird eine allmählich immer stärker werdende vergeistigte Auffassung der anthroposophischen Bewegung zutage treten. Was man als Theorien verficht, und was nicht besonders tief zu gehen braucht, wenn man es nur als Theorien verficht, das wendet man dann auf das Leben an. Es ist eine starke Anwendung auf das Leben, wenn man sich selber, entsprechend diesen Dingen, in das Leben hineinstellt. Daß einer viel redet vom Karma: das wird so belohnt, das wird so bestraft von einem Leben ins andere herüber —, das braucht einem nicht besonders weh zu tun. Aber wenn es sozusagen ins eigene Fleisch geht, wenn es sich darum handelt, die gegenwärtige Inkarnation hereinzustellen mit einer ganz bestimmten übersinnlichen Qualität, die ihr zugrunde liegt, dann geht es schon näher an die eigene Wesenheit heran. Und Vertiefung des menschlichen Wesens soll es ja sein, was wir durch die Anthroposophie in das Erdenleben, in die Erdenzivilisation hereinbringen.

[ 34 ] Nun, meine lieben Freunde, das war eine Intermezzobetrachtung, die dann am nächsten Freitag weiterführen wird.