Esoteric Considerations of Karmic Connections
Volume V
GA 239
5 April 1924, Prague
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Esoteric Considerations of Karmic Connections V, tr. SOL
Vierter Vortrag
Fourth Lecture
[ 1 ] Bevor ich mir erlaube, auf die so lieben Worte des Herrn Professor Hauffen hin, die in Ihrem Namen gesprochen worden sind, Ihnen meinen Abschiedsgruß zu sagen, lassen Sie mich vorher noch die Betrachtungen des heutigen Abends anstellen.
[ 1 ] Before I take the liberty of offering my farewell remarks in response to the kind words spoken on your behalf by Professor Hauffen, allow me first to share my reflections on this evening.
[ 2 ] Es wird ersichtlich geworden sein aus den vorangehenden Betrachtungen hier in der Prager Anthroposophischen Gesellschaft, wie ein Wirken des Geistes — oder vielleicht besser gesagt von geistigen Wesenheiten — über der Menschheitsentwickelung waltet, und wie die Menschenseelen selber geisterfüllt von Epoche zu Epoche dasjenige hinübertragen, was sie in einer Epoche sich erarbeitet haben, allerdings auch dasjenige, was sie als Schuld in der einen Epoche auf ihre Seelen gehäuft haben. Aber all das läßt uns ja einen tiefen Blick in das’ Leben des physisch-seelisch-geistigen Kosmos hineintun, und erst dadurch begreifen wir unser Menschenwesen, wenn wir einen solchen Blick tun. Denn ohne daß wir dabei in irgendeinen Hochmut verfallen, müssen wir uns gestehen, daß wir dem geistigen Urquell des Kosmos mit unserer eigenen Menschennatur verbunden sind und wir unsere eigene menschliche Natur nur verstehen, wenn wir den Kosmos geistig durchdringen. Nun soll seit der Weihnachtstagung ja nicht nur die Anthroposophie verwaltet werden innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft, sondern das Verwalten soll selbst Anthroposophie sein. Und das muß ja auch in der Umgestaltung des anthroposophischen Wirkens zum Ausdruck kommen. Ich habe mich daher nicht gescheut, in diesen Vorträgen vom Exoterischen weg mehr ins Esoterische hinein die Betrachtung strömen zu lassen, und einiges von dem möchte ich heute noch zu diesem Gesagten hinzufügen. Ich möchte hinzufügen etwas, was anschaulich machen kann, wie die menschliche Seele aus der einen Zeitepoche in die andere hinübergetragen wird. Dasjenige, was im Großen und Ganzen geschieht, geschieht ja auch für den Einzelnen, und wenn wir das Karma begreifen von Persönlichkeiten, die uns allen bekannt sind, so können wir auch ein Licht werfen auf unser eigenes Karma. Deshalb lassen Sie uns heute die Betrachtung über Karma noch etwas im Konkreten fortsetzen.
[ 2 ] It will have become evident from the preceding reflections here at the Prague Anthroposophical Society how a spiritual influence—or perhaps better said, the influence of spiritual beings—prevails over human evolution, and how human souls themselves, imbued with spirit, carry forward from epoch to epoch what they have attained in one epoch, though also that which they have accumulated as guilt upon their souls in a given epoch. But all of this allows us to take a deep look into the life of the physical-soul-spiritual cosmos, and it is only through such a gaze that we come to understand our human nature. For without falling into any kind of arrogance, we must admit to ourselves that we are connected to the spiritual source of the cosmos through our own human nature, and we can only understand our own human nature when we penetrate the cosmos spiritually. Now, since the Christmas Conference, the aim has been not merely to administer anthroposophy within the Anthroposophical Society, but for the administration itself to be anthroposophy. And this must also find expression in the reorganization of anthroposophical work. I have therefore not hesitated, in these lectures, to let my reflections flow from the exoteric toward the esoteric, and I would like to add a few more thoughts to what has been said today. I would like to add something that can illustrate how the human soul is carried over from one epoch to the next. What happens on a large scale also happens to the individual, and when we understand the karma of personalities known to us all, we can also shed light on our own karma. Therefore, let us continue our reflection on karma today in somewhat more concrete terms.
[ 3 ] Ich habe schon im Verlaufe dieser Betrachtungen den Namen eines Mannes genannt, der in einer merkwürdigen Weise zeigt, wie in einer Willensnatur etwas Visionäres zur Offenbarung kommen kann. Ich habe den Namen des italienischen Freiheitshelden Garibaldi genannt, habe auch einige charakteristische Züge von ihm angegeben. Alles dasjenige, was sich in diesem Garibaldi äußert, ist Willensregung. Welcher ungeheure Wille gehört dazu, daß er als junger Mann oft und oft in einer gefährlichen Zeit, im zweiten, am Beginne des dritten Jahrzehntes des neunzehnten Jahrhunderts, die Adria auf eigene Verantwortung hin durchschiffte, wiederholt gefangen genommen wurde, immer wiederum durch seine Kraft und seinen Mut freikam. Welch ungeheure Willensentfaltung liegt datin, daß er, als er gesehen hat, wie zunächst in Europa für ihn kein Feld ist, nach Südamerika hinüberging und dort einer der kühnsten Menschen wurde für die Entfaltung des Freiheitslebens. Ich habe auch wohl aufmerksam darauf gemacht, wie er in bezug auf seine Verheiratung eigentlich über die gewöhnlichen irdischen Verhältnisse hinaus das eigene Leben entfaltete; und als er dann wiederum nach Europa zurückgekehrt war, war er ja derjenige, dem eigentlich das Italien der Gegenwart alles verdankt.
[ 3 ] I have already mentioned, in the course of these reflections, the name of a man who, in a remarkable way, demonstrates how something visionary can come to revelation within a will-driven nature. I have mentioned the name of the Italian hero of freedom, Garibaldi, and have also described some of his characteristic traits. Everything that manifests itself in Garibaldi is an expression of the will. What immense willpower it took for him, as a young man—time and again during a perilous era, in the second and early third decades of the nineteenth century—to sail across the Adriatic on his own initiative, to be captured repeatedly, and yet to free himself time and again through his strength and courage. What an immense display of willpower is evident in the fact that, when he saw there was initially no field of action for him in Europe, he crossed over to South America and became one of the boldest advocates there for the development of a life of freedom. I have also drawn attention to how, with regard to his marriage, he actually lived a life that transcended ordinary earthly circumstances; and when he then returned to Europe, he was, in fact, the man to whom present-day Italy owes everything.
[ 4 ] Als eines Tages an mich die Frage herantrat: Wie könnte es mit den karmischen Zusammenhängen dieser Persönlichkeit beschaffen sein?, da traten zwei Fragen auf. Denn das Erleben karmischer Zusammenhänge ist nicht etwas ganz Einfaches, sondern etwas Kompliziertes. Ich habe schon gesagt, daß man manchmal bei scheinbaren Geringfügigkeiten des Lebens einsetzen muß, um von diesen Geringfügigkeiten, die aber anschaulich konkret sind, dann überzugehen zu demjenigen, was die Tatsachen des einen Erdenlebens hinüberträgt in die Tatsachen des anderen Erdenlebens.
[ 4 ] When the question arose one day: What might the karmic connections of this personality be like?—two questions came to mind. For experiencing karmic connections is not a simple matter, but a complicated one. I have already said that one must sometimes begin with the seemingly trivial matters of life in order to move from these trivialities—which are, however, vividly concrete—to that which carries the facts of one earthly life over into the facts of another earthly life.
[ 5 ] Und so war es bei Garibaldi besonders der Umstand, daß er seiner Gesinnung nach Republikaner war, durch und durch Republikaner war, aber in Italien mit aller Kraft seines Willens das Königreich unter Viktor Emanuel verwirklichte. Und eigentlich sieht man, wenn man nur die äußere Biographie Garibaldis ins Auge faßt, einen gründlichen Widerspruch zwischen dieser seiner innersten Gesinnung und demjenigen, was er getan hat. Auf der anderen Seite sieht man, wie er sich verbunden fühlte mit Männern wie Mazzini und Cavour, mit denen er in Gedanken durchaus nicht übereinstimmte, die ganz andere Gedankenrichtungen hatten. Da fällt einem dann auf, wie es merkwürdig ist, daß der im Jahre 1807 geborene Garibaldi seine Geburtszeit und seinen Geburtsort eigentlich in unmittelbarer Nähe der Geburtsorte dieser drei anderen Persönlichkeiten hat: des späteren Königs Viktor Emanuel, Cavours, des Staatsmannes, und des Philosophen Mazzini. Sie sind sozusagen in unmittelbarer Nähe voneinander geboren. Da wird man geführt darauf, zu suchen, wie das Karma solcher Persönlichkeiten zusammenhängt.
[ 5 ] And so, in Garibaldi’s case, it was particularly the fact that, in his convictions, he was a republican—a republican through and through—yet in Italy he brought about the kingdom under Victor Emmanuel with all the strength of his will. And in fact, if one considers only the outward details of Garibaldi’s biography, one sees a fundamental contradiction between his innermost convictions and what he actually did. On the other hand, one sees how closely he felt connected to men like Mazzini and Cavour, with whom he did not agree at all in his thinking, and who held entirely different ideological views. One then notices how remarkable it is that Garibaldi, born in 1807, was actually born at a time and in a place in the immediate vicinity of the birthplaces of these three other figures: the future King Victor Emmanuel, Cavour the statesman, and the philosopher Mazzini. They were, so to speak, born in close proximity to one another. This leads one to explore how the karma of such figures is interconnected.
[ 6 ] Die andere Frage, auf die so etwas führt, ist diese — wahrhaftig eine tiefgehende Frage! Wir müssen ja immer darauf aufmerksam machen, wenn wir geisteswissenschaftliche Betrachtungen anstellen, wie es in alten Zeiten Eingeweihte, Initiierte, Besitzer und Eigentümer der Weltenschau im weitesten Sinne gegeben hat. Die Frage kann nun entstehen: Da ja auch diese Weisen der alten Zeiten sich wiederverkörpern müssen, wo sind sie dann in der neueren Zeit? Und mancher könnte fragen: Wo sind denn die großen Persönlichkeiten der alten Zeit, die als Initiierte gewirkt haben, in späteren Zeiten wirksam? Sehen Sie, sie sind wiedergekommen, diese großen Eingeweihten, aber Sie müssen bedenken, meine lieben Freunde, wie der Mensch, wenn er in irgendeinem Zeitalter erscheint, darauf angewiesen ist, den Körper zu benutzen, den ihm irgendein Zeitalter gibt. Die Körper der alten Zeiten waren gefügiger, waren für den Geist plastischer, biegsamer; und innerhalb des Erdenlebens braucht man den Körper, um dasjenige, was man in sich aufgenommen hat, bevor man heruntergestiegen ist in das Erdenleben, auch wirklich in Erdenoffenbarung und Erdentun umzusetzen. Und so müssen wir gerade bei einer solchen Rätselfrage bedenken — und damit soll gar keine Kritik geübt werden —, wie ja die ganze Erziehung der ganzen neueren Zeit schon seit Jahrhunderten so ist, daß der menschliche Organismus so wird, daß in unserem Leben gar nicht zur Erscheinung kommen kann, was im Eingeweihten gelebt hat. Es muß vieles ganz in den Untergründen des Daseins bleiben. Und deshalb erscheinen manche Eingeweihte alter Zeiten als Persönlichkeiten, denen man dann mit den Begriffen, die man heute hat, gar nicht ansieht, daß sie einmal Eingeweihte gewesen sind, weil sie den Körper ihres Zeitalters benützen müssen.
[ 6 ] The other question that this leads to is this one—truly a profound question! When we engage in spiritual scientific reflections, we must always point out that in ancient times there were initiates—those who possessed and held the worldview in the broadest sense. The question may now arise: Since even these sages of ancient times must reincarnate, where are they in more recent times? And some might ask: Where, then, are the great personalities of ancient times, who worked as initiates, active in later times? You see, they have returned, these great initiates, but you must bear in mind, my dear friends, that when a human being appears in any age, they are dependent on using the body that that particular age provides. The bodies of ancient times were more malleable, more pliable and flexible for the spirit; and within earthly life, one needs the body to truly translate into earthly manifestation and earthly action that which one has taken in before descending into earthly life. And so, precisely when faced with such a puzzling question—and this is by no means meant as a criticism—we must consider how the entire educational system of modern times, for centuries now, has shaped the human organism in such a way that what was lived within the initiate cannot manifest itself in our lives at all. Much must remain entirely in the depths of existence. And that is why some initiates of old appear as personalities whom, judging by the concepts we have today, one would never suspect of having once been initiates, because they must make use of the body of their own age.
[ 7 ] Gerade einen solchen Fall haben wir in Garibaldi vor uns. Wenn wir im europäischen Leben weit zurückgehen, so finden wir Mysterien und Eingeweihte der tiefsten Art im uralten Irland. Aber die irischen Mysterien haben sich bis in die christliche Zeit wirklich erhalten. Selbst noch heute ist in Irland viel geistiges Leben — nicht abstraktes, begriffliches, sondern wirkliches — geistig wirksam. So chaotisch sich das äußere Irland heute ausnimmt, es ist in Irland viel wirkliches geistiges Leben; aber das ist ja doch nur der letzte Rest desjenigen, was einst dagewesen ist. In Hybernia, in Irland waren tief eingreifende Mysterien, die noch in den ersten Jahrhunderten unter Aufnahme des Christentums bis nach Europa hineingewirkt haben. Und da findet sich dann ein Eingeweihter, der den Weg nahm von Irland ungefähr bis in die Gegend des heutigen Elsaß im achten bis neunten Jahrhundert nach der Begründung des Christentums. Dieser Eingeweihte hat viel getan dazumal, um unter Stürmen für das wirkliche Christentum zu wirken, für das ja Bonifatius sehr wenig gewirkt hat in Wirklichkeit. Und zu diesem Eingeweihten sind aus drei Weltgegenden drei Schüler gekommen, drei Schüler, die sich ihm anvertraut haben. Diese drei Schüler sind — der eine mehr, der andere weniger — weit gekommen. Aber es war gerade in den irischen Mysterien die strenge Regel, daß Schüler, die sich einem Eingeweihten anvertraut hatten, von ihm im künftigen Erdenleben nicht wieder verlassen werden, sondern daß von ihm etwas vollbracht wird im Erdenleben, was diese Schüler mit ihm zusammenhält, was ein Band begründet zwischen diesen Schülern und ihm. Der Eingeweihte, den ich meine, ist im neunzehnten Jahrhundert wiederum erschienen als Giuseppe Garibaldi, mit diesem visionären Willen, der eben in älteren Zeiten auf ganz andere Weise zur Offenbarung gekommen ist, sich ausleben konnte, als in einem Körper des neunzehnten Jahrhunderts, der eine ganz andere Erziehung als die des neunzehnten Jahrhunderts, eine sehr geringe Erziehung sogar, durchgemacht hat. Und die drei anderen, die ich erwähnt habe, waren die Schüler, die als Schüler aus drei verschiedenen Erdgegenden gekommen sind. Dasjenige aber, was als Gewalt gewirkt hat von einer Inkarnation in die andere, das wirkte tiefer als äußere Prinzipien. Gegenüber dem, was Mensch an Mensch kettet über die Inkarnationen hinweg, ist das eine Geringfügigkeit, wenn man sagt: Ich bin Republikaner, du bist Monarchist. — Man muß sich in diesen Dingen schon klar sein darüber, wie weit entfernt die irdische Maja, die große Illusion, der Schein des Daseins ist von der geistigen Wirklichkeit, die hinter den Erscheinungen des Daseins geistig impulsierend tätig ist. Und so konnte Garibaldi zum Beispiel Viktor Emanuel nicht verlassen, trotzdem er ganz anderer Gesinnung war als er. Gesinnungen gehören, wenn sie sich auf Äußeres beziehen und nicht auf Menschen, doch dem Zeitalter an, nicht der Individualität, die von Erdenleben zu Erdenleben geht.
[ 7 ] We are faced with just such a case in Garibaldi. If we look far back into European history, we find mysteries and initiates of the deepest kind in ancient Ireland. But the Irish mysteries have truly survived into the Christian era. Even today, there is much spiritual life in Ireland—not abstract or conceptual, but real—that is spiritually active. As chaotic as Ireland may appear on the surface today, there is much real spiritual life in Ireland; but this is, after all, only the last remnant of what once was. In Hybernia, in Ireland, there were profound mysteries that continued to exert their influence into Europe even during the first centuries following the adoption of Christianity. And there we find an initiate who traveled from Ireland roughly to the region of present-day Alsace in the eighth to ninth centuries after the establishment of Christianity. This initiate did much at that time to work for true Christianity amid great turmoil—for which Boniface, in reality, did very little. And three disciples came to this initiate from three different parts of the world—three disciples who entrusted themselves to him. These three disciples—one more so than the others—went far. But it was precisely in the Irish mysteries that the strict rule was that disciples who had entrusted themselves to an initiate would not be abandoned by him in their future earthly lives, but rather that he would accomplish something in his earthly life that would bind these disciples to him, establishing a bond between them and him. The initiate I am referring to reappeared in the nineteenth century as Giuseppe Garibaldi; with this visionary will—which in earlier times had come to manifestation in a completely different way—he was able to live it out in a nineteenth-century body that had undergone an education quite different from that of the nineteenth century, indeed, a very limited education. And the three others I mentioned were the disciples who came as disciples from three different regions of the earth. But that which acted as a force from one incarnation to the next had a deeper effect than external principles. Compared to what binds one human being to another across incarnations, it is a trifle to say: “I am a Republican; you are a monarchist.” — In these matters, one must be clear about just how far removed earthly Maya—the great illusion, the appearance of existence—is from the spiritual reality that acts as a spiritual impulse behind the phenomena of existence. And so, for example, Garibaldi could not abandon Victor Emmanuel, even though his convictions were entirely different from Victor Emmanuel’s. When they relate to external matters rather than to people, such convictions belong to the age, not to the individuality that passes from one earthly life to the next.
[ 8 ] Ich möchte ein anderes Beispiel wählen, das mir auf eine merkwürdige Weise nahegetreten ist. Ich hatte einen Geometrielehrer, der mir außerordentlich wertvoll war. Vielleicht werden Sie aus meiner Lebensbeschreibung wissen, daß ja Geometrie überhaupt zu demjenigen gehört, dem ich im Leben am meisten an Anregungen verdanke. So wurde mir dieser Geometrielehrer auch besonders wertvoll. Aus dem, daß er ein ausgezeichneter Konstrukteur war, konnte zwar folgen, daß ich ihn sehr liebte, weil ich das Konstruieren liebte, und weil er, was er vorbrachte, mit einer wirklichen Unabhängigkeit und auch mit aller Einseitigkeit des geometrischen Denkens vorbrachte. Er war so einseitig aufs Geometrische hin geschult, daß er zum Beispiel kein Mathematiker war, sondern nur ein Geometriker. Darin war er genial, hatte aber keine Kenntnisse, keine wirklichen Kenntnisse in der Mathematik. Und er lebte gerade in einer Zeit, wo gerade alle Darstellende Geometrie, die sein Fach war, umgestaltet wurde. Er blieb beim alten. Das war ein charakteristischer Zug an ihm. Aber noch viel charakteristischer für den okkulten Forscher war ein anderes. Er hatte das, was man einen Klumpfuß nennt. Nun ist das Eigentümliche, daß, selbstverständlich nicht die physische Substanz, aber die Kraft, die in einer Inkarnation der Mensch in seinen Füßen trägt, die Art und Weise, wie er auftritt, wie er sich durch die Bewegung der Füße in Schuld oder in das Gute hineinstellt, sich metamorphosiert. Alles dasjenige, was mit den Füßen zusammenhängt, kann in einem nächsten Erdenleben in der Organisation des Kopfes sich ausleben, während dasjenige, was wir jetzt im Kopfe haben, gerade in der Organisation der Beine im nächsten Erdenleben sich ausleben kann. Diese Dinge metamorphosieren sich in eigentümlicher Art. Derjenige, der in diesen Dingen bewandert ist, kann in der Art und Weise, wie jemand auftritt, wie er die Zehen setzt, die Fersen setzt, sehen, wie das Denken in einer vorigen Inkarnation war. Und derjenige, der die Eigentümlichkeit der Gedanken eines Menschen verfolgt, ob einer schnell, flüchtig denkt oder gemessen, bedächtig denkt, wird oft dazu geführt, wirklich zu sehen, wie er in einer vorigen Inkarnation ging.
[ 8 ] I’d like to choose another example that, in a strange way, has touched me deeply. I had a geometry teacher who was extraordinarily valuable to me. Perhaps you’ll know from my biography that geometry, in fact, is one of the subjects to which I owe the most inspiration in my life. That is why this geometry teacher became particularly valuable to me. The fact that he was an excellent draftsman naturally meant that I loved him very much, because I loved drafting, and because he presented his ideas with true independence—and also with all the one-sidedness of geometric thinking. He was so one-sidedly trained in geometry that, for example, he was not a mathematician, but only a geometer. In that respect he was a genius, but he had no knowledge—no real knowledge—of mathematics. And he lived precisely at a time when all of descriptive geometry, which was his specialty, was being transformed. He stuck to the old ways. That was a characteristic trait of his. But another trait was even more characteristic of the occult researcher. He had what is called a clubfoot. Now the peculiar thing is that—not, of course, the physical substance, but the force that a human being carries in his feet during an incarnation—the way he carries himself, the way he positions himself toward sin or toward goodness through the movement of his feet—undergoes a metamorphosis. Everything connected with the feet can play out in the organization of the head in a subsequent earthly life, while what we now have in the head can play out precisely in the organization of the legs in the next earthly life. These things undergo a peculiar kind of metamorphosis. Those who are well-versed in these matters can discern, from the way a person carries themselves—how they place their toes and heels—what their thinking was like in a previous incarnation. And anyone who observes the peculiarities of a person’s thoughts—whether they think quickly and fleetingly or measuredly and deliberately—is often led to truly see how that person walked in a previous incarnation.
[ 9 ] Ein Mensch, der flüchtig denkt, hatte in der früheren Inkarnation solch einen Gang mit schnellen kleinen Schritten, der nur so hinzappelt über den Boden. Ein Mensch, der bedächtig denkt, hatte ein festes Auftreten. Und gerade solche scheinbar untergeordnete Kleinigkeiten des Lebens führen einen tiefer hinein, wenn man die tieferen geistigen, und nicht die äußerlichen, abstrakten Zusammenhänge sucht. Und so wurde ich denn, als ich mir immer wieder und wiederum das Bild des geliebten Lehrers vor die Seele stellte, geführt zu seiner früheren Inkarnation. Und da gesellte sich zu seinem Bilde ein anderes hinzu, auch eines Menschen mit einem Klumpfuß: Lord Byrons. Jetzt standen diese beiden Menschen vor mir. Und das Karma meines Lehrers hatte mich dazu geführt, wie auch die Eigentümlichkeit, die ich Ihnen dargelegt habe, darauf zu kommen, wie im zehnten oder elften Jahrhundert diese beiden Seelen in einer früheren Inkarnation gelebt haben weit im Osten Europas, dort eines Tages unter dem Einfluß einer bedeutsamen Sage standen, einer Legende, einer Prophezeiung, jener Legende, die da sagt, das Palladium, das mit einem gewissen Zauber die römische Macht eigentlich gehalten hat, sei aus dem alten Troja herübergebracht worden nach Rom und in Rom verborgen worden. Und als der Kaiser Konstantin das Römertum verpflanzen wollte hinüber nach Konstantinopel, hat er in außerordentlichem Gepränge das Palladium von Rom hinüberbringen lassen nach Konstantinopel und es unter einer Säule verbergen lassen, unter einer Säule, die er allerdings so ausgestaltet hat, daß sein ungeheurer Riesenhochmut dadurch zum Ausdruck kam. Er hat oben eine alte Apollostatue aufstellen lassen, die er aber so umändern ließ, daß sie ihn darstellte. Er hat sich Hölzer kommen lassen von dem Kreuz, auf dem der Christus gekreuzigt worden ist, und hat eine Art von Kranz von diesen Hölzern gewoben um das Haupt der Statue. Er hat geradezu Orgien des Hochmutes dabei gefeiert!
[ 9 ] A person who thinks hastily had, in a previous incarnation, a gait characterized by quick, small steps that practically scurried across the ground. A person who thinks thoughtfully had a steady demeanor. And it is precisely such seemingly minor details of life that lead one deeper into the matter when one seeks the deeper spiritual—rather than the external, abstract—connections. And so, as I repeatedly brought the image of my beloved teacher before my soul, I was led to his previous incarnation. And then another image joined his—that of another man with a clubfoot: Lord Byron’s. Now these two men stood before me. And my teacher’s karma had led me—as had the peculiarity I have described to you—to realize how, in the tenth or eleventh century, these two souls had lived in a previous incarnation far in the east of Europe, where one day they were influenced by a significant saga, a legend, a prophecy—that legend which states that the Palladium, which through a certain magic had actually sustained Roman power, had been brought from ancient Troy to Rome and hidden there. And when Emperor Constantine wanted to transplant the Roman Empire to Constantinople, he had the Palladium brought from Rome to Constantinople with extraordinary pomp and had it hidden beneath a column—a column which he, however, designed in such a way that it expressed his immense, colossal arrogance. He had an ancient statue of Apollo placed atop the column, but had it altered so that it depicted him. He had pieces of wood brought from the cross on which Christ was crucified and wove a sort of wreath from these pieces to encircle the statue’s head. He practically celebrated orgies of arrogance in the process!
[ 10 ] Dann aber bildete sich die prophetische Sage, daß einmal das Palladium von Konstantinopel weiter nach dem Norden hinübergetragen werden sollte, und daß einmal in einem Slawenreiche verkörpert sein sollte die Macht, die an dem Palladium hing. Diese beiden Menschen, von denen ich sprach, sie haben diese Prophezeiung gehört, und sie haben sich das Ziel vorgesetzt, nach Konstantinopel zu wandern und das Palladium nach Rußland zu bringen. Es ist ihnen nicht gelungen. Es blieb aber der Trieb namentlich bei einem, bei Byron. Das wandelte sich um in den Impuls, einzutreten für die Freiheit Griechenlands, der dann im neunzehnten Jahrhundert Byron fast an dieselbe Stelle führte, wo er das physische Palladium in einem früheren Erdenleben gesucht hat.
[ 10 ] But then a prophetic legend arose, stating that one day the Palladium would be carried from Constantinople further north, and that the power associated with the Palladium would one day be embodied in a Slavic kingdom. These two men I spoke of had heard this prophecy, and they set themselves the goal of journeying to Constantinople and bringing the Palladium to Russia. They did not succeed. But the urge remained, particularly in one of them—Byron. This transformed into the impulse to champion the freedom of Greece, which then, in the nineteenth century, led Byron almost to the very same place where he had sought the physical Palladium in a previous earthly life.
[ 11 ] Sehen Sie, es ist notwendig, daß man die Fäden findet, welche in frühere Zeiten zurückführen. So wurde ich bei einer anderen Gelegenheit geführt auf eine Persönlichkeit, die etwa im neunten Jahrhundert im Nordosten Frankreichs, des heutigen Frankreich, gelebt hat und eine Persönlichkeit war, die in der ersten Zeit ihres Lebens einen weiten Besitz an Landgütern hatte, die für die damalige Zeit eine reiche Persönlichkeit war, eine kriegerische Persönlichkeit zugleich, und im kleinen viele abenteuerliche Kriegszüge — nichts gerade Großes durchgemacht hat. Diese Persönlichkeit sammelte, als sie ein bestimmtes Lebensalter erreicht hatte, um sich Leute, welche nun einen Abenteurerzug mit ihr unternahmen, der unglücklich ausging, der eine große, eine riesige Enttäuschung für diese Persönlichkeit brachte, und ohne etwas zu erreichen, mußte diese Persönlichkeit wieder nach Hause zurückkehren. Aber wie es in damaliger Zeit in manchen Gegenden war: Während die Persönlichkeit abwesend war von Haus und Hof und Land und Leuten, hatte ein anderer sich dessen Haus und Hof und Land und Leute bemächtigt. Die Persönlichkeit fand einfach nicht mehr ihr Eigentum vor — es ist sonderbar, aber es ist geschehen und mußte in Zukunft als eine Art Helot, als Leibeigener dienen auf dem eigenen Herrenhofe. Da wurde in der Nacht gewöhnlich so manche Zusammenkunft mit benachbarten Leuten gehalten, und in einer ziemlich wüsten Weise wurden Kraftideen entwickelt, bei denen nichts weiter herauskommen konnte, als daß sie eben entwickelt wurden. Man möchte sagen, ein realdialektisches Spiel wurde mit diesen Kraftideen der Auflehnung gegen die Herren — fast wie im alten Römertum — getrieben. Diese Persönlichkeit kann einem schon interessant werden, die von Besitz und Eigentum und Befehlsgewohnheiten vertrieben wurde, die aber ungebeugt an Willen zum Aufrüttler wurde in der ganzen Gegend, namentlich gegen den, der sich des Eigentums bemächtigt hat. Und wiederum erschien im neunzehnten Jahrhundert diese Persönlichkeit und wurde innerlich, gedanklich, seelisch dasjenige, was werden konnte aus dieser früheren Inkarnation, wurde Karl Marx, der Sozialistenhäuptling. Und nun denken Sie, meine lieben Freunde, wie durchhellt die Weltgeschichte wird, wenn man sie in dieser Weise betrachten kann, wenn man tatsächlich die Seelen verfolgen kann von einer Epoche zur anderen; wie hinübergetragen wird das, was auf den Seelen liegt, von einer Epoche in die andere Epoche. Konkrete Zusammenhänge bekommt dadurch das geschichtliche Leben und Werden und Wesen der Menschheit.
[ 11 ] You see, it is necessary to find the threads that lead back to earlier times. On another occasion, I was led to a figure who lived in northeastern France—present-day France—around the ninth century. This person, in the early part of their life, owned extensive estates; they were a wealthy figure by the standards of the time, as well as a warrior, and had undergone many small-scale, adventurous military campaigns—nothing particularly grand. When this individual reached a certain age, he gathered a group of people to embark on an adventurous expedition with him, which ended unhappily, bringing him a great, immense disappointment; and having achieved nothing, he was forced to return home. But as was the case in some regions at that time: while the individual was away from home, farm, land, and people, another had taken possession of his home, farm, land, and people. The individual simply could no longer find his property—it is strange, but it happened, and in the future he had to serve as a kind of helot, as a serf, on his own manor. At night, gatherings with neighbors were commonly held, and in a rather wild manner, ideas of power were developed, which could lead to nothing more than their mere articulation. One might say that a real-dialectical game was played with these ideas of power in rebellion against the lords—almost as in ancient Rome. This figure can indeed be of interest: one who was driven out by possessions, property, and the habit of giving orders, yet who, unbowed in spirit, became a stirrer of the masses throughout the entire region—particularly against the one who had seized possession of the property. And once again, in the nineteenth century, this personality appeared and became, inwardly, intellectually, and spiritually, what could emerge from that earlier incarnation: he became Karl Marx, the leader of the socialists. And now, my dear friends, consider how world history is illuminated when one can view it in this way, when one can actually trace the souls from one epoch to the next; how what lies upon the souls is carried over from one epoch into the next. This gives concrete connections to the historical life, development, and essence of humanity.
[ 12 ] Und jüngst konnte ich ja in Dornach aufmerksam machen auf einen anderen Zusammenhang, auf einen Zusammenhang, der mich veranlaßt hat, wiederholt während des Krieges, namentlich am Ende des Krieges, darauf aufmerksam zu machen, daß sich die Menschen nicht gar zu sehr blenden lassen sollen von einer gewissen Persönlichkeit der neueren Zeit. Ich habe schon in meinem Helsingforser Kurs 1913 aufmerksam gemacht auf die immerhin recht begrenzte Kapazität, um die es sich da handelt. Das alles geschah, weil mir der Zusammenhang klar war zwischen einem Nachfolger Mohammeds, Muawija, aus dem siebenten Jahrhundert, und Woodrow Wilson. Alles, was an Fatalismus dazumal lebte in dieser Persönlichkeit des Muawija, kam in diesem ja sonst ganz unerklärlichen Fatalismus, der nur ein Fatalismus des Willens sein wollte, zum Vorschein, im Fatalismus des Woodrow Wilson. Und man möchte sagen, wer suchen will nach einer Bekräftigung, nach einem Ursprung der bekannten vierzehn Punkte, der wird sie schon im Koran finden können. So sind die Zusammenhänge, meine lieben Freunde! Bei diesen Dingen darf nicht das geringste von Sympathie und Antipathie walten, bei diesen Dingen darf nichts von Kritik walten, da muß reinste Objektivität sein. Aber diese Objektivität führt eben dazu, von einem Punkte der Geschichte, wo eine Seele auftritt, zu einem anderen Punkte hinzuleiten. Und man darf schon sagen, wenn die Menschheit ein wenig hinaus sein wird über dasjenige, was heute noch aus der materialistischen Zeit da ist, dann wird man auf solche Dinge hinhören und hinschauen. Und dann wird man ganz anders sich fühlen innerhalb der modernen Zivilisation, weil man sie in ihren Zusammenhängen sehen wird; nicht nur nach solchen Dingen, die tot sind, sondern nach solchen Dingen, die lebendig sind. Darauf kommt es an. Das ganze geschichtliche Werden wird lebendig werden. Und der Mensch braucht, wenn er über den toten Punkt der Entwickelung, auf dem er jetzt steht, in seiner Zivilisation hinauskommen will, den lebendigen Geist und nicht den abstrakten, toten Geist der bloßen Ideen.
[ 12 ] And just recently, in Dornach, I was able to draw attention to another connection—one that led me, on several occasions during the war, particularly toward the end of the war, to point out that people should not allow themselves to be overly dazzled by a certain figure of modern times. I had already pointed out in my 1913 course in Helsingfors the rather limited capacity at stake here. All of this happened because the connection was clear to me between a successor of Muhammad, Muawiya, from the seventh century, and Woodrow Wilson. Everything that was fatalistic in Muawiya at that time came to light in the otherwise quite inexplicable fatalism—which sought to be nothing more than a fatalism of the will—in the fatalism of Woodrow Wilson. And one might say that anyone seeking confirmation or the origin of the well-known Fourteen Points will surely find it in the Qur’an. Such are the connections, my dear friends! In these matters, not the slightest trace of sympathy or antipathy must prevail; in these matters, no criticism must prevail—there must be the purest objectivity. But this objectivity leads us from one point in history, where a soul appears, to another. And one can certainly say that once humanity has moved a little beyond what still remains today from the materialistic era, people will begin to listen to and look at such things. And then they will feel quite differently within modern civilization, because they will see it in its broader context—not merely in terms of things that are dead, but in terms of things that are alive. That is what matters. The entire course of history will come alive. And if humanity wishes to move beyond the dead end of development at which it now stands in its civilization, it needs the living spirit—not the abstract, dead spirit of mere ideas.
[ 13 ] Die geschichtliche Betrachtung wird sich ja vielleicht nur sehr widerwillig dem Geistigen in der Weise nähern, wie ich es in meinem öffentlichen Vortrage vor einigen Tagen hier auseinandergesetzt habe, aber sie muß das dennoch. Denn die äußerliche geschichtliche Betrachtung, die nur auf Dokumente gehen kann, ist eigentlich voller Unverständlichkeiten. Da tritt irgend etwas auf, was man durchaus nicht einsehen kann, woher es kommt. Warum? Weil man die Ursprünge nicht kennt. Die Ursprünge sind verloren gegangen. Gerade wenn man solchen Dingen nachforscht, belebt sich im geschichtlichen Werden so manches. Aber es drückt sich damit auch so manches aus, was eben geschehen ist von Menschen, um die Geschichte in bezug auf wichtige Dinge geradezu zu etwas Unrichtigem, etwas Unwahrem zu machen.
[ 13 ] Historical analysis may be very reluctant to approach the spiritual in the way I discussed here in my public lecture a few days ago, but it must do so nonetheless. For external historical analysis, which can rely only on documents, is actually full of things that are difficult to understand. Something arises that one simply cannot fathom where it comes from. Why? Because one does not know its origins. The origins have been lost. It is precisely when one investigates such matters that many aspects of historical development come to life. But this also reveals many things that people have done in order to distort history—particularly regarding important matters—into something incorrect, something untrue.
[ 14 ] Meine lieben Freunde, es wird Ihnen sicher paradox erscheinen, sonderbar erscheinen, wenn der Geistesforscher aus einer verhältnismäßig jungen Vergangenheit konstatieren muß, daß ein wunderbares Kunstwerk der Poesie verlorengegangen, rein verlorengegangen ist wegen der Feindschaft einer gewissen geistigen Strömung. In den ersten Jahrhunderten der christlichen Entwickelung war ein Kunstwerk in den südlicheren Gegenden der europäischen Zivilisation vorhanden, welches darstellte das innerste Wesen der fortschreitenden Zivilisation, unmittelbar nachdem das Christentum eingegriffen hat in die Entwickelung des europäischen Menschen. Dieses Kunstwerk, in seiner Art ein episches Drama, dramatisches Epos, stellte dar, wie der Mensch, nachdem das Christentum als eine junge Erscheinung gewirkt hat, nicht herankommen kann an die wirkliche, wahre Wesenheit Christi, sondern eine ganz bestimmte Mysterienvorbereitung durchzumachen hat, um an die wahre Wesenheit Christi heranzukommen.
[ 14 ] My dear friends, it will surely seem paradoxical to you, indeed strange, when a spiritual researcher, looking back on a relatively recent past, must conclude that a marvelous work of poetic art has been lost—utterly lost—due to the hostility of a certain spiritual movement. In the early centuries of Christian development, there existed a work of art in the southern regions of European civilization that depicted the innermost essence of the evolving civilization, immediately after Christianity had intervened in the development of the European people. This work of art, an epic drama or dramatic epic in its own right, depicted how, after Christianity had taken effect as a new phenomenon, human beings could not yet approach the real, true essence of Christ, but had to undergo a very specific preparation through the mysteries in order to approach the true essence of Christ.
[ 15 ] Um das einzusehen, worum es sich handelt, muß man sich folgendes klarmachen: Der Christus hat seinen intimeren Schülern sehr klar gemacht, wie in diejenige Wesenheit, die da war der Jesus, der im Orient drüben geboren worden ist, ihn erfüllend gekommen ist im dreißigsten Jahre der Christus als ein Sonnenwesen, als ein kosmisches Wesen. Hineingeboren war der Jesus von Nazareth in eine Mondreligion; denn was war die Jahve-, die Jehovareligion? Was war Jahve selber? Wenn man aufblickte zu Jahve, blickte man hinauf zum menschlichen Ich, das unmittelbar abhängig ist von der physischen Menschengestaltung, von derjenigen Menschengestaltung, die mit uns geboren wird. Dasjenige aber, was mit uns geboren wird, was in uns geformt wird, was in uns ausgebildet wird, indem wir im mütterlichen Leibe zu einem Ich gestaltet werden, ist abhängig von den Mondenkräften. Und Jahve ist eigentlich eine Mondengottheit. Und indem aufgeschaut wurde zu Jahve, sagte man sich: Jahve ist der Führer der Mondwesenheiten, von denen da stammen die Kräfte, die den Menschen ins physische Erdendasein hereinstellen. Aber wenn nur Mondenkräfte im Menschen wirkten, würde er niemals über dasjenige, was in ihm im Leben der Erde veranlagt ist, hinauskommen können. Das kann aber der Mensch jetzt nicht; das hat er in älteren Zeiten gekonnt. Wenn wir zurückgehen in vorhistorische irdische Zeiten, da finden wir ein sehr Merkwürdiges, das den heutigen Menschen sonderbar anmutet. Da finden wir, wie Menschen — der größte Teil einer gewissen Menschenklasse — im dreißigsten Jahre des Lebens eine vollständige Verwandlung der menschlichen Seele erlebten. So sonderbar, paradox es den heutigen Menschen erscheint, es war dennoch so in einer Zeit, von der die Veden nur Nachklänge geben. Es gab damals Menschen im alten Indien: wenn ihnen ein anderer, den sie vor drei Jahren gesehen hatten, begegnete, so konnten sie unter Umständen von ihm erfahren, daß sie ihn gesehen hatten; aber sie erkannten ihn nicht. Sie hatten alles vergessen, was bis zum dreißigsten Jahre war, sie hatten alles vergessen, sogar die Identität ihrer Persönlichkeit. Und so war die Einrichtung sogar vorhanden — wir würden es heute ein Amt nennen, wir nennen ja alles Amt und Behörde —, es bestand die Einrichtung, daß eine solche Persönlichkeit zum Amt gehen und sich sagen lassen mußte, wo sie geboren war und wer sie war. Diese Persönlichkeiten, die bekamen dann in den Mysterien die Mittel, sich erst wieder zurückzuerinnern an ihr Leben bis zum dreißigsten Jahre. Sie waren diejenigen, die dann später die «Zweimal-Geborenen» genannt wurden, die ihr erstes Dasein verdankten den Mondenkräften, ihr zweites Erdendasein verdankten den Sonnenkräften.
[ 15 ] To understand what this is all about, one must realize the following: Christ made it very clear to his closest disciples how, in the thirtieth year, Christ—as a solar being, as a cosmic being—came to fill the being who was Jesus, who had been born over in the East. Jesus of Nazareth was born into a lunar religion; for what was the Yahweh, the Jehovah religion? What was Yahweh himself? When one looked up to Yahweh, one looked up to the human “I,” which is directly dependent on the physical human form—the very form with which we are born. But that which is born with us, that which is formed within us, that which is developed within us as we are shaped into an “I” in the mother’s womb, is dependent on the lunar forces. And Yahweh is, in fact, a lunar deity. And as people looked up to Yahweh, they said to themselves: Yahweh is the leader of the lunar beings, from whom come the forces that bring human beings into physical earthly existence. But if only lunar forces were at work in human beings, they would never be able to transcend what is predisposed within them in earthly life. Yet human beings cannot do this now; they were able to do so in earlier times. If we go back to prehistoric earthly times, we find something very remarkable that seems strange to people today. There we find how human beings—the majority of a certain class of people—experienced a complete transformation of the human soul in the thirtieth year of life. As strange and paradoxical as this may seem to people today, it was nevertheless the case in an era of which the Vedas offer only echoes. There were people in ancient India at that time: if they encountered someone they had seen three years earlier, they might, under certain circumstances, learn from that person that they had seen him; but they did not recognize him. They had forgotten everything that had happened up to the age of thirty; they had forgotten everything, even the identity of their own person. And so there was even an institution—we would call it an office today, since we call everything an office or an authority—there was an institution where such a person had to go to the office and be told where they had been born and who they were. These individuals were then given, within the Mysteries, the means to gradually recall their lives up to the age of thirty. They were the ones who were later called the “twice-born,” who owed their first existence to the forces of the Moon and their second earthly existence to the forces of the Sun.
[ 16 ] Das, was in alten Zeiten im Laufe des Erdenlebens als eine solche Metamorphose so besonders radikal auftritt, was man das Zweimalgeboren-werden nannte, das schrieb man der Sonne zu; mit Recht, denn die Sonnenkräfte hängen mit allem zusammen, was der Mensch in Freiheit aus sich machen kann. Aber allmählich war es in der Entwickelung der Menschheit so gekommen, daß dies nicht mehr hineingehörte in die menschliche Entwickelung, daß der Mensch nicht mehr mit dem Hinaufblicken in die Weltenweiten das Bewußtsein davon in das Physische hineinnahm. Julian Apostata wollte darauf aufmerksam machen, daß es das noch gab, aber er mußte es mit dem Tode büßen. Der Christus aber wollte dadurch, daß er seinem Worte die Kraft verlieh, den Menschen dasjenige, was die Natur nicht gab, durch die Moral bringen, durch die religiös-moralische Vertiefung. Der Christus war es, der die Menschen lehrte: Wenn ihr fühlt, wie ich fühle, wenn ihr, statt nach der Sonne zu sehen, nach dem seht, was in mir erweckt ist, der noch als letzter im dreißigsten Jahre das Sonnenwort empfing, dann werdet ihr wieder den Weg zum Sonnenhaften finden. — Und die Mysterienlehrer der ersten christlichen Zeit wußten ganz genau: Es wird sich nun der Verstand entwickeln, die Intellektualität, die dem Menschen zwar die Freiheit bringt, die ihm aber das alte Hellschen nimmt, das ihn in die Geistigkeit des Kosmos führt.
[ 16 ] What in ancient times occurred so radically in the course of earthly life as such a metamorphosis—what was called “being born twice”—was attributed to the sun; and rightly so, for the forces of the sun are connected with everything that a human being can freely make of himself. But gradually, in the course of human evolution, it had come to pass that this no longer belonged to human development; that human beings no longer brought the awareness of it into the physical realm by looking up into the vastness of the cosmos. Julian the Apostate wanted to draw attention to the fact that this still existed, but he had to pay for it with his life. Christ, however, by imbuing his words with power, sought to bring to humanity—through morality and through religious-moral deepening—that which nature did not provide. It was Christ who taught people: If you feel as I feel, if, instead of looking toward the sun, you look toward what has been awakened within me—I who, as the last one, received the Word of the Sun at the age of thirty—then you will find the path back to the solar realm. — And the Mystery teachers of early Christianity knew very well: The mind will now develop—intellectuality—which, while bringing freedom to humankind, will also take away the old light that leads them into the spirituality of the cosmos.
[ 17 ] Deshalb stifteten diese Weisen alter christlicher Mysterien eine Art von Lehre, die nun gegeben wurde in jenem epischen Drama, dramatischem Epos, von dem ich sprach. Da wurde dargestellt ein solcher Schüler der christlichen Mysterien, der unter dem Opfer des Intellektes, das er zu leisten hatte in einem bestimmten jugendlichen Lebensalter, in das wirkliche Christentum hineingeführt werden sollte, auf daß ihm die Anschauung gebracht würde: der Christus ist ein Sonnenwesen, das gelebt hat in dem Jesus von Nazareth von dem dreißigsten Jahre seines Lebens an. Und in ergreifender Weise war in jenem Drama dargestellt, wie ein nach dem wahren Wesen des Christentums Strebender in seinen jungen Jahren das Opfer des Intellekts bringt, das heißt, den hohen Weltenmächten das Gelöbnis leistet, nicht sich an die Intellektualität zu halten, sondern sich in das eigene Innere zu vertiefen, um das Christentum nicht nur kennen zu lernen als etwas Historisch-Traditionelles, sondern es kennen zu lernen als etwas Kosmisches, hinzuschauen auf den Christus als auf denjenigen, der die Sonnenwesenheit als Geistigkeit in sich trägt. Es war eine dramatische Szene großartiger Art, großartigen Inhaltes, die diese Umwandlung einer Menschenwesenheit darstellte unter dem Opfer des Intellekts. Und aus einem Menschen, der das Christentum bloß aufnahm nach dem Wortlaut der Evangelien — so wie es später gekommen ist — wurde einer, der da lernte hinschauen auf das Kosmische, der den lebendigen Zusammenhang des Christus mit dem Kosmos anschaute. Das Hellsichtigwerden für das Christentum als Kosmisches, das stellte für diesen seinen Helden jenes alte epische Drama dar. Die katholische Kirche hat dafür gesorgt, daß auch jede Spur von diesem Drama ausgerottet worden ist. Nichts ist zurückgeblieben, die katholische Kirche hat Macht genug dazu gehabt. Es ist ja zum Beispiel nur einem Zufall zu verdanken, daß eine Abschrift sich erhalten hat von den Werken einer Persönlichkeit am Hofe Karls des Kahlen, von der man sonst auch nichts wissen würde: von Scotus Erigena.
[ 17 ] That is why these sages of the ancient Christian mysteries established a kind of teaching that was now presented in that epic drama, that dramatic epic, of which I spoke. It depicted a disciple of the Christian mysteries who, through the sacrifice of the intellect that he had to make at a certain age in his youth, was to be initiated into true Christianity, so that he might come to realize: Christ is a solar being who lived within Jesus of Nazareth from the thirtieth year of his life onward. And that drama movingly depicted how one who strives for the true essence of Christianity makes the sacrifice of the intellect in his young years, that is, makes a vow to the higher world powers not to cling to intellectuality, but to delve into his own inner being, so as to come to know Christianity not merely as something historical and traditional, but as something cosmic—to look upon the Christ as the one who bears the solar being within himself as spirituality. It was a dramatic scene of magnificent scope and profound content, depicting this transformation of a human being through the sacrifice of the intellect. And a person who had merely accepted Christianity according to the literal text of the Gospels—as it came to be later—became one who learned to look toward the cosmic, who beheld the living connection between Christ and the cosmos. For this hero of his, the development of clairvoyance into the cosmic dimension of Christianity represented that ancient epic drama. The Catholic Church ensured that every trace of this drama was eradicated. Nothing remains; the Catholic Church had sufficient power to do so. It is, for example, only by chance that a copy has survived of the works of a figure at the court of Charles the Bald, about whom we would otherwise know nothing: Scotus Erigena.
[ 18 ] Wer solche Dinge sieht, der wird es auch nicht so paradox finden, wenn man genötigt ist durch die geistige Forschung, hinzuweisen auf dieses epische Drama, dramatische Epos, welches geradezu die Verwandlung eines Menschen darstellt unter dem Gelöbnis zu dem Opfer des Intellekts, wodurch ihm die Himmel eröffnet worden sind. Aber in der Tradition hat sich manches Bruchstück aus jenem alten dramatischen Epos erhalten, umgeändert vielfach, nicht mehr verstanden in den großen Zusammenhängen, vor allen Dingen nicht mehr in der alten Bildhaftigkeit verstanden; denn das, was der Inhalt dieses Kunstwerkes darstellte, ist vielfach zum Gegenstand der Malerei geworden. Auch diese Malereien sind ausgerottet worden, nur Traditionen haben sich erhalten. Und von diesen Traditionen ist noch etwas in einem Kreise getrieben worden, dem der Lehrer Dantes, Brunetto Latini, angehört hat. Dante hat von diesem Lehrer etwas, allerdings nicht mehr genau, aber etwas Traditionelles erfahren, und in Dantes « Göttlicher Komödie» lebt noch etwas fort von jenem dramatischen Epos. Aber das Werk hat so wahr einmal bestanden, wie die «Göttliche Komödie» selber besteht.
[ 18 ] Anyone who sees such things will not find it so paradoxical when, through spiritual research, one is compelled to point to this epic drama—this dramatic epic—which depicts, in a very real sense, the transformation of a human being through the vow of intellectual sacrifice, by which the heavens have been opened to him. But in tradition, many fragments of that ancient dramatic epic have been preserved, often altered, no longer understood within their broader context, and above all no longer understood in their original pictorial form; for what the content of this work of art represented has in many cases become the subject of painting. These paintings, too, have been lost; only traditions have survived. And something of these traditions was still passed down within a circle to which Dante’s teacher, Brunetto Latini, belonged. Dante learned something from this teacher—admittedly no longer in precise detail, but something traditional—and in Dante’s Divine Comedy something of that dramatic epic still lives on. But the work did indeed once exist, just as the Divine Comedy itself exists.
[ 19 ] Sie sehen, die Geschichte deckt sich nicht mit der Wirklichkeit, und es wird manches heraufgeholt werden müssen durch rein geistige Forschung aus all dem, was vom Feinde ausgerottet worden ist. Denn man hat eben von einer gewissen Seite her alles Interesse daran, mit Stumpf und Stiel auszurotten dasjenige, was darauf aufmerksam macht, daß der Christus aus dem Kosmos stammt. Man hat die Geburt des Christus im dreißigsten Jahre verlegt gegen die physische Geburt hin. Das alles hätte man nicht tun können, was dann eben christliche Lehre geworden ist, wenn man nicht ausgerottet hätte jenes Drama, von dem ich heute gesprochen habe. Es wird schon die geistige Forschung einmal eine Rolle spielen müssen, wenn die Menschheit fortleben will in ihrer Zivilisation. Sie kennen schon das furchtbar Schädliche jener Erkrankungen, die so auftreten wie bei jemandem, mit dem ich recht gut bekannt war, der eine recht angesehene Stellung hatte, eines Tages sein Haus, seine Familie verließ, auf die Bahn ging, sich ein Billet nach einer entfernten Station nahm, und plötzlich alles vergessen hatte, was er in seinem bisherigen Leben erlebt hatte. Sein Intellekt war in Ordnung, aber die Erinnerung war vollständig getrübt, und als er in jener Station angekommen war, da nahm er sich ein neues Billet, durchquerte auf diese Weise Deutschland, Österreich, Ungarn, Galizien und fand sich zuletzt, als sein Gedächtnis wiedererwachte, in einem Obdachlosen-Asyl in Berlin.
[ 19 ] As you can see, history does not correspond to reality, and much will have to be recovered through purely spiritual research from all that has been eradicated by the enemy. For a certain party has every interest in eradicating, root and branch, anything that draws attention to the fact that Christ originated in the cosmos. They have shifted the birth of the Christ to the thirtieth year, aligning it with the physical birth. None of what has since become Christian doctrine could have been achieved had they not eradicated that drama of which I have spoken today. Spiritual research will inevitably have to play a role if humanity is to continue to live on in its civilization. You are already familiar with the terrible harm caused by those illnesses that manifest as they did in someone I knew quite well—a man who held a highly respected position, who one day left his home and family, boarded a train, bought a ticket to a distant station, and suddenly forgot everything he had experienced in his life up to that point. His intellect was intact, but his memory was completely clouded, and when he arrived at that station, he bought another ticket, traveled in this way through Germany, Austria, Hungary, and Galicia, and finally, when his memory returned, found himself in a homeless shelter in Berlin.
[ 20 ] Es ist wahrhaftig der Ruin des ganzen Ich, wenn man dasjenige vergißt, was man durchgemacht hat. So würde es auch den Ruin des Zivilisations-Ich bedeuten, des Ich der europäischen Menschheit, wenn sie vollständig das vergessen würde, was sie geschichtlich durchgemacht hat, was ihr ausgerottet worden ist. Geisteswissenschaft allein kann sie wieder dahin zurückbringen.
[ 20 ] It is truly the ruin of the entire self to forget what one has gone through. Likewise, it would mean the ruin of the civilizational self—the self of European humanity—if it were to completely forget what it has historically endured and what has been eradicated from it. Only spiritual science can bring it back to that point.
[ 21 ] Allein selbst Menschen, die verhältnismäßig ganz wohlwollend sind, auch denen, meine lieben Freunde, kommt das, was Geisteswissenschaft zu sagen hat, heute noch ganz sonderbar vor. Man kann doch nicht ohne eine gewisse Ironie dasjenige lesen, was ein sonst so hoffnungsvoller Geist wie Maurice Maeterlinck über mich selbst als den Begründer der Anthroposophie unter dem Titel «Das große Rätsel» sagt. Maurice Maeterlinck scheint nicht leugnen zu können, daß immer in den ersten Einleitungen meiner Bücher etwas ganz Vernünftiges steht. Das fällt ihm auf. Aber dann, dann kommt er in etwas hinein, was ihn ungeheuer verwirrt, wo er nicht durch kann. Nun, man könnte ja ein Wort Lichtenbergs variieren: Wenn Bücher und ein Mensch zusammenstoßen, und es hohl klingt, muß das ja nicht gerade vom Buch abhängen. Aber es ist eben so — Maurice Maeterlinck ist gewiß eine Hochblüte unserer gegenwärtigen Kultur —, denken Sie doch, es findet sich bei ihm fast wörtlich der Satz: In den Einführungen seiner Bücher, in den ersten Kapiteln, da zeigt Steiner immer einen abwägenden, logischen, weiten Geist; dann in den weitern Kapiteln ist es, als ob er wahnsinnig würde. — Ja, nun, meine lieben Freunde, was hat denn aber das für eine Konsequenz? Das hieße ja: Erstes Kapitel: abwägender, logischer, weiter Geist. Letztes Kapitel: wahnsinnig. Nun ist das Buch fertig, nun kommt ein neues. Wiederum zuerst: abwägender, logischer, weiter Geist, zuletzt: wahnsinnig. Ich habe eine ganze Anzahl von Büchern geschrieben, so daß ich also diese Prozedur mit einer gewissen Virtuosität durchmachen würde: Erstes Kapitel: abwägender, logischer, weiter Geist; dann: verwirrt, verbohrt. Und so wird in meinen Büchern, nach Ansicht Maurice Maeterlincks, jongliert. Aber in der Art, daß man so willkürlich an die Sache herangeht, hat man es in Irrenhäusern doch noch nicht entdeckt.
[ 21 ] Even people who are relatively well-disposed—even to them, my dear friends—what spiritual science has to say still seems quite strange today. One cannot help but read with a certain irony what an otherwise such promising mind as Maurice Maeterlinck says about me—the founder of anthroposophy—in his essay titled “The Great Mystery.” Maurice Maeterlinck seems unable to deny that there is always something quite reasonable in the introductory chapters of my books. That strikes him. But then—then he enters into something that confuses him immensely, something he cannot get through. Well, one could paraphrase a saying by Lichtenberg: When books and a person collide, and it sounds hollow, that need not necessarily depend on the book. But that’s just how it is—Maurice Maeterlinck is certainly a high point of our contemporary culture—just think, one finds in his writings almost verbatim the following sentence: “In the introductions to his books, in the first chapters, Steiner always displays a thoughtful, logical, broad-minded spirit; then, in the subsequent chapters, it is as if he were going mad.” — Well, my dear friends, what does that actually mean? That would mean: First chapter: a thoughtful, logical, broad-minded spirit. Last chapter: madness. Now the book is finished, and a new one comes along. Again, at the beginning: a thoughtful, logical, broad-minded spirit; at the end: madness. I have written quite a number of books, so I would go through this process with a certain virtuosity: First chapter: a thoughtful, logical, broad-minded mind; then: confused, obstinate. And so, according to Maurice Maeterlinck, my books juggle these elements. But this kind of arbitrary approach to the subject has not yet been discovered in mental institutions.
[ 22 ] Nun sehen Sie, man kommt noch in eine viel größere Verwirrung hinein, wenn man an die Bücher derjenigen Menschen herantritt, die einen für verbohrt halten. Und so kann man an der Ironie, mit welcher man manche dieser Dinge aufnehmen muß, sehen, wie schwer es den Menschen der Gegenwart noch wird, sich hineinzufinden in wirkliche Geistesforschung. Aber die muß kommen. Und damit es nicht an uns liegt, meine lieben Freunde, nicht die nötige Kraft angewendet zu haben, um herbeizuführen die geistige Vertiefung, war die Weihnachtstagung eben da, die einen Markstein enthalten soll für die Weiterentwickelung der Anthroposophischen Gesellschaft in der Art, wie ich es schon auseinandergesetzt habe; die vor allen Dingen eine Epoche der anthroposophischen Bewegung einleiten soll, in der ohne Scheu von den konkreten Tatsachen des geistigen Lebens gesprochen werden soll, wie wir es heute und in den vorangehenden Vorträgen wieder getan haben. Es ist eben eine stärkere Stoßkraft nötig, als früher angewendet worden ist, wenn der Geist, dessen die Menschheit bedarf, einziehen soll.
[ 22 ] Now you see, one gets into even greater confusion when one approaches the books of those people who consider one to be narrow-minded. And so, from the irony with which one must accept some of these things, one can see how difficult it still is for people today to find their way into genuine spiritual research. But it must come. And so that it may not be said of us, my dear friends, that we failed to apply the necessary effort to bring about this spiritual deepening, the Christmas Conference was held—a conference intended to serve as a milestone for the further development of the Anthroposophical Society in the manner I have already outlined; which, above all, is intended to usher in a new era for the anthroposophical movement, in which we shall speak without hesitation about the concrete realities of spiritual life, as we have done again today and in the preceding lectures. A stronger impetus is needed than has been applied in the past if the spirit that humanity needs is to take hold.
[ 23 ] Deshalb, meine lieben Freunde, war es mir wirklich zur tiefsten Befriedigung, daß ich in diesen elf Vorträgen, die ich öffentlich oder in mehr oder weniger engem Kreise halten durfte, hineinführen durfte ein wenig in die Tiefen des geistigen Lebens. Und aus dieser innigen Befriedigung heraus lassen Sie mich meinen herzlichsten Dank aussprechen für die warmen, innigen Worte, die Herr Professor Hauffen heute im Beginn dieser Stunde hier ausgesprochen hat. Ich danke herzlich für Ihren Empfang, danke herzlich für alles, was Ihre Seelen mir entgegengebracht haben bei dieser meiner Anwesenheit. Und Sie können überzeugt sein, daß ich die schönen Worte, die Herr Professor Hauffen gesprochen hat, in der Seele mittragen werde, daß aus ihnen quellen werden die Gedanken, die ich Ihnen immer zusenden werde und die, wenn sie ihr Ziel erreichen, unter Ihnen weilen werden, wenn Sie hier arbeiten. Wir sind ja als Anthroposophen, auch wenn wir voneinander räumlich entfernt sind, im Gemüt doch beisammen, und wir sollen ja dessen eingedenk sein und es wissen, daß wir beisammen sind. Es war mir ja viele Jahre vergönnt, hier in Prag zu sprechen aus den mannigfaltigsten Gestaltungen des geistigen Lebens heraus, und es hatte mir zur herzlichen Befriedigung gereicht. Und diesmal ganz besonders, weil ja an Ihre Herzen und Seelen Anforderungen gestellt wurden, die verhältnismäßig neu sind, weil Sie mit einer noch größeren Vorurteilslosigkeit demjenigen entgegenkommen mußten, was ich diesmal — ich möchte sagen in geistigem Auftrage — zu Ihnen zu sprechen hatte, Wenn ich sage, in geistigem Auftrage, so legen wir das Wort dahin aus, daß wir uns sagen: Im Geiste bleiben wir beieinander. Der Vorstand, der in Dornach gebildet worden ist, ist nur klein; es sind nur diejenigen Leute darin, die innig mit mir verbunden sein können, um aus dieser Initiative heraus dasjenige wirken zu können,, was gewirkt werden soll. Allein es wird dasjenige, was gewirkt werden soll, gewirkt werden, wenn alle lieben Freunde aus vollem Herzen zusammenarbeiten, vor allem im geistigen anthroposophischen Zusammendenken, Zusammenempfinden, Zusammenwollen.,
[ 23 ] That is why, my dear friends, it has truly been a source of the deepest satisfaction for me to have been able, in these eleven lectures—which I was privileged to deliver either publicly or to more or less intimate audiences—to guide you a little into the depths of spiritual life. And out of this heartfelt satisfaction, let me express my most sincere thanks for the warm, heartfelt words that Professor Hauffen spoke here today at the beginning of this session. I thank you sincerely for your welcome, and I thank you sincerely for everything your souls have bestowed upon me during my time here. And you can be assured that I will carry the beautiful words spoken by Professor Hauffen in my soul, that from them will spring the thoughts I will always send to you, and that, when they reach their destination, they will dwell among you as you work here. After all, as anthroposophists, even when we are physically apart, we are united in spirit, and we should bear this in mind and know that we are together. For many years I was granted the opportunity to speak here in Prague on the most diverse aspects of spiritual life, and this has been a source of deep satisfaction to me. And this time especially so, because demands have been placed on your hearts and souls that are relatively new, since you had to approach what I had to say to you this time—I would say on a spiritual mission—with even greater open-mindedness. When I say “on a spiritual mission,” we interpret the phrase to mean that we say to one another: “In spirit, we remain together.” The executive committee that has been formed in Dornach is small; it consists only of those people who can be intimately connected with me in order to bring about, through this initiative, what is to be accomplished. Yet what is to be accomplished will be accomplished only if all dear friends work together wholeheartedly, above all in spiritual, anthroposophical unity of thought, feeling, and will.
[ 24 ] Dieses nehmen Sie nebst meinem Danke als einen herzlichen Abschiedsgruß, der aber anders sein will, nicht eine Trennung sein soll, sondern die Einleitung eines geistigen Zusammenseins. Dieses Zusarnmensein, es soll im Grunde dasjenige bleiben, was aus jedem unserer Worte hervorgeht. Alle Worte, die unter uns gesprochen werden, sollen ja dazu dienen, uns immer enger und enger zusammenzuführen. In diesem Sinne lassen Sie mich, meine lieben Freunde, bewegten Herzens Ihnen versprechen, daß ich mit Ihnen zusammen sein werde, daß meine Gedanken unter Ihnen weilen werden, daß sie suchen werden unter Ihnen eine der Stätten, in denen wirken soll in rechter Art anthroposophisches Wollen, anthroposophische Geistesströmung. Gehen wir in diesem Sinne leiblich nur auseinander, bleiben wir in diesem Sinne herzinniglich geistig zusammen! Anthroposophie als Erkenntnisgrundlage des Geistigen in Welt und Mensch und als Seelenimpuls für moralisches und religiöses Leben.
[ 24 ] Please accept this, along with my thanks, as a heartfelt farewell—one that is meant to be something different, not a parting, but the beginning of a spiritual union. This union should, at its core, remain what emerges from each of our words. All the words spoken among us are meant to serve the purpose of bringing us ever closer and closer together. In this spirit, let me, my dear friends, with a heart full of emotion, promise you that I will be with you, that my thoughts will dwell among you, and that they will seek among you one of the places where anthroposophical will and anthroposophical spiritual currents may take effect in the proper way. Let us part physically in this spirit, but let us remain deeply united in spirit! Anthroposophy as the foundation of knowledge regarding the spiritual in the world and in human beings, and as a soul impulse for moral and religious life.
