Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge
Band V
GA 239
5 April 1924, Prague
Vierter Vortrag
[ 1 ] Bevor ich mir erlaube, auf die so lieben Worte des Herrn Professor Hauffen hin, die in Ihrem Namen gesprochen worden sind, Ihnen meinen Abschiedsgruß zu sagen, lassen Sie mich vorher noch die Betrachtungen des heutigen Abends anstellen.
[ 2 ] Es wird ersichtlich geworden sein aus den vorangehenden Betrachtungen hier in der Prager Anthroposophischen Gesellschaft, wie ein Wirken des Geistes — oder vielleicht besser gesagt von geistigen Wesenheiten — über der Menschheitsentwickelung waltet, und wie die Menschenseelen selber geisterfüllt von Epoche zu Epoche dasjenige hinübertragen, was sie in einer Epoche sich erarbeitet haben, allerdings auch dasjenige, was sie als Schuld in der einen Epoche auf ihre Seelen gehäuft haben. Aber all das läßt uns ja einen tiefen Blick in das’ Leben des physisch-seelisch-geistigen Kosmos hineintun, und erst dadurch begreifen wir unser Menschenwesen, wenn wir einen solchen Blick tun. Denn ohne daß wir dabei in irgendeinen Hochmut verfallen, müssen wir uns gestehen, daß wir dem geistigen Urquell des Kosmos mit unserer eigenen Menschennatur verbunden sind und wir unsere eigene menschliche Natur nur verstehen, wenn wir den Kosmos geistig durchdringen. Nun soll seit der Weihnachtstagung ja nicht nur die Anthroposophie verwaltet werden innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft, sondern das Verwalten soll selbst Anthroposophie sein. Und das muß ja auch in der Umgestaltung des anthroposophischen Wirkens zum Ausdruck kommen. Ich habe mich daher nicht gescheut, in diesen Vorträgen vom Exoterischen weg mehr ins Esoterische hinein die Betrachtung strömen zu lassen, und einiges von dem möchte ich heute noch zu diesem Gesagten hinzufügen. Ich möchte hinzufügen etwas, was anschaulich machen kann, wie die menschliche Seele aus der einen Zeitepoche in die andere hinübergetragen wird. Dasjenige, was im Großen und Ganzen geschieht, geschieht ja auch für den Einzelnen, und wenn wir das Karma begreifen von Persönlichkeiten, die uns allen bekannt sind, so können wir auch ein Licht werfen auf unser eigenes Karma. Deshalb lassen Sie uns heute die Betrachtung über Karma noch etwas im Konkreten fortsetzen.
[ 3 ] Ich habe schon im Verlaufe dieser Betrachtungen den Namen eines Mannes genannt, der in einer merkwürdigen Weise zeigt, wie in einer Willensnatur etwas Visionäres zur Offenbarung kommen kann. Ich habe den Namen des italienischen Freiheitshelden Garibaldi genannt, habe auch einige charakteristische Züge von ihm angegeben. Alles dasjenige, was sich in diesem Garibaldi äußert, ist Willensregung. Welcher ungeheure Wille gehört dazu, daß er als junger Mann oft und oft in einer gefährlichen Zeit, im zweiten, am Beginne des dritten Jahrzehntes des neunzehnten Jahrhunderts, die Adria auf eigene Verantwortung hin durchschiffte, wiederholt gefangen genommen wurde, immer wiederum durch seine Kraft und seinen Mut freikam. Welch ungeheure Willensentfaltung liegt datin, daß er, als er gesehen hat, wie zunächst in Europa für ihn kein Feld ist, nach Südamerika hinüberging und dort einer der kühnsten Menschen wurde für die Entfaltung des Freiheitslebens. Ich habe auch wohl aufmerksam darauf gemacht, wie er in bezug auf seine Verheiratung eigentlich über die gewöhnlichen irdischen Verhältnisse hinaus das eigene Leben entfaltete; und als er dann wiederum nach Europa zurückgekehrt war, war er ja derjenige, dem eigentlich das Italien der Gegenwart alles verdankt.
[ 4 ] Als eines Tages an mich die Frage herantrat: Wie könnte es mit den karmischen Zusammenhängen dieser Persönlichkeit beschaffen sein?, da traten zwei Fragen auf. Denn das Erleben karmischer Zusammenhänge ist nicht etwas ganz Einfaches, sondern etwas Kompliziertes. Ich habe schon gesagt, daß man manchmal bei scheinbaren Geringfügigkeiten des Lebens einsetzen muß, um von diesen Geringfügigkeiten, die aber anschaulich konkret sind, dann überzugehen zu demjenigen, was die Tatsachen des einen Erdenlebens hinüberträgt in die Tatsachen des anderen Erdenlebens.
[ 5 ] Und so war es bei Garibaldi besonders der Umstand, daß er seiner Gesinnung nach Republikaner war, durch und durch Republikaner war, aber in Italien mit aller Kraft seines Willens das Königreich unter Viktor Emanuel verwirklichte. Und eigentlich sieht man, wenn man nur die äußere Biographie Garibaldis ins Auge faßt, einen gründlichen Widerspruch zwischen dieser seiner innersten Gesinnung und demjenigen, was er getan hat. Auf der anderen Seite sieht man, wie er sich verbunden fühlte mit Männern wie Mazzini und Cavour, mit denen er in Gedanken durchaus nicht übereinstimmte, die ganz andere Gedankenrichtungen hatten. Da fällt einem dann auf, wie es merkwürdig ist, daß der im Jahre 1807 geborene Garibaldi seine Geburtszeit und seinen Geburtsort eigentlich in unmittelbarer Nähe der Geburtsorte dieser drei anderen Persönlichkeiten hat: des späteren Königs Viktor Emanuel, Cavours, des Staatsmannes, und des Philosophen Mazzini. Sie sind sozusagen in unmittelbarer Nähe voneinander geboren. Da wird man geführt darauf, zu suchen, wie das Karma solcher Persönlichkeiten zusammenhängt.
[ 6 ] Die andere Frage, auf die so etwas führt, ist diese — wahrhaftig eine tiefgehende Frage! Wir müssen ja immer darauf aufmerksam machen, wenn wir geisteswissenschaftliche Betrachtungen anstellen, wie es in alten Zeiten Eingeweihte, Initiierte, Besitzer und Eigentümer der Weltenschau im weitesten Sinne gegeben hat. Die Frage kann nun entstehen: Da ja auch diese Weisen der alten Zeiten sich wiederverkörpern müssen, wo sind sie dann in der neueren Zeit? Und mancher könnte fragen: Wo sind denn die großen Persönlichkeiten der alten Zeit, die als Initiierte gewirkt haben, in späteren Zeiten wirksam? Sehen Sie, sie sind wiedergekommen, diese großen Eingeweihten, aber Sie müssen bedenken, meine lieben Freunde, wie der Mensch, wenn er in irgendeinem Zeitalter erscheint, darauf angewiesen ist, den Körper zu benutzen, den ihm irgendein Zeitalter gibt. Die Körper der alten Zeiten waren gefügiger, waren für den Geist plastischer, biegsamer; und innerhalb des Erdenlebens braucht man den Körper, um dasjenige, was man in sich aufgenommen hat, bevor man heruntergestiegen ist in das Erdenleben, auch wirklich in Erdenoffenbarung und Erdentun umzusetzen. Und so müssen wir gerade bei einer solchen Rätselfrage bedenken — und damit soll gar keine Kritik geübt werden —, wie ja die ganze Erziehung der ganzen neueren Zeit schon seit Jahrhunderten so ist, daß der menschliche Organismus so wird, daß in unserem Leben gar nicht zur Erscheinung kommen kann, was im Eingeweihten gelebt hat. Es muß vieles ganz in den Untergründen des Daseins bleiben. Und deshalb erscheinen manche Eingeweihte alter Zeiten als Persönlichkeiten, denen man dann mit den Begriffen, die man heute hat, gar nicht ansieht, daß sie einmal Eingeweihte gewesen sind, weil sie den Körper ihres Zeitalters benützen müssen.
[ 7 ] Gerade einen solchen Fall haben wir in Garibaldi vor uns. Wenn wir im europäischen Leben weit zurückgehen, so finden wir Mysterien und Eingeweihte der tiefsten Art im uralten Irland. Aber die irischen Mysterien haben sich bis in die christliche Zeit wirklich erhalten. Selbst noch heute ist in Irland viel geistiges Leben — nicht abstraktes, begriffliches, sondern wirkliches — geistig wirksam. So chaotisch sich das äußere Irland heute ausnimmt, es ist in Irland viel wirkliches geistiges Leben; aber das ist ja doch nur der letzte Rest desjenigen, was einst dagewesen ist. In Hybernia, in Irland waren tief eingreifende Mysterien, die noch in den ersten Jahrhunderten unter Aufnahme des Christentums bis nach Europa hineingewirkt haben. Und da findet sich dann ein Eingeweihter, der den Weg nahm von Irland ungefähr bis in die Gegend des heutigen Elsaß im achten bis neunten Jahrhundert nach der Begründung des Christentums. Dieser Eingeweihte hat viel getan dazumal, um unter Stürmen für das wirkliche Christentum zu wirken, für das ja Bonifatius sehr wenig gewirkt hat in Wirklichkeit. Und zu diesem Eingeweihten sind aus drei Weltgegenden drei Schüler gekommen, drei Schüler, die sich ihm anvertraut haben. Diese drei Schüler sind — der eine mehr, der andere weniger — weit gekommen. Aber es war gerade in den irischen Mysterien die strenge Regel, daß Schüler, die sich einem Eingeweihten anvertraut hatten, von ihm im künftigen Erdenleben nicht wieder verlassen werden, sondern daß von ihm etwas vollbracht wird im Erdenleben, was diese Schüler mit ihm zusammenhält, was ein Band begründet zwischen diesen Schülern und ihm. Der Eingeweihte, den ich meine, ist im neunzehnten Jahrhundert wiederum erschienen als Giuseppe Garibaldi, mit diesem visionären Willen, der eben in älteren Zeiten auf ganz andere Weise zur Offenbarung gekommen ist, sich ausleben konnte, als in einem Körper des neunzehnten Jahrhunderts, der eine ganz andere Erziehung als die des neunzehnten Jahrhunderts, eine sehr geringe Erziehung sogar, durchgemacht hat. Und die drei anderen, die ich erwähnt habe, waren die Schüler, die als Schüler aus drei verschiedenen Erdgegenden gekommen sind. Dasjenige aber, was als Gewalt gewirkt hat von einer Inkarnation in die andere, das wirkte tiefer als äußere Prinzipien. Gegenüber dem, was Mensch an Mensch kettet über die Inkarnationen hinweg, ist das eine Geringfügigkeit, wenn man sagt: Ich bin Republikaner, du bist Monarchist. — Man muß sich in diesen Dingen schon klar sein darüber, wie weit entfernt die irdische Maja, die große Illusion, der Schein des Daseins ist von der geistigen Wirklichkeit, die hinter den Erscheinungen des Daseins geistig impulsierend tätig ist. Und so konnte Garibaldi zum Beispiel Viktor Emanuel nicht verlassen, trotzdem er ganz anderer Gesinnung war als er. Gesinnungen gehören, wenn sie sich auf Äußeres beziehen und nicht auf Menschen, doch dem Zeitalter an, nicht der Individualität, die von Erdenleben zu Erdenleben geht.
[ 8 ] Ich möchte ein anderes Beispiel wählen, das mir auf eine merkwürdige Weise nahegetreten ist. Ich hatte einen Geometrielehrer, der mir außerordentlich wertvoll war. Vielleicht werden Sie aus meiner Lebensbeschreibung wissen, daß ja Geometrie überhaupt zu demjenigen gehört, dem ich im Leben am meisten an Anregungen verdanke. So wurde mir dieser Geometrielehrer auch besonders wertvoll. Aus dem, daß er ein ausgezeichneter Konstrukteur war, konnte zwar folgen, daß ich ihn sehr liebte, weil ich das Konstruieren liebte, und weil er, was er vorbrachte, mit einer wirklichen Unabhängigkeit und auch mit aller Einseitigkeit des geometrischen Denkens vorbrachte. Er war so einseitig aufs Geometrische hin geschult, daß er zum Beispiel kein Mathematiker war, sondern nur ein Geometriker. Darin war er genial, hatte aber keine Kenntnisse, keine wirklichen Kenntnisse in der Mathematik. Und er lebte gerade in einer Zeit, wo gerade alle Darstellende Geometrie, die sein Fach war, umgestaltet wurde. Er blieb beim alten. Das war ein charakteristischer Zug an ihm. Aber noch viel charakteristischer für den okkulten Forscher war ein anderes. Er hatte das, was man einen Klumpfuß nennt. Nun ist das Eigentümliche, daß, selbstverständlich nicht die physische Substanz, aber die Kraft, die in einer Inkarnation der Mensch in seinen Füßen trägt, die Art und Weise, wie er auftritt, wie er sich durch die Bewegung der Füße in Schuld oder in das Gute hineinstellt, sich metamorphosiert. Alles dasjenige, was mit den Füßen zusammenhängt, kann in einem nächsten Erdenleben in der Organisation des Kopfes sich ausleben, während dasjenige, was wir jetzt im Kopfe haben, gerade in der Organisation der Beine im nächsten Erdenleben sich ausleben kann. Diese Dinge metamorphosieren sich in eigentümlicher Art. Derjenige, der in diesen Dingen bewandert ist, kann in der Art und Weise, wie jemand auftritt, wie er die Zehen setzt, die Fersen setzt, sehen, wie das Denken in einer vorigen Inkarnation war. Und derjenige, der die Eigentümlichkeit der Gedanken eines Menschen verfolgt, ob einer schnell, flüchtig denkt oder gemessen, bedächtig denkt, wird oft dazu geführt, wirklich zu sehen, wie er in einer vorigen Inkarnation ging.
[ 9 ] Ein Mensch, der flüchtig denkt, hatte in der früheren Inkarnation solch einen Gang mit schnellen kleinen Schritten, der nur so hinzappelt über den Boden. Ein Mensch, der bedächtig denkt, hatte ein festes Auftreten. Und gerade solche scheinbar untergeordnete Kleinigkeiten des Lebens führen einen tiefer hinein, wenn man die tieferen geistigen, und nicht die äußerlichen, abstrakten Zusammenhänge sucht. Und so wurde ich denn, als ich mir immer wieder und wiederum das Bild des geliebten Lehrers vor die Seele stellte, geführt zu seiner früheren Inkarnation. Und da gesellte sich zu seinem Bilde ein anderes hinzu, auch eines Menschen mit einem Klumpfuß: Lord Byrons. Jetzt standen diese beiden Menschen vor mir. Und das Karma meines Lehrers hatte mich dazu geführt, wie auch die Eigentümlichkeit, die ich Ihnen dargelegt habe, darauf zu kommen, wie im zehnten oder elften Jahrhundert diese beiden Seelen in einer früheren Inkarnation gelebt haben weit im Osten Europas, dort eines Tages unter dem Einfluß einer bedeutsamen Sage standen, einer Legende, einer Prophezeiung, jener Legende, die da sagt, das Palladium, das mit einem gewissen Zauber die römische Macht eigentlich gehalten hat, sei aus dem alten Troja herübergebracht worden nach Rom und in Rom verborgen worden. Und als der Kaiser Konstantin das Römertum verpflanzen wollte hinüber nach Konstantinopel, hat er in außerordentlichem Gepränge das Palladium von Rom hinüberbringen lassen nach Konstantinopel und es unter einer Säule verbergen lassen, unter einer Säule, die er allerdings so ausgestaltet hat, daß sein ungeheurer Riesenhochmut dadurch zum Ausdruck kam. Er hat oben eine alte Apollostatue aufstellen lassen, die er aber so umändern ließ, daß sie ihn darstellte. Er hat sich Hölzer kommen lassen von dem Kreuz, auf dem der Christus gekreuzigt worden ist, und hat eine Art von Kranz von diesen Hölzern gewoben um das Haupt der Statue. Er hat geradezu Orgien des Hochmutes dabei gefeiert!
[ 10 ] Dann aber bildete sich die prophetische Sage, daß einmal das Palladium von Konstantinopel weiter nach dem Norden hinübergetragen werden sollte, und daß einmal in einem Slawenreiche verkörpert sein sollte die Macht, die an dem Palladium hing. Diese beiden Menschen, von denen ich sprach, sie haben diese Prophezeiung gehört, und sie haben sich das Ziel vorgesetzt, nach Konstantinopel zu wandern und das Palladium nach Rußland zu bringen. Es ist ihnen nicht gelungen. Es blieb aber der Trieb namentlich bei einem, bei Byron. Das wandelte sich um in den Impuls, einzutreten für die Freiheit Griechenlands, der dann im neunzehnten Jahrhundert Byron fast an dieselbe Stelle führte, wo er das physische Palladium in einem früheren Erdenleben gesucht hat.
[ 11 ] Sehen Sie, es ist notwendig, daß man die Fäden findet, welche in frühere Zeiten zurückführen. So wurde ich bei einer anderen Gelegenheit geführt auf eine Persönlichkeit, die etwa im neunten Jahrhundert im Nordosten Frankreichs, des heutigen Frankreich, gelebt hat und eine Persönlichkeit war, die in der ersten Zeit ihres Lebens einen weiten Besitz an Landgütern hatte, die für die damalige Zeit eine reiche Persönlichkeit war, eine kriegerische Persönlichkeit zugleich, und im kleinen viele abenteuerliche Kriegszüge — nichts gerade Großes durchgemacht hat. Diese Persönlichkeit sammelte, als sie ein bestimmtes Lebensalter erreicht hatte, um sich Leute, welche nun einen Abenteurerzug mit ihr unternahmen, der unglücklich ausging, der eine große, eine riesige Enttäuschung für diese Persönlichkeit brachte, und ohne etwas zu erreichen, mußte diese Persönlichkeit wieder nach Hause zurückkehren. Aber wie es in damaliger Zeit in manchen Gegenden war: Während die Persönlichkeit abwesend war von Haus und Hof und Land und Leuten, hatte ein anderer sich dessen Haus und Hof und Land und Leute bemächtigt. Die Persönlichkeit fand einfach nicht mehr ihr Eigentum vor — es ist sonderbar, aber es ist geschehen und mußte in Zukunft als eine Art Helot, als Leibeigener dienen auf dem eigenen Herrenhofe. Da wurde in der Nacht gewöhnlich so manche Zusammenkunft mit benachbarten Leuten gehalten, und in einer ziemlich wüsten Weise wurden Kraftideen entwickelt, bei denen nichts weiter herauskommen konnte, als daß sie eben entwickelt wurden. Man möchte sagen, ein realdialektisches Spiel wurde mit diesen Kraftideen der Auflehnung gegen die Herren — fast wie im alten Römertum — getrieben. Diese Persönlichkeit kann einem schon interessant werden, die von Besitz und Eigentum und Befehlsgewohnheiten vertrieben wurde, die aber ungebeugt an Willen zum Aufrüttler wurde in der ganzen Gegend, namentlich gegen den, der sich des Eigentums bemächtigt hat. Und wiederum erschien im neunzehnten Jahrhundert diese Persönlichkeit und wurde innerlich, gedanklich, seelisch dasjenige, was werden konnte aus dieser früheren Inkarnation, wurde Karl Marx, der Sozialistenhäuptling. Und nun denken Sie, meine lieben Freunde, wie durchhellt die Weltgeschichte wird, wenn man sie in dieser Weise betrachten kann, wenn man tatsächlich die Seelen verfolgen kann von einer Epoche zur anderen; wie hinübergetragen wird das, was auf den Seelen liegt, von einer Epoche in die andere Epoche. Konkrete Zusammenhänge bekommt dadurch das geschichtliche Leben und Werden und Wesen der Menschheit.
[ 12 ] Und jüngst konnte ich ja in Dornach aufmerksam machen auf einen anderen Zusammenhang, auf einen Zusammenhang, der mich veranlaßt hat, wiederholt während des Krieges, namentlich am Ende des Krieges, darauf aufmerksam zu machen, daß sich die Menschen nicht gar zu sehr blenden lassen sollen von einer gewissen Persönlichkeit der neueren Zeit. Ich habe schon in meinem Helsingforser Kurs 1913 aufmerksam gemacht auf die immerhin recht begrenzte Kapazität, um die es sich da handelt. Das alles geschah, weil mir der Zusammenhang klar war zwischen einem Nachfolger Mohammeds, Muawija, aus dem siebenten Jahrhundert, und Woodrow Wilson. Alles, was an Fatalismus dazumal lebte in dieser Persönlichkeit des Muawija, kam in diesem ja sonst ganz unerklärlichen Fatalismus, der nur ein Fatalismus des Willens sein wollte, zum Vorschein, im Fatalismus des Woodrow Wilson. Und man möchte sagen, wer suchen will nach einer Bekräftigung, nach einem Ursprung der bekannten vierzehn Punkte, der wird sie schon im Koran finden können. So sind die Zusammenhänge, meine lieben Freunde! Bei diesen Dingen darf nicht das geringste von Sympathie und Antipathie walten, bei diesen Dingen darf nichts von Kritik walten, da muß reinste Objektivität sein. Aber diese Objektivität führt eben dazu, von einem Punkte der Geschichte, wo eine Seele auftritt, zu einem anderen Punkte hinzuleiten. Und man darf schon sagen, wenn die Menschheit ein wenig hinaus sein wird über dasjenige, was heute noch aus der materialistischen Zeit da ist, dann wird man auf solche Dinge hinhören und hinschauen. Und dann wird man ganz anders sich fühlen innerhalb der modernen Zivilisation, weil man sie in ihren Zusammenhängen sehen wird; nicht nur nach solchen Dingen, die tot sind, sondern nach solchen Dingen, die lebendig sind. Darauf kommt es an. Das ganze geschichtliche Werden wird lebendig werden. Und der Mensch braucht, wenn er über den toten Punkt der Entwickelung, auf dem er jetzt steht, in seiner Zivilisation hinauskommen will, den lebendigen Geist und nicht den abstrakten, toten Geist der bloßen Ideen.
[ 13 ] Die geschichtliche Betrachtung wird sich ja vielleicht nur sehr widerwillig dem Geistigen in der Weise nähern, wie ich es in meinem öffentlichen Vortrage vor einigen Tagen hier auseinandergesetzt habe, aber sie muß das dennoch. Denn die äußerliche geschichtliche Betrachtung, die nur auf Dokumente gehen kann, ist eigentlich voller Unverständlichkeiten. Da tritt irgend etwas auf, was man durchaus nicht einsehen kann, woher es kommt. Warum? Weil man die Ursprünge nicht kennt. Die Ursprünge sind verloren gegangen. Gerade wenn man solchen Dingen nachforscht, belebt sich im geschichtlichen Werden so manches. Aber es drückt sich damit auch so manches aus, was eben geschehen ist von Menschen, um die Geschichte in bezug auf wichtige Dinge geradezu zu etwas Unrichtigem, etwas Unwahrem zu machen.
[ 14 ] Meine lieben Freunde, es wird Ihnen sicher paradox erscheinen, sonderbar erscheinen, wenn der Geistesforscher aus einer verhältnismäßig jungen Vergangenheit konstatieren muß, daß ein wunderbares Kunstwerk der Poesie verlorengegangen, rein verlorengegangen ist wegen der Feindschaft einer gewissen geistigen Strömung. In den ersten Jahrhunderten der christlichen Entwickelung war ein Kunstwerk in den südlicheren Gegenden der europäischen Zivilisation vorhanden, welches darstellte das innerste Wesen der fortschreitenden Zivilisation, unmittelbar nachdem das Christentum eingegriffen hat in die Entwickelung des europäischen Menschen. Dieses Kunstwerk, in seiner Art ein episches Drama, dramatisches Epos, stellte dar, wie der Mensch, nachdem das Christentum als eine junge Erscheinung gewirkt hat, nicht herankommen kann an die wirkliche, wahre Wesenheit Christi, sondern eine ganz bestimmte Mysterienvorbereitung durchzumachen hat, um an die wahre Wesenheit Christi heranzukommen.
[ 15 ] Um das einzusehen, worum es sich handelt, muß man sich folgendes klarmachen: Der Christus hat seinen intimeren Schülern sehr klar gemacht, wie in diejenige Wesenheit, die da war der Jesus, der im Orient drüben geboren worden ist, ihn erfüllend gekommen ist im dreißigsten Jahre der Christus als ein Sonnenwesen, als ein kosmisches Wesen. Hineingeboren war der Jesus von Nazareth in eine Mondreligion; denn was war die Jahve-, die Jehovareligion? Was war Jahve selber? Wenn man aufblickte zu Jahve, blickte man hinauf zum menschlichen Ich, das unmittelbar abhängig ist von der physischen Menschengestaltung, von derjenigen Menschengestaltung, die mit uns geboren wird. Dasjenige aber, was mit uns geboren wird, was in uns geformt wird, was in uns ausgebildet wird, indem wir im mütterlichen Leibe zu einem Ich gestaltet werden, ist abhängig von den Mondenkräften. Und Jahve ist eigentlich eine Mondengottheit. Und indem aufgeschaut wurde zu Jahve, sagte man sich: Jahve ist der Führer der Mondwesenheiten, von denen da stammen die Kräfte, die den Menschen ins physische Erdendasein hereinstellen. Aber wenn nur Mondenkräfte im Menschen wirkten, würde er niemals über dasjenige, was in ihm im Leben der Erde veranlagt ist, hinauskommen können. Das kann aber der Mensch jetzt nicht; das hat er in älteren Zeiten gekonnt. Wenn wir zurückgehen in vorhistorische irdische Zeiten, da finden wir ein sehr Merkwürdiges, das den heutigen Menschen sonderbar anmutet. Da finden wir, wie Menschen — der größte Teil einer gewissen Menschenklasse — im dreißigsten Jahre des Lebens eine vollständige Verwandlung der menschlichen Seele erlebten. So sonderbar, paradox es den heutigen Menschen erscheint, es war dennoch so in einer Zeit, von der die Veden nur Nachklänge geben. Es gab damals Menschen im alten Indien: wenn ihnen ein anderer, den sie vor drei Jahren gesehen hatten, begegnete, so konnten sie unter Umständen von ihm erfahren, daß sie ihn gesehen hatten; aber sie erkannten ihn nicht. Sie hatten alles vergessen, was bis zum dreißigsten Jahre war, sie hatten alles vergessen, sogar die Identität ihrer Persönlichkeit. Und so war die Einrichtung sogar vorhanden — wir würden es heute ein Amt nennen, wir nennen ja alles Amt und Behörde —, es bestand die Einrichtung, daß eine solche Persönlichkeit zum Amt gehen und sich sagen lassen mußte, wo sie geboren war und wer sie war. Diese Persönlichkeiten, die bekamen dann in den Mysterien die Mittel, sich erst wieder zurückzuerinnern an ihr Leben bis zum dreißigsten Jahre. Sie waren diejenigen, die dann später die «Zweimal-Geborenen» genannt wurden, die ihr erstes Dasein verdankten den Mondenkräften, ihr zweites Erdendasein verdankten den Sonnenkräften.
[ 16 ] Das, was in alten Zeiten im Laufe des Erdenlebens als eine solche Metamorphose so besonders radikal auftritt, was man das Zweimalgeboren-werden nannte, das schrieb man der Sonne zu; mit Recht, denn die Sonnenkräfte hängen mit allem zusammen, was der Mensch in Freiheit aus sich machen kann. Aber allmählich war es in der Entwickelung der Menschheit so gekommen, daß dies nicht mehr hineingehörte in die menschliche Entwickelung, daß der Mensch nicht mehr mit dem Hinaufblicken in die Weltenweiten das Bewußtsein davon in das Physische hineinnahm. Julian Apostata wollte darauf aufmerksam machen, daß es das noch gab, aber er mußte es mit dem Tode büßen. Der Christus aber wollte dadurch, daß er seinem Worte die Kraft verlieh, den Menschen dasjenige, was die Natur nicht gab, durch die Moral bringen, durch die religiös-moralische Vertiefung. Der Christus war es, der die Menschen lehrte: Wenn ihr fühlt, wie ich fühle, wenn ihr, statt nach der Sonne zu sehen, nach dem seht, was in mir erweckt ist, der noch als letzter im dreißigsten Jahre das Sonnenwort empfing, dann werdet ihr wieder den Weg zum Sonnenhaften finden. — Und die Mysterienlehrer der ersten christlichen Zeit wußten ganz genau: Es wird sich nun der Verstand entwickeln, die Intellektualität, die dem Menschen zwar die Freiheit bringt, die ihm aber das alte Hellschen nimmt, das ihn in die Geistigkeit des Kosmos führt.
[ 17 ] Deshalb stifteten diese Weisen alter christlicher Mysterien eine Art von Lehre, die nun gegeben wurde in jenem epischen Drama, dramatischem Epos, von dem ich sprach. Da wurde dargestellt ein solcher Schüler der christlichen Mysterien, der unter dem Opfer des Intellektes, das er zu leisten hatte in einem bestimmten jugendlichen Lebensalter, in das wirkliche Christentum hineingeführt werden sollte, auf daß ihm die Anschauung gebracht würde: der Christus ist ein Sonnenwesen, das gelebt hat in dem Jesus von Nazareth von dem dreißigsten Jahre seines Lebens an. Und in ergreifender Weise war in jenem Drama dargestellt, wie ein nach dem wahren Wesen des Christentums Strebender in seinen jungen Jahren das Opfer des Intellekts bringt, das heißt, den hohen Weltenmächten das Gelöbnis leistet, nicht sich an die Intellektualität zu halten, sondern sich in das eigene Innere zu vertiefen, um das Christentum nicht nur kennen zu lernen als etwas Historisch-Traditionelles, sondern es kennen zu lernen als etwas Kosmisches, hinzuschauen auf den Christus als auf denjenigen, der die Sonnenwesenheit als Geistigkeit in sich trägt. Es war eine dramatische Szene großartiger Art, großartigen Inhaltes, die diese Umwandlung einer Menschenwesenheit darstellte unter dem Opfer des Intellekts. Und aus einem Menschen, der das Christentum bloß aufnahm nach dem Wortlaut der Evangelien — so wie es später gekommen ist — wurde einer, der da lernte hinschauen auf das Kosmische, der den lebendigen Zusammenhang des Christus mit dem Kosmos anschaute. Das Hellsichtigwerden für das Christentum als Kosmisches, das stellte für diesen seinen Helden jenes alte epische Drama dar. Die katholische Kirche hat dafür gesorgt, daß auch jede Spur von diesem Drama ausgerottet worden ist. Nichts ist zurückgeblieben, die katholische Kirche hat Macht genug dazu gehabt. Es ist ja zum Beispiel nur einem Zufall zu verdanken, daß eine Abschrift sich erhalten hat von den Werken einer Persönlichkeit am Hofe Karls des Kahlen, von der man sonst auch nichts wissen würde: von Scotus Erigena.
[ 18 ] Wer solche Dinge sieht, der wird es auch nicht so paradox finden, wenn man genötigt ist durch die geistige Forschung, hinzuweisen auf dieses epische Drama, dramatische Epos, welches geradezu die Verwandlung eines Menschen darstellt unter dem Gelöbnis zu dem Opfer des Intellekts, wodurch ihm die Himmel eröffnet worden sind. Aber in der Tradition hat sich manches Bruchstück aus jenem alten dramatischen Epos erhalten, umgeändert vielfach, nicht mehr verstanden in den großen Zusammenhängen, vor allen Dingen nicht mehr in der alten Bildhaftigkeit verstanden; denn das, was der Inhalt dieses Kunstwerkes darstellte, ist vielfach zum Gegenstand der Malerei geworden. Auch diese Malereien sind ausgerottet worden, nur Traditionen haben sich erhalten. Und von diesen Traditionen ist noch etwas in einem Kreise getrieben worden, dem der Lehrer Dantes, Brunetto Latini, angehört hat. Dante hat von diesem Lehrer etwas, allerdings nicht mehr genau, aber etwas Traditionelles erfahren, und in Dantes « Göttlicher Komödie» lebt noch etwas fort von jenem dramatischen Epos. Aber das Werk hat so wahr einmal bestanden, wie die «Göttliche Komödie» selber besteht.
[ 19 ] Sie sehen, die Geschichte deckt sich nicht mit der Wirklichkeit, und es wird manches heraufgeholt werden müssen durch rein geistige Forschung aus all dem, was vom Feinde ausgerottet worden ist. Denn man hat eben von einer gewissen Seite her alles Interesse daran, mit Stumpf und Stiel auszurotten dasjenige, was darauf aufmerksam macht, daß der Christus aus dem Kosmos stammt. Man hat die Geburt des Christus im dreißigsten Jahre verlegt gegen die physische Geburt hin. Das alles hätte man nicht tun können, was dann eben christliche Lehre geworden ist, wenn man nicht ausgerottet hätte jenes Drama, von dem ich heute gesprochen habe. Es wird schon die geistige Forschung einmal eine Rolle spielen müssen, wenn die Menschheit fortleben will in ihrer Zivilisation. Sie kennen schon das furchtbar Schädliche jener Erkrankungen, die so auftreten wie bei jemandem, mit dem ich recht gut bekannt war, der eine recht angesehene Stellung hatte, eines Tages sein Haus, seine Familie verließ, auf die Bahn ging, sich ein Billet nach einer entfernten Station nahm, und plötzlich alles vergessen hatte, was er in seinem bisherigen Leben erlebt hatte. Sein Intellekt war in Ordnung, aber die Erinnerung war vollständig getrübt, und als er in jener Station angekommen war, da nahm er sich ein neues Billet, durchquerte auf diese Weise Deutschland, Österreich, Ungarn, Galizien und fand sich zuletzt, als sein Gedächtnis wiedererwachte, in einem Obdachlosen-Asyl in Berlin.
[ 20 ] Es ist wahrhaftig der Ruin des ganzen Ich, wenn man dasjenige vergißt, was man durchgemacht hat. So würde es auch den Ruin des Zivilisations-Ich bedeuten, des Ich der europäischen Menschheit, wenn sie vollständig das vergessen würde, was sie geschichtlich durchgemacht hat, was ihr ausgerottet worden ist. Geisteswissenschaft allein kann sie wieder dahin zurückbringen.
[ 21 ] Allein selbst Menschen, die verhältnismäßig ganz wohlwollend sind, auch denen, meine lieben Freunde, kommt das, was Geisteswissenschaft zu sagen hat, heute noch ganz sonderbar vor. Man kann doch nicht ohne eine gewisse Ironie dasjenige lesen, was ein sonst so hoffnungsvoller Geist wie Maurice Maeterlinck über mich selbst als den Begründer der Anthroposophie unter dem Titel «Das große Rätsel» sagt. Maurice Maeterlinck scheint nicht leugnen zu können, daß immer in den ersten Einleitungen meiner Bücher etwas ganz Vernünftiges steht. Das fällt ihm auf. Aber dann, dann kommt er in etwas hinein, was ihn ungeheuer verwirrt, wo er nicht durch kann. Nun, man könnte ja ein Wort Lichtenbergs variieren: Wenn Bücher und ein Mensch zusammenstoßen, und es hohl klingt, muß das ja nicht gerade vom Buch abhängen. Aber es ist eben so — Maurice Maeterlinck ist gewiß eine Hochblüte unserer gegenwärtigen Kultur —, denken Sie doch, es findet sich bei ihm fast wörtlich der Satz: In den Einführungen seiner Bücher, in den ersten Kapiteln, da zeigt Steiner immer einen abwägenden, logischen, weiten Geist; dann in den weitern Kapiteln ist es, als ob er wahnsinnig würde. — Ja, nun, meine lieben Freunde, was hat denn aber das für eine Konsequenz? Das hieße ja: Erstes Kapitel: abwägender, logischer, weiter Geist. Letztes Kapitel: wahnsinnig. Nun ist das Buch fertig, nun kommt ein neues. Wiederum zuerst: abwägender, logischer, weiter Geist, zuletzt: wahnsinnig. Ich habe eine ganze Anzahl von Büchern geschrieben, so daß ich also diese Prozedur mit einer gewissen Virtuosität durchmachen würde: Erstes Kapitel: abwägender, logischer, weiter Geist; dann: verwirrt, verbohrt. Und so wird in meinen Büchern, nach Ansicht Maurice Maeterlincks, jongliert. Aber in der Art, daß man so willkürlich an die Sache herangeht, hat man es in Irrenhäusern doch noch nicht entdeckt.
[ 22 ] Nun sehen Sie, man kommt noch in eine viel größere Verwirrung hinein, wenn man an die Bücher derjenigen Menschen herantritt, die einen für verbohrt halten. Und so kann man an der Ironie, mit welcher man manche dieser Dinge aufnehmen muß, sehen, wie schwer es den Menschen der Gegenwart noch wird, sich hineinzufinden in wirkliche Geistesforschung. Aber die muß kommen. Und damit es nicht an uns liegt, meine lieben Freunde, nicht die nötige Kraft angewendet zu haben, um herbeizuführen die geistige Vertiefung, war die Weihnachtstagung eben da, die einen Markstein enthalten soll für die Weiterentwickelung der Anthroposophischen Gesellschaft in der Art, wie ich es schon auseinandergesetzt habe; die vor allen Dingen eine Epoche der anthroposophischen Bewegung einleiten soll, in der ohne Scheu von den konkreten Tatsachen des geistigen Lebens gesprochen werden soll, wie wir es heute und in den vorangehenden Vorträgen wieder getan haben. Es ist eben eine stärkere Stoßkraft nötig, als früher angewendet worden ist, wenn der Geist, dessen die Menschheit bedarf, einziehen soll.
[ 23 ] Deshalb, meine lieben Freunde, war es mir wirklich zur tiefsten Befriedigung, daß ich in diesen elf Vorträgen, die ich öffentlich oder in mehr oder weniger engem Kreise halten durfte, hineinführen durfte ein wenig in die Tiefen des geistigen Lebens. Und aus dieser innigen Befriedigung heraus lassen Sie mich meinen herzlichsten Dank aussprechen für die warmen, innigen Worte, die Herr Professor Hauffen heute im Beginn dieser Stunde hier ausgesprochen hat. Ich danke herzlich für Ihren Empfang, danke herzlich für alles, was Ihre Seelen mir entgegengebracht haben bei dieser meiner Anwesenheit. Und Sie können überzeugt sein, daß ich die schönen Worte, die Herr Professor Hauffen gesprochen hat, in der Seele mittragen werde, daß aus ihnen quellen werden die Gedanken, die ich Ihnen immer zusenden werde und die, wenn sie ihr Ziel erreichen, unter Ihnen weilen werden, wenn Sie hier arbeiten. Wir sind ja als Anthroposophen, auch wenn wir voneinander räumlich entfernt sind, im Gemüt doch beisammen, und wir sollen ja dessen eingedenk sein und es wissen, daß wir beisammen sind. Es war mir ja viele Jahre vergönnt, hier in Prag zu sprechen aus den mannigfaltigsten Gestaltungen des geistigen Lebens heraus, und es hatte mir zur herzlichen Befriedigung gereicht. Und diesmal ganz besonders, weil ja an Ihre Herzen und Seelen Anforderungen gestellt wurden, die verhältnismäßig neu sind, weil Sie mit einer noch größeren Vorurteilslosigkeit demjenigen entgegenkommen mußten, was ich diesmal — ich möchte sagen in geistigem Auftrage — zu Ihnen zu sprechen hatte, Wenn ich sage, in geistigem Auftrage, so legen wir das Wort dahin aus, daß wir uns sagen: Im Geiste bleiben wir beieinander. Der Vorstand, der in Dornach gebildet worden ist, ist nur klein; es sind nur diejenigen Leute darin, die innig mit mir verbunden sein können, um aus dieser Initiative heraus dasjenige wirken zu können,, was gewirkt werden soll. Allein es wird dasjenige, was gewirkt werden soll, gewirkt werden, wenn alle lieben Freunde aus vollem Herzen zusammenarbeiten, vor allem im geistigen anthroposophischen Zusammendenken, Zusammenempfinden, Zusammenwollen.,
[ 24 ] Dieses nehmen Sie nebst meinem Danke als einen herzlichen Abschiedsgruß, der aber anders sein will, nicht eine Trennung sein soll, sondern die Einleitung eines geistigen Zusammenseins. Dieses Zusarnmensein, es soll im Grunde dasjenige bleiben, was aus jedem unserer Worte hervorgeht. Alle Worte, die unter uns gesprochen werden, sollen ja dazu dienen, uns immer enger und enger zusammenzuführen. In diesem Sinne lassen Sie mich, meine lieben Freunde, bewegten Herzens Ihnen versprechen, daß ich mit Ihnen zusammen sein werde, daß meine Gedanken unter Ihnen weilen werden, daß sie suchen werden unter Ihnen eine der Stätten, in denen wirken soll in rechter Art anthroposophisches Wollen, anthroposophische Geistesströmung. Gehen wir in diesem Sinne leiblich nur auseinander, bleiben wir in diesem Sinne herzinniglich geistig zusammen! Anthroposophie als Erkenntnisgrundlage des Geistigen in Welt und Mensch und als Seelenimpuls für moralisches und religiöses Leben.
