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Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge
Band V
GA 239

23 Mai 1924, Paris

Fünfter Vortrag

[ 1 ] Das letzte Mal, als ich wenigstens zu einer gewissen Anzahl von Ihnen sprechen durfte, war es, als unser Goetheanum in Dornach noch bestand. Es bereitete mir damals eine große Befriedigung, vor einer Anzahl französischer Freunde sprechen zu dürfen. Diese Befriedigung wird wiederholt dadurch, daß ich auf Einladung unserer französischen Freunde nun auch hier über Gegenstände unserer Anthroposophie sprechen darf. Ich danke diesen Freunden für ihre so liebe Einladung, insbesondere Mile Sauerwein, und spreche auch meine Befriedigung darüber aus, daß Dr. Sauerwein, der dazumal in einer so schönen, entgegenkommenden Weise die Vorträge in Dornach übersetzt hat, auch in Paris sich bereit erklärt hat, diese Arbeit zu übernehmen. Ich bin ihm ganz besonders dafür dankbar.

[ 2 ] In der anthroposophischen Bewegung hat sich ja einiges dadurch verändert, daß wir in einer verhältnismäßig kurzen Zeit, nachdem uns das Unglück des Brandes getroffen hat, unter großer Teilnahme der anthroposophischen Freunde die Weihnachtstagung abhalten durften, die der anthroposophischen Bewegung, wie ich glaube, doch einen neuen Impuls gegeben hat, insbesondere einen neuen Impuls in bezug auf den Inhalt des anthroposophischen Wirkens selbst. Das Neue in der anthroposophischen Bewegung besteht ja auch darinnen, daß ich selber die Präsidentschaft nun übernehmen mußte, während sie bisher von anderen ausgeübt wurde, und ich mich nur als Lehrer betrachtete. Nun, meine lieben Freunde, es war ein ganz bedeutender Entschluß, auch gegenüber der geistigen Welt, den ich damals fassen mußte. Denn es war ein Wagnis. Ein Wagnis aus dem Grunde, weil mit der Übernahme der äußeren Führung ebensogut es hätte sein können, daß die Offenbarungen von Seite geistiger Wesenheiten, auf die wir doch durchaus angewiesen sind, wenn es sich um Verbreitung der Anthroposophie handelt, — daß diese Offenbarungen geistiger Wesenheiten hätten weniger werden können dadurch, daß ich mich in Anspruch nehmen ließ von der äußeren Verwaltung der Gesellschaft. Ich darf heute schon auf die außerordentlich bedeutsame Tatsache hinblicken, daß dies nicht der Fall ist, sondern daß im Gegenteil seit der Weihnachtstagung der geistige Impuls, der aus den spirituellen Welten herunterkommen muß, wenn die anthroposophische Bewegung ihren richtigen Fortgang nehmen soll, durchaus gewachsen ist, so daß unsere anthroposophische Bewegung seit unserer Weihnachtstagung immer esoterischer und esoterischer werden konnte und es weiter werden wird. Es ist damit verbunden, daß allerdings auch — ich meine von der geistigen Seite her — sehr starke gegnerische Mächte, dämonische Mächte gegen die anthroposophische Bewegung anstürmen. Aber es steht durchaus zu hoffen, daß die Kräfte des Bündnisses, das wir durch die Weihnachtstagung mit guten geistigen Mächten schlieBen durften, in der Zukunft imstande sein werden, alle diejenigen gegnerischen Mächte auf geistigem Gebiete, die sich doch der Menschen auf Erden bedienen, um ihre Wirkungen zu erzielen, — alle diese gegnerischen Mächte aus dem Felde zu schlagen.

[ 3 ] In diesen drei Vorträgen, meine lieben Freunde, möchte ich mir erlauben, zu sprechen davon, wie auf der einen Seite Anthroposophie als eine Erkenntnis des Geistigen in der Welt und im Menschen leben kann und zwar als eine solche Erkenntnis von Welt und Mensch, daß es auf der anderen Seite möglich ist, aus einer solchen Erkenntnis wirkliche innere Seelenimpulse zu erhalten für das moralische und das religiöse Leben. Dadurch, daß dies überhaupt möglich sein wird, Erkenntnisse zu erhalten, die zu gleicher Zeit religiöse, moralische Impulse geben, dadurch wird Anthroposophie etwas anderes der Menschheit geben können als die Zivilisation der letzten Jahrhunderte. Diese krankte ja ganz besonders daran, daß Erkenntnisse großartiger Art da waren, Naturwissenschaft, ökonomische, philosophische Erkenntnisse; aber alle diese Erkenntnisse beschäftigten den Kopf des Menschen. Die moralischen, die religiösen Impulse müssen aus dem Herzen kommen, müssen aus dem Gemüte hervorsprießen. Sie waren da als religiöse, als moralische Ideale. Aber ob in diesen moralischen Idealen auch eine so starke Kraft ist, daß moralisches und religiöses Fühlen Welten schaffen kann, die eine Zukunft bedeuten, wenn die physische Welt der Gegenwart untergegangen sein wird, darüber konnte die neuere Wissenschaft nichts aussagen. Daraus aber entsprangen die großen Zweifel des verflossenen und des gegenwärtigen Zeitalters.

[ 4 ] Von drei Aspekten aus möchte ich zunächst heute das Wesen des Menschen betrachten. Dieses Wesen des Menschen, wir verfolgen es, wir stehen selber darinnen mit unserem Schicksal zwischen der Geburt und dem Tode. Was wir da verfolgen, ist begrenzt auf der einen Seite von der Geburt, besser gesagt von der Konzeption, von der anderen Seite vom Tode. Geburt und Tod sind nicht das Leben, sie beginnen das Leben, sie schließen das Leben. Die Frage ist diese: Können wir mit derselben Betrachtung, mit der wir im Leben, in unserem eigenen Leben, im Leben anderer Menschen zwischen Geburt und Tod darinnenstehen, — können wir mit derselben Betrachtung Geburt und Tod selber anschauen, oder muß auch die Betrachtung eine andere werden, wenn wir an den Grenzen, bei Geburt und Tod, ankommen? Demnach sei der Aspekt des Todes, der in so deutlicher Weise das menschliche Leben begrenzt, das erste, was wir heute geistig ins Auge fassen wollen.

[ 5 ] Der Tod nimmt das Physische, das vor uns steht, vom Menschen im Erdenleben hinweg. Wie nimmt er dieses Physische hinweg? Die Erde mit ihren Elementen, sei es in ihrem eigenen Elemente, beim Begräbnis, sei es durch das Element des Feuers, bei der Kremation, die Erde mit ihren Elementen nimmt den physischen Menschen hinweg. Was kann sie mit dem, was wir mit unseren physischen Sinnen vom Menschen betrachten, was kann sie damit machen? Sie kann damit nur Zerstörung üben. Schauen wir hin auf die Kräfte, die um uns herum sind. Sie bauen, wenn ihnen der menschliche Leichnam überliefert wird, im menschlichen Körper nichts auf, sie zerstören. Wir können sagen: Dasjenige, was an Naturkraft um uns ist, ist nicht da zum Aufbau; denn wenn der menschliche Leib den Naturkräften überlassen wird, zerfällt er. Es muß also etwas anderes sein, was ihn aufbaut, etwas anderes als Irdisches, denn durch Irdisches zerfällt er.

[ 6 ] Aber anders sieht diese ganze Sache aus, wenn man mit Erkenntniskräften, die durch Seelenübungen aus der Seele herausgeholt werden, den Tod des Menschen betrachtet. Die gewöhnlichen Erkenntniskräfte sehen den Leichnam, sonst nichts. Gelangt man aber durch Seelenübungen zu einer ersten Erkenntnisstufe, die ich in meinen Büchern geschildert habe, zur Imagination, dann verwandelt sich der Tod vollständig. Der Mensch entreißt sich im Tode der Erde. Und wir sehen, wenn wir die Erkenntnisstufe der Imagination ausbilden, in unmittelbarer Anschauung in lebendigen Bildern den Menschen im Tode nicht sterben, sondern auferstehen aus seinem Leichnam. Es verwandelt sich der physische Tod in Geistgeburt für die Erkenntnisstufe der Imagination. Vor dem Tode steht der Mensch da als Erdenmensch. Er kann sagen: Ich bin da an diesem Orte, draußen ist die Welt. — In dem Augenblick, wo der Tod eintritt, ist der Mensch nur da nicht, wo sein Leichnam ist. Er beginnt sein Dasein in den Weiten des Weltenraumes, er wird eins mit der Welt, die er früher nur angeschaut hat. Die Welt außer seinem Leibe wird nun sein Erlebnis, und damit wird das, was bisher Innenwelt war, Außenwelt; dasjenige, was bisher Außenwelt war, wird Innenwelt. Wir bekommen aus dem persönlichen Dasein heraus ein Weltendasein. Die Erde — so zeigt es sich für die imaginative Erkenntnis — gibt uns mit die Möglichkeit, durch den Tod zu gehen. Die Erde offenbart sich vor dieser imaginativen Erkenntnis als der Träger des Todes im Weltenall. Nirgends finden wir auf den Schauplätzen, die der Mensch betritt, im physischen oder geistigen Leben anderswo den Tod als auf der Erde. Denn im Augenblick, in dem der Mensch durch den Tod durchgeht und mit der Welt eins wird, bietet sich uns der zweite Aspekt dar, — nicht mehr der Aspekt des Todes, sondern jener Aspekt, in dem uns die Weiten des Raumes erscheinen als überall erfüllt von Weltgedanken. Die ganze Welt, der ganze Kosmos wird nun für die Anschauung und für den Menschen selbst, der durch den Tod gegangen ist, voll von Weltgedanken, die leben und weben in den Weiten des Raumes. Der Raumaspekt wird Offenbarer, so daß wir, wenn wir durch den Tod gehen, eintreten in eine Welt der Weltgedanken. Alles wirkt und webt in Weltgedanken. Das ist der zweite Aspekt des Todes.

[ 7 ] Wenn wit im Erdenleben Menschen gegenüberstehen, haben wir vor uns zunächst die Persönlichkeit des Menschen; er muß sprechen, wenn wir seine Gedanken haben wollen. Wir sagen dann: Die Gedanken sind in ihm, sie kommen durch seine Sprache zu uns, — Aber nirgends entdecken wir im Umkreis des Erdenlebens Gedanken für sich. Sie sind nur vorhanden in den Menschen und kommen aus ihnen heraus. Treten wir aus der Erdensphäre des Todes in die Raumessphäre der Gedanken, dann leben zunächst nicht Wesen da; wir treffen zunächst in den Weiten des Raumes nicht Wesen — weder Götter noch Menschen —, aber wir treffen überall Weltgedanken. Es ist so, wenn wir durch den Tod gegangen sind und die Weltenweiten betreten, wie wenn wir hier in der physischen Welt nicht zuerst den Menschen sehen würden, sondern, wenn wir dem Menschen entgegentreten, zuerst seine Gedanken wahrnehmen würden, ohne daß wir den Menschen selbst sehen. Wir würden eine Wolke von Gedanken sehen. Und wir sehen eine zweite Wolke: Wir begegnen nicht Wesen, wir begegnen den Weltgedanken, der allgemeinen Weltintelligenz.

[ 8 ] In dieser Sphäre der kosmischen Intelligenz lebt der Mensch einige Tage nach seinem Tode. Und in den Weltgedanken, die da weben, erscheint wie eine Einzelheit, ich möchte sagen, wie eine besondere Wolke, auf die man hinsieht, das eigene letzte Erdenleben, das man erlebt hat. Das ist eingeschrieben in die Weltenintelligenz. Man schaut das eigene Leben auf einmal, auf einmal in einem großen Tableau auf wenige Tage. Mit jedem Tage — es sind nur wenige — wird dasjenige, was in die Weltenintelligenz sich eingeschrieben hat, schwächer und schwächer. Es dehnt sich in den Weltenraum hinaus, es entschwindet einem. Während am Ende des Erdenlebens der Aspekt des Todes dasteht, steht am Ende des Erlebens nach wenigen Tagen das Entschwinden in die Weltenweiten. Wir haben so nach dem ersten Aspekt, den wir nennen können den Aspekt des Todes, den zweiten Aspekt, den wir nennen können den Aspekt des Entschwindens des Erdenlebens. Es ist tatsächlich nach dem Tode für jeden Menschen da ein Moment, wo eine ungeheure Sorge auftritt, Furcht, Angst, daß er sich verliere mit seinem ganzen Erdenleben in die Weltenweiten.

[ 9 ] Will man sich nun weiter in den Erlebnissen des Menschen nach dem Tode zurechtfinden, so reicht die Erkenntnis der Imagination nicht aus. Es muß eintreten die zweite Erkenntnisstufe, die Inspiration. Die Erkenntnisstufe der Imagination hat Bilder vor sich; sie sind im Grunde wie die Traumbilder. Nur können wir bei den Traumbildern nie überzeugt sein, ob wir eine Wirklichkeit dahinter haben; bei den Bildern der Imagination ist es immer so, daß sie ausdrücken durch ihre eigene Qualität eine Realität. Man lebt mit der Imagination in einer Bildwelt, die aber Realität ist. Diese Bildwelt, sie muß überwunden werden, wenn man dazu kommen will, dasjenige zu schauen, was der Mensch nach den wenigen Tagen, in denen er sein Leben geschaut hat, nach dem Tode erfährt.

[ 10 ] Diese Inspiration, die nun errungen werden muß nach der Imagination oder während der Imagination, die hat nicht Bilder vor sich; das ist eine Erkenntnis der Bildlosigkeit, aber des geistigen Hörens. Die inspirierte Erkenntnis nimmt die Weltintelligenz, die Weltgedanken so auf, daß man sie wie geistig hört. Von allen Seiten spricht es, erklingt das Weltenwort mit aller Deutlichkeit; man weiß, daß etwas dahinter ist. Man hat zunächst die Verkündigung. Und dann, wenn man sich hingeben kann dieser Inspiration, dann ist es so, daß man nun — hinter den Gedanken der Welt — die Wesenheiten der Welt beginnt wahrzunehmen in der Intuition. Imagination nimmt Bilder des Geistigen wahr, die Inspiration hört das Geistige geistig sprechen. Intuition nimmt die Wesen selber wahr. Ich sagte: Die Welt ist erfüllt mit Weltgedanken. — Die deuten noch auf keine Wesen, aber wir kommen dazu, hinter den Gedanken Worte zu vernehmen, die Wesenheiten der Welt zu schauen mit der Intuition.

[ 11 ] Der erste Aspekt ist der Aspekt des Todes, der Erdenaspekt; der zweite Aspekt, der uns in die Weiten des Raumes hinausführt, in die wir sonst verständnislos als Erdenmenschen hinausblicken, ist der Aspekt des Verschwindens des Menschen. Dann liefert uns der dritte Aspekt das, was die Raumesweiten auch für den sichtbaren Blick begrenzt, — der dritte Aspekt ist der Aspekt der Sterne. Aber die Sterne erscheinen nicht so wie für den physischen Anblick. Für den physischen Anblick sind die Sterne leuchtende Punkte an den Grenzen des Raumes, zu denen wir hinblicken. Sind wir bei der intuitiven Erkenntnis angekommen, so sind die Sterne Offenbarer der Weltwesen, der geistigen Weltwesen. Und wir schauen statt der physischen Sterne mit der Intuition Kolonien, geistige Kolonien im geistigen Weltall, die an den einzelnen Orten sind, an denen wir physische Sterne vermuten. Der dritte Aspekt ist der Aspekt der Sterne. Er führt uns ein, nachdem wir den Tod kennengelernt haben, nachdem wir die Weltintelligenz erkannt haben durch die Raumesweiten, er führt uns, der dritte Aspekt, ein in die Sphären der Weltwesen, der geistigen Weltwesen, er tritt als Menschenaspekt ein in die Sphären der Weltwesen, damit aber in die Sphäre der Sterne. Und so, wie zwischen Geburt und Tod den Menschen aufgenommen hat die Erde, so nimmt, nachdem der Mensch über den Abgrund der Weltenintelligenz hinweggegangen ist wenige Tage nach seinem Tode, die Sternenwelt den Menschen auf. Der Mensch war auf der Erde ein Erdenmensch unter Erdenwesen; er wird nach dem Tode ein Himmelswesen unter Himmelswesen. Die erste Sphäre, in die der Mensch eintritt, ist die Mondensphäre. Er betritt dann später die anderen Weltensphären. Ich darf vielleicht dasjenige, was ich ausführen will, um Ihnen eine kleine Unterstützung zu geben, schematisch an die Tafel zeichnen. Im Moment des Todes gehört der Mensch noch der Erdensphäre an. In diesem Moment hat für den Menschen keine Bedeutung mehr alles dasjenige, was irdisches Wissen umfassen kann. Auf der Erde haben wir verschiedene Stoffe, Metalle, andere Stoffe. Im Moment des Todes hört alle diese Differenzierung auf. Alle äußeren festen Stoffe sind irdisch, und der Mensch lebt im Moment des Todes in Erde, Wasser, Luft und Wärme. Die wenigen Tage nach dem Tode seien durch diese ‚blaue Sphäre, der Sphäre der Weltenintelligenz, bezeichnet. Der Mensch schaut sein eigenes Leben, der Mensch ist zwischen dem Erdengebiete und dem Himmelsgebiete. Er betritt wenige Tage nach dem Tode das Himmelsgebiet, zuerst die Sphäre des Mondes. In dieser Sphäre des Mondes begegnen wir als Mensch nun zuerst wirklichen Weltwesen, aber noch sehr menschenähnlichen; denn mit den Wesen, die wir hier wenige Tage nach unserem Tode in der Mondensphäre begegnen, waren wir früher auf der Erde schon einmal zusammen. Sie werden, meine lieben Freunde, in meinen Büchern nachlesen können, wie der Mond als physischer Weltenkörper sich einmal von der Erde getrennt hat. Er war mit ihr verbunden und wurde ein selbständiger Weltenkörper. Aber nicht nur der physische Mond hat sich von der Erde getrennt. Es waren einmal auf der Erde unter den Menschen große Lehrer der Menschheit, die großen Urlehrer der Menschheit, die die erste Weisheit den Menschen auf die Erde gebracht haben. Diese Urlehrer waren nicht in einem physischen Menschenleibe, sie waren nur in einem ätherischen Leibe auf der Erde vorhanden. Wenn der Mensch unterrichtet wurde von ihnen, so vernahm er das innerlich. Nachdem eine Weile diese großen Urlehrer auf der Erde verweilt hatten, trennten sie sich mit dem Monde von der Erde und bildeten jetzt eine Kolonie auf dem Monde, eine Kolonie der Mondenwesen. Diesen Urlehrern der Menschen auf der Erde, die seit langer Zeit von der Erde abgeschieden sind, denen begegnen wir als ersten Weltwesen wenige Tage nach dem Tode.

[ 12 ] Diese Zeit, die nun der Mensch nach dem Tode mit den Mondenwesen zusammenlebt, diese Zeit gibt dem Menschen ein Leben, das sich in einem merkwürdigen Verhältnis zu dem Erdenleben befindet. Wenn man mit der übersinnlichen Erkenntnis in das Leben eines solchen Menschen nach dem Tode eintritt, könnte man glauben, daß dieses Leben ein flüchtigeres, weniger dichtes sei als das Erdenleben, daß der Mensch gewissermaßen gegenüber dem Erdenleben mehr ein luftförmiges Dasein führt. Das ist aber nicht der Fall. Nimmt man mit der übersinnlichen Erkenntnis teil an dem Leben, das der Mensch nach dem Tode durchlebt, so stellt sich heraus, daß durch eine lange Zeit der Mensch ein Leben durchlebt, das viel realer auf ihn wirkt als das Erdenleben, demgegenüber das Erdenleben vielfach ein Traum ist. Es dauert ungefähr ein Drittel der Lebenszeit. Es ist bei verschiedenen Menschen verschieden, was jetzt durchlebt wird im Anschluß an die wenigen Tage nach dem Tode, die ich geschildert habe. Denn was erleben wir dann? Der Mensch gibt sich, wenn er zurückschaut auf die Erdenleben, einer Illusion hin. Er sieht nur die Tage, er beachtet nicht, was er geistig im Schlafe erlebt hat. Es ist im Leben nun einmal so, daß, wenn man nicht ein besonderer Schlafmensch ist, man ein Drittel des Lebens verschläft. Auf das schaut man nun zurück, man durchlebt es bewußt mit den vereinigten Mondenmächten. Das durchlebt man, weil diese großen Urlehrer der Menschheit ihr Dasein uns dann eingießen, mit uns leben; man durchlebt diese auf der Erde gar nicht bewußt vollbrachten Nächte in einer viel stärkeren Realität als das Erdenleben.

[ 13 ] Das, was ich hier gesagt habe, möchte ich mir erlauben, durch ein Beispiel zu belegen. Vielleicht kennen einige der lieben Freunde das erste oder ein anderes meiner «Mysteriendramen» und wissen, daß ich dort gezeichnet habe unter anderen Gestalten die Gestalt eines gewissen Strader. Dieser Strader ist künstlerisch gezeichnet nach einer lebenden Persönlichkeit, jetzt verstorbenen, aber damals lebenden Persönlichkeit. Nicht als ob das Erdenleben abgemalt worden wäre, aber es lag der Gestaltung des Strader in meinen «Mysterien» das Erdenleben eines Menschen zugrunde, der außerordentlich interessant war für mich, weil er aus verhältnismäßig einfachen Verhältnissen hineingewachsen ist zuerst in ein Priesterdasein, dann den Priesterrock abgeworfen hat und äußerlich Weltgelehrter geworden ist in einem gewissen rationalistischen Sinne. Die ganzen inneren Kämpfe dieses Mannes interessierten mich. Ich versuchte, sie geistig zu erfassen. Ich habe die vier «Mysterien» geschrieben, indem ich hingeschaut habe auf sein Erdenleben. Nachdem er tot war, konnte ich durch das Interesse, das ich an ihm genommen habe, ihm folgen nach dem Tode die Zeit hindurch, die er in der Mondensphäre durchlebt. Da ist er heute noch darinnen. Von diesem Momente ab, wo zu mir durchgebrochen ist diese Persönlichkeit, diese Individualität in dem Leben nach dem Tode in all der intensiven Realität, in dem dieses Leben nun wirkt, da löschte vollständig aus dasjenige, was einen für das Erdenleben in einem solchen Falle hat interessieren können. Man lebt nun ganz mit dieser Individualität nach dem Tode, und das drückte sich bei mir so aus, daß ich diese Individualität im vierten Mysteriendrama ebenfalls sterben lassen mußte, weil dieser Mensch mir auch nicht mehr als Erdenmensch gegenüberstand. Dies sei nur zur Bekräftigung der Behauptung hingestellt, daß dieses Leben nach dem Tode intensiver, substantieller, realer innerlich erlebt wird von den Menschen als das Erdenleben, das wie ein Traum ist.

[ 14 ] Wir müssen aufmerksam darauf sein, daß der Mensch nach dem Tode sich herauslebt in die große Welt, in den Kosmos. Der Kosmos wird jetzt er selber. Er fühlt den Kosmos jetzt als seinen Leib, aber er fühlt auch moralisch dasjenige, was während seines Erdenlebens außer ihm war, jetzt in sich. Dasjenige, was in ihm war, fühlt er außer sich. Nehmen Sie ein ganz triviales Beispiel. Nehmen Sie an, Sie hätten sich während des Erdenlebens durch eine Emotion hinreißen lassen, jemandem einen Schlag zu geben, wodurch Sie ihm erstens physische Schmerzen verursachten und zweitens moralisches Leid zufügten. Nach dem Tode, in der Mondensphäre, durch den Einfluß jener Mondenindividualitäten, erleben Sie nun nicht, was Sie erlebt haben während des Erdenlebens, wo Sie aus innerem Ärger jemandem einen Schlag versetzt haben, vielleicht mit einem innerlichen Wohlgefallen, wo Sie nicht fühlten das Leid des anderen, — jetzt erleben Sie, was der andere erlebt hat. Den physischen Schmerz, das Leid, das der andere erfahren mußte, das erleben Sie in der Mondensphäre. Sie erleben das, was Sie selber getan haben oder auch gedacht haben während des Erdenlebens, nicht wie Sie es fühlten, sondern wie es der andere erlebt hat. So erlebt der Mensch in einem Drittel seiner Lebenszeit nach dem Tode alles dasjenige, was er gedacht, verübt hat während des Erdenlebens in der Art wiederum, wie es ihm die Mondenwesen, von denen ich gesprochen habe, in einer intensiven Realität zeigen, und zwar erlebt er dieses Leben rückwärtsgehend. Als ich zum Beispiel Strader — ich nenne ihn so in den Mysteriendramen, obwohl er anders geheißen hat — , als ich Straders Leben zurückerlebte mit ihm — er ist 1912 gestorben —, da war es so, daß er zuerst dasjenige erlebte, was er zuletzt auf der Erde erlebt hat, dann das Frühere und so weiter zurück. Wenn er mir jetzt vor die Seele tritt, erlebt er ungefähr in der anderen Sphäre, in der Mondensphäre, was er erlebte im Jahre 1875. Die Zeit zwischen 1912 und 1875 hat er seither zurückerlebt und wird weiter zurückerleben bis zu seinem Geburtsdatum.

[ 15 ] So durchlebt der Mensch in einem Drittel nach dem Tode sein Leben rückwärts in den Sphären der Mondenwesen, die einmal Erdenwesen waren. Es ist dieses Leben der erste Keim zu demjenigen, was sich verwirklicht als das Karma in den folgenden Erdenleben. Man wird in diesem Leben, das da in einem Drittel der Erdenlebenszeit durchlebt wird, wirklich bekannt innerlich durch eigenes Fühlen und Wahrnehmen, bekannt damit, wie die eigenen Taten auf die anderen Menschen gewirkt haben. Und da geht, meine lieben Freunde, ein gewaltiger, im Inneren des Geistmenschen daseiender Wunsch auf, daß dasjenige, was man jetzt in geistiger Sphäre, in der Mondensphäre durchlebt, weil man es auf der Erde bewirkt hat in anderen Menschen, — daß das auf einen wieder abgeladen werde, damit Ausgleich sei. Der Entschluß, sein Schicksal gemäß den Erdentaten und den Erdgedanken zu verwirklichen, dieser Wunsch steht am Ende dieser Mondenzeit. Und wenn dieser Wunsch aus diesem Erleben, das zurückgeht bis zur Geburt, furchtlos ist, dann wird der Mensch reif, von der nächsten Sphäre, von der Merkursphäre aufgenommen zu werden. Der Mensch tritt dann ein in die Merkursphäre. In der Merkursphäre — das werden wir in dem nächsten Vortrage zu betrachten haben — erfährt der Mensch durch Wesenheiten, in deren Bereich er jetzt tritt, die niemals Erdenwesen waren, die immer überirdische Wesen waren, — in deren Bereich erfährt er, wie er weiter sein Schicksal gestalten kann. So werden wir ihn zu verfolgen haben durch Merkursphäre, Venussphäre und Sonnensphäre, um kennenzulernen dasjenige, was der Mensch durchmacht zwischen Tod und einer neuen Geburt, entsprechend als sein geistiges Dasein demjenigen, was er unter irdischen Wesen zwischen Geburt und Tod durchgemacht hat. Denn der Mensch lebt sein totales Leben im Erdendasein zwischen Geburt und Tod, im Himmelsdasein zwischen Tod und einer neuen Geburt. Daraus setzt sich sein gesamtes Leben zusammen: Wie? — davon wollen wir dann in den nächsten Vorträgen sprechen.