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The Rudolf Steiner Archive

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Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge
Band V
GA 239

24 Mai 1924, Paris

Sechster Vortrag

[ 1 ] Gestern bemühte ich mich zu zeigen, wie der Mensch, indem er durch die Pforte des Todes geht, aufsteigt in die ersten Erlebnisse der übersinnlichen Welt, die er in den nächsten Jahrzehnten nach dem Tode durchlebt. Ich zeigte, wie der Mensch eine bestimmte Anzahl von Jahren verweilt in dem, was man die Mondenregion nennen kann, wie der Mensch in dieser Mondenregion in Zusammenhang kommt mit Wesenheiten, die einstmals mit der Erde verbunden waren, die nicht in einem physischen Leibe auf der Erde lebten, aber in einem ätherischen Leibe, und als solche Wesenheiten die Lehrer der ursprünglichen Menschheit waren, den Menschen inspiriert haben jene tiefe Weisheit, die einmal auf der Erde war und die nach und nach auf der Erde erloschen ist. Mit dem Hinweggehen des physischen Mondes von der Erde sind auch diese Wesenheiten hinweggegangen; sie haben ihr Dasein weiter auf dem Monde, und der Mensch kommt wieder mit ihnen zusammen, wenn er durch die Pforte des Todes gegangen ist und all dasjenige überschauen soll, was in der gestern charakterisierten Weise in einer viel stärkeren Realität überschaut wird, als es der Mensch eigentlich während seines Erdendaseins durchlebt.

[ 2 ] Ich habe schon angedeutet, daß, nachdem der Mensch genügend lange in der Mondenregion verweilt hat, er den Übergang findet in die Merkurregion, in der er Wesen trifft, die ihn hinausführen in eine Region der Welt, in der ganz andere Wesen wohnen als auf der Erde, eine Region aber, der er als Mensch nun ebenso durch die Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt angehört, wie er mit seinem Erdendasein der Erde und ihrer Wirklichkeit angehört hat.

[ 3 ] Gestatten Sie nun, meine lieben Freunde, daß ich die kleine Skizze, die ich gestern entworfen habe, heute fortsetze. Wir können ausgehen davon, daß der Mensch, wenn er den Tod durchlebt — was also eigentlich eine sehr kurze Zeit in Anspruch nimmt —, daß der Mensch dann sein Dasein erlebt in den Elementen, in Erde, Wasser, Feuer und Luft. Dasjenige, was differenzierte Stoffe auf der Erde sind, Metalle, alle anderen Stoffe, die sind dann im Momente des Todes nicht da. Alle festen Stoffe sind Erde, alle flüssigen Stoffe sind Wasser, alle luftförmigen Stoffe sind Luft, und alles dasjenige, was Wärme zeigt, ist Wärme. In dieser vierfachen Differenzierung des Stoffes lebt der Mensch im Augenblicke des Todes. Er geht dann über in diejenige Region, die ich gestern charakterisiert habe als die Region der Weltintelligenz. Weltgedanken durchweben und durchleben die Region, in die er dann eintritt und in der er wenige Tage verweilt. Dann gelangt er in die Mondenregion, die ich beschrieben habe, und von da aus in die Merkurregion.

[ 4 ] Diese Skizze, ich möchte sie noch einmal wiederholen: die Region ‘der Elemente, die Region der Weltintelligenz. Und nun kommt der Mensch in die Sternenregion, zuerst in die Mondregion und dann in die Merkurregion.

[ 5 ] Nun wollen wir uns einmal klarmachen, wie das Leben des Menschen zunächst in der Mondregion bestimmend einwirken kann auf sein späteres Karma. Auch darauf habe ich gestern schon hingedeutet. Die Sache ist so: Indem der Mensch durch den Tod geht, hat er dieses oder jenes in seinem Erdenleben verübt, dieses oder jenes an Gutem, an Bösem. Und mit all dem tritt er vor jene Wesenheiten durch jenes Erleben, das ich gestern beschrieben habe, hin, die eben die Mondwesen genannt werden können. Diese Mondwesenheiten üben ein strenges Urteil aus, ein Weltenurteil: wieviel Wert eine Handlung hat als gute Handlung für das gesamte Weltall, wieviel Wert eine böse, eine unrechte Handlung hat für das gesamte Weltall. Und dann ist die Sache so, daß der Mensch zurücklassen muß in der Mondenregion all dasjenige, wodurch er das Weltall geschädigt hat. Die Ergebnisse seiner bösen Handlungen, die muß der Mensch in der Mondenregion zurücklassen. Und damit läßt er einen Teil von sich selber zurück. Wir müssen uns nur klarmachen, daß der Mensch mehr, als man meint, eine Einheit ist von sich und demjenigen, was er tut, was er vollbringt. Es geht sozusagen mit einer guten, mit einer schlechten Handlung das ganze Wesen des Menschen eine Verbindung ein. Müssen wir das Böse zurücklassen, das wir verübt haben, so müssen wir einen Teil von uns selbst zurücklassen. — In der Tat, wir kommen über diese Mondenregion nur heraus mit dem, was wir an Gutem für das Weltall verübt haben. Dadurch sind wir in gewissem Sinne, wenn wir über die Mondenregion hinauskommen, ein verstümmelter Mensch, um so mehr verstümmelt, als wir böse Gedanken mit unserem eigenen Wesen vereinigt haben. Soviel müssen wir zurücklassen, als wir für die Welt Schädliches verübt haben.

[ 6 ] Wenn wir nun den weiteren Gang des Menschen durch das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt studieren wollen, dann müssen wir auf folgendes sehen: Der Mensch, wie er hier auf der Erde steht, besteht ja aus voneinander deutlich unterschiedenen Gliedern. Die Kopfregion ist verhältnismäßig die am meisten ausgebildete, sie wird auch im Menschenkeim schon vor der Geburt des Menschen veranlagt, so daß sie verhältnismäßig vollkommen ist, während die andere Körperlichkeit des Menschen im Embryonalleben ja eher unvollkommen ist. In gewissem Sinne bleibt das durch das ganze Leben hindurch. Die ausgearbeitetste Partie des Menschen ist die Kopfregion; die anderen Regionen des Menschen sind weniger ausgearbeitet. Nun ist es aber gerade so, daß dasjenige, was vom Haupt des Menschen nach dem Tode bleibt als Geistiges, am schnellsten in der geistigen Region verlorengeht; das verschwindet sozusagen fast ganz mit dem Durchgang durch die Mondenregion. Natürlich müssen Sie mich richtig verstehen: Die physische Stofflichkeit fällt mit dem Leichnam ab; aber im Kopfe haben wir nicht nur die physische Stofflichkeit, wir haben Kräfte, die diesen physischen Leib des Menschen formen und beleben, übersinnliche Kräfte; die gehen durch die Pforte des Todes, die sieht man mit der imaginativen Erkenntnis auch nach dem Tode als Geistgestalt des Menschen, nur sieht man an dieser Geistgestalt das Haupt, den Kopf des Menschen fortwährend schwinden, immer mehr schwinden. Dasjenige, was eigentlich bleibt, was verstümmelt werden kann, das ist die übrige Region des Menschen außer dem Kopf. Mit dieser übrigen Region, die also entweder mehr oder weniger vollkommen eintreten kann in die Merkursphäre, wenn der Mensch ein guter Mensch war in der Hauptsache, die aber sehr verstümmelt eintritt in die Merkurregion, wenn der Mensch ein böser Mensch war, mit diesen Kräften, die unsere Seele umgeben, mit diesen Kräften treten wir in das weitere Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt ein. Aus diesen Kräften heraus müssen wir das ganze Leben bilden zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Da haben diejenigen geistigen Wesenheiten, die in der Merkursphäre sind, die niemals Menschen waren, die niemals menschliche Gestalt angenommen haben, in deren Umgebung wir nunmehr kommen, eine bedeutsame Aufgabe. Denn mit all dem, was da sozusagen — verzeihen Sie den Ausdruck — als kopfloser Mensch herantritt, mit all dem ist nun verbunden, nachdem die moralischen Makel in der Mondenregion abgelegt sind, dasjenige, was der Mensch während seines Erdenlebens als Gesundheit oder Krankheit durchlebt hat. Es ist wichtig, denn es ist sehr bedeutsam, überraschend und frappierend, daß der Mensch schon in der Mondenregion seine moralischen Makel ablegt, daß aber dasjenige, was ihn an Krankheit befallen hat, nicht abfällt in der Mondregion, sondern erst in der Merkurregion durch jene Wesenheiten, die nicht jemals Menschen gewesen sind, von den Menschen in den geistigen Wirkungen hinweggenommen werden kann. Gerade die Beachtung dieser Tatsache ist etwas außerordentlich Bedeutsames: Krankheiten werden vom Menschen in der Merkurregion in ihren geistigen Ergebnissen hinweggenommen. Und da erleben wir dann zuerst, wenn wir dieses beobachten, wie in der Sternenwelt, die die eigentliche Welt der Götter ist, Physisches und Moralisches ineinanderwirken. Das Moralisch-Makelhafte kann nicht hinein in die geistige Welt, bleibt sozusagen in der Mondenregion zurück, die solchen Anteil hat an den Menschen, denn sie hat zu ihren Bewohnern Wesen, die schon unter den Menschen waren, Auf dem Merkur sind Bewohner, die niemals Erdbewohner waren. Diese Wesenheiten nehmen nun die Krankheiten von den Menschen weg. Diese Krankheiten schaut man wie hinausströmen in die Weltenweiten, in den geistigen Kosmos, und die geistigen Ergebnisse der Menschenkrankheiten werden wie aufgesogen vom geistigen Kosmos, strömen hinaus, werden mit einem gewissen Wohlgefallen sogar aufgenommen. Der Mensch aber, der dieses erlebt im Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, der hat nun den ersten Eindruck, der eigentlich ein rein geistiger ist und dennoch ihm so wirklich entgegentritt, wie ihm die Erde wirklich entgegentritt. So, wie wir hier auf der Erde den Wind, den Blitz, das Fließen des Wassers erleben, so erleben wir, wenn wir dutch die Pforte des Todes gegangen sind und in die Merkurregion eingetreten sind, das Fortgehen der geistigen Effekte der Krankheiten, sehen, wie sie aufgenommen werden von den geistigen Wesen, diese geistigen Effekte der Krankheiten, und der Eindruck ist der: Jetzt seid Ihr versöhnt, o Götter! — Ich erwähne das zunächst — wir werden morgen auf diese Dinge näher eingehen können —, daß man es erlebt, wie die Götter versöhnt werden für dasjenige, was auf der Erde Böses geschehen ist, dadurch, daß die Effekte der Krankheiten ins weite Weltall hinausströmen.

[ 7 ] Das ist eine sehr wichtige Tatsache im Bereich unseres Lebens zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Solche Tatsachen, man hat sie einmal gekannt, als gerade jene Wesenheiten vorhanden waren, die als die großen Urlehrer der Menschheit, die dann die Mondbewohner geworden sind, die Menschen gelehrt haben. Da wußte man auch, daß man über das Wesen der Krankheiten erst erfahren kann, was der Wahrheit entspricht, wenn die Wahrheit von den Merkurwesen kommt; daher war alles Heilwesen, alles medizinische Wissen, das Geheimnis von gewissen Mysterien, den Merkurmysterien. Da war es wirklich so in solchen Mysterien, daß nicht ein Mensch dastand, wie an den heutigen Universitäten, sondern daß tatsächlich höhere Wesenheiten aus den Sternenregionen durch den Kultus, der an diesen Mysterien üblich war, wirkten. Die Götter waren selbst Lehrer der Menschen, und die Medizin ist diejenige Weisheitskunde in alten Menschheitszeiten gewesen, die direkt dutch die Merkurwesen in den Mysterien an die Menschen herangebracht worden ist; daher war auch diese alte Medizin durchaus als eine Gabe des Göttlichen von den Menschen angesehen worden. Im Grunde genommen ist alles dasjenige, was im Medizinischen fruchtbar ist, heute entweder aus alten Zeiten stammend, eine Nachwirkung desjenigen, was man von den Göttern des Merkur erfahren hat, oder aber es muß gefunden werden wiederum durch diejenigen Methoden, die den Menschen anleiten, Umgang mit den Göttern zu haben, von den Göttern lernen zu können. Die alte Weisheit ist versiegt, verschwunden; eine neue Weisheit, die wiederum auf dem Umgang mit den Göttern beruht, muß gefunden werden. Das ist die Aufgabe der Anthroposophie auf den verschiedensten Gebieten.

[ 8 ] Von der Merkurregion aus kommt der Mensch dann in die Region des Venusdaseins. Dasjenige, was der Mensch von sich bis in die Region der Venus mitbringen kann, das wird von jenen Wesenheiten, die die Venus bewohnen und die noch viel fernerstehen den Erdenwesen als die Merkurwesen, so verwandelt, daß es überhaupt weiterkommen kann in der geistigen Region. Das ist aber nur möglich dadurch, daß mit dem Betreten der Venusregion der Mensch in ein neues Element eintritt. Wenn wir hier auf der Erde leben, kommt viel darauf an, daß wir Ideen haben, Begriffe haben, Vorstellungen haben. Denn was wäre der Mensch auf der Erde, wenn er nicht Vorstellungen und Ideen hätte. Gedanken, die tragen ihn, die sind wertvoll, und wir als Menschen sind, weil wir Gedanken haben, die etwas taugen, wir sind dadurch gescheit. Besonders heute gilt es viel, wenn der Mensch gescheit ist. Heute sind ja fast alle Menschen gescheit. Es war nicht immer so, heute ist es so. Und es hängt eben doch das ganze Erdenleben davon ab, daß die Menschen Gedanken haben. Aus den menschlichen Gedanken ist die großartige Technik entsprungen, es entsteht alles schließlich mit Hilfe von Gedanken, was der Mensch an Gutem oder Bösem verwirklicht auf der Erde. Die Gedanken wirken aber noch nach in der Mondenregion; denn nach der Art und Weise, wie die guten und bösen Taten aus den Gedanken entsprungen sind, urteilen die Wesen in der Mondenregion. Aber auch die Wesen in der Merkurregion, die beurteilen die Krankheiten, die sie ablösen müssen von den Menschen, noch nach den Gedanken. Aber in gewissem Sinne ist hier die Grenze, bis zu der Gedanken — überhaupt dasjenige, was noch an menschliche Intelligenz erinnert — eine Bedeutung haben. Denn kommt man heraus aus der Merkurregion in die Region der Venus, dann herrscht da dasjenige, was wir im Erdenleben im Abglanz kennen als Liebe. Liebe löst da sozusagen die Weisheit ab. Wir treten ein in die Region der Liebe. Nur dadurch kann der Mensch weitergeführt werden hin bis zum Sonnendasein, daß Liebe ihn aus der Weisheitssphäre in das Sonnendasein hineinführt.

[ 9 ] Sehen Sie, meine lieben Freunde, es wird Ihnen etwas die Frage in Ihrer Seele bedeuten: Wie erlebt eigentlich derjenige, der so etwas überhaupt erleben kann in der Anschauung, solche Dinge? — Nun haben Sie gewiß gelesen dasjenige, was ich gegeben habe an Seelenübungen in dem Buche, das ins Französische übersetzt ist unter dem Titel «L’Initiation», und Sie werden wissen, daß der Mensch durch solche Seelenübung allmählich zu einer solchen Anschauung kommt. Zuerst erlebt man, wenn man das imaginative Bewußtsein erlangt, sein ganzes Leben auf geistige Art bis zur Geburt in einem großen Tableau. Dasjenige, was man nach dem Tode erlebt auf natürliche Weise, erlebt man durch die Initiation in jedem Augenblick des Lebens. Aber dieses Erleben, wenn es dann zur Inspiration kommt, das zeigt dann gewissermaßen etwas, was durchscheint durch dieses Tableau, durch dieses menschliche Leben. Das ist nun das Bedeutsame. Eigentlich kann man über den ganzen Zusammenhang der Geheimnisse, die da zugrunde liegen — und es ist immer so gewesen —, erst reden, wenn man ein gewisses Alter erreicht hat. Man kann in jedem Lebensalter initiiert werden; aber einen vollständigen Zusammenhang über die kosmischen Geheimnisse durch eigene Anschauung bekommt man über diese Dinge in einem bestimmten Lebensalter erst. Das ist so aus folgendem Grunde.

[ 10 ] Wenn man zurückblickt auf dieses Lebenstableau, so gliedert es sich in Abschnitte von sieben zu sieben Jahren, und zwar so, daß man einen ersten Abschnitt überblickt von der Geburt bis zum siebenten Jahre ungefähr, einen zweiten Abschnitt vom siebenten zum vierzehnten Lebensjahr, einen weiteren vom vierzehnten zum einundzwanzigsten Lebensjahr und dann einen einheitlichen Lebensabschnitt vom einundzwanzigsten bis zweiundvierzigsten Lebensjahr; dann einen Lebensabschnitt vom zweiundvierzigsten bis neunundvierzigsten Lebensjahre, einen Abschnitt vom neunundvierzigsten bis sechsundfünfzigsten und vom sechsundfünfzigsten bis zum dreiundsechzigsten Jahre. Man erlebt hintereinander diese Lebensabschnitte. Man schaut im ersten Lebensabschnitt diesen Rückblick, es steht alles auf einmal da bis zum Zahnwechsel hin. Wie durch einen Nebel erscheinen einem in jedem dieser Abschnitte die Weltgeheimnisse, die Geheimnisse des Kosmos. Im ersten Lebensabschnitte, von der Geburt bis zum siebenten Jahre, erblickt man bei dieser Rückschau die Geheimnisse des Mondes. Wenn das Leben so dasteht im ersten Lebensabschnitt, so erscheint es einem, wie wenn durch einen Nebel die Sonne durchscheint, so erscheinen die Weltgeheimnisse durch den eigenen Ätherleib, den man überblickt. Was ich Ihnen heute erzählt habe, meine lieben Freunde, über das Zurücklassen seiner Makel, seiner bösen Dinge, was ich Ihnen erzählt habe über die Mondbewohner, das steht in dem Lebensbuche, in diesem Lebensbuche des ersten Abschnittes.

[ 11 ] Blickt man in seine Kindheit zurück mit Imagination, Inspiration und Intuition, so sagt man sich: Dieses Leben hat eins, zwei, drei bis sieben Kapitel. Im ersten Kapitel, umfassend unsere erste Kindheit, stehen die Mondengeheimnisse. Im zweiten Lebenskapitel, das umfaßt die Lebenszeit zwischen dem Zahnwechsel und der Geschlechtsreife, da stehen die Merkurgeheimnisse. In diesem Zeitalter, das die Kinder gerade in der Schule verleben, in diesem Zeitalter, wenn man auf dasselbe zurückblickt, zeigen sich die Merkurgeheimnisse. Es ist ja den Medizinern bekannt, daß dies dasjenige Alter ist, wo die Kinderkrankheiten sind. Es ist das gesündeste Zeitalter im Menschenleben, die Sterblichkeit ist verhältnismäßig am geringsten, wenn man die ganze Menschheit anschaut. Dieserm Lebensabschnitte zeigen sich hinterher die Merkurgeheimnisse, so daß, wenn jemand — es ist das nicht gut möglich, aber wenn es doch sein könnte — mit achtzehn Jahren schon initiiert sein könnte, er überschauen können würde aus seiner Initiation die Mondengeheimnisse, die Merkurgeheimnisse. Wenn man aus den späteren Lebensjahren zurückschaut auf die weiteren Lebensabschnitte vom vierzehnten bis zum einundzwanzigsten Jahre, da zeigt sich im Rückblick alles dasjenige, was an Geheimnissen der Venusregion im Weltall angehört. In der Zeit, in welcher beim Menschen die physische Liebe auftritt, vom vierzehnten bis zum einundzwanzigsten Lebensjahre, sind auch im Lebensbuche geistig eingeschrieben die Geheimnisse des Venusdaseins im Weltenall. Leben wit dann weiter vom einundzwanzigsten bis zum zweiundvierzigsten Jahre, so brauchen wir zu diesem Durchleben einen dreimal größeren Zeitraum, denn da, wenn wir zurückblicken vom späteren Leben, enthüllen sich uns die ganzen Wesenheiten der Sonnengeheimnisse. Man muß über die zweiundvierzig Jahre alt geworden sein, damit man zurückblicken kann; dann aber sieht man in diesem Lebensabschnitte im Rückblicke die Sonnengeheimnisse. Ist man nun gar schon recht alt geworden und kann zurückblicken auf den Lebensabschnitt vom zweiundvierzigsten bis zum neunundvierzigsten Lebensjahre, dann enthüllen sich die Marsgeheimnisse. Um also in die Marsgeheimnisse einzudringen, muß man über das neunundvierzigste Lebensjahr herauskommen. Man kann initiiert sein; aber um durch eigene Anschauung in die Marsgeheimnisse einzudringen, muß man zurückblicken können auf ein Leben, das in einem Abschnitt vom zweiundvierzigsten bis zum neunundvierzigsten Lebensjahre verlaufen ist. Ist man über neunundvierzig Jahre alt, so kann man auf die Jupitergeheimnisse zurückblicken. Und — ich darf über diese Sache sprechen — ist man über das dreiundsechzigste Jahr hinaus, so ist es einem erlaubt durch den Ratschluß der Götter, auch über die Saturngeheimnisse zu sprechen.

[ 12 ] Sie sehen, meine lieben Freunde, wir kommen innerhalb dieses Lebens zwischen dem Tod und einer neuen Geburt immer mehr über diejenigen Verhältnisse hinaus, die uns hier auf der Erde umgeben, und in andere Verhältnisse hinein. Dasjenige, was der Mensch, nachdem er die Venusregion durchschritten hat, erlebt, es ist die Tatsachenwelt der Sonnenregion. Und nachdem ich Ihnen beschrieben habe, wie man auf diese Dinge kommt durch die Initiation, darf ich eben fortfahren in der Betrachtung desjenigen, was der Mensch zwischen dem Tode und einer neuen Geburt durchmacht.

[ 13 ] Das Hineinwachsen in die geistige Welt ist aber auch ein solches, das immer mehr und mehr sich nähert Wesenheiten, die über dem Menschen hinausstehen. In der Mondregion sind wir noch ganz unter Wesenheiten, die mit den Menschen auf der Erde gelebt haben, in der Hauptsache. Aber wir werden in der Mondregion doch schon ansichtig derjenigen Wesenheiten, die uns auf der Erde führen von Erdenleben zu Erdenleben. Da sind die Wesenheiten, die ich bezeichnet habe in meinen Büchern nach einem alten christlichen Gebrauch mit dem Namen der Hierarchie der Angeloi. Indem man zurückblickt in jener Erfahrung, in jener initiierten Erfahrung, von der ich gesprochen habe, in die erste Kinderzeit, sieht man zugleich dasjenige, was dutch die Engelwelt am Menschen geschehen ist. Denken Sie einmal, meine lieben Freunde, wie wunderschön gewisse Anschauungen im naiven Gemüt des Menschen leben und sich eigentlich durch die höhere initiierte Weisheit behaupten! Wir reden davon, wie das erste Kindesalter des Menschen durchwoben ist von der Wirksamkeit der Angeloi. Und wir sehen wirklich, wenn wir zurückblicken, um die Mondentegion zu studieren, unsere Kindheit und damit zugleich das Weben der Welt der Angeloi. Da, wo die stärkeren Kräfte einsetzen beim Menschen, wenn der Mensch in die Schulzeit kommt, sehen wir das Wesen der Archangeloi. Und diese Archangeloi werden für uns wichtig, wenn wir das Merkurdasein betrachten. Innerhalb des Merkurdaseins sind wir in der Welt der Archangeloi. Und wenn der Mensch die Geschlechtsreife erlangt hat, geht er durch das Zeitalter von ungefähr dem vierzehnten bis einundzwanzigsten Lebensjahr. Im Rückblick sieht man durchscheinen durch den menschlichen Lebenslauf, durch das Tableau des Lebenslaufes die Venusgeheimnisse. Man lernt zugleich erkennen, welche Wesenheiten mit dem Venusdasein vorzugsweise verbunden sind, die Wesenheiten aus der Hierarchie der Archai, der Urkräfte. Und jetzt lernt man eine wichtige Wahrheit kennen, wiederum etwas, das, wenn man es wirklich kennenlernt, ungeheuer frappiert. Man schaut hin auf die Wesenheiten, die mit dem Venusdasein verbunden sind, die hereinscheinen in das Menschenleben nach der Geschlechtsteife. Und diese Wesenheiten sind dann diejenigen, die als Urkräfte mit der Entstehung der Welt selber verknüpft sind. Diese Wesenheiten, die als Urkräfte mit der Entstehung des Kosmos selber verknüpft sind, sind in ihrem Abglanz wiederum tätig bei der Entstehung des physischen Menschen in der Generationenfolge. Der große Zusammenhang zwischen dem Kosmos und dem Menschenleben offenbart sich auf diese Weise.

[ 14 ] Man blickt dann hinein auch in die Geheimnisse des Sonnenlebens. Dieses Sonnenwesen, was ist es schließlich für unsere heutigen Physiker? — Ein glühender Gasball, da brennen Gase, die verbreiten Wärme und Licht. — Für den geistigen Anblick eine kindische Vorstellung, eine recht kindische Vorstellung; denn die Wahrheit ist diese, daß die Physiker, wenn sie eine Expedition in die Sonne ausrüsten könnten, sehr überrascht sein würden, alles anders zu finden, als sie sich vorgestellt haben. Nichts von Weltengasen ist da. Man würde nicht von Flammen verzehrt werden, wenn man eine Expedition nach der Sonne ausstatten könnte. Aber man würde, indem man in die Sonnenregion hineinkommt, auseinandergerissen werden, durch Auseinanderreißen verzehrt werden. Denn was ist eigentlich das, wo die Sonne ist?

[ 15 ] Nun, meine lieben Freunde, wenn Sie hier durch den Raum gehen, sind Stühle da, sind Menschen da, an die können Sie anstoßen. Ich will schematisch aufzeichnen einige von diesen Dingen, sie sind da, man stößt sich an diesen Dingen. Da sind die Dinge, dazwischen ist der leere Raum, da gehen Sie durch. Das ist der Unterschied in dem Territorium, in dem wir hier sind, daß gewisse Raumesteile ausgefüllt sind von Stühlen oder von Ihnen; andere Raumesteile sind leer. Wenn ich die Stühle wegnehme, und Sie kommen herein, so ist nur der leere Raum da. Der leere Raum ist noch weit mehr verbreitet im Weltall. Hier auf der Erde kennt man nicht, was man im Weltall kennenlernen muß. Da kann der Raum leer werden von sich selber, so daß irgendwo kein Raum mehr ist. Wenn Sie dasjenige haben, was man in Deutschland «Selterswasser» nennt, da sind drinnen kleine Perlen, die sind dünner als das Wasser, die sehen Sie; das Wasser sehen Sie nicht, aber die Perlen. So können Sie nun auch, wenn Sie hinausschauen in den Raum, nichts sehen. Aber, wo die Sonne ist, da ist weniger Raum. Stellen Sie sich vor, hier sei der leere Raum des Weltalls, aber in diesem leeren Raum wäre nichts da, auch kein Raum, so daß Sie in der Tat, wenn Sie hinkämen, aufgesogen würden und verschwinden. Es ist gar nichts da, es ist Platz für alles Geistige. Nichts Physisches, nicht einmal Raum ist da. Das ist das Sonnendasein in Wirklichkeit, über das die Physiker sehr überrascht sein würden. Erst am Rande dieses leeren Raumes, da fängt es etwas an, so zu sein, wie die Physiker es voraussetzen. Da sind etwas glühende Gase, in der Sonnenkorona, aber innerhalb dieses leeren Raumes ist nichts Physisches, nicht einmal Raum. Da ist lauter Geistiges. Da drinnen sind die drei Arten von Wesenheiten: Exusiai, Dynamis und Kyriotetes, die sind im Sonnendasein. In die Region der Exusiai, Dynamis, Kyriotetes treten wir nun ein, wenn wir das Venusdasein durchschritten haben in der weiteren Zeit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Da sieht man, wenn man zurückblickt — nur muß man älter als zweiundvierzig Jahre geworden sein —, da sieht man gewissermaßen den Abglanz des Sonnenhaften. Exusiai, Dynamis, Kyriotetes, unter denen lebt man den größten Teil der Zeit, die man zubringt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt.

[ 16 ] Nun, meine lieben Freunde, wenn der Mensch wirklich eindringt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt in diese Sonnenregion, dann wird alles anders, als wir irgend etwas gewöhnt sind zu sehen in der physisch-irdischen Welt. In der physisch-irdischen Welt, — wir haben gute Absichten, neben uns steht einer vielleicht, der hat sehr böse Absichten; wir versuchen gute Handlungen auszuführen, es gelingt uns mehr oder weniger, neben uns steht einer, dem sozusagen alles gelingt. Wir sehen dann das Leben dahingehen. Nach Jahren oder Jahrzehnten blicken wir zurück auf dasjenige, was geschehen ist, und man kommt allzuleicht gegenüber dem physisch-irdischen Verlauf zum Urteil: Es ist nicht so, daß die gute Absicht, aber auch die guten Taten, im Erdenleben auch gute Folgen haben für den Menschen. Zum Beispiel erscheint auf der Erde der Gute bestraft, der Böse belohnt, indem der Gute unglücklich werden kann, der Böse glücklich werden kann. Wir sehen keinen Zusammenhang zwischen demjenigen, was moralisch lebt, und demjenigen, was sich physisch verwirklicht. Dagegen hat alles Physische seine notwendigen Konsequenzen; die magnetische Kraft muß das Eisen anziehen, sie hat diese notwendige Konsequenz. Auf der Erde verwirklicht sich zunächst für dasjenige Leben, das wir durchleben zwischen Geburt und Tod, nur, was im physischen Zusammenhang steht. Nun, meine lieben Freunde, einen solchen physischen Zusammenhang gibt es im Sonnendasein nicht. In diesem Sonnendasein gibt es nur einen moralischen Zusammenhang. Jedes Moralische hat dort die Macht, sich auch zu realisieren und in entsprechender Weise zu realisieren. Das Gute bewirkt Daseinserscheinungen, die beglückend sind, das Böse bewirkt Daseinserscheinungen, die für den Menschen nicht beglückend sind. Der moralische Zusammenhang, der hier auf der Erde nur ideell ist, auch nur ideell hingestellt werden kann auf äußerlich mangelhafte Weise, indem man durch Jurisprudenz den Bösen bestraft, — dort wird er Realität.

[ 17 ] In der Sonnenregion beginnt alles dasjenige, was der Mensch nur im kleinsten Gedanken als gute Intentionen getragen hat, Realität zu sein, auf die dann hinschauen Exusiai, Dynamis, Kyriotetes. Wie man das Gute in sich hat, denken und empfinden und erleben konnte, so wird man von den Wesen der Sonnenregion angesehen. Daher kann ich Ihnen die Sonnenregion nicht schildern auf theoretische Weise, sondern nur schildern auf lebendige Weise. Man kann nicht gut eine Definition geben, wie wirkt das oder jenes Gute in der Sonnenregion, man muß so reden, daß dem Zuhörer klar werden kann: Hast du als Mensch in der Erdenregion einen guten Gedanken gehabt, so hast du in der Sonnenregion in dem Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt den Umgang mit Exusiai, Dynamis und Kyriotetes. Du darfst ein geistig geselliges Leben führen mit diesen Wesenheiten. Hast du aber Böses gedacht, das du sozusagen mit deinem eigenen Wesen in der Mondregion zurückgelassen hast, so bist du ein Einsamer, verlassen von Exusiai, Dynamis und Kyriotetes. So wird das Gute Realität in der Sonnenwelt durch unser Zusammenleben mit diesen Wesenheiten. Wir verstehen die Sprache dieser Wesenheiten nicht, wenn wir nicht Gutes gedacht haben; wir können nicht vor sie hintreten, wenn wir nicht Gutes vollbracht haben, Da ist alles Realität als reale Wirksamkeit unseres Guten in der Sonnenregion.

[ 18 ] Das ist dasjenige, was ich heute vorläufig über die Dinge sagen wollte, wir wollen morgen diese Betrachtung weiter fortsetzen.