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Esoteric Considerations of Karmic Connections
Volume V
GA 239

13 June 1924, Wrocław

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Vierzehnter Vortrag

Fourteenth Lecture

[ 1 ] Wir nähern uns immer mehr und mehr dem Begreifen derjenigen Lebenselemente der einzelnen Persönlichkeiten, die eine Ahnung hervorrufen können von dem Wert des Karma im persönlichen Dasein. Heute wird es meine Aufgabe sein, um allmählich im Verlaufe dieser Vorträge dieses Ziel zu erreichen, auf der einen Seite darauf hinzuweisen, wie die Initiationswissenschaft selbst das Karma prüfen kann, zunächst ausgehend von dem Erleben des Karma, und wie der Mensch dann zunächst ohne Initiationswissenschaft, aber mit einem gewissen intimen Sinn, das Leben zu beobachten, eine Ahnung von dem Walten des Karma erhalten kann. Da erinnern wir uns an dasjenige, was ich gesagt habe über die Erinnerung und jene Gedankenmassen, die aus den Tiefen des Seelenwesens herauffluten, entweder gerufen von unserer Seele, oder auch nicht gerufen frei aufsteigend, und die uns ein zwar schattenhaftes, mehr oder weniger abstraktes, aber doch ein Bild geben von unserem bisherigen Erdendasein, das wir seit der letzten Geburt durchgemacht haben. Wir haben die Aufmerksamkeit in diesen Tagen darauf hinlenken können, was der Mensch verliert, wenn er diese Erinnerung verliert. Er kann dann noch immer ganz gescheit, ganz verständig handeln, aber er handelt nicht aus dem Zusammenhang seines ganzen Lebens heraus; er handelt so, wie wenn er gewissermaßen in dem Zeitpunkte, in dem er also zu handeln beginnt, ohne die Erinnerung an das bisherige Leben wäre; wie wenn er zwar wie ein fertiger, verständiger, vernünftiger Mensch zur Welt gekommen wäre, aber sein vorangehendes Leben gar nicht auf dieser Erde für ihn verflossen wäre, so handelt er. Daraus sehen wir, wie für das Erleben im gegenwärtigen gewöhnlichen Bewußtsein das Ich verankert, begründet ist in der Erinnerung. Auf diesem Erinnerungswege findet sich dann das Ich mit sich selber im Verlaufe dieses Erdenlebens nicht mehr zurecht.

[ 1 ] We are coming closer and closer to understanding those elements of life within each individual that can give us a glimpse of the significance of karma in personal existence. Today, in order to gradually achieve this goal over the course of these lectures, my task will be, on the one hand, to point out how the science of initiation itself can examine karma—beginning with the experience of karma—and, on the other hand, to show how a person can gain an inkling of the workings of karma, initially without the science of initiation but by observing life with a certain inner sensitivity. Here we recall what I have said about memory and those masses of thoughts that well up from the depths of the soul, either summoned by our soul or rising freely without being summoned, and which give us an image—admittedly shadowy and more or less abstract, but an image nonetheless—of our earthly existence to date, which we have lived through since our last birth. In recent days, we have been able to direct our attention to what a person loses when they lose this memory. They may still act quite intelligently and sensibly, but they do not act out of the context of their entire life; he acts as if, so to speak, at the very moment he begins to act, he were without any memory of his life up to that point; as if he had indeed come into the world as a fully formed, sensible, and rational human being, but his previous life on this Earth had not passed for him at all—that is how he acts. From this we see how, in the experience of ordinary present-day consciousness, the “I” is anchored and grounded in memory. Through this path of memory, the “I” then can no longer find its bearings within itself in the course of this earthly life.

[ 2 ] Aber wie haben wir denn diese Erinnerung? Vergleichen wir einmal diese Erinnerung mit der voll erlebten Wirklichkeit, aus der uns diese Erinnerung fließt. Wir stehen darin im Leben, machen es freudvoll und leidvoll durch, finden uns in unseren Erlebnissen mit unserem ganzen Sein verwoben. Aber man vergleiche nur einmal diese ganze intensive Art des Verwobenseins mit dem eigenen Sein, mit der schattenhaften Erinnerung, die wir bewahren in der Seele. Sie müssen nur einmal ein recht bedeutendes Lebensereignis nehmen, den Tod irgendeines Freundes, der Ihnen besonders wert war, oder den Tod vom Vater, von der Mutter, in einer Zeit, in der so etwas wegen unserer Seelenverfassung besonders tief erlebt wird. Vergleichen wir die ganze Intensität des Erlebens und den Moment, wo es erlebt wird, mit dem, was wir an den schattenhaften Erinnerungen, die uns zehn Jahre später kommen, erleben! Und dennoch, diese schattenhaften Erinnerungen müssen wir haben, um die Kontinuität, um die innere Gediegenheit, die Realität unseres Ich im Erdenleben zu erfühlen. Aber sehen Sie nicht daraus, wie das Ich, das gar nicht ohne die Erinnerung im Erdenleben drinnenstehen kann für das gewöhnliche Bewußtsein, wie das Ich eigentlich sich schattenhaft erlebt, wie dieses Ich verankert ist in dem, was im Grunde genommen jede Nacht in das Unbewußte hinuntersinkt? Wir erleben im Grunde genommen nicht sehr intensiv unser Ich im gewöhnlichen Erdenbewußtsein. Es wird immer gedanken- und gedankenhafter, dieses eigentliche Ich des nicht gegenwärtigen Lebens, von welchem wir allerdings wissen, daß es mit dem heutigen Ich zusammenhängt. Dieses gegenwärtige Erleben, das ist intensiv, aber nicht dasjenige, das bereits in die Form der Erinnerung übergegangen ist. So daß wir sagen können (siehe Zeichnung): Wenn dieses unsere auffassende Seele, unser Geist ist, die im lebendigen Verkehr stehen mit alledem, was außen, von der Außenwelt her auf uns einströmt, so erleben wir hinter diesem Ich schattenhaft in der Erinnerung dasjenige, was uns davon bleibt. Und gerade das ist das Charakteristische an dieser Erinnerung, daß immer mehr und mehr die Gefühle, daß auch die Willensimpulse von dieser Erinnerung ausgesiebt werden. Wir mögen mit einem noch so intensiven Gefühl bei dem, was ich charakterisiert habe, bei dem Tode einer uns außerordentlich wertvollen Person gestanden haben: das Erinnerungsbild, welches bleibt, diese Erinnerung wird abgedämpft, immer mehr und mehr abgedämpft im Gefühl. Und erst, wie wenig lebt das, was wir dazumal aus unserem Willensimpulse heraus unter dem äußeren Eindruck unternommen haben, in uns weiter! Gefühl und Wille dämmern ab; das ruhige Erinnerungsbild, ein Schatten des Erlebten, bleibt in der Regel. Und wir können ja nicht anders im Erdenlande sein, als daß dieser Schatten eines Erlebnisses uns bleibt. Anders stehen wir eben der Erinnerung, anders stehen wir dem gegenwärtigen Erlebnis gegenüber.

[ 2 ] But how do we actually have this memory? Let’s compare this memory with the fully lived reality from which it flows. We stand within it in life, experiencing it with both joy and sorrow, finding ourselves interwoven with our experiences through our entire being. But just compare this entire intense way of being interwoven with one’s own being to the shadowy memory we preserve in our soul. You need only take a truly significant life event—the death of a friend who was particularly dear to you, or the death of a father or mother—at a time when such an event is experienced particularly deeply due to the state of our soul. Let us compare the full intensity of the experience and the moment in which it is lived through with what we experience in the shadowy memories that come to us ten years later! And yet, we must have these shadowy memories in order to sense the continuity, the inner solidity, and the reality of our “I” in earthly life. But don’t you see from this—how the “I,” which for ordinary consciousness cannot exist at all in earthly life without memory—how the “I” actually experiences itself as a shadow, how this “I” is anchored in what, fundamentally, sinks into the unconscious every night? We do not, in fact, experience our “I” very intensely in ordinary earthly consciousness. This true “I” of the non-present life—which we do, however, know is connected to today’s “I”—becomes increasingly abstract and conceptual. This present experience is intense, but not the one that has already taken the form of memory. So that we can say (see diagram): If this is our perceiving soul, our spirit, which stands in living communion with everything that flows toward us from the outside world, then behind this “I” we experience, as a shadow in memory, what remains of it to us. And this is precisely what is characteristic of this memory: that more and more the feelings—and even the impulses of the will—are filtered out of it. No matter how intensely we may have felt at the time of what I have described—the death of a person who was extraordinarily dear to us—the image that remains in memory is gradually muted, becoming less and less intense in its emotional impact. And how little of what we undertook at that time out of our own volitional impulses in response to external impressions continues to live on within us! Emotion and will fade away; the calm image of memory, a shadow of what was experienced, usually remains. And we cannot help but be such on this earth that this shadow of an experience remains with us. We relate differently to memory; we relate differently to the present experience.

[ 3 ] Aber wir können diesem gegenwärtigen Erlebnis auch in anderer Art gegenübertreten, als wir das im gewöhnlichen Leben gewöhnt sind. Wir können neue Fragen aufwerfen gegenüber unseren Erlebnissen. Da allerdings gewinnt das Leben — dann, wenn wir auf es zurückschauen — eine ganz merkwürdige Gestalt. Fragen wir uns einmal: Was sind wir denn eigentlich im gegenwärtigen Augenblicke, was sind wir mit unserem Wissen, mit der Qualität unseres Fühlens, mit der Energie unseres Wollens? — Und gehen wir mit diesen Fragen, mit diesen neu aufgeworfenen Fragen einmal an unsere Erlebnisse zurück, dann werden wir finden, wie wenig wir wären, wenn wir ein gewisses Lebensalter erreicht haben, wenn nicht die vorangehenden Erlebnisse dagewesen wären! Blicken wir zurück gerade auf manche Jugenderlebnisse, indem wir sie in der Weise dieser Erinnerung auf die Gegenwart beziehen: wie freudig waren diese! Da können wir uns, wenn wir im Leben öfter zurückschauen, etwas höchst Bedeutungsvolles für die Gegenwart sagen. Die Leichtigkeit, mit der wir unsere Seele, ja vielleicht unsere physische Leiblichkeit, mehr oder weniger geschickt dem Leben angepaßt, dutch das Dasein führen, wir verdanken sie eigentlich dem Umstande, daß wir in der Jugend nicht in Depressionen, sondern freudig haben leben dürfen, daß wir an manches mit Freude herangeführt worden sind. Diese seelischen Eindrücke der Freude sind es, die uns mit einer gewissen Freudigkeit, die aber in tiefere Regionen gezogen ist, im späteren Leben ausstatten. Fragen wir uns nun, wieviel von dem, was uns das Leben als Vertiefung bringt, was uns die Seele vertieft, unseren Leiden, unseren Schmerzen zuzuschreiben ist, und fragen wir uns: Was kann denn da eigentlich in der Seele eintreten, wenn wir mit diesen Fragen unser Leben ins Auge fassen? — Die Antwort auf diese Frage müssen wir uns nicht mit dem Verstande geben, die Antwort müssen wir uns mit dem Gefühle geben. Und das Gefühl antwortet: Ich muß alledem, was eingetreten ist im Leben, dankbar sein, weil ich eigentlich derjenige, der ich bin und mit dem ich mich doch mehr oder weniger identifiziere, nur dadurch geworden bin. Ich kann nicht wissen, ob ich sonst nicht noch weniger wäre; ich kann, weil ich durch die großen und kleinen Leiden und Freuden meines Lebens so geworden bin, diesem Leben nur dankbar sein.

[ 3 ] But we can also approach this present experience in a different way than we are accustomed to in everyday life. We can raise new questions about our experiences. When we look back on life, however, it takes on a very strange form. Let’s ask ourselves: What are we, actually, in this very moment? What are we, with our knowledge, with the quality of our feelings, with the energy of our will? — And if we return to our experiences with these questions—these newly raised questions—we will discover how little we would be, having reached a certain age, if it weren’t for the experiences that came before! Let us look back specifically on certain experiences from our youth, relating them to the present in the manner of this recollection: how joyful they were! There, if we look back more often in life, we can tell ourselves something of the utmost significance for the present. The ease with which we navigate life—having adapted our soul, and perhaps even our physical being, more or less skillfully to life—we actually owe to the fact that in our youth we were allowed to live joyfully rather than in depression, and that we were introduced to many things with joy. It is these emotional impressions of joy that endow us with a certain cheerfulness—one that has, however, been drawn into deeper realms—in later life. Let us now ask ourselves how much of what life brings us in terms of depth—what deepens our soul—can be attributed to our sufferings and our pains, and let us ask ourselves: What can actually take place within the soul when we contemplate our lives through these questions? — We must not answer this question with our intellect; we must answer it with our feelings. And the feeling answers: I must be grateful for everything that has happened in life, because it is only through these experiences that I have become the person I am—the one with whom I identify, to a greater or lesser extent. I cannot know whether I would otherwise be even less than I am; because I have become who I am through the great and small sufferings and joys of my life, I can only be grateful for this life.

[ 4 ] Mit einem Gefühl der Dankbarkeit an das Leben muß geantwortet werden auf die charakterisierte Frage. Und es ist viel für das Leben, wenn diese Dankbarkeit für das Erdendasein in die menschliche Seele einzieht. Diese Dankbarkeit tritt bei gewissen Seelenvertiefungen immer ein, wenn man nicht aus Emotion heraus, sondern aus der reinen Seele heraus das Leben beurteilt. Mag manches, was einem das Leben gebracht hat, bedauert werden, in vieler Beziehung ist dasjenige, was ein solches Bedauern ausdrückt, ein rechter Irrtum. Denn stünde dasjenige, was man bedauert, nicht im Leben darinnen, man wäre eben doch nicht das, was man ist. Zuletzt reduziert sich das Gefühl, das man gegenüber dem Leben haben kann, dennoch auf diese Dankbarkeit dem Leben gegenüber. Diese Dankbarkeit kann da sein auch dann, wenn man nicht ganz einverstanden ist mit dem Leben, wenn man gerne mehr vom Leben geschenkt gehabt hätte. Und man kann auch dankbar sein, wenn uns einer einen kleinen Kuchen gibt, von dem man eigentlich das Geschenk eines großen Kuchens erwartet hätte. Das darf durchaus nicht die Dankbarkeit beeinträchtigen, daß man den großen Kuchen erwartet hat. Und so kann schon gesagt werden: Was uns das Leben auch versagt hat nach unserer Meinung, nach unserer Ansicht, die ja nebenbei doch auch irren kann, das Leben hat uns unter allen Umständen etwas gebracht. Für dasjenige, was es uns gebracht hat, sollen wir das Gefühl der Dankbarkeit entwickeln. Aber wenn man in allem Ernst das Gefühl der Dankbarkeit entwickelt, so muß — man braucht sich nur zu besinnen, man wird es gleich durchschauen — die Dankbarkeit da sein gegenüber irgend etwas anderem. Wer jemals Dankbarkeit für das Leben entwickelt hat, der wird gerade durch die Dankbarkeit für das Leben zur Anerkennung und zur Umwandlung der Erinnerung in liebende Hingabe an die unsichtbaren geistigen Lebensgeber hingeführt.

[ 4 ] The question posed must be answered with a sense of gratitude toward life. And it means a great deal to life when this gratitude for earthly existence takes root in the human soul. This gratitude always arises during certain moments of deep soul-searching, when one judges life not out of emotion but from the depths of the pure soul. While one may regret some of what life has brought, in many respects what gives rise to such regret is a genuine mistake. For if what one regrets were not part of life, one simply would not be who one is. Ultimately, however, the feeling one can have toward life boils down to this gratitude toward life. This gratitude can exist even when one does not entirely agree with life, even when one would have liked life to have given more. And one can also be grateful when someone gives us a small cake, even though we had actually expected the gift of a large one. The fact that one expected the large cake should by no means diminish that gratitude. And so it can certainly be said: No matter what life may have denied us in our opinion—which, incidentally, can also be mistaken—life has given us something under all circumstances. For what it has given us, we should cultivate a sense of gratitude. But if one develops a sense of gratitude in all seriousness, then—one need only reflect on it, and one will see it immediately—that gratitude must be directed toward something else. Whoever has ever developed gratitude for life will, precisely through that gratitude for life, be led to recognition and to the transformation of memory into loving devotion to the invisible spiritual givers of life.

[ 5 ] Und es ist die schönste Art, von seiner Persönlichkeit aus zum Übersinnlichen hingeführt zu werden, wenn diese Führung durch die Dankbarkeit geht, durch die Dankbarkeit gegenüber dem Leben. Diese Dankbarkeit, sie ist auch ein Weg ins Übersinnliche, und sie landet zuletzt bei der Verehrung und bei der Liebe zu dem lebenspendenden Geist des Menschen. Die Dankbarkeit gebiert die Liebe. Die Liebe gebiert dann, wenn sie aus der Dankbarkeit für das Leben geboren ist, das Aufschließen des Herzens für die das Leben durchdringenden Geistesmächte. Und da das Leben mit unserer Geburt begonnen hat und wir unmöglich mit diesem Danke bloß beginnen können bei der Geburt, da wir mit gewissen Eigenschaften augenscheinlich schon in das Leben hineingestellt sind, so ist es ja soweit ganz zweifellos, daß der Dank gegenüber dem Leben auch aus diesem Leben ins vorgeburtliche Dasein hinausführt. Um das, was ich jetzt sage, voll einzusehen, dazu gehört allerdings das Ausprüfen im Leben. Aber man prüfe einmal, wenn man die doch aus der unbefangenen Lebensbetrachtung hervorgehende Dankbarkeit entwickelt, man prüfe, ob nicht wirklich die geist-einsichtige Liebe aus dieser Dankbarkeit geboren wird, und man wird finden, daß es so ist. Die Frage, die hier aufgeworfen wird, kann eben nur durch das wirkliche Leben selbst beantwortet werden. Aber dieses wirkliche Leben antwortet so, wie ich jetzt auseinandergesetzt habe. Wenn wir aber in der Art herangehen an unsere Erlebnisse, so die Dankbarkeit entwickeln, die Liebe zu den lebenspendenden Geistmächten entwickeln, dann bekommen wir bei diesem Hinschauen gegenüber den Erlebnissen ein ganz anderes Gefühl als bei dem Hinschauen gegenüber der Erinnerung. Bei der Erinnerung müssen wir sagen: Lebendig, intensiv, real erleben wir; in der Erinnerung steht ein bloßer Schatten desjenigen da, was wir erleben, da wird das, was wir erleben, zu blassen Schatten. Die Erinnerung verdankt unseren Erlebnissen ihr Dasein; aber jetzt treten wir an etwas heran, was mächtiger ist als unser gewöhnliches Ich.

[ 5 ] And the most beautiful way to be led from one’s own personality toward the supernatural is when this guidance comes through gratitude—through gratitude toward life. This gratitude is also a path to the supernatural, and it ultimately leads to reverence for and love of the life-giving spirit within human beings. Gratitude gives birth to love. When love is born of gratitude for life, it opens the heart to the spiritual forces that permeate life. And since life began with our birth—and since we cannot possibly begin this gratitude merely at birth, for we are evidently already placed into life with certain characteristics—it is, to this extent, quite beyond doubt that gratitude toward life also leads from this life out into pre-birth existence. To fully grasp what I am now saying, however, requires examination in the course of life. But let one examine—when one develops the gratitude that arises from an unbiased contemplation of life—let one examine whether spiritual love, imbued with insight, is not truly born of this gratitude, and one will find that this is indeed the case. The question raised here can only be answered by real life itself. But this real life answers in the way I have just explained. If, however, we approach our experiences in this manner—developing gratitude and love for the life-giving spiritual powers—then, when we look at our experiences in this way, we will have a completely different feeling than when we look at memories. With regard to memory, we must say: We experience things vividly, intensely, and realistically; in memory, there remains only a mere shadow of what we experience—what we experience becomes a pale shadow. Memory owes its existence to our experiences; but now we are approaching something that is more powerful than our ordinary self.

[ 6 ] Denn nicht bloß unsere schattenhaften Erinnerungen haben wir im Auge, wenn wir hinschauen auf die Erlebnisse, die uns umgeben haben. Wir haben etwas Mächtiges im Auge: Wir haben dasjenige im Auge, das nicht ein Schatten unseres durch die Zeit hinflutenden Ich ist, sondern der Schöpfer dieses durch die Zeit hinflutenden ErdenIch. Da draußen sind überall die Ereignisse, denen wir unser Dasein verdanken, und wir müssen, wenn wir auf diese Ereignisse schauen, sie als mächtige Schöpfer unseres Erden-Ich hinstellen. So stehen wir mit unserem augenblicklichen, gegenwärtigen Ich mitten drinnen: da, rückwärts, wenn wir in unsere Seele schauen, schattenhafte Nachbilder des Erlebens; vor uns das webende Schicksal, die aufeinanderfolgenden Schicksalserlebnisse, die unser Ich erst mächtig geformt, gestaltet haben. Zu diesem mächtigen Fühlen der Schicksalsgestaltung gehört eben der Übergang vom Denken zum Fühlen, denn Dankbarkeit und Liebe kann man nur im Fühlen erleben. In diesem Liebegefühl offenbart sich zunächst die Ahnung gegenüber dem waltenden Schicksal. Und damit beginnt es, daß man das waltende Schicksal erahnt, daß man nach dem Durchgang durch Dankbarkeit und Liebe mächtig fühlt die dahinflutenden Ereignisse, die uns gemacht haben. Es kann irgend jemand mit dem vierzigsten Jahre im Leben drinnenstehen. Er ist etwas. Sagen wir, um ein ganz extremes Beispiel zu nehmen: Er ist ein berühmter Dichter geworden — es hat ja auch solche gegeben; ich könnte auch sagen, ein berühmter Physiologe, Physiker, da würde ich ein naheliegendes Beispiel haben, aber ich will ein ausgedachtes Beispiel anführen —, der blickte zurück bis in sein achtzehntes Lebensjahr. Er nimmt die Ereignisse von seinem vierzigsten bis zum achtzehnten Lebensjahr und stößt im achtzehnten Lebensjahr darauf, daß er im Abiturium durchgefallen ist. Es hat ihm dazumal großen Schmerz bereitet. Aber er hat sich das Leben anders einrichten müssen, da er nicht genug Geld hatte, das Jahr zu repetieren oder als durchgefallener Abiturient durch die weite Welt zu ziehen. Alles war schon vorbereitet: Wäre er beim Abiturium gut durchgekommen, er wäre ein gediegener Finanzinspektor geworden, hätte da außerordentlich viel geleistet, hätte keine Zeit gehabt, die im Untergrunde seiner Seele liegenden Fähigkeiten und Kräfte zu entwickeln. Gewiß, man kann sagen: Wenn diese Phantasiekräfte vorhanden sind, so sind sie so stark, daß sie sich unter allen Umständen dutch die finanzwirtschaftliche Tätigkeit durchdrücken. — Das kann man im Abstrakten sagen, sagt es auch immer; wahr ist es aber nicht. In Wirklichkeit verdankt mancher Dichter geradezu sein besonderes Temperament, dasjenige, was er geworden ist, dem Umstand, daß ihm so etwas, wie ich es angeführt habe, passiert ist. Er wird dankbar sein — wenn er irgendeinen Wert darauf legt, daß er der berühmte Dichter geworden ist — denjenigen, die ihn haben durchfallen lassen und die nicht verhindert haben seine Laufbahn dadurch, daß sie ihm «ausgezeichnet » in jedem einzelnen Fache gegeben haben. So können wir durchaus, wie auch das Leben war — wenn wir es real, nicht sentimental nehmen —, diese Dankbarkeit entwickeln und können sagen: Geschmiedet sind wir aus dem Schicksal heraus, das mit uns und gegen uns geht. — Aber wir müssen doch diese Gefühle durchgehen, um das Schicksal gewissermaßen vor uns weben und leben zu sehen.

[ 6 ] For it is not merely our shadowy memories that we have in mind when we look back on the experiences that have surrounded us. We have something powerful in view: we have in view that which is not a shadow of our “I” flowing through time, but the creator of this earthly “I” flowing through time. Out there, everywhere, are the events to which we owe our existence, and when we look at these events, we must regard them as the powerful creators of our earthly “I.” Thus we stand right in the midst of it all with our present, immediate self: behind us, when we look into our soul, shadowy afterimages of experience; before us, the unfolding destiny—the successive experiences of fate that have powerfully shaped and formed our self. This powerful sense of the shaping of destiny involves precisely the transition from thinking to feeling, for gratitude and love can only be experienced through feeling. In this feeling of love, a sense of the prevailing destiny first reveals itself. And thus it begins: one senses the prevailing destiny; after passing through gratitude and love, one powerfully feels the events flowing by that have made us who we are. Anyone might find themselves at the age of forty. They are someone. Let’s say, to take a very extreme example: He has become a famous poet—there have indeed been such people; I could also say a famous physiologist or physicist, which would be a more obvious example, but I want to give a hypothetical one—who looks back to the age of eighteen. He reviews the events from his fortieth to his eighteenth year and, upon reaching his eighteenth, discovers that he failed his high school graduation exams. It caused him great pain at the time. But he had to reorganize his life differently, since he didn’t have enough money to repeat the year or to travel the wide world as a student who had failed his graduation exams. Everything had already been set in motion: Had he passed his high school graduation exams, he would have become a respectable financial inspector, would have achieved an extraordinary deal, and would not have had time to develop the abilities and strengths lying deep within his soul. Certainly, one might say: If these imaginative powers exist, they are so strong that they would assert themselves through financial work under any circumstances. — One can say that in the abstract, and indeed one always does; but it is not true. In reality, many a poet owes his very special temperament—the very person he has become—to the fact that something like what I have described happened to him. He will be grateful—if he attaches any value to the fact that he has become a famous poet—to those who let him fail and who did not hinder his career by giving him an “A” in every single subject. Thus, just as life was—if we view it realistically, not sentimentally—we can certainly develop this gratitude and say: We are forged by fate, which works with us and against us. — But we must still go through these feelings in order to see fate, as it were, unfolding and coming to life before us.

[ 7 ] Da möchte ich einschalten, wie nun dieselben Erlebnisse derjenige vor sich hat, der im Besitz der Initiationswissenschaft ist, der also in die geistige Welt hineinschauen kann. Dem steht die Möglichkeit offen, in der folgenden Weise die Sache durchzuleben.

[ 7 ] Here I would like to describe the experiences of someone who has mastered the science of initiation—that is, someone who can look into the spiritual world. Such a person has the opportunity to experience the matter in the following way.

[ 8 ] Er richtet den Blick, der nun schon geschärft ist dadurch, daß er eine imaginative, inspirierte Erkenntnis hat — was diese bedeuten, Sie können es nachlesen in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» —, auf irgendein Erlebnis. Wer seine Erkenntnis verdichtet und erkraftet hat, der kann diese seine Erkenntnis mit einer besonderen Intensität auf irgendein Erleben, das er in der Gegenwart hat, hinrichten. Man wird ja, wenn man Initiationserkenntnisse hat, nicht etwa schwächer, sondern stärker von dem Erlebnis getroffen, als wenn man nicht diese Erkenntnis hat. Man darf nicht etwa aus dem Umstande, daß derjenige, der Initiationserkenntnis hat, scheinbar mit viel größerer Gelassenheit an den Erlebnissen vorbeigeht als jener, der sie nicht hat, man darf daraus nicht schließen, daß er weniger stark davon berührt wird. Er wird viel stärker berührt als der andere. Er hat sich nur auch gerade gegenüber den harten Ereignissen des Lebens die Kräfte errungen, sie nach außen hin in Gelassenheit zu betrachten; in der Tiefe fühlt er sie bedeutungsvoller als der andere sie fühlt. Daher schattieren sich die Erlebnisse, wenn der mit Imagination, Inspiration Begabte sie vor sich hat, intensiv und stark; und er kann, weil er sie ja erübt hat — er hat ja Übungen dafür in diesem und im vorigen Leben durchgemacht —, diese Ereignisse in voll-inhaltliche Bilder sich gestalten, selber in Imaginationen umwandeln.

[ 8 ] He directs his gaze—which has already been sharpened by his imaginative, inspired insight (you can read about what this means in my book How Does One Attain Insights into the Higher Worlds?)—toward some experience. Those who have consolidated and strengthened their insight can direct this insight with particular intensity toward any experience they are having in the present moment. For when one possesses initiatory insights, one is not affected more weakly but rather more strongly by the experience than if one did not possess this insight. One must not conclude—simply because the person who possesses initiatory insight appears to pass through experiences with far greater composure than the one who does not—that he is less deeply affected by them. He is affected far more deeply than the other. It is simply that, precisely in the face of life’s harsh events, they have acquired the strength to view them outwardly with serenity; deep down, they feel them to be more significant than the other person does. Therefore, when the person gifted with imagination and inspiration faces these experiences, they take on intense and powerful shades of meaning; and because he has practiced this—having undergone exercises for it in this and his previous life—he is able to shape these events into images rich in content and transform them into imaginations himself.

[ 9 ] Worinnen besteht dieses Umwandeln? Es besteht eben darin, daß von den Ereignissen, den Erlebnissen nicht nur dasjenige, was man mit den Augen sieht, dasteht, sondern daß das tiefere Geistige, die geistigen Zusammenhänge dastehen, daß ein Bild da ist, welches man auch dann mit sich herumträgt, wenn das Erlebnis nicht mehr dasteht; aber das Bild steht alsdann gleich da. Das Erleben ist eben intensiv, und durch die Imagination spielen die geistigen Zusammenhänge hinein; die Seele wird intensiv berührt, und es ist dann möglich, in das Geistige hineinzuschauen und das Erlebnis zu behalten. Vergeht eine Nacht, so wird dann durch den Schlaf das Erlebnis, das dadurch intensiver erlebt worden ist, daß der astralische Leib und das Ich aus dem physischen Leibe herausgehen, in die geistige Welt hinausgetragen. Dasjenige, was man in der physischen Welt, mit physischem und Ätherleib zusammen erlebt hat, das kann allein erlebt werden mit dem Ich und dem astralischen Leib in der geistigen Welt; dann aber treibt man es beim Aufwachen wiederum zurück in den physischen Leib. Aber man trägt es jetzt nicht so zurück, wie das gewöhnliche Bewußtsein es zurückträgt, das dann auf die Erinnerung angewiesen ist, die sich allmählich abschattet; man trägt es so zurück, daß man wie mit einem Phantom sein ganzes Wesen nun durchdringt, daß man es mit sich trägt in voller Gegenständlichkeit, in aller Intensität, daß es einen aus einem Schein umtönt wie die wirkliche Realität einesanderen Menschen, der leibhaft vor einem steht. Und dann vergehen wiederum zwei oder drei Tage oder Nächte. Und was dann eintritt nach diesen zwei oder drei Tagen und Nächten, ist das Folgende: Was man zuerst hinaufgetragen hat mit dem Ich und dem astralischen Leib in die geistige Welt, was man wieder zurückgebracht hat, so daß es also im physischen Leibe kraftet und lebt und vibriert, das spricht — das stellt sich jetzt heraus — und steht hinter den Erlebnissen als das waltende Schicksal. Die Erlebnisse sind nicht allein da, sondern diese Erlebnisse sind jetzt durchströmt von dem, was sie hervorgebracht hat in früheren Erdenleben, von dem, wie sie weiter wirken werden in den folgenden Erdenleben. Wie wir die Erinnerung als ein schattenhaftes Nachbild hinter uns hinstellen, so stellt derjenige, der Initiationswissenschaft hat, die Erlebnisse vor sich hin, so daß die Erlebnisse unmittelbar vor ihm sind. Aber die werden durchsichtig wie Glas, und dahinter steht wie eine mächtige Welterinnerung das werdende Karma, die objektive Erinnerung. Und man wird gewahr, daß der Mensch nicht nur in sich drinnen hat die schattenhaften Erinnerungen an das Erdenleben, sondern daß eingegraben ist um ihn herum in den Weltenäther, in die Akasha-Chronik sein Karma. Da drinnen ist die schattenhafte Erinnerung; da draußen ist die kosmische Erinnerung unseres Schicksals durch die Erdenleben hindurch, wenn es auch für das gewöhnliche Bewußtsein unbewußt bleibt.

[ 9 ] What does this transformation consist of? It consists precisely in the fact that, of the events and experiences, it is not only what one sees with the eyes that remains, but that the deeper spiritual aspects and the spiritual connections remain as well—that there is an image which one carries with oneself even when the experience itself is no longer present; yet the image remains there immediately. The experience is indeed intense, and through imagination the spiritual connections come into play; the soul is deeply moved, and it then becomes possible to look into the spiritual realm and retain the experience. When a night passes, the experience—which has been intensified by the astral body and the “I” leaving the physical body—is carried out into the spiritual world through sleep. What one has experienced in the physical world, together with the physical and etheric bodies, can be experienced anew in the spiritual world solely with the “I” and the astral body; but upon waking, one brings it back into the physical body. But one does not carry it back in the same way that ordinary consciousness does, which relies on a memory that gradually fades; one carries it back in such a way that it now permeates one’s entire being as if it were a phantom, that one carries it with oneself in full concreteness, in all its intensity, so that it surrounds one like the actual reality of another human being standing before one in the flesh. And then another two or three days or nights pass. And what then occurs after these two or three days and nights is the following: What one first carried up into the spiritual world with the “I” and the astral body, what one has brought back again so that it now works, lives, and vibrates within the physical body—that speaks—as it now turns out—and stands behind the experiences as the governing destiny. The experiences are not merely there; rather, these experiences are now permeated by what brought them about in earlier earthly lives, and by how they will continue to take effect in subsequent earthly lives. Just as we place memory behind us as a shadowy afterimage, so does the one who possesses the science of initiation place the experiences before himself, so that the experiences are immediately before him. But these become transparent as glass, and behind them stands, like a mighty cosmic memory, the karma-in-the-making—the objective memory. And one becomes aware that human beings not only carry within themselves the shadowy memories of their earthly lives, but that their karma is imprinted all around them in the world-ether, in the Akashic Records. Inside is the shadowy memory; outside is the cosmic memory of our destiny throughout our earthly lives, even if it remains unconscious to ordinary consciousness.

[ 10 ] Wir gehen so durch die Welt, daß wir schematisch unseren Gang durch die Welt so zeichnen können (siehe Zeichnung S. 229). Wir gehen hin über den Erdboden, wir haben in uns die schattenhaften Erinnerungen. Würden wir uns einen Menschen vorstellen und diese schattenhaften Erinnerungen in ihm, wir müßten sie wie eine kleine Wolke in dem Gebiete seines Kopfes vorstellen — da, wo der Kopf allmählich übergeht in den Leib —, welche allmählich immer schattenhafter wird gegen den Leib hin. Indem der Mensch so durch die Welt schreitet, ist er umgeben wie von einem ätherischen Nebel, in dem eingeschrieben sind alle Erlebnisse, aber auch alles das, was vom vorigen Erdenleben in ihm eingeschrieben ist. Wir haben eine innere Erinnerung, und wir haben die Erinnerung der Welt außer uns. Jeder Mensch ist mit dieser Aura umgeben. Nicht nur in uns hinein ist erinnerungsgemäß eingegraben das gegenwärtige Erdenleben, sondern um uns herum sind die Erdenleben des Menschen eingegraben. Nicht immer ist es leicht, diese Erinnerung zu entziffern, aber sie ist da. Die Entzifferung ist schwierig, und diejenigen Fälle, in denen ich Ihnen von solcher Entzifferung gesprochen habe in den vergangenen Tagen, sie waren nicht leicht in die Erkenntnis hinaufzubringen. Aber da ist alles. Der Mensch hat nicht nur ein Gedächtnis in sich, der Mensch hat ein aurisches Gedächtnis um sich herum. Es ist nicht möglich, in einem einzigen Augenblick — da, wo man sich dem nähert, was man im Erdenleben durchgemacht hat — dieses Gedächtnis heranzuholen. Dieses “ Gedächtnis braucht immer Tage. Da muß mitarbeiten das Aufwachen und Einschlafen, wie ich es beschrieben habe. Es kann niemals gesagt werden, irgendein Erleben ist da, man soll sich erinnern, wie es gestaltet ist aus früheren Erdenleben heraus. Man muß dieses Erleben klar und imaginativ und mit seiner es durchdringenden Inspiration ins Auge fassen; dann muß man warten, bis es sich enthüllt. Der geistigen Welt gegenüber darf man mit den Forschungen niemals spekulieren, niemals etwas ausdenken, sondern nur die Vorbereitungen treffen, daß etwas aus der geistigen Welt heraus sich offenbaren kann. Wer da glaubt, die geistige Welt zwingen zu können, daß sie ihm dieses oder jenes offenbart, der wird sich gar sehr irren, der wird nur Irrtümer aus ihr herausbekommen. Man muß vorbereiten dasjenige, was man erhoffen kann, mehr oder weniger gnadevoll geoffenbart zu bekommen aus der geistigen Welt heraus.

[ 10 ] We move through the world in such a way that we can schematically depict our path through the world (see illustration on p. 229). We walk across the earth, carrying within us these shadowy memories. If we were to imagine a human being and these shadowy memories within him, we would have to picture them as a small cloud in the region of his head—where the head gradually merges into the body—which becomes increasingly shadowy as it approaches the body. As a person walks through the world in this way, they are surrounded as if by an ethereal mist in which all experiences are inscribed, but also everything that is inscribed within them from their previous earthly life. We have an inner memory, and we have the memory of the world outside of us. Every human being is surrounded by this aura. Not only is the present earthly life engraved within us as a memory, but the earthly lives of human beings are also engraved around us. It is not always easy to decipher this memory, but it is there. The deciphering is difficult, and the cases in which I have spoken to you of such deciphering in recent days were not easy to bring to light. But everything is there. A person does not only have a memory within themselves; a person has an auric memory surrounding them. It is not possible to access this memory in a single moment—when one approaches what one has experienced in earthly life. This “memory” always takes days. The process of waking and falling asleep, as I have described it, must play a part. One can never simply say that a certain experience is there and that one should recall how it took shape from previous earthly lives. One must contemplate this experience clearly and imaginatively, with the inspiration that permeates it; then one must wait until it reveals itself. In one’s exploration of the spiritual world, one must never speculate, never invent anything, but only make the necessary preparations so that something from the spiritual world can reveal itself. Anyone who believes they can force the spiritual world to reveal this or that to them is greatly mistaken; they will only receive errors from it. One must prepare for what one can hope to have revealed, more or less graciously, from the spiritual world.

[ 11 ] Sehen Sie, das ist der Erkenntnisweg, der mit der Initiationswissenschaft das Karma enthüllen kann. Durch ihn wird enthüllt, daß jeder Mensch das Karma wie eine Art Aura um sich trägt. Aber von dem, was der Mensch so an sich trägt, kann man auf diesem Wege der Dankbarkeit im Leben, wie ich sie geschildert habe, eine Ahnung bekommen. Man kann diese Ahnung von dem Eingeschlossensein in einen solchen karmisch-aurischen Mantel bekommen. Nur wird es nicht im Laufe von einigen Tagen gehen, wie bei der Initiations-Erkenntnis, sondern es wird sich bei einer intimeren Selbstbeobachtung des Menschen einstellen nach und nach oftmals für weit zurückliegende Ereignisse, auf die wir gerade den Blick wenden. Aber wenn ein gewisses Ereignis aus der Vergangenheit unseres Erdenlebens reif ist dazu, von uns so beurteilt zu werden, daß wir in es hereinspielen sehen die vorbereitenden Kräfte früherer Erdenleben, so bekommen wir schon eine Ahnung. Nur ist leider heute dasjenige im Seelenleben des Menschen ziemlich selten, was so tief in die eigene Seele hineinschürft, daß es bis zu dieser Auffassung des eigenen Erlebnisses kommt, an das man auch nur in diesem Dankbarkeitsgefühl herandringt. Das Leben wird heute von den Menschen viel zu äußerlich genommen. Man stürmt durch das Leben, hält nicht still an dem Erfühlen der einzelnen Erlebnisse. Es ist schon so: Wenn man mit einer gewissen Empfindung von der kosmischen Bedeutung des Menschenlebens aufgewachsen ist, dann könnte es einem in unserer Zeit manchmal ganz merkwürdig erscheinen, wie wenig die Menschen in Wirklichkeit eigentlich das sind, was sie vorstellen, wie stark die Menschen oftmals einfach mitgenommen werden vom Leben, ohne in diesem Leben individuell stark etwas zu sein.

[ 11 ] You see, this is the path of knowledge that, through the science of initiation, can reveal karma. Through it, it is revealed that every human being carries karma around them like a kind of aura. But one can gain a sense of what a person carries within themselves through this path of gratitude in life, as I have described it. One can gain this sense of being enveloped in such a karmic-auric mantle. However, this will not happen over the course of a few days, as with initiatory knowledge, but will arise gradually through a more intimate self-observation—often in connection with events from the distant past to which we are currently turning our attention. But when a certain event from the past of our earthly life is ripe for us to assess it in such a way that we see the preparatory forces of earlier earthly lives at work within it, then we already gain a sense of it. Unfortunately, however, what delves so deeply into a person’s own soul that it leads to this understanding of one’s own experience—an understanding one can approach only through this feeling of gratitude—is quite rare in people’s spiritual lives today. People today take life far too superficially. They rush through life, failing to pause and truly feel the individual experiences. It is certainly true that if one has grown up with a certain sense of the cosmic significance of human life, it might sometimes seem quite strange in our time how little people actually are what they imagine themselves to be, and how strongly they are often simply swept along by life without being anything of individual significance within it.

[ 12 ] Ich möchte auch da an konkrete einzelne Fälle anknüpfen. sehen Sie, da fiel mir einmal im Leben ein Geschichtslehrer auf, ein Geschichtslehrer, der ein sehr gescheiter Mann war, auch auf seine Schüler den Eindruck eines sehr gescheiten Mannes machte, der, man konnte sagen, wenn er wollte, mit einer gewissen inneren Begeisterung, die er in die Betonung seiner Rede hineinlegte, die Geschichte seinen Schülern vortrug, so daß sich schon, wenn gerade der richtige Augenblick da war, Enthusiasmus für diesen Geschichtslehrer entwickeln konnte. Es war etwas Merkwürdiges mit diesem Geschichtslehrer. Ich sah ihn auftreten, wie er in der Tat unter seinen Schülern zunächst Enthusiasmus entwickeln konnte. Dann nahm ihn das Leben an dem Orte, wo er war, gefangen; er wurde nachlässig, er brachte nicht mehr die eigene Begeisterung auf, die er früher in seine Vorträge hineingelegt hatte. Er las vor aus Büchern, von denen er glaubte, daß die Schüler sie nicht kennen und auch nicht an sie herankommen würden. Nun ist einer der Schüler einmal dem nachgestiegen und hat nachgeschaut, aus welchem Buche das war, was er vorgelesen hatte. Da haben es sich alle Schüler gekauft und haben alles auswendig gelernt, und waren «ausgezeichnete Schüler». Er wurde endlich so oberflächlich, daß er gar nicht mehr dabei war bei dem, was er in seiner Klasse vor seinen Schülern vorbrachte. Nach einer verhältnismäßig kurzen Zeit hatte sich diese Umwandlung vollzogen, und man mußte sich schon wundern, wie wenig er dabei war, nachdem er vor ganz kurzer Zeit noch Begeisterung hervorgerufen hatte. Wieder vergingen ein paar Jahre, und derselbe Geschichtslehrer, von dem ich eine ganze Anzahl von Schülern hatte sagen hören in ordentlicher Begeisterung der Jugend: Das ist einmal ein Mann, der für Geschichte schwärmt, bei dem kann man etwas lernen! —, endete ganz merkwürdig in der trivialsten Lebensversumpfung. In wenigen Jahren war er so stark im trivialen Leben versumpft, daß er außerhalb der Stadt wohnen mußte, in welcher er Lehrer war, weil er so wenig Ansehen hatte, daß er gar nicht in der Stadt wohnen konnte.

[ 12 ] I’d also like to refer to specific individual cases here. You see, there was one history teacher in my life who really stood out—a history teacher who was a very intelligent man, who also gave his students the impression of being a very intelligent man, and who, one could say, when he wanted to, with a certain inner enthusiasm that he infused into the intonation of his speech as he presented history to his students—so that, when the right moment came, enthusiasm for this history teacher could indeed develop. There was something remarkable about this history teacher. I saw how he was indeed able to inspire enthusiasm among his students at first. Then life in the place where he was took hold of him; he became careless; he no longer mustered the enthusiasm he had once put into his lectures. He read aloud from books he believed the students did not know and would not have access to. Then one of the students once followed up on this and looked up which book the passage he had read aloud was from. All the students bought it, memorized everything, and became “excellent students.” He eventually became so superficial that he was no longer even present in what he was presenting to his students in class. After a relatively short time, this transformation had taken place, and one could not help but wonder how detached he had become, considering that only a short time before he had still inspired such enthusiasm. A few more years passed, and the same history teacher—about whom I had heard a number of students say, with the genuine enthusiasm of youth: “Now there’s a man who’s passionate about history—you can really learn something from him!”—ended up, quite strangely, mired in the most trivial of lives. Within a few years, he had become so deeply mired in the trivialities of life that he had to live outside the city where he taught, because he had so little standing that he simply could not live in the city.

[ 13 ] Eine solche Schicksalswendung, die erscheint einem doch als eine große Rätselfrage, und gerade an solchen Schicksalswendungen beginnt man, wenn man das Leben tief genug auffaßt, die karmischen Fragen zu stellen. Denn zahlreiche andere Menschen — wie soll ich sagen — wursteln halt so fort, indem sie so bleiben, wie sie sind, indem sie nicht solche radikalen Wendungen durchmachen. Lebt man dann in der wirklichen Geist-Erkenntnis drinnen, so werden solche Schicksale wie das, was ich Ihnen erzähle, eben zu großen Problemen. Wir werden auf der einen Seite durch Geist-Erkenntnis herangeführt zu den großen Problemen, die uns gestern am Ende einer Inkarnationenreihe Woodrow Wilson gezeigt haben, aber auf der anderen Seite werden wir in dem Leben, das uns unmittelbar umgibt, an die großen Schicksalsfragen des Menschen im Denken herangeführt. Man findet dann schon heraus, wenn man so etwas ganz unbefangen betrachtet: das kann doch nicht aus diesem Leben, in dem man gerade ist, herrühren! Und zahlreich werden in einem Erdenleben noch ganz andere Fälle sein, die nicht eine solche Schicksalswendung finden; da muß man dann mit seinem ganzen Menschenfotschen eingreifen in die Sehnsucht nach dem Verständnis solcher Schicksalsfragen. Und dann stellen sich neben solche Fälle andere hin. Ich will noch ein Beispiel anführen. Gerade diese Beispiele schienen mir immer so — um meiner Anschauung über das Karma die nötige Farbe zu geben — durch mein eigenes Karma mir auf den Weg hingestellt.

[ 13 ] Such a twist of fate seems like a great mystery, and it is precisely at such turning points that one begins—if one understands life deeply enough—to ask karmic questions. For many other people—how shall I put it—simply muddle along, remaining as they are, without undergoing such radical changes. If one lives within true spiritual insight, then destinies such as the one I am describing to you become major problems. On the one hand, spiritual insight leads us to the great problems that Woodrow Wilson showed us yesterday at the end of a series of incarnations; but on the other hand, in the life that immediately surrounds us, we are led in our thinking to the great questions of human destiny. If one looks at such things with a completely open mind, one soon realizes: this cannot possibly stem from the life one is currently living! And there will be numerous other cases in a single earthly life that do not undergo such a twist of fate; in such cases, one must intervene with one’s whole being in the longing to understand these questions of destiny. And then, alongside such cases, others arise. I would like to cite one more example. It was precisely these examples that always seemed to me—in order to give my view of karma the necessary color—to have been placed in my path by my own karma.

[ 14 ] Ich habe eine andere Persönlichkeit, auch einen Lehrer, persönlich kennengelernt. Der war eigentlich noch mehr verehrt als dieser andere, von dem ich gesprochen habe, war ganz außerordentlich verehrt von den Schülern. Die Schüler hatten so die Vorstellung: Das ist der größte Weise, der überhaupt gegenwärtig in der Welt existiert. — Solchen Eindruck hat der Betreffende auf seine Schüler gemacht — nicht auf alle, zum Beispiel nicht auf mich selbst, aber das ist eine Privatsache, das ist nicht charakteristisch — aber auf zahlreiche Schüler. Nun trug sich etwas höchst Merkwürdiges zu. Während man hätte glauben können aus der Art und Weise, wie sich das Verhältnis dieses Herrn zu seinen Schülern begründete — er hatte ja mit allem Enthusiasmus, mit jeder Fiber seiner Seele drinnengesteckt, so daß der Unterricht ihn scheinbar befriedigte —, entdeckte man plötzlich an ihm, daß er außerordentlich froh war, nicht mehr unterrichten zu brauchen, weil er zum Direktor ernannt worden war einer viel minderwertigeren Schule, als die war, an der er früher unterrichtet hatte. Er war froh, die Direktorengeschäfte machen zu können, die ja viel trivialer waren als das eigentliche Unterrichten. Und das Allerauffälligste, das Allerfrappierendste war, daß dieser selbe Mann, der begeistert reden konnte von Homer und Äschylos, der in wunderbarer Weise die Geographie seinen Schülern auseinandersetzte, daß dieser selbe Mann im trivial-politischen Parteiwesen endete. Geradezu unbegreiflich!

[ 14 ] I personally met another figure, also a teacher. He was actually revered even more than the other one I mentioned; he was held in extraordinary esteem by his students. The students had this idea: He is the greatest sage currently living in the world. — That is the impression this person made on his students—not on all of them, for example not on me personally, but that is a private matter, it is not representative—but on numerous students. Now, something highly peculiar occurred. While one might have expected, given the nature of this gentleman’s relationship with his students—he had, after all, thrown himself into it with all his enthusiasm, with every fiber of his soul, so that teaching seemed to satisfy him— one suddenly discovered that he was extraordinarily glad to no longer have to teach, because he had been appointed principal of a school far inferior to the one where he had previously taught. He was glad to be able to carry out the duties of a principal, which were, after all, much more trivial than the actual teaching. And the most striking, the most astonishing thing was that this very same man, who could speak enthusiastically about Homer and Aeschylus, who explained geography to his students in a marvelous way—that this very same man ended up in trivial party politics. Downright incomprehensible!

[ 15 ] Ich führe dieses Beispiel eben nur als Beispiel an, denn ich könnte zu den beiden, die ich angeführt habe, noch eine ganze Anzahl hinzufügen. Es würden das solche Persönlichkeiten der weiter ausgebreiteten Gegenwart sein, bei denen man eigentlich das Gefühl hat: die sind wenig in ihrem Ich vom Leben ergriffen worden. Sie stehen als Persönlichkeiten da, die wenig vom Leben individuell ergriffen worden sind, sondern das Leben faßte sie von außen an. Faßt es sie einmal an, wenn sie noch nahestehen ihrer Seminarprüfung, ihrer Universitätsbildung, wo sie begeistert gehört haben, dann sind sie mit Begeisterung drinnen. Faßt das Leben sie mehr mit Trivialem an, dann finden sie sich ins Triviale hinein, dann sind sie auch zufrieden; nichts faßt ganz tief die Seele in ihnen. Wenn es nach der Gescheitheit ginge, nach der Verständigkeit — ja, wie viele Menschen wären heute Anthroposophen! Denn gescheit genug zur Anthroposophie sind heute Millionen und aber Millionen von Menschen. Dasjenige, was in unserer Zeit hindert, gerade an Anthroposophie heranzukommen, das ist dieses: das Leben oberflächlich nehmen mit seiner Seele, mit seiner Seele gar nicht hinkommen zu dem Leben, das Leben so vorüberfluten lassen in seinen Tiefen und in seinen Oberflächen und Banalitäten. Man geht in das eine Leben hinein wie in das andere, kann eine Zeitlang ein kleiner Schulreformer sein, nachher den ganzen Tag im Kaffeehaus sitzen und Billard spielen, den lieben langen Tag gar nicht eine Pause darin machen. Solche Dinge ereignen sich ja in unserem Leben.

[ 15 ] I am citing this example merely as an illustration, for I could add quite a few more to the two I have already mentioned. These would be figures from the broader contemporary scene who give one the distinct impression that life has had little hold on their sense of self. They stand out as individuals who have been little affected by life on a personal level; rather, life has touched them from the outside. If life touches them once—when they are still close to their seminar exam or their university education, where they listened with enthusiasm—then they are fully immersed in it with enthusiasm. If life touches them more through trivial matters, then they find themselves drawn into the trivial, and they are content with that as well; nothing touches their soul very deeply. If it were a matter of cleverness or intellectual understanding—well, how many people would be anthroposophists today! For millions upon millions of people today are clever enough for anthroposophy. What prevents people in our time from even approaching anthroposophy is precisely this: taking life superficially with one’s soul, failing to connect with life through one’s soul at all, letting life flow past in its depths, on its surface, and in its banalities. One goes from one phase of life to the next, might be a small-time school reformer for a while, then spend the whole day sitting in a coffeehouse playing billiards, without taking a single break all day long. Such things do indeed happen in our lives.

[ 16 ] Sehen Sie, da entsteht die große Frage: Wie kommt das zustande? — Für zahlreiche Seelen zeigt es sich, auf welch merkwürdige Weise das zustande gekommen ist. Eine ganze Anzahl solcher Persönlichkeiten wie ich sie durch die beiden Exempel geschildert habe, führen einen zurück in die ersten christlichen Jahrhunderte, wo diese Persönlichkeiten ihre maßgebenden früheren Erdenleben hatten, in diejenigen christlichen Jahrhunderte, wo das Christentum im Süden und auch schon etwas in der Mitte von Europa die Gestalt angenommen hatte, die es später vielfach für den Menschen beibehalten hat; wo jene Mysterienweisheit verglommen war, von der ich gezeigt habe in meinem Buch «Das Christentum als mystische Tatsache », daß aus ihr das Christentum herausgewachsen ist, das kosmische Christus-Erlebnis, das Wissen davon, daß aus der Sonne, die ein Geistiges ist im Kosmos, der Christus ausgegangen ist und auf die Erde gekommen ist, um der Erde das zu sein, was es ihr geworden ist. Dieses Wissen, das von der Erde heraus sich weitet in kosmische Geistigkeit hinein, dieses Wissen war bei den maßgebenden christlichen Menschen im ersten Jahrhundert vorhanden und verglomm im vierten, fünften, sechsten, siebenten nachchristlichen Jahrhundert. Dann verglomm es so sehr, daß es ja heute so weit gekommen ist — aber dazumal hat es schon begonnen —, daß der größte Vorwurf für die Auffassung des Christus durch die Anthroposophie darin besteht: die Anthroposophie fasse den Christus als ein kosmisches Wesen, als ein Sonnenwesen auf. Sie sehen es überall bei den Gegnern: das wird der Anthroposophie zur größten Sünde gerechnet, daß sie den Christus kosmologisch auffaßt. Da wird gesagt: Das ist ein Aufwärmen dessen, was einmal als gnostisches Christentum da war. — Nun wissen die Leute ja nicht, was gnostisches Christentum überhaupt ist. Denn außer einigem Wenigen, aus dem wenig zu entnehmen ist, wie die Pistis Sophia, ist ja die Gnosis der Nachwelt nur durch die Gegnerschriften bekanntgeworden. Gnosis kennt man eigentlich nicht. Man weiß nur durch die Gegnerschriften davon. Denken Sie einmal über die Frage nach: Wenn von der Anthroposophie nichts bekannt bleiben würde als die Schriften meiner heutigen Gegner, wenn alles vernichtet würde außer den Schriften meiner Gegner, wie man da Anthroposophie in der Nachwelt schildern würde! — Das ist, was von manchen Leuten angestrebt wird und von manchen Kritikern: die anthroposophischen Bücher, die ja zahlreich vorhanden sind, so zu behandeln wie die gnostischen Schriften. Dann wären nur die Schriften der Gegner da; sie wären das erste, worauf man hinsehen würde: lauter Gegnerbücher! Das wäre höchst interessant. In bezug auf die Gnosis konnten die Menschen für die äußere Forschung nichts anderes bekommen als die Gegnerbücher. So daß der Satz ein einfacher Unsinn ist: «Die alte Gnosis wird aufgewärmt»; denn niemand kann es tun, der nicht die Gnosis selber kennt aus ihren Schriften, diese aber sind verlorengegangen! Aus Schriften, die zumeist von Gegnern geschrieben sind, kann man sie nicht kennenlernen; etwas anderes ist aber nicht auf die Nachwelt gekommen. Aber immerhin, auch das zeigt, daß es einem als die größte Sünde angerechnet wird, wenn man den Christus zusammenbringt mit dem Geiste des Kosmos. In einer wirklichen Auffassung der Evangelien muß jede Seite, jeder Satz der Evangelien auf das Kosmische im Christus hinweisen. Aber das ist allmählich vertilgt worden. Und in der Zeit, in der es am meisten vertilgt worden ist, sind zumeist diejenigen Menschen inkarniert gewesen, die, wenn sie heute wiederkommen, nicht den Anschluß an das Leben finden, weil sie in ihrer vorigen Inkarnation, wo sie auch schon klug und gescheit waren, unmöglich durch ihre Zeitbildung etwas wissen konnten über den Zusammenhang der Erde mit dem geistigen Leben im Kosmos. Weil sie gewissermaßen so hintaumelten durch das Leben, wie wenn die Erde nur ganz in sich selber abgeschlossen wäre und da draußen nichts zu sehen wäre als physische Sterne, wenden sie sich bei ihrer Wiederverkörperung gleichsam hintaumelnd an das auf sie wirkende reale Leben.

[ 16 ] You see, this raises the big question: How did this come about? — For many souls, it becomes clear just how remarkable the way this came about is. A whole number of such personalities, as I have described in the two examples, lead one back to the early Christian centuries, when these personalities lived their formative earlier earthly lives—to those Christian centuries when Christianity had taken on, in the south and to some extent already in central Europe, the form that it later largely retained for humanity; where that mystery wisdom had faded—the wisdom from which, as I have shown in my book Christianity as a Mystical Fact, Christianity grew forth: the cosmic experience of Christ, the knowledge that Christ had gone forth from the Sun—which is a spiritual entity in the cosmos—and had come to Earth to be for the Earth what it has become. This knowledge, which expands from the Earth into cosmic spirituality, was present among the leading Christian figures of the first century and faded away in the fourth, fifth, sixth, and seventh centuries A.D. It then faded to such an extent that we have reached the point we are at today—though it had already begun back then—that the greatest criticism leveled against the anthroposophical conception of Christ is that anthroposophy conceives of Christ as a cosmic being, as a solar being. You see this everywhere among its opponents: it is considered the greatest sin of anthroposophy that it conceives of Christ in cosmological terms. People say: This is a rehash of what once existed as Gnostic Christianity. — Well, people don’t actually know what Gnostic Christianity is at all. For apart from a few texts—from which little can be gleaned, such as the Pistis Sophia—Gnosticism has become known to posterity only through the writings of its opponents. Gnosticism is not really known. We know of it only through the writings of its opponents. Think about this question for a moment: If nothing were to remain known of anthroposophy except the writings of my current opponents—if everything were destroyed except the writings of my opponents—how would anthroposophy be portrayed to posterity? — That is what some people and some critics are striving for: to treat the anthroposophical books—which are, after all, numerous—in the same way as the Gnostic writings. Then only the writings of the opponents would remain; they would be the first thing people would look at: nothing but books by opponents! That would be highly interesting. With regard to Gnosticism, people could obtain nothing else for external research but the books written by opponents. Thus, the statement “Ancient Gnosticism is being revived” is sheer nonsense; for no one can do so who does not know Gnosticism itself from its own writings—and these have been lost! One cannot come to know it from writings that are mostly authored by opponents; but nothing else has survived for posterity. Still, even this shows that it is considered the greatest sin to associate Christ with the spirit of the cosmos. In a true understanding of the Gospels, every page, every sentence of the Gospels must point to the cosmic aspect of Christ. But this has gradually been eradicated. And during the period when this aspect was most thoroughly eradicated, it was mostly those people who were incarnated who, if they were to return today, would be unable to find their place in life—because in their previous incarnation, though they were already wise and intelligent, they could not possibly have known, given the limitations of their time, anything about the connection between the Earth and spiritual life in the cosmos. Because they stumbled through life, as it were, as if the Earth were entirely self-contained and there were nothing out there to see but physical stars, they turn—as it were, stumbling—toward the real life that acts upon them upon their reincarnation.

[ 17 ] So schaut man in das Schicksal der Menschen hinein. Man kommt darauf, wie die Zeitbildung auf eine ganz große Menge von Menschen diesen Einfluß genommen hat, daß sie sie veroberflächlicht hat und sie schon mit der Anlage zur Veroberflächlichung in diesem Leben erscheinen, wie ich es Ihnen geschildert habe. Denn so erleben Sie diese Menschen, die einmal in einer früheren Inkarnation den Zusammenhang mit den Geistesmächten im Kosmos verloren haben: sie können in der nächsten Inkarnation, für welche die betreffende maßgebend war, den Zusammenhang mit dem irdischen Leben nicht finden. Alle kosmischen Gedanken sollen aber nicht bloß Betrachtungen in unser Leben hineinbringen, sondern Wille, Tat. Und da müssen wir denn doch bedenken: Wie wird es in der Zukunft gehen, wenn nun zu dem Nicht-Erfassen des Geistes im Kosmos auch noch das Nicht-Erfassen des irdischen Lebens kommt, das Hingehen durch die Trivialitäten in derselben Art wie durch die Tiefen des Lebens? — Da wird die Karmabetrachtung wirklich ernst. Sie kann nur in ernstester Weise unter uns leben. Ich wollte heute mehr von der Gefühlsseite aus eine Karmabetrachtung geben.

[ 17 ] This is how one gains insight into human destiny. One comes to understand how the development of the times has influenced a very large number of people in such a way that it has made them superficial, and they already appear in this life with a predisposition toward superficiality, as I have described to you. For this is how you experience these people, who once, in a previous incarnation, lost their connection with the spiritual powers in the cosmos: in the next incarnation—which was shaped by that previous one—they cannot find a connection with earthly life. But all cosmic thoughts should not merely bring contemplation into our lives, but will and action. And so we must consider: What will the future hold if, in addition to failing to grasp the spirit in the cosmos, we also fail to grasp earthly life—moving through trivialities in the same way as through the depths of life? — That is when the contemplation of karma becomes truly serious. It can only live among us in the most serious way. Today I wanted to offer a contemplation of karma from a more emotional perspective.