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Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge
Band VI
GA 240

28 Januar 1924, Zürich

Die Bedeutung der die Erde umgebenden Himmelskörper für das Leben des Menschen III

[ 1 ] (nach einer unvollständigen Nachschrift)

[ 2 ] Wenn wir als Menschen die Welt um uns herum betrachten, dann finden wir als menschliche Umgebung zunächst alles dasjenige, was auf der Erde ist: die Wesen der verschiedenen Reiche der Erde, des mineralischen, des pflanzlichen, des tierischen Reiches, wir finden das Menschenreich, zu dem wir selber gehören, und wir finden alles dasjenige, was zu diesen Reichen hinzugehört, was aus ihnen gebildet wird: Berge, Flüsse, Wolken. Richten wir dann den Blick weiter hinaus in das Weltall, dann finden wir das Weltall übersät mit Sternen, Fixsternen, Planeten, und es wird wohl auch klar durch die anthroposophische Betrachtung, daß diese verschiedenen Sterne, ebenso wie unsere Erde, ihre Bewohner haben. Aber der Mensch findet, indem er zunächst seinen Blick sowohl in seine irdische Umgebung wie auch hinaus in die Weiten des Weltalls wendet, in dieser räumlichen Umgebung Wesenheiten, die nur mit einem Teil seines Selbstes etwas zu tun haben, Wir wissen ja aus den anthroposophischen Betrachtungen, daß wir Menschen gegliedert sind in einen physischen Leib, einen Ätherleib, einen Astralleib und ein Ich. Wir wissen, daß wir im Schlaf mit dem Ich und dem Astralleib uns trennen von dem physischen Leib und Ätherleib. Aber alles, was wir mit unseren Augen sehen, mit unseren Sinnen in der Welt wahrnehmen können, steht nur in Beziehung mit unserem physischen und unserem Ätherleib. Es steht zunächst in keiner Beziehung zu unserem Astralleib und zu unserem Ich. Nur zwei Sterne machen davon eine Ausnahme: die Sonne und der Mond. Die Sonne und der Mond sind ja ebenso von geistig-seelischen Wesenheiten bewohnt wie die Erde mit dem Menschen selbst. Aber auch die anderen Sterne des weiten Weltenalls sind von geistig-seelischen Wesenheiten bewohnt, nur hat der Mensch zu dem eigentlich Geistig-Seelischen der weiten Sterne zunächst nur eine sehr indirekte Beziehung während seines Lebens zwischen Geburt und Tod. Nur die beiden genannten Sterne, Sonne und Mond, machen davon eine Ausnahme. Sie sind gewissermaßen für uns Menschen die zwei Tore, durch die wir auch schon während des physischen Erdenlebens im Zusammenhang stehen mit der geistigen Welt. Und sie selbst, Sonne und Mond, stehen mit uns in Beziehung, und zwar so, daß die Sonne in Beziehung steht mit unserem Ich, der Mond mit unserem Astralleib. Wir werden uns nähern dem Verständnis desjenigen, was ich eben gesagt habe, wenn wir ein wenig auf dasjenige hinschauen, was wir in den Büchern und verschiedenen Zyklen ausgeführt finden.

[ 3 ] Aus ihnen wissen Sie, daß der Mond, der heute als Begleiter der Erde, aber frei, durch den Weltenraum wandelt, einmal mit der Erde in Verbindung war, daß er mit der Erde einen einzigen Körper dargestellt hat, daß er sich zu einem gewissen Zeitpunkte losgerissen hat von der Erde, hinausgegangen ist in das Weltall und nun im Weltall eine Art Kolonie der Erde bildet. Aber das ist nicht nur der Fall in bezug auf dasjenige, was als Erscheinung des Physischen des Mondes herunterschaut von ihm zu uns, es ist auch der Fall mit den Wesenheiten, die ihn bewohnen. Auch das wissen Sie, daß die Erde einmal bewohnt war nicht nur von Menschen, sondern von einer Art höherer Wesenheiten, welche die ersten großen Lehrer der Menschheit waren. Diese Wesenheiten waren nicht, wie die Menschen jetzt, in einem physischen Leibe, sondern nur in einem feinen ätherischen Leibe. Aber es gab doch einen Verkehr zwischen den Menschen und diesen Wesenheiten noch bis in die atlantische Zeitepoche hinein. Dieser Verkehr bestand darin, daß die Menschen dieser Urzeiten der Erde angehalten wurden, in einer gewissen Weise Stille in ihrem Gemüte walten zu lassen, nichts aus ihrer physischen Umgebung wahrzunehmen, sondern nur mit ruhiger Seele in vollständiger Gemütsruhe zu verharren. Und dann war es diesen Menschen der Urzeiten — uns selber, denn wir waren ja alle in unseren vorigen Erdenleben auf unserer Erde —, als ob von innen heraus diese Wesenheiten sprechen würden, und die Menschen fühlten und empfanden das als die Inspiration. Nicht so, wie wir einander Dinge mitteilen, teilten diese vorgerückten Wesenheiten den Menschen das mit, was sie ihnen mitzuteilen hatten, sondern auf die Art, wie ich es Ihnen angegeben habe. Die Menschen machten aus alledem die Werke einer wunderbaren Urweisheit. Der Mensch der Gegenwart ist ja im Grunde genommen so furchtbar hochmütig, er dünkt sich so grenzenlos gescheit. Er ist es ja auch im Vergleich mit dem Urmenschen, aber Gescheitheit allein führt eben nicht zur Weisheit, führt nicht zum Wissen. Gescheitheit kommt aus dem Verstande, und der Verstand ist nicht das einzige Werkzeug, das zum Wissen führt. Es waren tiefere Kräfte der Seele, welche in den Urzeiten die Menschen zum Wissen führten, das sie auch nicht in Verstandesformeln, nicht einmal in unserer philiströsen Grammatik — denn alle Grammatik ist philiströs — zum Ausdruck brachten, sondern in halb dichterischen Werken. Diese Urweisen, welche die Menschheit lehrten durch Inspiration dieser vorgerückten Wesenheiten, drückten aus in Werken, welche halbe Dichtung waren, in grenzenlos schönen, bildhaften Darstellungen dasjenige, was an äußeren Dokumenten bis auf unsere heutigen Zeiten erhalten geblieben ist. Nehmen wir die Vedenliteratur der Inder, die Jogaphilosophie, die Vedantaphilosophie, die persischen Urkunden, die ägyptischen Urkunden, alles das bewundern wir, und wir sind Toren, wenn wir es nicht bewundern. Je mehr man sich in die Dinge einlebt, je mehr man sich ihnen hingibt, desto mehr sagt man sich: Ja, wir sind heute gescheit, und diese alten Menschen waren nicht so gescheit, aber dasjenige, was sie als Wissen in einer wunderbar schönen poetischen Form dargestellt haben, ist tief, führt tief hinein in die Geheimnisse der Welt. Und die äußeren Dokumente, die wir schon so sehr bewundern, von denen wir erschüttert werden, wenn wir das Herz auf dem rechten Fleck haben, sie sind nur die letzten Reste desjenigen, was einmal durch mündliche Überlieferung in der Menschheit vorhanden war, was nur noch die Geisteswissenschaft ergründen kann an wunderbarer, uralter Urweisheit. Aber die Menschen sind sozusagen herausgewachsen aus dieser Urweisheit. Sie wären unmündig geblieben und nicht zur Freiheit eines Wissens durch eigene Kraft gekommen, wenn sie bei der Urweisheit stehengeblieben wären.

[ 4 ] Damit aber hatten jene großen Urlehrer auch keine Aufgabe mehr auf der Erde. Sie verließen die Erde. Geradeso wie das Physische des Mondes in die Weiten des Weltalls hinausgegangen ist, so gingen mit dem Monde hinaus die großen Urlehrer. Sie bilden heute eine Art Weltenkolonie auf dem Monde, und derjenige, der mit Initiationswissenschaft den Mond betrachtet, findet ihn bevölkert von denjenigen weisen Wesenheiten, die einmal Genossen der Menschheit waren. Diese Wesenheiten, man kann ihre Weisheit noch ergründen, wenn man durch eine höhere Fortbildung dessen, was ich beschrieben habe in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», dazu gelangt, sich mit diesen Mondwesen zu verständigen. Dann aber erfährt man etwas ganz Besonderes: Man erfährt von ihnen, daß sie heute, trotzdem sie nicht auf der Erde sind, für die Erde eine bedeutsame Aufgabe haben. Es ist schwer, mit irdischen Worten, die nicht dafür gebildet sind, auszudrücken, welche für die Menschheit so bedeutsame Aufgabe diese Mondwesen haben. Sie führen gewissermaßen Buch über die ganze Menschheitsvergangenheit, über jeden einzelnen Menschen. Nicht solche Bücher, wie wir sie in unseren Bibliotheken haben, aber doch etwas, was wir Bücher nennen können, und in diesen Büchern ist für jeden einzelnen Menschen dasjenige verzeichnet, was in seinen aufeinanderfolgenden Erdenleben von ihm erlebt worden ist. Den Mond kennenlernen heißt, die menschliche Vergangenheit kennenlernen. Wenn wir aus dem vorgeburtlichen Dasein, in dem wir sind zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, aus den Weltenweiten hinuntersteigen auf die Erde, dann gehen wir durch die Mondensphäre hindurch und dann werden wir innerlich berührt von demjenigen, was in der großen Buchhaltung der Mondweisen über unsere Vergangenheit aufgezeichnet ist. Diese unsere Vergangenheit wird, bevor wir heruntersteigen auf die Erde, unserem astralischen Leibe eingeprägt. In unserem astralischen Leibe, den wir herunterbringen in das irdische Dasein, finden wir die Einzeichnungen dieser Mondenwesen. Das geht unter gewöhnlichen Verhältnissen nicht bis in unseren Kopf herein. Der Kopf ist für die meisten Dinge während seiner Erdenzeit überhaupt kein so außerordentlich wichtiges Organ. Er ist es für die äußeren materiellen Begriffe und Ideen. Dasjenige, was von den Mondenwesen eingezeichnet wird in die menschliche Wesenheit in der letzten Stufe ihres Heruntersteigens vom Weltenall auf die Erde, das ist sogar — der Mensch mag es glauben oder nicht — eingezeichnet in denjenigen Teil unseres menschlichen Wesens, den wir die geistige Seite unseres Gliedmaßen-Stoffwechselmenschen nennen. Ganz im Unterbewußtsein ruht es daher, aber es ist da, geht in das Wachstum über, geht in die Gesundheit über, und namentlich geht es über in dasjenige, was ich nennen möchte die Heilbarkeit eines Menschen, wenn er auf der Erde erkrankt. Es ist ja natürlich eine wichtige Angelegenheit, kennenzulernen, was das Wesen der Krankheit ist, aber eine viel wichtigere Angelegenheit ist es, kennenzulernen, wie man heilt. Nun ist schon übersinnliche Erkenntnis ein wesentliches Hilfsmittel beim Erkennen der Wesenheit der Krankheit; das ist aber die Kenntnis desjenigen, was auf diese Art in Wachstum, in den Ernährungskräften, in den Atmungskräften eingezeichnet liegt aus der Akasha-Chronik der Mondwesen. Das ist dasjenige, was macht, daß der Mensch größeren oder geringeren Widerstand einer Heilung für irgendeine Krankheit entgegensetzt. Der eine Mensch wird leichter, der andere schwerer geheilt. Das hängt ganz davon ab, wie aus seinem Karma heraus, aus seinem vorigen Erdenleben, diese Einzeichnungen getroffen werden.

[ 5 ] Sehen Sie, wenn wir hinschauen auf dasjenige, was der Mond da draußen mit seinen Bewohnern für uns Erdenmenschen ist, so kommen wir darauf, zu sagen: Er hängt innig zusammen mit allem demjenigen, was unsere Vergangenheit ist, die zurückreicht auf die vorhergehenden Erdenleben. Das Mondendasein richtig verstehen, wie es da draußen in den Weiten des Weltalls existiert, heißt, auf der Erde fühlen und empfinden die Vergangenheit der Menschen. Nun setzt sich das menschliche Schicksal zusammen aus demjenigen, was wir herübertragen aus dem vorigen Erdenleben, also aus unserer Vergangenheit, und dem, was wir während unseres Lebens in der Gegenwart erfahren können. Und aus demjenigen, was in der Gegenwart erfahren werden kann, zusammen mit unserer Vergangenheit, bildet sich das Schicksal weiter in die Zukunft hinein in die folgenden Erdenleben. Kosmisch betrachtet, erscheint uns also der Mond mit seinen Wesenheiten als dasjenige, was unsere Vergangenheit in unserem Schicksal zimmert.

[ 6 ] Sie sehen daraus, wie wenig die gegenwärtige Erkenntnis weiß von dem, was eigentlich die Weltenkörper draußen sind. Die physikalische Erkenntnis des Mondes, an die wir heute gewohnt sind, ist im Grunde eigentlich gar keine Erkenntnis. Derjenige, der den Mond heute physikalisch beschreibt, der denkt sich, daß das, was er auf den Mondkarten als Gebirge abgebildet findet, immer schon dagewesen sei. Es ist naiv, das zu glauben. Die Mondenwesen waren immer da, das GeistigSeelische des Mondes war da, nicht aber die physische Materie. Sie werden es sich klarmachen können, wenn Sie auf den Menschen selber schauen. Der Mensch tauscht im Laufe seines Erdenlebens seine physischen Stoffe fortwährend aus. Nach sieben bis acht Jahren haben wir nichts mehr von dem Stofflichen, was wir in uns tragen, in uns. Es ist alles ersetzt. Was in uns geblieben ist, ist das Geistig-Seelische, und so ist es auch bei den Weltenkörpern. Sie können heute auf den Mond hinaufschauen: Sein Stoff, wenn er auch länger dauernd ist als der menschliche Stoff, ist im Laufe der Zeiten ein ganz anderer geworden; nur das Geistig-Seelische bleibt. Man bekommt eben, wenn man diese Dinge ins Auge faßt, eine ganz andere Ansicht über das Weltall, als man sie hat aus dem, was heute materielle Erkenntnis ist. Diese materielle Erkenntnis ist ja außerordentlich klug, gescheit und verständig, sie kann vor allen Dingen rechnen, und sie rechnet todsicher. Die Rechnungen sind immer richtig, aber sie sind nicht wahr. Sehen Sie, es rechne heute einer aus die Struktur des Herzens. Er beobachtet sie heute, und in einem Monat beobachtet er sie wieder: Sie hat sich verändert, nicht viel. In einem weiteren Monat auch wieder nicht viel, und dann schaut er nach, wieviel sich das Herz verändert hat in einem Jahr. Er braucht nur zu multiplizieren, so hat er es für zehn Jahre. Er kann ausrechnen, wie das Herz vor dreihundert Jahren war, wie es in dreihundert Jahren sein wird, und die Rechnung wird sicher stimmen. Nur war das Herz vor dreihundert Jahren nicht da und wird in dreihundert Jahren nicht da sein. So wird es auch in bezug auf andere Dinge gemacht. Die Rechnungen stimmen immer, aber sie stimmen nicht mit der Wirklichkeit überein. So ist es auch in bezug auf das äußere Substantielle der Himmelskörper. Sie wechseln ihre Substanz, aber das Geistig-Seelische bleibt. Und für den Mond ist dieses Geistig-Seelische dasjenige, was durch die großen Registratoren unseres vergangenen Lebens in unser Schicksal einverwoben wird, was eben zusammenhängt mit einem Teil dieses unseres Schicksalgewebes als Mensch.

[ 7 ] So ist der Mond in der Tat das eine der Tore, die den Menschen hinweisen in die geistige Welt, aus der heraus sein Schicksal gewoben wird von Wesenheiten, welche einmal unsere weisen Genossen auf der Erde waren in jener Zeit, wo die Menschen aus einem Instinkt heraus sich selbst ihr Schicksal gewoben haben. Jetzt ist das Weben des Schicksals ganz im Unterbewußten. Wir werden nachher noch weiter darüber hören.

[ 8 ] Es gibt noch ein anderes Tor hinüber in die geistige Welt: das ist die Sonne. Wenn man durch Initiationswissenschaft die Sonne kennenlernt, dann trifft man nicht Wesenheiten, welche zusammenhängen mit unserer Erde selber wie die Mondwesenheiten; man trifft nicht Wesenheiten in der Sonne, die einmal die Erde bewohnt haben. Man trifft diejenigen Wesenheiten, die Sie bezeichnet finden in meiner «Geheimwissenschaft» als Angeloi und die höheren Wesenheiten in den Hierarchien. Wenn ich sage «in der Sonne», so müssen Sie sich natürlich solche in der ganzen Sphäre der Sonne, in der ganzen Lichtflut, die von der Sonne ausgeht, vorstellen. Die Sonne ist der Wohnsitz der Angeloi, Engel, jener Wesenheiten, von denen je eine immer zusammenhängt mit einem Menschenindividuum. Und wir Menschen hängen schon einmal mit Bezug auf unser Ich mit diesen höheren Individuen zusammen, und wir hängen durch das Sonnendasein mit diesen höheren Individuen zusammen. Die Angeloi sind gewissermaßen die kosmischen Vorbilder des Menschen, denn der Mensch wird einmal die Rangstufe der Angeloi erreichen. Auf der Sonne leben diejenigen Wesenheiten, denen wir uns hinsichtlich ihrer Beschaffenheit selber nähern. Daraus werden Sie schon entnehmen, daß ebenso, wie mit dem Mondendasein unsere Vergangenheit, so mit dem Sonnendasein unsere Zukunft zusammenhängt. Mond und Sonne stellen eine Welt unserer Vergangenheit und unserer Zukunft dar, und wenn wir auf der einen Seite sehen, daß die Mondenwesen die Buchhalter unserer Vergangenheit sind, daß gewissermaßen unsere vergangenen Erdenleben auf den Blättern ihrer Bücher eingezeichnet sind, so wird uns durch die Initiationswissenschaft klar, daß wir zu den Angeloi, Engeln, hinschauen müssen, wenn wir uns um unsere Zukunft kümmern, Wir tun ja fortwährend etwas, vielleicht nicht alle, aber die meisten Menschen müssen ja etwas tun. Geradeso wie dasjenige, was wir in der Vergangenheit getan haben, in unser gegenwärtiges Leben hineinwirkt, so müssen diejenigen Dinge, die wir in der Gegenwart tun, in die Zukunft hineinwirken. Sie können aber nur dadurch in die Zukunft hineinwirken, daß gewissermaßen die Angeloi hinlenken ihre Seelenblicke auf dasjenige, was der Mensch in der Gegenwart tut, und es zur Wirkung bringen in der Zukunft. Es ist eine sehr gute Empfindung, wenn man mit diesem Berufe der Angeloi in der Welt rechnet. Wir vollbringen ja manches, was in der Zukunft Früchte tragen soll. Die Gegenwartsmenschheit ist in bezug auf solche Dinge furchtbar gedankenlos geworden. Sie sollte solche Dinge ins Auge fassen, und wenn der Mensch irgend etwas tut, so soll er an seinen Angelos denken, etwa so: «Mein schützender Geist empfange dasjenige, was meine Tat ist, als eine Wurzel und bringe Früchte daraus hervor.» Je bildlicher, je anschaulicher ein Mensch also anknüpft eine solche Ansprache an seinen Angelos für Taten, die in der Zukunft Früchte tragen sollen, desto mehr wird von diesen Früchten in der Zukunft vorhanden sein können. — So also, wie die Mondenwesen unser vergangenes Schicksal aufbewahren, so weben fortwährend die Sonnenwesen neues Schicksal in die Zukunft hinein. In Wahrheit wird nicht nur das äußere physische Sonnenlicht von der Sonne auf die Erde hinuntergeschickt, nicht nur der äußere Mondenschein; sondern wenn wir mit geistigen Blicken hinschauen zu Sonne und Mond, so wissen wir, daß der Mond in Zusammenhang steht mit unserem astralischen Leibe. Durch diese Beziehung zu unserem astralischen Leibe ist der Mond der Ausgangspunkt für alles dasjenige, was aus unserer Vergangenheit heraus in unser Schicksal hineinverwoben wird. Die Sonne steht in Zusammenhang mit unserem Ich, und durch die Wesenheiten, die uns ein Vorbild sind für unsere kosmische Zukunft, steht die Sonne in Beziehung zu dem, was unser zukünftiges Schicksal ist. So weben sich in Sonne und Mond, die miteinander äußerlich in Lichtwirkung stehen, im Bilde in der Wechselbeziehung von Sonne und Mond die himmlischen Spiegelbilder unseres Schicksals.

[ 9 ] Die Initiationswissenschaft liefert in dieser Beziehung eine wirkliche Erklärung dieses Tatbestandes. Wenn derjenige, der wirklich so weit gekommen ist, wie es nötig ist — ich habe es in meinem Buch «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» beschrieben —, den Vollmond betrachtet, dann sieht er nicht nur das, was das menschliche Bewußtsein sieht, sondern er sieht vor allen Dingen im mitgeteilten Lichte sein vergangenes Schicksal, den Inhalt seines vergangenen Erdenlebens. Und wenn er den entsprechenden Geistesblick geschärft hat und er schaut hin an eine Stelle, wo der Neumond ist, den man nicht sieht mit dem physischen Auge, dann wird ihm dasjenige, was ihm jetzt aus dem dunklen Neumond entgegenfinstert, entgegenschattet, der große Mahner aus seinem Schicksal heraus, der ihm zuruft, wie er sich gegenüber Dingen seiner Vergangenheit im vorigen Erdenleben zu verhalten hat, um sie wieder auszugleichen in der karmischen Entwickelung.

[ 10 ] In einer ähnlichen Beziehung kann der Mensch zur Sonne stehen. Auch da kann er dasjenige, was ihm winkt an künftigen Schicksalsbestimmungen, wenigstens im allgemeinen, wenn auch nicht im speziellen, ahnen. Wenn wir jetzt vom Kosmischen absehen und hinschauen auf den Menschen selber, dann finden wir ja das menschliche Schicksal wirklich in wunderbarer Weise aus zwei Elementen heraus gewoben.

[ 11 ] Wenn zwei Menschen, sagen wir der eine in seinem fünfundzwanzigsten, der andere in seinem dreißigsten Jahre, einander begegnen, so kann der Fall eintreten — er wird es nicht immer —, daß, wenn der eine oder der andere zurückblickt auf sein bisheriges Erdenleben, ihm ganz klar wird: sie haben ihre Lebenswege so durchgemacht, als ob sie einander gesucht hätten. Es ist nur eine Gedankenlosigkeit, wenn wir auf solche Dinge nicht aufmerksam werden. Schon das Kind hat die Richtung des Weges genommen, der es dahin führen mußte, wo es den anderen Menschen trifft, und der andere Mensch hat auch diesen Weg genommen, und alles dasjenige, bis zum gemeinsamen Treffpunkt, es hat sich im Unterbewußten vollzogen. Aber was hat denn im Unterbewußten gewirkt? Wenn der eine der A ist und der andere der B, so ist der A hinuntergestiegen durch die Mondensphäre, bevor er das Erdenleben betreten hat. Die Mondenwesen haben in die Bücher, auch in den astralischen Leib dasjenige eingezeichnet, was er gemeinsam hatte im vergangenen Erdenleben mit dem B, und diese Eintragungen in die Akasha-Mondchronik, die haben den Weg beeinflußt, ebenso bei dem B. Von dem Momente an, wo sich die beiden Menschen treffen, hört das Unterbewußte auf, die alleinige Bedeutung zu haben, denn dann werden die Menschen einander ansichtig. Sie machen aufeinander einen Eindruck. Sie werden einander sympathisch oder antipathisch. Es wirkt nicht mehr eine Konservierung des Vergangenen, es wirkt nun die Gegenwart. Es treten die Angeloi ein und führen die Menschen dann weiter. Da tritt das Sonnendasein in seine Kraft, so daß wirklich im Inneren des Menschen Sonne und Mond zusammen das Schicksal des Menschen weben. Das ist ja, im Grunde genommen, recht genau wahrzunehmen, wenn man nur sinnig auf das Menschenleben hinschaut.

[ 12 ] Nehmen Sie einmal zwei Menschen, die sich irgendwo begegnen. Der Eindruck, den sie aufeinander machen, kann sehr verschiedenartig sein. Es gibt Fälle, wo zwei Menschen sich treffen, und es ist wirklich so, daß der eine Mensch den anderen ganz in seinen Willen, in sein Gemüt aufnimmt. Dieses Aufnehmen ins Gemüt, das ist in einem hohen Grade unbeeinflußt von dem persönlichen Eindruck. Bloße Verständlinge haben eben nicht viel Verständnis für dasjenige, was da innerlich vorhanden ist, denn es gehört ja wirklich zum Wunderbarsten, wenn man einmal sieht, wie ein Mensch dem anderen gegenübertritt. Einmal nimmt wirklich der A den B so in seinen Willen auf, daß er sagt: Ich möchte es selber ausführen, was der B tut: Wie es ihm gefällt, so gefällt es auch mir. Nun ist aber der B häßlich, und man kann nicht begreifen, daß der B dem A gefällt. Sehen Sie, die Anziehung von B zum A wird nicht gebildet durch den Verstand, auch nicht durch die Sinneseindrücke, sondern durch die tiefen seelischen Kräfte: durch den Willen und dasjenige, was vom Willen ins Gemüt geht. Da mag der andere noch so häßlich sein, die Häßlichkeit hat er erst im gegenwärtigen Erdenleben bekommen. Dasjenige, was die beiden verbindet, hat seinen Ursprung in demjenigen, was sie gemeinsam durchlebt haben im vorherigen Erdenleben. Beim äußeren Anblick meint man, die beiden Menschen passen doch gar nicht zusammen; aber dasjenige, was sie in ihrem Unterbewußtsein haben, das führt ihre Willen zusammen. Das zeigt sich oftmals schon in der Kindheit. Wie sehr ist man als Kind schon darauf aus, so zu sein wie «er», so zu wollen wie «er», so zu fühlen wie «er». Dann ist eine karmische Beziehung vorhanden.

[ 13 ] Dies ist eine Art, wie Menschen im Leben einander begegnen, und würde man auf diese Art recht aufmerksam sein, wie man es einmal in einer gar nicht fernen Zukunft sein wird, wo man wieder mehr auf das Innere des Menschen sehen wird, dann würde in diesen Fällen, in der Art und Weise, wie ein Wille pulsiert, zu erkennen sein, daß man schon mit Menschen vergangene Erdenleben durchgemacht hat, und unterbewußte Seelenkräfte sagen etwas darüber aus, was man mit einem Menschen im vergangenen Erdenleben durchgemacht hat.

[ 14 ] Der andere Fall ist der, daß man irgendeinen Menschen trifft, bei dem sich kein solches Verhältnis zwischen den Willen einstellt, sondern gerade ein solches, wo der ästhetische oder der Verstandeseindruck das Maßgebende ist. Wie oft kommt es vor, daß ein A einen B kennenlernt und dann nicht im Tone jener Begeisterung oder des Abscheus von ihm redet, in dem man redet von einem Menschen, mit dem man früher karmisch verbunden war. Man lobt vielleicht einen solchen Menschen, mit dem man nicht karmisch verbunden ist, findet ihn nett, einen Prachtskerl, aber er geht nicht in den Willen hinein, sondern nur in den Verstand, in den ästhetischen Sinn.

[ 15 ] Das ist die zweite Art, wie man mit Menschen zusammentrifft. Geht dasjenige, was zwei Menschen als Wirkung aufeinander ausüben, bis in den Willen, in das Gemüt, in den Charakter hinein, dann liegt eine karmische Zusammengehörigkeit vor, dann sind die beiden Menschen zusammengeführt durch gemeinsame Erlebnisse im vergangenen Erdenleben. Geht von einem Menschen ein Impuls aus, der nur bis in den Verstand, den ästhetischen Sinn hineinreicht, so daß uns der Mensch nur gefällt, nur mißfällt, dann liegt nicht etwas vor, was der Mond gemacht hat, sondern was die Sonne erst gegenwärtig macht und was erst eine Fortsetzung in der Zukunft finden wird. So daß man also durch ein sinniges Betrachten des Menschen dazu kommen kann, zu empfinden, wo karmische Beziehungen vorliegen.

[ 16 ] Nun sehen Sie, dasjenige, was ich Ihnen erzählt habe, ist eben etwas, was an Erkenntnis der Welt gewonnen werden kann durch Anthroposophie, und geradeso wie man keinesfalls selbst Künstler zu sein braucht, um ein Bild schön zu finden, so wenig braucht man selbst Initiierter zu sein, um die Dinge zu verstehen. Man kann die Dinge verstehen, weil die Ideen miteinander zusammenstimmen. Es gibt Leute, die sagen: Was geht uns die ganze geistige Welt an, man kann sie erst verstehen, wenn man darin ist. — Das sagen die Leute aus dem Grunde, weil sie heute gewohnt sind, einen Beweis nur dasjenige zu nennen, was sich sinnlich-handgreiflich beweisen läßt. Solche Menschen gleichen Toren, die sagen: Alles, was in der Welt ist, muß gestützt werden, sonst fällt es zur Erde. Es könnte ja einer kommen und sagen: Die Erde, der Mond, die Sonne sind im Weltenraum draußen, aber sie müssen doch eine Stütze haben, damit sie nicht herabfallen. Er weiß nicht, daß die Weltenkörper keine Stütze brauchen, weil sie sich gegenseitig stützen. Auf solches Verständnis ist die Anthroposophie angewiesen. Bei ihr können die Ideen nicht gestützt werden durch äußerliche Handgreiflichkeiten, aber gegenseitig stützen sie sich. Lesen Sie zunächst ein einziges anthroposophisches Buch, dann kann es vorkommen, weil Sie gewohnt sind, alles handgreiflich bewiesen zu sehen, daß Sie es weglegen, weil darin nichts bewiesen ist. Lesen Sie aber immer mehr und mehr, so werden Sie finden, daß die Ideen sich gegenseitig stützen und halten wie die Weltenkörper. Man kann schon die Dinge verstehen, auch wenn man nicht ein Initiierter ist, aber durch die Initiationswissenschaft werden die Dinge noch wesentlich dichter. Sie werden in einer anderen Weise erlebt. Daher kann derjenige, der weit genug gekommen ist, auch noch in einer anderen Form sprechen über dieses aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft Gewobene des menschlichen Schicksals. Derjenige, der die Initiation auf einer gewissen Stufe durchgemacht hat, bei dem werden die Erlebnisse viel konkreter. Vor Ihnen steht ein Mensch, er spricht zu Ihnen, er erzählt Ihnen etwas, Sie hören es. Der Initiierte kann, wie das Äußere gehört wird, auch das Innere hören, die geistige Sprache, die nicht minder deutlich ist als die menschliche Sprache. Mit aller Deutlichkeit, wie Menschen zu Ihnen sprechen, spricht für den Initiierten der Mensch, mit dem er karmisch in der Vergangenheit verbunden war und den er im gegenwärtigen Leben trifft. Er hört eine innere Sprache. Sie werden sagen, dann hat ja der Initiierte ein ganzes Bündel von Menschen in sich, von denen der eine mehr, der andere weniger deutlich zu ihm spricht. Das ist auch der Fall. Aber es ist das zu gleicher Zeit der anschauliche Beweis für die Art und Weise, wie man das vorherige Erdenleben zugebracht hat. Ich sagte, die großen Registratoren, die Mondwesen tragen das Schicksal ein; aber in dem Augenblick, wo der Initiierte einen anderen Menschen, mit dem er im vorherigen Erdenleben karmisch verbunden war, trifft, wird er wie vom Vollmondslicht beschienen von den Eintragungen des anderen Menschen, mit dem er karmisch verbunden ist. Was wir gegenwärtig denken und tun, das spricht nicht zu uns, aber nach einer gewissen Zeit, nach einer gar nicht so langen Zeit, wird dasjenige, was wir getan haben, was auf dem Monde registriert ist, sprechend und lebendig. Die Akashabilder sind Lebensbilder: trifft man auf den Inhalt eines vergangenen Erdenlebens, lernen Sie sich selber kennen und lernen einen anderen Menschen kennen. Das Gemeinsame des vergangenen Erdenlebens lebt wieder auf, daher ist es kein Wunder, daß man dieses Wiederauflebende auch im anderen Menschen von innen heraus sprechen hört. Man ist innig mit demjenigen zusammen, mit dem man im vorherigen Erdenleben zusammen war. Das wird der Weg der Menschen in die Zukunft hinein sein: Die Menschen werden sich zunächst ein feines Gefühl dafür aneignen müssen, damit ihr Wille erlebt wird im Treffen eines anderen Menschen, so daß sie diesen Menschen fühlen. In einem Zeitraum, der etwa sieben- bis neuntausend Jahre in der Zukunft liegt, werden die Menschen alle auf der Erde die anderen Menschen, mit denen sie karmisch verbunden sind, in ihrem Inneren sprechen hören.

[ 17 ] Trifft man nun mit einem Menschen zusammen, mit dem man nicht karmisch verbunden ist, dem man das erste Mal begegnet, so stellt sich auch dies nach Empfang der Initiation anders dar. Der Initiierte kann natürlich auch Menschen in seinem Leben treffen, mit denen er nicht karmisch verbunden ist. Dennoch wird seine Beziehung eine andere sein als diejenige, die für das gewöhnliche Bewußtsein vorhanden ist. Er fühlt mit einer gewissen Feinheit neue Tatsachen im kosmischen Menschen.

[ 18 ] Man sieht durch einen Menschen, den man zum ersten Mal im Kosmos trifft, tiefer in die Welt hinein. Es ist auch ein Glück, einen Menschen zum ersten Mal zu treffen, und diese Tatsache, daß man durch einen Menschen, den man zum ersten Mal trifft, die Welt besser kennenlernt, muß sich wiederum als ein feines Gefühl entwickeln. Der Initiierte hat sofort, wenn er einen Menschen trifft, mit dem er nicht karmisch verbunden ist, dem er sozusagen das erste Mal im Kosmos gegenübertritt, diesem Menschen gegenüber eine Aufgabe: Er hat gleich die Aufgabe, sich mit dem Schutzgeist aus der Sphäre der Angeloi zu verbinden, der diesem Menschen besonders schützend gegenübersteht. Er darf nicht nur den Menschen kennenlernen, er muß den Schutzgeist des Menschen kennenlernen. Der Engel dieses Menschen spricht auch wieder mit großer Deutlichkeit aus dem eigenen Inneren heraus, und wenn der Initiierte mit verschiedenen Menschen zusammentrifft, mit denen er nicht karmisch verbunden ist, dann hört er von innen heraus laut und deutlich sprechen. Er vernimmt die Worte des Angelos dieser Menschen in seinem Inneren. Das gibt dem Initiierten in seinem Umgang mit den Menschen einen gewissen Charakter. Er nimmt selber etwas an, was der Angelos dem Menschen sagen will, den er kennenlernt: er verwandelt sich in seinen Angelos. Dadurch wird dasjenige, was zu den Menschen gesprochen werden kann, aus einem anderen Grunde intimer, als es für das gewöhnliche Bewußtsein wird. Daher kommt es auch, daß der Initiierte für jeden Menschen, der ihm zum ersten Mal im Kosmos entgegentritt, im Grunde ein anderer ist, er ist jeweils etwas von dem Angelos dieser Menschen. Darauf beruht die Verwandlungsfähigkeit derjenigen Menschen, die mit der Kraft der Initiation den anderen Menschen gegenübertreten. Jetzt haben ja die Menschen wirklich nur eine sehr geringe Empfindungsfähigkeit für solche Dinge. Aber es liegen die Jahrhunderte noch gar nicht so lange hinter uns, da hatte die Menschheit noch viel mehr Empfindungsfähigkeit dafür. Da konnte vorkommen, daß ein weiser Mensch einer Reihe von anderen Menschen gegenüberstand, und jeder hat ihn anders beschrieben. Geht man philiströs vor, dann wird man finden: Irgendeine interessante Persönlichkeit ist von zwanzig Menschen beschrieben worden, von jedem anders, also hat ihn keiner genau gesehen. Vielleicht aber haben ihn alle zwanzig Menschen gesehen. Er hat sich für jeden verwandelt, indem er sich in Beziehung setzte mit dem Angelos jedes dieser Menschen. Sehen Sie, in dieser Beziehung herrscht wirklich ein Abgrund zwischen demjenigen, was in der Gegenwart unter Menschen Sitte und üblich ist, und demjenigen, was vor einer kurzen Vergangenheit Sitte und üblich war. Man lernt heute viel, aber man lernt ganz anders, als man es früher gelernt hat. Die höhere Schulung, vor verhältnismäßig noch gar nicht so weit zurückliegender Zeit, gab Anweisung, wie diejenigen, die als Priester oder Lehrer andere Menschen zu führen und zu leiten hatten, die Fähigkeit erreichen konnten, sich mit dem Angelos eines Menschen zu verbinden. Die Menschen haben sogar die Erinnerung daran vergessen. Die Engellehre war eine Wissenschaft für diejenigen, die Führer der Menschheit werden wollten, damit sie die Verwandlungsfähigkeit erlangten.

[ 19 ] Noch ein anderes: Es wird Ihnen außerordentlich auffallen — und ich habe ja darüber in meinem «Christentum als mystische Tatsache» gesprochen —, wie die Biographien ausschauen, die erhalten sind von alten Initiierten; es gleicht eine der anderen! Versuchen Sie es nur einmal, die Initiierten-Biographien zu studieren, es gleicht eine der anderen, denn die großen Initiierten haben in bezug auf ihr Seelenleben ähnliche Biographien erlebt. Aber das sind nicht die Biographien, die von Menschen geschrieben sind, denn die gleichen einander nicht. Wenn alle diejenigen, die, sagen wir, den Zarathustra erlebt haben, eine Charakteristik des Zarathustra geschrieben hätten, jeder hätte sie anders geschrieben, weil Zarathustra sich jedem Menschen gegenüber verwandelte. Dasjenige, was die Welt wissen sollte über die Initiierten, es war eine von höheren Geistern inspirierte Biographie.

[ 20 ] So kann man sagen: Derjenige, der mit der Kraft der Initiation einem Menschen gegenübertritt, mit dem er karmisch verbunden ist, nimmt dessen Vergangenheit als sein Eigenes wahr, er lernt sie kennen durch das Geistig-Seelische der Mondwesenheiten.

[ 21 ] Derjenige, der mit der Kraft der Initiation einem Menschen gegenübertritt, dem er zum ersten Mal im Kosmos begegnet, der bekommt die Aufgabe, sich mit dessen Angelos zu verbinden. Da lernt er vieles von der äußeren Welt kennen. Zwar sprechen die Angeloi im Inneren, und wir sind ja eine Welt draußen. Man kann in Wirklichkeit andere Menschen mit geistigen Kräften gar nicht tiefer kennenlernen, ohne ein Heer von Engeln kennenzulernen. Es ist ganz unmöglich, wirkliche Menschenerkenntnis zu erringen, ohne Engelkenntnis zu haben. Geradeso wie ich sagen mußte, daß schon das gewöhnliche Feinfühlen, wenn es mit Menschen zusammenkommt, die nicht karmisch verbunden sind, die Umwelt kennenlernt, so lernt der Initiierte erst recht die eigentliche Außenwelt, die Engelwelt kennen. Dadurch bekommt er Vermittler für die höheren Hierarchien.

[ 22 ] Man kann auch noch durch anderes darauf aufmerksam werden, wie man mit einem Menschen karmisch verbunden ist. Man trifft einen Menschen im Leben, man trifft einen anderen. Man braucht nur aufmerksam zu werden: Man kann einen Menschen treffen, mit ihm viel zu tun haben, mit ihm arbeiten und so weiter, aber man kann nicht träumen von ihm. Man kann nicht träumen von ihm, weil er nicht mit unserem astralischen Leibe, sondern nur mit unserem Ich verbunden ist.

[ 23 ] Andere Menschen trifft man, man hat sie nur flüchtig gesehen, und sie folgen einem bis in die Träume nach, auch bis in die wachen Träume. Es ist eine vom Inneren heraus geformte Darstellung, die mit dem ÄAußern des Menschen gar nichts zu tun hat, weil man mit dem Menschen karmisch verbunden ist. Man trifft einen Menschen, mit dem man karmisch verbunden war, und man ist gleich genötigt, sich ein Bild von diesem Menschen zu machen. Ist der Betreffende ein Maler, dann könnte es vorkommen, daß er ein Bild von ihm malt, das ein philiströser Mensch ganz unähnlich findet, während der Initiierte eine vorherige Inkarnation des Menschen findet, den er gemalt hat. Man lernt wirklich in den Tiefen seines Wesens, wenn auch im Unbewußten, den anderen Menschen kennen, mit dem man karmisch verbunden ist. Durch diejenigen Menschen, mit denen man nicht karmisch verbunden war, die man zum ersten Mal im Leben trifft, lernt man die Menschheit im allgemeinen kennen. Die Menschen verhalten sich auch danach. Kommen Sie bei einem Five o’clock tea oder sonstigen ähnlichen Anlässen mit Menschen zusammen, so versuchen Sie einmal hinzuhören auf das Leben: Wenn ein Mensch einen anderen Menschen getroffen hat, mit dem er karmisch verbunden ist, so sagt er nicht sehr viel über die anderen Menschen, aber über diesen Menschen sagt er irgend etwas Bedeutsames. Er weist auf irgend etwas Bedeutsames hin, besonders dann, wenn er in solchen Dingen noch unbewußt ist. Merken Sie auf das Leben: Sie kommen bei einem Fünf-Uhr-Tee mit irgend jemandem in ein Gespräch, mit dem Sie nicht karmisch verbunden sind. Er interessiert Sie doch nur äußerlich, er erzählt Ihnen so, als ob er der Repräsentant der ganzen Five-o’clock-Teegesellschaft wäre. Das ist eine kurzweilige Gesellschaft, man hört da viel von Weltangelegenheiten, von Leuten, die große Politiker sind — Sie hören nur diesen einzigen Menschen, und nach diesem Menschen beurteilen Sie die ganze Gesellschaft vielleicht falsch. Man lernt das andere der Welt kennen durch Menschen, mit denen man nicht karmisch verbunden ist. Ein Reisender, der einmal um Mitternacht die Station Königsberg passiert hat und sich dort einen Kaffee geben ließ, wurde von dem Kellner, den er gerufen hatte und der rote Haare hatte und verschlafen war, furchtbar grob angefahren. Darauf schrieb der betreffende Reisende in sein Tagebuch: Die Königsberger haben rote Haare, sind verschlafen und grob. Nach diesem mitternächtlichen Kellner, mit dem er nicht karmisch verbunden war, beurteilte der betreffende Reisende die Königsberger.

[ 24 ] Sehen Sie, durch solche Betrachtungen erwirbt man sich Lebenswerte, kommt den Menschen näher, lernt auf eine andere Art, mit ihnen verbunden zu sein. Man lernt aber nicht nur das Menschenleben kennen, und das soll ja gerade das Wesentliche der Anthroposophie sein, daß sie in das Leben wirklich eingreift, man lernt auch fühlen, empfinden und kennen das kosmische Leben. Sonne und Mond verlieren alles Abstrakte und werden zu etwas Wesenhaftem, auf das man hinschaut im Kosmos und das zu dem kleinen Menschenschicksal hier auf der Erde das entsprechende Große im Weltenall ist.

[ 25 ] So ist Sonnenwirksamkeit mit der Mondenwirksamkeit in unserem Leben vereint. Alles dasjenige, was uns vom Monde herunter scheint, hängt zusammen mit unserer kosmischen Vergangenheit, und die Sonne hängt zusammen mit unserer kosmischen Zukunft.

[ 26 ] Auf diese lebenswichtige Seite der Anthroposophie, diese Seite, die Lebenswerte liefert, wollte unsere Weihnachtstagung, die die Anthroposophische Gesellschaft neu begründet hat, in besonderem Maße hinweisen. Da sollte gesagt werden und ist gesagt worden, daß wiederum Esoterik im wahren Sinne des Wortes unter uns leben soll. Daher sollte diese Weihnachtstagung nicht etwa eine Festlichkeit sein, an der sich eine Anzahl Anthroposophen getroffen haben, sie sollte fortdauern in ihrer Wirksamkeit und in ihren Impulsen. Es wird die neue Einrichtung eines Mitteilungsblattes geplant — sie ist schon da und die ersten drei Nummern sind bereits erschienen. Ein Mitteilungsblatt zunächst über die Vorgänge in der ganzen Anthroposophischen Gesellschaft, über das, was in der Anthroposophischen Gesellschaft vorgeht. Sie muß in dieser Weise etwas werden wie ein lebendig geistiger Organismus. Mir ist immer wieder auf meinen Reisen entgegengetreten, daß zum Beispiel die Leute in Den Haag gesagt haben: Ja, wir wissen ja nicht, was mit den Leuten in Wien vorgeht, und wir gehören doch zu einer anthroposophischen Gesellschaft! Wie viele könnte ich hier fragen, die mir sagen könnten, was zum Beispiel im anthroposophischen Zweig in Leipzig oder in Hamburg vorgeht? Aber das muß in Zukunft der Fall sein. Es muß so weit gehen, daß derjenige, der Mitglied des Zweiges Neuseeland ist, wirklich eine Vorstellung davon hat, was in Wien vorgeht. Es werden die Mitglieder gut tun, dasjenige, was sie innerhalb und außerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft erleben, der Redaktion des Mitteilungsblattes mitzuteilen. Das wird dann verarbeitet, und man wird immer lesen, was in der Anthroposophischen Gesellschaft vorgeht. Ich habe vor, in der Zukunft in jeder Nummer kleine, kurze Aphorismen zu bringen, welche wichtige Lebensinhalte kurz zusammenfassen, so daß man solche Aphorismen wird verwenden können in den Zweigen oder bei anderen Gelegenheiten.

[ 27 ] Durch alles das soll wirkliches Leben, pulsierendes Leben in die Anthroposophische Gesellschaft hineinkommen. Das wollte unsere Weihnachtstagung. Dessen sollte sich jedes einzelne Mitglied bewußt werden. Und nur, weil das so sein soll und eigentlich so sein muß, wenn Anthroposophie selbst in der richtigen Weise ihre Vergangenheit und Zukunft haben soll, habe ich es unternommen, nachdem ich mich jahrelang zurückgezogen hatte, Verwaltung und Vorsitz selbst zu übernehmen, mit einem Vorstand, von dem ich weiß, daß er vom Goetheanum aus fruchtbar arbeiten wird. Ich hätte wahrhaftig in meinem Alter mir nicht vorgenommen, wiederum so zu tun, wie man als ganz junger Kerl getan hat, wieder neu anzufangen, wenn nicht die absolute Notwendigkeit dagewesen wäre. Zu gleicher Zeit möchte ich an jedes Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft appellieren, mitzuhelfen, daß diese Weihnachtstagung im Herzen unserer Mitglieder den Grundstein des anthroposophischen Lebens legen möge und nicht aufhöre, wirklich als ein Lebenskeim sich immer weiter und weiter zu entwickeln, so daß ein immer regeres und regeres Leben in der Anthroposophischen Gesellschaft eintritt. Dann wird die Anthroposophische Gesellschaft auch hinauswirken in die Welt.