Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge
Band VI
GA 240

9 April 1924, Stuttgart

Karmischer Betrachtungen im geschichtlichen Werden der Menschheit I

[ 1 ] Es ist einmal in einer außerordentlich eindringlichen Weise innerhalb des deutschen Geisteslebens die Wahrheit der wiederholten Erdenleben ausgesprochen worden. Und es ist ja innerhalb der anthroposophischen Bewegung auf dieses radikale Bekenntnis zu den wiederholten Erdenleben durch Lessing hingewiesen worden. Wir haben von Lessing aus der äußersten Reife seiner Entwickelung heraus die bedeutungsvolle Abhandlung über die Erziehung des Menschengeschlechts, und am Ende dieser Abhandlung haben wir dieses Bekenntnis zu den wiederholten Erdenleben. Mit monumental klingenden Sätzen wird da darauf hingewiesen, wie das geschichtliche Werden der Menschheit nur dadurch begreiflich ist, daß die einzelne menschliche Individualität durch wiederholte Erdenleben durchgeht und damit dasjenige, was in einer Epoche der menschlichen Entwickelung erlebt und getan werden kann, in eine nächstfolgende Epoche herüberträgt. Man braucht ja nur zwei Tatsachen nach dieser Richtung hin ins Auge zu fassen. Man bedenke, daß man alles mögliche aufbringen kann an Ideenwirkungen, an materiellen Wirkungen und so weiter, um im geschichtlichen Werden das Spätere aus dem Früheren zu erklären. Da plätschert man sozusagen ganz stark in Abstraktionen herum. Die reale Tatsache ist diese, daß dieselben menschlichen Individualitäten, die, sagen wir, am Ende des 19. und am Anfang des 20. Jahrhunderts leben, in früheren Zeitepochen gelebt haben, aufgenommen haben in diesen früheren Zeitepochen das, was in ihrer Umgebung vorgegangen ist, was mit Menschen ihrer Umgebung zu erleben war, das dann durch die Pforte des Todes durchgetragen haben in die geistige Welt hinein, in der man lebt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, es wieder heruntergetragen haben in einem neuen Erdenleben und so selber die Träger sind für dasjenige, was von einer Zeitepoche zur anderen in der Menschheitsentwickelung vorgeht.

[ 2 ] Die Menschenindividualitäten tragen jederzeit die Vergangenheit in die Zukunft hinüber. Das ist die eine Tatsache, die schon das Gemüt mit einer gewissen religiösen Hingabe erfüllen kann, wenn sie in völligem Ernste genommen wird. Und die andere Tatsache ist diese, daß wir ja alle, die wir hier sitzen, nur sozusagen den Blick auf uns selber zurückwenden brauchen und uns sagen können: Wir selber sind ja viele Male im Erdenleben dagewesen, und dasjenige, was wir heute sind, ist das Ergebnis unserer vorigen Erdenleben. So kann, wenn man den Blick auf die ganze Geschichte wirft und wenn man ihn zurücklenkt auf das eigene Erleben, die Tatsache der wiederholten Erdenleben wirklich eine tief religiös-erkenntnismäßige Beziehung in die Seele senken. So etwas wird wohl Lessing gefühlt haben, als er sagte: Soll denn diese Wahrheit von den wiederholten Erdenleben deshalb töricht sein, weil die Menschen auf sie gekommen sind in jenen Urzeiten, in denen ihre Seelen noch nicht verbildet, verlehrt waren? — Dann schließt Lessing mit dem monumentalen Satz, der ausdrückt, was ihm aufging aus dem Bewußtsein von zwei solchen Tatsachen, wie ich sie erwähnt habe: «Ist denn nicht die ganze Ewigkeit mein?!»

[ 3 ] Der Faden geistiger Entwickelung, der damals in Anknüpfung an Lessings «Erziehung des Menschengeschlechts» in die deutsche Geistesentwickelung hätte eingeführt werden können, ist nicht fortgesetzt worden; er ist abgerissen worden. Und das 19. Jahrhundert hätte wohl das Weiterspinnen dieses Fadens angesehen wie etwas nicht ganz Gescheites.

[ 4 ] Meine lieben Freunde, als wir in Berlin vor jetzt mehr als zwei Jahrzehnten darangingen, innerhalb der Theosophischen Gesellschaft die anthroposophische Arbeit zu beginnen, als dazumal die erste Versammlung stattfand zur Begründung dessen, was dazumal genannt wurde die Deutsche Sektion der Theosophischen Gesellschaft, da war auf dem Programm angekündigt von mir als einer der ersten Vorträge, die gehalten werden sollten: «Über praktische Karma-Übungen.» Damals hatte es sich darum gehandelt, die Karma-Idee sofort mit einer solchen inneren Impulsivität in die anthroposophische Bewegung einzuführen, daß sie gewissermaßen eines der großen Leitmotive hätte werden können, aus denen sich die anthroposophische Bewegung entwickelte. Aber als ich zu einigen Menschen, den damaligen Zelebritäten, die noch aus der alten Theosophischen Gesellschaft herübergekommen waren, davon gesprochen habe, was ich eigentlich mit diesem Titel meine, da wurde allgemein über mich hergefallen. Da erklärte man, so etwas könne überhaupt nicht sein. Und in der Tat — nicht etwa, als ob ich dadurch sagen wollte, diese Leute hätten recht gehabt —, aber im allgemeinen war eben noch nicht die Zeit gekommen, um zu einem größeren Kreise von esoterischen Wahrheiten zu sprechen in einer ganz eindringlichen Art. Und beginnt man, nicht in allgemeinen Abstraktionen, sondern in konkreter Weise über die Entwickelung im Karma und deren Bedeutung für das geschichtliche Leben der Menschheit zu sprechen, dann kann man das nicht, ohne in das Esoterische tief hineinzugreifen, ohne wirklich einzugehen auf konkrete esoterische Vorstellungen. Daher war in einer gewissen Beziehung alles dasjenige, was an Anthroposophie entwickelt worden ist innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft, eine Vorbereitung, die notwendig geworden war, weil damals innerhalb dieser Gesellschaft die Reife nicht vorhanden war.

[ 5 ] Aber einmal muß der Zeitpunkt kommen, in dem begonnen werden kann mit dem esoterischen konkreten Sprechen über karmische Wahrheiten und ihren Zusammenhang mit der geschichtlichen Entwickelung der Menschheit. Würde man heute noch länger warten, so würde das ein Versäumnis sein innerhalb der anthroposophischen Bewegung. Daher war es auch in den Absichten der Goetheanumtagung zu Weihnachten gelegen, nunmehr nicht mehr zurückzuhalten mit demjenigen, was nun einmal in wirklicher Geistesforschung auch über diese intimeren Fragen des geschichtlichen Werdens der Menschheit erforscht werden kann. Und es wird nach dieser Richtung in der Zukunft der anthroposophischen Bewegung nunmehr gehört werden auf dasjenige, was die Geister wollen, nicht auf das, was die Menschen aus einer gewissen ängstlichen Vorsichtigkeit heraus für das noch nicht Zeitgemäße oder Opportune halten. Gerade in dieser Beziehung bedeutet die Weihnachtstagung am Goetheanum nicht bloß etwas, was sozusagen nur qualitativ bedeutungsvoll für die Anthroposophische Gesellschaft ist, sondern was auch in bezug auf die Intensivierung des anthroposophischen Wirkens ein Anfang sein soll. Von diesem Gesichtspunkte aus, der ein Gesichtspunkt werden muß der anthroposophischen Bewegung, möchte ich zu Ihnen die heutige anthroposophische Betrachtung sprechen.

[ 6 ] Meine lieben Freunde, wir schauen hinein in dasjenige, was im großen in der Geschichte vorgeht. Wir gewahren, wie einzelne Persönlichkeiten auf diesem oder jenem Gebiet den Ton angeben. Wir sollen gewahr werden, wie eine Persönlichkeit, die historisch dasteht, die in der unmittelbarsten, nicht weit zurückliegenden Vergangenheit dasjenige inauguriert hat, unter dessen Einfluß wir heute leben, nur verstanden werden kann — und wie dadurch auch das Historische nur richtig verstanden werden kann aus diesen Vorstellungen heraus —, wenn sich anthroposophische Forschung daranmacht, hineinzuschauen in frühere Erdenleben solcher historischer Persönlichkeiten. Daraus folgt doch auch noch etwas anderes. Es folgt daraus, daß wir aus dem Anblick der Persönlichkeiten, über die uns die Geschichte berichtet, Vorgänge des menschlichen Schicksals durch die verschiedenen Erdenleben hindurch gewahr werden, und wir können mit dem Lichte, das uns dadurch über das Karma wird, unser eigenes persönliches Schicksalsleben beleuchten. Und das ist außerordentlich wichtig. Denn Karmabetrachtungen dürfen nicht aus Sensation angestellt werden, sondern nur, um tiefer hineinzuleuchten in die menschlichen Zusammenhänge und in die Erlebnisse der einzelnen Menschenseelen. Wir sehen zum Beispiel, wie besonders in den letzten zwei Dritteln des 19. Jahrhunderts eine ganz bestimmte allgemeine Seelenverfassung, die eine materialistische Färbung hat, heraufkommt, wie sich diese Seelenverfassung in einer gewissen Weise noch in das 20. Jahrhundert herein fortsetzt und wie diese Seelenverfassung diejenige ist, die schließlich alles das, was heute an Chaotischem, Verwirrendem in Kultur und Zivilisation der Menschheit vorhanden ist, mitbewirkt hat. Und da wir sehen, wie dasjenige, was, nachdem das erste Drittel des 19. Jahrhunderts abgelaufen war, eingetreten ist besonders innerhalb des deutschen Geisteslebens, sich radikal unterscheidet von demjenigen, was früher Grundton, Grundcharakter dieses Geisteslebens war, so fragen wir nach dem Ursprung. Wir sehen in diesen letzten zwei Dritteln des 19. Jahrhunderts Persönlichkeiten auftauchen, deren Individualitäten uns interessieren müssen, deren Individualitäten wir gedrängt sind, zurückzuverfolgen in ihre früheren Erdenleben.

[ 7 ] Der Blick desjenigen, der solche Forschungen anstellen kann, wird zunächst zurückgelenkt aus dem allgemeinen Charakter unseres Zeitalters nicht eigentlich auf christliche Vorleben der in ihr auftretenden Persönlichkeiten, sondern auf außerchristliche Vorleben. Da liegt es nahe, da das ungefähr auch übereinstimmt mit demjenigen, was wir als Zeitangabe verzeichnen können über die Zwischenzeiten zwischen aufeinanderfolgenden Erdenleben, zurückzugehen in die sehr umfassende geistige Bewegung, die ein halbes Jahrtausend nach der Begründung des Christentums aufgetreten ist, zurückzugehen auf den Mohammedanismus, auf den Arabismus. Das Christentum hat sich zunächst ausgebreitet von Asien aus, ein wenig, ich möchte sagen, erfangend die nordafrikanische Zivilisation, herüber über Spanien nach Westeuropa, hat sich weiterhin ausgebreitet über Osteuropa, über Mitteleuropa, aber diese Ausbreitung ist gewissermaßen flankiert worden durch den Arabismus, der auf der einen Seite seinen Vorstoß durch Kleinasien genommen hat, als der Mohammedanismus als Impuls in ihm war, auf der anderen Seite durch Afrika herüber nach Italien, nach Spanien. Und Sie können aus der äußeren Geschichte den Zusammenstoß der europäischen Zivilisation mit dem Arabismus aus den verschiedenen Kriegen ersehen, die zwischen dem Europäertum und dem Arabismus stattgefunden haben. Auch da handelt es sich darum, daß wir nun fragen: Ja, was sind denn die wirklichen, konkreten Tatsachen, was liegt denn da eigentlich in bezug auf die Entwickelung der menschlichen Seele zugrunde?

[ 8 ] Nun betrachten wir einmal wirklich solche konkrete Tatsachen. Wir sehen zum Beispiel in derselben Zeit, in der, man möchte sagen, unter recht primitiven Zivilisationsverhältnissen in Westeuropa Karl der Große an der Spitze der Ereignisse stand, drüben in Asien in glänzender Weise sich entwickeln den Hof des Harun al Raschid. Und am Hofe des Harun al Raschid sind versammelt in der Tat die größten Geister der damaligen Zeit, jene größten Geister, welche tief in ihre Seele aufgenommen haben alles dasjenige, was aus der orientalischen Weisheit hervorgehen konnte, welche aber auch dasjenige vereinigt haben mit der orientalischen Weisheit, was vom Griechentum herübergekommen ist. Harun al Raschid entwickelte an seinem Hof ein geistiges Leben, das umfaßte Architektur, Astronomie im Sinne der damaligen Zeit, Geographie in der lebendigen Art der damaligen Zeit, Mathematik, Dichtung, Chemie, Medizin, und für alle diese Zweige hatte er eigentlich die hervorragendsten Vertreter seines Zeitalters an seinem Hofe versammelt. Er war diesen Vertretern ein energischer Beschützer, eine Persönlichkeit, die einen sicheren Boden abgegeben hat für eine, ich möchte sagen, ganz bewundernswerte Kulturzentrale, die da bestanden hat im 8. und 9. nachchristlichen Jahrhundert. Und wir sehen zum Beispiel, wenn wir diesen Hof Harun al Raschids betrachten, wie an diesem Hofe Harun al Raschids gelebt hat eine merkwürdige Persönlichkeit, eine Persönlichkeit, von der man vielleicht nicht die Empfindung hatte in demjenigen Erdenleben, das sie verbracht hat an dem Hofe Harun al Raschids, daß sie ein Initiierter war. Aber die Initiierten haben mit dieser Persönlichkeit zusammen gewußt, daß diese Persönlichkeit, die am Hofe Harun al Raschids gelebt hat, in einem früheren Erdenleben zu den bestinitiierten Menschen gehört hat. So lebte in einem späteren Erdenleben, nach außen nicht als Initiierter erscheinend, am Hofe Harun al Raschids ein ehemaliger, das heißt in einem früheren Erdenleben Initiierter. Die anderen waren wenigstens bekannt mit dem Initiationsleben des Altertums. Die Persönlichkeit, um die es sich dabei handelt, war ein großartiger, wir würden heute mit einem schmählichen Worte sagen, «Organisator» all dieses wissenschaftlichen, künstlerischen Lebens am Hofe des Harun al Raschid.

[ 9 ] Nun wissen wir ja, daß in äußerlicher Weise unter dem Stoße des Mohammedanismus sich verbreitete der Arabismus über Afrika, Südeuropa, über Spanien nach Europa hinein. Wir kennen dasjenige, was sich an äußeren Kriegen, an äußeren Kulturkonflikten abgespielt hat. Aber das Ganze reißt einmal ab. Man redet ja gewöhnlich von der Schlacht des Karl Martell bei Tours und Poitiers so, als ob damit der Arabismus aus Europa verdrängt worden wäre. Aber im Arabismus war eine ungeheure geistige Stoßkraft. Und das Merkwürdige ist, daß, als der Arabismus äußerlich als politische, als kriegerische Macht sozusagen zurückgeschlagen worden war aus Europa, daß da die Seelen derer, die innerhalb des Arabismus tonangebend gewirkt haben, nachdem sie durch die Pforte des Todes gegangen waren, in der geistigen Welt sich intensiv damit beschäftigt haben, wie sie weitergestalten können für Europa den Einfluß des Arabismus. Bei dem, was durch die geistige Welt durchgeht, handelt es sich nicht darum, meine lieben Freunde, daß in äußerlicher Weise die Dinge gestaltet werden. Das Außere mag sich wenig gleichen bei dem, was erscheint, wenn eine Individualität in zwei aufeinanderfolgenden Erdenleben auftritt. Da kommt es vielmehr auf das Innerlichste an. Das ist in unserer Zeit schwer zu begreifen. Denn in unserer Zeit, wo man es schon einem Menschen zum Vorwurf machen kann, wenn er einmal nicht verdammend über Haeckel schreibt, und dann nicht weiter über Haeckel schreibt wie vorher, sondern in einer Art, die engbegrenzte Gemüter für das Gegenteil des Früheren halten, wo man schon in dieser Weise Unverständnis zeigt, wird man es auch wenig begreifen, wie äußerlich verschieden menschliche Individualitäten in aufeinanderfolgenden Erdenleben sein können und wie doch innerlich dieselbe Impulsivität wirkt. Daher entwickeln sich diese großen Seelen des Arabismus in der Weise weiter zwischen Tod und einer neuen Geburt, daß sie verbunden bleiben mit dem Impuls, der vom Osten nach dem Westen gegangen war, daß sie verbunden bleiben in der geistigen Welt mit ihren Taten. In der äußeren Welt entwickelt sich, wie man sagt, die Zivilisation weiter. Ganz andere Formen erscheinen da, als diejenigen waren, die der Arabismus hatte. Aber die Seelen, die im Arabismus groß gewesen waren, erschienen wieder, und sie trugen eben, ohne daß sie seine äußeren Formen herübergetragen hätten, den Arabismus in seinen inneren Impulsen in eine viel spätere Zeit hinein. Sie erschienen als Kulturträger einer späteren Zeit, in der Sprache, in den Denkgewohnheiten, in den Empfindungsgewohnheiten, Willensimpulsen einer solchen späteren Zeit. Aber in ihren Seelen wirkte der Arabismus weiter. Und so sehen wir denn, daß gerade diejenige Geistesströmung, die heraufgekommen ist als die tonangebende in den zwei letzten Dritteln des 19. Jahrhunderts, tief beeinflußt war von solchen Geistern, welche aus dem Arabismus hervorgegangen sind.

[ 10 ] So schauen wir hin auf die Seele des Harun al Raschid. Sie geht durch die Pforte des Todes im Harun al Raschid-Leben. Sie entwickelt sich weiter zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Sie erscheint in ganz anderen Zivilisationsformen in der neueren Zeit wieder. Denn diese Individualität des Harun al Raschid ist ja dieselbe Individualität, die dann innerhalb des westlichen englischen Geisteslebens als Lord Bacon von Verulam auftritt. Und wir haben diese umfassende Geistesart des Lord Bacon von Verulam anzusehen als die Wiederauferstehung desjenigen, was Harun al Raschid an seinem Hofe auf orientalische Art im 8., 9. Jahrhundert geleistet hat. Und wir wissen, daß Bacon von Verulam in der allertiefsten und intensivsten Weise beeinflußt hat bis in die neuesten Tage herauf das europäische Geistesleben. Man denkt eigentlich seit Lord Bacon so, wie er gedacht hatte in bezug auf wissenschaftliche Forschung und wissenschaftliche Gesinnung. Das ist gewiß nicht in den Einzelheiten überall richtig, das ist aber in dem großen Zug der Zeit richtig. Schaut man hin auf das Glanzvolle, auf das in gewisser Beziehung nach außen hin Wirkende des Harun al Raschid, und schaut man hin, nachdem man erfahren hat durch die innere Forschung, wie in Lord Bacon von Verulam wiedererschienen ist Harun al Raschid, schaut man hin auf die äußere Lebensentwickelung des Lord Bacon von Verulam, dann wird man zwar nicht in den äußeren Formen, aber in dem inneren Sinn dieser beiden Leben durchaus das Übereinstimmende, das Ähnliche finden.

[ 11 ] Ich sprach von einer Persönlichkeit, die am Hofe des Harun al Raschid gelebt hat, die in einem früheren Erdenleben, das diesem Leben am Hofe des Harun al Raschid voranging, ein Initiierter war. Ich muß da in Parenthesen anführen, daß es durchaus so sein kann, meine lieben Freunde, daß ein Initiierter der Vorzeit äußerlich scheinbar nicht als ein Initiierter in einem späteren Leben erscheint. Müssen Sie sich denn nicht fragen, meine lieben Freunde, wenn ich immer wieder und wiederum erzählte, daß es alte Eingeweihte in ziemlich großer Anzahl, Mysterienlehrer, Mysterienpriester gegeben hat: Wo sind diese hingekommen? Warum leben sie nicht unter uns in der Gegenwart? Ja, sehen Sie, meine lieben Freunde, eine Individualität, welche in einem früheren Erdenleben ein noch so durchleuchtetes Geistig-Seelisches hatte, kann sich ja in einem späteren Erdenleben nur äußern durch den Leib, den ihm dieses Erdenleben in einer späteren Zeit geben kann, und durch die Erziehung, die ihm beigebracht werden kann. Nun ist die Menschheitserziehung schon seit längerer Zeit so, daß in der Art und Weise, wie sich ein Mensch heute oder schon seit langem äußern kann, nicht sich durchstoßen kann dasjenige, was einmal in diesen Seelen gelebt hat, die initiiert waren. Sie müssen ganz andere Lebensformen annehmen, und nur derjenige, der intim das Leben des Menschen beobachten kann, kommt darauf, wie Menschen, denen man den Initiierten im späteren Erdenleben nicht ansieht, dennoch solche Initiationsleben durchgemacht haben.

[ 12 ] Eines der glänzendsten Beispiele in dieser Beziehung ist das des Freiheitshelden Garibaldi. Ein merkwürdiges Leben ist das von Garibaldi, dessen Wucht man nur zu verfolgen braucht, um das Hinausgehobensein dieser Persönlichkeit über die Verhältnisse des unmittelbaren Erdenlebens zu schauen. Garibaldi ist geworden aus einem ehemaligen Eingeweihten, der er war in einem früheren Erdenleben, zu einem politischen Visionär, denn als das muß man ihn bezeichnen. Er war ein Initiierter, der in einem vorigen Erdenleben Willensimpulse aufgenommen hat, die er dann im Garibaldi-Leben, wie das in seiner Zeit einem 1807 geborenen Menschen möglich ist, zum Austrag bringt. Aber man sehe hinein in die Eigentümlichkeiten seines Erdenlebens. Für mich war zunächst der Ausgangspunkt der, daß ich sah, wie Garibaldi seinen Schicksalsweg mit drei anderen Menschen zusammen im 19. Jahrhundert gegangen war, in bezug auf welche sein Zusammensein, die besondere Art, wie er mit ihnen zusammenwirkte, eigentlich nicht recht verständlich ist. Garibaldi war seiner tiefsten Gesinnung nach ehrlichster Republikaner, doch hat er zurückgewiesen alles dasjenige, was die Einheit Italiens unter republikanischer Flagge begründet hätte. Er drang, trotzdem er ehrlich republikanisch gesinnt war, auf die Herstellung des Königtums, noch dazu unter Viktor Emanuel. Und siehe da, geht man jetzt mit okkulter Forschung an die Rätselfrage heran: wie konnte Garibaldi diesen ViktorEmanuelzumKönig von Italien machen — denn er hat ihn zum König von Italien gemacht —, dann schaut man noch auf die zwei anderen Persönlichkeiten hin, man schaut hin auf Cavour und auf Mazzini, Merkwürdig: Garibaldi ist 1807 geboren, die anderen wenige Jahre davon entfernt. Garibaldi ist in Nizza geboren, Mazzini bekanntlich in Genua, Cavour in Turin, Viktor Emanuel nicht weit davon. Sie waren alle sozusagen in einem kleinen Umkreis auf der Erde geboren.

[ 13 ] Man braucht, wenn man karmische Forschungen anstellt, überall etwas, ich möchte sagen, Konkretes, von dem man ausgehen kann. Man kann nicht mit dem, wie gescheit einer ist, wie einer wissenschaftlich gebildet ist, viel anfangen. Man kann nicht einmal, wenn einer dreißig Romane in seinem Leben geschrieben hat, von diesem Romanschreiben ausgehen, um in frühere Erdenleben hineinzuschauen. Viel wichtiger ist es für die Erforschung des früheren Erdenlebens, ob einer hinkt oder ob einer mit den Augen blinzelt. Gerade scheinbare Kleinigkeiten des Lebens führen den Okkultisten auf die Pfade, die notwendig sind, um von einem Erdenleben aus in frühere Erdenleben hineinzuleuchten. So war maßgebend für die okkulte Forschung auf diesem Gebiete, zu erfassen, wie Garibaldi in das 19. Jahrhundert sich hineingelebt hat mit den drei anderen zusammen. Noch etwas anderes war maßgebend, meine lieben Freunde, nach dieser Richtung. So äußerlich betrachtet, erscheint Garibaldi wie ein Wirklichkeitsmensch, wie einer, der immer fest auf seinen Beinen steht, der nur nach der Lebenspraxis geht und so weiter. Aber dazwischen sind intimere Phasen aus diesem Garibaldi-Leben, die schon zeigen, wie Garibaldi eigentlich über das Niveau des Erd-Erlebbaren etwas stark hinausgeht. Man könnte da schon darauf hinweisen, wie er als junger Mensch wiederholt in den damaligen gefährlichen Seeverhältnissen die Adria mit dem Schiffe befährt, wiederholt gefangengenommen wird, aber immer wiederum sich befreit auf die abenteuerlichste Weise. Man kann weiter darauf hinweisen, daß es nicht jedem Menschen so passiert wie Garibaldi in seinem Leben, sich zuerst gedruckt zu sehen, eines Tages seinen Namen gedruckt zu finden in einer Zeitung mit der Nachricht, mit der Bekanntgabe seines Todesurteils. Er las zuerst seinen Namen, indem er sein Todesurteil las. Dieses Todesurteil war verhängt worden wegen seiner Teilnahme an einer Verschwörung. Aber dieses Todesurteil wurde nicht ausgeführt, denn sie haben noch keinen aufgehängt, den sie nicht erwischt haben, und sie haben Garibaldi nicht erwischt. Er floh nach Amerika und hat dort ein Abenteurerleben geführt, das aber immer von innerlicher Intensität und Kraft war.

[ 14 ] Wie wenig Garibaldi innerhalb der gewöhnlichen Erdenverhältnisse stand, das zeigt zum Beispiel die Art, wie er seine erste Ehe einging, die eine außerordentlich glückliche durch Jahrzehnte war. Aber wie ist er mit der Dame, die er geheiratet hat, bekannt geworden? Das ist sehr merkwürdig zugegangen. Er war auf dem Schiff, noch ziemlich weit weg vom Lande, richtete das Fernrohr auf das Land und sah durch das Fernrohr eine Dame — und verliebte sich durch das Fernrohr sofort in diese Dame. Nun, es geschieht nicht alle Tage, daß sich die Menschen durch ein Fernrohr verlieben, da muß man schon über die gewöhnlichen Erdenverhältnisse hinausragen. Aber was geschieht? Er steuert sogleich dem Lande zu, trifft einen Mann, dem gefällt Garibaldi so gut, daß er ihn mit sich nimmt. Er kommt zum Mittagessen zu dem Mann: es ist der Vater der Dame, die er durch das Fernrohr gesehen hatte! Es stellt sich ein kleines Hindernis ein: Er kann nur italienisch sprechen, sie nur portugiesisch. Er kann ihre Sprache nicht, er gibt ihr aber zu verstehen, daß sie sich für das Leben verbinden müssen, und sie versteht das, trotzdem sie nicht italienisch, sondern nur portugiesisch kann. Es wird eine der glücklichsten, aber auch interessantesten Ehen. Sie ist mitgegangen durch alles dasjenige, was er in Amerika erlebt hat, und man braucht nur darauf hinzuweisen, wie sich einmal die Nachricht verbreitet hat, Garibaldi sei auf den dortigen Schlachtfeldern bei den Freiheitskämpfen gefallen. Frau Garibaldi suchte alle Schlachtfelder ab, so wie es erzählt wird von manchen sagenhaften Frauen. Jeden Leichnam hob sie auf, um ihm ins Gesicht zu schauen, bis sie auf ihrer Wanderung entdeckt, daß Garibaldi noch lebt. Aber bei diesem Unternehmen hatte sie ihr erstes Kind geboren, das vor Kälte umgekommen wäre, wenn sie es nicht bei ihrer Weiterwanderung mit einem Strick um den Hals gebunden und an ihrem eigenen Busen gewärmt hätte. Das alles sind keine gewöhnlichen bürgerlichen Verhältnisse, und dieses Zusammensein war auch nicht in gewöhnlichem Sinne bürgerlich. Aber als dann die Frau Garibaldis starb, da ereignete es sich, daß nach einiger Zeit Garibaldi doch wieder eine Dame heiratete, und zwar jetzt ganz nach gewöhnlichen bürgerlichen Verhältnissen, wie man halt zusammenkommt im Leben. Aber siehe da, diese Ehe, die nicht durch das Fernrohr arrangiert war, dauerte nur einen Tag. Man kann schon diese und ähnliche Züge aus dem Leben Garibaldis erzählen, welche zeigen, daß durchaus etwas sehr Merkwürdiges in seinem Leben vorhanden war.

[ 15 ] Nun zeigte sich mir, daß diese Persönlichkeit in einem früheren Erdenleben schon in der nachchristlichen Zeit ein irischer Eingeweihter gewesen war, der mit einer Mission aus Irland herübergekommen war nach dem Elsaß, dort in einer Mysterienstätte gelehrt hatte und diejenigen Individualitäten als Schüler hatte, die dann später mit ihm zusammen in der gleichen Zeit und auf dem gleichen Territorium geboren wurden. Nun war in den verschiedenen Einweihungsmysterien ein Gesetz, wonach gewisse Schüler so hangen mußten an dem Lehrer, daß der Lehrer seine Schüler nicht verlassen durfte, wenn sie unter ganz bestimmten Verhältnissen in einem späteren Leben einander begegneten. Da war vor allen Dingen die Individualität des Viktor Emanuel, die Garibaldi an sich gebunden fühlen mußte deshalb, weil diese Individualität sein Schüler in einem früheren Initiationsleben gewesen war. Da gelten keine Theorien mehr. In einem späteren Leben handelt es sich dann nicht darum, irgendwie etwas äußerlich zu übernehmen, sondern, wenn auch unbewußt, jenes innerliche Gesetz zu befolgen, das Menschen zusammenbringt nach solchen Impulsen, die im inneren Leben der geschichtlichen Entwickelung vor sich gehen.

[ 16 ] Man kann gerade an diesem ganzen Leben sehen, wie bei einem früheren Initiierten, weil die menschliche Körperlichkeit, die in einem Jahrhundert da ist, weil die Erziehung, die da ist, ihm nicht möglich macht, als Initiierter zu erscheinen, herauskommt dasjenige, was er in einem früheren Erdenleben aufgenommen hat, und wie eine solche Persönlichkeit äußerlich sich scheinbar nicht als Initiierter ausgibt. So war es auch bei jener Persönlichkeit, die am Hofe des Harun al Raschid gelebt hat und die, nachdem sie durch die Pforte des Todes gegangen war, einen anderen Weg machen mußte als Harun al Raschid selber. Diese Persönlichkeit war tief innerlich verwandt und tief innerlich verbunden mit alledem, was sie als Initiationsgeheimnisse aus orientalischer Weisheit aufgenommen hatte, Sie konnte den Weg nicht machen, den der mehr auf Glanz sehende Harun al Raschid machte, sie mußte einen anderen Weg nehmen. Dieser andere Weg führte sie so zur Wiederverkörperung in einer späteren Zeit, daß sich die beiden Individualitäten gewissermaßen in den Zivilisationsströmungen, die unter ihrem Einfluß, dem des Harun al Raschid und seines Hofberaters, standen und die von ihnen in Europa angeregt waren, begegneten. Und die Seele dieses Ratgebers erschien wiederum als Amos Comenius, der nun auch nicht in äußerlicher Weise das Initiationsprinzip ausleben konnte, der aber durch die ganze Art, wie er sich energisch hineinstellte in das pädagogische, erzieherische Leben in der Zeit, die auch die Zeit des Bacon von Verulam ist, zeigt, daß Tiefes, Bedeutungsvolles in ihm gelebt hat. Und so sehen wir, wie mit einer mehr inneren Forderung Amos Comenius wiederum verkörpert wird, nachdem er am Hofe des Harun al Raschid gelebt hat; wie Harun al Raschid selber wieder verkörpert wird; schauen auf Persönlichkeiten, schauen in diesen Persönlichkeiten das Zusammenströmen von Zivilisationen, von Kulturen. Schaut man auf dieses europäische Geistesleben, wie es im 16.,17. Jahrhundert namentlich sich entwickelte, dann wird man überall in den neueren Formen den Arabismus finden. In alledem, was Bacon beeinflußt hat, ist Arabismus in der mehr glanzvollen Weise. Alledem, was Amos Comenius beeinflußt hat, merkt man noch an die tiefe orientalische Innerlichkeit.

[ 17 ] Was ich Ihnen so sage, ist keine Konstruktion. Denn diese Dinge werden wahrhaftig nicht gefunden auf die Art, daß man spekuliert, sondern können nur gefunden werden, wenn man sich ganz innerlich mit den entsprechenden Geistesentitäten verbindet und mit inspirierter Forschung aus dem einen Erdenleben ins andere Erdenleben hinüber den Weg sucht. Und so ist überhaupt, meine lieben Freunde, vieles von dem Arabismus durch die Verkörperung der Seelen in wiederholten Erdenleben in die neue Zeit herübergekommen. Es handelt sich nur darum, daß man niemals den Sinn solcher Forschung mißversteht.

[ 18 ] Ich sagte Ihnen, daß es sich nicht darum handelt, daß man dasjenige, was man gewöhnlich im materialistischen Leben für bedeutend hält, verfolgt. Da kommt nicht viel dabei heraus. Ich will Ihnen ein Beispiel dafür anführen. Ich hatte einen Lehrer — ich habe auch von ihm in meinem Lebensgang gesprochen —, der ein ausgezeichneter Geometrielehrer war. In einem gewissen Lebensalter fing er an, mich tief zu interessieren. Er hatte etwas Eigentümliches, eine geniale Einseitigkeit, hatte sonstige Eigentümlichkeiten, und durch den Inhalt seiner Seele in bezug auf die Geometrie konnte man den Weg zu seiner früheren Inkarnation nicht finden. Aber dieser im Konstruieren so ausgezeichnete Geometer hatte eine äußerliche Eigentümlichkeit: Er hatte einen Klumpfuß. Nun zeigt sich sehr häufig, wenn man solche Untersuchungen anstellt, die hinüberführen von einem Erdenleben in das andere, daß in der Tat alles dasjenige, was in dem einen Erdenleben mit der Entwickelung der Beine zusammenhängt, in einem anderen Erdenleben mit der Entwickelung des Hauptes zusammenhängt. Da geschieht eine merkwürdige Metamorphose mit den inneren Kräften, wie sie das eine Mal das Gliedmaßensystem konstituieren, das andere Mal das Hauptsystem.

[ 19 ] Ich setzte ein bei dieser Beinkrankheit, bei diesem Klumpfuß des Geometrieprofessors. Und siehe da, was geschah in der okkulten Forschung? Es brachte mich gerade der Blick, der auf dieses Gebrechen gerichtet war, mit einer anderen Persönlichkeit zusammen, die auch einen Klumpfuß hatte, nämlich mit Lord Byron. Und nun wußte ich: das hat mit Bezug auf wiederholte Erdenleben etwas miteinander zu tun. Und es war etwas in beider Kopf in einem früheren Erdenleben, das sie zu gemeinsamer Tätigkeit geführt hat, wenn sie auch in bezug auf ihre Erdentätigkeit in ihrer letzten Inkarnation nicht Zeitgenossen, aber fast Zeitgenossen waren. Ich bemerke ausdrücklich, daß ich, weil in den abgelaufenen Epochen vorzugsweise geschichtlich das männliche Leben gewirkt hat, auf die weiblichen Inkarnationen nicht eingehe. Das weibliche Leben beginnt erst zu wirken. In der Zukunft wird es ganz besonders von Interesse sein, gerade auf weibliche Inkarnationen Rücksicht zu nehmen. Aber für viele historische Persönlichkeiten ist die Sache so, daß man für manche Dinge die dazwischenliegenden weiblichen Inkarnationen, die aber auch da sind, wegläßt. Sie dürfen daraus nicht schließen, daß nicht weibliche Inkarnationen dazwischengelegen hätten; aber ich fasse solche Gesichtspunkte ins Auge, die einen zunächst zurückführen in die vorhergehenden männlichen Erdenleben. Da wurde ich durch diese beiden Persönlichkeiten, die sich mir zueinanderstellten, zurückgeführt in eine Zeit, in der sie — das genau zu bestimmen ist mir nicht möglich gewesen — entweder im 10. oder 11. nachchristlichen Jahrhundert im Osten von Europa in heutigen russischen Gegenden gelebt haben. Sie waren Kameraden. Und es war schon dazumal zu einigen Persönlichkeiten die Sage gekommen von der Wanderung des Palladiums in der Welt. Sie wissen vielleicht von diesem Palladium, einem Kleinod, an dem viel in der Zivilisation der Menschheit hängen soll: daß dieses Palladium zuerst in Troja war, dann in Rom, daß es Konstantin der Große unter großem Gepränge hinübergebracht hat nach Konstantinopel, darüber eine Säule zu seiner eigenen Glorifikation angebracht hat, an deren Spitze er ja sogar eine Apollofigur aufgestellt hat. An der Säule hat er einen Sternenkranz angebracht, in diesem Sternenkranz waren Hölzer, die er vom Kreuz Christi bringen ließ. Kurz und gut: alles zu seiner eigenen Glorifikation. Die Sage lauter, daß dieses Palladium einmal herübergetragen würde nach dem Norden und daß dann die Zivilisation, die nach Konstantinopel getragen wurde, sich nach Norden verpflanzen werde. Das hörten die beiden. Von Enthusiasmus wurden sie ergriffen, in Konstantinopel das Palladium zu erobern. Sie konnten es nicht. Aber sie unternahmen viel, um dieses Kulturkleinod nach dem Norden zu bringen. Nun sieht man ja, besonders bei dem einen, der dann im Westen wiederverkörpert wurde, wie er dasjenige, was im 19. Jahrhundert Byron im Enthusiasmus für die Freiheit hatte, als eine karmische Folge nach dem damaligen Streben nach dem Palladium in sich hatte. Die besondere Geisteskonfiguration könnten Sie verfolgen in alledem, was gerade mein Geometrielehrer in intimer Art zutage brachte: einen Freiheitssinn auf dem Gebiet der Wissenschaft — für denjenigen, der ihn erleben konnte.

[ 20 ] So gehen die Wege von scheinbar Nebensächlichem, dem Klumpfuß, aus, um von da aus dann, von solchen Merkmalen aus, die man in dieser Art verfolgen kann, zu früheren Erdenleben der betreffenden Persönlichkeiten zurückzukommen. Überhaupt, man muß Sinn haben für innerliche Lebenskonfiguration, wenn man von den historischen Karmen sprechen will.

[ 21 ] Ich möchte noch ein Beispiel anführen. In der Gegend, die man heute nennen würde den Nordosten Frankreichs, war im 8., 9. Jahrhundert eine Persönlichkeit, im damaligen Sinne eine Art wohlhabender Gutsbesitzer. Er war aber ein Abenteurer und unternahm in den benachbarten Gegenden Kriegszüge. Sowenig man das heute glauben würde, es geschah doch in der damaligen Zeit, er verließ Haus und Hof und unternahm in den Nachbargegenden mehr oder weniger glücklich Kriegszüge. Eines Tages kam er wieder zurück, und sein Gutshof war ihm von einem anderen geraubt worden; es saß ein anderer als Eigentümer da, der so viel Macht an Menschen und Waffen sich erobert hatte, daß er den früheren Besitzer fernhalten konnte. Und da der nicht fernbleiben konnte, wurde er Leibeigener dieses neuen Besitzers, beziehungsweise das, was später Leibeigener genannt wurde. So hat sich ein merkwürdiges Verhältnis bei diesen Menschen herausgebildet. Der frühere Eigentümer mußte sich geradezu umkehren. Auf dem Gut, auf dem er früher gesessen hatte, saß ein anderer, und in der Lage, in der früher der andere gewesen war, war er nun selber. Er hielt dann in den benachbarten Wäldern mit Gesinnungsgenossen allerlei nächtliche, Versammlungen würden wir es heute nennen, ab mit tiefem innerem Groll gegen den Räuber seines Besitzes und gegen Verhältnisse, die so etwas zulassen. Es ist interessant, hineinzuschauen in dasjenige, was dazumal aus tiefem Menschengroll gesprochen worden ist.

[ 22 ] Nun gelang es mir, weiterzuverfolgen den Weg dieser beiden Menschen, die im 9. Jahrhundert durch die Pforte des Todes gegangen sind und im 19. Jahrhundert wieder erschienen sind. Der eine, der zuerst Gutsbesitzer war und dann seines Gutes beraubt wurde, das ist Karl Marx, der Begründer des Sozialismus im 19. Jahrhundert. So sehr die äußeren Umstände verschieden sind, durch Spekulieren und so weiter kommt man auf nichts. Aber wenn man gewisse Untergründe verfolgt, dann trifft man in jenem verschlagenen Gutsbesitzer des 9. Jahrhunderts auf die Seele des Karl Marx im 19. Jahrhundert. Der ihn da vertrieben hat, der ihm soviel Böses zugefügt hat, das ist sein Freund Friedrich Engels. Es handelt sich nicht um Sensation, es handelt sich darum, das Leben und die Geschichte zu verstehen aus den Zusammenhängen der Erdenleben.

[ 23 ] Solche Dinge müssen auch empfindungsgemäß mit tieferem Ernste genommen werden, nicht mit irgendwelchen sensationellen Ambitionen. Da haben wir in diesem Beispiele ein Hereinleben geistigen Europäertums, aber in dieses Europäertum hat sich eben auch dasjenige eingegliedert, was durchaus aus dem Arabismus heraus gekommen ist. Es ist viel Arabismus in ganz anderer Form in der neueren Zeit vorhanden.

[ 24 ] Nun, einer der Vorgänger des Harun al Raschid, einer der frühesten Nachfolger des Propheten Mohammed, ist Muawija im 7. nachchristlichen Jahrhundert. Eine merkwürdige Persönlichkeit, die viel gedürstet hat nach Eroberung nach dem Westen herüber, aber wenig ausgerichtet hat, die eine innere Sehnsucht nach dem Westen aufgenommen hatte, sie nicht ausleben konnte, den Zug nach dem Westen aber empfand, als sie durch die Pforte des Todes ging. Da war alles an dieser Persönlichkeit: der Zug nach dem Westen, Ausleben des Arabismus —, bis nach dem Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt dem Zug nach dem Westen Rechnung getragen war. Auch diese Individualität eines der frühesten Nachfolger des Propheten erschien wiederum als tonangebend in den Verhältnissen des 20. Jahrhunderts. In der Zeit, in der noch nicht unter dem Einfluß der Goetheanum-[ Weihnachts-]Tagung gesprochen wurde, habe ich mancherlei erwähnt, was seine Begründung hat in dem, was über wiederholte Erdenleben einer gewissen Persönlichkeit gesagt werden kann. Man hat wenig verstanden, was ich da gesagt habe. Denn schließlich lag die überzeugende Kraft, mit der das ausgesprochen wurde, in der Beobachtung eben der karmischen Verhältnisse durch Erdenleben hindurch. Denn Muawija ist wiedererschienen in unserer Zeit und hat als Woodrow Wilson den abstrakten Arabismus im äußeren Zivilisationsleben zur äußersten Ausprägung gebracht. Und wir sehen, wie in Woodrow Wilson eine Individualität auftrat, welche im stärksten Maße, besonders in den berühmten Vierzehn Punkten, den Arabismus auslebt in unserer Zeit. Was durch Woodrow Wilson an Unglück in unsere Zeit gekommen ist, das wird man am besten studieren, wenn man bis auf die Satzwendungen hin diese Punkte vergleicht mit gewissen Formulierungen im Koran. Dann werden Sie manches verständlich finden, dann werden Sie sehen, auf welche merkwürdigen Dinge Sie kommen, nachdem Sie erst wissen, wie der Zusammenhang in diesen Dingen ist.

[ 25 ] Heute ist es durchaus so, meine lieben Freunde, daß geschichtliche Betrachtung zur menschlichen Befriedigung nur dadurch möglich ist, daß wir Ernst machen mit den konkreten Erscheinungen der wiederholten Erdenleben, mit der Betrachtung des Karma und der inneren Zusammenhänge in den einzelnen Erdenleben der Menschen. Nachdem die Anthroposophische Gesellschaft durch zwei Jahrzehnte vorbereitet worden ist auf dasjenige, was unter dem Einfluß der Weihnachtstagung nun geschehen soll, darf wohl heute immer mehr und mehr dasjenige ausgeführt werden, was dazumal 1902 bei der Begründung der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft zunächst angekündigt war: «Praktische Karma-Übungen.» Diese praktischen Karma-Übungen sollen einen Teil bilden unseres anthroposophischen Lebens, aber nicht in sensationeller Weise, sondern so, daß sie die Grundlage werden für wirklich größere, stärkere Impulse, die da leben müssen innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft. Betrachten Sie auch das, daß jetzt in dieser Weise gesprochen werden muß, als einen Ausfluß dessen, daß Esoterisches strömen muß durch die anthroposophische Bewegung, die in der Anthroposophischen Gesellschaft verkörpert ist. Aber seien wir uns auch klar darüber, mit welch tiefem Ernst solche Dinge betrachtet werden müssen. Werden sie mit diesem Ernste betrachtet, dann weben wir weiter an demjenigen, was begonnen wurde zu weben, als Lessing am Schlusse seiner «Erziehung des Menschengeschlechts» auf die wiederholten Erdenleben hinwies. Denn lernen muß der Mensch wiederum aus einer tieferen intimen Betrachtung des Menschen, des Schicksals des Menschen, daß es durchaus wahr ist: Man schaut hinein durch Geisteswissenschaft in dasjenige, was die wahre Wesenheit des Menschen ist und was jederzeit, wenn er sich selber erkennt, die Worte sprechen kann: «Ist denn nicht die Ewigkeit mein?!» Aber man muß die Gliederung dieser Ewigkeit in den konkreten Tatsachen, in den Karma-Erwägungen, in den Schicksalsgliederungen des menschlichen, geschichtlichen Lebens erkennen.