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Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge
Band VI
GA 240

21 August 1924, Torquay

Die Vertiefung des Christentums durch die Sonnenkräfte Michaels III

[ 1 ] Ich möchte, da uns diese Stunde heute noch geschenkt wird, einiges Ergänzende sagen zu dem schon hier Vorgebrachten, einzelne Dinge besprechen, die gerade dadurch heute leichter verständlich sein werden, weil teils in den Vormittagsstunden, teils in den letzten Mitgliederversammlungen die vorbereitenden Dinge dazu ja schon berührt worden sind. Es wird sich darum handeln, daß einiges gesagt werden soll heute abend über Dinge, die mit dem Karma der Anthroposophischen Gesellschaft zusammenhängen. Weiter ausführen werde ich ja solche’Themata dann in den nächsten Tagen in London.

[ 2 ] Aus den Vorträgen, die ich hier gehalten habe, geht ja hervor, daß wir für unsere Zeit die Auffassung haben müssen, daß die geistige Führung der Menschheit, der zivilisierten Menschheit, unter dem Impuls der Wesenheit steht, die wir mit dem christlichen Namen Michael bezeichnen. Diese besondere, wenn wir es so nennen wollen, Herrschaft des geistigen Lebens hat ja in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts begonnen. Ihr ging, wie ich schon gesagt habe, die GabrielHerrschaft voran. Nun möchte ich einiges bemerken über die Dinge, die mit dieser Michael-Herrschaft, wie sie heute ist, zusammenhängen.

[ 3 ] Michael ist immer, wenn er innerhalb des irdischen Lebens seine Impulse durch die Entwickelung der Menschheit leitet, der Geist, der die Sonnenkräfte, die geistigen Sonnenkräfte, in die menschliche Entwickelung hineinleitet. Damit hängt ja zusammen, daß der Mensch, wie Sie heute morgen in den allgemeinen Vorträgen hören konnten, während seines Tagwachens in seinen physischen und in seinen Ätherleib diese Sonnenkräfte hereinbekommt.

[ 4 ] Nun bedeutet die diesmalige Herrschaft Michaels, die eben vor kurzem begonnen hat und drei bis vier Jahrhunderte dauern wird, daß endgültig in den physischen und in den Ätherleib des Menschen die kosmischen Sonnenkräfte übergehen. Wir müssen uns da vor allen Dingen fragen: Was für Kräfte, was für Impulse stellen diese kosmischen Sonnenkräfte dar? Michael ist vorzugsweise Sonnengeist. Daher ist er auch derjenige Geist, der in unserer Epoche namentlich die Aufgabe hat, das Christentum nach seiner Wahrheit wesentlich zu vertiefen. Man kann geradezu sagen, Christus stamme aus der Sonne. Das Sonnenwesen Christi — ich habe das ja oftmals ausgeführt — hat durch den Leib des Jesus auf Erden gelebt, lebt in übersinnlicher Art seither mit der Menschenwelt zusammen. Die Menschheit muß aber erst allmählich reif werden, das ganze Mysterium, das mit dem Christus zusammenhängt, in die Seele aufzunehmen. Ein wesentlicher Teil dieser Vertiefung wird in unserem Michael-Zeitalter eintreten müssen.

[ 5 ] Nun bestanden die Sonnenkräfte, wenn sie auf die Erde wirken, immer darinnen, daß sie zusammenhängen mit einer Impulswelle, die sich strömend in die Erdenzivilisation ergießt und die wir charakterisieren können als intellektuelle Welle. Denn alles, was der Mensch an Intellekt, was die Welt überhaupt an Intellekt hat, soweit unsere Welt in Betracht kommt, stammt von der Sonne. Die Sonne ist Quell alles Intellektuellen.

[ 6 ] Wenn man diese Wahrheit ausspricht, so kann man vielleicht sogar bei den Menschen der Gegenwart einigen Gefühlswiderstand wahrnehmen, denn es ist ganz richtig, von der heutigen Form des Intellekts nicht allzuviel zu halten, Und gerade derjenige, der mit dem spirituellen Leben bekannt wird, kann allerdings von der heutigen Intellektualität nicht viel halten. Sie ist eine abstrakt logische; sie ist etwas, was den Menschen mit schattenhaften Begriffen und Ideen anfüllt, die weit, weit weggehen von der lebensvollen Wirklichkeit, die kalt und trocken und nüchtern sind gegenüber dem, was als warmes, leuchtendes Leben durch die Welt und durch den Menschen pulsiert.

[ 7 ] Aber so ist es nur heute mit der Intelligenz, weil das, was wir heute als Intelligenz haben, im allgemeinen Bewußtsein der Menschheit eben erst im Anfang ist, wie wir ja auch erst im Anfang des Michael-Zeitalters stehen. Diese Intelligenz wird einmal etwas ganz, ganz anderes werden. Und wenn man sich eine Vorstellung davon machen will, was diese Intelligenz anderes noch werden kann im Lauf der Menschheitsentwickelung, dann muß man daran denken, wie noch Thomas Aquinas in der mittelalterlichen christlichen Philosophie jene Wesen, die die Sterne bewohnen, mit dem Namen Intelligenzen bezeichnet hat. Nicht wahr, wir mußten ja auch gegenüber der heutigen materialistischen Auffassung sagen, daß die Sterne Kolonien von geistigen Wesenheiten sind. Das berührt den heutigen Menschen fremdartig, weil er gar nicht daran denkt, daß er, wenn er zu den Sternen aufblickt, zu Wesen aufblickt, die mit seinem eigenen Leben etwas zu tun haben und die eben Sterne bewohnen, wie wir Menschen die Erde bewohnen.

[ 8 ] Thomas von Aguino bezeichnet im 13., mittelalterlichen Jahrhundert die Wesen, welche Sternenbewohner sind, obwohl er bei einem Stern noch immer mehr von einem einheitlichen Wesen spricht, so, wie man von der Menschheit der Erde als einem einheitlichen Wesen sprechen würde, wenn man von einem fremden Stern aus sie betrachtete. Also obwohl er nicht immer sagt, daß einzelne Wesen oder viele Wesen, wie wir ja wissen, die Sterne bewohnen, so daß wir die Sterne als Kolonien im Kosmos anzusprechen haben, wenn er also auch von einem einheitlichen Sternwesen spricht, so redet er doch von den Intelligenzen der Sterne. Und damit steht dieser christliche Kirchenlehrer des Mittelalters, des 13. Jahrhunderts, noch innerhalb jener Tradition, die damals schon im Verglimmen, im Abnehmen, in der Dekadenz war, die aber deutlich noch darauf hinweist, daß alles, was wir mit dem Namen Intelligenz zusammenfassen, einmal etwas anderes war, als es heute ist.

[ 9 ] Wenn wir in uralte Zeiten der Menschheitsentwickelung zurückgehen — ich habe darauf schon hingewiesen hier in den Vorträgen —, so ist es beim Menschen nicht so, daß er die Gedanken aus sich heraus erzeugt, daß er über die Dinge durch seine eigene Kraft denkt. Denn diese innere Seelenfähigkeit des Denkens, diese innere Aktivität des Gedankenbildens ist ja eigentlich erst vollständig entwickelt seit dem 15. Jahrhundert, seit dem Eindringen der Bewußtseinsseele in die Menschheitsentwickelung. Und wenn wir in vorchristliche Zeiten zurückgehen, in alte Zeiten, so finden wir überall, daß die Menschen noch gar nicht das Bewußtsein haben, daß sie selbst denken; sie fühlen gar nicht, daß sie Gedanken haben, sondern sie empfinden: die Gedanken werden ihnen aus den Dingen geoffenbart. Die Intelligenz ist kosmisch überall ausgebreitet. In den Dingen ist die Intelligenz. Und wie man die Farben wahrnimmt, so nimmt man auch den intelligenten Inhalt, den Gedankeninhalt der Dinge wahr. Die Welt ist voller Intelligenz. Allüberall ist intelligentes Wesen. Der Mensch hat diese Intelligenz sich gewissermafßen im Lauf der neuesten Zeit angeeignet. Man möchte sagen: Die Intelligenz ist etwas, was im weiten Weltenall ausgebreitet ist, wovon der Mensch in der neueren Zeit überall einen Tropfen bekommen hat. Das ist dann der Mensch.

[ 10 ] Beim alten Menschen war es aber so, daß er in jedem Augenblick, wo er dachte, sich dessen bewußt war, daß die Gedanken ihm inspiriert werden, geoffenbart werden. Er schrieb nur dem Weltenall Intelligenz zu, nicht sich.

[ 11 ] Nun war zu allen Zeiten der Verwalter dieser kosmischen Intelligenz, die sich von der Sonne wie das Licht ausstrahlend über die ganze Welt verbreitet, eben der Geist, der mit dem Namen Michael bezeichnet wird. Michael ist der Verwalter der kosmischen Intelligenz. In der neueren nachchristlichen Zeit trat aber nun die bedeutsame Tatsache auf, daß nach dem Mysterium von Golgatha allmählich Michael die Verwaltung über die Intelligenz entfiel, daß sie ihm verlorenging. Solange die Erde besteht, hat Michael die kosmische Intelligenz verwalter. Und wenn ein Mensch Gedanken, das heißt intelligenten Inhalt, in sich gefühlt hat, noch in der Alexander-, in der Aristoteleszeit, dann betrachtete er diese Gedanken nicht als seine eigenen Gedankeninhalte, sondern als die ihm durch die Michael-Macht geoffenbarten Gedanken, wenn man auch in jener heidnischen Zeit dieses Wesen anders bezeichnet hat. Aber dieser Gedankeninhalt entfiel Michael nach und nach. Und wir sehen, wenn wir in die geistige Welt hineinschauen, dieses Heruntersinken der Intelligenz von der Sonne auf die Erde, das sich vollzieht so bis gegen das 8. nachchristliche Jahrhundert hin. Im 9. nachchristlichen Jahrhundert, da beginnen die Menschen schon, ich möchte sagen, als Vorläufer der späteren, Eigenintelligenz zu entwickeln, da faßt die Intelligenz ihren Sitz in den Seelen der Menschen. Und Michael und die Seinen schauen hinunter von der Sonne auf die Erde und können sagen: Was wir durch Äonen verwaltet haben, das ist uns entsunken, das ist uns verlorengegangen, das ist hinuntergeströmt und ist jetzt in den Seelen der Menschen auf Erden.

[ 12 ] Sehen Sie, meine lieben Freunde, das war die Stimmung innerhalb der Michael-Gemeinschaft auf der Sonne. Zur Alexanderzeit und Jahrhunderte vorher war es so, daß die vorige Herrschaft des Michael auf der Erde war. Zur Zeit des Mysteriums von Golgatha war aber Michael mit den Seinen in der Sonne. Und man sah nicht nur den Christus zur Zeit des Mysteriums von Golgatha die Sonne verlassen, die MichaelAnhänger sahen ja nicht so wie die Erdenbewohner den Christus herankommen, sie sahen ihn fortgehen von der Sonne, aber sie sahen zugleich, wie ihnen die Herrschaft über die Intelligenz allmählich entsank.

[ 13 ] So haben wir im Lauf der neueren Menschheitsentwickelung die Erscheinung, daß vom Mysterium von Golgatha aus die Entwickelung so fortgeht: wenn hier die geistig-himmlische Linie ist und hier die irdische (s. Zeichnung: rot und gelb), daß der Christus zur Erde kommt und mit der Erde weiter sich entwickelt, daß das intelligente Wesen nach und nach auf die Erde heruntersteigt, bis ins 8., 9. Jahrhundert (grün). Da beginnen die Menschen in dem, was sie Wissenschaft nennen, was sie in ihren Gedanken entwickeln, sich die eigene individuelle, persönliche Intelligenz zuzuschreiben. Michael sieht unter den Menschen dasjenige, was er durch Äonen verwaltet hat. Und es ist die Stimmung innerhalb der Michael-Gemeinschaft: Wir müssen bei unserer nächsten Herrschaft — die eben im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts beginnen sollte-, wenn wir wiederum die Erdenzivilisation mit unseren Impulsen durchdringen, wir müssen die Intelligenz, die vom Himmel auf die Erde gesunken ist, dort wieder finden, um in den Herzen, in den Seelen der Menschen das zu verwalten, was wir von der Sonne, vom Kosmos aus durch Äonen verwaltet haben.

[ 14 ] Und so ist in dieser Zeit eine Vorbereitung, um in den Herzen der Menschen von seiten der Michael-Gemeinschaft das wiederzufinden, was verlorengegangen ist, was gewissermaßen unter dem Einfluß des Mysteriums von Golgatha auch den Zug, wenn auch einen längeren Zug, vom Himmel zur Erde durchgemacht hat. Wie das zuging im weiteren, daß Michael und die Seinen anstrebten, die ihnen im Sonnenhimmel entfallene Intelligenz in den Herzen der Menschen von diesem Michael-Zeitalter an, vom Ende der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts beginnend, wieder zu erobern, das möchte ich Ihnen ein wenig beschreiben. Michael, der von der Sonne auf die Erde gestrebt hat für diejenigen, die Geistiges im Kosmos schauen, Michael will in der Zukunft seinen Sitz aufschlagen in den Herzen, in den Seelen der Erdenmenschen. Und das soll beginnen mit unserem Zeitalter, das soll sein eine Führung des Christentums in tiefere Wahrheiten hinein, indem Christus seine Erklärung, sein Einleben in die Menschheit als Sonnenwesen finden soll durch jenen Sonnengeist — Michael —, der das Begreifen, das heißt die Intelligenz, immer verwaltet hat, der es nun nicht im Kosmos verwalten kann, der es aber in Zukunft durch die Herzen der Menschen verwalten will.


[ 15 ] Wenn man heute Intelligenz irgendwie geoffenbart findet und man will ihrem Ursprung nachgehen, dann wendet man sich an einen menschlichen Kopf, weil eben die Intelligenz sozusagen vom Himmel auf die Erde heruntergekommen ist, in der menschlichen Seele webt und innerlich durch das Haupt des Menschen, durch den Kopf, sich manifestiert. So war es nicht immer, wenn man Intelligenz anstrebte, wenn man das anstrebte, was als intelligentes Wesen aus dem Kosmos sich offenbarte. Auch der Mensch strebte nicht durch eine Entwickelung seines Hauptes in früheren Zeiten Intelligenz an, sondern er strebte sie dadurch an, daß er die Inspiration durch die Kräfte des Kosmos suchte.

[ 16 ] Ich möchte sagen: Ein Beispiel davon, wie die kosmische Intelligenz gesucht werden kann, wie sie heute nicht mehr gesucht wird, wie sie aber einmal gesucht wurde, bekommt man, wenn man — wie es uns gegönnt war am letzten Sonntag — in Tintagel an der Stelle steht, wo einstmals das Artusschloß gestanden hat, wo Artus seine Herrschaft geführt hat, diese sonderbare, für die europäische Welt bedeutungsvolle Herrschaft geführt hat mit seinen zwölf Genossen.

[ 17 ] Man wird aus dem, was geschichtliche Dokumente von Artus und seiner Tafelrunde berichten, nicht leicht eine Vorstellung bekommen davon, was eigentlich die Aufgaben dieser sogenannten Tafelrunde des Artus waren. Aber man bekommt eine Vorstellung, wenn man mit geistigem Auge an der Stelle steht, wo einstmals das Schloß stand, und hinschaut auf das Stück Meer, das man da überblickt, über jenes Stück Meer, das durch einen Gebirgskogel gewissermaßen in zwei Teile geteilt wird. Da kann man in verhältnismäßig kurzer Zeit ein wunderbares Spiel zwischen Licht und Luft, aber auch zwischen den Elementargeistern, die in Licht und Luft leben, schauen. Da kann man schauen, wie jene geistigen Wesenheiten, die bald mit den Sonnenstrahlen sich auf die Erde ergießen, bald im flimmernd-fließenden, flüssigen Regenguß sich spiegeln und ihre Spiegelung auffangen, dasjenige, was den Schwerkräften der Erde unterliegt, in der Luft sich in den dichteren Luftgeistern äußert. Da kann man wiederum schauen, wenn der Regen sich auslöscht und die Sonnenstrahlen die Luft in Reinheit durchdringen, wie auf eine ganz andere Art das Spiel der Elementargeister da stattfindet. Da schaut man Sonnenwirkung im Erdenstoffe. Da wird man, wenn man das schaut, vorzugsweise von einer solchen Stätte aus, wie diese ist, da wird man «heidnisch-andächtig» — man kann nicht recht «christlich-andächtig» werden, heidnisch andächtig ist etwas anderes als christliche Andacht —, man wird dann heidnisch andächtig. Heidnisch andächtig sein, heißt, sich hingeben mit Herz und Gemüt an die in den Naturwirkungen anwesenden geistigen Wesenheiten, zu der Vielheit der in den Naturwirkungen vorhandenen geistigen Wesenheiten.

[ 18 ] Nun ist es im allgemeinen für den heutigen Menschen bei unseren sozialen Einrichtungen nicht möglich, diese Wirkungen, die sich da äußern im Spiel der Naturkräfte, festzuhalten. Nur der Initiationserkenntnis ist es möglich, in diese Dinge einzudringen. Aber sehen Sie, zu allem, was im Geist erlangt werden soll, gehört ja immer etwas, was Grundbedingung ist. Ich sagte Ihnen heute morgen bei jenem Beispiel, durch das ich zunächst erläutert habe, was für die Erkenntnis äußerer Erscheinungen getan werden muß, daß dazu das sich harmonisierende Karma von zwei Menschen wirken muß. Damit in der rechten Weise in die Mission, in die Aufgabe des Königs Artus und der Seinen damals das einfließen konnte, was sich vom Meer herein in einer so wunderbaren Weise geisterhaft offenbart, mußte damals etwas Besonderes da sein.

[ 19 ] Es ist ja durchaus so, als ob heute noch das Spiel, das da über den sich kräuselnden, den schäumenden Meereswellen in der Luftregion, von der Sonne durchleuchtet und durchglänzt, sich fortsetzt, als ob heute noch die Natur über diesem Meer, an diesen Bergen überall geisterte. Aber um das festzuhalten, was da in den Naturwirkungen geisterte, dazu gehörte, daß nicht nur ein Mensch dies aufnahm. Dazu gehörte eine Gruppe von Menschen, eine Gruppe von Menschen, von der sich einer als Sonne im Mittelpunkt fühlte und dessen zwölf Genossen stets so erzogen wurden, daß sie in ihrem Temperament, in ihrem Gemüt, in ihrer ganzen Wesensäußerung zusammen eine Zwölfheit ergaben, die man ebenso gruppieren konnte als einzelne zwölf sich gruppierende Menschen, wie die Bilder des Tierkreises um die Sonne herum sind. So daß eben auch die Tafelrunde darin bestand, daß der König Artus den Mittelsitz hatte und ringsherum zwölf angeordnet waren, die da, wo sie sozusagen in ihrem Consilium zusammen waren, über sich die Tierkreisbilder als ihr Emblem, als ihr Signum hatten, um zu zeigen, unter welchem kosmischen Einfluß sie standen. Von diesem Ort ging sozusagen die Zivilisation Europas aus. Da nahmen der König Artus und seine Zwölf die Kräfte auf, die sie sich von der Sonne holten, um ihre mächtigen Züge durch das übrige Europa zu machen und dafür zu kämpfen, daß die alten wilden dämonischen Gewalten, die zum großen Teil damals noch in der europäischen Bevölkerung waren, aus den Menschen herauskamen. Für die äußere Zivilisation kämpften diese zwölf Genossen des Königs Artus, der sie dirigierte.

[ 20 ] Wenn wir uns nun fragen: Wie fühlten sich denn die Zwölf? Als was fühlten sie sich? Ja, wir verstehen nur, was da war, wenn wir auf das zurückgehen, was ich eben ausgeführt habe. Intelligenz fühlten die Menschen nicht in sich. Sie sagten nicht: Ich erarbeite mir meine Gedanken, meine intelligenten Gedanken —, sondern sie empfanden die Intelligenz als das Geoffenbarte, und sie suchten die Offenbarungen durch eine solche Gruppe, wie ich sie geschildert habe, zu zwölf oder dreizehn. Da sogen sie die Intelligenz herein, jene Intelligenz, die sie brauchten, um die zivilisatorischen Impulse zu formen. Und sie fühlten sich wiederum unter der Macht, dieman mit dem christlich-hebräischen Namen Michael bezeichnen kann. Im eminentesten Sinn ist sogar — die ganze Konfiguration des Artusschlosses zeigt es — die Schar der Zwölf unter der Direktion des Königs Artus eine Michael-Schar, eine MichaelSchar aus jener Zeit, da Michael noch die kosmische Intelligenz verwaltete.

[ 21 ] Ja, diese Schar ist es sogar, die am längsten daran festgehalten hat, Michael die Herrschaft über die kosmische Intelligenz zu sichern. Und man möchte sagen: Wenn man heute hinschaut auf die Trümmer des Artusschlosses, so fühlt man heute noch aus der Akasha-Chronik die Steine herunterfallen von dem, was einstmals mächtige Schloßpforten waren, und mit dem Herunterfallen dieser Steine fühlt man etwas wie ein irdisches Bild des Heruntersinkens der Intelligenz, der kosmischen Intelligenz aus den Händen des Michael in die Gemüter der Menschen hinein.

[ 22 ] Und es ersteht neben der Artus-Michael-Strömung eine polarische Gegenströmung, diejenige Strömung an einem anderen Ort, an einem Ort, wohin sich mehr das innerliche Christentum dann geflüchtet hat, es entsteht die Gralsströmung. Jene Kommunikation besteht, die Sie angedeutet finden in der Parzivalsage. Die Gralsströmung findet sich. Auch in dieser Gralsströmung finden wir die zwölf um den einen, aber so, daß nun durchaus gerechnet wird damit, daß vom Himmel zur Erde herunterfließend sich nicht mehr offenbart die Intelligenz, Gedanken intelligenter Art, sondern daß jetzt dasjenige, was herunterfließt, sich wie der reine Tor — Parzival — ausnimmt gegenüber den Erdengedanken. Das fließt also nun vom Himmel herunter, und es wird auf die Intelligenz nur noch innerhalb des Irdischen gerechnet.

[ 23 ] Da ist im Norden hier herüben die Artusburg, wo man noch denkt an die kosmische Intelligenz, wo man die Intelligenz des Weltenalls zur Zivilisation der Erde einführen will. Da ist die Gegenburg, die Gralsburg, wo vom Himmel herunter nicht mehr die Intelligenz geholt wird, wo voll gerechnet wird damit, daß, was weise ist vor den Menschen, töricht ist vor Gott, und was weise ist vor Gott, töricht ist vor den Menschen, Da fließt aus von dem Schloß mehr im Süden dasjenige, was sich mit Ausschluß der Intelligenz in die Intelligenz erst hineinergießen will.

[ 24 ] Und so haben wir in älteren Zeiten, die aber noch durchaus hinaufgehen bis in jene Zeiten, wo da drüben in Asien das Mysterium von Golgatha stattfindet, da haben wir in jenen alten Zeiten, wenn wir uns so recht hineinstellen in das, was geschieht, auf der einen Seite die vehemente Bestrebung, Michaels kosmische Herrschaft über die Intelligenz zu sichern durch das Artusprinzip, auf der anderen Seite von Spanien aus in dem Gralsprinzip das Bestreben, damit zu rechnen, daß die Intelligenz in der Zukunft auf der Erde gefunden werden müsse, daß sie nicht mehr vom Himmel herunterströmt. Die ganze Gralssage atmet den Sinn dessen, was ich eben ausgesprochen habe.

[ 25 ] So finden wir, indem wir diese zwei Strömungen gewissermaßen nebeneinanderstellen, das große Problem, das dazumal gestellt worden ist, ich möchte sagen, durch dasjenige, was historisch vor den Menschen stand: die Nachwirkungen des Artusprinzips und die Nachwirkungen des Gralsprinzips. Das Problem war gestellt: Wie findet nicht nur ein Mensch wie Parzival, sondern wie findet auch Michael selber den Weg von seinen Artusprotektoren, die seine kosmische Herrschaft sichern wollen, zu seinen Gralsprotektoren, die ihm den Weg hinein in die Herzen bahnen wollen, in die Gemüter der Menschen, damit er die Intelligenz dort ergreifen kann? Und es schließt sich uns zusammen, was wie das große Problem unseres Zeitalters vor uns steht: daß durch die Michael-Herrschaft das Christentum in einem tieferen Sinn erfaßt werden soll. Es steht gewaltig vor uns, dieses Problem, hingeschrieben durch die beiden Gegensätze, durch jene Burg, deren Trümmerhaufen in Tintagel zu sehen sind, und in jener Burg, die ja von den Menschen nicht so leicht gesehen wird, weil sie überall umrankt ist von dem Geisterwalde, der sechzig Meilen im Umkreis sich erstreckt. Zwischen diesen beiden Burgen aber steht die mächtige Frage: Wie wird Michael der neue Impulsgeber für die Erfassung der Wahrheit des Christentums?

[ 26 ] Man kann nun nicht sagen, daß die Ritter des Königs Artus nicht gekämpft hätten für den Christus und im Sinn des Christus-Impulses. Nur lag in ihnen das, daß sie den Christus noch in der Sonne suchten und nicht aufhören wollten, das Christus-Wesen in der Sonne zu suchen. Darin gerade lag das, wodurch sie fühlten, daß sie den Himmel auf die Erde heruntertrugen, daß sie für den aus den Sonnenstrahlen wirkenden Christus ihre Michael-Kämpfe führten. Nun, in einem anderen Sinn wirkte dann innerhalb der Gralsströmung der Christus-Impuls mit vollem Bewußtsein, daß er heruntergekommen ist auf die Erde, daß er durch die Herzen der Menschen getragen werden muß, daß er gewissermaßen das Geistigste der Sonne mit der Erdenevolution der Menschen vereinigt.

[ 27 ] Nun habe ich Ihnen in diesen Tagen von jenen Individualitäten, Persönlichkeiten, erzählen können, die im 12. Jahrhundert noch in der von hoher Geistigkeit getragenen Schule von Chartres gewirkt haben. Ich habe Sie aufmerksam gemacht auf solche Lehrer der Schule von Chartres wie Bernardus Sylvestris, Bernardus von Chartres selber, Alanus ab Insulis, auch einige andere haben da gelehrt und eine große Schülerschaft um sich gehabt. Wenn man all das nimmt, was ich Ihnen ja schon charakterisiert habe, was eigen war diesen großen Lehrern von Chartres, so kann man sagen: Sie hatten noch etwas in sich von den alten Traditionen einer lebendig wesenhaften Natur, nicht der abstrakten Natur, die materiell war. Und deshalb war es denn auch, daß, ich möchte sagen, über der Schule von Chartres noch etwas schwebte von jenem Sonnenchristentum, das als Michaels-Ritter die Helden der Artustafelrunde als Impulse in die Welt zu setzen versuchten.

[ 28 ] Sie ist schon in einer merkwürdigen Weise, diese Schule von Chartres, ich möchte sagen, hereingestellt mitten zwischen dem nordischen Artusprinzip und dem südlichen Christus-Prinzip. Und wie die Schatten der Artusburg und die Schatten der Gralsburg wirken herein die übersinnlichen unsichtbaren Impulse, nicht so sehr in den Inhalt der Lehre als vielmehr in den ganzen Ton, in die Haltung, in die Stimmung dessen, was in den — wir würden heute sagen — Hörsälen von Chartres an begeisterten Schülern da war.

[ 29 ] Es war das die Zeit, in der namentlich von diesen Lehrern von Chartres das Christentum durchaus so vertreten wurde, daß überall geschaut wurde in dem Christus, der in Jesus von Nazareth erschienen ist, das hohe Sonnenwesen. So daß man, ich möchte sagen, gleichzeitig, wenn man von dem Christus sprach, den nach dem Sinn der Gralsanschauung innerhalb der Erdenevolution fortwirkenden Christus-Impuls sah, aber auch zu gleicher Zeit das Herabströmen des Sonnenimpulses in dem Christus.

[ 30 ] Was sich da der geistigen Anschauung darbot als der Grundton der Lehre von Chartres, das ist heute nicht aus den literarischen Dokumenten zu gewinnen, die von den einzelnen Lehrern der Schule von Chartres vorhanden sind. Die nehmen sich aus für den Menschen, der sie heute liest, fast wie Namenskataloge. Aber wer sie mit spiritueller Einsicht liest, der sieht gerade in den kurzen Zwischensätzen, die sich zwischen den so reichlich angeführten Namen und Terminologien und Definitionen finden, die tiefe Einsicht, die spirituelle Einsicht, die noch diese Lehrer von Chartres gehabt haben.

[ 31 ] Nun gingen diese Lehrer von Chartres dann gegen das Ende des 12. Jahrhunderts hin durch die Pforte des Todes, in die geistige Welt hinein. Dort trafen sie zusammen mit jener anderen Strömung, die an die alte Michaels-Zeit anknüpfte, die aber durchaus mit dem vollen Christentum rechnete: mit dem vom Himmel auf die Erde herabgekommenen Christus-Impuls. In der geistigen Welt trafen sie zusammen mit alledem, was an Vorbereitung des Christentums in alter Zeit durch die Aristoteliker geleistet wurde dadurch, daß Alexander der Große seinen Zug nach Asien hinüber unternommen hatte, sie trafen zusammen aber auch mit dem ja damals in der geistigen Welt befindlichen Aristoteles und Alexander selber. Was diese beiden in sich trugen, konnte damals nicht auf der Erde sein, weil es durchaus mit einem Aufgeben des alten naturhaften Christentums rechnete, wie es noch im Abglanz in der Lehre von Chartres vorhanden war, wo eben noch so etwas nachwirkte wie, ich möchte sagen, das heidnische Christentum, das vorchristliche Christentum, das auch in der Artusrunde vorhanden war. In dieser Zeit, als die Lehrer von Chartres wirkten, konnten die Aristoteliker, konnten diejenigen, die den Alexandrinismus begründeten und förderten, nicht auf der Erde sein. Ihre Zeit kam etwas später, erst vom 13. Jahrhundert ab.

[ 32 ] Aber da trat etwas sehr Bedeutsames ein in der Zwischenzeit. Diejenigen, die die Lehrer von Chartres waren, und alle, die dazu gehörten, trafen, als sie eben durch die Pforte des Todes gegangen waren, hinaufgestiegen waren in die geistige Welt, mit denen zusammen, die sich gerade vorbereiteten, um herunterzusteigen in die physische Welt, und die gemäß ihrem Karma dazumal hinstrebten zu dem vorzugsweise den Aristotelismus und Alexandrinismus pflegenden Dominikaner-Orden. Also mit diesen sich für den Herunterstieg vorbereitenden Seelen trafen sie zusammen. Und wenn ich in heutigen trivialen Worten sprechen soll, so möchte ich sagen, es fand da statt an der Zeitenwende zwischen dem 12. und 13. Jahrhundert, im Beginn des 13. Jahrhunderts, eine Art von Besprechung zwischen den eben angekommenen und den herabsteigenden Seelen. Und in dieser Besprechung fand statt der große Ausgleich, indem vereinigt werden sollte das Wirken des Sonnenchristentums, wie es sich zum Beispiel im Gralsprinzip offenbart, wie es sich dann auch in den Lehren von Chartres offenbart, mit dem, was Aristotelismus, Alexandrinismus war. Und die Alexandriner stiegen herunter, begründeten die heute gar nicht genug gewürdigte, geistig bedeutsame Scholastik, innerhalb der erkämpft wurde das, was nur zunächst durch das Radikale eines Extrems erkämpft werden konnte: die Einsicht in die persönliche Unsterblichkeit des Menschen im christlichen Sinn, diese persönliche Unsterblichkeit, die die Lehrer von Chartres nicht so streng vertraten. Sie hatten durchaus noch etwas von dem in sich, daß sie sagten: Die Seele, wenn sie durch die Pforte des Todes geht, kehrt in den Schoß des Göttlichen zurück. Sie sprachen viel weniger von der persönlichen, individuellen Unsterblichkeit als die Dominikanerlehrer, die Scholastiker.

[ 33 ] Manches Bedeutsame spielte sich da ab. Es war zum Beispiel, als einer der Scholastikerlehrer heruntergestiegen war aus der geistigen Welt, um dann den Aristotelismus im christlichen Sinn zu verbreiten, bei diesem Herunterstieg — das Karma wollte es so — noch nicht möglich, im vollen Sinn dasjenige zu verbinden mit der Seele, was der tiefere Inhalt des Gralsprinzips war. Aus diesem Grunde wurde ja verhältnismäßig spät die Gralsauffassung des Wolfram von Eschenbach bewirkt. Da brachte ein anderer, der etwas später herunterkam, das Entsprechende nach, und innerhalb des Dominikaner-Ordens wurde von einem älteren und einem jüngeren Dominikaner verhandelt über die vollständige Verbindung zwischen dem Aristotelismus und demjenigen, was ein mehr naturhaftes Christentum war, wie es in der Artusrunde lebte. Dann gingen auch die Individualitäten, die da als die Dominikanerlehrer vorhanden waren, hinauf in die geistige Welt. Und jetzt fand jener reale große Ausgleich statt unter der Führung des Michael selber, der herunterschaute auf die nunmehr auf der Erde befindliche Intelligenz, der aber jetzt die Seinen sammelte: Geistige Wesenheiten der überirdischen Welt, eine große Summe von Elementarwesen und viele, viele entkörperte Menschenseelen, deren innerer seelischer Zug hindrängte nach einer Erneuerung des Christentums. Dies konnte noch nicht gleich stattfinden in der physischen Welt, weil die Zeiten dafür noch nicht erfüllt waren. Es wurde aber eine große mächtige, übersinnliche Weisheitsinstitution unter der Führung Michaels selber gegründet, wo alle die Seelen vereinigt wurden, die noch heidnisch angehaucht waren, die aber nach dem Christentum strebten, auch diejenigen Seelen, die in den ersten christlichen Jahrhunderten schon einmal mit dem Christentum im Herzen, wie es damals vorhanden war, auf der Erde gelebt hatten. Eine Michael-Schar bildete sich aus, die in übersinnlichen Regionen, in der geistigen Welt aufnahm jene Lehren der Michael-Lehrer aus der alten Alexanderzeit, der Michael-Lehrer aus der Zeit der Gralstradition, der Michael-Lehrer auch, wie sie in solchen Impulsen wie dem Artusimpuls vorhanden waren.

[ 34 ] Alle möglichen christlich nuancierten Seelen fühlten sich hingezogen zu dieser Michaels-Gemeinschaft, wo auf der einen Seite bedeutsam gelehrt wurde über die alten Mysterien, über alle alten Impulse spiritueller Art, wo aber auch hingewiesen wurde auf die Zukunft, auf das letzte Drittel des 19. Jahrhunderts, wo Michael wieder auf der Erde wirken sollte und wo alle diejenigen Lehren, die nun, ich möchte sagen, in einer himmlischen Schule unter der Führung des Michael im 15.,16. Jahrhundert entwickelt wurden, heruntergetragen werden sollten auf die Erde.

[ 35 ] Und wenn Sie nach denjenigen Seelen suchen, die sich dazumal um die Schule des Michael selber scharten, sich vorbereitend für die spätere Erdenzeit, dann finden Sie eben darunter zahlreiche Seelen, die heute den Drang fühlen nach der anthroposophischen Bewegung. Das Karma hat diese Seelen so geführt, daß sie sich dazumal in dem Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt um Michael scharten, um wiederum ein kosmisches Christentum auf die Erde herunterzutragen.

[ 36 ] Daß aber das Karma eine große Reihe von Seelen, diejenigen, die ehrlich in die anthroposophische Bewegung hereingekommen sind, mit solchen Antezedenzien, mit solchen Vorbedingungen vereinigt hat, das macht die anthroposophische Bewegung zu der eigentlichen MichaelBewegung, zu der das Christentum in Wahrheit erneuernden Bewegung. Das liegt im Karma der anthroposophischen Bewegung. Das liegt aber auch in dem Karma vieler einzelner von denen, die in ehrlicher Weise an die anthroposophische Bewegung herangekommen sind. Diesen Michael-Impuls, der auf diese Weise konkret erfaßt werden kann, der in zahlreichen Denkmälern hier auf der Erde zu verfolgen ist, der einem auch frappierend entgegentritt, wenn man die wunderbaren Naturspiele um das zerstörte Artusschloß sieht, diesen Michael-Impuls in die Welt zu tragen — denn er muß im Lauf der Jahrhunderte in die Zivilisation hineinkommen, wenn diese nicht ganz zugrunde gehen soll —, das ist insbesondere die Aufgabe der anthroposophischen Bewegung.

[ 37 ] Dies wollte ich zunächst in diesem heutigen Vortrag, der uns geschenkt worden ist, noch einmal in Ihre Herzen einschreiben.