Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

Nachträge zur Abteilung Mitgliedervorträge
GA 246

4 Juli 1909, Kassel

21. Novalis-Matinee

im Anschluss an einen Novalis-Vortrag von Rudolf Steiner

Musik (Harmonium)

[ 1 ] Woher kommt die Fülle von Weltweisheit desjenigen Wesens, das erst 1797 angefangen hat aufzuzeichnen, und 1801, noch nicht dreiRigjährig, gestorben ist? An solchen Erscheinungen darf man nicht vorübergehen.

[ 2 ] Rezitation: Novalis’ «Die geistlichen Lieder» vorgetragen von Fräulein von Sivers.

[ 3 ] Novalis ist 1772 in Oberwiederstedt in einem adeligen Hause geboren, einem adeligen Hause Mitteldeutschlands. Noch nicht dreißigjährig nahm er eines Morgens seinen Morgenimbiss wie gewöhnlich. Entrückt in höhere Welten saß er da, verlangte um acht Uhr nach Musik; seine Seele schwebte in den Klängen der Musik, schlief dann ein. Er schlief vier Stunden lang, und nach zwölf Uhr trat der Tod unseres Novalis ein und ging vor seiner Seele vorüber wie andere Ereignisse des Lebens.

[ 4 ] Solch ein Leben, wie das des Novalis, ist wie eine Erinnerung an frühere Leben und Erfahrungen.

[ 5 ] Oetinger, ein schwäbischer Pfarrer, war ein Theosoph in kleinem Kreise. Zu ihm kam ein Hellscher, der geradezu alles Ideale ablehnte. Oetinger aber erkannte, dass eine Zeit kommen würde, in der alles das anerkannt würde, was an Geistigem da herausstrahlte.

[ 6 ] (Während seines Studiums in Jena hörte Novalis auch Vorlesungen Fichtes.)

[ 7 ] Johann Gottlieb Fichte hielt in Jena Abendvorlesungen. Mit nur zwei Kerzen war der Saal erleuchtet. Er trat mit kräftigem Schritt in den Saal. Die Studenten saßen vor ihm. Fichte löscht feierlich die beiden Kerzen aus und sagt - und schärfte es seinen Zuhörern immer wieder ein: «Das physische Licht ist nun ausgelöscht; jetzt soll einzig und allein das geistige Licht walten.» - Der trockene Fichte hatte Sinn für das Spirituelle.

[ 8 ] Im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts lebte ein Mensch, der Schiller verstanden hat. Er hat ein feines, kleines Büchlein über Schillers «Ästhetische Briefe» geschrieben. Das wurde nicht anerkannt, nicht verstanden von seinen Mitmenschen. Er brach [sich] ein Bein, aber er war zu wenig gut genährt, um einen Beinbruch zu überleben. Er starb. So wenig Anerkennung und Beachtung fand ein Mensch, der Schiller in dieser Weise verstand. (Dr. Steiner sagte: «Ich habe einen Menschen nahe gekannv und so weiter, als er anfing von diesem Menschen zu sprechen.)

[ 9 ] Die Mathematik wurde Novalis zu einem großen Gedicht. Anden großen mathematischen Linien entlang floss die Materie und wurde zum Ausdruck der göttlichen Gedanken.

[ 10 ] Mit praktischer Hand fasste Novalis alles an in seinem Bergfach, praktischer als seine Vorgesetzten. (Ungerechte Weichlichkeit ist nicht göttliche Liebe; man soll nicht kritiklos sein.)

[ 11 ] Rezitation: Novalis’ «Marienlieder», vorgetragen von Fräulein von Sivers. Musik (Harmonium)