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The Rudolf Steiner Archive

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Nachträge zur Abteilung Mitgliedervorträge
GA 246

13 February 1910, Frankfurt

24. Seligpreisungen

[ 1 ] Die Sehnsucht nach geistiger Vertiefung, nach der Beschäftigung mit den geistigen Untergründen des Daseins treibt den Menschen zur Theosophie. Der Mensch darf nicht glauben, dass er nun ohne Weiteres seine ganz bestimmte Art vorzustellen, zu empfinden, zu denken ablegen und sich lossagen kann von dem, was sich hineingeprägt hat in die Seele aus den Erlebnissen vorher. Es ist schwer, nun wirklich in der richtigen Art sich zu stellen zu dem, was wir als Begriffe, als Ideen, als geistige Gesetze kennenlernen. Die theosophischen Gesetze dürfen nicht bloße Lehre bleiben - darauf kommt es an, dass, nachdem man diese Ideen und Lehren kennengelernt hat, man auch die richtigen Empfindungen und Gefühle gerade gegenüber diesen Ideen bekommen kann. Wenn wir über irgendeine Sache die Wahrheit begriffen haben, haben wir noch nicht alles, was wir dieser Wahrheit verdanken sollen. Darauf kommt es an, wie wir uns zu einer Wahrheit stellen, wie wir uns in der Seele durchdringen lassen von der betreffenden Wahrheit, ob wir in die Lage kommen, irgendeine Erkenntnis in der richtigen Weise wichtig oder unwichtig zu nehmen.

[ 2 ] Die äußere heutige wissenschaftliche Weltanschauung legt allen Wert auf die Entwicklung der Menschen aus untergeordneten Daseinsstufen. Wir brauchen dem durchaus nicht zu widersprechen, können aber trotzdem zu den Vertretern der wissenschaftlichen Weltanschauung sagen: Es gibt noch andere Dinge, die ihr nicht seht, die euch unwichtig erscheinen, die trotzdem so wahr sind als eure Voraussetzungen. - Nehmen wir zum Beispiel die Tatsache, dass der Mensch, so wie er ist, das einzige Wesen ist, das imstande ist durch seinen ganzen Bau sein Gesicht von der Erde ab in den Himmelsraum zu lenken, dass er dazu gebaut ist, aufrecht zu gehen und mit dem Gesicht in den Weltenraum hinauszuschauen. Schauen wir den Affen an, der Affe kann es nicht. Und wenn Sie alle Tiraden lesen der Wissenschaft über die Übereinstimmung des Knochen- und Muskelsystems, des Gehirns beim Menschen und Affen, so können Sie sagen: Ganz richtig, nicht das Geringste dagegen einzuwenden. Aber darauf kommt es an, dass man in seinem Herzen empfindet: Das Wichtigste ist, dass der Mensch es dahin gebracht hat in seinem Bau ein aufrechtes Wesen zu sein.

[ 3 ] Um das Tier herum ist auch dasjenige, was sich um den Menschen herum ausbreitet. Dadurch, dass beide einen astralischen Leib haben, [dass beide] in einer ganz bestimmten Weise gebaut [sind], dadurch sind Mensch und Tier imstande, nicht nur berührt zu werden von dem, was äußerlich in ihrer Umgebung ist, sondern Lust und Leid, Sympathie und Antipathie zu empfinden. So geht der Mensch an das Tier heran, an alles, und empfindet das, was der astralische Leib uns empfinden lässt.

[ 4 ] Jetzt kommt etwas anderes. Das Tier bleibt bei diesem Empfinden stehen, es betrachtet zum Beispiel dasjenige, was in der Pflanzenwelt lebt, darauf hin: Wie nährt es mich? Wie befriedigt es meine Begierden, was macht es in meinem astralischen Leib?

[ 5 ] Der Mensch aber ist so gebaut, dass er von der Erde und all ihren Reichen abwenden kann sein Antlitz frei hinaus in den Himmelsraum. Dadurch wird er ein ganz anderes Wesen, wenn er wiederum zurückblickt auf das, was in den Reichen der Natur sich ausbreitet; dadurch wird dasjenige wieder zu einem Abdruck dessen, was er zunächst ahnen kann draußen frei im Himmelsraum.

[ 6 ] Er würde nie empfinden können die Ahnung «Es gibt eine Gottgeistigkeit», wenn er nicht von der Erde das Antlitz abwenden könnte.

[ 7 ] Während des Tagwachens sind wir nicht imstande von den Geheimnissen des Weltenraumes in unserer Erdenumgebung etwas zu ahnen. Die Sonne ist zu glänzend, sie lässt uns nicht hineinschauen in die intimeren Geheimnisse.

[ 8 ] Dann aber, wenn die Sonne nicht scheint, dann sehen wir etwas anderes im Himmelsraum, dann sehen wir mit den physischen Sinnen dasjenige, was uns große gewaltige Schauer in der Seele auslösen kann: den wunderbaren Sternenhimmel. Da bekommen wir die Ahnung, dass wir mit diesen physischen Sinnen die Geheimnisse der Natur nicht enträtseln können, dass die Organe, mit denen wir zum Sternenhimmel hinaufblicken, eigentlich nicht diejenigen sind, die uns die großen Geheimnisse übermitteln können.

[ 9 ] Im Tier kann die Ahnung, dass wir die Kräfte unserer Seele so entwickeln müssen, dass sie nicht bloß für den Tag und seine Bedürfnisse genügen, sondern uns die Geheimnisse der unsichtbaren Welt erschließen, nicht entstehen. Diese Ahnung ist zuzuschreiben der Wahrheit, dass der Mensch ein Antlitz hat, das in den Weltenraum hinausblickt.

[ 10 ] In urferner Vergangenheit hat der Mensch sich entwickelt aus einem Zustand, den man gegenüber dem jetzigen Seelenzustand ein Hellsehen nennen könnte. Das Bewusstsein war ein primitives, dämmerhaftes, traumhaftes. Der Mensch war außer seinem Ich mit seinem Bewusstsein.

[ 11 ] 3101 vor der Entstehung des Christentums schwand das Hellsehen. Der Mensch wurde abgeschlossen von den geistig-göttlichen Welten und sollte sein Ich entwickeln; hierdurch wurde der Egoismus so stark, dass der Mensch unfähig wurde, zum Gotte hinaufzusteigen. Also musste Gott zu ihm heruntersteigen und menschliche Gestalt annehmen. Das Christusereignis, der Christus-Impuls, ermöglichte allein den Zusammenschluss des Ich mit den göttlich-geistigen Welten. Früher waren die Himmelreiche so weit entfernt und nur zu erreichen, wenn der Mensch außer sich war. Nun sind die Reiche der Himmel nahe herbeigekommen, darum muss die Seelenverfassung und Seelenstimmung völlig geändert werden.

Gotterfüllt sind nur diejenigen, die arm sind, Bettler gegenüber dem Geiste.

[ 12 ] Jetzt finden sie durch das Ich das Band zum göttlich-geistigen Reich. Neun Glieder hat die Menschennatur: Physischer Leib, Ätherleib, Astralleib, Verstandesseele, Empfindungsseele, Bewusstseinsseele (Ich), Manas, Buddhi, Atma. Wenn der Mensch tiefes Leiden hatte, dann brauchte er nur weltentrückt zu werden, von dem Kosmos sich magncetisieren zu lassen, und er war durchdrungen mit geistig-göttlichen Kräften in seinem Ätherleibe. Mit diesem Linderungsmittel ist es nun vorbei; nun muss der Mensch in sich selber den Trost finden durch den Christus-Impuls. Nun heißt es:

Selig - oder gotterfüllt - sind, die da Leid tragen, denn sie sollen in sich getröstet werden.

[ 13 ] Der Astralleib, der der Träger von Lust und Leid, Freude und Schmerz ist, darf nicht so bleiben, wie der Mensch ihn von vornherein hat, sondern der Mensch muss ihn so entwickeln, dass er Herr wird über Leidenschaften und Triebe, dass er das, was wild wogt, zum Gleichmaß bringt im astralischen Leibe. Nun heißt es:

Selig sind die Sanftmütigen - richtiger: die Gleichmütigen.

[ 14 ] Jetzt muss der Mensch, wenn er den Christus-Impuls aufnimmt, in sich die Kraft finden, wenn ungleichmäßig, unsanft, ungleich wird der Mut in ihm.

Selig sind die Gleichmütigen, denn sie arbeiten mit ihrem Ich an ihrem astralen Leibe.

[ 15 ] Das Ich hat sich auf der Erde entwickelt, darum heißt es:

Sie werden das Erdreich besitzen,

[ 16 ] richtiger: «die Mission des Erdreichs erfüllen.»

[ 17 ] In der Empfindungsseele werden die äußeren Eindrücke verinnerlicht, wenn der Mensch sich beginnt zu läutern; dann gelüstet ihn nicht mehr nur nach dem, was in der physischen Umwelt ist, sondern er empfängt einen geistigen Durst und Hunger, den nun der Christus-Impuls befriedigt. Darum:

Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden.

[ 18 ] In der Verstandes- oder Gemütsseele zeigt sich das Ich. Erst, wenn dieses Ich sich entwickelt hat, wird der Mensch reif, den anderen Menschen als ein gleichwertiges Ich gelten zu lassen. Daher:

Selig sind, die mit dem anderen Liebe empfinden, denn sie werden auch von dem anderen Liebe erfahren.

[ 19 ] In der Bewusstseinsseele kann der Mensch sein Ich so entwickeln, dass die göttliche Substanz hereinleuchtet, dass in ihm wirklich erscheinen kann der Tropfen der göttlich-geistigen Substanz, die die

[ 20 ] Welt durchwebt und durchbebt:

Gotterfüllt sind diejenigen, die reinen Herzens sind, denn sie werden die Gottheit anschauen.

[ 21 ] Manas, Buddhi und Atma sind die höheren Glieder der Menschennatur; in ihnen erst werden die Zustände vorhanden sein, welche die zwei Seligpreisungen darstellen:

Selig sind, die um Gerechtigkeit willen verfolgt werden, denn die Reiche der Himmel sind ihrer.

Selig sind, die auf der Erde Harmonie und Frieden verbreiten, denn sie werden Söhne der Gottheit heißen.

[ 22 ] Die Zeiten bleiben nicht stehen, mit dem Ende des neunzehnten Jahrhunderts (1899) ist das Kali Yuga (das finstere Zeitalter) abgelaufen. Wir gehen damit entgegen einem Zeitalter, ja wir stehen schon darinnen, wo die alten hellseherischen Fähigkeiten sich wieder entwickeln, vor allem auch die Fähigkeiten des Sehens von Ätherischem. Und da für die Eingeweihten der Christus in seinem Ätherleib im Bereich der Erdatmosphäre [erst nach dem Ereignis von Golgatha] sichtbar war, so werden Menschen, die über die neu erweckten höheren geistigen Fähigkeiten verfügen, das Ereignis von Damaskus erleben und den im Geiste - nicht im Fleische - wiederkommenden Christus schauen (ums Jahr 1930-40).