Nachträge zur Abteilung Mitgliedervorträge
GA 246
1 Juni 1910, Kopenhagen
30. Einweihung der Steiner-Loge
Meine lieben theosophischen Freunde!
[ 1 ] Diejenigen Menschen, welche sich der theosophischen Bewegung angeschlossen haben, sind wie ein Trieb auf dem alten Baume der Menschheitsentwicklung. Die Schwierigkeiten der Aufgabe, die sie sich gestellt haben, bestehen darin, die großen theosophischen Ideale, welche hier [vorgebracht] werden sollen, zu verstehen und aufzunehmen und diese großen Ideale zu vereinigen. Wie ein Zweig ist dieser Trieb aus dem Stamm der westlichen Ideale hervorgewachsen, und hier ist es wichtig, die Frage aufzuwerfen, wie wir uns als ein neuer Spross verhalten zum Zweige, der während mehr als dreißig Jahre gewachsen ist. Es ist bei dieser Gelegenheit das Beste, den Blick hinzuwenden auf die großen Weltenführer und dann zurückzuschauen auf dasjenige, was unsere spezielle Mission ist und sein soll.
[ 2 ] Die neue westliche Bewegung kam vor dreißig Jahren nach Europa durch Helena Petrovna Blavatsky, die zusammen mit dem ersten Präsidenten Olcott eine ungeheure Arbeit in der Vorbereitung des Gefäßes geleistet hat, um da hineingießen zu können, was hineingegossen werden soll.
[ 3 ] Keine neuen, später hervortretenden Quellen, weder vom Osten noch vom Westen, werden imstande sein, das zu verringern, was Helena Petrovna Blavatsky und Olcott geleistet haben. Wir müssen jetzt erkennen, was sie haben bringen wollen, aber es kann in verschiedener Weise ausgelegt werden. Wie man ihr Werk erklärt und in welcher Weise das von ihnen Begonnene fortgesetzt werden soll, das ist die Frage, die wir beantworten müssen.
[ 4 ] Im Laufe der kommenden drei Tage werden wir sehen, dass die Menschen im letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts einen neuen Impuls brauchten. Viele suchende Seelen wären hingewelkt, hätten sie nicht die spirituelle Hilfe und Einsicht der Helena Petrovna Blavatsky bekommen. Wenn wir ohne übertriebenen Enthusiasmus sprechen und nur die Tatsache sehen wollen, was sie bedeutet, so ist es durch die besonderen Eigenschaften ihrer Persönlichkeit, dass sie diese mächtige Summe von Erkenntnissen erlangt hat, die ihr zugeflossen sind. Würde die höchste Intelligenz angewendet, könnte doch nur ein geringer Teil dessen geschildert werden, wovon sie ein Werkzeug war, und es hätte sonst auf anderen Wegen zu uns kommen müssen. Es zeigt uns dies, dass ein Menschengehirn durch normale Begabung nicht imstande war, dasjenige hervorzubringen, was hier erkannt werden sollte.
[ 5 ] Dasjenige, was in ihrer «Isis» und der «Geheimlehre» gesagt worden ist, ist so erhaben, dass kein Mensch sich zu diesem Standpunkt hat erheben können, dessen Umkreis jedoch von demjenigen erkannt werden muss, der dieses Geistesleben kennt. Eine neue Lehre, die eine neue Kraft und eine solche Erkenntnis hat, dass sie den Menschen zu beeinflussen und zu inspirieren imstande ist, hat sie geschaffen, eine mächtige neue Kraft. Hinzu tritt eine neue Tatsache. Diese neue Lehre kann für die Menschheit ein großer Segen werden, aber auch eine große Gefahr bedeuten. Die Menschen brauchen eine neue Kraft, wenn sie vorwärtskommen wollen, aber es ist eine Gefahr enthalten, weil der Mensch schwach ist, und weil das Neue leicht zu einer Summe von Dogmen werden kann, und diese können zu einer Quelle von Uneinigkeit statt von Zusammenarbeit werden. Das haben schon viele neue Lehren bewirkt und werden es auch in Zukunft bewirken. Was [Helena Petrovna Blavatsky] wollte, war, Streit und Zersplitterung vorzubeugen.
[ 6 ] Welcher Art war die Eigenschaft Helena Petrovna Blavatskys, uns davor zu bewahren? Das ist etwas, was nicht richtig erkannt worden ist. Sie spricht so wahr zu uns, weil die größten Lehren, die auf keinem anderen Wege kommen konnten, uns durch sie zugeflossen sind. In der «Isis» findet man vieles, was im Gegensatz zur Wissenschaft steht, aber nicht zum Denken, [man findet] viele Widersprüche, welche geprüft werden müssen. Warum enthalten ihre Schriften Widersprüche, die geprüft werden müssen? Weil derjenige, der selbst verstehen will und nicht nur nachspricht, sich sagen muss: Nicht unumstößliche Dogmen, sondern etwas zum Nachdenken, das inspirierend wirken kann, findet man in ihren Schriften. Wer sie lesen will, kann ersehen, dass sie Kritik herausfordern. Es ist also eine Tatsache, dass man nicht blindlings auf all die Widersprüche, die in den Schriften vorhanden sind, eingehen soll, sondern man muss Helena Petrovna Blavatsky so anschauen, dass sie für all das Große, das zu geben war, das Gefäß darstellte, wodurch das geistige Leben in die neue Kultur hineinströmte. Auf dieser Stufe von größter Demut und Aufopferung stand sie selbst. Alles, was sie gab, führte sie zurück zu den Meistern der Weisheit. Sie war das Prisma, wodurch alles ausstrahlte, sagte sie selber, und die neue Offenbarung trat durch sie in einer früher kaum dagewesenen Demut hervor - eine unpersönliche Lehre. So kann man gegen einen Dogmenglauben geschützt werden, und lernen soll man, dieses zu den übersinnlichen Strömen hinzuleiten.
[ 7 ] In dieser Lehre sollen wir die Persönlichkeit als ein Werkzeug der spirituellen Welt betrachten. Wir lassen sie auf uns wirken, aber unsere gesunde Vernunft, das Wahrheitsbedürfnis und die Gefühle des Herzens müssen zusammenwirken. Keine Instrumente sollen verwendet werden, und auch soll nichts auf die eigene Persönlichkeit gebaut werden. So lehrt sie. Sie will eben die Kritik herausfordern, sich damit zu beschäftigen. Niemand wird ohne Kritik die große Persönlichkeit verstehen können. Wir müssen das Geistige zu finden und die Wirklichkeit zu erkennen suchen. Deswegen gab es die Möglichkeit, dass sich die verschiedenen Menschen in dem Zeichen Helena Petrovna Blavatskys fanden und zusammenarbeiten konnten. [Was durch Helena Petrovna Blavatsky] kam, war zu groß, um von einem Menschen erfasst zu werden. Aber wie die gebrochenen Strahlen sich im Prisma vereinigen, so sammelten sie sich hier im Zeichen der Helena Petrovna Blavatsky. Die ungeheure Kraft der «Isis» und der «Geheimlehre» - wenn sie auch einseitig sind - geben den Menschen das größte Instrument. Und sollte es nicht befriedigen können, müssen wir doch verstehen, dass wir dasjenige in die Bewegung hineingießen müssen, was immer hineinströmen muss. Deswegen war es auch eine richtige Strömung, als die westliche Theosophie hinzutrat. Nicht in der Erkenntnis des Höheren kann man divergieren, sondern nur im Ausgangspunkt. In der orientalischen Theosophie war dies der Fall, obwohl es von ihr so nicht gewollt war.
[ 8 ] Die westliche Theosophie baut auf die eigene menschliche Autorität und Freiheit. Es ist die Aufgabe der westlichen theosophischen Schule, dazu beizutragen, dass dieses erreicht werden kann unter dem Symbol des Rosenkreuzes in seiner wahren Bedeutung, sodass die vom heiligen Gral ausfließenden Lehren als Beobachtungen geisteswissenschaftlicher Forschung gezeigt werden können. Nehmet diese und prüfet sie am Leben, je tiefer sie geprüft werden, je wahrer werden sie sich zeigen - die heiligen Rishis, Hermes, Moses, das Mysterium von Golgatha, die ganze Erkenntnis der Evangelien. Das, was während der letzten Jahre geschehen konnte, verdanken wir den Rosenkreuzern oder dem heiligen Gral. Halten Sie das über Moses, Zarathustra, Krishna und über das Rosenkreuz für wahr oder unwahr - prüfen Sie die Tatsachen. Prüfen Sie die Geschichte der Urzeit und des Mysteriums von Golgatha. Was berichten die äußeren Tatsachen? Je genauer man das Geschichtliche kennt, je tiefer erkennt man: Es sind Wahrheiten, die man heute bestreiten kann, aber in Jahrtausenden wird sie die Wissenschaft beweisen. Es sind Wahrheiten, die berichtet werden. - Das kann man jetzt nur fühlen. In der Naturwissenschaft wird man den Unterschied zwischen ÄuRerem und Innerem nicht finden können. In einhundert Jahren oder mehr, in zweihundert Jahren wird man es können.
[ 9 ] Das Rosenkreuzertum wird jetzt schon vom Herzen gefühlt werden können, und viele werden aus Notwendigkeit erkennen müssen. Diejenigen, welche seit Jahrhunderten in der Geisteswelt sehend waren, brauchen nicht zu einer Autorität hinzublicken, mit der Zeit wird das Mitgeteilte notwendigerweise zusammenstimmen, das, was der Naturwissenschaftler und der Geistesforscher sehen, sie werden beide die wahrsten Apostel werden. So sollen wir die Strömungen betrachten, [mit denen wir hiermit diese] Loge einweihen.
[ 10 ] Wenn wir das, was die Rosenkreuzer bringen, in dieser Weise verstehen, werden wir leicht diese Loge in den großen Strom der Menschheit hineinleiten können. Man soll sich nicht mit anderen in Streit begeben, sondern dasjenige suchen, was das Herz wärmt und Kraft gibt, in die Zukunft hineinzuarbeiten. Feuer und Begeisterung braucht es dazu. Eine Eigenschaft hat das Symbol des Rosenkreuzes. Es verspricht uns, dass das geistige Leben einfließen wird, und dass die Dogmen den Arbeitsstoff nicht beherrschen werden. Leben, neues Leben verspricht das Rosenkreuz. Alles, was aus einem Buch, aus einer Meinung oder Rede sich bildet, setzt sich zu neuem Leben fort, das wie die Pflanze immer wieder neu keimt, ständig wächst. So soll es wachsen, und wenn abermals eine neue Offenbarung kommt, dann tritt es hervor in einer neuen Gestalt. Das verspricht das Rosenkreuzmysterium: ein geistiges Leben, das sich aus umgestalteten Seelenleben bildet. Als Liebe tritt es hervor, als schaffendes Wirken in unserem Leben. Es verwandelt sich in strebende Kraft, in Liebe wird es verwandelt, und wirkliche Brüderlichkeit entsteht in uns. Die Menschen bekriegen sich, weil sie verschiedenen Willens sind. Das Innere ist die Ursache des Äußeren. Können wir nicht einen Bruder lieben, weil er eine andere Meinung hat, dann können wir nicht an den großen Fragen arbeiten. Man muss verstehen, sonst gibt es keine Liebe. Wahre Liebe muss so groß sein, dass sie alles umfassen und alle Meinungen verstehen kann.
[ 11 ] Im Zeichen der Demut und der überwältigenden Liebe - das schwarze Kreuz mit den roten Rosen - müssen wir alle leben. Wir sehen dann, dass eine menschliche Meinung nicht ganz falsch und auch nicht ganz richtig ist, mehr einseitig als logisch ist, wie verschiedene Instrumente, das sehen wir, wenn wir es von einem weiten Horizont aus betrachten. Selbst das Heiligste kann missverstanden werden, wenn es in einen engen Menschenverstand hineingepasst wird. Gegen das Rosenkreuz arbeitet der allgemeine Strom, denn es ist notwendig, will man zum Höchsten hinaufsteigen, im schwarzen Kreuz die Demut und in den Rosen das Opfer zu sehen; es ist schwierig, weil gewisse Naturen vor der Liebe der roten Rosen zurückschrecken. Auch der rote Mantel Jesu wird auf viele erschreckend wirken. Das Niedrige der menschlichen Natur fühlt sich abgestoßen. Der Stier wird vom Roten abgestoßen. Es ist gegen seine Natur.
[ 12 ] Das Lebensvolle kann nur verstanden werden, wenn man von echter Bruderliebe durchdrungen ist. Dieses sollte am heutigen Tage gesagt werden als Antwort auf die freundlichen, an mich gerichteten Worte. Zu diesem Punkt muss gesagt werden, dass die Benennung nach einem noch lebenden Menschen Hass und Streitigkeiten mit sich führen wird. Diese Dinge werden vorkommen. Wir müssen uns klar darüber sein, dass wir mit einem solchen Namen keine persönlichen Ziele verfolgen werden, es kann sonst leicht missverstanden werden. Dieser Name darf nicht auf andere Gebiete zurückwirken. Je gründlicher Sie diesen Namen vergessen werden, je förderlicher wird es der Sache sein, aber nie wird Ihre Arbeit von mir vergessen werden.
[ 13 ] Das ist das Geschenk, das Sie mir geben können. Wir müssen lernen, dass alles unpersönlich ist, und verstehen, dass die erste Pflicht darin besteht, unser Versprechen zu geben, dass wir mitarbeiten wollen an dem großen geistigen Fortschritt und unsere Herzen stark machen. Dann werden wir immer wahrhaftig das Mächtige finden, das wirkt und unsere Arbeit segnet. Ich selber werde innerhalb der theosophischen Bewegung nichts unternehmen, was nicht im Einklange steht mit den Meistern der Weisheit und des Zusammenklanges der Empfindungen. Wahrlich wird ein solches Versprechen beseligend und erwärmend auf uns wirken. Wir werden fühlen, dass das Herz durch diese Art des Wirkens und durch das Schaffen eines neuen Zentrums für diese Strömungen erwärmen wird. Alle Menschenarbeit ist ein sich Vervollkommnen im Geiste und wird uns beseelen durch die Meister der Weisheit und des Zusammenklanges der Empfindungen. Es ist von Wichtigkeit, wie wir denken, damit die vorwärtsstrebenden Mächte uns sollen führen können.
[ 14 ] Aus diesem Geiste heraus sind die Worte gesprochen. Es wird dies in den nächsten Tagen noch deutlicher hervortreten im Symbol des Rosenkreuzes. Wir wollen uns in diesem Geiste immer mehr zu diesem Symbol hinarbeiten. Möge das hier charakterisierte für jeden Einzelnen sowie für die ganze Loge gelten.
[ 15 ] Lasset uns die Kraft und den Geist, die den Ausgangspunkt für unsere Arbeit bilden sollen, anrufen. So seien diese Worte zu euch gesprochen.
