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The Rudolf Steiner Archive

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Nachträge zur Abteilung Mitgliedervorträge
GA 246

12 November 1910, Nürnberg

32. Moral und Karma

[ 1 ] Heute wird es mir obliegen, einiges zu sprechen über Moral und Karma, und morgen soll dann über die Erscheinung des Christus einiges gesagt werden von dem, was bisher darüber noch nicht gesprochen worden ist.

[ 2 ] Geisteswissenschaft wird eigentlich erst recht fruchtbar, wenn wir sie im Leben zu beobachten vermögen, wenn sie Leben in uns selber wird. Für gewöhnlich mögen ja die theosophischen Grundsätze als Lehren interessant sein, aber das, was wir im wahren Sinne des Wortes nennen «eine Überzeugung haben von der Wahrheit der geisteswissenschaftlichen Lehren», das ist theoretisch außerordentlich schwer zu erreichen. Richtig ist ja, dass alle auf dem Wege echter Geistesforschung gefundenen theosophischen Lehren mit dem Verstande geprüft und mit der Logik erkannt werden können; ein weiter Weg ist aber von der Aufnahme der geisteswissenschaftlichen Lehren bis dahin, dass sie überhaupt geprüft werden können. Viele unserer Zuhörer wollen sich den Weg erleichtern und nehmen die spirituellen Wahrheiten auf Autorität hin. Das ist entschieden bequemer. Aber andrerseits kann heute auch kaum noch anderes möglich sein für den größten Teil der Menschheit. Denn schwierig ist der Weg der eigenen Prüfung; der andere Weg - das Leben so wie es ist, zu beobachten -, ist leichter. Wenn aber Karma in seinen Gesetzen richtig ist, dann muss sich mir das Leben so gestalten, dass ich sehen kann, wie da Karma wirkt als Erlebnis und als Charaktererziehung. Die Bewahrheitung im Leben ist für die Erlangung einer Überzeugung leichter für den geistig Strebenden.

[ 3 ] Wir wollen bei unserer heutigen Betrachtung ausgehen von zwei Eigenschaften, die weit verbreitet sind. Als moralische Eigenschaften haben die Menschen gegen diese immer ein sonderbares, instinktiv ablehnendes Gefühl gehabt. Neid und Lüge sind immer als eine besondere Verfehlung gegen die Moral angesehen worden. Sie werden dieses besondere Abneigungsgefühl daran besonders ermessen, dass — wie viele Fehler der Menschen Sie auch betrachten - Sie nirgends so stark dieses instinktive Gefühl der Ablehnung finden werden wie gegenüber Neid und Lüge. Große Menschen und kleine Menschen haben dieses Gefühl. Benvenuto Cellini, ein großer Mann, hat einmal die Äußerung getan, er sei überzeugt, dass er jeden Fehlers sich für fähig halte, aber keiner wirklichen Lüge sich entsinnen könne. Und Goethe empfand es auch als sich selbst gegenüber beruhigend, von sich sagen zu können, dass er niemals das Gefühl des Neides in seiner Seele gehabt habe. So ist in der einfachsten Menschenseele und in der großen Seele erlesener Geister instinktiv das Gefühl der Abwehr vorhanden gegen Neid und Lüge.

[ 4 ] Ganz ohne Geisteswissenschaft zunächst ins Auge zu fassen, ist über die Untugenden von Neid und Lüge zu sagen, dass sie ganz sichtbar verstoßen gegen das, was ein Grundelement menschlichen Zusammenlebens bildet: Sie sind ein Verstoß gegen das Mitgefühl. Denn dieses soll nicht nur ein Miterleben des Schmerzes des andern sein, sondern auch ein solches des Wertes des andern. Der Mensch soll sich aufrichtig freuen können an dem Wert des andern.

[ 5 ] Mit dem Mitgefühl ist es noch nicht sehr weit her bei den Menschen. Es ist bei dem Mitgefühl noch sehr viel Egoismus. Von Herder wird zum Beispiel gesagt - er war ursprünglich zum Mediziner bestimmt -, dass er, als er das erste Mal einen Seziersaal betrat, ohnmächtig wurde, nicht aus Mitgefühl etwa, sondern aus Schwäche, aus Egoismus: Er konnte das nicht ertragen. Echtes Mitgefühl ist aber ein solches, das ausgeht nicht nur von dem Leid und Schmerz des andern, sondern von dem Werte jedes anderen Menschen. Selbstloser muss das Mitgefühl werden, Freude muss der Mensch empfinden können an dem Erfolg des anderen, an dem Emporkommen des anderen, hinschauen muss er können auf die Vorzüge des anderen ohne Bitternis. Der Grund, warum Mitgefühl ein Grundelement ist in allem seelischen Zusammenleben, liegt darin, dass alle seelischen Erlebnisse der Menschen zueinander in Bezug stehen. Der Neid verstößt gegen das Schätzen des Wertes des andern, und die Lüge erst recht. Wir schädigen mit Neid und Lüge den anderen in Bezug auf seine Wesenheit. Wir bringen uns durch Neid und Lüge in Widerspruch mit dem Gang der Welt, und wir verletzen durch beide die Gesetze des Weltenganges. Neid und Lüge können vom Menschen leicht als Fehler eingesehen werden, und er will sie an sich nicht dulden. Beide, Neid und Lüge, haben gewöhnlich okkulte Hintergründe. Gewisse geheimnisvolle Gesetze walten da, die sich unserer Beobachtung leicht entziehen und durch welche Neid und Lüge in veränderter Form beim selben Menschen in seinem späteren Leben auftreten können.

[ 6 ] Der Neid tritt nicht immer als bewusster, blasser Neid auf. Die Menschen wollten ihn gewiss von sich wegschaffen, wenn er ihnen bewusst wäre. Neid als solcher ist eine Eigenschaft des astralischen Menschen. Wir wissen, dass Gefühle, Leidenschaften und so weiter im astralischen Leibe des Menschen zu suchen sind. Die Leidenschaft, das Gefühl des Neides ist also in seinem Astralleibe. Und nun gibt es ein bestimmtes Gesetz, welches besagt, dass Eigenschaften, die in unserem Astralleibe auftreten und durch ihre Abscheulichkeit die Sehnsucht in uns erregen, sie uns abzugewöhnen, in unseren Ätherleib sich hineinschleichen und dann dort auftreten in täuschenden Formen. Und zwar zeigen sie sich in ganz bestimmten Urteilen, die wir über den andern fällen. Diese Urteile sind dann so, dass wir den andern nicht beneiden, sondern tadeln, alles an dem andern schlecht finden. Es ist ein geheimer Neid, der sich einschleicht in unseren Ätherleib; dort zeigt er sich als Urteil, das sich in dieser Weise auslebt. Wir sagen: Der hat das und das getan, der macht das so und so, und so weiter. Das Urteil scheint gerecht zu sein, aber in Wahrheit steckt der Neid dahinter. Was ist denn eigentlich geschehen? Ein ganz bedeutungsvoller Vorgang in der Menschennatur hat sich da vollzogen.

[ 7 ] Wir wissen, dass das menschliche Seelenleben durch viele Inkarnationen hindurchgeht und dass es einen Zeitpunkt gegeben hat, wo als Versucher in dieses Seelenleben sich eingeschlichen haben Ahriman und Luzifer. Was sind nun heute noch Luzifer und Ahriman im Menschen? Ohne hellseherische Forschung kann man das nicht leicht finden, denn eine tiefe Wahrheit liegt in dem Ausspruch Goethes: «Den Teufel merkt das Völkchen nie, und wenn er es beim Kragen hätte.» Es ist nämlich wirklich so: Ableugnen lässt sich der Teufel, Mephistopheles, leicht vom modernen Gesichtspunkte aus, aber trotzdem leben sich aus in der Menschennatur Ahriman und Luzifer, Ahriman im Ätherleib und Luzifer im Astralleib des Menschen. Luzifer ist jene Macht, welche die menschliche Seele verführt in Bezug auf all das, was den Menschen hinabzieht und moralisch von seinem Ursprung entfernt, ihn in die Tiefen der irdischen Natur hineinschleudert, vor denen er sich hüten sollte. Luzifer ist eine Macht, die ihn hinabzieht in die Tiefe des Abgrunds der Leidenschaften. Ahriman dagegen ist der Geist der Lüge, des Irrtums, der das Urteil der Menschen verfälscht. Beide Mächte, Luzifer und Ahriman, stehen dem Menschheitsfortschritte feindlich gegenüber, können sich aber unter sich sehr gut vertragen. Der Neid ist nun eine Eigenschaft, in der die luziferische Macht im Menschen sich ausdrückt. Der Neid ist eine recht üble Eigenschaft, die Menschen haben auch deshalb eine Antipathie dagegen. Der Mensch sucht den Neid von sich loszubekommen, ihn wegzukriegen. Es sucht der Mensch, wenn er den Neid in sich erst einmal erkannt hat, den Kampf gegen Luzifer als den Urheber des Neides zu führen. Was tut nun Luzifer? Er übergibt die Sache einfach an Ahriman, und der trübt das menschliche Urteil. Wo Luzifer bekämpft wird im Astralleibe, da kommt es sehr leicht vor, dass Ahriman sich einschleicht in den Ätherleib: Dann entsteht die Trübung des Urteils über einen andern Menschen, und sie ist eine Lüge. Lügen aber ist eine ahrimanische Eigenschaft. Der Mensch hat auch gegen die Lüge eine Antipathie und sucht sie zu bekämpfen. Bei der Lüge tritt nun der andere Fall ein, dass, wenn sie bekämpft wird, Ahriman dem Luzifer das Regiment abgibt, - und da schleicht sich in den Astralleib des Menschen eine Eigenschaft ein, die als sehr, sehr starker Egoismus auftritt. Das ist dann zurückgehaltene Lügenhaftigkeit.

[ 8 ] Die zwei Eigenschaften, Lüge und Neid, sind diejenigen, die förmlich zum Ausdruck bringen, wie sich die stärksten Kräfte von Luzifer und Ahriman im Menschen ausleben.

[ 9 ] Schon in einer Inkarnation kann man Karma in Bezug auf Neid und Lüge beobachten. Von den Belegen dafür, die gleichzeitig die Bewahrheitung der geisteswissenschaftlichen Erkenntnisse sind, von denen wollen wir etwas sprechen. Betrachten wir einen Zeitabschnitt im Leben eines Menschen und denken wir uns, dass dieser Mensch viel gelogen hat. Das Gesetz von Karma für diesen Fall wird dann später zutage treten. Wir müssen warten, bis es sich auszuleben beginnt, aber wir können doch schon in der einzelnen Inkarnation die Zusammenhänge beobachten zwischen den einzelnen früheren und späteren Lebensabschnitten.

[ 10 ] Die Lebensbeobachtung, sie lehrt uns, dass die Lüge bei einem Menschen vielleicht sich abstreift - das Leben ist eben eine Schule -, dass aber dafür eine ganz bestimmte Charaktereigenschaft auftritt: eine gewisse Scheuheit tritt auf. Es gibt Menschen, die einen nicht ansehen können. So können wir eine spätere Scheuheit und eine frühere Lügenhaftigkeit in ihren Zusammenhängen beobachten.

[ 11 ] Ein anderes Beispiel: Der Neid tritt auf bei einem Menschen. Wenn der Neid weg ist, wenn er erdrückt worden ist, zurückgetreten ist, dann können wir beobachten, dass in einem späteren Lebensalter solche Menschen nun sich abhängig von anderen fühlen, dass sie unselbstständig, wankend im Leben sind. Diese Zusammenhänge von Lüge und Scheuheit, von Neid und Unselbständigkeit, die schon in einer Inkarnation beobachtet werden können, sind karmische Zusammenhänge. Im Grunde wirkt Karma so, dass es wie eine leise Erfüllung in derselben Inkarnation noch zum Ausdruck kommt, maßgebend aber für den Charakter wird es in der nächsten Inkarnation. So tritt, wo Neid in der Jugend sich gezeigt hat, Hilflosigkeit im Alter auf. Das ist eine leise karmische Nuance. Die bleibt dann bestehen auch nach dem Tode und wirkt weiter durch das Kamaloka hindurch, und das, was sich dann als aufbauende Kräfte für das nächste Leben zeigt, das enthält diese karmische Nuance und verwebt sie in das, was als Grundcharakter der drei Leiber - des physischen, des Ätherleibes, des Astralleibes - im nächsten Leben sich ausdrückt.

[ 12 ] Ist nun Neid eine Grundeigenschaft des Charakters in der einen Inkarnation, so wirkt diese in der nächsten Inkarnation in alle drei Leiber des Menschen hinein und wird dann eine schwache Gesundheit zur Folge haben. Sie wird als eine mächtige Kraft organisierend wirken in der nächsten Inkarnation. Sehen wir einen Menschen in seiner Anlage hilflos und abhängig im Leben stehen, so müssen wir uns sagen: Da muss in der vorigen Inkarnation etwas wie Neid gespielt haben, und demgemäß müssen wir uns ihm gegenüber benehmen. Wenn Karma wahr ist, wird es schon zutage treten, ob unser Verhalten ein richtiges ist. sehen wir einen Menschen gesundheitlich schwach ins Dasein treten, so können wir annehmen, dass Neid in seiner vorigen Inkarnation irgendeine Rolle bei ihm gespielt hat. Haben wir solche Menschen in unserer Umgebung, so müssen wir uns sagen, dass Karma uns zusammengeführt hat mit diesem Menschen aus irgendwelchem Grunde. Wir können gerade der Mensch sein, den der andere einst beneidet hat. Was können wir nun tun für diesen Menschen? Gibt es ein Mittel, ihm zu helfen? - Wenn Karma eine Tatsache ist und als Wahrheit gelten darf, dann muss es sich zeigen, dass man, wenn man sich jetzt richtig gegenüber solchen Menschen verhält, ein günstiges Resultat erzielen kann an einem solchen, gerade in diese Umgebung hineingeborenen schwachen Menschen.

[ 13 ] Verzeihung zu finden, das braucht er; diesem Gefühl im umfassendsten Maße zu begegnen, das braucht er. Unter der Voraussetzung, dass wir ihm etwas zu verzeihen haben, haben wir ihn positiv einzuhüllen in eine Atmosphäre von Verzeihen. Du hast dem Menschen etwas zu verzeihen, also tue es- das werden wir uns sagen, aber nicht ihm -, und danach werden wir handeln, und dann werden wir abwarten und werden sehen, wie der Mensch stärker und kräftiger wird, wie er gesünder wird. Man versuche nur, das Rechte zu tun, und der Erfolg wird schon eintreten. So kann man Karma leben; so kann man die ganze Theosophie leben.

[ 14 ] Es könnte nun jemand kommen und sagen: Ja, es ist ja nur gerecht, wenn es dem Menschen jetzt übel geht. Das ist die Vergeltung des in der vorigen Inkarnation Begangenen. Dass es so gekommen ist, ist doch nur vernünftig, sein Karma erfordert das. - Wer so denkt, versteht Karma nicht, denn zur Erkenntnis des Karmas gehört, dass man weiß, es geht einen das Karma des andern gar nichts an. Ihm helfen, das istallein unsere Aufgabe. Dass sich sein Karma erfüllt, das wird schon von selbst kommen. Wir aber, wir haben alles herbeizuschaffen, um sein Karma im günstigen Sinne umzuändern. Dass man das weiß und fühlt, das gehört zum tiefen Verständnis des Karmas und seiner Gesetze.

[ 15 ] Etwas anderes ist es, wenn jemand eine esoterische Entwicklung durchmachen will. Da kann ihm dann Rat gegeben werden, wie er sein Karma am besten austragen kann. Moralische Eigenschaften müssen in der Tat karmisch sich auswirken. Sie können sich wohl wieder in eines Menschen Inkarnation wandeln, müssen aber in der nächsten Inkarnation bis in die physische Organisation dann hinabsteigen.

[ 16 ] Wir haben gesagt, dass Lüge schon in der gleichen Inkarnation zur Scheu werden kann, dass der Mensch sich dadurch selbst in sich zurückzieht. Umso mehr wird Lüge in der einen Inkarnation die Eigenschaft der Scheuheit in der nächsten hervorrufen. Als ängstlicher, furchtsamer Charakter wird solch ein Mensch geboren. Er wird nicht nur scheu sein gegenüber den Menschen seiner Umgebung, sondern er verfällt auch in gewisse krankhafte Furcht- und Angstzustände. So wird das, was in einer Inkarnation als leichte karmische Folge sich gezeigt hat, in der nächsten als grundlegende Organisation auch des physischen Leibes auftreten.

[ 17 ] Wenn wir annehmen müssen, dass jemand viel Lüge in einer früheren Inkarnation verübt hat, wie handeln wir dem gegenüber vernünftig? Nun, wir sagen uns - nicht ihm - und müssen es uns zur Richtschnur unseres Handelns machen: Er wird uns in einer früheren Inkarnation viel belogen haben; er hat uns auf eine falsche Fährte gebracht. Wir müssen nun versuchen, ihm fruchtbare, schätzenswerte Wahrheit beizubringen. Liebevoll, hingebungsvoll muss sich in sein Seelenleben vertiefen der, welcher karmisch mit ihm zusammengeführt ist. Die Lüge müssen wir mit Wahrheit vergelten, das sind zwei entgegengesetzte Pole, die eine Art Ausgleich zu schaffen vermögen.

[ 18 ] Das Geheimnis dabei ist, dass nicht jeder so günstig wirken kann auf einen solchen Menschen, sondern jener gerade, welcher karmisch mit ihm verbunden ist. Wer das tut, der wird schon sehen, wie günstig er wirken kann, wenn er positive Wahrheit geben und Verständnis entgegenbringen kann. Karma ist ein wirkliches Gesetz, der Erfolg wird sich in ganz merkwürdiger Weise zeigen. Wir werden unendlich gesundend und befreiend auf solche Menschen wirken, wenn wir auf ihre Schwächen liebevoll eingehen. Vermögen wir mit unserem Sein ganz in dem ihrigen zu leben, dann werden wir verjüngend auf die anderen Menschen wirken. Man kann dem Menschen zweierlei entgegenbringen: entweder Verständnis oder Tadel. Was ist nun die Wirkung davon? Wir können ihm weiterhelfen oder nicht. Man kann ihm Verständnis entgegenbringen, das heißt, sich liebevoll in das Sein des andern versenken und auf seine Schwächen eingehen, wenn es uns karmisch auferlegt wird. Wir können ihn aber auch tadeln und dabei stehen bleiben. Wir wollen nun in beiden Fällen das Leben beobachten. Wenn viel getadelt wird, hat das einen Erfolg in Bezug auf den, der getadelt worden ist?

[ 19 ] Es kann einen Erfolg haben, der Tadel kann genützt haben oder auch nicht. Wer aber gewohnheitsmäßig tadelt, der hat auch einen Erfolg: Ein gewisses Gefühl der Isolierung im Leben, des Alleinstehens wird über den Menschen kommen. Vergleichen wir damit das, was eintritt in einer Inkarnation, wenn man recht liebevoll auf den andern eingeht, trotz seiner Fehler. Der Erfolg kann auch da gut sein oder schlecht, aber ein günstiger Seelenerfolg wird sicher da sein. Wir können daraus lernen, dass es einem ganz andern Gesetze unterliegt, ob man sozusagen beim Tadel stehen bleibt oder ob man bis zum Verständnis vorschreitet. Tadel prallt nämlich auf uns selbst zurück, schafft neues Karma; Verständnis aber gibt einen Schatz, den der andere dann in sich trägt, löst Karma auf, glättet es, tilgt es. Das ist eine außerordentlich bedeutsame Tatsache für das Leben.

[ 20 ] Wir können nun das Ergebnis der Beobachtungen zusammenfassen in einen Satz, der von einer tiefen Lebenswahrheit ist, nämlich den, dass man im Grunde genommen außerordentlich wenig in der Lage ist, sich selbst zu nützen, aber sehr sich zu schaden; dass man den andern aber sehr zu nützen vermag, durch eigene Untugenden ihnen jedoch wenig schaden kann. Durch Gutsein also kann man den anderen viel nützen; durch Schlechtsein sich selbst sehr viel schaden, dem andern aber dauernd nicht viel schaden. Das ist ein sehr merkwürdiges Gesetz. An ihm zeigt sich nun schon Karma in einer einzigen Inkarnation. Derjenige nämlich, der durch Verständnis für den andern, durch liebevolles Eingehen auf ihn, durch Gutsein einem andern genützt hat, der kann sicher sein, dass er ganz gewiss in einem späteren Zeitpunkt eine günstige Rückwirkung davon hat. Sagen Sie nicht, dass dies Egoismus sei, wenn der Mensch gut und edel ist. Nein, das Gutsein muss das Selbstverständliche sein, und das andere, die gute Wirkung davon später, tritt nur als natürliche Folge ein. Wenn wir bei uns selbst stehen bleiben, kein Verständnis für den andern haben, ihn nur tadeln, dann tritt die günstige Rückwirkung nicht auf. Und das ist das Merkwürdige: Ohne gut zu sein mit den anderen geht es nicht, erst dann können wir vorwärtskommen. Dies ist ein Grundgesetz, das von einer Inkarnation in die andere in einer gewaltigen, großartigen Art auftritt. In der nächsten Inkarnation zeigt sich davon schon das Eigenartige: Wenn uns in der ersten Inkarnation der Lebensinstinkt so leitet, zeigt sich das in der nächsten Inkarnation als Theosophie, die dann schon gewirkt hat.

[ 21 ] Denken wir uns zum Beispiel einen Menschen, der uns Gutes erwiesen hat zu einer Zeit, wo wir uns selber noch nicht leiten konnten. Da zeigt sich nun ein großer Unterschied zwischen Gutem und Gutem, welches unverdient ist- man spricht ja von einem unverdienten Guten -, und man kann beobachten, dass bei dem einen dieses Gute, das unverdiente, sehr gut anschlägt, bei dem andern aber nützt es nichts. Dem Hellseher zeigt sich nun da etwas ganz Besonderes: Die Guttaten, die der andere uns erwiesen hat, ehe wir sie von ihm verdient haben, die zeigen sich dem Hellseher als ein von uns am anderen wiederverdientes Gutes. Sind sie dieses, so schlagen sie bei uns an. Waren sie das nicht, so können sie bei uns nicht anschlagen.

[ 22 ] Man muss bedacht sein bei den karmischen Auswirkungen, dass alles Getane doch sich auswirkt, wenn auch die Wirkung sich nicht gleich dem physischen Auge zeigt. Die Wege, die Karma geht, sind sehr verschlungen, aber sie können uns verständlich werden, wenn wir das Leben prüfen, denn dann finden wir die Beweise des karmischen Waltens und Wirkens in der Welt. Der Erfolg am Leben selbst zeigt uns dann, dass - wenn wir Karma so beobachten und danach tun -, wir von einem richtigen Gesetze ausgegangen sind.

[ 23 ] Es gibt drei Arten oder drei Wege, sich Karma gegenüberzustellen: Man kann an Karma überhaupt nicht glauben, man kann daran glauben, und man kann es am Leben selbst prüfen; und dann wird man die Richtigkeit seiner Gesetze schon einsehen lernen.

[ 24 ] Geisteswissenschaft soll nicht nur theoretische Wahrheit sein, sondern sie soll ein Suchen sein nach den Beweisen für diese Wahrheit im Leben.