Nachträge zur Abteilung Mitgliedervorträge
GA 246
1 März 1916, Hanover
73. Der Sieg des Geistes über die Leiblichkeit
Meine lieben Freunde,
[ 1 ] wir gedenken derjenigen, die draußen stehen auf den Feldern der Gegenwart:
Geister Eurer Seelen, wirkende Wächter!
Eure Schwingen mögen bringen
Unserer Seelen bittende Liebe
Eurer Hut vertrauten Erdenmenschen.
Dass, mit Eurer Macht geeint,
Unsere Bitte helfend strahle
Den Seelen, die sie liebend sucht!
[ 2 ] Und für diejenigen Seelen, die schon infolge dieser Zeitereignisse durch des Todes Pforte gegangen sind:
Geister Eurer Seelen, wirkende Wächter!
Eure Schwingen mögen bringen
Unserer Seelen bittende Liebe
Eurer Hut vertrauten Sphärenmenschen.
Dass, mit Eurer Macht geeint,
Unsere Bitte helfend strahle
Den Seelen, die sie liebend sucht.
[ 3 ] Und der Geist, den wir suchen durch unsere erstrebte Geisterkenntnis, der Geist, der durch das Mysterium von Golgatha zu der Erde Heil, zu der Menschheit Fortschritt und Freiheit gegangen ist, der sei mit euch und euren schweren Pflichten.
Meine lieben Freunde, wir leben ja in einer Zeit, in der es noch mehr als in einer anderen, angemessen sein kann, einer solchen Betrachtung, wie wir sie heute wiederum anstellen dürfen, zugrunde zu legen das, was wir nennen: das Leben des Menschen zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Wir haben ja auch hier schon öfter gerade über dieses Thema gesprochen. Wir haben auch gedruckte Vorträge über dieses Thema. Allein Sie wissen, meine lieben Freunde, dass dasjenige, was die Geheimnisse der geistigen Welt sind, von uns doch immer wieder und wieder nur verstanden werden kann, wenn wir es betrachten von den verschiedensten Gesichtspunkten, wenn wir immer Neues zu dem hinzufügen, was wir über einen solchen Gegenstand schon wissen. Und so sei denn heute wiederum zu dem, was uns gut bekannt ist, mancherlei von einem mehr oder weniger neuen Gesichtspunkte hinzugefügt.
[ 4 ] Der Mensch betritt ja, wie wir wissen, die geistige Welt, wenn er durch des Todes Pforte schreitet. Dieses Durchschreiten durch des Todes Pforte, es ist für die sinnliche Betrachtung des Menschen und für alles dasjenige, was der Mensch betrachten kann mit dem Verstande, der an das Gehirn, an das Nervensystem gebunden ist, es ist das Ende des Lebens, das zwischen Geburt und Tod sich ausbreitet. Für denjenigen, der durch des Todes Pforte geschritten ist, ist der Augenblick des Todes selber etwas im höchsten Maße Bedeutsames, und bleibend Bedeutsames. Es ist mit dem Erlebnis des Todes für das folgende Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt etwas Entgegengesetztes - können wir sagen — verbunden, als für das physische Leben verbunden ist mit dem Erlebnis der Geburt. Sie wissen ja, meine lieben Freunde, im normalen menschlichen Leben kann sich der Mensch nicht erinnern an sein Geburtserlebnis. Unsere Erinnerung geht bis zu einem gewissen Zeitpunkte zurück, aber sie geht nicht bis zur Geburt zurück. Kein Mensch kann mit den normalen Fähigkeiten des menschlichen Bewusstseins sich hier auf der Erde an seine Geburt erinnern, die Geburt wird also nicht persönlich erlebt. Der Tod wird für das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt immer wieder und wieder erlebt; beziehungsweise dieses Erlebnis steht immer wieder und wieder nach dem Tode vor dem Bewusstsein der Seele.
[ 5 ] Also das gerade Umgekehrte ist der Fall wie mit dem Geburtserlebnis für das physische Leben. Indem der Mensch durch des Todes Pforte geht, lernt er kennen, wiederum kennen - wiederum aus dem Grunde, weil wir ja schon oftmals durch irdische Inkarnationen hindurchgegangen sind -, er lernt wiederum kennen, hat wiederum das Erlebnis des Todes. Und von diesem Erlebnis des Todes hängt ungeheuer viel ab, dass es bleibt wie etwas, das man immerfort vor sich sieht nach dem Tode, davon hängt ungeheuer viel ab. Wenn man überhaupt sprechen kann von dem Tod als etwas Grausigem, so gilt das nur für den Anblick des Todes hier von der physischen Welt aus, wo er ein Ende darstellt, ein Ende des physischen Lebens. Es gilt aber nicht für die Zeit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Denn indem der Mensch zurückschaut diese ganze Zeit auf das Todeserlebnis, gehört dieses Todeserlebnis oder vielmehr der Anblick dieses Todeserlebnisses zu den erhabensten, zu den größten, zu den beseligendsten Eindrücken überhaupt, die überhaupt eine Menschenseele in dieser oder einer anderen Welt haben kann. Denn dieses Anschauen des Todes von der anderen Seite, von der Seite des Geistes aus, bedeutet den Sieg des Geistes über die Leiblichkeit, das Heraustreten des Geistes aus der Leiblichkeit. Und dieses Anschauen des Sieges des Geistes über die Leiblichkeit, das ist das Beseligende, das ist das Erwärmende für die ganze Zeit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt.
[ 6 ] Aber noch etwas anderes ist verbunden damit. Sehen Sie, hier während des physischen Lebens haben wir unser Ich-Erlebnis. Dieses Ich-Erlebnis, das haben wir aber nur so, wie wir es hier im physischen Leben haben, im physischen Leib. Sie wissen ja: Wenn wir aus dem physischen Leib heraußen sind vom Einschlafen bis zum Aufwachen, da ist das Ich-Erlebnis nicht da. Dadurch dass wir uns hineinzwängen in den physischen Leib beim Aufwachen, dass wir gewissermaßen eingezwängt und eingedrückt sind durch den physischen Leib, dadurch wird bewirkt, dass wir zwischen dem Aufwachen und dem Einschlafen das Ich-Erlebnis haben.
[ 7 ] Anders ist nun das Ich-Erlebnis in der Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Auch da hat der Mensch das Ich-Erlebnis. Aber er hat es dadurch, dass er immer zurückblicken kann auf das Todeserlebnis. Geradeso, wie wir aufwachen müssen im physischen Leib, um das Ich-Erlebnis zu haben, müssen wir den geistigen Blick nach dem Tode zurücklenken an das Erlebnis des Sterbens, damit das Ich, das Selbstbewusstsein, in der Zeit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt da ist; denn an diesem Anblicke entzündet sich das Ich-Bewusstsein für diese Zeit. Also dass wir nach dem Tode ein persönliches Ich, ein individuelles Ich haben, das hängt davon ab, dass wir zu dem erhabendsten Ereignis zurückblicken können, zu dem Todesereignis.
[ 8 ] Nun wissen Sie ja - und das ist die gewöhnlichste Beobachtung, die ein Mensch schon hier auf dem physischen Plan machen kann -, Sie wissen, dass zunächst der Tod darinnen besteht, dass der Mensch seinen physischen Leib abwirft, ihn von sich ablöst, und dass dieser physische Leib - sei es durch Verbrennung, sei es durch Verwesung, es unterscheidet sich ja nur durch die Zeitenlänge, in der sich das vollzieht -, dass die Teile, die Elemente des physischen Leibes der Erde übergeben werden. Wir wissen ja auch aus den [elementaren] Lehren unserer Geisteswissenschaft, dass der Mensch dann tagelang noch mit seinem Ätherischen, mit seinem Astralischen, mit seinem Ich lebt. Aber er hat seinen physischen Leib losgelöst von diesen drei anderen Gliedern seiner Wesenheit. Auch dies, dass er seinen physischen Leib losgelöst hat, bedeutet nun etwas sehr Wichtiges, und man kann das, was es bedeutet, nur schildern, wenn man versucht, so sinnlich als möglich den Vorgang zu schildern. Man muss sich ja schon einmal gewöhnen, meine lieben Freunde, seine Begriffe, seine Vorstellungen beweglich zu machen, wenn man die geistige Welt begreifen will. Sich allmählich andere Vorstellungen anzueignen, muss man versuchen, als die Vorstellungen sind, die geeignet sind für die physische Welt. Derjenige, der es höchst bequem haben möchte und unter der geistigen nur eine etwas wie verdünnte physische Welt vorstellen möchte, der wird zu keinem wirklichen Vorstellen über die geistige Welt kommen. Alle Vorstellungen, alle Begriffe müssen verinnerlicht werden.
[ 9 ] Dasjenige, was nun für das Bewusstsein nach dem Tode dieses Ablegen des physischen Leibes bedeutet, dieses Mitteilen des physischen Leibes an die Erden-Elemente, das kann man etwa in der folgenden Weise bezeichnen. Es ist wirklich dies etwas, was so erscheint nach dem Tode, als wenn der Raumteil, den früher unser physischer Leib eingenommen hat, wie wenn der nun leer wäre von unserem physischen Leib und wir auf diesen leeren Raum zurückblicken.
[ 10 ] Fassen Sie das wohl auf, meine lieben Freunde: Hier wissen Sie sich, solange Sie Ihren physischen Leib haben, innerhalb Ihrer Haut, und Sie sagen: Da sind Sie drinnen. Mit dem Tode treten Sie aus diesem Ihrem Leib heraus und aus dem Raum. Es braucht nicht immer an demselben Ort selbstverständlich zu sein, es kommt auf die Form des Raumes an, nicht auf den Ort. Aus dem Raume fällt heraus Ihr physischer Leib, wird der Erde mitgeteilt, löst sich, wie man sagt, in der Erde auf. Aber bestehen bleibt die Vorstellung an den Raum. Hier erfühlen Sie ihn erfüllt von dem, was Ihr physischer Leib ist, von Knochen, Muskeln und so weiter. Jetzt, nach dem Tode, fühlen Sie denselben Raum, dieselbe Raumesform leer. Das ist ungeheuer wichtig, ungeheuer bedeutsam, denn immer mehr und mehr stellt sich das nach dem Tode ein, dass der Mensch ein Gefühl bekommt: Er verbreitet sich, er löst sich auf; aber dasjenige, was dieser Raumesteil ist, der leer bleibt, das füllt sich mit nichts an, das bleibt bestehen. Es wird auch nicht ausgefüllt durch irgendetwas anderes für die Beobachtung hinterher. Und das, was man da hat, indem man so, wie man sich hier physisch erfüllt betrachtet, sich dort physisch leer betrachtet, wie eine Aushöhlung im Raume, das ist ein Gefühl, eine Empfindung. Diese Empfindung ist ungeheuer bedeutsam, ungeheuer wichtig. Will man sie in Worte fassen, so kann man das in folgender Weise tun. Man kann sagen: Der Mensch erfühlt dadurch, dass er so hinblickt auf diese Leerheit, die zwischen Geburt und Tod ausgefüllt hat sein physischer Leib, er fühlt, dass er seinen Ort in der Welt hat, dass es einen Ort, etwas gibt in der Welt, das nur für ihn da ist. Das ist eine ungeheuer wichtige Tatsache. Es ist deshalb so bedeutsam, weil man dadurch für die ganze Zeit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt das unmittelbare Bewusstsein hat: Man gehört als ein Baustein zum ganzen Weltenall dazu. Es wäre nicht ganz dieses Weltenall, wenn man selber nicht drinnen wäre. Alles hat seine Aufgabe, seine Bestimmung. Und dieses, dass man dazugehört zum Weltenall, das drückt sich dadurch aus, dass man auf diesen leeren Raum hinschaut. Es ist natürlich leicht, zu sagen: Hier vom irdischen Bewusstsein aus kann ein leerer Raum, der die Menschenform hat, solch eine Empfindung nicht hervorrufen. Allein das Empfinden im Leibe und außer dem Leibe ist verschieden. Dieses Empfinden ist dem Menschen nach dem Tode etwas ganz Natürliches: Mir ist angewiesen ein Platz, der dazu da ist, dass ich ihn ausfülle als Mensch, wenn ich mir die Bedingungen schaffe, in eine irdische Inkarnation wieder einzutreten. Dieser Platz, der kann nur durch mich ausgefüllt werden, nur dadurch ausgefüllt werden, dass ich wiederum in eine irdische Inkarnation eintrete. Geradeso wie man hier sein Leibesgefühl hat innerhalb der Haut, so hat man ein kosmisches Gefühl dadurch, dass dies vorhanden ist, was ich eben jetzt geschildert habe: das Fühlen des Hinzugehörens zum ganzen Weltenall.
[ 11 ] Nun wissen wir, dass tagelang der Mensch dann - wie man sagt mit seinem Ätherleib noch weiterlebt. Als was wird nun dieser Ätherleib eigentlich erlebt? Sehen Sie, hier in der physischen Welt nehmen wir ja nicht bloß die Dinge wahr, sondern wir machen uns Vorstellungen davon. Sie wissen ja nicht bloß dasjenige, was Sie jetzt sehen, sondern: Auch das, was Sie gestern gesehen haben, bleibt Ihnen in der Erinnerung. Und so setzt sich die Summe der Erlebnisse zusammen dadurch, dass die fortlaufende Erinnerung da ist.
[ 12 ] Wie kommt diese Erinnerung eigentlich zustande? Die Erinnerung kommt auf folgende Weise zustande: Wenn ich einem Farbeneindruck gegenüberstehe oder irgendeinem andern Erlebnis gegenüberstehe, so ist zunächst der Sinneseindruck da. Dann wird dieser Sinneseindruck als Vorstellung gefasst; aber die Vorstellung ergreift den ganzen Menschen, bringt nun wirklich den ganzen Ätherleib in Bewegung. Und diese Bewegung staut sich, könnte man sagen. Am physischen Leib staut sich diese Bewegung; sie würde sonst zerrinnen nach allen Seiten; aber der physische Leib hält sie zusammen. Dadurch ist ja das Gedächtnis, die Erinnerung auch an den physischen Leib gebunden. Aber in unserem Ätherleib sind alle Vorstellungen, die wir während des Lebens je gefasst haben, in lauter Bewegungsmöglichkeiten vorhanden. Es ist natürlich nicht so leicht zu denken, aber Sie müssen sich denken, dass dieser Ätherleib das Elastischste ist, was Sie sich vorstellen können, und dass Sie von allem, was Sie denken, was Sie vorstellen, einen Eindruck bekommen und die Neigung behalten, diesen Eindruck zu bewahren. Natürlich kann unser Ätherleib nicht nur Millionen, sondern Milliarden solcher Eindrucksneigungen behalten. Die hat er auch; sie werden gedämpft, sodass nicht immerfort unsere ganze Erinnerung vor unserer Seele steht. Sie werden dadurch gedämpft, dass wir in den physischen Leib und in den ganzen Ätherleib untertauchen.
[ 13 ] Jetzt aber, wenn der Ätherleib herauskommt aus dem physischen Leib, jetzt verbreitet sich dieser Ätherleib. Und man hat um sich herum gegenwärtig - nicht wie in der Erinnerung hintereinander, sondern gegenwärtig - alles dasjenige, was man jemals vorgestellt hat und was Erinnerung im Leben werden kann; nicht was ist, sondern was werden kann, was man jemals vorgestellt hat, das ordnet sich zu jenem großen Lebenspanorama zusammen, das man durch Tage hindurch hat. Man hat eben alles das, was man erlebt hat, in der Form, wie man cs damals gedacht hat, wie man es vorgestellt hat, vor sich. Dadurch, dass der Ätherleib auseinandergeht, dadurch wird für die Seele all das wie in einem Panorama sichtbar. Das ist ja sonst ganz zusammengedrängt im Raum der Haut durch den physischen Leib. Jetzt wird es einverwoben dem ganzen Weltenäther. Und was bisher, bis zum Tode, in uns war als Erinnerung, geht jetzt heraus, wird einverwoben dem äußeren Äther. Unser eigenes Erleben, insofern wir es vorgestellt haben, wird jetzt Welterleben: Wir sehen es außer uns. Es ist außer uns. Es lebt sich in den Weltenäther hinein dasjenige, was wir zwischen Geburt und Tod erlebt haben. Das wird der Welt einverwoben, eingewebt, eingeformt. Wir leben nicht umsonst, sondern dasjenige, was wir denken während unseres Lebens, das wird, wenn wir sterben, wenn wir durch die Pforte des Todes hindurchgegangen sind, ein Stück Weltenleben, ein Leben im Weltenäther drinnen. Es würde ein starkes Vorurteil sein zu glauben, dass unsere Gedanken, die entstehen dadurch, dass wir Erlebnisse haben, länger uns angehören als bis zu unserem Tode. Sterben wir, so dringen sie heraus aus unserm Leib und weben sich dem Weltenäther ein.
[ 14 ] Das ist sehr wichtig zu beachten. Unser Inneres wird ein Äußeres auf diese Weise. Und während also alle unsere Vorstellungen, unsere Gedanken sich dem Weltenäther unterwerfen, gliedert sich hinzu zu unserm astralischen Leib und zu unserem Ich dasjenige, was man eine Art Voranlage zu einem Geistselbst nennen könnte. Das Geistselbst wird ja an den Menschen herantreten in physischer Befähigung, wenn der Jupiter einmal da sein wird. Aber alles das, was später in physischer Befähigung herantritt, das tritt geistig früh heran. Und dadurch, dass wir unseren Ätherleib ablegen, das heißt, dass er einverwoben wird dem Weltenäther, dadurch gliedert sich uns - nicht in der Stärke, wie es auf dem Jupiter sein wird, denn da wird es physische Organe haben, sondern -, geistig-seelisch gliedert sich als ein höheres Glied der Menschennatur das Geistselbst an.
[ 15 ] Sodass wir also entwickeln innerhalb der sich loslösenden inneren Ätherwelt, die sich der Welt einwirkt und einwebt: astralischen Leib, wie wir ihn schon hatten, Ich und Geistselbst. Unser Ich kann also nunmehr hin gerichtet sein auf dasjenige, was wir selber nunmehr einverwoben haben dem Weltenäther. Wollten wir früher über irgendeinen Gedanken, der in uns ist, nachdenken, so mussten wir ihn aus der Erinnerung herausheben, aus unserem Innern in unser Bewusstsein bringen. Jetzt steht er irgendwo eingegraben, als Imagination eingegraben in dem, was wir hineingewirkt haben in den Weltenäther.
[ 16 ] Dann kommt ja, wie wir in der elementaren Geisteswissenschaft schon kennengelernt haben, die Zeit, in welcher der Mensch zurücklebt, in dreifacher Geschwindigkeit zurücklebt das letzte Leben vom Tod bis zur Geburt hin. Aber anders lebt er es zurück, als es hier durchlebt worden ist. Wenn wir das Leben hier durchleben, dann haben wir den Eindruck von dem, was wir als Absichten haben gegenüber anderen Menschen, von dem, wie wir uns zu anderen Menschen, zu den Dingen der Welt verhalten. Aber es ist ein Unterschied. Nehmen wir ein krasses Beispiel: Ich beleidige jemand. Da habe ich gewisse Empfindungen, indem ich den anderen beleidige, gewisse Gefühle. Aber der andere hat auch Gefühle, die ihn beleidigen, bekommen. Die hat der. Ich habe die Gefühle, die dazumal dazu führten, die Beleidigung auszusprechen; der andere hat die schmerzlichen Gefühle, die Beleidigung zu empfangen. Dasjenige, was ich gefühlt habe bei der Beleidigung während meines Lebens hier auf Erden, das mache ich nach dem Tode nun nicht durch, sondern das, was der andere gefühlt hat, der beleidigt worden ist. Alle die Wirkungen unseres Verhaltens machen wir durch in diesem Zurückleben. Wir können nicht einem Menschen irgendetwas zufügen, ohne dass wir es nach dem Tode bei diesem Rückleben so erleben, wie er es hier im Leben erlebt hat. Das heißt: Wir erleben die Wirkungen unserer Taten, unserer Gedanken, unserer Empfindungen. Die Wirkungen erleben wir. Und während wir diese Wirkungen erleben, und uns hinleben bis dahin, wo wir wiederum bei unserer Geburt oder Empfängnis angekommen sind, da entwickelt sich jetzt dasjenige, was wir nennen können eine Voranlage des Lebensgeistes, das als physisches Organ erst auf der Venus für den Menschen geboren sein wird, jetzt geistig-seelisch den Menschen umgibt, sodass er also, indem er seinen astralischen Leib ablegt, dann Ich, Geistselbst, Lebensgeist hat. So lebt sich der Mensch nun hinein in die geistige Welt.
[ 17 ] Dann, wenn der Mensch auf diese Weise, wir können sagen, fertig geworden ist mit der physischen Welt dadurch, dass er dasjenige, was ihm die physische Welt gegeben hat, dass er das in Form eines Gewebes dem Ätherleib einverleibt hat, dadurch auch fertig geworden ist mit der physischen Welt, dass er nicht nur gelebt hat in dem, was er getan und gedacht hat, sondern auch in den Wirkungen seiner Taten, [in] seinem Denken, seinem Fühlen, Wollen, dann ist der Mensch voll drinnen in der geistigen Welt.
[ 18 ] Und sehen Sie, was bedeutet dieses Drinnensein in der geistigen Welt? Das bedeutet, dass unsere ganze Umwelt eigentlich etwas anderes wird als die Umwelt, die wir hier im physischen Dasein haben. Hier im physischen Dasein sind wir umgeben von anderen Menschen, insofern diese anderen Menschen einen physischen Leib haben. Wir sind umgeben von den Wesen des Tierreiches, des Pflanzenreiches, des Mineralreiches. Indem wir in die geistige Welt eintreten, haben wir uns in der eigentlichen geistigen Welt ja so, dass unser niederstes Glied das Ich ist; hier war es das höchste, dort ist es unser niederstes Glied.
[ 19 ] Die nächsten Wesen sind [uns übergeordnete] Wesen, Angeloi; so wie wir hier als nächstes Wesen die unter uns stehenden Wesen des Tierreiches haben, haben wir dort die Angeloi als über uns stehende Wesen. Archangeloi statt der Wesen des Pflanzenreiches hier, die zwei Stufen unter uns stehen, wie wir dort zwei Stufen über uns stehen haben: Archangeloi. Und so hinauf: Archai und so weiter.
[ 20 ] Nun beginnt, wie Sie sich daraus leicht vorstellen können, also eine Zeit, in der solch ein Tierreich, solch ein Mineralreich, wie sie hier auf der Erde uns umgeben, natürlich für uns auf der Erde nicht vorhanden sind. Wir leben unter Unseresgleichen zunächst und unter Wesen, die höher sind als wir. Dieses Sein-unter-Unseresgleichen, es beginnt sehr bald, nachdem der Mensch die Todespforte durchschritten hat. Man kann es ja im gewöhnlichen Sinn, mit gewöhnlichen Worten bezeichnet nennen: Finden der Seelen, denen man irgendwie nähergetreten ist auf dem physischen Plan, Wiederfinden der Seelen.
[ 21 ] Und sehen Sie, da ist es zunächst wichtig, dass man sich über dieses Wiederfinden auch wieder bestimmte Vorstellungen macht. Die meisten Menschen möchten eben durchaus über die geistige Welt Vorstellungen haben, welche möglichst ähnlich sind den Vorstellungen des physischen Planes. Und wenn man ihnen schwierige Vorstellungen gibt, so sind ihnen eben diese Vorstellungen zu schwierig, sagen sie, denn sie können das nicht verstehen.
[ 22 ] Aber die geistige Bedeutung kann man nicht verstehen, wenn man sie sich nur vorstellt so wie Schatten der physischen oder so etwas, sondern man muss sich schon hinaufwenden zu höherem Vorstellen.
[ 23 ] Nehmen wir einmal an, meine lieben Freunde, wir treffen nach dem Tode eine Seele, die schon vor uns durch die Pforte des Todes gegangen ist. Die erste Vorstellung, die wir dann haben, ist diese: Wir stehen einer Seele gegenüber. - Dass sie eine Seele ist, die irgendetwas mit uns zu tun hat, das geht daraus hervor, dass wir das innere Erlebnis haben: Du stehst jetzt einer Scele gegenüber. Und nun handelt es sich darum, dass man, von diesem Gefühl, dieser Empfindung ausgehend, gleichsam geistig befühlt den Geistesort, von dem ausgeht dieses Gefühl: Man steht einer Seele gegenüber. Und dann erlebt man innerlich, was in dieser Seele ist. Aber es ist nicht so, dass die Seele einfach an einen herankommt und sich selber gibt, sondern man muss alle die Begriffe, alle die Vorstellungen, alle die Eindrücke, die man haben will von ihr, selber erzeugen. Sie bekommen höchstens eine Vorstellung, wenn Sie sich denken würden, wir lebten nicht im Lichte, sondern wir lebten in der Dunkelheit, und wir würden nur dadurch, dass wir uns stoßen, voneinander wissen, und dann würden wir müssen, dadurch dass wir plastisch uns befühlen einander, Vorstellungen uns erschaffen, tätiger Weise die Vorstellungen uns erschaffen. So ist es mit Bezug auf die Toten, die vor uns hingegangen sind. Wir müssen so innerlich mit ihnen zusammenkommen, denn darauf beruht gerade das Mit-ihnen-Zusammensein - wir müssen so innerlich mit ihnen zusammenkommen, dass wir uns die Vorstellung von ihnen selber innerlich lebendig erschaffen, wenn sie uns entgegentreten. Wollen wir eine Vorstellung von ihnen haben, so müssen wir diese Vorstellung tätig erschaffen.
[ 24 ] Dadurch stellt sich das Leben nach dem Tode überhaupt als ein viel tätigeres dar, viel intensiver, als das Leben hier zwischen Geburt and Tod. Hier kann vieles für uns ruhend sein, dort ist alles, was uns als Erlebnis werden soll, durch unser eigenes Betätigen da. Wir sind in fortwährender Tätigkeit. Nur dürfen Sie nicht glauben, dass uns diese Tätigkeit unangenehm ist. Faul und lässig werden wir nicht dabei im Leben nach dem Tode; sondern gerade das würde uns dort wie tot erscheinen, wenn wir ruhen müssten. So nehmen wir diejenigen Seelen wahr, welche vor uns die Todespforte durchschritten haben. Und so nehmen wir auch diejenigen Wesen wahr, welche Hierarchien der Angeloi, Archangeloi, Archai und so weiter angehören. Vorstellungen müssen wir von ihnen schaffen. Wir wissen, dass sie da sind: Die Vorstellungen von ihnen müssen wir schaffen.
[ 25 ] Eine Ausnahme davon machen diejenigen Seelen, die zurückbleiben, Seelen, die also noch im physischen Leibe sind, wenn wir schon durch die Todespforte durchgegangen sind. Auch solche Seelen können wir wahrnehmen von der Welt aus, in der wir leben nach dem Tode. Aber diese Seelen, die geben sich wie von selbst; die treten wie Imaginationen auf, ohne dass wir diese Imaginationen erst in Tätigkeit erzeugen. Sodass wir also gewissermaßen von durch sich selbst bestehenden Imaginationen erfüllt die Welt haben und wissen: Was da als Seelen kommt, die wie eine Imagination uns entgegentreten, das sind solche Seelen, die hier noch in dem Leibe sind. Wo es unsere Tätigkeit fordert, dass wir von ihnen Imaginationen haben, Bilder, das sind Seelen, die im Augenblick nur in der geistigen Welt sind. Wir schauen dann wirklich hinunter aus der Welt, die wir betreten durch die Pforte des Todes, auf die Seelen, die wir hier zurückgelassen haben und mit denen wir gelebt haben zwischen der Geburt und dem Tode. Und wir nehmen nicht nur diese Seelen wahr, sondern wir nehmen auch dasjenige wahr, was in diesen Seelen ist, wenn es etwas ist, was den Welten verwandt ist, in denen wir dann drinnen sind, und unsere Seelen sind schon den Welten verwandt, die nehmen wir also wahr. Die Seelen der Menschen, die zurückgeblieben sind, sind den geistigen Welten verwandt; die werden wahrgenommen. Was aber oftmals diese Seelen hier erleben, sehen Sie, das muss nicht wahrgenommen werden. Wenn diese Seelen hier ganz der physisch-sinnlichen Welt zugewandt sind, dann nimmt der Tote zwar die Seelen wahr, aber nicht die Eindrücke der physisch-sinnlichen Welt; die geht ihn nach dem Tode nichts mehr an.
[ 26 ] Wenn wir aber den Toten, wie wir es genannt haben, vorlesen, wenn wir unsere Secle also erfüllen mit demjenigen, was selber handelt von der geistigen Welt, dann sind das Gedanken, die gelten für die Welt, in der die Toten auch leben. Dann bedeutet dieses, dass die Toten in unseren Seelen anwesend sehen diejenigen Gedanken, die sich auf die geistige Welt beziehen. - Daher können wir den Toten wirklich in Gedanken vorlesen. Auch wenn wir ihnen Gedanken der Liebe nachsenden, das heißt, an sie denken, an die Toten, da denken wir an etwas, was in der geistigen Welt ist ... können sie das wahrnehmen?
[ 27 ] Und die Frage kann aufgeworfen werden, und sie erscheint als eine wichtige Frage, meine lieben Freunde: Was sind denn eigentlich für die Toten die Gedanken, die hier in der Seele der Lebenden an die Toten entstehen? Die Frage beantwortet sich nicht so ganz leicht. Und man kommt erst langsam dazu, wenn man die geistige Welt betrachtet, auf diese Frage sich nach und nach eine Antwort zu geben. Denn sehen Sie: Wirkliches Wissen über die geistige Welt kann man auch nicht dadurch erlangen, dass man einfach beliebig, wie man will, in die geistige Welt hineinschaut und sich Fragen nach Belieben in der geistigen Welt beantworten kann, wie sich’s die Menschen so vorstellen.
[ 28 ] Rechtes zu wissen aus der geistigen Welt heraus, meine lieben Freunde, das hängt davon ab, dass man erlebt die Dinge, wirklich erlebt solch eine Frage: Was bedeuten die Gedanken der Liebe an die Toten? Die Gedanken, die also meinetwillen als Vorlesegedanken über Dinge der geistigen Welt in den Seelen derer, die hier zurückgeblieben sind, leben - was bedeuten diese Gedanken für die Toten?
[ 29 ] Das kann man nicht einfach so aus dem Nichts heraus beantworten, sondern das muss erlebt sein geradeso, wie man hier, zum Beispiel auf dem Gebiet der Naturwissenschaft, Experimente anstellen muss, um irgendetwas herauszubekommen, und man nicht beliebig herumphantasieren kann über das, was man nun dem Experiment ablesen muss, so muss man, wenn man geistig forscht, hier noch im physischen Leben, also im physischen Leibe die geistigen Geheimnisse kennenlernen soll, muss man warten, bis die Seele geeignet ist, so etwas aufzunehmen; sonst phantasiert man, sonst forscht man nicht geistig. Nicht in jedem Moment ist die Seele geeignet, diese oder jene Wahrheiten wirklich zu schauen. Sie muss warten, warten, bis sie bereit ist - und bis auch die geistige Welt bereit ist -, ihr diese Wahrheiten zu geben.
[ 30 ] Das sind allerdings Dinge, auf die nicht gern die sogenannten Gelehrten in der physischen Welt eingehen. Denken Sie doch nur einmal, wenn man jemandem sagen würde, der als Professor Philosoph sein will: Ja, du kannst schon die Wahrheit erkennen, aber du musst warten - nun, das geht ja nicht, nicht wahr, gerade darauf lässt sich derjenige, der in der Außenwelt Philosoph sein will, nicht ein; der weiß doch, nicht wahr, dass er ein gescheiter Mann ist, und dass er in jedem Augenblick über das denken kann, dass er erzählen kann über das, was er sich vorsetzt zu ergründen.
[ 31 ] Dass die Dinge erlebt sein wollen, dass die Dinge herankommen wollen, darauf wird doch nicht der Träger einer solchen Begriffstunke, muss man sagen, wie zum Beispiel der Philosoph Eucken sie herumfließen lässt im geistigen Leben Mitteleuropas, sich einlassen! Auf solche Dinge wird er sich selbstverständlich nicht einlassen. Also diese Dinge sind nicht so einfach zu finden.
[ 32 ] Da handelt es sich zunächst vor allen Dingen, meine lieben Freunde, darum, dass man sich immer wieder und wiederum in aller Geduld und in aller Demut die Frage vorlegt in der Weise und sich zunächst begnügt, die Frage gleichsam an das Universum zu stellen: Was bedeuten die liebenden Gedanken, die wir den Toten nachsenden? Was bedeuten diese Gedanken, die wir im Hinblick auf diese Toten, ihnen vorlesend aus der Geisteswissenschaft heraus, zu ihnen hinsenden?
[ 33 ] Wenn noch nicht die Zeit da ist, so etwas zu beantworten, muss man warten, warten. Dann kommt die Antwort, indem sie sich daranschließt an die Frage auch wie in einer Imagination, einem Bilde, an dem man es erlebt. Und gerade für die Frage, die hier jetzt vor uns steht, will ich Ihnen ein Bild sagen. sehen Sie, da kann man zum Beispiel eines Tages erleben, dass einem diese Antwort kommt, zuerst als Imagination, wobei man genau weiß: Als Bild wird sie einem gegeben. Nicht wahr, man hat zuerst den Eindruck, man müsse nun eine neue Frage aufwerfen - die Frage: Könnten die Menschen auf der Erde leben, wenn es zum Beispiel gar keine Kunst gäbe? Essen könnten Sie, trinken könnten Sie; Sie würden aber nicht sehen, was Raffael gemalt hat, was Michelangelo gemalt hat - nicht wahr, wenn es keine Kunst gäbe, würden Sie auch Ihre eigenen Bildnisse nicht sehen. Aber leben könnten Sie. - Leben könnten ja die Menschen schon; sie würden nur nicht im vollsten Sinne des Wortes Mensch hier auf dem physischen Plane sein: Die Kunst kommt als etwas hinzu, was das Leben zu einem Höheren macht, als das ist, was unbedingt notwendig ist: Das ist die Kunst.
[ 34 ] Der Tote könnte auch leben drüben in der geistigen Welt zwischen Tod und neuer Geburt, wenn er nichts hätte, als dasjenige, was ihm die geistige Welt geben könnte; aber es wäre ein Leben, wie es für die Erdenmenschen hier ist ohne Wärme, ohne Licht, wenn gelebt werden müsste ohne das Hinunterblicken auf dasjenige, was in den Seelen der noch im physischen Leibe Weiterlebenden vor sich geht. Das ist etwas, was noch hinzukommt zu dem Erleben in der geistigen Welt, wie die Kunst oder wie meinetwillen das Porträtieren der Menschen, nicht wahr, wodurch auch dem Leben etwas über das Notwendige hinaus gegeben wird. - Also etwas, was über das Leben hinausgeht, was das Leben erhöht, das ist es, was dazukommt; ebenso wahr, wie es ist, dass die Welt hier etwas ist dadurch, dass der Mensch nicht bloß beschränkt bleibt auf den fortlaufenden Strom der Naturereignisse, sondern dass sich in ihn diese Tätigkeit hereinstellt, über die Naturereignisse hinausgehend, über seine eigenen Naturereignisse hinausgehend - ebenso wahr ist es, dass das Leben der Toten unendlich erhöht wird gerade durch dasjenige, was hier lebt in den Seelen im Hinblick auf die Toten.
[ 35 ] Aus einem tiefen Instinkt heraus haben daher die Menschen in den Zeiten, in denen noch aus dem Bewusstsein der geistigen Welt heraus gelebt wurde, die Totenfeste gefeiert, abgehalten (?). Dieser Rückblick auf die Welt der Gedanken, die hienieden übrig blieben ..., das bedeutet viel für diejenigen, die das Leben durchmachen zwischen dem Tod und einer neuen Geburt.
[ 36 ] Also zuerst wird einem ein solches Bild gegeben, wenn man die Frage stellt, ein Bild, das sich wie auf die physische Welt bezieht: Naturverlauf und Kunst-Bezug. Und dann weiß man: Dieses Bild gibt einem etwas, was man erst [lesen] muss. Und dadurch kommt man dann dahin, zu schauen: Was machen die Toten mit dem, was ihnen hier in der geschilderten Weise zukommt? - Das stellt sich einem etwa so dar, wenn man sich bereitmacht dazu, solch eine Tatsache zu erkennen.
[ 37 ] Eine weitere Frage ist doch ganz gewiss die, meine lieben Freunde: Was tun die Toten in der langen Zeit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt? Denn, Sie wissen, es ist eine lange Zeit.
[ 38 ] Nun, was tun denn die Toten eigentlich? Ja, sehen Sie, diese Frage ist für das gewöhnliche irdische Vorstellen gar nicht so leicht zu beantworten, aus dem einfachen Grunde, weil sehr leicht die Menschen mit materialistischen Vorstellungen geneigt sein werden, die viel umfassendere Tätigkeit der Toten als der Lebenden überhaupt nicht als Tätigkeit gelten zu lassen. Die Menschen haben ja in Bezug auf die eigentlichen tieferen Impulse der Welt ganz merkwürdige Vorstellungen. Sehen Sie, ich habe auf solche merkwürdigen Vorstellungen schon hingewiesen. Da sagen die Menschen: Auch seelisch-geistige Eigenschaften, die der Mensch hat, die seien vererbt. Das könne man ja beweisen, meinen die Menschen heute mit ihrem grobklotzigen Materialismus: Die seelischen Eigenschaften seien vom Vater, vom Großvater und so weiter. Denn, betrachte man das Genie, sagen die Leute, da sieht man: Ein Genie tritt in die Welt herein ... Goethe. Ein dicker Band ist vor kurzer Zeit erst erschienen über Goethes Vorfahren, wo alle die einzelnen Eigenschaften, die auf Goethe konzentriert waren, zusammengesucht sind bei Vater, Großvater, Mutter, Großmutter und so weiter, weit hinauf, mit großem Fleiß. Gegen die Gelehrsamkeit dieser ehrenwerten Männer soll ja nichts eingewendet werden; ehrenwerte Männer sind das gewiss ja alle. Da wird gesagt: Man sieht an dem Genie, dass seine Eigenschaften zusammengeholt sind aus den Vorfahren.
[ 39 ] Ja, meine lieben Freunde, das ist eine sonderbare Logik - bloß als Logik genommen; denn dass derjenige, der als Seele sich verkörpert im Leibe, die Eigenschaften seiner Vorfahren hat, insofern diese leibliche Eigenschaften sind, das ist nicht wunderbarer, als wenn einer ins Wasser fällt und nass herausgezogen wird! Er hat natürlich dasjenige an sich, wodurch er gegangen ist: Nämlich, weil er ins Wasser fiel, ist er nass geworden. Das ist keine große Weisheit. Ein Beweis wäre erst da, wenn man im äußeren Leben nachweisen könnte: Eigenschaften seelisch-geistiger Art vererben sich als solche.
[ 40 ] Da müsste man aber nachweisen, dass das Genie seine genialen Eigenschaften auf seine Nachkommen vererbt - das wird man hübsch bleiben lassen; denn man soll einmal anfangen, die Eigenschaften Goethes an seinen Nachkommen bis auf die Enkel hinunter nachzuweisen! Oder anderer.
[ 41 ] Das ist das Schlimmste der materialistischen Wissenschaft, dass sie das Blödsinnigste sozusagen als das Logischeste anschaut! Man kann nicht anders sagen als: das Blödsinnigste. ... Denn es würde ja nur ein Beweis sein, wenn man an den Nachkommen beweisen könnte, dass die genialen Eigenschaften der Vorfahren in gleicher Weise vererbt würden und nicht, wie man bloß zeigt, dass bei den Nachkommen etwas vorhanden war, was bei den Vorfahren vorhanden war, wie es selbstverständlich ist, weil die Seele durchgeht durch das, womit sie sich verbindet in der Verkörperung, weil die Seele sich einhüllt in das, worin sie sich verkörpert.
[ 42 ] Aber nicht nur das ist der Fall; diese sogenannte Vererbungslehre, die unter all den Torheiten, die durch mehr oder weniger materialistisch geartete Philosophien oder Weltanschauungen oder was alles als Monismus - und Gott weiß, was alles - verbreitet ist, das ist dasjenige, was so ziemlich zum Schlimmsten gehört, was unter die Leute verbreitet wird: Es werden dadurch sozusagen alle die wahren Vorstellungen auf den Kopf gestellt.
[ 43 ] Denken Sie nur einmal, meine lieben Freunde: Eine Seele tritt in einem bestimmten Zeitpunkt ins Dasein; sie hat das Leben zwischen dem Tod und der neuen Geburt durchgemacht, tritt nun ins Dasein. Was bedeutet das zunächst, dass diese Seele ins Dasein tritt? Das bedeutet, dass diese Seele eine gewisse Verwandtschaft fühlt mit zwei Menschen, mit den Menschen, die dann Vater und Mutter werden, eine Verwandtschaft fühlt. Und weil sie Verwandtschaft fühlt mit diesen Menschen, die Vater und Mutter werden, deshalb, aus dem Grunde neigt sie sich zu diesem Vater und dieser Mutter. Aber viel früher neigt sie sich, als man glaubt!
[ 44 ] In älteren Zeiten, die von diesen Dingen noch viel gewusst haben (sie haben ja auch dieses dann materialistisch gedeutet; und dieses, was ich jetzt sage, ist eine materialistische Deutung; aber wenigstens geht die materialistische Deutung auf etwas Wahres zurück) - denken Sie einmal, welchen Wert man gelegt hat in älteren Lebensauffassungen auf das erstgeborene Kind ... was das gegolten hat, das erstgeborene Kind! Warum hat das erstgeborene Kind als etwas Besonderes gegolten? Weil man in diesem erstgeborenen Kind gefühlt hat (man hat es sich nur in den allerältesten Zeiten zum Bewusstsein gebracht, aber nicht in späteren Zeiten, man hat es da nur gefühlt), weil man in diesem erstgeborenen Kinde gesehen hat die Seele, die die Eltern erst zusammengeführt hat auf der Welt, die sie zur Heirat gebracht hat. Es hat schon die Kraft hinuntergewirkt lange Zeit vorher und hat die Eltern zusammengeführt. Das hat man darin gesehen.
[ 45 ] Das spätere Kind, das hatte schon dasjenige vorgefunden, was sein Vorfahr, das ältere Kind, zusammengebracht hat; das hatte nicht mehr eine so große Freiheit, etwas sich zusammenzustellen. Seine Verwandtschaft war auch da gegenüber Vater und Mutter, aber es konnte nicht mehr das Band schlingen, sondern es musste seine Kraft einem schon geschlungenen Bande anpassen, sich anpassen. Und die Einrichtungen, die da waren, sie werden ja heute vielfach materialistisch gedeutet, als Aberglaube angeschaut, aber sie deuten doch hin auf etwas, was auf Wahrheit in einer gewissen Weise beruht.
[ 46 ] Aber nicht nur dies ist der Fall, dass die Seele, nachdem sie durchgemacht hat das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, wenn sie sich zugeneigt hat einem neuen Leben, nun hinunterwirkt zum Elternpaar, zu Vater und Mutter; namentlich nicht zum Elternpaar nur, sondern das geht viel weiter: Auch dass die Eltern die Kinder ihrer bezüglichen Großeltern sind, das liegt in diesem Zusammenwirken auch schon, darinnen wirkt schon die Kraft. Und wiederum Eltern der Großeltern. Wie aus der ganzen Welt zusammengetragen wirkt dasjenige, was aus einem breiten Familienstrome zuletzt zu den Eltern führt. Darin wirkt schon - und man kann sagen: durch Jahrhunderte - die Kraft, die dann hinuntertritt und sich in einem Menschenleib verkörpert.
[ 47 ] Also es ist tatsächlich so, dass man sagen kann: Gut, Goethe tritt am 28. August 1749 ins physische Dasein. Er hat nicht nur auf seine Eltern gewirkt, er hat auf seine Großeltern gewirkt und bewirkt, dass seine Großeltern die Eltern bekommen haben, die er brauchte; er hat auf seine Urgroßeltern und Ururgroßeltern schon gewirkt. Kurz, seit Jahrhunderten durch die Gencrationenfolge werden gewisse Kräfte entwickelt, die zuletzt gipfeln können darinnen, dass die betreffende Seele in dem richtigen, in dem wesensangemessensten Maße dann erscheint.
[ 48 ] Dasjenige, was da stattfindet in diesem Zusammenwirken von Menschen, in diesem Flechten von einem Gewebe zwischen den Menschen, da könnten nun nicht allein unsere Seelen beteiligt sein - sie sind beteiligt daran in der Art, wie ich es geschildert habe -, sondern diese Seelen sind beteiligt unter der Anleitung der geistigen Wesenheiten der höheren Hierarchien. Denn das ist ja ein gewichtiger Prozess, das sind gewichtige Vorgänge, meine lieben Freunde! Denken Sie sich das, was hier als Physisches in der Welt wirkt. Ja, die Menschen sehen diese physische Welt in einer höchst [eigenartigen] Weise an. Denken Sie doch nur einmal, es gäbe Wesen, welche keine Menschen sehen könnten; das ist ja ganz gut denkbar, dass es Wesen gäbe, die keine Menschen sehen könnten, aber die nur Scelen sehen können. Also sagen wir: Alle Seelen, die wir hier haben, würden solche Wesen sehen können; aber Menschen könnten sie nicht sehen. Nehmen wir diese Hypothese einmal für einen Augenblick an. Was würden nun diese Wesen sagen? Diese Wesen würden sagen: Die Uhren entstehen alle von selbst ..., denn die Arbeit der Menschen an den Uhren würden sie ja nicht sehen. Für diese Wesen würden die Uhren ganz von selbst entstehen, die würden irgendwo selber zusammenlaufen. Also für diese Wesen wären die Uhren sich selbst erzeugende Wesenheiten. Solche Wesen würden durch die Stadt Hannover gehen und würden sagen: Da drinnen gibt's nicht irgendwelche Wesen, die die Uhren machen. ... Also entstehen die Uhren durch sich selber. - So ungefähr sagt das materialistische Denken, indem es sagt: Wenn der Mensch geboren wird, nun, dann entsteht er halt, nicht wahr, durch die Keimanlage und so weiter von selber. Das ist gerade so gescheit, als Wesen gescheit wären, welche die Uhren durch sich selber entstehen lassen.
[ 49 ] Denn, meine lieben Freunde, in dem ganzen Prozess, der von Jahrhundert zu Jahrhundert geht, und der den Menschen nur durch ihre Kurzsichtigkeit als durch sich selbst verlaufend erscheint, da wirken die Kräfte aus der geistigen Welt hinein; da ist nichts von Zufälligkeit, da wirken überall die Kräfte aus der geistigen Welt hinein. Dass sie etwas erscheinen wie zufällig, das ist nur deshalb, weil die fortströmenden Mächte immer durch Ahriman durchkreuzt werden vielfach. Da wirken immer die geistigen Mächte hinein. Immerfort wird die Welt gelenkt und geleitet von der geistigen Welt aus. Und der Mensch zwischen dem Tod und der neuen Geburt wirkt mit von der geistigen Welt aus an der Lenkung der physischen Welt. Diejenigen Angelegenheiten besorgt er, die eben von der geistigen Welt aus gelenkt und geleitet werden.
[ 50 ] Dazu muss mancherlei aber geschehen in der geistigen Welt, das in der physischen Welt gar nicht sichtbar wird, das eben nur eine Angelegenheit der geistigen Welt ist. Sehen Sie, meine lieben Freunde, in unserer physischen Welt dürfen wir sagen: Unser Gehirn ist ein Wunderbau. Denken Sie, sie müssten es bewusst hinstellen. Das würden Sie natürlich nicht können. Diesen Wunderbau des menschlichen Gehirns, den sie in sich tragen, Sie würden ihn nicht herstellen können. Für Ihr Bewusstsein ist das auch nicht möglich; denn an diesem Wunderbau arbeiten auch die Geister der höheren Hierarchien gemäß früherer Erdenperioden, gemäß unseres Karmas. Unsere karmischen Wirkungen in früheren Erdenperioden werden ausgearbeitet. Unsere karmischen Wirkungen heute für spätere Perioden - wie wir hier Maschinen machen. Mehr können wir ja nicht auf der Erde. Die können wir ja allerdings geradeso gut, wie sie sich zu Zerstörungen eignen, auch so verwenden, dass sie sich für mancherlei Menschenwerk, mancherlei Naturwerk nützlich erweisen.
[ 51 ] Wie wir hier Maschinen machen können, so werden von der geistigen Welt aus diejenigen Wesen gemacht, welche diejenigen Tatsachen hervorrufen, die dann zu den Wesen führen, die über das Maschinenwesen hinausgehen.
[ 52 ] Wie kommt eigentlich nun ein solches Menschenhaupt zustande? Dieses Haupt, das Sie aufgesetzt haben, wie kommt das zustande? Nun, meine lieben Freunde, ich habe gesagt: Wenn der Mensch durch die Pforte des Todes gegangen ist, werden zunächst seine Gedanken einverwoben dem Weltenäther. Da sind sie mit drinnen.
[ 53 ] Dasjenige, was er gefühlt, empfunden, gewollt hat, das wird nicht verwoben, sondern die Gedanken. Das andere bleibt bei seinem Ich, das er durch die Welt zwischen seinem Tod und der neuen Geburt trägt. Diese Gedankenwelt wird verwoben. Seine Empfindungsimpulse, seine Gefühle, seine Willensimpulse, sie bleiben bei ihm. Aber je nachdem sie waren, muss das nächste Leben gestaltet werden. Sehen Sie, der Mensch ist hier in der physischen Welt gleichsam eine Zweiheit gewissermaßen: sein Haupt mit dem, was als Fortsetzung in das Rückenmark hineingeht - und dann der übrige Organismus, der ja einfach angehängt ist. Sie können das ja am Skelett feststellen, das Sie überall in jeder naturwissenschaftlichen Sammlung sehen können; da können Sie diese Zweigliederung rein am physischen Leib betrachten: dasjenige, was zum Haupt und zum Rückenmark gehört, und dasjenige, was daran gehängt ist. Wenn Sie diese zwei betrachten, so werden Sie sich sagen: Das Haupt ist zunächst, mit Ausnahme des Gefühlssinnes, vorzugsweise dazu da, Erkenntnisorgan, Denkorgan zu sein, mit seinem Anhange, dem Rückenmark. Daran hängt der übrige Organismus, in dem sich unsere Bewegungen entwickeln, in dem auch - wenn das auch die heutige Physiologie noch von einer ganz verkehrten Seite anschaut -, in dem auch physisch lokalisiert sind unser Empfinden, unser Fühlen und so weiter, aus dem wir jetzt erleben in dieser Inkarnation, meine lieben Freunde, aus unserem, dem Haupte angehängten übrigen Leib. Aus diesen Formen muss nach Maßgabe unserer Gedanken, die wir hier haben, das neue Haupt geformt werden für die nächste Inkarnation.
[ 54 ] Und dieses neue Haupt, das wird so geformt - natürlich, es ist schwer, so etwas anzugeben, aber man kann sagen -, dass es eigentlich das ganze Universum einschließt. Dasjenige, was jetzt da drinnen ist [in Ihrem Haupt], das war in Ihrer früheren Inkarnation der Anhang. Das war der ganze Leib. Und das ist umgeformt nach Maßgabe der Gedanken, die nach außen gezogen sind zu dem jetzigen Haupt. Das war gleichsam ausgebreitet über die ganze Welt und wird immer mehr und mehr zusammengezogen, sodass es unser Haupt sein kann. Es wird immer mehr und mehr zusammengesponnen. Ich will damit nur andeuten, dass eine ganze Weltenkunst und eine ganze Weltenweisheit notwendig ist, um diese Kugel mit ihrem Anhang zustande zu bringen, die das menschliche Haupt ist, das wir benützen hier zwischen Geburt und Tod. Eine unendliche Arbeit in der geistigen Welt ist notwendig, um dieses Haupt so zu gestalten, dass es entspricht, angepasst ist und entspricht dem, was wir in der früheren Inkarnation vorbereitet haben. Da muss jedes Fäserchen entsprechen dem, was wir in der früheren Inkarnation vorbereitet haben!
[ 55 ] Das heißt: Wir müssen durch die ganze Generationenfolge, von der wir abstammen, auf die müssen wir eine Wirkung ausüben, dass von dem ältesten an alles so eingerichtet wird, dass, wenn wir dann einen Körper uns zu wählen haben, dieser angepasst ist an dasjenige, was wir in der vorhergehenden Inkarnation waren. Hier können Maschinen gemacht werden — ein menschliches Haupt, dass es so wird (denn dasjenige, was in der Vererbung geschieht, ist nur, ich möchte sagen, die Abschattierung desjenigen, was in der geistigen Welt geschieht), die Kräfte, dass das alles sich so vererbt und dass zuletzt unser Kopf herauskommt, das alles geht als vollzogen aus der geistigen Welt hervor. Dass unser Haupt entstehen kann, dazu ist die ganze geistige Arbeit notwendig, an der wir selber teilnehmen zwischen dem Tod und einer neuen Geburt und an der die Wesen der höheren Hierarchien teilnehmen.
[ 56 ] Wir dürfen, wenn wir weisheitsvoll denken können an unser Haupt, das wir an uns tragen, nicht anders denken, als dass wir uns sagen: Du trägst dieses Haupt an dir; aber dieses Haupt war in der Zeit zwischen deinem letzten Tod und deiner jetzigen Geburt gleichsam ausgespannt - so groß als die äußere Welt selber. Da hatten das Vorbild dieses Hauptes zu bereiten, angepasst an alles dasjenige, was du in deiner früheren Inkarnation warst, ganze Welten von Göttern.
[ 57 ] Dann musste es zusammengezogen werden in den kleinen Raum, den es einnimmt, wenn es dir als Haupt aufsitzt. Wir denken gar nicht, dass wir Götterarbeit an uns tragen, dass eigentlich kein anderes Gefühl, keine andere Empfindung uns überkommen kann — schon durch das, wie wir organisiert sind -, als das Gefühl innigster Dankbarkeit gegenüber den geistigen Wesenheiten, unter denen wir sind zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Geisterkenntnis ist nicht nur dazu geeignet, dies oder jenes Wissen zu erwerben, sondern eine Empfindung zu bekommen dem gegenüber, was zur Bildung des Menschen beiträgt.
[ 58 ] Ich habe versucht, meine lieben Freunde, eine Empfindung hervorzurufen von dem, was ich jetzt wiederum in einer gewissen Form auszusprechen versuchte, eine Empfindung davon hervorzurufen in dem ersten Teil des zweiten [Mysteriendramas] «Die Prüfung der Seele», wo es durch des Capesius’ Gedanken geht, dass ganze Götterwelten arbeiten an dem, was uns zum Menschen macht.
[ 59 ] Wir sind im wahrsten Sinne des Wortes eine kleine Welt. Aber die große Welt muss arbeiten, damit diese kleine Welt, die der Mensch ist, zustande kommt. So, wie wir arbeiten hier im physischen Leben zuerst im Mineralreich, dann aber auch im Pflanzenreich, im Tierreich, wie wir Geschichte begründen, soziale Ordnung machen, so gibt es etwas Ähnliches in der Welt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Aber so gibt es das, dass der Abdruck davon ist gerade in dem, was wir als menschliche Organisation für die Seele um uns herum haben.
[ 60 ] Wenn Sie das Leben betrachten, meine lieben Freunde, so werden Sie sich sagen: Es obliegt der Gegenwart eine wichtige, eine sehr, sehr wichtige Pflicht. Denn von all den Dingen, auf die man so aufmerksam macht - was weiß denn die äußere Wissenschaft der Gegenwart von all dem? Wie verhält sich diese äußere Wissenschaft der Gegenwart zu alle dem? Nichts weiß sie; spottend, verhöhnend verhält sie sich. Aber auf welchem Wege ist diese äußerliche Wissenschaft? Man kann wahrhaftig den größten Respekt haben vor dem Fleiß und der Emsigkeit und Genauigkeit und Exaktheit dieser äußeren Wissenschaft. Aber wozu führt sie?
[ 61 ] sehen Sie, ein bedeutender Kriminalanthropologe zum Beispiel hat sehr viele Verbrecherschädel seziert und gefunden, dass Mörder oder andere Schwerverbrecher eine ganz bestimmte Gehirnbeschaffenheit haben: Der Hinterhauptslappen bedeckt nicht ganz das Kleingehirn, während er bei den Menschen, die normal, also nicht verbrecherisch veranlagt, organisiert sind, fand, dass alle Hinterhauptslappen das Kleingehirn voll bedeckten. Beim Verbrecher bedeckt er es nicht. Sodass man sagen kann: Es gibt Menschen unter uns, die haben zu kurze Hinterhauptslappen, die werden Verbrecher.
[ 62 ] Ja, denken Sie einmal, wenn nun der Materialist fragt: Woher kommt das Verbrechertum? Vom zu kurzen Hinterhauptslappen! Denn dadurch ist der Mensch ähnlich wie die Affen. Der Affe hat auch das: einen zu kurzen Hinterhauptslappen. Das ist ein Rückfall, ein Atavismus an den Affen! - Hat es noch den allergeringsten Sinn, meine lieben Freunde, jemanden zu bestrafen oder irgendwie zu ahnden ein Verbrechen, wenn einfach das daran schuld ist, dass er einen zu kurzen Hinterhauptslappen hat? Denken Sie nur, in welche Lüge des Lebens wir uns hineinleben, wenn wir noch irgendwie von Moral reden, wenn der Materialismus die Menschen lehrt: Wer einen zu kurzen Hinterhauptslappen hat, muss einfach töten zum Beispiel! Man kann dann noch bestrafen, aber es ist nichts anderes als eine brutale Lüge, wenn man dann noch bestraft. - Andere Eigenschaften hängen von anderen Einrichtungen im Gehirn ab. Diese Sachen sind nicht etwa falsch ... sie sind richtig, absolut richtig. Wahr ist es: Die Verbrecher haben einen zu kurzen Hinterhauptslappen.
[ 63 ] Stellen Sie sich jetzt vor, die materialistische Weltanschauung siegt, dann wird man niemals etwas gelten lassen davon, dass der Mensch einen Ätherleib zum Beispiel habe. Wird aber die geisteswissenschaftliche Weltanschauung siegen, dann wird man sagen: Der Mensch hat seinen Ätherleib - und außer dem, dass er den zu kurzen physischen Hinterhauptslappen hat, hat er seinen Äther-Hinterhauptslappen! Der Mensch kann nun ganz gut seinen kurzen physischen Hinterhauptslappen haben, von Kind auf dazu organisiert sein. Wenn man aber merkt, dass er gewisse Eigenschaften hat, die verraten, dass er den zu kurzen Hinterhauptslappen hat, dann wird man umso mehr Wert darauf legen, ihn so zu erziehen, dass dafür der Ätherleib stärker ausgebildet wird, dass der größer wird und ihm der physische zu kurze Hinterhauptslappen nichts anhaben kann! Man wird umso mehr das Äthergehirn ausbilden. Und man wird schon die Erfahrungen machen, wenn man in dem Sinne erzicht, wie das in der kleinen Schrift angedeutet ist «Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft»: Dann wird der Mensch ruhig einen zu kurzen Hinterhauptslappen haben in einer Inkarnation, das Äthergehirn wird dafür [aber] in Ordnung sein, und er wird kein Verbrecher werden.
[ 64 ] Und auch das kommt heraus, dass in der nächsten Inkarnation die Anlagen, die im Äthergehirn sind, dann zu besseren physischen Anlagen in der nächsten Inkarnation werden. Aber auch hier in der physischen Inkarnation wird ihnen die entsprechende Ausbildung des Ätherleibes dienen.
[ 65 ] Nun, wenn man ihn aber ableugnet, dann kann man nichts anderes sagen, als: Wie man auch immer erziehen mag, man kann dann nichts anderes voraussetzen als das, was da ist. Man kann nicht einen, der einen zu kurzen Hinterhauptslappen hat, zu einem anderen werden lassen als zu einem Verbrecher. Leugnet man also den Ätherleib, so wird man doch nicht so hirnverbrannt sein und so erziehen, nicht wahr, wie wenn ein Ätherleib da wäre. Das heißt: Hat man jetzt eine materialistische Weltanschauung, leugnet man den Ätherleib, dann entwickelt man die Ätherleiber nicht; dann werden die Menschen mit ihren kleinen Hinterhauptslappen eben Verbrecher.
[ 66 ] Aber die Tendenz ist vorhanden, dass ihn nach und nach alle kriegen! Das heißt, dasjenige, was jetzt Weltanschauung ist, das schafft die menschliche physische Gestalt für künftige Zeiten. Lassen Sie dies einmal auf Ihre Seele wirken, dann werden Sie sehen, dass eine falsche Weltanschauung nicht bloß ein Irrtum ist, sondern dass sie der Keim ist für den Untergang edlerer Menschheitsformen. Was heute nur gedacht wird, in der Zukunft wird es Menschheitsform sein. Geisteswissenschaft muss wirklich da ins Leben eingreifen. Die Pädagogik muss etwas ganz anderes werden, muss vor allen Dingen dasjenige werden, dass die Menschen, die Pädagogik auszuüben haben, dazu angewiesen werden, den Menschen wirklich zu prüfen, um zu erkennen, was er für Eigenschaften hat, um von da aus dann einen Einblick zu gewinnen, was seine verborgenen Anlagen sind — nicht bloß die gewöhnlichen äußeren.
[ 67 ] Sie sehen, welch bedeutsamer Anfang für eine notwendige zukünftige Menschheitskultur mit der Geisteswissenschaft gemacht ist. Aber heute ist noch alles geeignet, diese Notwendigkeit abzuleugnen, von dieser Notwendigkeit nichts wissen zu wollen. Nur kann man manchmal nicht begreifen, wie gewisse Menschen so sehr stumpf sein können gegenüber der Welt, gewisse Dinge nicht einzusehen! Wir auf dem Gebiete der Geisteswissenschaft betonen ja immer wiederum: Es ist erst seit kurzer Zeit so geworden, dass die Menschen so in der äußeren physischen Welt leben; denn früher haben sie, wenn auch ein unbewusstes, atavistisches, aber doch Hellsehen gehabt. Diejenigen Menschen, die heute glauben, wie wir’s so herrlich weit gebracht haben, die denken: Na, was war das doch kindlich, was die Leute da phantasiert haben von der geistigen Welt. «Wir haben’s so herrlich weit gebracht», dass wir jetzt endlich die Welt ordentlich sehen. Und da glauben sie, wie weit man auch zurückgehe, die Menschen wären alle gleich organisiert gewesen, so wie sie jetzt organisiert sind.
[ 68 ] Ich möchte Ihnen das an einem Beispiel - aber solche Beispiele gibt es viele in der Welt - klarmachen, wie stumpf dies eigentlich gedacht ist, wie wirklich stumpf das gedacht ist! sehen Sie, wenn heute einer jenes wunderbare Symbolum, jenes wunderbare Bild der Bibel malt, wo die Schlange erscheint auf dem Baum, und jene Verführung, die wir die luziferische Verführung nennen, vollführt - der heutige Maler, der malt die Schlange, nicht wahr, selbstverständlich: Warum soll er nicht eine Schlange malen, wie sie kriecht durchs Gras.
[ 69 ] Er hat ja keine Ahnung davon, dass er etwas anderes tun soll, als eine Schlange malen, denn das ist gescheit, nicht wahr. Würde man nicht eine gewöhnliche Schlange malen, so wäre man nach der Ansicht der Materialisten doch dumm. Er ist doch gescheit, der Maler obwohl er nicht recht einsehen kann, warum er gescheit sein soll; denn ich glaube nicht, dass sich irgendein Weib, selbst wenn es die Eva ist, so von einer heutigen Schlange verführen ließe! Denn wie soll das eigentlich geschehen? Wie soll das eigentlich vor sich gehen?
[ 70 ] Nicht wahr, es handelt sich darum, dass diese Schlange, auch wie sie heute als physische Schlange so dahinläuft, nur ein Symbolum sein kann, nur ein Bild, weil die äußere Gestalt für den Verführer ja nicht da sein kann auf der Erde, da sie ein Mondenwesen ist. Wir haben ja immer betont: Luzifer ist zurückgeblieben während des Mondendaseins. Da muss er anders organisiert gewesen sein; dakann er keine physische Gestalt auf der Erde haben. Die Schlange kann nur ein Symbolum, nachträglich gestaltet sein, ist selber etwas, was heruntergekommen ist, den Luzifer darstellend.
[ 71 ] Aber dasjenige, was während der Mondenzeit da war, kann ja jetzt nicht mit physischen Augen gesehen werden; es kann doch nur innerlich gesehen werden. Und wie wird man den Luzifer sehen? Er ist ja während der Mondenentwicklung zurückgeblieben. Warum während der Mondenentwicklung? Weil er damals schon so weit war, dass er dieses menschliche Haupt hatte; aber das andere, das was sich anhängt an dieses menschliche Haupt, das ist ja erst Erdenorganisation; das war noch nicht so da. Würden wir denn während der Mondenzeit den Luzifer darstellen wollen, so würde man sehen: sein Haupt und daran das Rückenmark schlangenförmig. Also wenn wir als Maler hellseherisch dies wahrnehmen könnten, würden wir, wenn wir den Luzifer darstellen wollten, ihn malen als Schlangenleib mit einem Kopf. Das würde ungefähr dasjenige geben, was man durch innerliches Schauen als Luzifer erkennen könnte.
[ 72 ] Als wir neulich in Hamburg waren, meine lieben Freunde, gingen wir durch das Hauptbildermuseum und fanden ein Bild aus dem 13., 14. Jahrhundert von dem Meister Bertram: Da ist die Kopfgeschichte gemalt, die biblische Geschichte der Versuchung; und im Paradies ist nicht eine Schlange gemalt, wie sie der heutige naturalistische Maler malt, sondern auf dem Baum ein schlangenförmiger Leib und oben dran ein menschlicher Kopf: Luzifer! Im 13., 14. Jahrhundert hat man das noch gewusst, meine lieben Freunde, was jetzt wiederum durch die Geisteswissenschaft unter die Menschen getragen werden muss.
[ 73 ] Da haben Sie einen Beweis, der selbst dokumentarisch gebracht werden kann, denn das Bild hängt da! Der Maler hat nicht nach Art der naturalistischen oder materialistischen Weltauffassung gemalt eine biblische Szene, sondern das, was wirklich ist. Es ist noch nicht so lange her, dass die Menschheit herausgekommen ist aus der Anschauung der geistigen Welt und in die materialistische Weltanschauung hineingekommen ist. Aber sehen Sie, wie ist die Menschheit heute verstrickt; wie kann sie sich gar nicht vorstellen, dass ebenso wie dasjenige, was heute seelische Anlagen sind, sich aus etwas anderem entwickelt hat, sich dieses wiederum in etwas anderes hineinentwickeln müsse.
[ 74 ] Dadurch kann aber die Menschheit keine Vorstellungen gewinnen über dasjenige, was mit dem Leben so zusammenhängt, aber eben Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt ist, sondern nur dadurch, dass man Vorstellungen gewinnt, die nicht aus der physisch-sinnlichen Welt sind, sondern Vorstellungen, wie wir sie auch heute wiederum angeführt haben für das Leben zwischen Tod und neuer Geburt, nur dadurch kann man das volle Leben begreifen.
[ 75 ] Aber gewisse Dinge, die wie selbstverständlich heute gelten, meine lieben Freunde, müssen erst ausgemerzt werden aus der Menschenentwicklung. Fast die ganze Schulphilosophie, auch diejenige, die heute bewundert wird, muss eigentlich weg, weil sie irreführend ist, weil sie gerade von den wichtigsten Begriffen den Menschen abbringen, ihn nicht hinführen dazu. Es ist sehr merkwürdig, wenn man zum Beispiel sieht - Sie finden das beschrieben in dem Kapitel meiner «Rätsel der Philosophie» da, wo ich das Kapitel überschrieben habe: «Die Welt als Illusion» - das heißt nicht, weil ich zeigen will, dass die Welt eine Illusion ist, sondern weil es Philosophen im neunzehnten Jahrhundert gibt, die davon sprechen, dass die Welt eine Illusion wäre, dass alles dasjenige, was draußen ist, nur einen Eindruck auf unsere Sinne macht, sodass wir nur das haben, was die Augen hervorrufen, die Ohren hervorrufen, überhaupt dasjenige, was sinnlich hervorgerufen wird, eigentlich die Welt nur eine Illusion sei.
[ 76 ] Woher rührt denn überhaupt das, dass sich die Menschen solchen vertrakten Vorstellungen hingeben können? Es rührt lediglich davon her, weil die Menschen in einem gewissen verlogenen Denken - das sich ja beweisen lässt —, in einem gewissen verlogenen Denken fortgehen. Da kommen die Menschen darauf, wenn etwas auch nicht die Farbe ist, den farbigen Eindruck macht, vielleicht elektrisches Licht, dann reagiert das Auge auf die Lichtempfindung, also ist eigentlich alles Lichtempfinden aus dem Auge heraus gekommen. Gewiss, dasjenige, was wir zunächst haben als unser Bewusstsein, das ist ein Spiegelbild, und alles Einzelne ist ein Spiegelbild. Das sagen sich die Leute noch, dass alles ein Spiegelbild ist; aber jetzt können sie nicht weiterdenken, die Menschen. Nun lassen sie etwas ein Spiegelbild sein, ihren Kopf, den anderen Kopf, jeder Kopf ein Spiegelbild. Aber wenn das eine Spiegelbild dem anderen Spiegelbild einen Schlag ins Gesicht gibt, eine sogenannte Ohrfeige, dann können sie nicht mehr behaupten, dass das Bild dem eine Ohrfeige gegeben hat; die Beziehungen, die werden gleich real, wirklich! Dass man aus der Sache selber erkennen muss die Wirklichkeit, nicht durch das Verstandesmäßige, dazu kommen schon die Menschen. Sie brauchen gar nicht das im Einzelnen aufzufassen, meine lieben Freunde, denn es können natürlich nicht die hier versammelten Freunde mit der ganzen philosophischen Entwicklung bekannt sein, wie sie in der Gegenwart da ist; aber nur - ich möchte sagen - die Empfindungen zu bekommen ist wichtig für den, der mitarbeiten will an der Heranentwicklung geisteswissenschaftlicher Begriffe, die Empfindung zu bekommen dafür, wie eigentlich die gegenwärtige Zeitbildung die Menschen hineinführt in einen Materialismus, der zunächst Lebensanschauung ist, dann aber, wenn er Lebenspraxis würde, die Menschheit die schiefeste Bahn hinunterführen würde.
[ 77 ] Dasjenige, was ich selbst vortragen durfte, meine lieben Freunde, das ist vorgetragen in der mitteleuropäischen Geistesbildung, aber es wird Pflicht nicht nur, es wird Liebe zu der Pflicht werden müssen; und Pflicht werden können für diejenigen, welche von der Geisteswissenschaft ergriffen sind, sonst wird es nicht gedeihen können! Geisteswissenschaft ist auch auf unsere Seelen gelegt als eine Aufgabe, als eine wichtigste Aufgabe für die Menschheitszukunft. Das, was der Mensch überblickt, es muss erweitert werden, erweitert über die Beobachtung desjenigen, was zwischen der Geburt und unserm Tode wirkt über die größere Zeit hinüber, die zwischen Tod und neuer Geburt liegt.
[ 78 ] Ich versuchte heute, Empfindungen hervorzurufen von diesen Erlebnissen zwischen dem Tod und der neuen Geburt. Wie gesagt, es liegt das ja heute nahe. Und ich habe schon im vorigen Jahr zu Ihnen hier sagen dürfen, wie wir dadurch auch zu einer tieferen Auffassung der gegenwärtigen bedeutungsvollen Ereignisse kommen. Wir haben ja heute noch hier davon gesprochen, wie jeder, der durch des Todes Pforte geht, einverwoben schaut dasjenige, was seine Gedanken, seine Vorstellungen waren während des Lebens. Nun denken Sie sich, wie jetzt viele, viele Menschen durch den Tod gehen in jungen Jahren. Der Ätherleib, den sie in sich tragen, das heißt die Summe von den Kräften des Ätherleibs, der würde noch Jahrzehnte hindurch auf der Erde versorgen können einen physischen Leib. Die Kräfte gehen nicht verloren, bleiben vorhanden. Einverwoben in der Weise, wie ich es geschildert habe, kann selbstverständlich nur dasjenige werden, was der Mensch durchlebt hat. Aber das, was er noch hätte durchleben können, das bleibt vorhanden. Diese Ätherleiber sind also nicht für den einzelnen Menschen vorhanden, der legt sie ab; aber sie sind vorhanden in der geistigen Welt.
[ 79 ] Denken Sie, wie viele, viele junge Ätherleiber, die noch Jahrzehnte hätten Menschenleiber, also Menschenleben hätten versorgen können, in der geistigen Welt in der Menschenzukunft vorhanden sein können: Diese Ätherleiber haben die Kräfte, auf Menschen zu wirken. Sie hätten ja wirken können auf die Menschen, die sie abgelegt hatten, wenn diese nicht den Opfertod hätten bringen müssen; sie haben die Kraft zu wirken, und sie werden wirken. Aber angenommen werden muss die Wirkung, angenommen werden muss sie! Angenommen werden kann sie nur von demjenigen, der seine Gedanken hinauflenken kann in die geistige Welt. Beachten Sie, wie wichtig, wie wesentlich es ist, sich von der Empfindung durchdringen zu lassen: Durch dasjenige, was in so furchtbarer Weise durch so, so viele Tode bewirkt wird in der Gegenwart, das kann Frucht tragen für die kommende Menschheit, wenn hier auf der Erde sich Seelen finden, die Verständnis dafür haben werden, die sich sagen werden: Die Welt wird durchwebt und durchweht von den Kräften der Ätherleiber, die von denen kommen, die durch den Opfertod gingen. Und Tausende, die durch den Opfertod jetzt gegangen sind, die sind in der geistigen Welt. An mir liegt es, an mir, der ich noch in der physischen Welt bin — so muss der Mensch sich sagen auch in dieser Beziehung wie in vieler anderer -, an mir liegt es, Empfindung dafür entwickeln zu können, dass da in mich hereinwollen Kräfte, die ja da sind, die ja wirken wollen!
[ 80 ] Denken Sie sich, der Materialismus lebt fort, überlebt die Wirkungen dieses Krieges - da oben werden die Kräfte sein, von denen ich Ihnen jetzt gesprochen habe, diese Ätherkräfte: Auf der Erde werden die Menschen materialistisch denken und diese Kräfte nicht in sich einfließen lassen, nicht so in sich einfließen lassen, dass immer mehr und mehr die Menschen schon erzogen werden im geisteswissenschaftlichen Sinne, dass die Menschen erfahren von der Empfindungsmöglichkeit der geistigen Welt! Dann sind diese Kräfte natürlich auch da; aber die Menschen nehmen sie nicht auf, das Licht scheint nicht in die Finsternisse! Dafür wird das Licht dann selbstverständlich von anderen Wesenheiten, von den ahrimanischen, von den luziferischen Wesenheiten übernommen - und die Entwicklung nimmt ganz andere Bahnen. Es ist eine billige Ausflucht, meine lieben Freunde, wenn man sagt: Es liegt nicht bei mir, so etwas zu lenken und zu leiten. Nein, die Götter haben die Menschen frei gemacht. Die Menschen müssen mitwirken, mitwirken hier im physischen Leben und mitwirken zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Nicht so sehr kommt es darauf an, wirklich nicht so sehr kommt es darauf an, dass wir die einzelnen Lehren aufnehmen. Wir müssen sie aufnehmen, damit wir uns immer mehr und mehr in den Empfindungen bestärken. Nicht darauf kommt es an, dass wir diese einzelnen Lehren bloß aufnehmen, sondern darauf kommt es an, dass wir immer mehr und mehr fühlen, wie wir drinnen stehen als Geisteswissenschafter in wichtigsten, in der wesentlichsten Aufgabe der Menschheit. Wie das geschehen muss, was durch Geisteswissenschaft allein geschehen kann, das fühlen zu lernen, das ist das unendlich Wichtige! Und so können wir auf den Gesamtstrom der geisteswissenschaftlichen Entwicklung hinschauen.
[ 81 ] So können wir ein solches Ereignis wie das gegenwärtige Kriegsereignis ins Auge fassen. ... Überall sehen wir, dass wir recht unsere Zeit hier verstehen, wenn wir sie im Lichte der Geisteswissenschaft verstehen. Lassen Sie uns dazu zum Schlusse zusammenfassen mit Bezug auf die unmittelbaren Zeitereignisse wiederum hauptsächlich dasjenige, was sich aus einer solchen Betrachtung ergibt, wenn wir hinaufschauen in die bleibenden, noch unverbrauchten Ätherleiber der ja durch den Opfertod gegangenen Menschen, hinaufschauen nach dem, was diese Ätherleiber werden können. Wir könnten ebenso gut die großen Ströme der Menschheit in solcher Weise in unser Empfinden fassen, aber wir wollen das mit Bezug auf das Zeitereignis tun, damit dieses Zeitereignis nicht bloß äußeren Ruhm bringt dem einen und dem andern Staate, sondern dass diese schwere Prüfung der Menschheit auch wirklich dazu dienen kann, die Menschen selber vorwärts zu bringen, die Menschheit vorwärtszubringen als Seelen- und Geistwesen. Und wahrhaftig, gewiss, es war gut für die damaligen Germanen, dass sie über die Römer den Sieg davon getragen haben in der Zeit des Untergangs des alten Römischen Reiches. Aber es war nicht allein um das zu tun, dass dazumal die Germanen über die Römer den Sieg davongetragen haben, sondern alles das, was seither geschehen ist, einschließlich der größten Aufgaben, die die Menschheit gelöst hat, hängt daran, dass dazumal die Germanen und nicht die Römer gesiegt haben! Und so hängt auch dasjenige, was für die Welt die gegenwärtigen Ereignisse bedeuten, nicht allein daran, wer gerade unmittelbar jetzt obsiegt, sondern derjenige muss obsiegen, welcher die wichtigen Aufgaben für die nächste Menschheitszukunft in sich trägt.
[ 82 ] Werden wir uns dieser Menschheitsaufgaben bewusst, recht bewusst, sonst bleiben diese kriegerischen Ereignisse äußere Ereignisse. Seele müssen Sie bekommen durch Seelenerkenntnis, Seelenwissenschaft. Deshalb durchdringen wir uns wieder so recht mit dem empfinden:
Aus dem Mut der Kämpfer,
Aus dem Blut der Schlachten,
Aus dem Leid Verlassener,
Aus des Volkes Opfertaten
Wird erwachsen Geistesfrucht —
Lenken Seelen geistbewusst
Ihren Sinn ins Geisterreich.
[ 83 ] Möge es so geschehen, dass Sie geistbewusst Ihren Sinn ins Geisterreich lenken, damit Geisteswissenschaft ein Seelenerdenreich findet, in das sie ihre Samen hineinsenken kann! Die Menschheit wird die Geisteswissenschaft als eine Kraft brauchen. Tun wir das unsere, meine lieben Freunde, dass geschehen kann, was geschehen muss. Diese Empfindungen in Ihrer Seele zu erregen, war es mir lieb, dass wir wiederum einmal beisammen sein durften. Gerade in dieser schweren Zeit müssen wir aber auch dann, wenn wir nicht räumlich zusammen sind, in Gedankenkraft zusammenhalten. Denn darauf kommt es an, meine lieben Freunde, dass es jetzt ein Häuflein von Menschen gibt, die treu und fest mit ihren Empfindungen an der Geisteswissenschaft halten. Ob wir uns oft oder wenig sehen können mit äußeren physischen Augen: Bleiben wir zusammen umso kräftiger in dem Geiste, der uns unserer Geisteserkenntnis vereint.
[ 84 ] In diesem Sinne lassen Sie sich auch diese letzten Worte ein Trosteswort sein, und dies als Abschiedswort, meine lieben Freunde: auf Wiedersehen!
