Nachträge zur Abteilung Mitgliedervorträge
GA 246
3 März 1916, Bremen
74. Das Todesrätsel als Lebensrätsel
Meine lieben Freunde!
[ 1 ] Auch dieses Mal gedenken wir wieder zuerst derjenigen Seelen, die draußen stehen auf den großen Feldern der Ereignisse und einzutreten haben mit Seele und Leben für die großen Tatsachen, innerhalb welcher wir leben:
Geister eurer Seelen, wirkende Wächter!
Eure Schwingen mögen bringen
Unsrer Seelen bittende Liebe
Eurer Hut vertrauten Erdenmenschen.
Dass mit eurer Macht geeint
Unsre Bitte helfend strahle
Den Seelen, die sie liebend sucht!
[ 2 ] Und für diejenigen, die infolge dieser Ereignisse schon gegangen sind durch des Todes Pforte:
Geister eurer Seelen, wirkende Wächter!
Eure Schwingen mögen bringen
Unsrer Seelen bittende Liebe
Eurer Hut vertrauten Sphärenmenschen.
Dass mit eurer Macht geeint
Unsre Bitte helfend strahle
Den Seelen, die sie liebend sucht!
[ 3 ] Und der Geist, den wir mit unserer zu erstrebenden Geisteswissenschaft suchen, der Geist, der zu der Erde Heil, zu der Menschheit Freiheit und Fortschritt durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist, er sei mit euch und euren schweren Pflichten!
[ 4 ] In dieser Zeit tritt ja so tausendfältig der Tod mitten herein in das Leben ... Und wie es unserer geisteswissenschaftlichen Bestrebung entspricht, immer diejenigen Seiten des Lebens zu betrachten, welche sich hier in der physischen Welt nur ausdrücken, aber die geistigen Seiten sind, die der Mensch im normalen Verlauf seines Daseins erst durch den Tod erlebt, so muss es in unserer Zeit ganz besonders angemessen sein, auf diese Welt, die hinter der Sinneswelt liegt, insofern hinzuschauen, als aus ihr heraus dasjenige, was die Menschen den Tod nennen, in seiner Rätselhaftigkeit sich löst und selber ein Teil des Lebens wird. Wir haben ja aus vielfältigen Betrachtungen, die wir angestellt haben, gewiss schon die Gesinnung und Überzeugung gewinnen können, dass die Art von Betrachtung des Todes, wie wir sie anstellen, nicht eine müßige Betrachtung ist, die den Menschen dem Leben fern bringt, sondern dass gerade eine volle, reine Anschauung über das Leben hervorgeht aus der Betrachtung des Todesrätsels. Deshalb meinen wir nicht, wenn wir den Tod betrachten, dass wir uns abwenden von dem Leben innerhalb des physischen Leibes, welches uns zugeteilt ist als eine göttlich-geistige Aufgabe, sondern im Gegenteil, wir meinen: Dadurch dass wir mit dem Tode des Menschen ewige Kräfte betrachten, bringen wir gerade höheren Mut, höhere Kraft herein in dasjenige Leben, das uns zugeteilt ist innerhalb der physischen Welt.
[ 5 ] Nun haben wir ja immer wieder und wiederum den Blick geworfen auf das Rätsel des Todes, und unsere Schriften tun das auch. Aber wir haben uns wohl schon gewöhnt zu denken, wie es innerhalb der Geisteswissenschaft richtig ist, dass man eine Überzeugung über die Tatsachen der geistigen Welt nur gewinnen kann, wenn man die Erscheinungen, die Tatsachen immer wieder und wiederum von den verschiedensten Standpunkten aus betrachtet.
[ 6 ] Es ist ja schon einmal so mit der geistigen Welt, dass man die Vorstellungen, die Anschauungen, die man aus der Sinneswelt hat, modifizieren muss und dass man sie vielfach ändern muss, weil die Welt hinter der Sinneswelt nicht etwa bloß ein schattenhafter Abdruck der Sinneswelt ist, sondern in vieler Beziehung grundverschieden ist von dieser Sinneswelt. Und nur allmählich, indem man die Tatsachen der geistigen Welt von verschiedenen Gesichtspunkten her betrachtet, eröffnet sich einem die Möglichkeit, wirkliche Vorstellungen zu gewinnen über dasjenige, was in der geistigen Welt vorhanden ist. So sei denn wiederum von einem gewissen Gesichtspunkte aus das Todesrätsel gewissermaßen als Lebensrätsel auch in der heutigen Betrachtung ins Auge gefasst.
[ 7 ] Dasjenige, was der Tod zunächst für den sinnlichen Anblick darbietet, sieht ja der Mensch schon von dieser Seite aus: den Verfall des physischen Leibes. Aber wenn der Tod überhaupt etwas Schreckliches, etwas Grauenhaftes haben sollte, so könnte es nur für diesen Anblick hier von der physischen Welt aus sein; denn da stellt er sich dar wie ein Ende desjenigen, was wir immer am Menschen sehen, solange er zwischen Geburt und Tod in der physischen Welt weilt. Wir haben aber dann den Anblick des Todes, wenn wir selber durch die Todespforte geschritten sind, von der anderen Seite her. Während wir hier im physischen Leben den physischen Leib zerfallen sehen, haben wir, indem wir den Tod von der Seite aus betrachten, die wir durchleben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, von jener Seite her den Anblick, wie heraus sich entwickelt der ewige Wesenskern des Menschen aus der physischen Hülle. Wir haben da den Tod nicht als einen Niedergang, wir haben ihn als einen Aufgang.
[ 8 ] [So, wie] wir ihn als einen Aufgang haben, so überzeugt er uns ja von dem immerwährenden Sieg des Geistes über das Leibliche. Und da müssen wir uns gleich an eine Vorstellung gewöhnen, die dem physischen Anschauen fremd ist: Der Anfang unseres physischen Lebens hier auf der Erde, er tritt niemals in das normale Bewusstsein während dieses physischen Lebens. Wir erinnern uns zurück bis zu einem gewissen Zeitpunkte; das ist nicht der Zeitpunkt der Geburt, sondern er liegt später als der Zeitpunkt der Geburt. Aber kein Mensch kann in der physischen Welt hier ohne erhöhte Kräfte bis zu seiner Geburt zurückblicken; kein Mensch kann aus eigenem Erleben etwas aussagen auf normale Weise über seine Geburt; die tritt nicht ins physische Bewusstsein herein. Ebenso wahr aber als es ist, dass das Ereignis der physischen Geburt niemals in unser physisches Bewusstsein hereintritt zwischen Geburt und Tod, ebenso wahr ist es, dass von dem Aufwachen des Bewusstseins nach dem Tode an, durch die ganze Zeit, die wir leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, immer für uns vorhanden ist der Rückblick auf das Erlebnis des Todes von der anderen Seite her. Während wir also unsere Geburt, den Anfang unseres physischen Daseins, niemals mit normalem Bewusstsein erleben können, ist es normal für das Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, immer zurückblicken zu können auf den Tod von der anderen Seite her, wo er ein Sieg des Geistes über das Leibliche ist, wo er nicht das Zugrundegehen des physischen Leibes ist, sondern das Heraufsteigen des Geistigen, das nun zu durchleben hat die Zeitspanne zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, wo der Tod der Sieg des Geistigen ist. Und hätten wir diesen Anblick nicht, dann hätten wir in dieser Zeit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt kein Selbstbewusstsein. In dem Augenblicke aber, wo wir nach dem Tode in einen Zustand kommen - es gibt auch solche Zustände —, dass sich uns gewissermaßen der Anblick des Todes entzieht, sind wir in der Zeit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt schlafähnlich, wird unser Zustand schlafähnlich. Wie wir hier nichts von unserem Ich wissen, wenn wir außer unserem physischen Leibe im Schlafe sind, so wissen wir nichts von unserem Ich nach dem Tode, wenn wir nicht zurückblicken können auf das Todeserlebnis. Dieser Rückblick auf das Todeserlebnis entzündet fortwährend unser Selbstbewusstsein nach dem Tode. Und wie gesagt, wenn schon der Tod überhaupt etwas Grauenvolles haben könnte, so kann er das nur haben hier in seinem physischen Anblick. Denn das erhabenste, das größte Ereignis, zu dem wir zurückblicken können, das ist dasjenige, was eben darstellt diesen Sieg des Geistigen über das Leibliche ... von der anderen Seite aus gesehen, von der Seite nach dem Tode gesehen -, das wir immer haben, wenn wir selbstbewusst in der Zeit leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Wie wir mit unserem Ich und mit unserem astralischen Leib untertauchen müssen in den physischen Leib beim Aufwachen, damit wir unseres Ich uns bewusst werden, so geschieht es durch dieses Hineindrängen des Ich und des astralischen Leibes, dass wir uns unseres Ich bewusst werden können - denn das Ich kann ja da sein wie im Schlafe, es ist mancher seines Ich nicht bewusst. So ist es notwendig nach dem Tode, dass wir den geistigen Blick hinwenden auf den Moment des Sterbens, auf die Ereignisse des Sterbens, damit dieser Blick uns unser Selbstbewusstsein nach dem Tode entzünde.
[ 9 ] Unseren physischen Leib übergeben wir den Elementen der Erde - schneller durch das Verbrennen, langsam durch das Verwesen. Im Grunde sind ja die beiden Arten, den physischen Leib der Erde zu übergeben, nur durch die Zeitenlänge verschieden. Beide sind im Grunde genommen derselbe Prozess. Unseren physischen Leib übergeben wir den Elementen der Erde; den haben wir nicht mehr; der geht gewissermaßen im Tode von uns fort. Was bleibt uns von diesem physischen Leib? Es ist nicht so, als ob uns nichts bliebe, sondern es bleibt uns etwas von diesem physischen Leib. Es wäre ganz falsch zu glauben, dass uns gar nichts bliebe. Sehen Sie, wenn wir hier in der physischen Welt sind, fühlen wir uns als selbstbewusste Menschen innerhalb unserer Haut. Und dass wir unseren physischen Leib innerhalb unserer Haut haben, das macht, dass wir uns hier als selbstbewusste Menschen fühlen können. Alles das, was wir so haben, das fällt von uns; bis zu den äußersten Grenzen der Haut fällt das von uns ... Aber wirklich bleibt das, was unseren Leib ausfüllte, in unserem Bewusstsein nach dem Tode vorhanden wie eine Art Hohlraum des ganzen Universums - so sonderbar, so paradox das klingt -, das bleibt vorhanden. Auf den Ort kommt es nicht an, aber auf die Gestalt. Während wir hier innerhalb unserer Hautgestaltung uns fühlen, bekommen wir nach dem Tode, wenn der physische Leib von uns abgefallen ist, die Vorstellung vom ganzen Universum, das sich uns, wie wir gleich sehen werden, immer mehr und mehr erfüllt: Aber ausgespart ist aus diesem Universum unserer physischen Leibesgestalt Hohlraum. Und das nehmen wir nicht so wahr, dass wir es bloß als Hohlraum anschauen würden; das ist sogar keineswegs die Hauptsache ... sondern das wird nach dem Tode ein Empfinden, ein Grundfühlen; ein außerordentlich beseligendes und wichtiges Gefühl wird es. Es wird das Gefühl: Siehe da, es gibt etwas in der Welt, was nur du ausfüllen kannst. Im ganzen Universum ist ja vieles, aber was im ganzen Universum ist, das lässt leer deinen Platz. Und der Platz wird von Anfang bis zu Ende immer leer sein, wenn du ihn nicht ausfüllst.
[ 10 ] Dass man als ein Baustein zum ganzen Universum, zu der ganzen Welt gehört, das ist die Empfindung, die aus diesem Anschauen, wenn ich so sagen darf, des Hohlraums hervorgeht, des Hohlraums unseres physischen Leibes. Hier haben wir unseren physischen Leib zwischen Geburt und Tod ausgefüllt von Muskeln, von Blut, von Knochen. Dort finden wir gerade das, was hier ausgefüllt ist, hohl in der Welt, leer. Und wir wissen: Dieser Raum gehört uns, der gehört uns. Und das ist ein Beseligendes. Man weiß, man ist als etwas, das eine Bedeutung, einen Sinn in der ganzen Welt hat, dieser ganzen Welt einverleibt.
[ 11 ] Unterschätzen Sie nicht die Erkenntnis gerade einer solchen Empfindung, denn sie ist für uns gegeben mit dem Hinwegfallen des physischen Leibes. Indem wir den physischen Leib nicht mehr haben, verwandelt sich dieses, was wir sonst im physischen Leib erfühlen, in die Empfindung: Du bist nicht umsonst in der Welt. Du bist ein Baustein darinnen. Es kommt auf dich an. Du musst da sein.
[ 12 ] Solche Empfindung fühlten natürlich diejenigen, die eine wahre, wirkliche, wenigstens empfindungsgemäße Erkenntnis hatten von der geistigen Welt. Wie zum Beispiel Angelus Silesius seinen schönen Spruch geprägt hat nach einer solchen Empfindung, indem er sagte:
Gott könnt ohn’ mich ein Nu nicht leben;
Würd’ ich zunicht,
Müsst er vor Not den Geist aufgeben.
[ 13 ] Das heißt: Was auch alles in der Welt ist an Göttlich-Geistigem, eines ist da, wo ich hingehöre. Das darf sich die Seele - weil eben hervorgerufen durch das Ablegen des physischen Leibes - durch die ganze Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt sagen. Und das ist eine tragende Empfindung, eine wichtige, wesentliche Empfindung.
[ 14 ] Dann wissen wir, dass wir noch tagelang unseren Ätherleib, wie wir ja sagen, nach dem Tode an uns tragen, und dass wir in dieser Zeit gewissermaßen ein Lebenstableau haben von allem, was wir in einer gewissen Beziehung zwischen der Geburt und dem Tode erlebt haben. Aber auch dieses Lebenstableau müssen wir recht verstehen, wirklich recht verstehen. ... Da können wir vielleicht vom Leben hier zwischen der Geburt und dem Tode ausgehen, um eine Vorstellung zu bekommen von dem, was da eigentlich unmittelbar nach dem Tode mit uns vorgeht. Nicht wahr, wir leben zwischen Geburt und Tod hier im physischen Leibe. Wir haben die verschiedensten Erlebnisse. Wachend haben wir ja stündlich, minütlich, immer Erlebnisse; ob wir etwas hören, ob wir etwas tun, immer haben wir Erlebnisse. Und diese Erlebnisse begleiten unsere Gedanken. Wir sind als Menschen denkende Wesen. Gleichgültig, ob wir etwas hören, ob wir etwas tun: Wir denken. Gedanken, Vorstellungen begleiten dasjenige, was wir im physischen Leibe erleben. Und mit diesen Gedanken durcharbeiten wir unser seelisches Innere. Und diese Gedanken sind nicht bloß, wie wir wissen, vorübergehender Natur, sondern diese Gedanken können wir immer wieder herausholen aus unserer Seele. Wir haben eine Erinnerung, das heißt: Ein Gedanke, den ich mir jetzt gebildet habe, geht nicht gleich wieder vorüber, sondern ich kann ihn vielleicht noch nach Jahren aus meiner Seele herausholen. Stellen Sie sich für einen Moment all das, was Sie da in sich tragen, vor: Sie tragen ja diese ganze Gedankenwelt, die Sie sich an Erlebnissen der Außenwelt gebildet haben, in sich. Stellen Sie sich das vor ... dann müssen Sie sagen: Sie weben fortwährend in Ihren Gedanken. In was weben Sie da, wenn Sie denken? Da weben Sie in Wahrheit in Ihrem Ätherleibe. Dieses Weben also, welches dazu führt, dass der Gedanke in der Erinnerung bleiben kann, das geschieht eigentlich im Ätherleibe, geschieht richtig im Ätherleibe.
[ 15 ] Aber nun lebt der Mensch so im Ätherleibe und denkt und sagt: Nun ja, ich denke, und meine Gedanken trage ich in mir, und manchmal erinnere ich mich an meine Gedanken. Und er glaubt, dass dieses Gedankengewebe eben nur in ihm ist. So ist es aber nicht; so ist es ganz und gar nicht. Der Mensch kennt sich eben in Wirklichkeit durchaus nicht! Dass wir da durch die Welt gehen, Gedanken haben, dass diese Gedanken von uns verwoben werden, das ist noch das Allergeringste an diesem Vorgange. Fassen wir die Sache einmal ganz konkret: Sie sitzen jetzt hier und hören mir zu. Da gehen fortwährend Gedanken durch Ihre Seele durch, die Sie dann auch behalten können ... gewiss, das ist die eine Seite der Sache. Aber das ist nur die geringere Seite der Sache. Während Sie hier alle denken, huschen oder wellen durch den Raum Wesenheiten der höheren Hierarchie, von den Angeloi durch die Archangeloi bis zu den Archai hinauf, und diese haben ihre Arbeit mitzuleisten an den Gedanken. Das alles nehmen Sie mit normalem Bewusstsein nicht wahr. Aber glauben Sie nicht, dass der Mensch bloß in die Welt hier hereingestellt ist, damit er zu seinem Vergnügen zwischen Geburt und Tod sich hier seine Gedanken bildet; sondern während wir uns unsere Gedanken bilden, arbeitet eine Fülle von geistigen Wesenheiten der höheren Hierarchien an diesen Gedanken hier. In unserer Seele ist nur der Schauplatz, da treten die Gedanken auf. Aus diesen Gedanken wird noch etwas ganz anderes gemacht, als was bloß in unseren Erinnerungen weiterlebt. Diese Gedanken werden miteinander verwoben, diese Gedanken werden ineinander gebildet und bedeuten noch etwas ganz anderes als dasjenige, was wir daraus machen. Wir leben nicht nur für uns, wir leben auch zwischen Geburt und Tod - wenn wir so sagen dürfen - für die Götter. Und während wir denken, arbeiten die Götter an ihrer Welt. Wir, wir fügen uns unsere Gedanken so zusammen, einen an den anderen, dass sie uns dienen bis zu unserem Tode. Die Götter ordnen sie anders, die Gedanken. Sie ordnen sie in uns so zusammen, dass sie ihnen dienen bei der Gestaltung, bei der fortlaufenden Gestaltung der Welt. Während wir nach unseren logischen Menschenregeln unsere Gedanken ordnen, ordnen zugleich die Götter so die Gedanken, dass - wenn ein Mensch durch die Pforte des Todes geht - sie ein neues Stück Welt in diesen Gedanken geschaffen haben. Sie ziehen sie dann heraus aus dem Ätherleib ... und da haben sie ein neues Stück Welt. Es ist nicht unnötig, dass ein Mensch die Welt betrachtet. Sondern, indem er denkt, wird aus seinen Gedanken ein neues Stück Welt gewoben, richtig ein neues Stück Welt gewoben. Werden wir uns dessen nur bewusst, dass hinter der Außenseite unseres Denkens, die wir innerlich wahrnehmen, weltenwirkende göttliche Geister sind der verschiedenen Hierarchien, die während sie uns zwischen Geburt und Tod unsere Gedanken weben lassen, damit wir unsere Freiheit genießen können - ihre Arbeit mit unseren Gedanken für die Welt leisten!
[ 16 ] Nun bleiben uns nach dem Tode einige Tage unsere Gedanken ungefähr so, wie sie in der Erinnerung waren; aber nicht nur diejenigen, deren wir uns erinnern als Gedanken - auch jene, die wir sonst vergessen haben, treten in diesen Tagen auf. Und sie treten nicht so auf, wie sie hier erinnert werden, dass der eine später, der andere früher ist -, sondern sie treten in einem Lebenspanorama, in einem Tableau, alle gleichzeitig auf. Wir haben einige Tage lang unser ganzes Leben um uns herum gleichzeitig. Ja, das haben wir. Unser ganzes Leben wird angeschaut durch einige Tage, richtig angeschaut durch einige Tage. Dann aber, wenn es angeschaut ist durch einige Tage, dann nehmen uns die göttlich-geistigen Wesen das, was wir unseren Ätherleib nennen, weg und weben es ein in das ganze ätherische Weltenall. Es ist zunächst klein eingewoben; dann wird es entsprechend größer und bildet von da ab ein Stück des ganzen ätherischen Weltenreiches.
[ 17 ] Was bedeutet denn also eigentlich für den Menschen «sterben»? Für den Menschen bedeutet «sterben», dass er — verzeihen Sie den trivialen Ausdruck, der aber richtig ist -, dass er sein ganzes Leben hindurch genäht hat an einem Gedankengebilde, und dass er dieses Gedankengebilde nunmehr einige Tage nach seinem physischen Tode übergibt dem Weltenäther. Und in den Weltenäther wird das nun einverwoben.
[ 18 ] Sein physischer Leib hat es bis zu dem Tode in ihm zusammengehalten. Jetzt, wo sein physischer Leib abgefallen ist, wird es auseinandergezogen und einverwoben dem ganzen Weltenäther - bei dem einen in größerer, bei dem anderen in geringerer Ausbreitung; aber cs wird einverwoben dem ganzen Weltenäther. So ist es außer uns, was wir immer in uns getragen haben in unseren Gedanken; denn nur die Gedanken, mit denen wir dasjenige, was wir erlebt haben, begleitet haben, werden in dieser Weise von den Göttern dem Weltenäther einverwoben. So ist das, was wir immer in uns getragen haben, was der physische Leib zusammengehalten hat, außer uns ... Nicht wahr, bis zum Tode können wir das, was unser Gedankengewebe ist, als unser Eigentum betrachten, als inneres. Kein Mensch wird, wenn er sich erinnert, sagen: Der Gedanke, der hätte woanders gesessen als in seiner Seele; aus der hat er ihn heraufgeholt. - Jetzt ist er außer uns, gehört zur Außenwelt. Das ist wiederum ein bedeutsames Erlebnis nach dem Tode, dass wir, nachdem wir die Tage nach dem Lebenstableau durchgemacht haben, gewissermaßen das Innere zum Außen machen. Was unser Gedankenverlauf war, wird nun äußerer Verlauf, lebt in der Außenwelt drinnen. Und so wahr, wie wir hier auf Sterne und Mond, wie wir hier auf Berge und Flüsse sehen, so sehen wir nach dem Tode auf dasjenige, was die Götter aus unseren Gedanken gewoben haben während unseres Lebens, und was jetzt einverwoben ist dem Weltenäther. Dahin blicken wir zurück. Man kann ganz richtig sprechen, wenn man sagt: Mit diesem Ereignis ist beim Menschen das Innere ein Äußeres geworden. Das Innere seiner Gedankenwelt ist ein Äußeres geworden.
[ 19 ] Und jetzt beginnt jenes Leben, von dem wir auch öfter gesprochen haben, das Ihnen ganz geläufig ist, wo der Mensch ungefähr in der Zeit, die ein Drittel ist des durchlebten Erdenlebens, jenes Leben zurücklebt, wo er es so zurücklebt, dass er dreimal so schnell, als er zwischen Geburt und Tod gelebt hat, nun vom Tode nach der Geburt zurück die Ereignisse noch einmal durchläuft. Aber er durchläuft sie anders, als er sie hier während des physischen Daseins durchlaufen hat - anders. Hier während des physischen Daseins begehen wir gewisse Handlungen zum Beispiel, oder wir bilden gewisse Gedanken nach inneren Impulsen. Wir haben in diesen Handlungen, in diesen Gedanken gewisse Gefühle in uns.
[ 20 ] Aber nun ist es besonders wichtig, das zu betrachten, um was es sich jetzt handelt in der Zeit nach dem Tode — von der wir jetzt sprechen -, zu betrachten, was sowohl unsere Gedanken wie unsere Handlungen auf unsere Mitwelt für eine Wirkung gehabt haben. Nehmen Sie eben den extremen Fall, den ich öfter anführe, nur weil man sich daran etwas veranschaulichen kann: Ich füge jemand eine Beleidigung zu im Leben, sei es durch Worte, sei es durch Taten. Nicht wahr, ich, der ihm die Beleidigung zufügt, werde gewisse Gefühle haben. Ich werde ihm ja nicht umsonst eine gewisse Beleidigung zufügen, wenn ich nicht ein Narr bin; sondern ich werde meine Gründe dazu haben. Ich empfinde etwas. Aber er empfindet anders - anders, wenn er die Beleidigung empfängt. Zweierlei ist das, was er und ich empfinden. Aber während des Lebens hier zwischen Geburt und Tod mache ich nur das durch, was ich dabei empfinde. Diese Empfindung wiederholt sich nicht in derselben Weise nach dem Tode beim Rückwärtsleben, sondern ich erlebe, was er dabei empfunden hatte. Ich gehe alle meine Handlungen in ihren Wirkungen durch. Dasjenige, was ich hier erlebt habe, gehe ich in seinen Wirkungen durch, lebe also zurück dasjenige, was ich angerichtet habe. Das durchlebe ich.
[ 21 ] Man kann wiederum ganz richtig sprechen, dass dasjenige, was da ist, dasjenige, was hier im physischen Leben außer uns zu erleben ist, jetzt innerlich zu erleben ist. Sehen Sie, das Einweben des ätherischen Gedanken-Tableaus in den Weltenäther kann man bezeichnen, indem man sagt: Das Innere wird ein Äußeres. In dieser Zeit, die nun folgt, wenn man zurücklebt, da wird das Äußere ein Inneres; denn bisher war es außerhalb, was der andere fühlte. Alles das, was der Andere fühlte, das wird jetzt ein Inneres -, das erlebt man als das eigene Erleben bei diesem Zurückleben. Alles erlebt man so. Wirklich erlebt man das so! Und es wird einem da auch wirklich nichts, nichts erspart. Man durchlebt alles, alles, was man auch getan oder gedacht oder gefühlt hat, was eine Wirkung in der Welt hervorgerufen hat, das erlebt man wieder zurück, indem man nunmehr in dem anderen drinnen fühlt.
[ 22 ] Den Ätherleib legt man nach dem Todeseintritt ab. Dasjenige, was der Ätherleib erlebte, wird einverwoben in die ätherische Welt. In dem, was wir den astralischen Leib nennen, lebt man weiter ... und in dem Ich. Nun ist es wiederum gut, dieses Leben im astralischen Leibe auch schon wiederum hier während des physischen Daseins zwischen der Geburt und dem Tod zu betrachten. Sehen Sie, der Mensch kommt sich, während er hier auf der Erde weilt, mit alle dem, was er denken und verstehen und beurteilen kann, eigentlich riesig gescheit vor. Es ist gar kein Zweifel, dass sich der Mensch außerordentlich gescheit vorkommt. Aber es stände schlimm um den Menschen, wenn diese Gescheitheit, die er besitzt, ihn durchs Leben führen müsste. Das tut sie nämlich ganz und gar nicht. Diese Gescheitheit führt ihn nämlich nicht durchs Leben; nur kann der Mensch keine andere Anschauung haben als diese, dass er durch seine eigene Gescheitheit durch das Leben geführt wird, weil er ja dasjenige nicht wahrnehmen kann, was noch notwendig ist zu seinem Leben. Der Mensch sieht gewissermaßen nur ganz wenig von dem, was sich eigentlich auf sein Leben bezieht - ganz wenig. Nehmen Sie einmal einen extremen, einen radikalen Fall.
[ 23 ] Jemand hat die Verpflichtung, morgens früh um acht Uhr in seinem Amte zu erscheinen. Er geht wirklich auch immer so fort von seinem Hause, dass er um acht Uhr pünktlich in seinem Amte erscheint. Einmal geschieht es, dass er sich fünf Minuten verspätet. Es hat gar keine andere Wirkung, als dass er eben fünf Minuten nach acht Uhr ins Amt kommt. Ist der Chef brummig, na, so gibt’s einen kleinen Krakeel; ist der Chef nicht brummig, so gibt es nicht einmal diesen, nicht wahr! Also es braucht überhaupt keine besondere Wirkung zu haben -, es geht so vorbei. Aber es könnte sein, dass man etwas Wichtiges nicht gesehen hätte, überhaupt nicht wahrgenommen hätte. Nehmen Sie einmal an, die Sache hätte so gelegen, dass, wenn man an diesem Tage auch zur rechten Zeit weggegangen wäre, man irgendwo einen Straßendamm überschritten hätte und an der Stelle wäre einem ein Unglück zugestoßen: Die Bedingungen waren alle dazu da, dass einem ein Unglück zugestoßen wäre. Man sieht nur das eine, dass man um fünf Minuten später zum Amt kam, nicht wahr! Aber dass man mit heiler Haut aus der Sache hervorgegangen ist und wie man bewahrt worden ist vor irgendetwas, das einem ein großes Unglück hätte bringen können, das tritt einem nicht einmal ins Bewusstsein. Ja, das ist ein herausgegriffenes Beispiel -, so leben wir aber fortwährend. Wir beachten immer nur dasjenige, wie wir uns einspinnen in das Leben, wie wir das Leben führen. Wovor wir fortwährend bewahrt werden, woran wir nebenher und vorbei gehen, weil wir eben nicht davon berührt werden, das beachten wir gar nicht. Würden wir beachten, wovor wir bewahrt werden, was fortwährend gewissermaßen um uns herum wirkt, dass das Leben nicht so vor sich geht, wie es scheinbar durch unsere Gescheitheit vor sich geht ... dann würden wir erst gewahr werden, wie in jeder
[ 24 ] Minute unseres Lebens wiederum ganze Hierarchien von Götterwesen in unseren astralischen Leib hereinarbeiten, und wie wir unter der Führung der Wesen der höheren Hierarchien stehen und unser Leben unter der Führung dieser höheren Hierarchien vollenden.
[ 25 ] Ein vollständiges Wissen über die Weisheit, die notwendig ist, um einen Menschen so die Lebensbahn zwischen Geburt und Tod zu führen, wäre eine so umfassende Weisheit, eine so kolossale Weisheit - die uns abgenommen wird durch die Wesen der höheren Hierarchien -, dass wir uns davon gar keine Vorstellung machen können nach der Weisheit, die wir nach Maßgabe der Werkzeuge unseres Gehirns hier zwischen Geburt und Tod ansammeln können. Aber diese Weisheit strömt als Götterwerk durch unseren astralischen Leib. Woher kommt es denn, dass wir von dieser Weisheit nun nichts wissen? Wüssten wir etwas von ihr, dann würden wir nicht die Freiheit lernen können als Menschen. Wir würden immer geleitet werden. Es ist weise in der Welt eingerichtet, dass wir von dieser Weisheit zwischen Geburt und Tod nichts wissen; denn das ist unsere Lehrschule der Freiheit. Daher sind wir durch die weisheitsvolle Führung der höheren Hierarchien dazu gebracht, von dieser Weisheit in unserem astralischen Leibe nichts zu sehen. Wodurch können wir denn nichts sehen? Ja, es muss natürlich diese Weisheit verdunkelt werden. Und sie wird verdunkelt durch alle die Gefühle, die in unserem astralischen Leibe leben, die uns betäuben über dasjenige, was geschieht. Diese Gefühle breiten sich immer wie ein Nebel aus über die Weisheit, die eigentlich aus der ganzen Welt von allen Seiten hereinscheint in unseren astralischen Leib. Dass ich über die Straße gehe, Eindrücke habe, das alles deckt mir die Weisheit, die in meinen astralischen Leib hereinstrahlt, für das normale Bewusstsein zu ... Daher wird jetzt so viel gelogen in der Welt, weil die Wahrheit quälend wäre, weil die Wahrheit furchtbar wäre.
[ 26 ] Nun, so decken wir uns auch die Weisheit zu, die wir nicht ertragen können; jenes ungeheuer weite Licht der Weisheit, das immerzu unseren astralischen Leib durchsetzt, das decken wir uns dadurch zu, dass wir immer Gefühle und Empfindungen erwecken über das Positive, das wir erleben, wodurch wir gerade eben durchgehen. Dagegen alles dasjenige, was notwendig ist, um uns an dem Gesamtstrom der Welt vorbeizuführen, an dem weisheitsvollen: Das decken wir uns zu!
[ 27 ] Wir müssen uns aber auch nach dem Tode erst nach und nach gewöhnen an den Anblick desjenigen, was da aus den höheren Hierarchien als Weisheit die ganze Welt durchpulst und da durch unsern astralischen Leib geht. Wir müssen uns erst gewöhnen! Und dies geschieht während unseres Zurücklebens dadurch, dass wir das Äußere zum Inneren machen. Dadurch, dass wir die Wirkungen, die äußeren Wirkungen unserer Gedanken und Taten sehen, leben wir uns in die Außenwelt ein. Dadurch gewöhnen wir uns, nicht nur das zu sehen, was in unserer eigenen Weisheit, sondern was in der Weisheit der Welt liegt. Sie sehen: Es hat jede einzelne Tatsachenreihe, die wir durchlaufen, auch zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, eine tiefe Bedeutung.
[ 28 ] Und dann, wenn wir dies durchlaufen haben, was beginnt dann für eine Zeit? Ja, sehen Sie, was dann beginnt, darauf kommen Sie, wenn Sie es so recht innerlich anschauen wollen, indem Sie vielleicht jetzt einmal die folgende Vorstellung mit mir durchlaufen. Sehen Sie, der Mensch hat ja, Gott sei Dank, durch das Weltgeschehen nicht die Aufgabe zuerteilt bekommen, jenen Wunderbau, der er selbst ist, bewusst zu bilden. Denn denken Sie nur, wie wenig der Mensch weiß -durch die heutige Wissenschaft zum Beispiel weiß - von dem Wunderbau seines eigenen Organismus! Wenn er ihn erst aus den Begriffen, aus den Vorstellungen heraus bauen müsste, die ihm die heutige Wissenschaft schon geben kann: Da käme was Schönes heraus! Nun werden natürlich die gescheiten Leute, die eine Weltanschauung aus der heutigen Wissenschaft aufbauen, allerdings sagen: Das habe der Mensch auch gar nicht nötig, denn das macht sich alles von selber. Der Mensch braucht ja bloß, nicht wahr, geboren zu werden! Das machen alles die Naturkräfte. Wozu hat er nötig, seinen Organismus aufzubauen? Das macht sich ja von selber! - Das ist natürlich ein gescheiter Standpunkt! Das ist wirklich ein Standpunkt, angemessen einer Epoche der Menschheitsentwicklung, die eigene Meinungen hat, im Gegensatz zu den früheren Meinungen, nicht wahr, die auf Autorität nur gebaut waren! Die gegenwärtigen Menschen, die haben selbstverständlich immer eigene Meinungen, weil sie vergessen haben, dass sie das Eigene dieser Meinungen aus der Zeitung gelesen haben; denn eigene Meinungen sind heute diejenigen, von denen man vergessen hat, dass man sie aus der Zeitung gelesen hat oder höchstens noch aus einer Broschüre oder einem modernen Buch!
[ 29 ] Ich sagte: Es ist eine Meinung von heute, dass der Mensch nicht nötig hätte, aus dem Geistigen heraus an seinem eigenen Organismus irgendetwas zu bauen. Denn, nicht wahr, der Mensch macht sich natürlich von selber! - So sagen die Leute. Aber denken Sie sich nur einmal: Es könnte ja Wesen geben - die Hypothese dürfen wir durchaus annehmen -, welche nicht in der Lage wären, Menschen wahrzunehmen, die gar keine Menschen wahrnehmen würden ... sonst aber könnten sie alles wahrnehmen. Hier in Bremen - nehmen wir also wieder an - könnten diese Wesen alles wahrnehmen, nur nicht Menschen. Nun, wie die Menschen keine Angeloi wahrnehmen, so würden diese Wesen keine Menschen wahrnehmen, aber sie könnten Uhren wahrnehmen ... Uhren könnten sie wahrnehmen. Nehmen Sie an: Diese Wesen spazierten nun in ihrer Art herum oder flögen - oder was immer - durch Bremen. Die würden also sagen: Uhren gibt's in Bremen; aber Menschen sind nicht da, die Uhren machen; also entstehen die Uhren ganz von selber. Es braucht niemand da zu sein, der die Uhren macht, nicht wahr? Sie könnten sogar in einen Uhrenladen hineingehen, diese Wesen; sie würden sehen, wie das alles sich zusammenfügt zu Uhren ... Menschen sehen sie nicht! Also würden sie sagen: Die Uhren entstehen ganz von selber. - So weit sind diejenigen, die heute sagen: Was braucht man heute darüber nachzudenken, dass die Menschen aus irgendeiner geistigen Betätigung heraus entstehen? Die Menschen entstehen von selber, nicht wahr, durch Empfängnis und Geborenwerden; da bilden sie sich so. - Dass das, was da äußerer Prozess ist, ganz organisiert wird von geistigen Wesen, dass es nur der äußere Prozess ist für die Arbeit der geistigen Wesen: Das ist natürlich etwas, was eingesehen werden muss. Und gerade so wie der Uhrmacher hinter der Uhr stehen muss, so müssen unzählige Wesenheiten der höheren Hierarchien stehen hinter diesem Prozess, der sich «von selber» eben gestaltet nach der Anschauung der ganz gescheiten Menschen von heute - nicht wahr?
[ 30 ] Aber da kommt noch etwas anderes, was wir in die Vorstellung aufnehmen müssen, um eine Einsicht zu gewinnen auf diesem Gebiete. Sehen Sie, die heutige Wissenschaft sagt: Man sicht es an den Genies, dass die Eigenschaften in der Seele sich auch vererben. - Vor nicht zu langer Zeit ist ein ziemlich dickes Buch über Goethe erschienen. Da drinnen ist von den Eigenschaften Goethes die Rede und dann ist gesucht bei Mutter, Vater, Großmutter, Großvater, in allen Richtungen, so weit man hinaufkommen konnte, wie sich diese Eigenschaften, nicht wahr, bei den Ahnen finden; und da haben sie sich so zusammenorganisiert, um dann bei dem Genie zuletzt zu erscheinen. Also hat man die Vererbung ja erfahrungsgemäß gegeben - sagt man -, es ist doch ganz selbstverständlich, dass das Genie das alles geerbt hat, nicht wahr! Aber diese Weisheit ist nicht sehr gescheit, denn sie gleicht derjenigen, die es als besonders gescheit anschaut, dass, wenn jemand ins Wasser fällt, er nass wird. Nicht wahr, weil die Seele sich durchwindet durch die Generationenfolge, so nimmt sie die Eigenschaften der Generationenfolge an, wie jener, der ins Wasser fällt, das Wasser annimmt und nass wird. So trägt der Mensch die Eigenschaften der Generationen, mit denen er auf die Weise - wie wir es gleich sehen werden - lebt, die trägt er an sich, das ist gar nicht weiter wunderbar.
[ 31 ] Aber wollte man anders zu Werke gehen, auf naturwissenschaftliche Art beweisen, so müsste man vom Genie ausgehen und müsste dann zeigen, wie die Nachkommen des betreffenden Genies, die Nachkommen die Eigenschaften des Genies vererbt haben. Das wird man wohl bleiben lassen. Denn man kann, nicht wahr, allenfalls allerlei Betrachtungen anstellen, herumreden, wie Goethe gewisse Eigenschaften seiner Vorfahren geerbt hat; aber dass seine großen, genialen Eigenschaften auf seinen Sohn oder seine Enkel sich vererbten, das zu zeigen wird man wohl bleiben lassen. Und wenn man es beweist ... nun ja, es gibt zum Beispiel heute einen sehr bekannten europäischen Staatsmann, der der Sohn seines Vaters ist: Da scheint es ja, als ob die genialischen Eigenschaften vom Vater auf den Sohn unmittelbar übergegangen wären. Die größte Eigenschaft ..., was die Nachwelt vielleicht einmal anerkennen wird, die besteht darinnen, dass sie alle zwei keine Genies gewesen sind, weder der Vater noch der Sohn!
[ 32 ] Ja, mit diesem ganzen Gedankengang von der Vererbung hat’s eben ganz und gar nichts auf sich. Sondern dieser ganzen Sache muss in der folgenden Weise nachgegangen werden ... denn es zeigt uns die okkulte Betrachtung dabei das Folgende.
[ 33 ] Sehen Sie: Weiß denn der Mensch überhaupt etwas von seinem physischen Inneren, wie er so in seinem physischen Innern innerhalb seiner Haut lebt? Ja, zuweilen weiß man etwas: Wenn einer furchtbare Kopfschmerzen hat, weiß er etwas vom Innern seines Kopfes; er fühlt das drinnen, fühlt seinen Kopf, den man bei normalem Gesundsein gar nicht fühlt. Der Magen knurrt nur, wenn er Hunger hat, wenn irgendetwas nicht in Ordnung ist, infolge eines Schmerzes oder einer Entbehrung. Es ist das nur eine recht dumpfe Erkenntnis, und mit der würde man nicht viel anfangen können. Immerhin ist sie doch, im Gegensatz zu dem, was wir sonst zur Außenwelt immer empfinden, eine Art Innenempfindung. Aber in einer feinen Weise, in einer sehr feinen Weise ist dieses Erleben unseres Innern durch das ganze Leben zwischen der Geburt und dem Tode eigentlich vorhanden, indem wir zwischen der Geburt und dem Tode älter und älter werden. Was heißt denn, älter und älter werden? Es heißt, nicht wahr: Der physische Leib wird immer weniger und weniger lebendig, er macht uns immer müder und müder, indem wir durch ihn arbeiten wollen. Mit den zunehmenden Jahren fühlt man das schon. Es besteht gewissermaßen wirklich die Tatsache, dass man immer mehr und mehr seinen physischen Leib doch fühlt ... wenn das auch gewohnheitsmäßig vorwärtsgeht und man natürlich nicht so stark das fühlt. Aber denken Sie nur, es könnte einmal jemand die Art, wie er sich zu seinem physischen Körper verhalten hat als achtjähriger Knabe oder Mädchen, indem er arbeitete, mit dem vergleichen, wie er sich zu seinem physischen Leibe in seinem fünfzigsten Jahre verhält, und die Zwischendinge würden unmittelbar hintereinander folgen: Dann würde man schon merken, wie anders der physische Leib geworden ist, wie eine gewisse Erschlaffung im physischen Leibe - ein Lebensmüdewerden, das ganz selbstverständlich ist, aber das doch da ist -, wie ein Lebensmüdewerden auftritt. Die Gebresten des Alters bestehen in nichts anderem, als das man seinen physischen Leib durchfühlt, dass er einem immer mehr und mehr fühlbar wird. Und die Kernfrischigkeit der Jugend besteht darin, dass man ihn nicht fühlt, dass man ihn unfühlbar durchs Leben trägt. Das ganze Leben zwischen Geburt und Tod geht so, dass man sagen kann: Der physische Leib wird immer mehr und mehr gefühlt, empfunden.
[ 34 ] Wenn man ihn nun ablegt, dann kann das zunächst noch nicht hervortreten. Aber wenn man den Ätherleib abgelegt hat, auch so, wie ich es geschildert habe, das Leben rückwärts durchlaufen hat, indem man die Wirkungen davon betrachtet hat ..., dann merkt man erst, was cs für eine Bedeutung hat, dass man so sich erfühlend hineinlebt in den physischen Leib. Denn dann merkt man, dass ungeheure erfühlte Weisheit notwendig ist, um aus dem Weltenall heraus das zu gestalten, was ein menschlicher Leib als Mikrokosmos ist. Und das ist zusammengegossen in unseren physischen Leibe während unseres Lebens. Das erblicken wir jetzt als Weisheit des ganzen Kosmos. Ja, man kann heute einem Menschen kaum klarmachen, was es eigentlich für eine Bedeutung hat, das Zusammenfließen dieser Weisheit aus allen Götterunternehmungen, die notwendig sind, um den Wunderbau nur des menschlichen Kopfes herzustellen, der sich in der Tat aus dem ganzen Weltenall als eine kleine Welt wie herauskristallisiert, aber weisheitsvoll gebaut. Indem wir unser Haupt durch die Welt tragen, bedienen wir uns dieses Hauptes zwischen Geburt und Tod; aber, dass es zustande kommt dieses Haupt, dass cs wirklich ein Abbild ist dieser ganzen Welt, dazu ist die Arbeit vieler, vieler göttlich-geistiger Wesen höchster Hierarchien notwendig.
[ 35 ] Ich versuchte eine Vorstellung zu geben von der Empfindung, die man haben kann, wenn man sich bewusst wird: Das, was du da oben trägst über deinem Halse, das ist wahrhaftig die Arbeit von Götterwelten, so wahr wie eine Maschine nicht nur desjenigen Arbeit ist, der sie macht, sondern die eigene Arbeit desjenigen, der erst denken musste, damit sie erfunden werden kann. Aber auf dem physischen Erdenplan wird eine elende Maschine zustande gebracht - aus dem ganzen Universum heraus wird dieses Haupt zustande gebracht, durch das wir die ganze Welt in uns tragen. Wir tragen wirklich da die ganze Welt in uns! Nicht nur die ganze Welt, sondern GötterSchaffen tragen wir in uns! Ach, könnten das die Menschen doch empfinden!
[ 36 ] Und wenn das, was geschildert worden ist zwischen Geburt und Tod, abgestreift worden ist im Durchlaufen vom Tode bis zur Geburt zurück in dreifacher Schnelligkeit, dann tritt es an den Menschen heran, dass schon die Vorbereitung zu einem nächsten Erdendasein angefangen wird, damit sein nächstes Erdendasein die Gestalt annehmen könne, die er braucht nach alledem, was er gestaltet hat in dem ätherischen Weltenbilde, was einverwoben ist in den Wirkungen, die er in die Welt hinausversetzt hat. Nach diesen Ursachen wird nun gewissermaßen gebaut.
[ 37 ] Sie können sich richtig vorstellen: Wenn wir diese Zeit erreicht haben, die geschildert worden ist, dann übernehmen nun die Arbeit an uns, in die wir uns hineinzugliedern haben, an der wir selber teilnehmen, aber unter der Anleitung der Geister der Hierarchien ... es übernehmen die Arbeit an uns diese Geister der höheren Hierarchien. Und so wahr, wie das, was mit uns geschieht, hier zusammengedrängt ist in unserer Haut, so wahr — ich möchte sagen - ist wie in einer Hohlkugel der ganzen Welt ausgegossen dasjenige, was jetzt gearbeitet wird in der ganzen Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Also mit Ausnahme der Zeit, die wir schon besprochen haben, wird überall - jetzt aber im Universum, nicht in der Mitte, nicht innerhalb unserer Haut, sondern im Umkreise - ausgestaltet. Das muss sein. Es muss irgendeine Schwingung da sein. Wenn Sie sich vorstellen würden (natürlich ist das bildlich gesprochen), statt dass Sie hier sind: Das Firmament als eine wirkliche Realität ... und Genien oder Wesenheiten der höheren Hierarchien ordneten an dem Firmament arbeitend, eine Windung zeichnend ... gerade diese Windung, die ausgearbeitet werden muss, damit sie genau so sei, dass sie unserem Karma entspricht, dem, was wir ausgelebt haben ... dann eine andere Windung, die vorgezeichnet werden müsste ... und wenn die Zeit verflossen ist, die wir zwischen dem Tod und einer neuen
[ 38 ] Geburt durchmachen, dann ist dem ganzen Weltenall ein Gebilde einverwoben, das durch Götterarbeit entstanden ist. Das ist da drinnen - das zieht sich dann zusammen, wird kleiner und kleiner und erscheint zuletzt, indem es sich vereinigt mit dem, was in der Mutter veranlagt wird.
[ 39 ] Zusammengezogen aus der ganzen Welt und mit dem vereinigt, was in der Mutter rein materiell geschieht, entsteht dasjenige, was man Inkarnation des Menschen nennt. Was da drinnen ist, diese Windungen des Gehirns, sie sind zusammengefaltet aus dem ganzen Weltenall.
[ 40 ] Solche Vorstellungen können sich wirklich umsetzen in tiefe, tiefe religiöse Empfindungen. Denn wie fühlt man seinen menschlichen Anteil an den Geheimnissen der Welt, wenn man also den Menschen anschauen kann!
[ 41 ] Wenn der Mensch nunmehr zwischen dem Tod und einer neuen Geburt bei dem angekommen ist, was im letzten Mysterienspiel die Mitternachtsstunde des Daseins genannt worden ist, also so in der Mitte ungefähr zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, wenn der Mensch da angekommen ist, dann ist bei normalem Verlaufe der fortgesetzten Arbeit, die geleistet wird in der geistigen Welt, damit der Mensch wieder erscheinen kann in der eben geschilderten Weise, auch die Zeit da, wo er schon wieder herunterwirkt auf die Erde. Da wirkt das, was in der geistigen Welt erzeugt wird, schon wieder auf die Erde herunter.
[ 42 ] Also nehmen wir den konkreten Fall «Goethe». Nicht wahr, vorher war er zu irgendeinem Zeitpunkte inkarniert. Da ist er nun hineingegangen in die geistige Welt, dann kommt die Zeit in der Mitte zwischen Tod und neuer Geburt: Da wirkt er bereits wieder hinunter - und da geschieht etwas, was gewisse Menschen, dic hier leben, in Beziehungen bringt. Beziehungen zwischen Menschen sind gewiss auf der einen Seite Zusammenhänge mit den karmischen Beziehungen der Menschen, aber sie sind noch von vielen anderen Verhältnissen abhängig. Also es geschehen Verbindungen zwischen vielen Menschen dadurch, dass ein Mensch wieder beginnt auf die Erde zu wirken lange Zeit schon, bevor er wieder kommt, also mitten drinnen in dem Zeitpunkt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Und diese Beziehungen setzen sich dann fort, immer weiter fort unter dem Einfluss der geistigen Welt, bis sich zuletzt aus diesen Beziehungen dasjenige ergibt, was als Verhältnis auftritt zwischen Vater und Mutter, durch die dann die betreffende Inkarnation der Seele geschieht. Also Goethe hat mitgewirkt in allen den Beziehungen, die sich in der Welt gebildet haben, sodass zuletzt Caspar Goethe und die Frau Rat Goethe zusammenkommen konnten, dass deren Eltern, deren Großeltern zusammenkommen konnten. Und da können wir Jahrhunderte zurückgehen in der Art und Weise, wie die Menschen zusammengeführt werden, bis zuletzt das sich ergibt, was den alten Caspar Goethe zu der Frau, die man die «Frau Aja» nennt, hinführt; dass sie zusammenkommen, darinnen wirkt schon mit die Individualität des Menschen Goethe. Der Mensch ist es selber, der durch die Generationen, die seinem Elternpaar vorangegangen sind, mitwirkt. Nicht die Vererbungsverhältnisse sind es, die den Menschen ähnlich machen seinen Vorfahren, sondern er ist es [selbst], der durch lange Zeiträume hindurch die Vererbung schon organisiert. Wenn Sie zum Beispiel von unserer jetzigen Zeit bis hinauf zu Karl dem Großen denken, so sind das ungefähr dreißig Generationen. Mehr brauchen Sie gar nicht sich zu denken: Bis zu Karl dem Großen sind nur dreißig Generationen. Wenn Sie sich dreißig Menschen hintereinander stehend vorstellen, gegenseitig nach rückwärts hin die Hände ergreifend, so könnten Sie sich denken, dass diese seit Karl dem Großen gelebt haben. Durch einen solchen Zeitraum wirkt schon hinunter auf die physische Erde dasjenige, was da oben im Geistigen ausgearbeitet wird.
[ 43 ] In der Regel ist gerade das Umgekehrte von dem richtig, was die physische Wissenschaft als Weltanschauung verbreitet. Während die physische Wissenschaft glaubt, dass die Vererbung uns unsere Eigenschaften gibt, bewirken wir vielmehr Jahrhunderte vor unserer Geburt durch unsere Eigenschaften, dass in unseren Vorfahren die betreffenden Verhältnisse hergestellt werden, innerhalb welcher wir uns dann verkörpern können. Das alles ist mit Arbeiten verbunden, die in der geistigen Welt vor sich gehen. Und daraus werden Sie jetzt ermessen können, dass man sich nicht vorzustellen braucht, der Mensch müsse hier in der physischen Welt, als im physischen Leib verkörpertes Wesen, hart arbeiten und könne sich dann zwischen dem Tod und einer neuen Geburt [auf] die faule Haut der Seligkeit legen - ja, Haut hat er nicht -, sich der Seligkeit übergeben, nicht wahr? Das ist durchaus nicht der Fall. Geschaffen wird zwischen dem Tod und einer neuen Geburt ebenso wie hier. Und das Schaffen, das hat nicht nur eine Bedeutung für die geistige Welt, sondern das fließt hinunter in dem, was hier geschieht, was man ebenso wenig sieht wie Wesen - die nicht Menschen sehen könnten, nur Uhren das sehen könnten, was täglich dadurch geschieht, dass Menschen auf der Erde entstehen, dass Menschen aufeinander folgen. Das alles ist organisiert, dahinter ist Organisation der geistigen Welt. Und das beruht auf Arbeit, auf ernster Arbeit der geistigen Welt. Das alles verbirgt sich selbstverständlich für die physische Betrachtung.
[ 44 ] Die ganze Weisheit nun, die notwendig ist, um einen Menschen zwischen Tod und neuer Geburt aufzubauen, die muss verwertet werden. Und die verwertet dann der Mensch in dem, was er zwischen Geburt und Tod unbewusst aufnimmt aus diesem Erspüren des Älterwerdens, in dem Erspüren, in dem Erfühlen des Älterwerdens, dem leisen Gefühl des Älterwerdens. Das, was er sich da erworben, nehmen die Götter in Empfang, und das gerade wird aus dem, was man da erlebt als Lebensmüdigkeit, dort durch sie in ihrer Weisheit sozusagen ersprießen zu fruchtbaren Kräften für eine neue Organisation, für eine neue Inkarnation. Man wird nicht umsonst in einer Inkarnation müde. Man braucht die Ermüdung, damit aus ihr heraussprießen können die Kräfte, die man entwickeln muss, um eine neue Inkarnation sich zu bilden.
[ 45 ] Man kann immer nur Einzelnes von diesen Dingen andeuten, aber aus diesen Andeutungen werden Sie sehen, wie vielgestaltig die Vorstellungen sein müssen, die wir zu gewinnen haben, wenn wir wirklich eine entsprechende Vorstellung über das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt gewinnen wollen, die so entsprechend ist, dass wir auch den Zusammenhang einsehen von dem Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt und zwischen der Geburt und dem Tode. Betrachten wir so, wie wir das heute wieder getan haben, das Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, so werden wir nicht so albern sein zu glauben, dass nicht in das Leben fortwährend die Kräfte hereinkommen, die wir erst zwischen dem Tode und einer neuen Geburt entwickeln. Die sind immerfort und fort da.
[ 46 ] Nun kann es noch wichtig sein, nachdem wir so mancherlei betrachtet haben in Bezug auf das Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, auf einiges andere aufmerksam zu machen: auf die Art und Weise, wie nach dem Tode derjenige angeschaut wird, der durch des Todes Pforte getreten ist. Er hat die Möglichkeit, Seelisches, Geistiges - seelisch-geistig wahrzunehmen. Nun muss man sich vorstellen, dass eben dieses Wahrnehmen ein geistiges Miterleben ist.
[ 47 ] Es ist das Wahrnehmen derjenigen Seelen, die vor uns durch des Todes Pforte in die geistige Welt hinaufgegangen sind, die wir dort antreffen, viel innerlicher, sagen wir, als wie wenn wir diese Seelen hier wahrnehmen, wo sie durch den Körper von uns getrennt sind. Trotzdem es viel innerlicher ist - aber eben weil es viel innerlicher ist — müssen die Vorstellungen, die wir uns von den Toten verschaffen, von denen also, die wir dort schon als Tote, die vor uns gestorben sind, antreffen - es müssen die Vorstellungen im Grunde genommen erst durch uns selber geschaffen werden. Also denken Sie: Jemand geht durch die Pforte des Todes, und jemand ist dort, den er hier im Leben gekannt hat: Er kommt in dessen Region. (Er kommt immer in dessen Region.) Er spürt: Da ist jemand. Er weiß auch aus einem unmittelbaren Gefühl heraus, wer das ist; aber er kann sich ihn nicht vorstellen, wenn er nicht gewissermaßen geistig abtastet dasjenige, wovon er nur weiß, dass es da ist. Sie können sich annähernd eine Vorstellung bilden von der Art und Weise, wie man selber arbeiten muss an der Vorstellung der Seelen, die man nach dem Tode also kennenlernt, wenn Sie sich denken: Wir würden hier im Finstern sein, und einer würde den anderen mit physischen Augen nicht sehen, sondern nur durch Tasten erkennen, da müssen wir uns die Vorstellung tätig selber schaffen. So müssen alle Vorstellungen von Seelen, die vor uns durch die Pforte des Todes gegangen sind, durch geistiges Abtasten erst gebildet werden. Also tätig sein — das stellt man sich in der Regel gar nicht richtig vor -, nicht so passiv dürfen wir uns hingeben den Eindrücken der geistigen Welt, wie wir uns den Eindrücken der physisch-sinnlichen Welt hingeben. Damit ich einen von Ihnen physisch-sinnlich sehe, braucht er nur zur Türe hereinzugehen: Da erscheint er meinem Auge - ich brauche nichts dazu zu tun. So ist es nach dem Tode nicht. Da weiß man darum, aber die Vorstellung muss man sich erst bilden. Dadurch bin ich tätig, dass ich aus meinem eigenen Bilden heraus die Vorstellung von der Seele haben muss.
[ 48 ] Dieses ist etwas anders für Seelen, die noch auf der Erde hier sind, und die der Tote sieht, von der geistigen Welt aus sieht als Seelen, die noch auf der Erde leben, die also noch nicht gestorben sind. Der Tote nimmt auch solche noch nicht gestorbenen Seelen wahr, diese aber so, dass er nicht sich die Vorstellungen selber zu bilden braucht, sondern dass diese Vorstellungen ihm als Imaginationen entgegentreten. Dadurch weiß man auch nach dem Tode zum Beispiel, ob man es zu tun hat mit einem Bewohner der gleichen Welt, der auch schon durch die Pforte des Todes gegangen ist. Den stellt man sich vor durch Tätigkeit; derjenige, der noch im physischen Leibe lebt, der tritt vor einen hin als Imagination, als Bild, als fertiges Bild. Das ist der bedeutsame Unterschied. Und alles dasjenige, was in einer solchen Seele lebt, namentlich wenn es verwandt ist mit der geistigen Welt, das kann auch von der anderen Welt wahrgenommen werden. Daher der Rat, nicht wahr, liebevolle Gedanken dem Toten zu schicken oder aber vorzulesen solche Dinge, die sich auf die geistige Welt beziehen. Vorlesen, das ist etwas wie eine geistige Nahrung für die Toten oder wie ein geistiger Atmungsprozess. Das machen sie mit, wenn wir unsere Gedanken zu ihnen hinlenken.
[ 49 ] Es gibt gewiss heute manche Leute, die glauben, sie seien idealistisch. Sie sind es nicht. Denn sie denken, trotzdem sie idealistisch sein wollen, ganz materialistisch. Da ist also einer der bedeutenden — sagen wir - Kriminal-Anthropologen der Gegenwart (ich habe ihn schon öfter erwähnt), Benedikt. Benedikt hat zuerst mit großer Sorgfalt in einem weiteren Umfange Verbrechergehirne untersucht. Und da zeigt sich immer ein eigentümliches Moment bei den Verbrechergehirnen. Diese Verbrechergehirne haben die Eigenschaft, dass der Hinterhauptslappen nicht ordentlich das Kleingehirn bedeckt, während beim normal entwickelten Menschen der Hinterhauptslappen das Kleingehirn ganz ordentlich zudeckt. Also nicht wahr, man kommt durch eine solche Untersuchung — und sie stimmt, sie ist ganz richtig —, man kommt durch eine solche Untersuchung dahin, die Menschen in zwei Klassen zu teilen: in solche, die ordentliche Hinterhauptslappen haben, welche das Kleingehirn zudecken, und die keine Verbrechen begehen; und in solche, die einen zu kleinen Hinterhauptslappen haben, einen verkümmerten, der das Kleingehirn nicht zudeckt, und die Verbrecher werden. Das ist richtig; das ist eine absolut richtige Beobachtung. Dieser kleinere, dieser verkümmerte Hinterhauptslappen, der ist ebenso beim Affen da. Also fällt der Verbrecher einfach in die Affennatur zurück - sagt nun der Materialist. Nun, so ist es.
[ 50 ] Ja, ich frage Sie, was kann einer dafür, wenn er so organisiert ist, dass er einen zu kleinen Hinterhauptslappen bekommen hat und dadurch zu einem Verbrecher wird? Heißt es nicht, wenn man sich zu einer Weltanschauung, die nur auf dieses schaut, bekennt, Strafjustiz einzuführen als eine bloße Lüge? Können Sie dann noch jemand bestrafen, wenn Sie sich sagen können: Der Mensch muss doch Verbrecher werden, wenn er einen zu kleinen Hinterhauptslappen hat!? Hat es irgendeinen vernünftigen Sinn, dann noch den Menschen zu bestrafen? Oder ist es nicht vielmehr einzig sinnvoll, sich zu sagen: Ja, wenn’s davon abhängt, dass einer ein Verbrecher wird, weil er einen zu kleinen Hinterhauptslappen hat, dann ist ein Verbrecher zu sein ebenso notwendig wie Regen und Sonnenschein; und wie man den Regen nicht bestraft oder das Meer - wenn man nicht gerade der Xerxes ist und es durchpeitschen lässt, nicht wahr, wenn es einem unangenehm wird —, so kann man nicht einen Verbrecher bestrafen. Die ganze Strafjustiz würde zu einer Lüge! Und doch ist es wahr, was der Professor Benedikt gesagt hat: Es ist doch so, dass alle Verbrechergehirne einen zu kurzen Hinterhauptslappen haben.
[ 51 ] Nun denken Sie sich, wenn Wahrheit darin ist, die auf Materialismus begründet ist, so könnte alles Bestrafen und alles Reden über moralische Verantwortlichkeit doch eigentlich abgeschafft werden! Es hätte ja nicht den geringsten Sinn, und es müsste abgeschafft werden, wenn in Wahrheit keine andere Weltanschauung eintreten müsste als diese. Ganz klar ist es, dass es abgeschafft werden müsste.
[ 52 ] Was müssen denn die Menschen wissen, damit es möglich ist, überhaupt noch von Moral zu sprechen? Das müssten die Menschen wissen, dass der Mensch auch einen Ätherleib hat, und dass, wenn man einen zu kleinen Hinterhauptslappen als physisches Gehirn hat, trotzdem das Äthergehirn, der Äther-Hinterhauptslappen, nicht nur auf normale, sondern sogar übermäßig normale Weise, über das Normale hinausgehende Weise ausgebildet werden kann; und dass der Mensch dasjenige, was er als inneres Seelenleben entwickelt, und was ihm entgeht, wenn er einen zu kleinen, einen verkümmerten Hinterhauptslappen hat, dadurch ausgleicht, dass der Ätherleib umso mächtiger ausgebildet ist, weil man gerade bei seiner Erziehung dafür gesorgt hat. Denn diese ordnen sich gegenseitig, die gleichen sich gegenseitig aus: physischer Hinterhauptslappen und ätherischer Hinterhauptslappen. Das heißt, eine Zeit muss kommen, wo sich die Menschen sagen werden: Das ist ganz wahr, dass der Verbrecher einen zu kleinen Hinterhauptslappen hat; aber wie die Folgen zu beheben sind, das wird sich zeigen, wenn man einmal lernt, die Menschen schon in ihrer Entwicklung so zu betrachten, wie es die Anleitung ergibt in dem einfachen Büchelchen «Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft». Wenn man den Menschen beobachtet, so wird man wissen: Da muss man diese und jene Erzichungsprinzipien anwenden, damit ausgeglichen wird dasjenige im Ätherleib, was im physischen Leibe fehlt. Das werden die Menschen wissen müssen in der Zukunft, richtig in der Zukunft wissen müssen! Man wird berücksichtigen müssen, dass der geistige Mensch vorhanden ist. Von der jetzigen Zeit an ist es die Aufgabe der Menschen, dies zu wissen und dies im Leben anzuwenden. Denn was würde sonst geschehen, wenn nirgends, nirgends in der Welt so erzogen würde, und man zu dem Menschen nicht sich so verhalten würde, wie es geschieht unter der Voraussetzung, dass ein ätherischer Mensch vorhanden ist? Ja, dann würde unter dem Einflusse derjenigen Gedanken, die bloß an dem physischen Leibe haften, die Menschheit dahin kommen, nur vom physischen Leib abhängig zu sein. Sie würde dahin kommen, nur vom physischen Leib abhängig zu sein! Würde die materialistische Weltanschauung siegen können, so würde vergessen werden der ätherische Leib, und er würde auch für die nächste Zeit nicht ausgebildet werden. - Der Mensch, der mit einem zu kurzen Hinterhauptslappen zur Welt kommt, zeigt, dass er von Natur aus auch einen zu kurzen Ätherlappen hat, denn das physische Gehirn ist so ausgebildet, weil der Ätherlappen auch zu kurz ist; aber durch die Erziehung kann man den Ätherlappen verlängern ... zwar nicht den physischen, wenigstens nur teilweise
[ 53 ] .. man muss ihn dann auf dem Umwege durch den Ätherlappen verlängern.
[ 54 ] Das, was als materialistische Weltanschauung heute sein kann, das kann menschliche Einrichtung sein nach der entsprechenden Zeitenlänge. Denn in dem Augenblicke, wo man das Geistige vergisst, wird das Physische dem Ahriman ausgeliefert: Der nimmt dann Besitz von dem ganzen Physischen. Man kann es ihm nur dadurch entreißen, dass man in der Art, wie man sich zum Menschen verhält, Rücksicht nimmt auf das Geistige. Wenn man das Geistige vergisst, dann arbeitet man im Sinne Ahrimans: Man überliefert gleichsam mit der materialistischen Weltanschauung die irdische Welt dem Ahriman. Die Menschen denken gar nicht nach, wie sie auf dem Wege sind, dem Teufel die Erde zu überliefern. Es ist ganz schrecklich, wie weit sie auf diesem Wege sind! Herzzerreißend können manche Erscheinungen wirken!
[ 55 ] Nicht wahr, aus einem tiefen Instinkte heraus hat solch ein Mensch wie Goethe seinen «Faust» geliefert, um den Menschen zu zeigen, dass der Teufel wirklich da ist, dass Mephisto da ist, dass er wirkt. Ein so gescheiter Mann wie Stendhal, der so viele schöne Werke geschrieben hat, er hat gegen den «Faust» eingewendet, dass es eigentlich albern wäre, die Faust-Fabel so zu erfinden ... verzeihen Sie, dass ich den Ausdruck nachreden muss, aber wie gesagt, ein sehr geistreicher Franzose wie Stendhal hat's gesagt - er hat gesagt: Na, solche Anstalten braucht man wahrhaftig nicht zu machen, wie der Goethe sie gemacht hat! Denn einem halbwegs normalen Menschen würde es doch auch ohne Zuhilfenahme des Teufels gelingen, eine Modistin zu verführen.
[ 56 ] Das ist die Kritik des «Faust» vonseiten des geistreichen Stendhal! Da steht es schon so, dass selbst bei diesem geistreichen Menschen gesagt werden muss:
Den Teufel spürt das Völkchen nie,
und wenn er sie beim Kragen hätte!
[ 57 ] Er sieht nur nicht den Teufel, wenn «ein halbwegs normaler Mensch», nach seiner Ansicht, «eine Modistin verführt»! Dass er da ist, immer da ist, das sieht er nur nicht. - Und so kann man sagen: Die Materialisten sehen nicht den Teufel, dem sie in die Hände arbeiten. Und sie sind dabei, im Grunde genommen heute eine materialistische Weltanschauung zu haben und in der Zukunft eine materialistisch gestaltete Menschheit herbeizuführen.
[ 58 ] Man möchte wirklich einmal sehen, was aus der Menschheit würde, wenn nur die materialistische Weltanschauung weiterwirken würde. Natürlich stellen sich die ganz gescheiten Menschen heute vor, dass in Jahrhunderten ... nun, so ein bissel weiterentwickelt die Menschenwelt und die Tierwelt sein werden! Aber selbst aus der Geologie heraus könnten sie entnehmen, dass dies nicht so ist: Denn die Säugetierfauna tritt innerhalb der Erdenentwicklung darin auf und erzählt uns von untergegangenen Arten ... Aber nun, nicht wahr, an solche Dinge denken ja die Menschen nicht! Es wird eine Zeit kommen, da wird eine ganz andere Tierwelt auf der Welt sein, mit welcher der Mensch nur etwas wird anfangen können, wenn er geistig in sich dasjenige entwickelt hat, was durch eine geistige Weltanschauung entwickelt werden kann. Dasjenige, was heute zum Beispiel als höhere Tierwelt da ist, das wird fast ganz ausgestorben sein. Es werden eigentümliche höhere Tiere sein. Ja, es wird dann zum Beispiel eine, dem Menschen sehr nahestehende Tierart geben, welche eine Art Lichtschein nach rückwärts verbreiten wird und vorne ein Organ haben wird, das gewissermaßen in Tönen das wiedergibt, was von der Welt beeinflusst wird. Aber der Mensch wird sich in dieser Tierwelt nur zurechtfinden können, wenn er sein Geistiges ausgebildet hat nach den Grundsätzen der Erkenntnis dieses Geistigen. Nur dann wird er sich in dieser Welt zurechtfinden; sonst wird er als ein aufrechtgehendes Tier, wahrscheinlich mit lauter zu kleinen Hinterhauptslappen auf der Erde herumwandeln müssen. - sehen Sie, man kann nun allerdings mit Bequemlichkeit sagen: Na ja, dass das nicht so werde und dass die Erde ihr Ziel erreiche, das überlassen wir schon einmal den Göttern! Wenn die Götter gescheit genug sind (kann man sagen), dann können ja die Menschen lange Materialisten werden - die Götter werden schon die Erde zu ihrem Ziel führen.
[ 59 ] Aber so haben die Götter eben die Erde nicht eingerichtet. Die Götter wollen die Menschen als freie Wesen haben. Und mittun müssen wir! Und es hängt schon von uns ab, ob wir jetzt Geisteswissenschaft einfügen in die geistige Entwicklung der Menschheit. Davon hängt es schon ab. Es muss in den Menschenherzen Platz greifen dasjenige, was die Impulse der geistigen Wissenschaft sind.
[ 60 ] Es ist so trostlos, wenn man sieht, wie kurzsichtig die Menschen sind! Ich habe zu unseren Hamburger Freunden vor einiger Zeit gesagt, wie man sogar äußerlich, an äußeren Dokumenten sehen könnte, dass die Menschen noch vor verhältnismäßig kurzer Zeit richtige Anschauungen von der geistigen Welt hatten, Anschauungen so, dass sie wussten: Da ist die geistige Welt dahinter. Es waren dazumal atavistische Anschauungen. Jetzt muss es sich bewusst entwickeln. Aber denken Sie, wie eindrucksvoll es ist, wenn eben so etwas erlebt werden kann wie das Folgende: Erinnern wir uns an das biblische Bild von der luziferischen Verführung des Menschen. Wenn heute ein Maler das malt, naturalistisch, futuristisch oder kubistisch, impressionistisch oder expressionistisch ... (irgendwie «istisch» muss ja auch heute gemalt werden, nicht wahr) ... aber jedenfalls malt er so, dass er die Schlange malt - als Verführergestalt an einem Baume malt. Damit meint er gerade recht realistisch zu sein. Aber stellen Sie sich mal vor, dass eine heutige Schlange eine Frau verführen könnte! Selbst die Eva wird doch eine heutige Schlange nicht verführen können! Es kann doch höchstens die heutige Schlange als reales Tier selber auch nur ein Bild dessen sein, was gemeint ist. Oder glauben Sie, dass der real denkt, der an der Vorstellung festhält: Die Schlange des Paradieses muss man sich vorstellen wie eine heutige Schlange... und das hinmalt? - Der denkt ebenso wenig realistisch, wie der Kritiker, nicht wahr, realistisch denkt, welcher der Anthroposophie oder Theosophie vorwirft, dass in ihr Phantasten, lauter Phantasten arbeiten. So gibt es eine Besprechung über mich selber (ich glaube, im «Hammer» ist das erschienen): Da ist eine lange Geschichte, wie all das phantastisch sei, was vorgetragen wird. Und dann wird eine solche Phantasterei verurteilt, und dann teilt der Betreffende einige Notizen über mich mit: Es ist die reinste Phantasie! Es ist alles nur aus der Phantasie heraus geschöpft! Über den Ort, wo ich geboren bin, wie ich geboren bin, von wem ich abstamme - alles purste Phantasie! Ja, so konsequent sind schon einmal die Menschen!
[ 61 ] Denn sehen Sie, wenn man den Luzifer malen will, muss man ja bedenken, dass der auf dem Mond gelebt hat und zurückgeblieben ist mit seiner Mondenentwicklung - man muss also so darstellen, dass man ihn gar nicht als äußeres Wesen sehen kann. Er kann gar nicht einem äußeren Erdenwesen absolut ähnlich sein — nur entfernt, nicht absolut. Was ist denn dieser Luzifer? Und da kommt man darauf, sobald man weiß, dass des Menschen Organisation eigentlich aus zwei Gliedern besteht. Da haben wir unseren Kopf mit dem darangesetzten Rückgrat, dann ist - Sie können das am Skelett anschauen - dem eigentlich alles andere angehängt. Was wir vom Mond mitbringen, ist unser Kopf. Alles andere, auf der Erde erst Gebildete ist eigentlich so in uns veranlagt, dass man das alles auch - aber jetzt innerlich - sehen kann; auf dem Mond war es noch ätherisch, noch nicht physisch gestaltet. Würde man Luzifer auf dem Monde malen wollen, so müsste man einen menschlichen Kopf malen und daran - so wie es bei uns jetzt als Rückenmark der Fall ist - einen Schlangenleib.
[ 62 ] Nun gibt es - in Hamburg habe ich das gesehen - ein Bild von Meister Bertram, der im dreizehnten oder vierzehnten Jahrhundert den Sündenfall so malte: den Luzifer mit einem menschlichen Kopf, angehängt daran schlangenförmig das Rückenmark. Also im dreizehnten oder vierzehnten Jahrhundert gibt es einen Maler, der das richtig malt. Und den Menschen heute fällt es eben gar nicht ein: Also müssen das die Menschen im dreizehnten, vierzehnten Jahrhundert in einer alten Form des Hellsehens gewusst haben ..., sondern diese Menschen von heute behaupten: Alles gehe so sukzessive in der Entwicklung vor sich. Obwohl einen jede Blume lehren könnte, dass es nicht sukzessive vor sich geht, denn die grünen Blätter gehen in einem Sprung über in die farbigen Blütenblätter! Sukzessive Entwicklung - ohne Sprünge -, das ist der dümmste Ausspruch, den man tun kann, denn die Natur macht lauter Sprünge, fortwährend macht sie Sprünge. Aber die Menschen denken sich, nicht wahr: Das alles ist Kinderei, das alles ist erfunden, es ist ausgedacht! - Das ist nicht ausgedacht, das ist nicht erfunden, sondern im dreizehnten, vierzehnten Jahrhundert, wir können es sehen, haben die Menschen atavistisch noch hineingeschaut in die geistige Welt, und man kann es äußerlich, dokumentarisch beweisen. Es könnten viele solche Dinge angeführt werden.
[ 63 ] Die Jahrhunderte, die wir jetzt durchlebt haben, die waren dazu da, dass der Mensch sich der geistigen Welt entfremdete, und er muss wiederum sich jetzt in die geistige Welt hineinstellen. Das muss durch Geisteswissenschaft geschehen. Das ist sehr notwendig, dass wir ernst, sehr ernst nehmen dasjenige, was wir als geisteswissenschaftliche Aufgabe erkennen: wie gesagt, die Pflege des geistigen Wissens, damit dieses geistige Wissen in alle Lebenspraxis eingreifen könne, wirklich eingreifen könne. Und dazu wird ja eine besondere Hilfe erwachsen. Die Menschheit steht in einem furchtbaren Ereignis in der Gegenwart. Ach, wenn doch die Menschen ein wenig, ein wenig heute denken würden! Aber für das Denken sind eigentlich die Menschen heute nach ihrer eigenen Meinung zu gescheit! Den Vortrag, den ich gestern hier öffentlich gehalten habe, ich hielt ihn vor Kurzem auch in Leipzig. Da traten zwei Herren nach diesem Vortrag an mich heran, Pazifisten, die gar keine unbedeutende Stellung in Leipzig haben - Pazifisten. Sie sprachen ihre Verwunderung darüber aus, dass man bei diesen heutigen Ereignissen auch vonseiten der Geisteswissenschaft, die doch dem Pazifismus viel näherstehen müsste als irgendeine andere Weltanschauung, auch dasjenige hervorheben könnte, was gerade die Bedeutung eines Volkes ist. Das Nationale, sagten sie, das — hätten sie gemeint —, läge fern gerade solch einer Weltanschauung wie der Geisteswissenschaft.
[ 64 ] Natürlich kann man nicht verlangen, dass die Leute darauf eingehen, einzusehen, wie im Grunde seit dem Bestehen dieses abstrakten Pazifismus die größten Kriege in der Weltgeschichte stattgefunden haben, die zuletzt bis zum heutigen geführt haben! Man kann nicht einmal von den Leuten verlangen, einzusehen, dass sie, nicht wahr, jenen merkwürdigen Menschen nachahmen, der da im Osten ein großes Reich beherrscht, es in einen verheerenden Krieg verwickelt hat, gleichzeitig den Pazifismus offiziell in die Welt gesetzt hatte und gleichzeitig, nicht wahr, den furchtbarsten Krieg mitorganisiert hat, der jetzt die Menschheit zerfleischt! Aber die Menschen leben in ihren Meinungen drinnen und gehen stierhaft durch die Welt, nicht links und nicht rechts sehen wollend.
[ 65 ] Der eine dieser Herren hat nachher gesagt, nachdem ich ihm geantwortet habe: Ja, aber ist es nicht ein Ad-absurdum-Führen desjenigen, was die Menschen aus den bisherigen Weltanschauungen empfunden und gedacht haben, wenn die Menschheit heute die Menschen zerfleischend übereinander herfällt? Ist das nicht ein Ad-absurdumFühren? Beweist das nicht, dass ein ganz Neues eintreten müsse in die Welt, wenn es nicht zu solchen Absurditäten kommen soll?
[ 66 ] Nun, das ist eben eine Krankheit, die geheilt werden muss! -, sagte der betreffende Herr. Es hilft auch nichts, wenn man zu einem solchen Herrn das sagt, was ich ihm sagen musste ..., denn gewiss, es ist das Allerschlimmste, wenn man halbrichtige, viertelrichtige Vorstellungen hat: Ja, aber stellen Sie sich doch vor, was eine Krankheit ist! Eine Krankheit ist nicht deshalb da, weil sie den Menschen befallen muss, sondern weil vorher etwas nicht in Ordnung war. So ist der Krieg nicht um des Krieges willen von der geistigen Welt der Menschheit geschickt, sondern weil das, was vorher war, nicht in Ordnung war. Nicht der Krieg ist dasjenige, was abnorm ist: gerade wie die Krankheit dazu da ist - es ist ja der Krankheitsprozess dazu da - um etwas, was im Organismus nicht in Ordnung ist, auszugleichen, so ist es auch der Krieg.
[ 67 ] Wenn die Leute nur verstehen würden, was sie selber sagen, dann wäre schon etwas damit gewonnen! Für die physische Welt geben die Menschen die Erhaltung der Kräfte zu; da reden sie davon, dass keine Kraft verloren geht. Wenn das ausgedehnt werden soll auf die geistige Welt ... Ja, dann geht natürlich auch das Denken nicht verloren, aber es wird dem Ahriman überliefert. Doch was reden heute die Menschen nicht alles! Es ist ja auch innerhalb Deutschlands eine Philosophie entstanden, die sogenannte Philosophie des «Als ob», nachgebildet dem, was ich gestern angeführt habe als englischen Pragmatismus. Die Philosophie des «Als ob» ... was bedeutet diese Philosophie des «Als ob?» Ein gewisser Vaihinger hat die Philosophie des «Als ob» so begründet: Es soll der Mensch nicht eine Seele haben, sondern man soll das, was sich am Menschen äußert, so betrachten, als ob er eine Seele hat ... weil es, nicht wahr, bequem ist, das unter einem gewissen nützlichen Begriff zu betrachten. Das Atom hat auch kein Mensch gesehen, aber der Atomismus gilt. Man soll die Welt so betrachten, als ob Atome in ihr wären. Die Philosophie des «Als ob»! Die Menschen haben gar keinen Begriff, sehen Sie, dass — wenn man etwas «als ob» betrachtet und es real betrachtet - man das nicht kann: etwas «als ob» betrachten, wenn’s nicht real da ist! So zum Beispiel betrachten heute die Menschen - ja, die Menschen, die ungefähr so geartet sind, na, sagen wir, wie jene, die das «Berliner Tageblatt» lesen -, sie betrachten heute Fritz Mauthner als einen großen Philosophen, größer als Kant, der den Kant noch «überkanter» hat und die «Kritik der Sprache» geschrieben hat. Fritz Mauthner betrachten sie als einen großen Philosophen! Ich will jetzt nicht über Fritz Mauthner reden, aber ich will nur erwähnen: Diese Philosophie, die in drei dicken Bänden als Kritik der Sprache enthalten ist, die eigentlich nichts anderes ist als das ausgewalzteste Philosophen-Blech (auch in einem dicken Wörterbuch ist es enthalten), die könnte einen doch veranlassen, zum Beispiel Fritz Mauthner so zu betrachten, als ob er einen Funken philosophischen Geistes hätte! Aber man kriegt nichts dabei heraus. Wenn man nur sagen könnte, man betrachte Fritz Mauthner, als ob er philosophischen Geist hätte! Wenn er ihn nur wirklich hätte! So aber kommt man zu nichts. Die Als-ob-Philosophie hilft einem nichts, wenn die Dinge nicht das enthalten, was das «Als ob» einschließt! - Ja, es ist eben so, dass man viel tiefer im Materialismus drinnen lebt, als man denkt, und dass schon gerade das mitteleuropäische Denken angefacht werden muss an den Stellen, wo das Deutschtum vor allen Dingen sich bewusst werden muss, was es in seiner Volkssubstanz eigentlich enthält!
[ 68 ] Man möchte, dass solche Dinge Eindruck machen könnten! Denn sie sind an sich geeignet, Eindruck zu machen, wie die Dinge, die ich in Bezug auf Karl Christian Planck vorgelesen habe. Was müssten wir denn eigentlich für eine Konsequenz ziehen aus dem, was ich gestern öffentlich vorgelesen habe über den Karl Christian Planck? 1880 ist er gestorben. In seinem «Testament eines Deutschen», das gedruckt den Menschen vorliegt, steht der Satz darinnen, der vor 1880 niedergeschrieben ist, der sich genau deckt mit dem, was jetzt in diesem Kriege geschieht! Nicht einmal darüber hat sich der Mann getäuscht, dass Italien an der Seite der Entente stehen könnte! Aber er war ein «unpraktischer Idealist». Die «praktischen» Leute, die sich bis zum letzten Augenblick - ja, viele bis zum letzten Augenblick getäuscht haben über die Stellung Italiens, das sind die praktischen Menschen von heute. Der unpraktische Philosoph, der darf ja nicht urteilen über die physische Welt! Aber es müsste eigentlich den Leuten eingehen, was es heißt, dass derjenige, der aus den Gesetzen der Welt heraus urteilt, das niederschrieb vor dem Jahre 1880, was sich genau mit den jetzigen Ereignissen deckt.
[ 69 ] Die Menschheit hat in vieler Beziehung verloren die Achtung und den Respekt vor der Beschäftigung mit der geistigen Welt. Das wird die große Aufgabe des deutschen Volkes in der Zukunft sein: Aus dem, was die großen Geister (und wir haben gesehen, was es alles für große Geister gegeben hat, die vergessen worden sind) geleistet haben, sich selber zu erziehen, damit man wieder weiter erziehen kann in der Verbreitung der Achtung, des Respekts vor der geistigen Welt. Dann nur wird kommen, was uns entgegentreten kann als ein großer, bedeutsamer Vorgang. Geistige Kräfte können ebenso wenig verloren gehen wie physische Kräfte. Der Mensch hat seinen Ätherleib, er hat Kräfte in seinem Ätherleibe, die für Jahrzehnte sicher in Bezug auf seinen physischen Leib reichen würden. Nehmen wir an, er findet den Opfertod, wie es jetzt bald eine Million, nur auf deutscher Seite gerechnet, vielleicht finden wird ... Nehmen wir an, er findet den Opfertod in jungen Jahren. Die Kräfte seines Ätherleibes hätten noch die ganzen Jahrzehnte hindurch in seinem physischen Leibe arbeiten können: Die gehen nicht verloren, die bleiben vorhanden. Er verwebt ja nur dasjenige der geistigen Welt ein, was bis zu seinem Tode in ihm gedankenmäßig erarbeitet ist; das andere bleibt in der geistigen Welt vorhanden. Es werden in der geistigen Welt die unverbrauchten Ätherleiber Tausender und Abertausender von Menschen sein. Wissen werden die Menschen müssen: Die schweben oben in der geistigen Welt. Entscheiden wird es sich, ob hier auf der Erde Seelen sein werden, die wissen werden, wie man in der geistigen Erkenntnis, in der spirituellen Erkenntnis, in der Menschenkultur, der Menschenerkenntnis fortschreiten kann, indem man das Bewusstsein hat: Da schweben die unverbrauchten Ätherleiber. Und man braucht nur gleichsam sich hinzugeben dem Gefühle, so werden sie einem in die Worte hereininspirieren die nötige Kraft. Oh, es könnte wirklich eine große Hilfe von der geistigen Welt aus sein, dieses Bewusstsein von den unverbrauchten Ätherleibern, die da sein werden und in den Seelen der Menschen mitarbeiten werden zur Spiritualisierung der Menschheit!
[ 70 ] Aber wenn die Menschen Materialisten sein wollen, und hier auf der Erde keine Seelen sein werden, die von dem Dasein dieser in der geistigen Welt weilenden Seelen wissen werden, dass sie dort wirken und von dort herabwirken, dann könnten alle diese Opfertode umsonst gebracht sein ... Und all das, was da an Ätherleibern droben ist, könnte der Menschheit geraubt werden durch die luziferischen und ahrimanischen Gewalten. Es ist eben in des Menschen Freiheit gesetzt seine Teilnahme an der geistigen Welt. Oh, könnte man entzünden in möglichst vielen Seelen das Feuer, welches erleuchtet das Verständnis für diesen Zusammenhang, den der Mensch von jetzt ab begründen muss mit der geistigen Welt, weil bewusst die Menschheit vorwärtsgeführt werden muss! Könnte man entzünden das Feuer, welches Verständnis liefert dafür, dass eine Mahnung und eine Prüfung diese schweren Ereignisse in der Gegenwart sind, damit die Menschen nachdenken über dasjenige, wozu es führen wird, immer mehr und mehr führen wird, wenn der Materialismus vorwärtsgehen würde! Könnte man so recht Verständnis dafür erwecken, dass möglichst viele unter uns gerade in dieser rechten Treue an der Geisteswissenschaft halten, indem sie ihre Seelen durchdringen mit der Notwendigkeit eines solchen Treue-Haltens zur Geisteswissenschaft im Sinne der Forterziehung der Menschheit für den charakterisierten Zusammenhang, könnte man ein Verständnis dafür erwecken, dass hier auf der Erde Seelen sein müssen in der Zukunft, möglichst viele Seelen, die sich bewusst werden des neuen Zusammenhanges mit der geistigen Welt! Könnte man ein Bewusstsein davon erwecken, wie wahr es ist, was in den Worten liegt, mit denen wir auch heute wieder abschließen wollen:
Aus dem Mut der Kämpfer,
us dem Blut der Schlachten,
Aus dem Leid Verlassener,
Aus des Volkes Opfertaten
Wird erwachsen Geistesfrucht,
Lenken Seelen geistbewusst
Ihren Sinn ins Geisterreich!
