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The Rudolf Steiner Archive

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Nachträge zur Abteilung Mitgliedervorträge
GA 246

4 March 1922, Leipzig

78. Abstrakte Gedanken, lebendiger Wille

Meine lieben Freunde!

[ 1 ] Es ist mir nach langer Zeit einmal wieder möglich, zu Ihnen zu reden. Ich möchte heute einiges sagen, was den gestrigen öffentlichen Vortrag öffentlich ergänzen kann. Man muss versuchen, den Menschen zu erkennen, wie er jetzt ist. Wenn ein Mensch hier in der physischen Welt stirbt, dann bleibt sein Leib als Leichnam zurück. Er wird von Seele und Geist verlassen, der Erde übergeben. Der tote Mensch ist ja eigentlich nicht mehr Mensch, sondern nur ein Abbild des Menschen. Was auf der Erde der Tod ist, ist eine Geburt in der geistigen Welt. Wenn hingegen die menschliche Seele nach der Empfängnis sich einen Leib baut, so bedeutet das ein Sterben für die geistige Welt. Die Seele stirbt für die geistige Welt. Wo bleibt aber nun dieser seelische Leichnam? Er bleibt nicht in der geistigen Welt, sondern er wird begraben in dem menschlichen Leib, in das Gehirn. Und was ist nun dieser Seelenleichnam? Es sind die abstrakten Gedanken des Menschen. Die Gedanken des Menschen sind nicht lebendig, sie sind tot.

[ 2 ] Das war früher nicht so. Da nahm die menschliche Seele noch etwas Lebenskraft der Gedanken mit herüber in die physische Welt. Daher kam dann die Möglichkeit des Schauens der geistigen Welten. Das ist erst anders seit dem ersten Drittel des fünfzehnten Jahrhunderts. Es ist nötig, dass die Menschheit erkennen lernt, dass sie in ihren abstrakten Gedanken den Leichnam der Seele mit sich herumträgt. Durch Anthroposophie sollen die Gedanken wieder lebendig gemacht werden.

[ 3 ] Das ist manchem Menschen unangenehm. Wenn so jemand in einen Vortrag kommt, der recht auf seine Sache sein Denken eingefuchst hat, der nur abstrakte Gedanken verfolgt, der merkt plötzlich, dass seine Gedanken anfangen zu zappeln und zu krabbeln. Vorher waren sie so ruhig wie eine Leiche, die seziert wird. Jetzt fangen sie aber an, lebendig zu werden. Und das wird dem Menschen unbequem. Vor diesem Leben haben sie unbewusste Angst. Daher kommt die Nervosität, die Ängstlichkeit vieler Menschen. Sie merken unbewusst, dass sie in ihrem Denken einen Leichnam haben, und das macht sie ängstlich. Und diese Ängstlichkeit wird noch immer zunehmen, wenn man immer weiter sich nach der Gescheitheit hin entwickelt. Sehen Sie, an einem kleinen Kind kann man so recht erleben, dass es nur einen Leichnam mit herunterbringt aus der geistigen Welt. Wenn Sie ein Kind beobachten, dann werden Sie sehen, dass es fast keine Gedanken lebendig hat. Es muss erst nach und nach durch seinen Willen Gedanken erwecken, Gedanken in seine Hand bekommen.

[ 4 ] Ganz anders ist es mit dem Willen. Das Kind hat sehr viel Willen. Es schreit, bewegt sich, strampelt. Der Wille ist aber das, was unbewusst verläuft. Ich sehe nur die Auswirkungen des Willens, nicht aber den Willen selbst. Wenn ich mit dem Willen eine Bewegung mache, ändert sich meine Umgebung. Ich komme in ein anderes Verhältnis zu ihr. Um den Willen zu erkennen, muss ich aus mir selbst hinaus in die Welt.

[ 5 ] Der Wille ist nur als ein Keim, als ein Embryo in uns veranlagt. Er weist hinaus über die Pforte des Todes auf ein Leben nach dem Tode.

[ 6 ] Gewöhnlich nun erlebt man seinen Körper als einen - verzeihen Sie den harten, Ausdruck - als einen Klumpen. Es wird aber immer mehr dahin kommen, dass der Mensch seine Organe einzeln fühlt, dass er ein Organbewusstsein bekommt. In unbewussten Tiefen hat der Mensch nun dieses Organbewusstsein. Das spielt dann manchmal herauf ins Bewusstsein, macht den Menschen unruhig. Er wird zornwütig. Auf dieses unbewusste Wissen der einzelnen Organe sind viele Krankheiten der Jetztzeit zurückzuführen. Dieses Nichtwissen hat auch zur Wirkung, dass der Mensch sich nach dem Tode wie zerrissen fühlt. Er hat nicht die Möglichkeit, das zu vereinen, was ihm die einzelnen Organe mitgaben. Es kann einem das Herz brechen, wenn man das Eintreten solcher Seelen in die geistige Welt schaut. Nur eine wahre Erkenntnis des Wesens Christi kann dabei helfen. Man muss den Christus-Impuls in sich hineinfließen lassen. Man muss erkennen, dass Christus den Tod besiegt hat.

[ 7 ] Man darf nicht nur in Betracht ziehen das «Ex deo nascimur», sondern auch das «In Christo morimur». Die Theologie schaut nur hin auf ein Leben nach dem Tode. Es interessiert sie nicht, ein Leben vor der Geburt kennenzulernen. Sie sind da, und das ist die Hauptsache. Und nun interessiert sie nur, was aus dem Menschen nach dem Tode wird. Sie glauben an ein ewiges Leben aus Egoismus; sie können Predigt über Predigt hören, immer wendet man sich an den Egoismus des Menschen. Man muss in Betracht ziehen das «Ex deo nascimur/ In Christo morimur/ Per spiritum sanctum reviviscimus». Das will Anthroposophie. Das war es, meine lieben Freunde, was ich Ihnen heute ergänzend noch sagen wollte.

[ 8 ] (Einiges, das außerhalb des Zusammenhanges ist.)

[ 9 ] Wenn der Mensch schläft, lösen sich das Ich und der Astralleib heraus. Dabei können wir merken, dass das Ich ein Fragegeist ist. Es stellt dauernd Fragen an den physischen und Ätherleib. Wenn wir nun das Ich und den Astralleib beim Wachen wieder in uns haben, dann stellt es seine Fragen durch uns. Das ist in alten Zeiten noch gewusst worden. Es ist in vielen Mythen verewigt.

[ 10 ] Wenn man den Moment des Aufwachens geistig schaut, nimmt man wahr, dass das Ich und der Astralleib das Bedürfnis haben, in den physischen Leib und Ätherleib zurückzukehren. Wenn man aber durch Pochen geweckt wird, ist das anders. Das Pochen wirkt ja zunächst auf den physischen Leib. Diese Wirkung spüren der Astralleib und das Ich. Das Ich bekommt gewissermaßen Angst, dass seinem physischen Leib etwas zustoßen kann. Deshalb kehrt es zurück und der Mensch erwacht.

[ 11 ] Große Persönlichkeiten der Menschheit haben die Entwicklung der Menschheit erkannt. Nehmen wir Goethes «Faust». Goethe versetzt ihn in die Zeit, wo das abstrakte Denken seinen Ausgangspunkt nimmt. Faust selbst fühlt sich unbefriedigt von diesen abstrakten Wissenschaften. Obwohl er als Professor zehn Jahre seine Schüler an der Nase herumgeführt hat, schnt er sich nach dem alten Schauen. Er hat sich deshalb der Magie ergeben.

[ 12 ] Man kann ungefähr ausrechnen, dass der Faust Professor gewesen sein konnte an der Universität Wittenberg. Und wenn man nun nach einem Schüler von Faust sucht, so findet man den vom Schreiber der Shakespear’sehen Dramen geschilderten Hamlet wieder. Hamlet hat ja in Wittenberg studiert. Hamlet hat ja nun fast ganz das abstrakte Denken angenommen. Es ist so weit gekommen, dass er das Gehirn als ein Buch ansieht. Er ist einer derer, der noch mit dem Täfelchen in der Hand dasteht und alles aufschreibt, denn:

Was man schwarz auf weiß besitzt, kann man getrost nach Hause tragen.

[ 13 ] Es erscheint ihm der Geist des Vaters, der Geist des alten Schauens, der alten Wissenschaft.