Nachträge zur Abteilung Mitgliedervorträge
GA 246
4 Juni 1923, Dornach
82. Worte Anlässlich der Trauung von Ilona Bögel mit Joseph Polzer-Hoditz
Meine lieben Festgenossen und insbesondere Ihr, liebe Freunde, die Ihr in diesem Augenblicke eure Lebensgemeinschaft beschlossen habt, zu euch seien aus dem Kreise des anthroposophischen Denkens und der anthroposophischen Gemeinschaft die Worte gesprochen. Nachdem eurer Lebensgemeinschaft von dem hierzu befugten Priester der Segen erteilt worden ist gerade zu eurer Gemeinschaft, darf aus der Mitte der anthroposophischen Gemeinschaft heraus gesprochen werden. Denn in ganz bedeutsamer Weise ist gerade eure Gemeinschaft erwachsen auf dem Boden des anthroposophischen Lebens. Und in einem so wichtigen Lebensaugenblicke geziemt es sich wohl, mit einigen Worten Selbstbesinnung, Selbstbesinnung des Kreises, der an dieser Festlichkeit beteiligt ist, zu üben.
[ 1 ] In diesem Augenblicke darf ich ganz besonders gedenken eines bedeutsamen Ereignisses, das im Laufe meines anthroposophischen Wirkens sich vor mich hingestellt hat. Als ich mit anthroposophischen Vorträgen in Wien zu wirken begann, war stets unter denjenigen Persönlichkeiten, die mir aus dem Zuhörerkreise ganz besonders herzlich auffielen, der liebe Großvater desjenigen, der heute diese Lebensgemeinschaft beschlossen hat. Und ich muss gestehen, dass die besonders liebe, wohlwollende Art, die außerordentlich vornehme Haltung jener Persönlichkeit vor vielen Jahren, in denen Ihr beide noch ganz kleine Kinder ward, einen außerordentlich tiefen Eindruck gemacht hat.
[ 2 ] Ich fand, mit dem ganzen Geistesleben, dem meine Seele zugetan ist, war der alte Baron Polzer, euer Großvater, in tief innerster Seele verbunden, und die Worte, die ich zuweilen nach dem Vortrage mit ihm sprechen durfte, zeugten von seiner tiefen Verwachsenheit mit derjenigen Sache, auf deren Boden Ihr euch auch gestellt habt.
[ 3 ] Es gehört dasjenige, was ich gerade mit jenem alten Herrn, der nun bereits im geistigen Leben seit längerer Zeit weilt, erlebt habe, zu den schönsten Erinnerungen während des anthroposophischen Lebens für mich. Ich habe dies ja oftmals eurem Vater und eurer Mutter, die heute mit euch hier zu eurer Festlichkeit vereinigt sind, aussprechen können, möchte es heute bei dieser feierlichen Gelegenheit ganz besonders bekräftigen, weil ich der Anschauung bin, der Gewissheit bin, mit welch inniger Liebe und welch innigem Wohlwollen heute gerade die Seele des alten, alten Herrn herunterschaut auf den festlichen Akt, den wir begangen haben.
[ 4 ] Nach einiger Zeit fanden sich dann die Eltern Joseph Polzers ein innerhalb der anthroposophischen Bewegung, und sie brachten mir nun auch schon vor ziemlich langer Zeit- in Wien ihre beiden Söhne. Ich muss auch dieses Momentes gedenken, und von diesem Momente aus dann meine Blicke richten auf die Art und Weise, wie die Söhne immer mehr und mehr hereingewachsen sind in diese anthroposophische Richtung. Ich muss der schönen, treuen, hingebungsvollen Gesinnung der Eltern Joseph Polzers heute gedenken, die immer ja wie eine Perle innerhalb der anthroposophischen Bewegung gestrahlt hat; gestrahlt hat durch die treue, hingebungsvolle und durch die verständnisvolle Auffassung der anthroposophischen Sache.
[ 5 ] Ich muss aber insbesondere gedenken, auf eine welch schicksalsgemäße Art das Brautpaar von heute in die anthroposophische Bewegung hereingewachsen ist. Ich muss zum Beispiel gedenken der Gespräche, die ich mit den Eltern Joseph Polzers zu führen hatte in der Zeit, als er von der Mittelschule abging. Und es ist zweifellos ein bedeutsames Wort, das dazumal von Joseph Polzers Vater gesprochen worden ist, und das ich zusammenfassen möchte dahin, dass es bedeutete, wie er sich viel mehr verspreche, wenn seine Söhne all dasjenige lernen können, was hier zu lernen ist während des Aufbaues des Goetheanums, als alles dasjenige, was sie an einer anderen höheren Schule heute zu lernen in der Lage sind. Und es darf ja hier gesagt werden, dass die hingebungsvolle Treue, mit der die Söhne des Grafen Polzer hier gearbeitet haben, vollauf bestätigten dasjenige, was er in jenem Gespräche vorausgesagt hat. Und so ist es schon wie eine tiefe schicksalsgemäße Hineinwachsung, was sich hier vonseiten der Familie Polzer vollzogen hat.
[ 6 ] Auf der anderen Seite hat, nachdem sie zuerst in unseren Kreis getreten ist in Stuttgart, zuhörend den anthroposophischen Vorträgen, Ilona Bögel sich in inniger Weise außer in das Anthroposophische auch in das Künstlerische unserer Bewegung hineingefunden. Und da sich ja dasjenige, was sich künstlerisch abspielt, in einer etwas sichtbareren Art vollzieht, so konnten ja auch viele sehen, in welch treuer, hingebungsvoller, künstlerisch verständiger Weise Ilona Bögel in unsere Bewegung hineingewachsen ist. Es darf ja das nun in die Worte zusammengefasst werden: Sie ist ja zuletzt zu einem Liebling geworden derjenigen, mit denen sie auf dem Boden der künstlerischen Eurythmie zusammenwirkte, zu einem Liebling einer außerordentlich großen Zuschauermenge auf anthroposophischem Boden geworden.
[ 7 ] All das muss heute verbunden werden mit demjenigen, was ja-ich möchte sagen - in so leuchtender Klarheit aus anthroposophischer Anschauung in des Menschen Herzen, in des Menschen Seele und auch in des Menschen Geist sich hereinschreibt. Ihr habt euch gefunden auf anthroposophischem Boden. Wir wissen, wie dasjenige, was sich auf Erden abspielt, die letzte Vollziehung desjenigen ist, was lange vorbereitet ist aus vorirdischem Dasein.
[ 8 ] Diejenigen, die sich zu irgendeiner Lebensgemeinschaft finden auf Erden, sie haben diesen Schritt vorbereitet seit langer Zeit. Und es ist ja auch innerhalb unserer anthroposophischen Auseinandersetzungen besonders in der letzten Zeit so oftmals betont worden, wie schon der erste Schritt, den der Mensch im Leben macht, hintendiert nach derjenigen Richtung, die später zu einem entscheidenden, bedeutungsvollen Schicksalsereignisse innerhalb des Erdenlebens wird.
[ 9 ] Und indem dieses Schicksalsgemäße in seiner ganzen gigantischen Größe in diesem Augenblick vor meiner Seele steht, muss ich es verbinden mit den äußeren Ereignissen, die sich vollzogen haben. Ich schaue hin auf den Kreis jener Familie Polzer, aus der mir immer die wunderbare Seele des alten Herrn, die aus den Augen so wunderbar strahlte, entgegenleuchtet. Ich schaue hin auf diesen Kreis. Ich schaue hin auf das wirklich in so hohem Maße gerade bei diesem alten Herrn in vornehmer Weise sich darstellende, in vornehmer Weise sich offenbarende Altösterreichertum, das dann in der Familie Polzer in einer so schönen Weise weitergelebt hat, in das die Söhne in einer so treuen Weise hineingewachsen sind. Ich schaue hin auf diesen ganzen Kreis — ich möchte sagen - in seiner österreichischen Abgeschlossenheit. Und ich schaue hin auf den anderen Kreis, aus dem Ilona Bögel herausgewachsen ist, schon räumlich entfernt von jenem österreichischen Kreise. Einen weiten Zwischenraum sehe ich zwischen diesen beiden Kreisen. Und vom rein irdischen Standpunkte aus darf wohl die Frage aufgeworfen werden, denn sie ist berechtigt: Wenn es keine anthroposophische Bewegung gegeben hätte, scheint es nach Erdenermessen wahrscheinlich, dass diese beiden Persönlichkeiten im Leben sich gefunden hätten?
[ 10 ] Euer aller Herz wird so sprechen, dass eben gesagt werden muss: Hätte es keine anthroposophische Bewegung gegeben, es könnte die Erdenorientierung nicht gefunden werden, durch die diese beiden Persönlichkeiten zu einer Lebensgemeinschaft gekommen wären. Sie haben sich gesucht, gesucht gewiss, bevor beide Anthroposophen geworden sind. Aber sie haben sich gefunden, indem sie beide zuerst ihre Wege durch die anthroposophische Bewegung gegangen sind. Und so darf wohl gerade aus dem Kreis der anthroposophischen Bewegung heraus heute das Wort gesprochen werden: Ihr habt eure Lebenswege innerhalb der anthroposophischen Bewegung gesucht, gesucht den Punkt, wo sie zusammentreffen. Innerhalb der anthroposophischen Bewegung ist ja alles so, dass die Menschen innerhalb ihrer [Grenzen] gewissermaßen auch über das gewöhnliche Leben aufwachen müssen, das heißt, mit tieferem Verständnisse, mit einem stärkeren Bewusstsein ansehen müssen dasjenige, was sonst im Leben - ich möchte sagen - traumhaft sich abspielt.
[ 11 ] Spielen sich denn nicht die allereinschneidensten Ereignisse im Leben, in berechtigter Weise selbstverständlich, aus den Tiefen der Menschenherzen heraus wie traumhaft ab? Nichts von dem Glanz des Traumhaften und damit des in die Nacht der Göttlichkeit Getauchten verliert aber das Leben, wenn es betrachtet wird im Geiste der anthroposophischen Verständigkeit. Und so darf wohl gesagt werden: Indem sich euer heutiges Festesereignis hineinstellt in euer anthroposophisches Leben, hat etwas einen gewissen Abschluss erreicht. Ihr habt auf anthroposophischem Wege euch gefunden. Dadurch ist etwas eingetreten, was zwischen euch ein neues Leben begründet. Es ist etwas eingetreten, was Ihr nur auf anthroposophischem Boden, wie mir scheint, habt finden können.
[ 12 ] Damit aber, meine Lieben, ist die Frage an euch herangetreten, wie Ihr euch nun weiter, nachdem Ihr ein großes Ziel erreicht habt, wie Ihr euch nun weiter auf diesem Boden bewähren werdet. Denn nicht nur auf die Vergangenheit muss in wichtigen Augenblicken des Lebens gesehen werden, sondern auf die Zukunft. Und indem schließt in gewisser Weise eines jeden Lebensweg damit, dass sie sich getroffen haben, wird schon, wenn auch nicht unser Verstandes-, so unser Herzensblick heute hingehen müssen zu dem, was Ihr weiter gewinnen werdet für euer Erdenleben an Stärkung, an Kräftigung aus den anthroposophischen Quellen.
[ 13 ] Natürlich kann nur in unbestimmter Weise darauf hingedeutet werden. Würde es in bestimmter Weise geschehen, würde dem Menschen die Freiheit genommen werden. Die aber ist sein höchstes Gut und darf ihm niemals genommen werden. Aber in einer gewissen Weise wird doch heute auch in eure Seelen, in eure Herzen die Frage hineinziehen müssen: Wie werdet Ihr euch bewähren können in weiterer Verfolgung eures Lebensweges, auf dem uns ja allen heiligen anthroposophischen Boden. Wir werden gewiss jeden eurer Schritte verstehen, wir werden jeden eurer Schritte mit Liebe verfolgen. Wir werden mit alledem, was unsere segnenden Gedanken sein können, bei euch sein. Aber es geziemt uns cben in einem solch wichtigen Augenblicke, in unseren Herzen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander verbinden.
[ 14 ] Das, meine Lieben, ist es, was ich in dieser heutigen Stunde zu euch habe sprechen wollen, sprechen wollen aus der ganzen Liebe, die euch immer war, solange Ihr innerhalb unserer anthroposophischen Gemeinschaft gewandelt habt, die euch war in Gemeinschaft mit eurem jetzt auf uns herabblickenden Großvater, der mir so teuer war, die euch war in Gemeinschaft mit denjenigen, die euch in die Welt hier hereingeführt haben, die gesorgt haben für die starke Entwicklung eurer Jugend, und die euch bleiben wird für alle Zeiten, in denen wir in der Lage sein werden, euer Leben mit innigem Herzensanteil zu verfolgen.
