Nachträge zur Abteilung Mitgliedervorträge
GA 246
16 July 1924, Wrocław
85. Abschlussrede am Raout in der Matthiaskunst in Breslau
[ 1 ] Der Herr Graf Keyserlingk hat vorhin gerade den Dank, den ich und andere in diesen Tagen aus tiefsten Herzen heraus ausgesprochen haben ihm sowie auch seinem ganzen Hause, abgelehnt. Aber dieser Dank wird dennoch bleiben; und er wird auch bleiben, fest stehen in den Herzen derjenigen, die nun von den Breslauer Freunden nach diesen schönen Pfingstwochentagen wiederum weggehen. Er wird auch in meinem Herzen tief eingeschrieben bleiben als eine schöne Erinnerung an diese Pfingsttage. Sehen Sie, ich möchte Ihnen dies, wie stark dieser Dank sein muss, ein wenig aus der Historie heraus in diesen Augenblicken sozusagen begründen, besser gesagt, aus einem Symptom der jüngsten Historie der anthroposophischen Gesellschaft, die mir in den letzten zwei Tagen gerade hier entgegengetreten ist.
[ 2 ] Verzeihen sie, wenn ich am Schlusse unserer schönen Tage ein wenig anfange, das, was ich eigentlich objektiv meine, im Lichte des scheinbar Persönlichen darzustellen. Ich habe in den letzten zwei Nächten, wie das in jeder Woche jetzt der Fall ist, zwei Aufsätze zu schreiben gehabt hier in Koberwitz, wie ich sie sonst an den verschiedenen Orten schreibe, meistens ja in Dornach. Der eine war bestimmt für die Zeitschrift «Goetheanum», der andere für das Mitteilungsblatt. In der Zeitschrift «Goetheanum» hatte ich zu schildern ein paar Schritte meines Lebensganges aus dem Jahre 1889; und in dem Mitteilungsblatt hatte ich zu schildern dasjenige, was wir hier in diesen Pfingsttagen erlebt haben. Gerade 35 Jahre sind dazwischen, ein schöner Zeitraum, der aber doch für mich eine Art Aufstieg unserer anthroposophischen Bewegung darstellt.
[ 3 ] Dazumal waren es nicht Pfingsttage, es waren Weihnachtstage. Ich machte von Wien aus die Reise nach Hermannstadt in Siebenbürgen, um dort Vorträge zu halten. Es war also das Vortragshalten schon dazumal etwas, was sozusagen zu meinem geistigen Berufe gehörte. Ich machte diese weite Reise, um im Laufe einer sogar längeren Zeit zwei Vorträge zu halten, einen vor der Öffentlichkeit, einen in einem engeren Hermannstädter Kreise. Es waren damals auch schöne Tage, schöne Weihnachtstage. Aber ich muss doch hinnehmen, wie sich mir diese zwei Berichte - der Bericht über etwas vor 35 Jahren und der Bericht über das, was sich jetzt unmittelbar zugetragen hat - ergeben, muss dies doch hinnehmen, was mittlerweile geschehen ist. Dazumal war es gewiss in einem kleinen Kreise auch sehr schön. Aber jetzt muss ich dasjenige, was dazumal einen, ich möchte sagen, nicht sehr ausgedehnten Inhalt hatte - es war schwierig, an die Welt heranzutreten mit demjenigen, was man gerade sagen durfte —, ich muss das immer, immer durch die Seele ziehen lassen und daran denken, wie schwierig das dazumal war, auch nur ein kleines aus dem geistigen Inhalt an die Welt heranzubringen. Ich konnte eben doch nur über zwei Vorträge, die in einer ja recht welt-verlorenen Stadt gehalten wurden, berichten. Als dann die zweite Nacht kam, die letzte, die unmittelbar dem heutigen Tage vorangegangen ist, da hatte ich nun zu berichten - wusste gar nicht, wo mir der Kopf steht, was ich alles sagen sollte auf ein paar Spalten. Da waren so viele Vorträge, so viele Veranstaltungen, so vieles, was sich hereindrängte in diese Tage.
[ 4 ] Wollen wir das nur ganz kurz Revue passieren lassen, was da alles war. Da haben wir die beiden Pole des geistigen Wirkens, die innere intime Tätigkeit, die unmittelbar hineinführt in die Gestaltung des Geistigen, wie dieses Geistige auf der Erde selber da ist. Da haben wir den anderen Pol, der jetzt schon - ich möchte sagen - in diesem Fall zu der Anthroposophen ja tiefen Befriedigung, gerade in diesen Pfingsttagen sich eben neben den ersten Pol hingestellt hat, da haben wir dasjenige, was herbeigeholt werden konnte für eine eminent praktische Lebensbetätigung, für die Landwirtschaft, aus der geistigen Welt. Sozusagen jeden Tag konnte da dieser Weg durchgemacht werden in der Seele von dem geistig Praktischen am Vormittage zu dem rein Geistigen, das aber doch der Urquell auch alles Praktischen ist, am Nachmittag und am Abend. Und was stellte sich noch in diese beiden Pole alles dazwischen!
[ 5 ] Die Veranstaltungen, die zu meiner tiefen Befriedigung da waren für die Jugend und aus der Jugend heraus. Da stellte sich hinein in diese Zeit dasjenige, was aus dem Quell des Esoterischen in den Klassenstunden herausgestellt werden konnte. Das fand gestern noch diese Woche eine so tief befriedigende Zugabe, indem durch die begeisterungsfähige Kugelmann’sche Gruppe «Iphigenie» uns vorgeführt wurde, wie sie aus den Anregungen des Sprachkursus, besser gesagt eines Kurses über künstlerische Erfassung der Sprache, den Frau Doktor Steiner abgehalten hat, hervorgegangen ist. Wir konnten eigentlich so die Vorstellung bekommen, dass es immer so fortgegangen ist, wie zuweilen von Examen zu Examen, dass gar keine Zwischenpausen dazwischen waren. Aber es waren eben ganz reiche Zwischenpausen da, Zwischenpausen, die ausgefüllt waren wenn das auch abgelehnt wurde in einer bestimmten Form, davon wiederum alles dasjenige, was an Arbeit herausgestellt wurde in diesen Tagen, zu umrahmen - ich möchte fast sagen: einzufassen - in die allerallerliebevollste Pflege, die die weiten, weitesten Umfänge annahm. Ich muss ja doch, wenn der Graf Keyserlingk auch abgelehnt hat, ich muss ja doch fragen - denn man bekommt dann die Wahrheit durch solche Fragen: Wie wäre diese ganze Veranstaltung verlaufen, wenn Koberwitz nicht in der Nähe von Breslau wäre und wenn in Koberwitz nicht eben die Gräfin Keyserlingk und der Graf Keyserlingk als Pfleger der Anthroposophie und der Anthroposophen da wären? Gerade wenn man so die Dinge nebeneinanderstellt, wie ich sie jetzt nebeneinandergestellt habe — woraus man nun sieht, wie im Laufe von 35 Jahren die Möglichkeit, für den Inhalt aus der geistigen Welt heraus zu wirken, sich so vertiefen konnte, erweitern konnte -, gerade dann weiß man auch zu ermessen, was es für eine Bedeutung hat für die Entwicklung des anthroposophischen Lebens, so herzhaft, so opferwillig und auch vor allen Dingen so zielbewusst und zielsicher für die anthroposophische Bewegung zu wirken, wie dies das ganze Haus Keyserlingk in so ausgiebigem Maße und von solcher Liebe durchdrungen tat. Und ich hoffe, dass der Graf Keyserlingk nicht will, dass wir, die wir seine Liebesentfaltung gesehen haben, für diese Liebesentfaltung eine dankbare Gegenliebe entwickeln - ich hoffe, dass der Graf Keyserlingk nicht will, dass wir nun weggehen sollten in dem Gefühl der abgewiesenen, gekränkten Liebe. Das geht nun wirklich auch nicht. Wir haben diese Liebe alle dankbar gefühlt; und die muss er uns schon einmal lassen, die kann er uns gar nicht nehmen. Eine abgelehnte Liebe in solchen Dingen, das geht wirklich nicht.
[ 6 ] Nun aber wiederum, wenn ich an die Jahre denke, die sich in die 35 hereinstellen, da steigt so manches herauf. Da steigt zum Beispiel herauf, was in diese 35 Jahre eben die hineinstellt, wo begonnen wurde, mit der anthroposophischen Bewegung zu leben und zu wirken. Da gab es so manches, was man nennen kann «Echo der Welt». Anfangs war ja dieses Echo der Welt nicht besonders stark. Denn diejenigen, die heute so laut und so unharmonisch dieses Echo erklingen lassen, die fingen ja erst in einem bestimmten Zeitpunkt an. Anfangs war die Sache ja noch so, dass diejenigen sich mit ihr befassten, die Anthroposophie suchten. Die heute sich so stark, namentlich in den disharmonischen Tönen damit befassen, waren noch nicht da. Wenn ich mich so daran erinnere, wie wir angefangen haben. Sehen Sie, der Graf Keyserlingk hat sowohl in der Einleitung wie in der Schlussrede auf eine wirklich gar nicht in Betracht kommende Unannehmlichkeit hingewiesen. Ich muss aber nun denken, wenn ich die Jahre an mir vorüberziehen lasse, wie ich in einer ziemlich großen Stadt einmal - die Bewegung war eben dazumal in dem Stadium, wie sie von den Gegnern weniger berücksichtigt wurde, weil man dachte, nun ja, das ist so etwas von ein paar Querköpfen, das ist nicht der Mühe wert, dass man sich darum kümmert - in einer ziemlich großen Stadt hatte ich einen öffentlichen Vortrag zu halten. Ich sprach - da plötzlich wurde es unruhig im Saale, der ja an sich schon die Schwierigkeit hatte, dass man acht geben musste. Es war nicht so wie hier, cs war auch nicht so wie in Koberwitz, man musste acht geben in diesem Fall, dass man wegen der vielen Löcher im Fußboden immer danebentrat, in diese Löcher. In solchen Sälen musste ich viele Jahre reden. Aber es wurde einmal ganz unheimlich unruhig, dass da ein Tumult losging, und es schrie einige Male laut auf. Es war durch eines dieser Löcher eine Ratte gekommen. Ja, sehen Sie, von jenen Ungezieferwirkungen [bis zu denen], die nun unser Freund Werbeck in so ausführlicher, für uns schon gefährlich werdender Weise in der letzten Zeit beschrieben hat, ist eben ein weiter Weg. Und dieser weite Weg war dennoch mit mancherlei sehr schönen Geschehnissen gepflastert.
[ 7 ] Denn sehen Sie, unter mancherlei Angenehmem und Unangenehmem kam, während dieser Weg beschritten werden musste, ziemlich von seinem anthroposophischen Anfange an, immer wieder und wieder eine Stimme aus Breslau, die ja immer kam in der Form des gedruckten Wortes, eine Stimme aus Breslau, die sozusagen in der intensivsten, einsichtsvollsten, begründetsten Weise sich über alles aussprach, von der «Philosophie der Freiheit» bis zu den tief anthroposophischen, bis zu den sozialen Sachen. Und diese Stimme, die war immer diejenige unseres lieben Freundes Bartsch. Und die Anthroposophie darf sagen gegenüber unserem Freunde Bartsch: An ihm hast du einen Freund, einen besseren find’st du nicht. - Das ist dasjenige, was ich gerade bei dieser so tief befriedigenden Veranstaltung vor Ihnen wirklich in ganz herzlichster Weise auszudrücken das innerste Bedürfnis habe. Und glauben Sie, ich weiß es zu schätzen, dass Graf Keyserlingk sprechen konnte von all den Helfern, die mittun mussten in selbstloser, in hingebungsvoller Weise, dass zustande kommen konnte, was eben wurde, dass das anthroposophische Wort verkündet werden konnte vor einem so weiten Kreise, der aber in so enger Art der Anthroposophie ergeben ist, dass in Breslau da alles geschehen konnte, dass eine so treue Helferschaft da sein konnte, dass derjenige, der selber so zielsicher half, auf eine so treue Helferschaft hinweisen konnte - das alles wird doch zum übermäßig größten Teile hier in dieser Stadt zurückzuführen sein auf dasjenige, was in ebenso zielsicherer Weise, aber auch in verständnisvoll herzlich hingegebener Weise unser Freund Bartsch hier von diesem Orte aus für Anthroposophie getan hat. Und ich glaube, eine Bitte aussprechen zu dürfen, da wir das letzte Mal beisammen sind. Sehen Sie, Anthroposophie hat ja die Aufgabe, vor die Welt hinzutreten, in der Welt zu wirken. Dies ist zunächst in allen ihren Teilen und in ihren Zentralen dasjenige, was nun unmittelbar aus den Offenbarungen der geistigen Welt kommt. Dass sie dies ist, soll ja besonders bekräftigt werden durch diejenigen Impulse, welche das Wirken des Anthroposophischen durchsetzen seit der Dornacher Tagung zu Weihnachten. Was da an geistigem Inhalte da ist, das ist, ich möchte sagen, nur da am Himmel. Da aber auf Erden soll es wirken. Daher bekommt Anthroposophie doch erst den rechten Wert, wenn ihr die Herzen der Menschen entgegenschlagen. Und habe ich es doch gesehen, dass dasjenige, was nun als anthroposophisches Wort verkündet werden kann, dass die Anwendung auf die verschiedenen Gebiete hin sichtbar werden soll — hat das alles, wenn es in sich begründet ist, einen Himmelswert, dann hat es einen Wert erst in vollstem Sinne des Wortes hier auf Erden, wenn es ihn bekommt durch die Herzen einer treu ergebenen Zuhörerschaft. Und habe ich es doch gesehen, wie diesen anthroposophischen Worten entgegenschlugen die treuen anthroposophischen Herzen hier in dieser Stadt und diejenigen, die zu unserer Veranstaltung zum Teil von weither gekommen sind. Glauben Sie, dass ich verstehe gerade aus dem Geist der Anthroposophie heraus entgegenzukommen auch mit einer besonderen Art von Dank denjenigen, die da wollen mitarbeiten an dem, was für Anthroposophie zu tun ist, und dass ich jede Nuance in dieser Mitarbeit voll zu schätzen weiß.
[ 8 ] Aber fragen wir uns, wie die Möglichkeit hätte herbeigeführt werden können, wenn nicht ein so im Geistigen drinnen mit seinem ganzen Herzen und mit seinem ganzen Menschen stehender Mann hier die anthroposophische Bewegung geführt hätte, wie es unser Freund Bartsch ist, und so ist ja wirklich durch die Steine, mit denen der anthroposophische Weg von hier aus gepflastert wurde - und Steine sind nicht immer dasjenige, was bloß hart ist und wodurch man bloß den Schädel den Leuten einschlägt, Steine sind auch Denkmäler -, so verdankt schon die anthroposophische Bewegung diesen Steinen, mit denen ihr Weg von hier aus gepflastert worden ist, außerordentlich viel. Das ist dasjenige, was, ich möchte sagen, von hier aus in wirklich hartem Gesteins-Material, aber mit ehernen Worten in den Weg der anthroposophischen Bewegung hinaus gepflastert worden ist. Dafür kann man nicht genug dankbar sein. Und nun ist eben zu dieser warmherzigen Härte im Vertreten des Anthroposophischen, ist bei unserem Freunde Bartsch manchmal zur Härte des Schwertes, das die Feinde ringsum fürchten, zu dem ist nun dasjenige, was ja gewiss vielen von uns sehr guttut, jene milde Liebe getreten, die sich mit restloser Energie zu zielsicherem Wirken verbindet und die jetzt von dem uns so lieb gewordenen Hause in Koberwitz aus wirkt. Das alles kommt mir jetzt ganz besonders zum Bewusstsein, wo ich durch die Schriftstücke der letzte zwei Nächte einen Zeitraum 35-jähriger Wirksamkeit nebeneinanderstellen musste. Und deshalb lassen Sie mich dennoch, nachdem in so herzlichen Worten von den einzelnen Persönlichkeiten, die heute Abend gesprochen haben, uns begegnet worden ist, lassen Sie mich ihm danken für dasjenige, in das wiederum in diesen Tagen ausgelaufen ist dasjenige, was eben für Anthroposophie geschicht. Ich möchte ihm jetzt nun, wenn es eben auch nicht des Vaters Sache ist, dennoch aber zum Ausdruck bringen die Offenbarung der herzinnigen Liebe und Dankbarkeit für das, was er tut.
[ 9 ] Und sehen Sie, lassen Sie mich noch ganz zum Schluss ja einen Korb wegwerfen. Körbe kriegt man sonst bloß für dasjenige, was man schon getan hat. Nun werfe ich den Korb schon von vornherein weg. Aber dieser Korb, ich werfe ihn weg und sage dennoch und weiß, dass einzelne Menschen, wenn eben nicht alle in diesem Saale, in herzinnerster Weise einstimmen, wenn ich sage, wir haben zu danken, ernst und tief zu danken dafür, dass durch die Energie und die liebevolle Opferwilligkeit, durch das geschickte Tun von Gräfin und Graf Keyserlingk und allem, was im Hause Koberwitz geholfen hat, diese Pfingsttagung zur innersten Befriedigung der Anthroposophen allein hat zustande kommen können. Es war schön, was uns gewährt war, vor allem dasjenige, was wie ein Fest und wie Festesstimmung umrankte und umgab und durchdrang diese Pfingstarbeit der Anthroposophie. Und für dieses viele Schöne, für dieses viele Hingebungsvolle lassen Sie uns alle herzinnerlich kräftig unseren Dank sagen am Schluss: Für all dieses Schöne danke auch schön!
