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The Rudolf Steiner Archive

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The Occult Movement
in the Nineteenth Century
and its Relationship to World Culture
GA 254

31 October 1915, Stuttgart

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Elfter Vortrag

Eleventh Lecture

[ 1 ] Es war bei den letzten Vorträgen, die ich hier gehalten habe, mein Bestreben, Ihnen noch von einer gewissen Seite her zu zeigen, wie in der Mitte des 19. Jahrhunderts eine Art materialistischer Hochflut sich innerhalb der Evolution der Menschheit geltend machte, und wie von verschiedenen Seiten her gewissermaßen gefühlt worden ist, daß eine solche materialistische Hochflut in der Entwickelungsgeschichte der Menschheit in dieser Art noch nicht da war, und daß es von einer gewissen Bedeutung sei — die wir ja charakterisiert haben -, wie sie heraufkam. Auf der anderen Seite versuchte ich, das Gefühl begreiflich zu machen, daß sich die Menschen wappnen müssen, um in der entsprechenden Weise dennoch den der Menschheit einmal vorgezeichneten Entwickelungsgang zu gehen.

[ 1 ] In the last few lectures I gave here, my aim was to show you, from a certain perspective, how a kind of materialistic flood made itself felt in the evolution of humanity in the mid-19th century, and how it was sensed from various quarters, so to speak, that such a materialistic flood had not yet existed in this form in the history of human development, and that the way it arose—which we have, of course, characterized—was of a certain significance. On the other hand, I tried to convey the sense that people must arm themselves in order to nevertheless follow, in the appropriate manner, the course of development once mapped out for humanity.

[ 2 ] Nun habe ich Ihnen insbesondere in den letzten Vorträgen gezeigt, wie man sich von verschiedenen Seiten her bemüht hat, die gewissermaßen beteiligt sind an der Fortentwickelung jener Ziele der Menschheitskultur, die mit dem Geisteswissenschaftlichen zusammenhängen, etwas dem Gange der Menschheitsentwickelung einzuverleiben, was ihnen notwendig dünkte, um der Menschheit zu zeigen, daß zum Alten etwas Neues durchaus hinzukommen müsse. Gewiß könnte darüber noch sehr viel gesagt werden, und es wird auch im Laufe der Zeit Gelegenheit sein, nach dieser Richtung hin noch manches zu besprechen, denn wir werden mancherlei Belege anzugeben haben für dasjenige, was wir zunächst mehr erzählend angeführt haben. Heute möchte ich darauf hinweisen, daß sich aber auch in dem äußeren Geistesleben um die herankommende Mitte des 19. Jahrhunderts in vieler Beziehung zeigte, wie man fühlte, daß man an einem recht wichtigen Punkte steht. Im äußeren Geistesleben, also in dem, was sich auslebt in den verschiedenen philosophischen Bewegungen, in der literarischen Bewegung und dergleichen, könnte vieles angeführt werden von einem, ich möchte sagen, konvulsivischen Elemente, das sich hineingemischt hat in den Gang der Menschheitsentwickelung. Man kann, da vieles angeführt werden könnte, selbstverständlich nur einzelnes herausgreifen.

[ 2 ] Now, especially in my recent lectures, I have shown you how efforts have been made from various quarters—which are, so to speak, involved in the further development of those goals of human culture connected with Spiritual Science—to incorporate into the course of human development something they deemed necessary in order to show humanity that something new must indeed be added to the old. Certainly, much more could be said on this subject, and in time there will be opportunities to discuss many other aspects in this vein, for we will have to present various pieces of evidence to support what we have so far presented primarily in a narrative form. Today, however, I would like to point out that even in the outer spiritual life around the middle of the 19th century, it became evident in many respects that people sensed they were standing at a truly important juncture. In the outer spiritual life—that is, in what finds expression in the various philosophical movements, in the literary movement, and the like—much could be cited regarding what I would call a convulsive element that had become intertwined with the course of human development. Since so much could be cited, one can, of course, only single out a few examples.

[ 3 ] Ich will, um in den Gang der Menschheitsentwickelung so hereinzuleuchten, heute zum Beispiel als Ausgangspunkt einmal wählen zwei Beispiele aus dem literarischen Leben Europas. Zeigen sollen uns diese Beispiele, wie in den Herzen, in den Gemütern, eine Empfindung davon vorhanden war, daß gewissermaßen in den unsichtbaren Welten Bedeutungsvolles vor sich geht. Als ein solches Beispiel sei angeführt der Roman von Gutzkow «Maha Guru», der große Guru, und als ein zweites Beispiel sei angeführt — merkwürdigerweise ist dieses zweite Beispiel in derselben Zeit wie der «Maha Guru» entstanden - das außerordentlich bedeutsame Drama, das da schließt mit dem Rufe: «Du hast gesiegt, Galiläer!», und das, wie es mir scheint nach dem, was ich davon wissen kann, einen besonderen Höhepunkt in der polnischen Literatur des 19. Jahrhunderts bezeichnet.

[ 3 ] In order to shed light on the course of human development, I would like to take two examples from European literary life as a starting point today. These examples are intended to show us how a sense existed in people’s hearts and minds that, in a sense, something significant was taking place in the invisible worlds. One such example is Gutzkow’s novel *Maha Guru*, *The Great Guru*, and a second example—curiously, this second example was written at the same time as *Maha Guru*—is the extraordinarily significant drama that concludes with the cry: “You have triumphed, Galilean!”—and which, as far as I can tell from what I know of it, marks a particular high point in 19th-century Polish literature.

[ 4 ] Es ist merkwürdig, daß der junge, dazumal, in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts, in seinen Zwanzigerjahren stehende Freigeist Gutzkow, sich diesen Stoff wählt, um gewissermaßen auf manches hinzudeuten, was in der Zeit lebt und webt, und sich dazu einen Menschen wählt, der dann in Tibet zum Dalai-Lama geworden ist: den «Maha Guru», den Großen Guru, wie er ihn nannte. Wollen wir uns mit ein paar Worten dieses scheinbar den europäischen Verhältnissen so fernliegende und in Wirklichkeit diesen europäischen Verhältnissen doch so unendlich naheliegende Zeitgemälde vor Augen rücken: den «Maha Guru», der in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts, also da, wo die Morgenröte des materialistischen Zeitalters heraufkam, erschienen ist.

[ 4 ] It is curious that Gutzkow—a young free spirit in his twenties at the time, in the 1830s—chose this subject matter to allude, as it were, to many of the currents of thought and life of the era, and that he chose as his subject a man who would later become the Dalai Lama in Tibet: the “Maha Guru,” the Great Guru, as he called him. Let us briefly consider this portrait of the times—one that seems so distant from European conditions yet is, in reality, so infinitely close to them: the “Maha Guru,” who appeared in the 1830s, just as the dawn of the materialistic age was breaking.

[ 5 ] Wir haben es bei einer der Hauptpersonen, die in dem Roman «Maha Guru» vorkommen, zu tun mit einem Göttermacher. Was ist nun ein Göttermacher in Tibet? Das ist einer, der Götter fabriziert, herstellt; das heißt, er bildet aus allerlei Stoffen -— wie wir heute mit unserem Plastilin arbeiten — Götter; Götter nach den Traditionen, die in dem tibetanischen Kanon streng vorgeschrieben sind. Diese Dinge müssen genau stimmen: die Verhältnisse, die vorgeschrieben sind in bezug auf Gesichtsbildung, die Händemaße, die Art der Pose, die sie machen. Das muß alles ganz genau stimmen. Unser Held, einer der Helden des Romans, ist aus einem alten Geschlecht entstammend, das immer die Götterfabrikation zu seinem besonderen Beruf gehabt hat, und er versteht sein Geschäft außerordentlich gut. Er ist weit und breit berühmt als Götterfabrikant; im ganzen tibetanischen Reich werden seine Götter gekauft. Nun passiert ihm bei der Fabrikation gerade eines der Hauptgötter etwas ganz Furchtbares. Man muß sich selbstverständlich in das Herz, in das Gemüt eines Tibetaners hineindenken, wenn man die ganze Gewalt des Wortes «furchtbar» in diesem Zusammenhange verstehen will. Und wenn man sich so in das Herz eines gottesfürchtigen Tibetaners versetzt, so ist es etwas Furchtbares, was diesem Götterfabrikanten passiert ist. Es ist ihm passiert, daß ihm der Abstand zwischen den Nasenflügeln und der Oberlippe bei einem der Hauptgötter etwas anders geworden ist, als es sein sollte, daß er ihn etwas anders geformt hat, als es im Kanon vorgeschrieben war. Das war also etwas ganz Schreckliches und sehr Wichtiges. Er wich also ab von dem alten, ehrwürdigen Kanon und machte den Abstand zwischen den Nasenflügeln und der Oberlippe etwas größer, als vorgeschrieben war. Das ist in Tibet eine furchtbare Sünde, etwas ganz Schreckliches, fast oder gerade so schrecklich, als wenn jemand im Abendlande heute vor irgendeiner rechtgläubigen Gesellschaft dasteht und behauptet, zwei Jesusknaben wären notwendig gewesen, um den Christus im Jesus aufzunehmen, oder wenn er von einem Erkenntnisvermögen spricht, das über das gewöhnliche Erkenntnisvermögen hinausgeht, so sagt man von ihm, er verführe seine Anhänger zu allerlei hellseherischen Experimenten und dergleichen und sagt, solche Lehren seien phantastisch. So macht man es heute. Aber in der Zeit, in der unser Roman handelt, da war es ein ähnliches, gewaltiges Vergehen, daß bei dem Hauptgotte die Nasenflügel von der Oberlippe beim Fabrizieren zu weit entfernt gemacht waren. Nur die Strafen waren noch anders. Heute hält man höchstens von unrichtigen Angaben strotzende Vorträge und trifft andere Maßregeln glimpflicherer Art. Dazumal aber, in jener Gegend, da mußte der Götterfabrikant vor das hohe tibetanische Inquisitionstribunal gestellt werden, vor den furchtbaren Rat der schwarzen Inquisitoren. So könnte man das mit den in Europa gebräuchlichen Ausdrücken wiedergeben.

[ 5 ] One of the main characters in the novel *Maha Guru* is a “god-maker.” What, then, is a god-maker in Tibet? It is someone who fabricates, or creates, gods; that is, he shapes gods out of all kinds of materials—just as we work with modeling clay today— gods in accordance with the traditions strictly prescribed in the Tibetan canon. These details must be exactly right: the proportions prescribed for facial features, the dimensions of the hands, and the poses they assume. Everything must be perfectly accurate. Our hero—one of the heroes of the novel—comes from an ancient lineage that has always made the crafting of gods its special profession, and he understands his craft exceptionally well. He is famous far and wide as a god-maker; his gods are purchased throughout the entire Tibetan Empire. Now, while crafting one of the principal gods, something truly terrible happens to him. Of course, one must put oneself in the heart and mind of a Tibetan if one wishes to understand the full force of the word “terrible” in this context. And when one places oneself in the heart of a God-fearing Tibetan, what happened to this god-maker is indeed a terrible thing. What happened was that, on one of the principal gods, the distance between the nostrils and the upper lip turned out slightly different than it should have been—he had shaped it somewhat differently than prescribed by the canon. So this was something truly dreadful and very serious. He thus deviated from the ancient, venerable canon and made the distance between the nostrils and the upper lip slightly greater than prescribed. In Tibet, this is a terrible sin, something truly dreadful—almost, or perhaps just as, dreadful as if someone in the West today were to stand before any orthodox community and claim that two “Jesus boys” were necessary to accommodate the Christ within Jesus, or if he were to speak of a capacity for knowledge that transcends ordinary cognition; people would say of him that he is leading his followers astray into all sorts of clairvoyant experiments and the like, and such teachings are dismissed as fanciful. That is how things are done today. But in the era in which our novel is set, it was a similarly grave offense that the nostrils of the chief deity had been placed too far from the upper lip during its creation. Only the punishments were different. Today, at most, one gives lectures brimming with inaccurate information and faces other, milder measures. Back then, however, in that region, the god-maker had to be brought before the high Tibetan Inquisition tribunal, before the fearsome Council of Black Inquisitors. This is how one might describe it using terms common in Europe.

[ 6 ] Nun mußte - in Tibet ist eine Polizei nicht notwendig, die Leute gehorchen von selber, wenn ihnen bedeutet wird, daß der Fremde ohne Pferd hereingeritten sei, beziehungsweise daß sie sich vor dem schwarzen Inquisitionstribunal zu stellen haben, braucht man sie nicht erst zu holen - nun mußte sich unser Götterfabrikant aufmachen und sich stellen. Er machte sich auf mit seinen Brüdern und auch mit seiner reizenden Tochter, die eine ganz besondere tibetanische Schönheit war. Diese Tochter hatte ihm schon viele Jahre hindurch in einer hingebungsvollen und verständnisvollen Weise mit ihrer Beherrschung des tibetanischen Kanons geholfen und hat sich überhaupt als ein überaus reizendes Wesen erwiesen. Die Brüder mußten mit, weil sie mitverantwortlich waren für seine Tat.

[ 6 ] Now—in Tibet, a police force is unnecessary; people obey of their own accord. When they are told that a stranger has ridden in without a horse, or that they must appear before the Black Inquisition Tribunal, there is no need to go and fetch them—now our “god-maker” had to set out and turn himself in. He set out with his brothers and also with his charming daughter, who was a very special kind of Tibetan beauty. For many years, this daughter had helped him in a devoted and understanding way with her mastery of the Tibetan canon and had proven herself to be an exceedingly charming person. The brothers had to come along because they were jointly responsible for his deed.

[ 7 ] Die Karawane hat sich nun nach Lhasa begeben, damit der Sünder vor das schwarze Tribunal gestellt werden kann. Als sie sich eine Strecke Wegs, Lhasa zu, von ihrer Heimat entfernt hatten, trafen sie auf einen merkwürdigen, lärmenden, tanzenden, pfeifenden, alle möglichen Instrumente schlagenden Zug von Menschen, der geführt wurde von einem Schamanen, und der ebenfalls auf dem Wege nach Lhasa war. Nun war der ein Bekannter, ein Jugendgespiele der Tochter des Göttermachers; er kannte diesen ganzen Karawanenzug, dessen Haupt eigentlich unser Götterfabrikant war, der im tiefsten Sündengefühle seines falsch fabrizierten Gottes auf dem Wege nach Lhasa war, um sich dem Gerichte zu stellen. Der Schamane machte ihn insbesonders auf die Gefährlichkeit seiner Lage aufmerksam, indem er sagte: Gut wäre es, wenn noch der Vize-Dalai-Lama da wäre, doch könnte es auch sein, daß schon der wirkliche DalaiLama gefunden sei und Tibet von Lhasa aus bereits beherrsche. Dann würde es ihm unter Umständen noch schlechter gehen. Denn der Vizeherrscher konnte unter Umständen noch Gnade für Recht ergehen lassen, aber wenn schon der neue Dalai-Lama da wäre, dann könnte man gar nicht wissen, ob nicht die volle Gerechtigkeit walten müsse. Und wenn man so gegen den Kanon verstoßen hat, wie es bei dem Götterfabrikanten der Fall war: daß die Nase von der Oberlippe in einer unrichtigen Entfernung steht, so ist es selbstverständlich, daß darauf der Tod steht.

[ 7 ] The caravan has now set out for Lhasa so that the sinner can be brought before the Black Tribunal. When they had traveled a good distance from their homeland toward Lhasa, they encountered a strange, noisy, dancing, whistling procession of people playing all manner of instruments, led by a shaman, who was also on his way to Lhasa. Now this man was an acquaintance, a childhood friend of the God-Maker’s daughter; he knew this entire caravan, whose leader was in fact our God-Maker, who—deeply burdened by guilt over his falsely fabricated god—was on his way to Lhasa to face judgment. The shaman specifically drew his attention to the danger of his situation, saying: “It would be good if the Vice-Dalai Lama were still there, but it could also be that the real Dalai Lama has already been found and is already ruling Tibet from Lhasa.” Then, under certain circumstances, things might turn out even worse for him. For the deputy ruler might, under certain circumstances, still grant mercy in lieu of justice, but if the new Dalai Lama were already there, then there would be no way of knowing whether full justice would not have to be served. And if one has violated the canon as severely as the “god-maker” did—with the nose positioned at an incorrect distance from the upper lip—it goes without saying that this carries the death penalty.

[ 8 ] So erfährt also der Sünder, daß man dem Auffinden des DalaiLama, des Maha Guru, vielleicht nahe steht. Was heißt denn das in Tibet? Sehen Sie, in Tibet ist man sich klar darüber, daß die Seele des großen Bodhisattva, der über Tibet herrscht, von Körper zu Körper geht. Wenn nun ein Dalai-Lama stirbt, muß ein neuer Dalai-Lama gesucht werden, und das muß im höchsten Grade demokratisch zugehen, denn die tibetanische Verfassung ist im höchsten Grade demokratisch. Da gibt es nichts von Vererbung von Würden, nichts von dem, was etwa auf dem leiblichen Wege vom Vater auf den Sohn übergehen würde. Das widerspricht ganz der Würde des Dalai-Lama, nach tibetanischen Anschauungen. Wenn also ein Dalai-Lama gestorben ist, muß sich die Priesterschaft daran machen, einen neuen Dalai-Lama zu finden, und dann muß jeder junge Knabe untersucht werden, denn selbst in der ärmsten Familie könnte sich ja die große Seele verkörpert haben. Es muß das ganze Land untersucht werden, und man läßt sich jeden Knaben in jedem Hause und auf der Straße zeigen, und je nachdem man sieht, ob er dieses oder jenes Zeichen hat, dieses oder jenes von sich gibt, was nach der Ansicht der dortigen Priester auf die nötige Gescheitheit deutet, hat er Aussicht, als Dalai-Lama anerkannt zu werden. Von demjenigen, der die meisten Anzeichen gibt, ist man überzeugt, daß es die große Seele des Bodhisattva sei, daß sie sich in diesem Knaben verkörpert habe, und dann ist es der Dalai-Lama. In der Zwischenzeit, in der Zeit, in der man also noch die Verkörperung des Gottes in Menschengestalt sucht, muß ein Vize-Dalai-Lama einstweilen das Land verwalten.

[ 8 ] So the sinner learns that one may be close to finding the Dalai Lama, the Maha Guru. What does that mean in Tibet? You see, in Tibet people are well aware that the soul of the great Bodhisattva who reigns over Tibet passes from body to body. When a Dalai Lama dies, a new Dalai Lama must be sought, and this process must be conducted in the most democratic manner, for the Tibetan constitution is highly democratic. There is no hereditary succession of titles, nothing that would be passed down biologically from father to son. According to Tibetan beliefs, this is entirely contrary to the dignity of the Dalai Lama. So when a Dalai Lama has died, the clergy must set out to find a new Dalai Lama, and every young boy must be examined, for even in the poorest family, the great soul might have been reincarnated. The entire country must be searched, and every boy in every home and on the street is presented for inspection; depending on whether he exhibits this or that sign, or displays this or that behavior—which, in the opinion of the local priests, indicates the necessary wisdom—he has a chance of being recognized as the Dalai Lama. The one who exhibits the most signs is believed to be the great soul of the Bodhisattva, who has incarnated in this boy, and he is then recognized as the Dalai Lama. In the meantime—that is, while the search for the incarnation of the deity in human form is still underway—a Vice Dalai Lama must administer the country for the time being.

[ 9 ] Nun erzählt Gutzkow weiter: Man hörte also schon davon, daß eventuell der neue Maha Guru oder der neue Dalai-Lama in Lhasa gekrönt oder eingeführt werden konnte in seine besondere Würde. Und hier muß ich eine kleine Geschichte einflechten, welche Gutzkow erzählt. Er erzählt sie in etwas anderer Einflechtung, aber wir wollen nur ein Bild seines «Maha Guru» uns vor die Seele rufen.

[ 9 ] Gutzkow goes on to say: So there were already rumors that the new Maha Guru or the new Dalai Lama might be crowned or installed in his special office in Lhasa. And here I must interject a little story that Gutzkow tells. He tells it in a slightly different way, but we just want to conjure up an image of his “Maha Guru” in our minds.

[ 10 ] Das reizende Mädchen reiste mit ihrem Vater, dem Sünder. Nach der tibetanischen Verfassung sind dessen andere Brüder auch Väter, weil dort eine Art Vielmännerei vorhanden ist. Wenn in Tibet ein Mann heiratet, so heiraten auch zugleich seine Brüder dieselbe Frau mit. Die Brüder des Vaters sind also auch Väter, nur ist einer der Hauptvater. — Die Karawane wird sehr schön vorgeführt in dem «Maha Guru»: die Väter sind vorne, wie in einem Kreis, eingereiht, dann der Hauptvater - in diesem Falle unser Sünder - und das reizende Mädchen, die Tochter dieses Sünders. Diese Tochter des Sünders hatte, als sie noch klein war, ein Kind war und erst anfing, ihrem Vater zu helfen, einen Jugendgefährten, mit dem sie nach tibetanischen Verhältnissen gern gespielt, den sie damals sehr lieb gehabt hatte, und an den sie noch sehr gern sich erinnerte. Der Hauptschamane des schreienden, blasenden Zuges war auch unter ihren Jugendgespielen gewesen, und dieser Schamane war wieder ein Bruder des eben erwähnten Jugendgespielen des Mädchens. Das mußte ich einfügen, damit das Spätere leichter verständlich ist.

[ 10 ] The charming girl was traveling with her father, the sinner. According to Tibetan custom, his other brothers are also fathers, because a form of polygamy exists there. When a man marries in Tibet, his brothers also marry the same woman at the same time. The father’s brothers are therefore also fathers, though only one is the chief father. — The caravan is beautifully depicted in the *Maha Guru*: the fathers are lined up in front, as if in a circle, then the chief father—in this case, our sinner—and the charming girl, the sinner’s daughter. When she was still small—a child who had only just begun to help her father—this daughter of the sinner had a childhood friend with whom she enjoyed playing, by Tibetan standards; she had been very fond of him at the time and still remembered him fondly. The chief shaman of the shouting, trumpeting procession had also been among her childhood playmates, and this shaman was, in turn, a brother of the girl’s aforementioned childhood playmate. I had to include this so that what follows will be easier to understand.

[ 11 ] Nun begibt sich die ganze Karawane gegen Lhasa, und als man in Lhasa einzieht, hört man, daß schon der neue Maha Guru, der neue Dalai-Lama eingeführt sei in seine Würde. Zunächst werden wir aber damit bekanntgemacht, daß unser großer Sünder, der den Abstand zwischen Nase und Oberlippe bei einem der Hauptgötter Tibets zu lang gemacht hat, vor das schwarze Tribunal geführt wird. In der furchtbaren Verhandlung, die da stattfand, stellt sich heraus, daß es eine Sünde ist, die mit nichts anderem als mit dem Tode gebüßt werden kann. Indessen wird der Sünder mit seinem Familienanhang ins Gefängnis geworfen, damit später eine weitere Verhandlung stattfinden könne, in der sich alles enthüllen sollte, was dieser Mann gesündigt hat. Ich muß ausdrücklich bemerken, daß er bis dahin nichts anderes gesündigt hatte, als daß er bei dem Hauptgotte den Abstand zwischen Nasenflügel und Oberlippe kaum um einen Millimeter zu lang gemacht hatte. Aber das ist dort schon eine todeswürdige Sünde.

[ 11 ] Now the entire caravan sets out for Lhasa, and as they enter the city, they hear that the new Maha Guru, the new Dalai Lama, has already been installed in his office. First, however, we are informed that our great sinner—who made the distance between the nose and upper lip of one of Tibet’s principal deities too long—is being brought before the Black Tribunal. During the dreadful trial that took place, it turns out that this is a sin that can be atoned for by nothing other than death. Meanwhile, the sinner and his family are thrown into prison so that a further trial can take place later, in which all of this man’s sins are to be revealed. I must expressly note that, up to that point, his only sin had been that, in depicting the chief god, he had made the distance between the nostril and the upper lip barely one millimeter too long. But there, that is already a sin worthy of death.

[ 12 ] Nun stellt sich heraus, daß unter großem Gepränge zunächst einmal der neue Dalai-Lama in sein Amt eingeführt wird. Wir werden bekanntgemacht mit allerlei tibetanischen Gebräuchen, auch mit allerlei, was sich um den Hof von Lhasa herum abspielt. Darüber werden genaue Schilderungen gegeben und viele Worte gemacht. In diesem Rahmen darinnen, mit der Würde eines chinesischen Gesandten am Lhasaer Hof, war auch ein Mann, der eine reizende junge Schwester hatte und der unter den Mandarinen einen besonderen Grad hatte. Er stand im sechsten Grad, hoffte aber, bald höher zu steigen; sein besonderes Ideal sogar war es, den Orden mit der Pfauenfeder zu erhalten. Nun aber, während dieser chinesische Gesandte seinen Träumen nachgeht, wovon der kühnste der ist, den hohen Orden der Pfauenfeder zu erwerben, ist der neue Dalai-Lama eingesetzt worden in seine Würde. Der neue Dalai-Lama weiß, daß er die Sonne, den Mond, die Sterne, den Blitz und die Wolken, die Pflanzen und die Steine gemacht hat, und er erklärt denjenigen, die nun ihre entsprechenden Besuche verrichten, wie er das gemacht hat, wie er der Urheber ist von dem, was sichtbar ist im weiten Weltenall, und auch von dem, was unsichtbar ist. Also wie er der Urheber ist von der sichtbaren Welt, und auch von dem, was als unsichtbare Welten zu der sichtbaren Welt hinzugerechnet wird.

[ 12 ] It now turns out that, amid great fanfare, the new Dalai Lama is first inaugurated into office. We are introduced to all sorts of Tibetan customs, as well as to all manner of goings-on at the court in Lhasa. Detailed descriptions are given of these events, and much is said about them. Among those present—in his capacity as a Chinese envoy to the court of Lhasa—was a man who had a charming young sister and who held a special rank among the mandarins. He was in the sixth rank but hoped to rise higher soon; his particular aspiration was even to receive the Order of the Peacock Feather. But now, while this Chinese envoy is pursuing his dreams—the boldest of which is to acquire the high Order of the Peacock Feather—the new Dalai Lama has been installed in his office. The new Dalai Lama knows that he created the sun, the moon, the stars, the lightning, and the clouds, as well as the plants and the stones, and he explains to those who are now paying their respective visits how he did this—how he is the creator of all that is visible in the vast universe, and also of that which is invisible. Thus, he is the creator of the visible world, as well as of what is considered to be the invisible worlds that are part of the visible world.

[ 13 ] In Tibet gibt es nun zwei Parteien. Anderswo gibt es auch Parteien, nur stehen diese zwei Parteien noch in innigerem Zusammenhange mit der ganzen althergebrachten, spirituellen Entwickelung der Menschheit. Diese zwei Parteien, denen Priesterschaften verschiedener Sekten angehören, bezeichnet man gewöhnlich nach den Kopfbedeckungen. Die eine Partei heißt: die Gelbmützen, und die andere: die Rotquasten. Diese stehen in einem fortwährenden Streite miteinander. Wir würden in unserer Sprache sagen - es ist dort wirklich im innigen Zusammenhange mit dem Spirituellen -: die Gelbmützen hängen mit dem luziferischen Elemente des Lebens zusammen, die Rotquasten mehr mit dem ahrimanischen. Das geht durch ihre Lehre, aber auch durch ihre Handlungen hindurch. So daß die Lehren und Handlungen der Gelbmützen so geformt und gemacht sind, daß das luziferische Element in ihnen waltet, und in allem, was die Rotquasten vollbringen, mehr das ahrimanische Element waltet. Es folgt daraus — und Ihnen auseinanderzusetzen, warum das daraus folgen kann, würde zu weit führen -, daß die Rotquasten ihr Hauptgewicht darauf legen, daß der Dalai-Lama von Lhasa angesehen wird als der rechtmäßige Gott, der die Pflanzen, die Tiere und die Menschen hervorgebracht hat. Sie haben ein Interesse daran, daß der neue Dalai-Lama gefunden wird, und daß alles im Lande daran glaubt, daß er der rechtmäßige Gott ist, während die Gelbmützen, wenn der Dalai-Lama gefunden ist und auf dem Throne sitzt, fortwährend darüber empört sind. Denn es gibt in Tibet außer dem Dalai-Lama einen Teschu-Lama, der mehr anerkannt wird von den nördlichen Tibetanern und von den Mongolenstämmen, der also neben dem Dalai-Lama besteht und der sein ganzes Leben lang danach trachtet, den anderen zu stürzen und sich selber auf den Thron zu setzen. Die Gelbmützen sind also diejenigen, die den Teschu-Lama unterstützen und suchen, ihn auf den Thron zu bringen.

[ 13 ] There are now two factions in Tibet. There are factions elsewhere as well, but these two are even more intimately connected with the entire time-honored spiritual development of humanity. These two factions, which include the priesthoods of various sects, are usually identified by the headdresses they wear. One faction is called the Yellow Hats, and the other, the Red Tassels. These are in constant conflict with one another. In our language, we would say—and this is truly intimately connected with the spiritual there—that the Yellow Hats are associated with the Luciferic element of life, while the Red Tassels are more closely associated with the Ahrimanic element. This permeates their teachings, but also their actions. Thus, the teachings and actions of the Yellow Hats are shaped and structured in such a way that the Luciferic element prevails within them, while in everything the Red Tassels accomplish, the Ahrimanic element prevails more strongly. It follows from this—and explaining to you why this follows would take us too far afield—that the Red Tassels place their main emphasis on ensuring that the Dalai Lama of Lhasa is regarded as the rightful god who brought forth plants, animals, and human beings. They have an interest in ensuring that the new Dalai Lama is found and that everyone in the country believes he is the rightful god, whereas the Yellow Hats, once the Dalai Lama has been found and is seated on the throne, are constantly outraged by this. For in Tibet, besides the Dalai Lama, there is a Teschu Lama who is more widely recognized by the northern Tibetans and the Mongol tribes; he thus exists alongside the Dalai Lama and spends his entire life striving to overthrow the other and place himself on the throne. The Yellow Hats, therefore, are those who support the Teschu Lama and seek to place him on the throne.

[ 14 ] Der mit dem Ideal des Ordens der Pfauenfeder sah nun: ein neuer Dalai-Lama ist da. China, sein Land, führte eine Art Aufsicht über Tibet. Aber der Teschu-Lama will dem anderen den Thron streitig machen, und da gibt es etwas zu intrigieren. Und solche Intrigen fädelt er nun ein. Er arrangiert eine Art Karawanenzug, eine Art Kriegszug, um zum Teschu-Lama zu gehen und dessen Macht zu verstärken. Aber in Wirklichkeit ist es ihm nicht darum zu tun, daß der Teschu-Lama auf den Thron kommt, sondern er will, daß das chinesische Regiment die Zügel straffer anziehen kann. Bei der ganzen Verwirrung, die da entsteht, stellt es sich heraus, daß das reizende Mädchen, die Tochter unseres Sünders, aus dem Gefängnisse entspringen konnte. Und was nie sein darf, geschieht da, was ganz ausgeschlossen sein sollte, geschieht: in dem Garten, in dem nur der Gott spazieren gehen darf, der Dalai-Lama, entdeckt sie den Dalai-Lama, und siehe da, der Dalai-Lama war ihr Jugendgespiele, der eines Tages nicht mehr da war, der auf einmal verschwunden war, und der mittlerweile zum Dalai-Lama erzogen worden war. Der war jetzt Dalai-Lama, und er entdeckte dieses Mädchen, die Tochter unseres furchtbaren Sünders. Es entspinnt sich nun ein recht interessanter Dialog. Und Sie können sich denken, was für Verhältnisse entstehen mögen, wenn die Jugendgespielin, die ihren Jugendgespielen innig liebte, diesem Jugendgespielen begegnet, der überzeugt ist, daß er die Sonne, den Mond und die Sterne gemacht hat, und die Jugendgespielin nicht abgeneigt ist, an ihren Gott bis zu einem gewissen Grade zu glauben. Nun geschah es aber, daß die Priester dieses Furchtbare entdeckten und das Mädchen wieder in das Gefängnis zurückwarfen. Der Dalai-Lama aber sitzt auf dem weichen Kissen von Seide und dem anderen Zubehör, das er hat, und meditiert weiter darüber, wie er den Blitz und die Wolken lenke und wie er die anderen Dinge, die mit der sichtbaren Welt zusammenhängen, hervorgebracht habe und weiter unterhalte.

[ 14 ] The one who embraced the ideal of the Order of the Peacock Feather now saw: a new Dalai Lama had arrived. China, his country, exercised a kind of oversight over Tibet. But the Teschu Lama wants to challenge the other for the throne, and there is room for intrigue. And he is now orchestrating such intrigues. He arranges a sort of caravan, a sort of military campaign, to go to the Teschu Lama and strengthen his power. But in reality, his aim is not to see the Teschu Lama ascend the throne; rather, he wants the Chinese regime to be able to tighten its grip. Amid all the confusion that ensues, it turns out that the charming girl—the daughter of our sinner—has managed to escape from prison. And what must never happen does happen—what should be completely out of the question occurs: in the garden where only the god, the Dalai Lama, is allowed to walk, she discovers the Dalai Lama, and lo and behold, the Dalai Lama was her childhood playmate, the one who one day was no longer there, who had suddenly vanished, and who had since been raised to become the Dalai Lama. He was now the Dalai Lama, and he discovered this girl, the daughter of our terrible sinner. A rather interesting dialogue now unfolds. And you can imagine what kind of situation might arise when the childhood friend, who had dearly loved her childhood playmate, encounters this playmate, who is convinced that he created the sun, the moon, and the stars—and the childhood friend is not averse to believing in her god to a certain extent. But it so happened that the priests discovered this terrible thing and threw the girl back into prison. The Dalai Lama, however, sits on his soft silk cushion and among his other belongings, continuing to meditate on how he directs the lightning and the clouds and how he has brought forth and continues to sustain the other things connected to the visible world.

[ 15 ] Wir werden dann im weiteren Verlaufe des Romans noch einmal vor das schwarze Tribunal geführt. Eine furchtbare Szene spielt sich ab, deshalb, weil unser Sünder, der zuerst nichts weiter auf dem Gewissen hatte, als daß er den Abstand zwischen Nase und Oberlippe einen Millimeter zu lang gemacht hat, jetzt als großer Verbrecher erscheint. Er war nämlich inzwischen im Gefängnis wahnsinnig geworden, hatte etwas, wie wir sagen würden, Plastilin genommen und hat die kuriosesten Götter gemacht. Nun denken Sie sich, ein tibetanisches Tribunal muß hereinbringen lassen eine ganze Menge von Göttern, die er im Gefängnis falsch gemacht hat! Das ist eine furchtbare Sache. Ein Geheul der Entrüstung entsteht, wie er sich auch verteidigen will. Denn es sind ringsherum die Richter, auf den weiten Galerien die Leute, und die Richter sind lauter Mönche, die es dem Volke sagen, wie lang die Nasenflügel sein müssen, wie groß jede Linie bei jedem Gott sein darf, wieviel größer der Bauch eines Gottes als der eines gewöhnlichen Menschen sein darf, und was alles der Mann da noch gesündigt hat mit den Göttern, die er im Gefängnis fabriziert hat. Das ist etwas Schreckliches. Zerrissen wird er geradezu von den fanatischen Richtern des Inquisitionstribunals. Der große Sünder und sein Anhang, auch sein reizendes Töchterchen, deren besonderer Reiz darinnen besteht, daß sie nicht allzu kleine Füße hat und dadurch abweicht von der morgenländischen Gewohnheit der allzu kleinen Füße — und auch sonst ist sie ein reizendes Wesen —, werden wieder ins Gefängnis geworfen. Aber der Anhang des Mannes mit dem Streben nach dem Orden der Pfauenfeder stiftet in Lhasa eine Verwirrung, und in dieser Verwirrung entsteht nun ein Brand, und gerade dasjenige Haus brennt, in dem das Mädchen darinnen ist. Sie erscheint auch hoch oben zwischen Rauch und Flammen in demselben Augenblick, als der DalaiLama mit seinem Bruder unten vorbeigeht. Im richtigen Momente regt sich das menschliche Herz des Gottes, des Dalai-Lama. Jetzt schickt er nicht den Donner und den Blitz zu Hilfe, sondern er stürzt sich in die Flammen, rettet das Mädchen und bringt es herunter. Der Schamane, sein Bruder, von allem unterrichtet, verhilft ihm zur Flucht. Der Dalai-Lama flieht mit dem Mädchen in eine einsame Gebirgsgegend, zusammen mit seinem Bruder; der Teschu-Lama der Gelbmützen wird an seine Stelle gesetzt. Das Mädchen geht also mit dem Maha Guru und seinem Bruder, dem Schamanen, zusammen — denn wenn einer heiratet, heiratet nach tibetanischem Gebrauche der andere mit — und nun ist er verheiratet mit dem reizenden Mädchen. Der Schamane stirbt schon nach einem Jahre. Der gute Dalai-Lama, der wird sehr alt. Er wird dadurch zum einzigen Manne seiner Frau, und das ist eine lange Reihe von Jahren gewesen, da der Schamane gleich nachher gestorben ist. Er überlebt sogar noch diese Frau, ist ein ganz einsamer, alter Mann geworden, hat sich längst abgewöhnt, daß er den Blitz und den Donner regiere, daß er Berge, Wälder und Flüsse geschaffen, daß Sonne, Mond und Sterne nach seinem Willen ihre Kreise ziehen. Er wird in seinen alten Tagen ein Jogi. Er sucht die Weisheit aufzunehmen, durch die seine Seele in die geistigen Welten hinaufkommt. Er steht auf einem Bein, das andere in Schlangenform um dasselbe herumgeschlungen, die eine Hand nach hinten, die andere Hand hinaufgerichtet: so steht er nun, nur noch die Lippen bewegend. Arme aus dem Tale bringen ihm Speise; er aber verläßt diese Stellung nicht mehr. Die Gräser, die Schlinggewächse, wachsen um ihn herum, und er erwartet so den Tod. — Diese letzte Szene ist in einer merkwürdigen Weise in dem Romane geschildert. Es ist geschildert, wie der zum DalaiLama gemachte Mann im Alter in Wirklichkeit seinen Gott findet, und wie seine Seele sich auflöst in diejenigen Elemente, die er kennenlernen wollte und von denen er eine gewisse Zeit seines Lebens hindurch geglaubt hat, daß er sie gemacht habe.

[ 15 ] Later in the novel, we are once again brought before the Black Tribunal. A terrible scene unfolds, because our sinner—who at first had nothing on his conscience other than having made the distance between his nose and upper lip one millimeter too long—now appears as a major criminal. For he had, in the meantime, gone mad in prison; he had taken—as we would say—some modeling clay and fashioned the most bizarre gods. Now just imagine: a Tibetan tribunal must bring in a whole host of gods that he had made incorrectly in prison! That is a terrible thing. A howl of indignation arises, no matter how he tries to defend himself. For all around are the judges, and in the wide galleries the people; and the judges are all monks who tell the people just how long the nostrils must be, how large each line on each god may be, how much larger a god’s belly may be than that of an ordinary person, and all the other ways this man has sinned with the gods he fashioned in prison. This is a terrible thing. He is being torn to pieces, quite literally, by the fanatical judges of the Inquisition tribunal. The great sinner and his entourage—including his charming little daughter, whose particular charm lies in the fact that her feet are not too small, thus deviating from the Eastern custom of having feet that are too small—and she is a charming creature in every other respect as well—are thrown back into prison. But the entourage of the man aspiring to the Order of the Peacock Feather causes confusion in Lhasa, and in this confusion a fire breaks out, and the very house in which the girl is inside goes up in flames. She appears high above amid the smoke and flames at the very moment the Dalai Lama and his brother are passing by below. At the right moment, the human heart of the god, the Dalai Lama, stirs. Now he does not send thunder and lightning to the rescue, but instead throws himself into the flames, rescues the girl, and brings her down. The shaman, his brother, who knows everything, helps him escape. The Dalai Lama flees with the girl to a secluded mountainous region, together with his brother; the Teschu Lama of the Yellow Hats is installed in his place. So the girl goes with the Maha Guru and his brother, the shaman—for according to Tibetan custom, when one marries, the other marries as well—and now he is married to the lovely girl. The shaman dies after only a year. The good Dalai Lama, however, lives to a very old age. He thus becomes his wife’s only husband, and that has been the case for a long series of years, since the shaman died shortly thereafter. He even outlives this wife, becoming a completely lonely old man; he has long since given up the belief that he controls lightning and thunder, that he created mountains, forests, and rivers, and that the sun, moon, and stars move in their orbits according to his will. In his old age, he becomes a yogi. He seeks to absorb the wisdom through which his soul ascends into the spiritual worlds. He stands on one leg, the other coiled around it like a snake, one hand extended backward, the other raised upward: this is how he now stands, moving only his lips. People from the valley bring him food; but he no longer leaves this position. Grasses and vines grow around him, and thus he awaits death. — This final scene is depicted in a remarkable way in the novel. It describes how the man who was made the Dalai Lama actually finds his God in old age, and how his soul dissolves into those elements he sought to understand and which, for a certain period of his life, he believed he had created.

[ 16 ] Es ist ein sehr merkwürdiges literarisches Produkt, ein Produkt der dreißiger Jahre des 19. Jahrhunderts, in dem mit großem Verständnisse von einem verhältnismäßig jungen Manne geschildert wird, was für Gebräuche es in Tibet, in jenem merkwürdigen Lande gibt: es ist dasjenige, was in der fünften nachatlantischen Zeit nur zurückbleiben konnte von mancherlei, was in ganz anderer Weise vorhanden war in der vierten, in der atlantischen Hauptperiode unserer Erdenentwickelung. Das Bedeutsame, das äußerlich Bedeutsame zunächst ist, daß in dieser Zeit solch ein Roman entstehen konnte, daß eine Menschenseele das Bedürfnis hat, etwas hinzustellen, was in der Tat nur begriffen werden kann, wenn man den ganzen Entwickelungsgang der Menschheit auch von seiner geistigen Seite aus wenigstens ahnt. Wenigstens ahnt in Europa einer, daß in diesem merkwürdigen Lande in mancher uns grotesk vorkommenden tibetanischen Einrichtung am treuesten vorhanden ist — selbstverständlich in Karikatur — dasjenige, was ganz anders vorhanden war in der atlantischen Welt. Das ist das äußerlich Bedeutsame zu dem hinzu, daß dieser Roman entstehen konnte in jener Zeit, daß gewissermaßen einmal hingewiesen wurde auf jenes Land, wo man am bedeutsamsten sehen kann, wie sogar noch in den sogenannten Gelbmützen und Rotquasten fortlebt das luziferische und ahrimanische Element, mit denen die Bewohner von Atlantis, namentlich im vierten atlantischen Zeitraume, in hohem Maße bekannt waren, mit denen sie gewirkt und gearbeitet haben. Aber noch etwas anderes ist innerlich bedeutsam in diesem «Maha Guru».

[ 16 ] It is a very curious literary work, a product of the 1830s, in which a relatively young man describes, with great insight, the customs that exist in Tibet, that remarkable land: it is that which, in the fifth post-Atlantean epoch, could only remain of various things that existed in a completely different way in the fourth, the main Atlantean period of our Earth’s evolution. What is significant—and significant, at least outwardly, at first glance—is that such a novel could have come into being during this era, that a human soul felt the need to create something that can, in fact, only be understood if one at least has a sense of the entire course of human development, including its spiritual aspect. At least in Europe, one senses that in this remarkable country, in many Tibetan customs that seem grotesque to us, there is a most faithful reflection—albeit in caricature—of what existed quite differently in the Atlantean world. This is the outwardly significant aspect, in addition to the fact that this novel was able to come into being at that time, when, so to speak, attention was drawn to that country where one can most clearly see how even in the so-called “yellow caps” and “red tassels” the Luciferic and Ahrimanic elements—with which the inhabitants of Atlantis, particularly during the fourth Atlantean epoch, were intimately familiar with—and with which they worked and interacted. But there is something else that is of inner significance in this *Maha Guru*.

[ 17 ] Innerlich bedeutsam ist dasjenige, was wir uns vor die Seele führen können, wenn wir den Augenblick noch einmal vor unsere Seele hinstellen, wo die Verhandlung vor dem angedeuteten schwarzen Inquisitionstribunale stattfindet. Eine merkwürdige Rede hält unser Sünder dort zu seiner Verteidigung. Wir wissen schon, er hat im Gefängnis zahllose Götter fabriziert; aber er hat sie im Wahnsinne fabriziert, wahnsinnig ist er geworden. Es ist das sehr schön geschildert, wie der Wahnsinn sich schon vorbereitet auf der Fahrt nach Lhasa, wie er sich dann immer mehr ausbreitet und schließlich ausbricht so, wie ich es schon geschildert habe. Nun fabriziert er, ganz wahnsinnig geworden, allerlei Götter, die in der furchtbarsten Art gegen den Kanon verstoßen.

[ 17 ] What is truly significant is what we can bring to mind when we once again recall the moment when the trial takes place before the aforementioned black Inquisition tribunal. There, our sinner delivers a remarkable speech in his own defense. We already know that he invented countless gods while in prison; but he invented them in a state of madness—he had gone mad. It is beautifully described how the madness was already taking shape on the journey to Lhasa, how it then spread more and more, and finally erupted just as I have already described. Now, having gone completely mad, he invents all sorts of gods that violate the canon in the most appalling way.

[ 18 ] Wir erfahren dabei dasjenige von dem tibetanischen Kanon, was Gutzkow in merkwürdig schöner und treffender Weise entwickelt hat; aber wir erfahren noch etwas ganz Merkwürdiges. Dieser große Sünder wird uns etwa in der folgenden Weise charakterisiert. Er hat es als Sohn von seinen Vätern und Großvätern übernommen - so muß man für Tibet immer sagen -, daß er Götter fabrizierte. Immer, immer waren die von ihm fabrizierten Götter so, daß es bis auf die Linie hin klappte; daß richtig war jede Entfernung und Anordnung der Glieder, daß richtig war die Entfernung zwischen der Oberlippe und den Nasenflügeln und so weiter. Nie, nie war es ihm passiert, daß auch nur um ein Winziges der Abstand zwischen dem Nasenflügel und der Oberlippe irgendwie zu groß geworden war. Dann war es ihm aber einmal passiert, und nun hatte er seinen Tod zu erwarten. Aber als wahnsinniger Mensch nun, das heißt in dem Zustande, wo seine Seele schon etwas heraus ist aus seinem Leibe, da bedient er sich seines Leibes so, daß er ganz ketzerische Götter fabriziert. Und jetzt hält er eine lange Rede zu seiner Verteidigung, er, der selbst nichts aufgenommen hat von Kunst als das, was vorgeschrieben ist von dem Kanon - denn die Götter wurden immer nach dem Kanon fabriziert -, eine Rede, worin er künstlerische Prinzipien entwickelt aus seinem Wahnsinne heraus. Es ist eine tief ergreifende Szene für denjenigen, der so etwas versteht. Diesem Manne also, solange er intakt war mit seinen vier Leibern, konnte nur der winzige Fehler passieren mit dem etwas größeren Abstand zwischen der Nase und der Oberlippe. Aber jetzt, nachdem sich der astralische Leib und der ÄAtherleib gelockert haben vom physischen Leibe, wird er zum Künstler und arbeitet mit grotesk-künstlerischen Prinzipien. Das versteht die Inquisition nicht und glaubt, daß er sich mit dem Bösen verbündet habe, um die Werke der Götter zu zerstören.

[ 18 ] In doing so, we learn what Gutzkow has elaborated in a remarkably beautiful and apt manner regarding the Tibetan canon; but we also learn something quite remarkable. This great sinner is characterized to us in roughly the following way. He inherited from his fathers and grandfathers—as one must always say when speaking of Tibet—the practice of inventing gods. Always, always, the gods he created were such that everything lined up perfectly; every distance and arrangement of the limbs was correct, the distance between the upper lip and the nostrils was correct, and so on. Never, never had it happened to him that the distance between the nostrils and the upper lip had become even a tiny bit too great. But then it happened to him once, and now he had to face his death. Yet as a madman—that is, in a state where his soul has already partially left his body—he uses his body to create utterly heretical gods. And now he delivers a long speech in his own defense—he, who himself has absorbed nothing of art except what is prescribed by the canon—for the gods were always fabricated according to the canon—a speech in which he develops artistic principles out of his madness. It is a deeply moving scene for anyone who understands such things. So for this man, as long as he was intact with his four bodies, the only mistake he could make was the slightly larger gap between his nose and upper lip. But now, after the astral body and the etheric body have detached from the physical body, he becomes an artist and works with grotesque-artistic principles. The Inquisition does not understand this and believes that he has allied himself with evil to destroy the works of the gods.

[ 19 ] Vieles von dem, was ich gesagt habe vom Abirren der Menschenseele nach dem einen oder dem anderen Abgrund, tritt einem da vor die Seele, wenn man die ergreifende Szene vor dem Inquisitionstribunale bei Gutzkow liest. So stand es vor der Seele auch dieses jungen Mannes, wie eine Zeit kommen könnte, in der die Menschen nicht mehr ihr Gleichgewicht zu finden vermögen. Und nun stellt er solche Menschen hinein in eine religiöse tibetanische Gemeinschaft, weil diese Fragen selbstverständlich für den Romanschreiber am intensivsten dadurch entwickelt werden können, daß die Gegensätze schroff aufeinanderplatzen, und weil er dadurch zeigen kann, wie da plötzlich Kunst auftaucht; Kunst auftaucht, aus der in den Abgrund hinabgeirrten Menschenseele, aus der Menschenseele, die nahe an Luzifer herangekommen ist, um sich zu retten aus den ahrimanischen Klauen der Rotquasten, die als Ketzerrichter dastehen. Daraus sehen wir die Kunst heraufschießen. Es ist ein wunderbar tiefes Gesetz, auf das da hingedeutet wird, von dem Zusammenhang der Menschen mit der geistigen Welt und ihren Abgründen: der luziferischen und ahrimanischen Welt.

[ 19 ] Much of what I have said about the human soul straying into one abyss or another comes to mind when one reads the poignant scene before the Inquisition tribunal in Gutzkow’s work. So it also came to mind for this young man: how a time might come when people would no longer be able to find their balance. And now he places such people within a Tibetan religious community, because—for the novelist, of course—these questions can be explored most intensely when contrasts clash sharply, and because in this way he can show how art suddenly emerges; art emerges from the human soul that has strayed into the abyss, from the human soul that has come close to Lucifer in order to save itself from the Ahrimanic clutches of the red-tasseled figures who stand as judges of heretics. From this we see art springing forth. It is a wonderfully profound law that is being pointed to here—the connection between human beings and the spiritual world and its abysses: the Luciferic and Ahrimanic worlds.

[ 20 ] Bevor ich diesen Gedankengang weiter verfolge, will ich einige Bemerkungen machen über das polnische Drama des Krasinski, über jenes Drama, das da schließt mit den Worten: «Du hast gesiegt, Galiläer!» und wovon Mickiewicz in seinen Pariser Vorträgen eine teilweise Übersetzung gibt unter dem Titel: «La comédie infernale.» Ich bemerke ausdrücklich, daß ich das Drama künstlerisch zu beurteilen nicht in der Lage bin, weil ich nur Idee und Intention dieses Dramas kenne. Nach dem schönen Ausdruck, den Adam Mickiewicz in seinen Pariser Vorträgen im Jahre 1842 diesem Drama gegeben hat, kann ich nur über die Idee und Intention dieses Dramas sprechen und nichts sagen über das Künstlerische, nur über Idee und Intention, Diese Einschränkung müssen Sie machen. Und man kann wirklich über das Drama so sprechen, denn Mickiewicz hat es gerade nach Idee und Intention analysiert. Das sind so gute Aufsätze im Französischen, daß man von dem Großartigen und Bedeutsamen dieses Dramas sich wohl überzeugen kann, wenn man eindringt in die Mitteilungen des Herrn Mickiewicz. Man sieht es noch mehr, wenn man in der bei Mickiewicz wiedergegebenen schönen Vorrede zu diesem Drama über den Geist der Dichtung liest, und man überzeugt sich, daß man es zu tun hat mit einem Drama, das aus den tiefsten Tiefen der Menschenseele hervorgegangen ist. In wunderbarer Weise werden die Geheimnisse des menschlichen Seelenlebens in diesem Drama berührt. Es steht vor uns ein polnischer Graf als Hauptperson; links und rechts zu ihm sprechend, sich zu ihm wendend, gute Engel, böse Engel, von denen die einen die Menschheit nach der guten Seite der Evolution leiten wollen, die anderen nach der schlimmen Seite der Evolution leiten wollen. Die betreffenden Szenen sind ins Französische übersetzt und zeigen, wie mit wunderbarer Einfachheit der polnische Dichter diese Verhältnisse der Genien aus der Hierarchie der Angeloi zu unserem Helden, dem polnischen Grafen, darzustellen bemüht war.

[ 20 ] Before I continue this line of thought, I would like to make a few remarks about Krasinski’s Polish play—the one that concludes with the words: “You have triumphed, Galilean!” and of which Mickiewicz provides a partial translation in his Paris lectures under the title: “La comédie infernale.” I expressly note that I am not in a position to judge the play artistically, because I am familiar only with its idea and intention. Based on the beautiful description Adam Mickiewicz gave of this play in his Paris lectures in 1842, I can speak only of the play’s idea and intention and say nothing about its artistic merits—only about its idea and intention. You must bear this limitation in mind. And one can indeed speak of the drama in this way, for Mickiewicz analyzed it precisely in terms of its concept and intent. These are such excellent essays in French that one can readily convince oneself of the grandeur and significance of this drama by delving into Mr. Mickiewicz’s writings. This becomes even more apparent when one reads the beautiful preface to this drama—reproduced by Mickiewicz—which discusses the spirit of poetry, and one becomes convinced that one is dealing with a drama that has emerged from the deepest depths of the human soul. In a marvelous way, the mysteries of the human soul are explored in this drama. Before us stands a Polish count as the main character; speaking to him from left and right, turning toward him, are good angels and evil angels, some of whom seek to guide humanity toward the good side of evolution, while others seek to lead it toward the dark side of evolution. The relevant scenes have been translated into French and demonstrate how, with marvelous simplicity, the Polish poet sought to portray these relationships between the spirits from the hierarchy of the Angeloi and our hero, the Polish count.

[ 21 ] Dann lernen wir kennen das Familienleben des Grafen. Dieses Familienleben des Grafen hat gelitten unter der ganzen Persönlichkeit des Grafen. Der Graf lebt ganz und gar in der Vergangenheit, die in sein persönliches Leben hineinreicht, in der Vergangenheit der Menschheit, in der Vergangenheit dessen, was in der Evolution der Menschheit bis dahin gewirkt hat; aber auch in der Vergangenheit, die ihm inmitten des alten polnischen Ahnengeschlechtes zukommt, inmitten der Bilder seiner Väter und seiner Ahnen. Um das Gegenwärtige kümmert er sich wenig, und so kann er keinen Zusammenhang finden mit seiner Frau. Aber in dem, was in ihm als Erbgut lebt, das, ich möchte sagen, in ihn verpflanzt ist durch das verfeinerte Blut vieler Geschlechter, in dem lebt zugleich wie verfeinert eine ungemein spirituelle Gesinnung, ein Sinn für die Welten, die ganz über dem Irdischen schweben, ein ganz spiritueller Sinn. Und so kommt es, daß er keinen Zusammenhang finden kann mit seiner Frau. Er lebt nur im Geiste, er lebt so, daß jene, die in seiner Umgebung sind, ihn wie einen gottbegnadeten Propheten empfinden. Seine Frau hat ihm soeben einen Sohn geboren. Wir werden dann geführt zu der Taufe seines Kindes; aber er selbst ist nicht dabei. Er kann keinen Zusammenhang finden mit dem, was irdisch ist. Durch diese Taufe und durch das, was damit zusammenhängt, wird die Frau, die Mutter des Kindes, wahnsinnig. Er, der Graf, hatte sich entfernt, und als er nach der Taufe wieder nach Hause kommt, muß er erfahren, daß seine Frau in einem Irrenhause, also in dem, was man heute ein Sanatorium nennen würde, untergebracht ist.

[ 21 ] Then we learn about the count’s family life. The count’s family life has suffered because of his entire personality. The Count lives entirely in the past—a past that extends into his personal life, into the past of humanity, into the past of what has shaped human evolution up to that point; but also in the past that belongs to him amidst his ancient Polish lineage, amidst the images of his fathers and ancestors. He pays little attention to the present, and so he cannot find a connection with his wife. But within what lives in him as hereditary heritage—which, I might say, has been transplanted into him through the refined blood of many generations—there also lives, in a refined form, an extraordinarily spiritual disposition, a sense for the worlds that hover entirely above the earthly realm, a wholly spiritual sensibility. And so it is that he cannot find a connection with his wife. He lives only in the spirit; he lives in such a way that those around him perceive him as a prophet gifted by God. His wife has just given birth to a son. We are then led to the baptism of his child; but he himself is not present. He cannot find a connection with what is earthly. Because of this baptism and everything associated with it, the woman—the child’s mother—goes mad. He, the count, had gone away, and when he returns home after the baptism, he learns that his wife has been committed to an insane asylum—what we would call a sanatorium today.

[ 22 ] Merkwürdig, wir werden wiederum geführt vor eine Persönlichkeit, deren Menschheitsglieder gelockert sind. Wir erfahren, welches die Worte vor dem Wahnsinnigwerden der Frau anläßlich der Taufe des Kindes waren. Als es getauft werden sollte, faßte die Frau die Idee von dem Unglück, das das Kind umschwebt dadurch, daß sie nicht gewachsen war mit ihren Talenten und ihrer ganzen Menschlichkeit dem, wie ihr Gatte in der geistigen Welt lebte, und daß sie nicht geboren haben könne ein Kind, das genügend in den geistigen Welten hätte leben können, damit der Vater es hätte lieben können. Und sie will mit der ganzen Kraft ihrer Seele, mit all ihrer Sehnsucht eindringen in die geistigen Welten, um für ihren Sohn das herunterzuholen, was dort zu finden ist. Sie wünschte, daß sie aus der geistigen Welt alles holen könnte, um dem Kinde eine spirituelle Anlage geben zu können. Über diesem gleichsam Herabholen der spirituellen Anlagen für das Kind wird sie wahnsinnig. Sie wird also, wie wir heute sagen würden, in ein Sanatorium gebracht.

[ 22 ] Strange—once again we are confronted with a character whose humanity is fraying. We learn what words the woman spoke just before she lost her mind during the child’s baptism. When the time came for the child to be baptized, the woman grasped the idea of the misfortune that surrounded the child—that she had not, with her talents and her entire humanity, been able to measure up to the way her husband lived in the spiritual world, and that she could not have given birth to a child who would have been able to live sufficiently in the spiritual worlds for the father to love him. And with all the strength of her soul, with all her longing, she wants to penetrate the spiritual worlds to bring down for her son whatever can be found there. She wished she could bring everything from the spiritual world to give the child a spiritual disposition. This very act of “bringing down” spiritual endowments for the child drives her mad. So she is, as we would say today, taken to a sanatorium.

[ 23 ] Dort sucht sie noch der alte Graf auf; er findet sie, und sie spricht mit ihm. Und nun sagt sie ganz wunderbar ergreifende Worte. Sie kündigt zuerst an, daß sie aus den geistigen Welten für das Kind diejenigen Kräfte holen wolle, die es dem Vater liebensmöglich machen, und dann sagt sie wundervolle Worte, etwa wie folgt: Ich kann alle Welten durchdringen; meine Flügel schwingen sich auf in alle Welten, ich will zusammenfassen alles, was in den geistigen Welten wohnt und strahlt, um es meinem Kinde einzuflößen, und ich will zusammenfassen alles, was da lebt im Geisteslicht und in der Sphärenwelt, um die Seele des Kindes so zu machen, daß das Kind ein Dichter werde. —- Ein Wort führt uns ganz besonders tief hinein in das ahnende Vorstellungsleben des Dichters, in die geistigen Welten, da wo der Dichter den alten Grafen, der da hört, daß seine Frau wahnsinnig geworden ist, sagen läßt: Wo weilt ihre Seele jetzt? Inmitten des Geheuls von Wahnsinnigen! Dieser abgeklärte Geist, der in Ehrfucht vor dem Weltall lebte, er ist verfinstert. Ihre Gedanken hat sie in die Wüste geschickt, mich zu suchen!

[ 23 ] There, the old count seeks her out; he finds her, and she speaks with him. And now she utters some wonderfully moving words. She first announces that she intends to bring from the spiritual worlds, for the child’s sake, those powers that will make it possible for the father to love him, and then she speaks wonderful words, something like the following: I can penetrate all worlds; my wings soar into all worlds; I will gather all that dwells and shines in the spiritual worlds to instill it in my child, and I will gather all that lives in the light of the spirit and in the world of the spheres to shape the child’s soul so that the child may become a poet. —- One phrase takes us particularly deep into the poet’s intuitive imagination, into the spiritual worlds, where the poet has the old count—who has just heard that his wife has gone mad—say: “Where does her soul dwell now?” Amid the howling of madmen! This serene spirit, who lived in awe of the universe, has been darkened. She has sent her thoughts into the desert to seek me!

[ 24 ] Dann geht der Vater einmal zu dem Kinde. Das Kind ist physisch blind geboren, aber hellsichtig geworden, und es spricht von seiner Mutter. Das Kind bleibt zunächst blind, und wo es spricht, da werden, einige Zeit nach dieser Szene, von dem Grafen merkwürdige Worte gesagt. Die Mutter ist nämlich mittlerweile gestorben. Das Kind erzählt dem Vater, daß sich seine Seele wie mit Flügeln immer erheben könne dorthin, wo die Mutter sei, die Mutter, die es nie gekannt hat. Und so erzählt das Kind, indem es schildert, wie es hineinschaut in die geistige Welt, dasjenige, was das Kind selbstverständlich nicht gehört hat, aber was der Vater von der wahnsinnigen Frau als deren letzten Wunsch vernommen hat. Da sagt der Graf wieder ein merkwürdiges Wort, merkwürdig für den, der geisteswissenschaftlich hineinschauen kann in diese Dinge: Ist es denn möglich, daß derjenige, der durch den Tod hindurchgegangen ist, in der geistigen Welt noch eine Zeitlang fortbehält die Ideen, die er zuletzt gehabt hat hier, bevor er durch die Todespforte hindurchgegangen ist?

[ 24 ] Then the father goes to see the child. The child was born physically blind but has become clairvoyant, and speaks of his mother. The child remains blind at first, and—some time after this scene—the count utters some strange words. For the mother has, in the meantime, died. The child tells the father that its soul can always rise, as if on wings, to where the mother is—the mother it has never known. And so the child recounts, as it describes how it looks into the spiritual world, what the child naturally has not heard, but what the father learned from the madwoman as her last wish. Then the count utters another strange remark—strange to one who can gain insight into these matters through Spiritual Science: “Is it possible that someone who has passed through death retains in the spiritual world, for a time, the ideas they last held here before passing through the gate of death?”

[ 25 ] So sehen wir, wie Mutter und Kind physisch zusammenbrechen, und wie sie in einer gewissen abnormen Weise, atavistisch, in die geistige Welt hineingetragen werden. Mitten um den Grafen herum, der ganz in. der Vergangenheit mit seinem Geiste lebt, brechen sie zusammen, aber atavistisch werden sie in die geistige Welt hineingetragen.

[ 25 ] Thus we see how mother and child physically collapse, and how they are carried into the spiritual world in a certain abnormal, atavistic way. Surrounding the count, who lives entirely in the past with his spirit, they collapse, yet in an atavistic way they are carried into the spiritual world.

[ 26 ] Man kann nicht anders, als einen inneren Zusammenhang zu finden zwischen dem atavistischen Hineingetragenwerden in die geistige Welt derjenigen, die in der Nähe des polnischen Grafen sind, und dem Hineingetragenwerden des Götterfabrikanten, dieses großen Sünders in dem «Maha Guru», der seine Kunst schildert, der eine ganz neue Götterwelt herauszauberte, als er wahnsinnig geworden, physisch zusammengebrochen war. Man vernimmt aus dem polnischen Drama fast noch mehr als aus dem «Maha Guru» den Schrei der Menschheit: Was soll werden, wenn nicht in richtiger und reiner Form die Menschenseelen empfangen können die Lehren von den geistigen Welten? Was soll werden mit der Menschheit in der Zukunft? Sollen die Menschen, damit sie in die geistige Welt hineinkommen, physisch zerbrechen müssen?

[ 26 ] One cannot help but find an inner connection between the atavistic being carried into the spiritual world of those close to the Polish count, and the way the “god-maker”—that great sinner in *Maha Guru*—is swept into it; he who describes his art, who conjured up an entirely new world of gods when he had gone mad and physically collapsed. One hears the cry of humanity almost more clearly in the Polish drama than in “Maha Guru”: What will become of us if human souls cannot receive the teachings from the spiritual worlds in a true and pure form? What will become of humanity in the future? Must people physically break down in order to enter the spiritual world?

[ 27 ] Diese ernsten Fragen mußten diejenigen, die ernst waren, an das Schicksal stellen. Und gerade wenn man die Vorrede zu dieser «Comédie infernale» liest, dann bekommt man ein Gefühl davon, daß dem polnischen Dichter voll vor der Seele die Fragen standen, die ich eben angeschlagen habe. Es gibt in der Poesie vielleicht keine feinere, intensivere Schilderung dieser Tragik, als sie in dieser Vorrede zu der «Comédie infernale» gegeben ist. - Dann wird im weiteren dem Grafen, der also physisch seine Familie um sich hat zusammenbrechen sehen, eine Persönlichkeit gegenübergestellt, die der Dichter wie eine kraftvolle Persönlichkeit in die Welt stellt, die nichts wissen will von einer Vergangenheit; innerlich ein ganz tatarisch-mongolischer Charakter, äußerlich eine Persönlichkeit, die aufgenommen hat die sozialistischen Lehren von Fourier, Saint-Simon und anderen, der alles daransetzen will, dasjenige, was da ist, zu zerstören und der Menschheit ein neues soziales Leben zu geben. Der sagt: Das, was da ist, in dem der Graf lebt, das muß gründlich von der Erde vertilgt werden. - Die Menschen werden hingewiesen auf diesen Gewaltmenschen, der alles zerstören will, der nicht leidet, daß es so ist, wie es ist. Und ein Kampf entspinnt sich zwischen dem Träger der Vergangenheit und dem Träger der Gegenwart, ein Kampf von großer Heftigkeit, der in glänzender Weise geschildert wird. Die einzelnen Szenen, die übertragen sind ins Französische, sind so, daß man durchaus in dieser Weise sprechen kann.

[ 27 ] Those who were serious had to pose these grave questions to fate. And especially when one reads the preface to this *Comédie infernale*, one gets a sense that the Polish poet’s soul was deeply preoccupied with the very questions I have just raised. There is perhaps no finer, more intense depiction of this tragedy in poetry than that found in this preface to the “Comédie infernale.”—Then, as the story unfolds, the count—who has thus witnessed his family crumble around him—is contrasted with a figure whom the poet presents to the world as a powerful personality who wants nothing to do with the past; internally a thoroughly Tatar-Mongolian character, externally a figure who has embraced the socialist teachings of Fourier, Saint-Simon, and others, and who is determined to do everything in his power to destroy what exists and to give humanity a new social life. He says: What exists—the world in which the Count lives—must be thoroughly wiped off the face of the earth. - People are made aware of this violent man who wants to destroy everything, who cannot bear that things are as they are. And a struggle unfolds between the bearer of the past and the bearer of the present—a struggle of great intensity, which is brilliantly depicted. The individual scenes, as rendered in French, are such that one can certainly speak of them in this way.

[ 28 ] Dann wird uns auch ein Zwiegespräch, ein Dialog zwischen dem Gewaltmenschen und dem alten Grafen gegeben, ein Dialog, den nur Menschen führen können, in deren Seelen lebt und gegenübersteht: Weltenschicksal gegenüber Weltenschicksal. Ein Kampf entspinnt sich, in dem sogar dann der alte Graf mit dem hellsehenden Kinde erscheint. Dabei ergibt es sich: das Kind geht unter, der alte polnische Graf geht unter, und der Gewaltmensch hat gesiegt. Das Gesinde, der ganze Anhang des Grafen wird zugrunde gerichtet. Das, was das Alte war, ist überwunden, der Gewaltmensch hat die Oberhand, die Gegenwart hat über die Vergangenheit gesiegt.

[ 28 ] Then we are also presented with a conversation, a dialogue between the violent man and the old count—a dialogue that can only be conducted by people in whose souls two destinies live and stand opposed to one another: the fate of one world against the fate of another. A struggle unfolds in which even the old count appears alongside the clairvoyant child. And so it turns out: the child perishes, the old Polish count perishes, and the man of violence has triumphed. The servants, the count’s entire retinue, are destroyed. What was old has been overcome; the man of violence has the upper hand; the present has triumphed over the past.

[ 29 ] Die Schilderung des Schlachtfeldes ist eine ganz grandiose. Dann wird uns noch eine Szene vorgeführt: Nach der Schlacht steht der Gewaltmensch mit einem Freunde da, er sieht nach dem Himmel auf, oder vielleicht, besser gesagt, nach einem Felsen, hinter dem die Sonne untergeht und den sie im Untergehen vergoldet, und plötzlich hat er eine Vision. Der Freund sieht nichts Besonderes, sieht nur den in der Sonne erglühenden Felsen; der Gewaltmensch aber, der so viel auf seine Seele geladen hat, der noch den Eindruck von einem Menschen gewonnen hat, der so vieles in seinem Leben erfahren hat wie der alte Graf, er steht da und sieht auf dieser Bergeszinne das Bild des Christus Jesus erscheinen.

[ 29 ] The description of the battlefield is truly magnificent. Then we are presented with another scene: After the battle, the man of violence stands there with a friend; he looks up at the sky—or perhaps, more accurately, at a rock behind which the sun is setting and which the setting sun is gilding—and suddenly he has a vision. The friend sees nothing out of the ordinary, only the rock glowing in the sun; but the man of violence—who has borne so much on his soul, who has also been impressed by a man who has experienced as much in his life as the old count—stands there and sees the image of Jesus Christ appear on that mountain peak.

[ 30 ] Er weiß von diesem Momente ab, daß weder der alte Graf, der Repräsentant der Vergangenheit, der nur bis zum atavistischen Leben im Geiste gekommen ist, das, was um ihn herum zusammenbrechende Vergangenheit ist, hat retten können, noch daß er, der in der Gegenwartswelt lebt, den Sieg davontragen wird. Er sieht ein, daß ein Kampf sich entspinnen wird, aber daß keiner von diesen beiden siegen darf, weder die Vergangenheit, die es in bezug auf das Leben in der geistigen Welt nur bis zum Atavismus bringen kann, noch die Gegenwart, die vertreten ist durch den Gewaltmenschen. Die auf den Fourierschen und Saint-Simonschen Lehren aufgebaute Gegenwart, die spottet über die Engel und über die Lehren von Gott. Der Christus Jesus, der ihm nun erschien, der zeigt ihm: Nicht auf der einen Seite noch auf der anderen Seite ist der Sieg, sondern in dem, was über beiden steht. — Und das, was der Gewaltmensch jetzt schaut über der von den Sonnenstrahlen versoldeten Felsenzinne, den Christus Jesus, das bringt ihn dazu, zu sagen: «Du hast gesiegt, Galiläer!» So ruft der Gewaltmensch aus und fällt tot hin. Diese große tragische Folge entsteht durch dasjenige, was höher ist als die beiden Strömungen, die so grandios in diesem Drama einander gegenübergestellt sind. In diesem — wie aus den einzelnen Szenen hervorgeht - wunderbaren Drama der polnischen Literatur lernen wir eine bedeutsame Manifestation des polnischen Messianismus kennen. Wir sehen, wie mit dem Herankommen der modernen Zeit die Menschen über das Schicksal ihres Geschlechtes große Fragen stellen müssen.

[ 30 ] From this moment on, he knows that neither the old count—the representative of the past, who has reached only as far as an atavistic existence in the spirit—could save the past that is crumbling around him, nor that he, who lives in the present world, will emerge victorious. He realizes that a struggle will unfold, but that neither of these two may prevail—neither the past, which, in terms of life in the spiritual world, can only reach the level of atavism, nor the present, represented by the man of violence. The present, built upon the teachings of Fourier and Saint-Simon, mocks the angels and the teachings of God. Christ Jesus, who now appeared to him, shows him: Victory lies neither on one side nor on the other, but in that which stands above both. — And what the man of violence now beholds above the rocky crag bathed in sunlight—Christ Jesus—leads him to say: “You have triumphed, Galilean!” So the man of violence cries out and falls down dead. This great tragic outcome arises from that which is higher than the two currents so magnificently pitted against one another in this drama. In this—as is evident from the individual scenes—wonderful drama of Polish literature, we encounter a significant manifestation of Polish messianism. We see how, with the advent of the modern era, people are compelled to ask profound questions about the fate of their people.