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The Rudolf Steiner Archive

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Die okkulte Bewegung
im 19. Jahrhundert
und ihre Beziehung zur Weltkultur
GA 254

31 Oktober 1915, Dornach

Elfter Vortrag

[ 1 ] Es war bei den letzten Vorträgen, die ich hier gehalten habe, mein Bestreben, Ihnen noch von einer gewissen Seite her zu zeigen, wie in der Mitte des 19. Jahrhunderts eine Art materialistischer Hochflut sich innerhalb der Evolution der Menschheit geltend machte, und wie von verschiedenen Seiten her gewissermaßen gefühlt worden ist, daß eine solche materialistische Hochflut in der Entwickelungsgeschichte der Menschheit in dieser Art noch nicht da war, und daß es von einer gewissen Bedeutung sei — die wir ja charakterisiert haben -, wie sie heraufkam. Auf der anderen Seite versuchte ich, das Gefühl begreiflich zu machen, daß sich die Menschen wappnen müssen, um in der entsprechenden Weise dennoch den der Menschheit einmal vorgezeichneten Entwickelungsgang zu gehen.

[ 2 ] Nun habe ich Ihnen insbesondere in den letzten Vorträgen gezeigt, wie man sich von verschiedenen Seiten her bemüht hat, die gewissermaßen beteiligt sind an der Fortentwickelung jener Ziele der Menschheitskultur, die mit dem Geisteswissenschaftlichen zusammenhängen, etwas dem Gange der Menschheitsentwickelung einzuverleiben, was ihnen notwendig dünkte, um der Menschheit zu zeigen, daß zum Alten etwas Neues durchaus hinzukommen müsse. Gewiß könnte darüber noch sehr viel gesagt werden, und es wird auch im Laufe der Zeit Gelegenheit sein, nach dieser Richtung hin noch manches zu besprechen, denn wir werden mancherlei Belege anzugeben haben für dasjenige, was wir zunächst mehr erzählend angeführt haben. Heute möchte ich darauf hinweisen, daß sich aber auch in dem äußeren Geistesleben um die herankommende Mitte des 19. Jahrhunderts in vieler Beziehung zeigte, wie man fühlte, daß man an einem recht wichtigen Punkte steht. Im äußeren Geistesleben, also in dem, was sich auslebt in den verschiedenen philosophischen Bewegungen, in der literarischen Bewegung und dergleichen, könnte vieles angeführt werden von einem, ich möchte sagen, konvulsivischen Elemente, das sich hineingemischt hat in den Gang der Menschheitsentwickelung. Man kann, da vieles angeführt werden könnte, selbstverständlich nur einzelnes herausgreifen.

[ 3 ] Ich will, um in den Gang der Menschheitsentwickelung so hereinzuleuchten, heute zum Beispiel als Ausgangspunkt einmal wählen zwei Beispiele aus dem literarischen Leben Europas. Zeigen sollen uns diese Beispiele, wie in den Herzen, in den Gemütern, eine Empfindung davon vorhanden war, daß gewissermaßen in den unsichtbaren Welten Bedeutungsvolles vor sich geht. Als ein solches Beispiel sei angeführt der Roman von Gutzkow «Maha Guru», der große Guru, und als ein zweites Beispiel sei angeführt — merkwürdigerweise ist dieses zweite Beispiel in derselben Zeit wie der «Maha Guru» entstanden - das außerordentlich bedeutsame Drama, das da schließt mit dem Rufe: «Du hast gesiegt, Galiläer!», und das, wie es mir scheint nach dem, was ich davon wissen kann, einen besonderen Höhepunkt in der polnischen Literatur des 19. Jahrhunderts bezeichnet.

[ 4 ] Es ist merkwürdig, daß der junge, dazumal, in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts, in seinen Zwanzigerjahren stehende Freigeist Gutzkow, sich diesen Stoff wählt, um gewissermaßen auf manches hinzudeuten, was in der Zeit lebt und webt, und sich dazu einen Menschen wählt, der dann in Tibet zum Dalai-Lama geworden ist: den «Maha Guru», den Großen Guru, wie er ihn nannte. Wollen wir uns mit ein paar Worten dieses scheinbar den europäischen Verhältnissen so fernliegende und in Wirklichkeit diesen europäischen Verhältnissen doch so unendlich naheliegende Zeitgemälde vor Augen rücken: den «Maha Guru», der in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts, also da, wo die Morgenröte des materialistischen Zeitalters heraufkam, erschienen ist.

[ 5 ] Wir haben es bei einer der Hauptpersonen, die in dem Roman «Maha Guru» vorkommen, zu tun mit einem Göttermacher. Was ist nun ein Göttermacher in Tibet? Das ist einer, der Götter fabriziert, herstellt; das heißt, er bildet aus allerlei Stoffen -— wie wir heute mit unserem Plastilin arbeiten — Götter; Götter nach den Traditionen, die in dem tibetanischen Kanon streng vorgeschrieben sind. Diese Dinge müssen genau stimmen: die Verhältnisse, die vorgeschrieben sind in bezug auf Gesichtsbildung, die Händemaße, die Art der Pose, die sie machen. Das muß alles ganz genau stimmen. Unser Held, einer der Helden des Romans, ist aus einem alten Geschlecht entstammend, das immer die Götterfabrikation zu seinem besonderen Beruf gehabt hat, und er versteht sein Geschäft außerordentlich gut. Er ist weit und breit berühmt als Götterfabrikant; im ganzen tibetanischen Reich werden seine Götter gekauft. Nun passiert ihm bei der Fabrikation gerade eines der Hauptgötter etwas ganz Furchtbares. Man muß sich selbstverständlich in das Herz, in das Gemüt eines Tibetaners hineindenken, wenn man die ganze Gewalt des Wortes «furchtbar» in diesem Zusammenhange verstehen will. Und wenn man sich so in das Herz eines gottesfürchtigen Tibetaners versetzt, so ist es etwas Furchtbares, was diesem Götterfabrikanten passiert ist. Es ist ihm passiert, daß ihm der Abstand zwischen den Nasenflügeln und der Oberlippe bei einem der Hauptgötter etwas anders geworden ist, als es sein sollte, daß er ihn etwas anders geformt hat, als es im Kanon vorgeschrieben war. Das war also etwas ganz Schreckliches und sehr Wichtiges. Er wich also ab von dem alten, ehrwürdigen Kanon und machte den Abstand zwischen den Nasenflügeln und der Oberlippe etwas größer, als vorgeschrieben war. Das ist in Tibet eine furchtbare Sünde, etwas ganz Schreckliches, fast oder gerade so schrecklich, als wenn jemand im Abendlande heute vor irgendeiner rechtgläubigen Gesellschaft dasteht und behauptet, zwei Jesusknaben wären notwendig gewesen, um den Christus im Jesus aufzunehmen, oder wenn er von einem Erkenntnisvermögen spricht, das über das gewöhnliche Erkenntnisvermögen hinausgeht, so sagt man von ihm, er verführe seine Anhänger zu allerlei hellseherischen Experimenten und dergleichen und sagt, solche Lehren seien phantastisch. So macht man es heute. Aber in der Zeit, in der unser Roman handelt, da war es ein ähnliches, gewaltiges Vergehen, daß bei dem Hauptgotte die Nasenflügel von der Oberlippe beim Fabrizieren zu weit entfernt gemacht waren. Nur die Strafen waren noch anders. Heute hält man höchstens von unrichtigen Angaben strotzende Vorträge und trifft andere Maßregeln glimpflicherer Art. Dazumal aber, in jener Gegend, da mußte der Götterfabrikant vor das hohe tibetanische Inquisitionstribunal gestellt werden, vor den furchtbaren Rat der schwarzen Inquisitoren. So könnte man das mit den in Europa gebräuchlichen Ausdrücken wiedergeben.

[ 6 ] Nun mußte - in Tibet ist eine Polizei nicht notwendig, die Leute gehorchen von selber, wenn ihnen bedeutet wird, daß der Fremde ohne Pferd hereingeritten sei, beziehungsweise daß sie sich vor dem schwarzen Inquisitionstribunal zu stellen haben, braucht man sie nicht erst zu holen - nun mußte sich unser Götterfabrikant aufmachen und sich stellen. Er machte sich auf mit seinen Brüdern und auch mit seiner reizenden Tochter, die eine ganz besondere tibetanische Schönheit war. Diese Tochter hatte ihm schon viele Jahre hindurch in einer hingebungsvollen und verständnisvollen Weise mit ihrer Beherrschung des tibetanischen Kanons geholfen und hat sich überhaupt als ein überaus reizendes Wesen erwiesen. Die Brüder mußten mit, weil sie mitverantwortlich waren für seine Tat.

[ 7 ] Die Karawane hat sich nun nach Lhasa begeben, damit der Sünder vor das schwarze Tribunal gestellt werden kann. Als sie sich eine Strecke Wegs, Lhasa zu, von ihrer Heimat entfernt hatten, trafen sie auf einen merkwürdigen, lärmenden, tanzenden, pfeifenden, alle möglichen Instrumente schlagenden Zug von Menschen, der geführt wurde von einem Schamanen, und der ebenfalls auf dem Wege nach Lhasa war. Nun war der ein Bekannter, ein Jugendgespiele der Tochter des Göttermachers; er kannte diesen ganzen Karawanenzug, dessen Haupt eigentlich unser Götterfabrikant war, der im tiefsten Sündengefühle seines falsch fabrizierten Gottes auf dem Wege nach Lhasa war, um sich dem Gerichte zu stellen. Der Schamane machte ihn insbesonders auf die Gefährlichkeit seiner Lage aufmerksam, indem er sagte: Gut wäre es, wenn noch der Vize-Dalai-Lama da wäre, doch könnte es auch sein, daß schon der wirkliche DalaiLama gefunden sei und Tibet von Lhasa aus bereits beherrsche. Dann würde es ihm unter Umständen noch schlechter gehen. Denn der Vizeherrscher konnte unter Umständen noch Gnade für Recht ergehen lassen, aber wenn schon der neue Dalai-Lama da wäre, dann könnte man gar nicht wissen, ob nicht die volle Gerechtigkeit walten müsse. Und wenn man so gegen den Kanon verstoßen hat, wie es bei dem Götterfabrikanten der Fall war: daß die Nase von der Oberlippe in einer unrichtigen Entfernung steht, so ist es selbstverständlich, daß darauf der Tod steht.

[ 8 ] So erfährt also der Sünder, daß man dem Auffinden des DalaiLama, des Maha Guru, vielleicht nahe steht. Was heißt denn das in Tibet? Sehen Sie, in Tibet ist man sich klar darüber, daß die Seele des großen Bodhisattva, der über Tibet herrscht, von Körper zu Körper geht. Wenn nun ein Dalai-Lama stirbt, muß ein neuer Dalai-Lama gesucht werden, und das muß im höchsten Grade demokratisch zugehen, denn die tibetanische Verfassung ist im höchsten Grade demokratisch. Da gibt es nichts von Vererbung von Würden, nichts von dem, was etwa auf dem leiblichen Wege vom Vater auf den Sohn übergehen würde. Das widerspricht ganz der Würde des Dalai-Lama, nach tibetanischen Anschauungen. Wenn also ein Dalai-Lama gestorben ist, muß sich die Priesterschaft daran machen, einen neuen Dalai-Lama zu finden, und dann muß jeder junge Knabe untersucht werden, denn selbst in der ärmsten Familie könnte sich ja die große Seele verkörpert haben. Es muß das ganze Land untersucht werden, und man läßt sich jeden Knaben in jedem Hause und auf der Straße zeigen, und je nachdem man sieht, ob er dieses oder jenes Zeichen hat, dieses oder jenes von sich gibt, was nach der Ansicht der dortigen Priester auf die nötige Gescheitheit deutet, hat er Aussicht, als Dalai-Lama anerkannt zu werden. Von demjenigen, der die meisten Anzeichen gibt, ist man überzeugt, daß es die große Seele des Bodhisattva sei, daß sie sich in diesem Knaben verkörpert habe, und dann ist es der Dalai-Lama. In der Zwischenzeit, in der Zeit, in der man also noch die Verkörperung des Gottes in Menschengestalt sucht, muß ein Vize-Dalai-Lama einstweilen das Land verwalten.

[ 9 ] Nun erzählt Gutzkow weiter: Man hörte also schon davon, daß eventuell der neue Maha Guru oder der neue Dalai-Lama in Lhasa gekrönt oder eingeführt werden konnte in seine besondere Würde. Und hier muß ich eine kleine Geschichte einflechten, welche Gutzkow erzählt. Er erzählt sie in etwas anderer Einflechtung, aber wir wollen nur ein Bild seines «Maha Guru» uns vor die Seele rufen.

[ 10 ] Das reizende Mädchen reiste mit ihrem Vater, dem Sünder. Nach der tibetanischen Verfassung sind dessen andere Brüder auch Väter, weil dort eine Art Vielmännerei vorhanden ist. Wenn in Tibet ein Mann heiratet, so heiraten auch zugleich seine Brüder dieselbe Frau mit. Die Brüder des Vaters sind also auch Väter, nur ist einer der Hauptvater. — Die Karawane wird sehr schön vorgeführt in dem «Maha Guru»: die Väter sind vorne, wie in einem Kreis, eingereiht, dann der Hauptvater - in diesem Falle unser Sünder - und das reizende Mädchen, die Tochter dieses Sünders. Diese Tochter des Sünders hatte, als sie noch klein war, ein Kind war und erst anfing, ihrem Vater zu helfen, einen Jugendgefährten, mit dem sie nach tibetanischen Verhältnissen gern gespielt, den sie damals sehr lieb gehabt hatte, und an den sie noch sehr gern sich erinnerte. Der Hauptschamane des schreienden, blasenden Zuges war auch unter ihren Jugendgespielen gewesen, und dieser Schamane war wieder ein Bruder des eben erwähnten Jugendgespielen des Mädchens. Das mußte ich einfügen, damit das Spätere leichter verständlich ist.

[ 11 ] Nun begibt sich die ganze Karawane gegen Lhasa, und als man in Lhasa einzieht, hört man, daß schon der neue Maha Guru, der neue Dalai-Lama eingeführt sei in seine Würde. Zunächst werden wir aber damit bekanntgemacht, daß unser großer Sünder, der den Abstand zwischen Nase und Oberlippe bei einem der Hauptgötter Tibets zu lang gemacht hat, vor das schwarze Tribunal geführt wird. In der furchtbaren Verhandlung, die da stattfand, stellt sich heraus, daß es eine Sünde ist, die mit nichts anderem als mit dem Tode gebüßt werden kann. Indessen wird der Sünder mit seinem Familienanhang ins Gefängnis geworfen, damit später eine weitere Verhandlung stattfinden könne, in der sich alles enthüllen sollte, was dieser Mann gesündigt hat. Ich muß ausdrücklich bemerken, daß er bis dahin nichts anderes gesündigt hatte, als daß er bei dem Hauptgotte den Abstand zwischen Nasenflügel und Oberlippe kaum um einen Millimeter zu lang gemacht hatte. Aber das ist dort schon eine todeswürdige Sünde.

[ 12 ] Nun stellt sich heraus, daß unter großem Gepränge zunächst einmal der neue Dalai-Lama in sein Amt eingeführt wird. Wir werden bekanntgemacht mit allerlei tibetanischen Gebräuchen, auch mit allerlei, was sich um den Hof von Lhasa herum abspielt. Darüber werden genaue Schilderungen gegeben und viele Worte gemacht. In diesem Rahmen darinnen, mit der Würde eines chinesischen Gesandten am Lhasaer Hof, war auch ein Mann, der eine reizende junge Schwester hatte und der unter den Mandarinen einen besonderen Grad hatte. Er stand im sechsten Grad, hoffte aber, bald höher zu steigen; sein besonderes Ideal sogar war es, den Orden mit der Pfauenfeder zu erhalten. Nun aber, während dieser chinesische Gesandte seinen Träumen nachgeht, wovon der kühnste der ist, den hohen Orden der Pfauenfeder zu erwerben, ist der neue Dalai-Lama eingesetzt worden in seine Würde. Der neue Dalai-Lama weiß, daß er die Sonne, den Mond, die Sterne, den Blitz und die Wolken, die Pflanzen und die Steine gemacht hat, und er erklärt denjenigen, die nun ihre entsprechenden Besuche verrichten, wie er das gemacht hat, wie er der Urheber ist von dem, was sichtbar ist im weiten Weltenall, und auch von dem, was unsichtbar ist. Also wie er der Urheber ist von der sichtbaren Welt, und auch von dem, was als unsichtbare Welten zu der sichtbaren Welt hinzugerechnet wird.

[ 13 ] In Tibet gibt es nun zwei Parteien. Anderswo gibt es auch Parteien, nur stehen diese zwei Parteien noch in innigerem Zusammenhange mit der ganzen althergebrachten, spirituellen Entwickelung der Menschheit. Diese zwei Parteien, denen Priesterschaften verschiedener Sekten angehören, bezeichnet man gewöhnlich nach den Kopfbedeckungen. Die eine Partei heißt: die Gelbmützen, und die andere: die Rotquasten. Diese stehen in einem fortwährenden Streite miteinander. Wir würden in unserer Sprache sagen - es ist dort wirklich im innigen Zusammenhange mit dem Spirituellen -: die Gelbmützen hängen mit dem luziferischen Elemente des Lebens zusammen, die Rotquasten mehr mit dem ahrimanischen. Das geht durch ihre Lehre, aber auch durch ihre Handlungen hindurch. So daß die Lehren und Handlungen der Gelbmützen so geformt und gemacht sind, daß das luziferische Element in ihnen waltet, und in allem, was die Rotquasten vollbringen, mehr das ahrimanische Element waltet. Es folgt daraus — und Ihnen auseinanderzusetzen, warum das daraus folgen kann, würde zu weit führen -, daß die Rotquasten ihr Hauptgewicht darauf legen, daß der Dalai-Lama von Lhasa angesehen wird als der rechtmäßige Gott, der die Pflanzen, die Tiere und die Menschen hervorgebracht hat. Sie haben ein Interesse daran, daß der neue Dalai-Lama gefunden wird, und daß alles im Lande daran glaubt, daß er der rechtmäßige Gott ist, während die Gelbmützen, wenn der Dalai-Lama gefunden ist und auf dem Throne sitzt, fortwährend darüber empört sind. Denn es gibt in Tibet außer dem Dalai-Lama einen Teschu-Lama, der mehr anerkannt wird von den nördlichen Tibetanern und von den Mongolenstämmen, der also neben dem Dalai-Lama besteht und der sein ganzes Leben lang danach trachtet, den anderen zu stürzen und sich selber auf den Thron zu setzen. Die Gelbmützen sind also diejenigen, die den Teschu-Lama unterstützen und suchen, ihn auf den Thron zu bringen.

[ 14 ] Der mit dem Ideal des Ordens der Pfauenfeder sah nun: ein neuer Dalai-Lama ist da. China, sein Land, führte eine Art Aufsicht über Tibet. Aber der Teschu-Lama will dem anderen den Thron streitig machen, und da gibt es etwas zu intrigieren. Und solche Intrigen fädelt er nun ein. Er arrangiert eine Art Karawanenzug, eine Art Kriegszug, um zum Teschu-Lama zu gehen und dessen Macht zu verstärken. Aber in Wirklichkeit ist es ihm nicht darum zu tun, daß der Teschu-Lama auf den Thron kommt, sondern er will, daß das chinesische Regiment die Zügel straffer anziehen kann. Bei der ganzen Verwirrung, die da entsteht, stellt es sich heraus, daß das reizende Mädchen, die Tochter unseres Sünders, aus dem Gefängnisse entspringen konnte. Und was nie sein darf, geschieht da, was ganz ausgeschlossen sein sollte, geschieht: in dem Garten, in dem nur der Gott spazieren gehen darf, der Dalai-Lama, entdeckt sie den Dalai-Lama, und siehe da, der Dalai-Lama war ihr Jugendgespiele, der eines Tages nicht mehr da war, der auf einmal verschwunden war, und der mittlerweile zum Dalai-Lama erzogen worden war. Der war jetzt Dalai-Lama, und er entdeckte dieses Mädchen, die Tochter unseres furchtbaren Sünders. Es entspinnt sich nun ein recht interessanter Dialog. Und Sie können sich denken, was für Verhältnisse entstehen mögen, wenn die Jugendgespielin, die ihren Jugendgespielen innig liebte, diesem Jugendgespielen begegnet, der überzeugt ist, daß er die Sonne, den Mond und die Sterne gemacht hat, und die Jugendgespielin nicht abgeneigt ist, an ihren Gott bis zu einem gewissen Grade zu glauben. Nun geschah es aber, daß die Priester dieses Furchtbare entdeckten und das Mädchen wieder in das Gefängnis zurückwarfen. Der Dalai-Lama aber sitzt auf dem weichen Kissen von Seide und dem anderen Zubehör, das er hat, und meditiert weiter darüber, wie er den Blitz und die Wolken lenke und wie er die anderen Dinge, die mit der sichtbaren Welt zusammenhängen, hervorgebracht habe und weiter unterhalte.

[ 15 ] Wir werden dann im weiteren Verlaufe des Romans noch einmal vor das schwarze Tribunal geführt. Eine furchtbare Szene spielt sich ab, deshalb, weil unser Sünder, der zuerst nichts weiter auf dem Gewissen hatte, als daß er den Abstand zwischen Nase und Oberlippe einen Millimeter zu lang gemacht hat, jetzt als großer Verbrecher erscheint. Er war nämlich inzwischen im Gefängnis wahnsinnig geworden, hatte etwas, wie wir sagen würden, Plastilin genommen und hat die kuriosesten Götter gemacht. Nun denken Sie sich, ein tibetanisches Tribunal muß hereinbringen lassen eine ganze Menge von Göttern, die er im Gefängnis falsch gemacht hat! Das ist eine furchtbare Sache. Ein Geheul der Entrüstung entsteht, wie er sich auch verteidigen will. Denn es sind ringsherum die Richter, auf den weiten Galerien die Leute, und die Richter sind lauter Mönche, die es dem Volke sagen, wie lang die Nasenflügel sein müssen, wie groß jede Linie bei jedem Gott sein darf, wieviel größer der Bauch eines Gottes als der eines gewöhnlichen Menschen sein darf, und was alles der Mann da noch gesündigt hat mit den Göttern, die er im Gefängnis fabriziert hat. Das ist etwas Schreckliches. Zerrissen wird er geradezu von den fanatischen Richtern des Inquisitionstribunals. Der große Sünder und sein Anhang, auch sein reizendes Töchterchen, deren besonderer Reiz darinnen besteht, daß sie nicht allzu kleine Füße hat und dadurch abweicht von der morgenländischen Gewohnheit der allzu kleinen Füße — und auch sonst ist sie ein reizendes Wesen —, werden wieder ins Gefängnis geworfen. Aber der Anhang des Mannes mit dem Streben nach dem Orden der Pfauenfeder stiftet in Lhasa eine Verwirrung, und in dieser Verwirrung entsteht nun ein Brand, und gerade dasjenige Haus brennt, in dem das Mädchen darinnen ist. Sie erscheint auch hoch oben zwischen Rauch und Flammen in demselben Augenblick, als der DalaiLama mit seinem Bruder unten vorbeigeht. Im richtigen Momente regt sich das menschliche Herz des Gottes, des Dalai-Lama. Jetzt schickt er nicht den Donner und den Blitz zu Hilfe, sondern er stürzt sich in die Flammen, rettet das Mädchen und bringt es herunter. Der Schamane, sein Bruder, von allem unterrichtet, verhilft ihm zur Flucht. Der Dalai-Lama flieht mit dem Mädchen in eine einsame Gebirgsgegend, zusammen mit seinem Bruder; der Teschu-Lama der Gelbmützen wird an seine Stelle gesetzt. Das Mädchen geht also mit dem Maha Guru und seinem Bruder, dem Schamanen, zusammen — denn wenn einer heiratet, heiratet nach tibetanischem Gebrauche der andere mit — und nun ist er verheiratet mit dem reizenden Mädchen. Der Schamane stirbt schon nach einem Jahre. Der gute Dalai-Lama, der wird sehr alt. Er wird dadurch zum einzigen Manne seiner Frau, und das ist eine lange Reihe von Jahren gewesen, da der Schamane gleich nachher gestorben ist. Er überlebt sogar noch diese Frau, ist ein ganz einsamer, alter Mann geworden, hat sich längst abgewöhnt, daß er den Blitz und den Donner regiere, daß er Berge, Wälder und Flüsse geschaffen, daß Sonne, Mond und Sterne nach seinem Willen ihre Kreise ziehen. Er wird in seinen alten Tagen ein Jogi. Er sucht die Weisheit aufzunehmen, durch die seine Seele in die geistigen Welten hinaufkommt. Er steht auf einem Bein, das andere in Schlangenform um dasselbe herumgeschlungen, die eine Hand nach hinten, die andere Hand hinaufgerichtet: so steht er nun, nur noch die Lippen bewegend. Arme aus dem Tale bringen ihm Speise; er aber verläßt diese Stellung nicht mehr. Die Gräser, die Schlinggewächse, wachsen um ihn herum, und er erwartet so den Tod. — Diese letzte Szene ist in einer merkwürdigen Weise in dem Romane geschildert. Es ist geschildert, wie der zum DalaiLama gemachte Mann im Alter in Wirklichkeit seinen Gott findet, und wie seine Seele sich auflöst in diejenigen Elemente, die er kennenlernen wollte und von denen er eine gewisse Zeit seines Lebens hindurch geglaubt hat, daß er sie gemacht habe.

[ 16 ] Es ist ein sehr merkwürdiges literarisches Produkt, ein Produkt der dreißiger Jahre des 19. Jahrhunderts, in dem mit großem Verständnisse von einem verhältnismäßig jungen Manne geschildert wird, was für Gebräuche es in Tibet, in jenem merkwürdigen Lande gibt: es ist dasjenige, was in der fünften nachatlantischen Zeit nur zurückbleiben konnte von mancherlei, was in ganz anderer Weise vorhanden war in der vierten, in der atlantischen Hauptperiode unserer Erdenentwickelung. Das Bedeutsame, das äußerlich Bedeutsame zunächst ist, daß in dieser Zeit solch ein Roman entstehen konnte, daß eine Menschenseele das Bedürfnis hat, etwas hinzustellen, was in der Tat nur begriffen werden kann, wenn man den ganzen Entwickelungsgang der Menschheit auch von seiner geistigen Seite aus wenigstens ahnt. Wenigstens ahnt in Europa einer, daß in diesem merkwürdigen Lande in mancher uns grotesk vorkommenden tibetanischen Einrichtung am treuesten vorhanden ist — selbstverständlich in Karikatur — dasjenige, was ganz anders vorhanden war in der atlantischen Welt. Das ist das äußerlich Bedeutsame zu dem hinzu, daß dieser Roman entstehen konnte in jener Zeit, daß gewissermaßen einmal hingewiesen wurde auf jenes Land, wo man am bedeutsamsten sehen kann, wie sogar noch in den sogenannten Gelbmützen und Rotquasten fortlebt das luziferische und ahrimanische Element, mit denen die Bewohner von Atlantis, namentlich im vierten atlantischen Zeitraume, in hohem Maße bekannt waren, mit denen sie gewirkt und gearbeitet haben. Aber noch etwas anderes ist innerlich bedeutsam in diesem «Maha Guru».

[ 17 ] Innerlich bedeutsam ist dasjenige, was wir uns vor die Seele führen können, wenn wir den Augenblick noch einmal vor unsere Seele hinstellen, wo die Verhandlung vor dem angedeuteten schwarzen Inquisitionstribunale stattfindet. Eine merkwürdige Rede hält unser Sünder dort zu seiner Verteidigung. Wir wissen schon, er hat im Gefängnis zahllose Götter fabriziert; aber er hat sie im Wahnsinne fabriziert, wahnsinnig ist er geworden. Es ist das sehr schön geschildert, wie der Wahnsinn sich schon vorbereitet auf der Fahrt nach Lhasa, wie er sich dann immer mehr ausbreitet und schließlich ausbricht so, wie ich es schon geschildert habe. Nun fabriziert er, ganz wahnsinnig geworden, allerlei Götter, die in der furchtbarsten Art gegen den Kanon verstoßen.

[ 18 ] Wir erfahren dabei dasjenige von dem tibetanischen Kanon, was Gutzkow in merkwürdig schöner und treffender Weise entwickelt hat; aber wir erfahren noch etwas ganz Merkwürdiges. Dieser große Sünder wird uns etwa in der folgenden Weise charakterisiert. Er hat es als Sohn von seinen Vätern und Großvätern übernommen - so muß man für Tibet immer sagen -, daß er Götter fabrizierte. Immer, immer waren die von ihm fabrizierten Götter so, daß es bis auf die Linie hin klappte; daß richtig war jede Entfernung und Anordnung der Glieder, daß richtig war die Entfernung zwischen der Oberlippe und den Nasenflügeln und so weiter. Nie, nie war es ihm passiert, daß auch nur um ein Winziges der Abstand zwischen dem Nasenflügel und der Oberlippe irgendwie zu groß geworden war. Dann war es ihm aber einmal passiert, und nun hatte er seinen Tod zu erwarten. Aber als wahnsinniger Mensch nun, das heißt in dem Zustande, wo seine Seele schon etwas heraus ist aus seinem Leibe, da bedient er sich seines Leibes so, daß er ganz ketzerische Götter fabriziert. Und jetzt hält er eine lange Rede zu seiner Verteidigung, er, der selbst nichts aufgenommen hat von Kunst als das, was vorgeschrieben ist von dem Kanon - denn die Götter wurden immer nach dem Kanon fabriziert -, eine Rede, worin er künstlerische Prinzipien entwickelt aus seinem Wahnsinne heraus. Es ist eine tief ergreifende Szene für denjenigen, der so etwas versteht. Diesem Manne also, solange er intakt war mit seinen vier Leibern, konnte nur der winzige Fehler passieren mit dem etwas größeren Abstand zwischen der Nase und der Oberlippe. Aber jetzt, nachdem sich der astralische Leib und der ÄAtherleib gelockert haben vom physischen Leibe, wird er zum Künstler und arbeitet mit grotesk-künstlerischen Prinzipien. Das versteht die Inquisition nicht und glaubt, daß er sich mit dem Bösen verbündet habe, um die Werke der Götter zu zerstören.

[ 19 ] Vieles von dem, was ich gesagt habe vom Abirren der Menschenseele nach dem einen oder dem anderen Abgrund, tritt einem da vor die Seele, wenn man die ergreifende Szene vor dem Inquisitionstribunale bei Gutzkow liest. So stand es vor der Seele auch dieses jungen Mannes, wie eine Zeit kommen könnte, in der die Menschen nicht mehr ihr Gleichgewicht zu finden vermögen. Und nun stellt er solche Menschen hinein in eine religiöse tibetanische Gemeinschaft, weil diese Fragen selbstverständlich für den Romanschreiber am intensivsten dadurch entwickelt werden können, daß die Gegensätze schroff aufeinanderplatzen, und weil er dadurch zeigen kann, wie da plötzlich Kunst auftaucht; Kunst auftaucht, aus der in den Abgrund hinabgeirrten Menschenseele, aus der Menschenseele, die nahe an Luzifer herangekommen ist, um sich zu retten aus den ahrimanischen Klauen der Rotquasten, die als Ketzerrichter dastehen. Daraus sehen wir die Kunst heraufschießen. Es ist ein wunderbar tiefes Gesetz, auf das da hingedeutet wird, von dem Zusammenhang der Menschen mit der geistigen Welt und ihren Abgründen: der luziferischen und ahrimanischen Welt.

[ 20 ] Bevor ich diesen Gedankengang weiter verfolge, will ich einige Bemerkungen machen über das polnische Drama des Krasinski, über jenes Drama, das da schließt mit den Worten: «Du hast gesiegt, Galiläer!» und wovon Mickiewicz in seinen Pariser Vorträgen eine teilweise Übersetzung gibt unter dem Titel: «La comédie infernale.» Ich bemerke ausdrücklich, daß ich das Drama künstlerisch zu beurteilen nicht in der Lage bin, weil ich nur Idee und Intention dieses Dramas kenne. Nach dem schönen Ausdruck, den Adam Mickiewicz in seinen Pariser Vorträgen im Jahre 1842 diesem Drama gegeben hat, kann ich nur über die Idee und Intention dieses Dramas sprechen und nichts sagen über das Künstlerische, nur über Idee und Intention, Diese Einschränkung müssen Sie machen. Und man kann wirklich über das Drama so sprechen, denn Mickiewicz hat es gerade nach Idee und Intention analysiert. Das sind so gute Aufsätze im Französischen, daß man von dem Großartigen und Bedeutsamen dieses Dramas sich wohl überzeugen kann, wenn man eindringt in die Mitteilungen des Herrn Mickiewicz. Man sieht es noch mehr, wenn man in der bei Mickiewicz wiedergegebenen schönen Vorrede zu diesem Drama über den Geist der Dichtung liest, und man überzeugt sich, daß man es zu tun hat mit einem Drama, das aus den tiefsten Tiefen der Menschenseele hervorgegangen ist. In wunderbarer Weise werden die Geheimnisse des menschlichen Seelenlebens in diesem Drama berührt. Es steht vor uns ein polnischer Graf als Hauptperson; links und rechts zu ihm sprechend, sich zu ihm wendend, gute Engel, böse Engel, von denen die einen die Menschheit nach der guten Seite der Evolution leiten wollen, die anderen nach der schlimmen Seite der Evolution leiten wollen. Die betreffenden Szenen sind ins Französische übersetzt und zeigen, wie mit wunderbarer Einfachheit der polnische Dichter diese Verhältnisse der Genien aus der Hierarchie der Angeloi zu unserem Helden, dem polnischen Grafen, darzustellen bemüht war.

[ 21 ] Dann lernen wir kennen das Familienleben des Grafen. Dieses Familienleben des Grafen hat gelitten unter der ganzen Persönlichkeit des Grafen. Der Graf lebt ganz und gar in der Vergangenheit, die in sein persönliches Leben hineinreicht, in der Vergangenheit der Menschheit, in der Vergangenheit dessen, was in der Evolution der Menschheit bis dahin gewirkt hat; aber auch in der Vergangenheit, die ihm inmitten des alten polnischen Ahnengeschlechtes zukommt, inmitten der Bilder seiner Väter und seiner Ahnen. Um das Gegenwärtige kümmert er sich wenig, und so kann er keinen Zusammenhang finden mit seiner Frau. Aber in dem, was in ihm als Erbgut lebt, das, ich möchte sagen, in ihn verpflanzt ist durch das verfeinerte Blut vieler Geschlechter, in dem lebt zugleich wie verfeinert eine ungemein spirituelle Gesinnung, ein Sinn für die Welten, die ganz über dem Irdischen schweben, ein ganz spiritueller Sinn. Und so kommt es, daß er keinen Zusammenhang finden kann mit seiner Frau. Er lebt nur im Geiste, er lebt so, daß jene, die in seiner Umgebung sind, ihn wie einen gottbegnadeten Propheten empfinden. Seine Frau hat ihm soeben einen Sohn geboren. Wir werden dann geführt zu der Taufe seines Kindes; aber er selbst ist nicht dabei. Er kann keinen Zusammenhang finden mit dem, was irdisch ist. Durch diese Taufe und durch das, was damit zusammenhängt, wird die Frau, die Mutter des Kindes, wahnsinnig. Er, der Graf, hatte sich entfernt, und als er nach der Taufe wieder nach Hause kommt, muß er erfahren, daß seine Frau in einem Irrenhause, also in dem, was man heute ein Sanatorium nennen würde, untergebracht ist.

[ 22 ] Merkwürdig, wir werden wiederum geführt vor eine Persönlichkeit, deren Menschheitsglieder gelockert sind. Wir erfahren, welches die Worte vor dem Wahnsinnigwerden der Frau anläßlich der Taufe des Kindes waren. Als es getauft werden sollte, faßte die Frau die Idee von dem Unglück, das das Kind umschwebt dadurch, daß sie nicht gewachsen war mit ihren Talenten und ihrer ganzen Menschlichkeit dem, wie ihr Gatte in der geistigen Welt lebte, und daß sie nicht geboren haben könne ein Kind, das genügend in den geistigen Welten hätte leben können, damit der Vater es hätte lieben können. Und sie will mit der ganzen Kraft ihrer Seele, mit all ihrer Sehnsucht eindringen in die geistigen Welten, um für ihren Sohn das herunterzuholen, was dort zu finden ist. Sie wünschte, daß sie aus der geistigen Welt alles holen könnte, um dem Kinde eine spirituelle Anlage geben zu können. Über diesem gleichsam Herabholen der spirituellen Anlagen für das Kind wird sie wahnsinnig. Sie wird also, wie wir heute sagen würden, in ein Sanatorium gebracht.

[ 23 ] Dort sucht sie noch der alte Graf auf; er findet sie, und sie spricht mit ihm. Und nun sagt sie ganz wunderbar ergreifende Worte. Sie kündigt zuerst an, daß sie aus den geistigen Welten für das Kind diejenigen Kräfte holen wolle, die es dem Vater liebensmöglich machen, und dann sagt sie wundervolle Worte, etwa wie folgt: Ich kann alle Welten durchdringen; meine Flügel schwingen sich auf in alle Welten, ich will zusammenfassen alles, was in den geistigen Welten wohnt und strahlt, um es meinem Kinde einzuflößen, und ich will zusammenfassen alles, was da lebt im Geisteslicht und in der Sphärenwelt, um die Seele des Kindes so zu machen, daß das Kind ein Dichter werde. —- Ein Wort führt uns ganz besonders tief hinein in das ahnende Vorstellungsleben des Dichters, in die geistigen Welten, da wo der Dichter den alten Grafen, der da hört, daß seine Frau wahnsinnig geworden ist, sagen läßt: Wo weilt ihre Seele jetzt? Inmitten des Geheuls von Wahnsinnigen! Dieser abgeklärte Geist, der in Ehrfucht vor dem Weltall lebte, er ist verfinstert. Ihre Gedanken hat sie in die Wüste geschickt, mich zu suchen!

[ 24 ] Dann geht der Vater einmal zu dem Kinde. Das Kind ist physisch blind geboren, aber hellsichtig geworden, und es spricht von seiner Mutter. Das Kind bleibt zunächst blind, und wo es spricht, da werden, einige Zeit nach dieser Szene, von dem Grafen merkwürdige Worte gesagt. Die Mutter ist nämlich mittlerweile gestorben. Das Kind erzählt dem Vater, daß sich seine Seele wie mit Flügeln immer erheben könne dorthin, wo die Mutter sei, die Mutter, die es nie gekannt hat. Und so erzählt das Kind, indem es schildert, wie es hineinschaut in die geistige Welt, dasjenige, was das Kind selbstverständlich nicht gehört hat, aber was der Vater von der wahnsinnigen Frau als deren letzten Wunsch vernommen hat. Da sagt der Graf wieder ein merkwürdiges Wort, merkwürdig für den, der geisteswissenschaftlich hineinschauen kann in diese Dinge: Ist es denn möglich, daß derjenige, der durch den Tod hindurchgegangen ist, in der geistigen Welt noch eine Zeitlang fortbehält die Ideen, die er zuletzt gehabt hat hier, bevor er durch die Todespforte hindurchgegangen ist?

[ 25 ] So sehen wir, wie Mutter und Kind physisch zusammenbrechen, und wie sie in einer gewissen abnormen Weise, atavistisch, in die geistige Welt hineingetragen werden. Mitten um den Grafen herum, der ganz in. der Vergangenheit mit seinem Geiste lebt, brechen sie zusammen, aber atavistisch werden sie in die geistige Welt hineingetragen.

[ 26 ] Man kann nicht anders, als einen inneren Zusammenhang zu finden zwischen dem atavistischen Hineingetragenwerden in die geistige Welt derjenigen, die in der Nähe des polnischen Grafen sind, und dem Hineingetragenwerden des Götterfabrikanten, dieses großen Sünders in dem «Maha Guru», der seine Kunst schildert, der eine ganz neue Götterwelt herauszauberte, als er wahnsinnig geworden, physisch zusammengebrochen war. Man vernimmt aus dem polnischen Drama fast noch mehr als aus dem «Maha Guru» den Schrei der Menschheit: Was soll werden, wenn nicht in richtiger und reiner Form die Menschenseelen empfangen können die Lehren von den geistigen Welten? Was soll werden mit der Menschheit in der Zukunft? Sollen die Menschen, damit sie in die geistige Welt hineinkommen, physisch zerbrechen müssen?

[ 27 ] Diese ernsten Fragen mußten diejenigen, die ernst waren, an das Schicksal stellen. Und gerade wenn man die Vorrede zu dieser «Comédie infernale» liest, dann bekommt man ein Gefühl davon, daß dem polnischen Dichter voll vor der Seele die Fragen standen, die ich eben angeschlagen habe. Es gibt in der Poesie vielleicht keine feinere, intensivere Schilderung dieser Tragik, als sie in dieser Vorrede zu der «Comédie infernale» gegeben ist. - Dann wird im weiteren dem Grafen, der also physisch seine Familie um sich hat zusammenbrechen sehen, eine Persönlichkeit gegenübergestellt, die der Dichter wie eine kraftvolle Persönlichkeit in die Welt stellt, die nichts wissen will von einer Vergangenheit; innerlich ein ganz tatarisch-mongolischer Charakter, äußerlich eine Persönlichkeit, die aufgenommen hat die sozialistischen Lehren von Fourier, Saint-Simon und anderen, der alles daransetzen will, dasjenige, was da ist, zu zerstören und der Menschheit ein neues soziales Leben zu geben. Der sagt: Das, was da ist, in dem der Graf lebt, das muß gründlich von der Erde vertilgt werden. - Die Menschen werden hingewiesen auf diesen Gewaltmenschen, der alles zerstören will, der nicht leidet, daß es so ist, wie es ist. Und ein Kampf entspinnt sich zwischen dem Träger der Vergangenheit und dem Träger der Gegenwart, ein Kampf von großer Heftigkeit, der in glänzender Weise geschildert wird. Die einzelnen Szenen, die übertragen sind ins Französische, sind so, daß man durchaus in dieser Weise sprechen kann.

[ 28 ] Dann wird uns auch ein Zwiegespräch, ein Dialog zwischen dem Gewaltmenschen und dem alten Grafen gegeben, ein Dialog, den nur Menschen führen können, in deren Seelen lebt und gegenübersteht: Weltenschicksal gegenüber Weltenschicksal. Ein Kampf entspinnt sich, in dem sogar dann der alte Graf mit dem hellsehenden Kinde erscheint. Dabei ergibt es sich: das Kind geht unter, der alte polnische Graf geht unter, und der Gewaltmensch hat gesiegt. Das Gesinde, der ganze Anhang des Grafen wird zugrunde gerichtet. Das, was das Alte war, ist überwunden, der Gewaltmensch hat die Oberhand, die Gegenwart hat über die Vergangenheit gesiegt.

[ 29 ] Die Schilderung des Schlachtfeldes ist eine ganz grandiose. Dann wird uns noch eine Szene vorgeführt: Nach der Schlacht steht der Gewaltmensch mit einem Freunde da, er sieht nach dem Himmel auf, oder vielleicht, besser gesagt, nach einem Felsen, hinter dem die Sonne untergeht und den sie im Untergehen vergoldet, und plötzlich hat er eine Vision. Der Freund sieht nichts Besonderes, sieht nur den in der Sonne erglühenden Felsen; der Gewaltmensch aber, der so viel auf seine Seele geladen hat, der noch den Eindruck von einem Menschen gewonnen hat, der so vieles in seinem Leben erfahren hat wie der alte Graf, er steht da und sieht auf dieser Bergeszinne das Bild des Christus Jesus erscheinen.

[ 30 ] Er weiß von diesem Momente ab, daß weder der alte Graf, der Repräsentant der Vergangenheit, der nur bis zum atavistischen Leben im Geiste gekommen ist, das, was um ihn herum zusammenbrechende Vergangenheit ist, hat retten können, noch daß er, der in der Gegenwartswelt lebt, den Sieg davontragen wird. Er sieht ein, daß ein Kampf sich entspinnen wird, aber daß keiner von diesen beiden siegen darf, weder die Vergangenheit, die es in bezug auf das Leben in der geistigen Welt nur bis zum Atavismus bringen kann, noch die Gegenwart, die vertreten ist durch den Gewaltmenschen. Die auf den Fourierschen und Saint-Simonschen Lehren aufgebaute Gegenwart, die spottet über die Engel und über die Lehren von Gott. Der Christus Jesus, der ihm nun erschien, der zeigt ihm: Nicht auf der einen Seite noch auf der anderen Seite ist der Sieg, sondern in dem, was über beiden steht. — Und das, was der Gewaltmensch jetzt schaut über der von den Sonnenstrahlen versoldeten Felsenzinne, den Christus Jesus, das bringt ihn dazu, zu sagen: «Du hast gesiegt, Galiläer!» So ruft der Gewaltmensch aus und fällt tot hin. Diese große tragische Folge entsteht durch dasjenige, was höher ist als die beiden Strömungen, die so grandios in diesem Drama einander gegenübergestellt sind. In diesem — wie aus den einzelnen Szenen hervorgeht - wunderbaren Drama der polnischen Literatur lernen wir eine bedeutsame Manifestation des polnischen Messianismus kennen. Wir sehen, wie mit dem Herankommen der modernen Zeit die Menschen über das Schicksal ihres Geschlechtes große Fragen stellen müssen.