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Die okkulte Bewegung
im 19. Jahrhundert
und ihre Beziehung zur Weltkultur
GA 254

1 November 1915, Dornach

Zwölfter Vortrag

[ 1 ] Gestern habe ich über das große polnische Drama «Comédie infernale» von Krasinski gesprochen und die besondere Bedeutung dieses Dramas hervorgehoben. Man möchte sagen, es ist wirklich bewußt in die Welt hineingebracht wie das Ergebnis eines Dialoges mit den Geistern der Menschheitsevolution, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts mit denen sprachen, die sie hören wollten.

[ 2 ] Halten wir für eine Weile die Gedanken fest, die wir dadurch haben gewinnen können, daß wir sahen, wie sich in die äußere literarische Kultur herausdrängte, was im Innersten der Menschheitsevolution lebt. Wir müssen sagen: sowohl aus dem «Maha Guru» wie aus der «Comédie infernale» — wir könnten noch viele dergleichen Beispiele anführen, ich habe nur zwei sehr markante herausgewählt — sehen wir, daß gewissermaßen hinter den Kulissen des äußeren Weltgeschehens sich Bedeutungsvolles abspielt in der Kulturmenschheit. Und wir haben es aus so vielen Quellen immer und immer wieder herleiten müssen, was uns hinlenken soll die Empfindungen auf den großen Moment der Weltenentwickelung, in dem wir stehen, auf den Moment, der notwendig macht, darauf zu hören, was neu in die Menschheitsentwickelung hereinkommen muß, aber hereinkommen muß unter der Mitwirkung der Menschenseelen, die Verständnis dafür haben können. Man hat verschiedene Ausdrücke, um die Wichtigkeit des Augenblicks zu charakterisieren; man braucht vielleicht aber nur das eine zu sagen, und schon dieses eine genügt, um die Bedeutung des Augenblickes zu kennzeichnen.

[ 3 ] In alten Zeiten haben die Menschen ein uraltes Erbgut von großen Weisheiten empfangen, das in atavistischem Hellsehen und in auf atavistische Art erworbenen Erkenntnissen besteht. Aber dieses Erbgut ist, ich möchte sagen, hinuntergedämmert worden, und herauf kam — besonders seit ungefähr drei Jahrhunderten und bis zu einem Höhepunkt sich entwickelnd im 19. Jahrhundert - die materialistische Flutwelle. Einen vollständigen Schleier breitete diese aus über alle die Möglichkeiten, um in die geistige Welt hineinzuschauen, und ein neuer Weg, eine neue Weise steigt jetzt wieder herauf in der GeisteswiSsenschaft. Ich habe öfter hervorgehoben, wie dann auf selbstverständliche Art diese Entwickelung in die Menschenseelen kommt. Heute ist es noch so, daß die Seelen lernen müssen, in ihrer übergroßen Mehrzahl lernen müssen, daß es wiederholte Erdenleben gibt. Aber das ist dasjenige, was öfter von mir zur Sprache gebracht worden ist, daß die Seelen, die jetzt leben, wenn sie wiederverkörpert werden, zum großen Teile nicht bloß auf Grundlage einer Theorie wissen werden, daß es wiederholte Erdenleben gibt, sondern daß diese Seelen in eine Zeit hineinleben werden, wo ein naturgemäßes Wissen sich ausbreiten wird dahingehend: es gibt wiederholte Erdenleben. Wie sich jetzt naturgemäß die Menschenseelen zurückerinnern bis. zu einem gewissen Momente ihrer Kindheit, wie immer wieder Gedanken aus der Kindheit heraufkommen, so wird es einstmals naturgemäß sein, daß die Menschenseelen aus ihrem Inneren aufsteigen haben werden den lebensvollen Eindruck: Wir sind oftmals dagewesen. — So, wie sich von den anderen, primitiven Stadien des menschlichen Lebens bis zum heutigen Stadium die Menschenseelen entwickelt haben, so werden sie sich auch dazu entwickeln. Dazu braucht nichts zu geschehen, das wird schon eintreten. Was aber zu geschehen hat, ist das Folgende.

[ 4 ] Es werden notwendigerweise die Seelen, die heute nichts gelernt haben aus der Geisteswissenschaft, sterben und in einern neuen Leben wiederkommen. Sie werden nichts gelernt haben aus der Geisteswissenschaft und dann mit dem Eindrucke, der von den wiederholten Erdenleben aus ihrem Inneren auftauchen wird, nichts anzufangen wissen, beziehungsweise sie werden durch das, was so aus dem Inneren wie heraufstößt, zur Verzweiflung gebracht werden können. Denn nur durch die Gedanken wird erfaßt werden können dasjenige, was als innerer Eindruck in der Seele aufsteigt; und die Gedanken, die notwendig sind, um zu verstehen, was nun naturgemäß heraufsteigt, das sind die Gedanken der Geisteswissenschaft. Denn diese Gedanken der Geisteswissenschaft sollen uns den ganzen Hergang des Ich verständlich machen und uns zeigen, wie dieses Ich im Menschen enthalten ist. Nur wenn man die Kraft dieser Gedanken hat, wird man den Eindruck verstehen, der von selbst kommen: wird, und von dem die Erinnerung gewissermaßen da sein wird.

[ 5 ] Aber das Verständnis für diese Erinnerung wird durch die Geisteswissenschaft von jetzt an begründet werden müssen; es wird erworben werden müssen die Erkenntnis von dem Zusammenhange des Ich. Und diejenigen, die sie sich nicht erworben haben, werden nur sagen können, wenn diese Erinnerungen in ihnen aufsteigen: Ich verstehe mich nicht! — und das wird ein Furchtbares sein in der Zukunft, wenn die Menschen in Verzweiflung werden ausrufen müssen: Ich verstehe mich nicht! — Also versuchen wir richtig zu begreifen: Was kommen muß, kann nur, damit die Menschenseele nicht verzweifle, in solcher Weise aufgeklärt werden, daß die Menschenseelen sich Erkenntnis darüber verschaffen. So daß, wenn das Ich, das von Inkarnation zu Inkarnation geht, sich bei den Menschen der Zukunft anmeldet — das heißt bei unserer Wiederverkörperung in der Zukunft -, sie dann auch die Möglichkeit haben, dieses Ich zu verstehen. Sie werden es verstehen, wenn sie an ihren Seelen gearbeitet haben durch die Gedanken der Geisteswissenschaft.

[ 6 ] Das Ich, zu dessen völligem Verständnis sich das Mysterium von Golgatha vollzogen hat, das Ich kann nie verstanden werden dadurch, daß jemand in seiner Seele bewahrt — wie ich es gestern in dem polnischen Grafen charakterisiert habe — die heiligsten Gefühle, und sei es auch in Anknüpfung an die Ereignisse des Mysteriums von Golgatha: die Gefühle der Vergangenheit. Mit einer solchen Gesinnung kann man historisch die Ereignisse des Mysteriums von Golgatha aufnehmen, aber man kann das Mysterium von Golgatha dadurch nicht wirklich verstehen. Das Mysterium von Golgatha ist nur dann in seiner Wirklichkeit zu verstehen, wenn wahr wird der Ausspruch: «Nicht ich, sondern der Christus in mir!» Dann aber wird es möglich sein, daß der Christus in seinem lebendigen Fortwirken innerhalb der Erdenentwikkelung für die Menschen nicht unhörbar bleibt. Hörbar soll er gemacht werden durch dasjenige, was unter seiner Inspiration die Geisteswissenschaft zu sagen hat. Durch keine Empfindungen, die an Erinnerungen anknüpfen wollen, kann die Menschheit dem Heil der Zukunft entgegengeführt werden. Aber auch nicht durch den Gegenwartsmenschen, den Gewaltmenschen, den wir gestern charakterisiert haben, kann der Menschheit Zukunft gefördert werden, denn dieser Gewaltmensch macht zwar das Ich geltend, aber er macht nicht den Christus im Ich geltend. Das ist ein tiefes Rätsel, das uns in der polnischen Dichtung so klar entgegentritt.

[ 7 ] So stehen sich diese zwei Persönlichkeiten gegenüber, von denen der eine den Christus in der Tradition, in der Überlieferung, in der Geschichte hat, aber Gefahr läuft, daß er ihm entfällt. Und dasjenige, was sich um ihn herum auslebt in der Frau und in dem Kinde, fällt zurück in den atavistischen Zusammenhang mit der geistigen Welt. Eine große Gefahr ist damit ausgesprochen für unsere Zeit: daß diejenigen, die nicht in einer neueren Art die Erkenntnisse des Zusammenhanges der Menschheit mit der geistigen Welt aufnehmen wollen, wenn sie ihn nun dennoch in sich verspüren, aus dem rechten Zusammenhange mit der geistigen Welt herauskommen, in den ihre Menschheitsglieder gesetzt sind. Auseinanderfallen müßte die Menschheit in solche, die verzweifeln müssen und sterben müssen an der Vergangenheit, wie der Graf, und in solche, die in geistige Welten aufsteigen in atavistischer Weise, wie das Weib und das Kind, die, weil sie nicht in Wirklichkeit den Christus in ihr Inneres aufgenommen haben, in die geistigen Welten eintreten, ohne in sich den richtigen menschlichen Schwerpunkt zu finden. Was haben die Familienglieder des Grafen nicht voll entwikkelt? Nicht voll entwickelt haben sie das Ich. Sie sind im Grunde genommen noch Überbleibsel aus derjenigen Zeit, die im regelmäßigen Gange der Menschheitsentwickelung schon abgelaufen ist seit dem Mysterium von Golgatha, insbesondere aber in den letzten Jahrhunderten. Überbleibsel aus alter Zeit sind sie, in der das Ich den Menschen noch nicht voll ergriffen hatte; ichlose Menschen, die, weil sie den Christus nicht aufnehmen können in ihr Ich, das sie nicht mit der nötigen Intensität völlig haben entwickeln können, den Christus verlieren. Und entgegengestellt ist der Gewaltmensch, der das Ich ausgebildet hat, der es in aller Intensität in sich trägt, der ohne den Christus in das Ich aufzunehmen, die Welt beglücken will, aber es nicht kann. Schön, großartig erhebt sich vor dem Tode des Gewaltmenschen, aus der Vision heraus — die er nicht begreift, wie er auch nicht begreift, wie man sich dem Tode ergeben kann - der Ausspruch: «Galiläer, du hast gesiegt!» Das heißt, für diejenigen, die zwar ihr Ich erobert haben, aber in dieses Ich den Christus nicht aufgenommen haben, gibt es nur einen Augenblick, wo sie mit dem Christus in Beziehung kommen können: den Augenblick, wo sie aus dieser Welt in die andere Welt eintreten. Weil aber der Christus aus einer anderen Welt in diese gegangen ist, um in dieser Welt die Menschenherzen zu finden, müssen sie ihn sogleich verlieren, wenn sie nach dem Augenblicke des Todes in der anderen Welt ankommen. Alle tieferen Impulse unserer Zeit leben in einer solchen Sphäre, in der wirklich ein Großartiges intendiert, ich kann nur sagen, intendiert ist.

[ 8 ] Nun aber müssen wir noch etwas weiter in die Dinge hineindringen, die uns zwar bekannt sind, die wir aber in einem gewissen Zusammenhange betrachten müssen, wenn wir sie ganz im Sinne unserer Zeit begreifen wollen. Wie wir wissen, haben wir die Erdenentwickelung zu teilen in eine Zeit vor dem Mysterium von Golgatha und in eine Zeit nach dem Mysterium von Golgatha. Wir wissen, daß vor dem Mysterium von Golgatha in die Menschenseele hinein auch diejenigen Geister gewirkt haben, welche als luziferische und ahrimanische Geister bezeichnet werden müssen. Gerade wenn wir die Zeiten vor dem Mysterium von Golgatha ins Auge fassen, dann müssen wir uns ganz klar werden, daß man mit dem törichten Gerede: Wir wollen nichts mit Ahriman und Luzifer zu tun haben - nicht auskommt. Denn Ahriman und Luzifer wurden zugelassen von den regelmäßig sich fortentwikkelnden geistigen Wesenheiten, damit sie in entsprechender Weise in die menschliche Erdenentwickelung eingreifen.

[ 9 ] Nun wissen wir, daß es geistige Wesen sind, die im Grunde genommen höher stehen als die Menschen, die nur während der Mondenentwickelung nicht jene Höhe erreicht haben, welche sie hätten erreichen können, aber trotzdem stehen sie höher als die Menschen. So daß wir nun, wenn wir den Zusammenhang von den ahrimanischen und luziferischen Wesenheiten ins Auge fassen, auch besser werden begreifen können, was man die alte Weisheit der Erdenentwickelung nennt. Zum Beispiel die alte Weisheit, die in der lemurischen Zeit mißbraucht worden ist und mit den Lemuriern untergegangen ist; die dann mißbraucht worden ist in der atlantischen Zeit, deren Mißbrauch den Untergang der Atlantis herbeigeführt hat. Was hat da gelebt unter den Menschen? Was war eigentlich da? Man bezeichnet das, was da war, sehr abstrakt, wenn man nur sagt: Es war eine große Weisheit da, die in schwarzmagischer Weise mißbraucht worden ist —, aber zu einer bestimmten Vorstellung kommt es dabei nicht. Wir wollen uns zum Beispiel einmal anschauen, wie die Weisheit beschaffen war in den letzen Zeiten der lemurischen Zeit. Woher war diese Weisheit gekommen?

[ 10 ] Mit der Erdenentwickelung des Menschen waren auch solche geistigen Wesenheiten verbunden, die während der Mondenzeit nicht voll sich entwickelt hatten, aber die doch höher standen als der Mensch. Nun war der Mensch da, aber, Sie können es sich denken, in seinen allerprimitivsten Zuständen. Alles, was die Menschen später in der atlantischen und nachatlantischen Zeit entwickelten, das war noch nicht da, das haben die Menschen erst später entwickelt. Der Mensch war dazumal in der lemurischen Zeit, wie er so auftrat als Mensch, ganz und gar so, daß er noch unintelligent war, denn die Intelligenz sollte sich erst nach und nach während der Erdenentwickelung entfalten. Er war primitiv in seinem Wollen und Handeln, primitiv in seiner Seelenentwickelung, völlig wie ein Kind. Wenn es nun so gewesen wäre, daß von den Menschen nur die Leiber dagewesen wären mit all ihren höheren Gliedern, die von den sich regelmäßig fortentwickelnden geistigen Wesenheiten der höheren Hierarchien entwickelt worden waren, dann hätten die Menschen nichts Besonderes in der damaligen Zeit an hervorragender Weisheit entwickeln können. Aber das ist nicht der Fall gewesen, sondern gerade in dieser lemurischen Zeit ist eine höhere Weisheit, eine ganz außerordentliche Weisheit entwickelt worden. So zum Beispiel ist dazumal unter diesen primitiven Erdenmenschen die Kenntnis ganz verbreitet gewesen, wie man ein Kind in der Zeit zwischen der Geburt und dem siebenten Jahr so recht behandelt, daß durch eine gewisse Umwandlung seines Atherleibes, die dann zurückwirkte auf das Gehirn, ein außerordentlich gescheiter Mensch hat entstehen können. Merken Sie wohl: Heute muß man gründliche pädagogische Mittel anwenden, wenn man ausdem Kinde einen gescheiten Menschen machen will, und in wie vielen Fällen es einem nicht gelingt, das wird jedermann wissen. Aber jedenfalls, diese Kunst ist heute ganz und gar verlorengegangen, durch einen gewissen Einfluß auf den Ätherleib des Gehirns, das Gehirn selber so zu präparieren, daß der Berreffende ein gescheiter Mensch wird. Diese Kunst, ich bemerke es gleich, ist heute auch nicht mehr zu gebrauchen, sie ist ganz und gar nicht zu gebrauchen, denn wenn sich auch nur der allerprimitivste Grad dieser Kunst verbreiten würde, so würden furchtbare Mißbräuche damit getrieben werden.

[ 11 ] Wodurch war denn nun eine solche Kunst in der lemurischen Zeit vorhanden? Sie war dadurch vorhanden, daß solche Wesen, die auf dem Monde nicht die volle Höhe ihrer Entwickelung erreicht hatten, sondern von ihren sieben Gliedern nur die ersten sechs entwickelt hatten, ihr siebentes Glied noch nicht, sich in Menschen verkörperten, die sonst ganz primitiv gewesen wären. Sie nahmen solche Menschenleiber an, diese geistigen Wesenheiten, die auf dem Monde zwar höher als die Menschen entwickelt waren, die sich aber nicht zur vollen Höhe ihrer Entwickelung haben erheben können. Diese Wesen nahmen also Menschenleiber an und gingen mit ihrer über alles menschliche Erdenwissen erhabenen Kunst an das Werk. Und nun können Sie sich denken, was solch ein Wesen in einem Menschenleibe vermochte; solch ein Wesen, das auf eine Art, die dazu noch höher war als die menschliche Art, das sechste Glied, den Lebensgeist, entwickelt hatte und nun in diese primitiven Menschenleiber, die biegsam und weich waren, sich hineinbegab. Es waren furchtbare Zauberer, ganz furchtbare Zauberer!

[ 12 ] Und wiederum, in der atlantischen Zeit, was waren denn da für Künste verbreitet? Da war vor allen Dingen die Weisheit verbreitet, die man anzuwenden hat, um solche Talente, die bei den Vorfahren da sind, rein durch Vererbung auf die Nachkommen zu übertragen und sie noch bei den Nachkommen zu vermehren. Diese Kunst verstanden ebenfalls wieder die auf dem Monde nicht vollentwickelten, aber über den Erdenmenschen hinaus entwickelten Wesen der Mondenzeit. Diese Kunst verstanden sie ganz bedeutsam. Ich will sagen, wie wenn man ein Genie hätte und die Eigenschaften dieses Genies unter gewissen Verhältnissen, die mit allerlei Sternkonstellationen und dergleichen zusammenhängen, auf die Nachkommenschaft veranlagte, so daß sich die geistigen Genieeigenschaften nicht nur vererbten, sondern sogar vergrößerten. Man muß sagen: Ungeheures vermochten damals diese höheren Wesen in Menschengestalt. Das alles ist hinweggefegt. Nun hängt unendlich vieles mit diesen besonderen Künsten zusammen. Unendlich vieles hängt damit zusammen! Es hängt zusammen mit alledem die Möglichkeit, den Gang der geistigen Entwickelung zu beobachten, die Möglichkeit, gleichsam den Strom des Geistigen hineinleiten zu können in die physische Vererbungsströmung.

[ 13 ] So gab es dazumal in der atlantischen Zeit Gemeinschaften, deren Vorsteher solche Wesen in Menschengestalt waren, von denen ich gesprochen habe, und die einer gewissen Individualität, von der sie haben wollten, daß sie aufs neue auf die Erde komme, zu einer menschlichen Verkörperung dadurch verhalfen, daß sie gewisse Eigenschaften durch Vererbung hervorriefen und dann immer wieder Nachkommen suchten. Das heißt die Sache war so: Nehmen wir an, ein solches Wesen hätte irgendeine Individualität zu einem Menschenleib auf der Erde hingeleitet, so daß sie in diesem Menschenleibe darinnen gewesen wäre. Nun stirbt dieser Menschenleib. Die Individualität ist mittlerweile in der geistigen Welt, und nun handelte es sich darum, innerhalb des Menschengeschlechts durch allerlei Vererbungsbeherrschungen einen solchen Menschenleib zu schaffen, in dem wieder diese Individualität sein konnte. Dieser Menschenleib mußte geschaffen werden, man gab gewissermaßen jener selben Individualität einen Leib. Dieselbe Individualität wurde also nacheinander auf der Erde erhalten.

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[ 14 ] Das alles ist verlorengegangen, mußte verlorengehen, weil die Menschheit sich in der oft angedeuteten Weise entwickeln mußte. Aber Ahriman hat ein großes Interesse daran, dasjenige, was sich entwickeln soll, das, was anderem Platz machen soll, zu halten, richtig darinnen zu halten in der Welt.

[ 15 ] Und so haben wir in unserer Menschheitsentwickelung unendlich vieles - schon die oberflächliche Betrachtung kann es Ihnen zeigen —, was in früherer Zeit seine Berechtigung hatte, was aber in der Art, wie es ist, konserviert wird. Im Kleinen und im Großen ist das so.

[ 16 ] Nun wollte Gutzkow an einem Beispiele im Großen, in seinem Roman «Maha Guru» einmal so etwas zeigen. Er wollte zeigen: Wie nimmt sich das aus, was einmal eine Bedeutung hatte in alten Zeiten der Menschheitsentwickelung — in der alten atlantischen Zeit, als die Menschen noch die Möglichkeit hatten, die Vererbung zu regeln -, wie nimmt sich das aus, wenn man das in eine Zeit und in eine Gemeinschaft verlegt, die zwar die Traditionen bewahrt hatte, aber von dem Früheren nichts mehr kannte als eine untergeordnete Kunst, die man im Okkultismus okkulte Chemie nennt? Und da zeigte er, daß so etwas in Tibet vorhanden war. Diese Priesterschaft in Tibet hatte natürlich nicht mehr eine Kenntnis davon, wie sie durch Vererbungsverhältnisse der Individualität einen Leib schaffen konnte, von der sie glaubte, daß sie von Leib zu Leib gehen sollte, aber die alten Gepflogenheiten bewahrte sie auf. Wir haben also da ein Beispiel, wo dasjenige, was in der äußeren Wirklichkeit da ist, im allerstärksten Maße dem widerspricht, was es nach den Verhältnissen, die nun einmal in der Menschheitsentwickelung vorliegen, sein kann. Wie kann doch die Wirklichkeit gegenüber ihren Bedingungen eine Maja sein! — so fühlt man sich versucht auszurufen beim Lesen des «Maha Guru».

[ 17 ] Oder ein anderes, meine lieben Freunde. Sie können sich ja auch denken, daß die Menschen der lemurischen, der atlantischen Zeit noch nicht so ausgesehen haben wie die heutigen Menschen, denn dasjenige, was sich dazumal innerlich seelisch entwickelt hat, formte auch die äußere Gestalt. Die ganze äußere Gestalt war anders, war weich, biegsam. Nun war zwar diese Gestalt der Menschen der lemurischen und der atlantischen Zeit nicht etwa affenhaft; die Vorfahren der Menschen, die wirklichen Vorfahren der Menschen, haben nicht eine affenhafte Gestalt gehabt. Ich habe das öfter betont. Es müßte denn sein, es wäre von der Weltenentwickelung gerade eine Ausnahme gemacht worden bei denjenigen Menschen, die selbst von sich geschrieben haben, daß sie sich erinnern können, daß sie vom Affen abstammen! Allein, das brauchen wir jetzt nicht zu untersuchen. Also affenhaft haben die Menschen nicht ausgesehen, doch wenn Sie sich unsere Kinder vorstellen, noch viel mehr ins Kindliche gezogen, viel, viel mehr ins Kindliche gezogen, und ein natürliches, elementarisches Element über den ganzen Leib ausgegossen, so werden Sie vielleicht eine Vorstellung bekommen können, wie der Menschenleib damals beschaffen war. Aber dadurch - lesen Sie nach die Aufsätze «Aus der Akasha-Chronik» -, daß sich in diesen weicheren Leibern solche Wesen, wie ich sie geschildert habe, verkörperten, die vom Mond her zurückgeblieben sind, dadurch wurden die weichen Leiber eher tierähnlich als menschenähnlich. Es entstanden verzerrte Gestalten, sogar eigentümliche Verrenkungen der Glieder: Und da haben Sie den Ursprung der Göttergestalten, die bei den einzelnen Völkern zu finden sind. Diese sonderbaren Gestalten, die unmenschliche Gesichter haben und ungeheure Gliedmaßen, die rühren davon her, daß man dieses Zusammenwirken der sich verkörpernden Mondwesen mit dem Menschenleibe ins Auge fassen mußte.

[ 18 ] Wenn es in der atlantischen Zeit Maler und Bildhauer gegeben hätte, würden sie diese Gestalten, die da im Menschenleibe gelebt haben als verkörperte Mondwesen, haben nachbilden oder nachmalen können. Aber in Tibet gab es das nicht mehr. Deshalb mußte man sich nach dem Kanon richten, sonst hätten die Künstler alles beliebig gemacht. Wenn sich nun einer nicht nach dem Kanon richten, sondern nach seiner Phantasie schaffen wollte, da war er des Todes schuldig. Selbstverständlich kann man fragen: Hat es denn nur einen Sinn, daß jemand, der nur ein klein wenig an der Gestalt eines Gottes etwas ändert — wie ich das gestern angedeutet habe -, gleich mit dem Tode bestraft wird? Hat das denn einen Sinn? — Ja, in Tibet hatte es keinen Sinn mehr. Aber einmal hatte es seinen Sinn, denn einmal waren, wie Sie gehört haben, diese Gestalten da, und wenn man sie nicht so nachbildete, wie sie da waren, so wich man ab von dem, was da war, so gestaltete man eine Lüge. Eine Lüge aber war in jenen alten Zeiten etwas, was eine viel größere Macht hatte als in der Gegenwart. Wenn in der Gegenwart jeder an einer Lüge ersticken würde, der sie ausspricht, dann — nein, ich will mich darüber lieber nicht aussprechen, denn ich glaube, daß die Furcht vor dem Ersticken zu groß wäre, um die Leute lügen zu lassen! Ich nehme nicht an, daß jetzt die Leute an der Lüge ersticken werden, dazumal aber wären sie wirklich erstickt: Denn der Gedanke, der in Worte gefaßt wurde, hatte eine Kraft, um die Luft im Kehlkopf zu gestalten, und erstickte dann den Menschen. Und wer ein solches Wesen, das auf dem Monde sich nicht voll entwickelt hatte, auf der Erde unrichtig abgebildet hätte, der wäre erstickt daran: das heißt, er ging durch ein Naturereignis in den Tod.

[ 19 ] So hängen die Dinge zusammen. Das heißt, die Entwickelung der Menschheit ist doch eine recht komplizierte, und man muß schon eindringen in die Geisteswissenschaft, wenn man dasjenige verstehen will, was da ist. Nun aber ist eben notwendig, daß man, um den Dingen richtig gegenüberzustehen, die in der Weltentwickelung an unsere Seele herantreten, wirklich furchtlos sich einläßt auf dasjenige, was die Geisteswissenschaft aus den geistigen Welten zu verkündigen hat. Denn diese Geisteswissenschaft ist gewissermaßen ein erster Impuls, zu dem immer mehr und mehr andere Impulse hinzukommen müssen, damit die Menschheit in der Zukunft der ihr angemessenen Entwickelung entgegengehen kann. Sie haben aus dem, was ich auseinandergesetzt habe, gesehen, daß zwischen einer Skylla und Charybdis durchzusteuern ist, daß ein ganz bestimmter Weg einzuschlagen ist in unserer Geisteswissenschaft, und das muß tief, tief ernst genommen werden. Wir haben jetzt, nicht wahr, eine Naturwissenschaft mit materialistischen Methoden betrieben. Ich habe ihre Eigentümlichkeiten gerade in den letzten Wochen vor Ihnen auseinanderzusetzen und zu charakterisieren versucht. Ich habe Ihnen das in den letzten Wochen in dem Sinne gesagt, daß eine materialistische Methode der Naturwissenschaft wirklich voll zu rechtfertigen sei. Aber warum muß denn diese materialistische Methode da sein? Wir können ja diese materialistische Methode geradezu dadurch charakterisieren, daß wir sagen — wir haben das in den letzten Wochen gehört -: Sie ist geeignet zu verschleiern, zu verhüllen das eigentlich Geistige, das dahintersteckt. - Warum muß denn diese materialistische Methode da sein? Warum ist sie heute, gerade in unserer Zeit, da?

[ 20 ] Sehen Sie, es sollte in unserer Zeit ein früheres Naturwissen abgelöst werden durch ein neues Naturwissen. Ein früheres Naturwissen sollte durch ein neues Naturwissen abgelöst werden. Ich habe Ihnen etwas von diesem früheren Naturwissen angedeutet. Denken Sie, was es für ein Naturwissen war! Durch ganz bestimmte Maßnahmen, die im alten Sinne wissenschaftlich geregelt waren, einen Menschenkopf genial zu formen, daß er ein Werkzeug sein konnte für eine geniale Seele, das bedeutet ein ungeheures Wissen, oder wiederum, die Vererbung so zu regeln, daß geniale Eigenschaften übergehen auf die Nachkommen. Ja sogar noch intensiver ist solch ein Wissen. Es übertraf in Tausenden von Fällen das, was jetzt wiederum heraufkommt an Entwickelungslehren, Physik, Chemie und so weiter.

[ 21 ] Aber gerade jenes alte Wissen sollte überdeckt, verhüllt werden durch die heutige materialistische Methode, die voll berechtigt ist und die stehenbleiben kann im rein physischen Felde. Denn der Mensch war in der Zeit, wo jenes hohe Naturwissen da war, das ich charakterisiert habe, kein freies Wesen, sondern er war erst auf dem Wege, die Freiheit allmählich zu entwickeln. Er wurde geleitet und gelenkt. Er war kein willensfreies Wesen, und der größte Teil dessen, was so geschah, um die Menschen zu leiten, wurde von den höheren Hierarchien bewirkt. Und nur einzelne, die abirrten von der Bahn, die auf dem Wege der Freiheit zu weit getrieben wurden, bewirkten das Sinken in den Abgrund, bewirkten, daß die Atlantis hinweggeschwemmt werden mußte. Aber indem der Wille immer freier und freier wurde, würde es der Mensch nicht haben aushalten können, ein solches Wissen zu haben.

[ 22 ] Heute ist es undenkbar, ein solches Wissen zu haben, wie es einmal auf der Erde war, weil die Menschen jenes Maß von freiem Willen haben, daß sie es selbstverständlich heute noch mißbrauchen könnten. Wodurch wird dieser freie Wille, den die Menschen haben, in die richtigen Bahnen gelenkt? Schon aus gewissen Andeutungen, die ich in den letzten Wochen gemacht habe, können Sie entnehmen, daß der freie Wille dadurch auf die richtige Bahn gelenkt wird, daß der Mensch sich auf die naturwissenschaftliche Methode einläßt, auf die naturwissenschaftliche Methode mit ihrer Strenge und Genauigkeit; sie ist auf der anderen Seite eine wunderbare pädagogische Maßnahme für die Entwickelung des freien Willens.

[ 23 ] Wir haben also gar keine Veranlassung, die naturwissenschaftliche Methode von heute, die wir in ihrer Berechtigung für die Zeit voll anerkennen, irgendwie zu bekämpfen. Und wenn Sie alles, was in unseren Zyklen und Büchern steht, durchgehen, so werden Sie in Wahrheit alles das widerlegt finden, was die einzelnen Verleumder behaupten, so zum Beispiel, daß wir uns gegen die Naturwissenschaft wenden. Gegen die Prätentionen mancher Forscher und Naturgelehrter muß man sich manchmal wenden; aber gegen die Errungenschaften der Naturwissenschaft wird niemals etwas gefunden werden können in unseren Schriften. Es würde eine völlige Verleumdung sein, wenn behauptet wird, daß sich irgend etwas in unseren Schriften gegen die Naturwissenschaft wendet, und es kann für uns auch gar nicht die Rede davon sein, daß man irgendwie sich wider die Naturwissenschaft wendet. Nur muß man sich klar sein darüber, daß man von sogenannter naturwissenschaftlicher Seite her angegriffen werden kann. Dann muß man sich gegen den Angriff wenden, wenn es nötig ist. Aber das muß immer mehr und mehr ins Bewußtsein der eigentlichen Bekenner der Geisteswissenschaft hineingehen, daß wir gerade die Notwendigkeit der naturwissenschaftlichen Methode voll verstehen müssen, und daß wir sie gerade reinhalten sollen, diese naturwissenschaftliche Methode, von allen möglichen nichtnaturwissenschaftlichen Begriffen, zum Beispiel vom Atom und von der Atombewegung, von denen ich in der letzten Zeit gesprochen habe. Das sind Phantasien in der Naturwissenschaft. Da muß man den Unterschied merken.

[ 24 ] Man muß sich bemühen, sich so recht klarzumachen, wo wirkliche Naturwissenschaft vorhanden ist, und wo bloß naturwissenschaftliche Phantasien vorhanden sind. Wie oft hört man heute nicht, dieses oder jenes sei in der Wissenschaft festgesetzt, wo gar nichts festgesetzt ist, weil man nur dem bloßen Worte folgt. Niemals war die blinde Anerkennung der Autorität größer als gegenwärtig auf wissenschaftlichem Gebiete, wo jeder eigentlich demjenigen, dem er glaubt, die Sache zu entscheiden überläßt. Dies ist der Sinn des Mysteriums von Golgatha, daß in gewisser Weise allmählich wieder korrigiert wird — symbolisch ist es auch in der Bibel angedeutet —, was durch Luzifer in die Welt gekommen ist: Eure Augen werden aufgetan werden, und ihr werdet unterscheiden das Gute vom Bösen -, das heißt, von außen unterscheiden das Gute und Böse. Aber wenn man nach außen wahrnimmt in der Welt der Wahrnehmungen, so ist es unmöglich, von der Welt der Wahrnehmung etwas anderes als die Wahrnehmungen zu empfangen.

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[ 25 ] Sobald man anfängt, über die Wahrnehmungen nachzudenken, zu spekulieren und allerlei Ideen aus den Wahrnehmungen herauszunehmen, ist man auf dem Pfade, wirklich dasjenige darin zu finden, was durch Ahriman und Luzifer hineingelegt ist. Die Ideen müssen aus der geistigen Welt kommen, und wir müssen sie erst verbinden mit den Wahrnehmungen: dann sind diese Ideen göttlich. Dann sind sie göttlich, diese Ideen! Im menschlichen Leben muß erst die Ehe eingegangen werden zwischen den Ideen, die aus dem Geistigen heraus dem Menschen gegeben sind, und dem, was er draußen durch seine Sinne sieht. Das muß sich erst zusammenbinden im menschlichen Leben.

[ 26 ] Wie es wissenschaftlich gemeint ist, können Sie nachsehen in meiner Schrift «Wahrheit und Wissenschaft». Daß man auch von außen, aus den Wahrnehmungen herein, Ideen, Gedanken wissenschaftlich finden könnte, das ist etwas, was auf Täuschung beruht, auf Täuschung von Ahriman und Luzifer. Aber solange in einer gewissen berechtigten Weise die Mächte zugelassen wurden des: Eure Augen werden geöffnet sein und unterscheiden werdet ihr das Gute und das Böse -, das heißt, in der Außenwelt die Ideen suchen, solange das berechtigt war, also bis zum Mysterium von Golgatha, solange Luzifer und Ahriman berechtigt zugelassen waren, konnte man nichts einwenden. Aber jetzt ist es anders; jetzt sind sie noch unberechtigter innerhalb des äußeren Durchdringens der Wahrnehmung.

[ 27 ] Auch das kam in der Mitte des 19. Jahrhunderts durch eine besondere Krisis heraus. Diese Krisis meldete sich durch große, eigentlich durch ganz besondere Leistungen an: daß zum Beispiel die Spektralanalyse heraufkam und in der naturwissenschaftlichen Methode gründlich aufräumte mit der Anschauung, man habe es mit geistigen Wesenheiten zu tun, wenn man nach den Sternen hinaufsieht, und zeigte, daß überall sich Materien ausbreiten, die auch auf der Erde sind. Da ist nicht mehr zu machen die alte Vermischung der Ideen mit der Wahrnehmung, denn solche Entdeckungen machen es notwendig, daß die Ideen wieder den Geistesweg in unsere Seelen finden. Ebenso ist es mit dem Darwinismus. Wenn man bloß kombiniert das, was man in der äußeren Wahrnehmung finder, das heißt, die Ideen in der Außenwelt sucht, so kommt man zu einer bloß materialistischen Ausdeutung der Welt. Kurz, überall kündet sich die Krisis an, überall ist sie da, und überall ist die Auflehnung auch da gegen die Tatsache, daß aus dem Geistgebiete in die Menschenseele herein die Ideen wachsen müssen, wenn die Menschheit weiterkommen soll. Das heißt, wir müssen das Wesen von Ahriman und Luzifer erkennen, damit wir fortan sie beobachten, wenn sie uns dasjenige fortsetzen wollen, was in den Worten liegt: Eure Augen werden aufgeschlossen werden und ihr werdet das Gute und das Böse unterscheiden können. — Wir müssen sie beobachten lernen, sowohl Ahriman wie Luzifer. Wir werden es können, wenn wir das Ich, wie es sich entwickelt hat, durchdringen mit dem Christus, richtig durchdringen mit dem Christus.

[ 28 ] Aber auch noch etwas anderes ertönte in uralten Zeiten durch die Welt, und dieses kam von einer anderen Seite heran, nachdem der Mensch die Möglichkeit erlangt hatte, das Gute und das Böse zu unterscheiden, nachdem er die Möglichkeit erlangt hatte, seine Augen nach außen zu richten, daß heißt, seine Sinne anzuwenden und durch sie sinnliche Ideen zu bekommen. Da hat er auch das Wort gehört: Der Mensch muß aus dem Gebiete des Geistes, in dem er bisher drinnen lebte, heraus, damit er nicht auch noch esse von dem Baume des Lebens. — Aber fortwährend wird dem Menschen der Christus zu essen geben von dem Baume des Lebens, und erlebt müssen werden die Ideen, die aus dem Geistgebiete in die Menschenseelen unmittelbar hereindringen. Sie können aber nur erlebt werden, wenn die Menschenseele den Christus in sich aufnimmt. Und dann haben wir etwas ganz anderes als den Erkenntnisbegriff, da bekommen wir den Lebensbegriff. Während wir Luzifer und Ahriman sozusagen auf die Finger schauen müssen, damit — wenn sie in der ferneren Zeit eine Erkenntnis von außen in uns eindringen lassen — wir beobachten, daß dies von Ahriman und Luzifer kommt, so müssen wir uns darüber klar sein, daß durch das Mysterium von Golgatha in dem Menschensein bewirkt worden ist, daß die Menschen Ideen in sich bekommen zum Leben, nicht zum bloßen Erkennen, sondern zum Leben. Und wenn wir von diesem Lebensstandpunkte aus die einzelnen Religionen der Welt betrachten, dann werden wir weit, weit entfernt sein davon, diese Religionen zu untersuchen darauf, ob sie mit unserer Weltanschauung übereinstimmen oder nicht. Nur den Erkenntnisbegriff auf sie anzuwenden, ist gar nicht unsere Aufgabe, sondern den Lebensbegriff.

[ 29 ] In der Menschheit gibt es bestimmte Religionsformen. Sehen sollten wir nicht darauf, ob wir sie für wahr halten, sondern ob sie geeignet sind, den Menschen durch das, was in ihrem Kultus lebt, Seelennahrung zu bringen und ihre Seelen zu beleben. Und so kann selbstverständlich, da es verschiedene Menschenseelen gibt, es auch verschiedene Nahrung geben, die ihnen zum Leben dient. Wenn wir das begreifen, dann werden wir einsehen, daß wir uns niemals einlassen können darauf, irgendeine religiöse Form zu bekämpfen, sondern wir müssen uns bemühen, sie zu verstehen, insofern sie die Lebensnahrung ist für Seelen, denen sie gegeben ist als Leben; nicht nur zur Erkenntnis, sondern als Leben. Dann werden wir auch merken, daß der Standpunkt ganz verschoben ist, wenn die Religion anfängt mit einer Wissenschaft zu streiten über ihren Inhalt. Dann werden wir auch wissen, wie es eigentlich selbstverständlich ist, daß die Religion sich stellt auf einen gegnerischen Standpunkt gegenüber der fortschreitenden Natur- oder Geisteswissenschaft. Denn diese Religionen wollen noch immer nicht loskommen von dem alten Versucher, sie wollen noch immer nicht nur an Gott appellieren, der dem Menschen gesagt hat: Er will ihnen das Leben geben, sie sollen nicht selber vom Baume des Lebens essen. — Die Religionsvertreter wollen nicht bloß an Gott appellieren, sondern sie wollen noch an den luziferischen und den ahrimanischen Geist appellieren, und durch die Religion wollen sie aufgeschlossen bekommen das Auge für die Unterscheidung des Guten und Bösen. «Erkenntnis» will die Religion sein. Aber das kann sie nicht sein, weil sie Lebenssubstanz ist. Und unter dieser Versuchung, die noch immer in den Ohren raunt den einzelnen Vertretern der Religionsgemeinschaften, glauben diese, in ihren Religionen Erkenntnisse mitzugeben und bekämpfen die fortschreitenden Erkenntnisse der Wissenschaft, während die Frage der Erkenntnis eigentlich gar nicht in Betracht kommen kann zwischen Religion und Wissenschaft. Wir haben nicht die geringste Veranlassung, irgendeine Religionsgemeinschaft zu bekämpfen, und wir können niemals eine Gegnerschaft haben gegenüber irgendeiner Religionsgemeinschaft aus dem Grunde, weil wir die Religionsgemeinschaften fragen nach ihrer Lebenssubstanz und nicht nach ihrem Erkenntnisinhalt. Aber die Religionsgemeinschaften werden immer versucht sein, die fortschreitende Wissenschaft zu fragen, ob sie mit dem, was sie für Erkenntnis ansehen, übereinstimmt. Da aber das Leben in Entwickelung begriffen ist, so wird die fortschreitende Wissenschaft niemals mit der nach dem Konservatismus hinneigenden Religion übereinstimmen können.

[ 30 ] Und jetzt sehen Sie den ganzen Konflikt, der sich natürlich immer und immer wieder abspielen wird. Ich möchte, daß Sie etwas hinsehen auf diesen Konflikt, in der richtigen Weise auf diesen Konflikt hinsehen und begreifen lernen, daß selbstverständlich die Vertreter der Religionsgemeinschaften, weil sie von der Versuchung befallen sind, von ihrem Gesichtspunkte aus immer die Geisteswissenschaft bekämpfen werden. So wie die Naturwissenschaft bekämpft worden ist, wird auch die Geisteswissenschaft bekämpft werden. Aber Sie müssen sich auch klar sein darüber: die Bekämpfer kämpfen aus Unverstand. Das gibt zwar keine Entschuldigung für sie, sie müssen selbstverständlich deshalb auch wiederum bekämpft werden; aber selbst muß man sich klar sein darüber: sie kämpfen aus Unverstand, sie können nicht auf den richtigen Standpunkt sich stellen.

[ 31 ] Ich möchte wie ein Wahrzeichen ein Wort vor Ihre Seele hinstellen, das im 14. Jahrhundert ein Mann gesprochen hat, der heraufkommen gesehen hat die Zeit, in der die Naturwissenschaft, die naturwissenschaftliche Denkweise kommen mußte, der den heraufkommenden Humanismus gesehen hat, und der von seinem Freunde gehört hat: man sollte sich nicht befassen mit dem, was man wissen kann und was nicht in der Bibel steht oder von der kirchlichen Tradition bewahrt wird. Es ist anders geworden seit dem 14. Jahrhundert in dieser Beziehung. Dantes «Göttliche Komödie» ist ein großes, weltumfassendes Gedicht. Aber Dante lebte gerade in der Zeit, als die Epoche hinuntersank, in der man sich beschränkte auf das bloß historische Christentum. Für Dante war Virgil einfach der in die Hölle Verbannte. Dante wußte nicht viel von irgend etwas anderem als von dem Christentum, das ihm wie eine große Ordnung aufging. Anders war es für Petrarca. Ein Jahrhundert später, im 14. Jahrhundert, las Petrarca Virgil schon mehr mit Gläubigkeit. Er wendet sich zurück, nicht nur an das christliche, sondern auch an das heidnische Geistesleben. Als nun einer seiner Freunde dem Petrarca einmal schrieb, daß ihm im Traume ein geistiges Wesen erschienen sei, das ihm gesagt habe, er solle sich nicht mit irgend etwas von Literatur befassen, was nicht im Christentum lebte, da gab er eine bedeutungsvolle Antwort. Aber dazumal war das naturwissenschaftliche Zeitalter, jetzt ist das geisteswissenschaftliche Zeitalter. Ich will das hervorheben, weil sogar aus der geistigen Welt heraus der Freund - und dadurch Petrarca — gemahnt worden ist, sich nur mit dem, was das damalige Christentum als christlich ansah, zu befassen. Er schrieb die wunderschönen Worte, die dazumal für das heraufkommende Zeitalter galten. Heute gelten sie noch. Petrarca erwiderte seinem Freunde Boccaccio in ernsten, bedeutenden Worten und legte ihm seinen Standpunkt klar, warum er diese außerchristlichen Dinge lese und was sie ihm seien:

[ 32 ] «Warum sollen wir denn die heidnischen Dichter und Schriftsteller fliehen, die den Namen Christi nur darum nicht nennen, weil sie ihn nie gehört haben? Sollten doch die Bücher der Ungläubigen viel gefährlicher erscheinen, die Christus nennen und doch bekämpfen - und dabei lesen die Verteidiger des wahren Glaubens sie mit größtem Eifer. Glaube mir: Vieles, was nur von der Trägheit und Feigheit bestimmt ist, wird einer bedachten Überlegung zugeschrieben. Die Menschen verachten oft, was sie nicht erreichen können; und gerade der Unwissenheit ist es eigentümlich, zu verurteilen, was sie nicht erfassen mag, und niemand will sie ein Streben verstatten, zu welchem sie selbst unfähig ist.

[ 33 ] Daher stammen die schiefen Urteile über unbekannte Dinge, wobei nicht so sehr die Blindheit der Urteilenden, als deren Bequemlichkeit ins Auge fällt. Wir aber dürfen uns nicht durch irgendwelche moralische Mahnung noch durch Hinweis auf die Nähe des Todes von den Wissenschaften abschrecken lassen. Werden die letzteren in ein gutes Gemüt aufgenommen, so erregen sie die Liebe zur Sittlichkeit, und nehmen die Todesfurcht von uns oder vermindern sie doch; geben wir sie auf, so möchte dies gerade den Verdacht des Unglaubens erwecken, der für das Wissen in Anspruch genommen wurde. Die Wissenschaften halten also den, der sie in der rechten Art besitzt, nicht von der Vervollkommnung zurück, sondern helfen ihm; sie ebnen ihm die Lebenspfade und hindern ihn nicht. Einem kranken und schwachen Magen mag manche Kost nicht zuträglich sein, welche ein Gesunder, der hungrig ist, ohne weiteres verdaut; so auch mag für einen heilen und kräftigen Geist segensreich sein, was einer schwächlichen Natur Verderben bringen würde...

[ 34 ] Wohl weiß ich, daß manche zu erhabener Heiligkeit ohne Bildung gelangt sind, aber ich weiß auch, daß die Bildung keinen davon ausgeschlossen hat... Soll ich dir meine eigentliche Meinung sagen, so ist es die: Der Weg zur Tugend über die Unwissenheit ist vielleicht eben, aber feige. Nur ein Ziel haben alle Guten, aber vielerlei Wege führen dahin, und die gemeinsam Wandernden sind untereinander sehr verschieden: der eine geht langsamer, der andere schneller, hier einer im Verborgenen, ein anderer allen sichtbar, dieser demütig gebeugt, und jener erhoben. Alle Wanderschaft ist gesegnet; am herrlichsten aber ist eine solche, die frei und hoch sich vor aller Augen abspielt. Das Wissen, das zum Glauben sich durchgerungen hat, ist weit besser als die Einfalt, und sei sie noch so heilig, und keiner der Toren, die je ins Himmelreich eingegangen sind, steht so hoch, wie ein Wissender, der die Krone der Seligkeit erlangt.» |

[ 35 ] So ist es auch mit unserer Geisteswissenschaft! Und nicht nur dem Pfarrer Riggenbach, sondern allen anderen, die uns bekämpfen und sich uns entgegenstellen, könnte man die obigen Worte zurufen, die Petrarca seinem Freunde schreibt: «Einem kranken und schwachen Magen mag manche Kost nicht zuträglich sein, welche ein Gesunder, der hungrig ist, ohne weiteres verdaut; so auch mag für einen heilen und kräftigen Geist segensreich sein, was einer schwächlichen Natur Verderben bringen würde.»

[ 36 ] Wenn man stehenbleiben will bei dem Widerspruch des ersten und dritten Evangeliums, und nicht sehen will, daß sich der Widerspruch löst, sobald man die zwei Jesusknaben in Betracht zieht, wenn man meint, man müsse bei dem Einfachen bleiben und brauche nicht das phantastische Zeug «derer da oben», wenn man nicht sehen will, daß alle die Formen des Lebens in unsere Bauformen hineingeflossen sind, sondern von «verzerrten, phantastischen Formen» redet, so muß man sagen: «Das Wissen, das zum Glauben sich durchgerungen hat, ist weit besser als die Einfalt, und sei sie noch so heilig, und keiner der Toren, die je ins Himmelreich eingegangen sind, steht so hoch, wie ein Wissender, der die Krone der Seligkeit erlangt.»

[ 37 ] Solche Gedanken sind notwendig, damit wir uns wenigstens klar darüber sind, daß es niemals in unserem Prinzipe liegen kann, irgendeine Religionsgemeinschaft zu bekämpfen, und daß es nur eine Verleumdung sein kann, wenn jemand auftritt, der uns als Feind gegenüber den religiösen Strömungen hinstellt. Schon daß man das tut, bezeugt, daß man uns nicht verstehen will. Wir müssen das wenigstens wissen; und wir müssen uns entgegenstellen einer jeden aggressiven Tendenz gegen irgendeine Religionsgemeinschaft, wie wir uns auch jeder aggressiven Tendenz gegen die Naturwissenschaft enthalten müssen, aus dem Grunde, weil aus diesen von selbst herauskommen wird, wie sie sich begegnen werden mit der Geisteswissenschaft! Keine Religionsgemeinschaft brauchen wir zu bekämpfen. Kämpfe können in Wahrheit gar nicht von uns ausgehen, denn es liegt nicht in unserer Natur, anzugreifen. Anzugreifen liegt uns ganz fern. Und notwendig ist es geradezu, zu begreifen, daß es ein Axiom ist, daß, wenn wir nicht Frieden haben, es deswegen so ist, weil es dem bösen Nachbarn nicht gefällt; denn in unserer Natur liegt es nicht, zu kämpfen. Man probiere es einmal und lasse uns in Frieden, ob nicht der Friede erhalten bleibt. Man probiere es! Aber wir müssen selbstverständlich von dieser Gesinnung durchdrungen sein. Es wird zum Beispiel auch viel gesündigt, indem auch von unserer Seite diese oder jene Dogmen oder Kultusdinge angefochten werden, oftmals sogar ohne daß man sie versteht. Wir müssen sie verstehen; aber wenn wir sie richtig verstehen, dann gilt das, was angegeben worden ist, als unser Prinzip. Und so möchte ich ebenso appellieren an dieses Ihr Verständnis des Friedensprinzipes. So wie ich Sie ermahnen mußte, geduldig zu sein in der jetzigen Zeit, so muß ich Sie ermahnen, wachsam zu sein, damit wir dasjenige tun, was notwendig ist, um das uns anvertraute heilige Gut wirklich zu wahren. Denn wir werden immer mehr und mehr mit einer sicheren, inneren Kraft durch die Welt gehen müssen, um fest auf dem Boden stehen zu können, auf den uns die Geisteswissenschaft stellen will.

[ 38 ] Das Mysterium von Golgatha und das Christus-Prinzip hängen innig zusammen mit der Notwendigkeit, Geistiges in der Welt zu sehen. Niemals wird das bloße Anschauen genügen, wenn Sie auch nur die historische Wirklichkeit des Mysteriums von Golgatha verstehen lernen wollen. Geistig allein kann das Mysterium von Golgatha begriffen werden, und derjenige, der sich eben wird ergeben wollen einer Wissenschaft, die alles von außen bekommt, und der nicht auf die neuen Offenbarungen schauen will, die uns immer zufließen können gegenüber dem Mysterium von Golgatha, wird nicht begreifen das, was in der Mitte des 19. Jahrhunderts, 1838, gesungen worden ist durch einen anderen von dem, was, ewig wechselnd und doch ewig seiend, seit dem Mysterium von Golgatha durch die Erdenmenschheit waltet. Lassen Sie mich eine Stelle vorlesen, die uns schildern kann, wie sich dasjenige, was das Mysterium von Golgatha nicht begreifen kann, diesem Mysterium von Golgatha gegenüberstellt.

Der Bannspruch

Vierter Gesang

Zum grünen Osterfest mit jungen Palmen
War schon gerüstet ganz Jerusalem
Und schlug die Harfe an zu Jubelpsalmen.

Ein einzig Haus, das letzte von der Reihe,
Die Türe Ahasvers, des grollenden,
Blieb ohne Festeszier und ohne Weihe.

Und fremder Menschen tausende an tausend
Aus Näh’ und Ferne walleten einher
Gleich Meereswogen unterm Winde brausend.

Da kam herab, das Letzte zu erfüllen,
Zu seiner Opferung der Gottessohn
In seiner Demut auf geringem Füllen;

Und alles Volk stürzt jauchzend ihm entgegen
Und breitet die Gewänder vor ihm hin
Und streut ihm grüne Reiser auf den Wegen.

Nur Einer gegen sich empört und wütend,
Nur Ahasver saß still in sich gekehrt,
Ein schwüler Tag Gewitter heimlich brütend.

Und: «Hosianna!» hört er tausendstimmig.
Er aber fluchte heimlich in sich selbst,
Doch sprach er nicht, das Herz war ihm zu grimmig.

Still waren nun des Judenvolkes Horden,
Und überall war’s Nacht, o eine Nacht
Voll bittrer Leiden, herber Qual geworden!

Es gibt wohl Nächte, so geheimnisvolle,
Wo einem ist, als ob sie die Natur
In schmerzlichem Gebet verwachen wolle.

Da kann sich keines Wesens Auge schließen,
Ob fromm, ob gottlos, keine Seele kann
Des Schlafes, des erquickenden, genießen.

In solcher Nacht ward Gottes Sohn verraten
Der Bosheit und der Schlechtigkeit der Welt,
Und preisgegeben ihren Missetaten.

In solcher Nacht fühlt’ Ahasver ein Schauern,
Ein Fieberfrösteln ging ihm durchs Gebein,
Und er begann zu sprechen und zu trauern:

«Wo hat ein Volk so Gräßliches erduldet
Als du, o Israel, von Anbeginn?
Mit Gottesfurcht hast alles du verschuldet.

Deshalb so machtlos, kraftlos, feig und nichtig;
Denn jedem dient stumpfsinnig wie das Tier,
Der Einem erst zum Sklavendienste pflichtig.

So haben wir gefrönt auf allen Straßen,
So in Ägypten und in Babylon,
So einem Gott gedienet übermaßen!»

Und wie die Sonne tief zu Nebelsee’n
Versank in sich jetzt wieder Ahasver
In endlos, unermeßlich tiefe Wehen;

Doch wie von unterirdischen Gewalten
Zuweilen wird die Erde bis zum Kern,
Ihr zuckend rotes Herz entzweigespalten,

So plötzlich sah er in sich selber drinnen
Des Übels Ursach, o ein ewig Leid!
Und weiter sprach er nun in tiefem Sinnen:

«Die arme Erde! Kurze, sel’ge Stunden
Hielt sie in ihrem Arme einen Gott,
Verstoßen ist sie nun und Gott verschwunden.

Die Erde, vom treulosen Gott betrogen,
Mit Liebe und mit Tränen hat sie treu
Ihr armes Kindlein redlich groß gezogen; —

Ihr Kind, der Mensch, den freundlich sie ernähret,
Was drängt er sich dem stolzen Gotte nach?
Dem Bastard ist der Weg zu ihm verwehret.

So von mir werfen will ich sein Gedächtnis,
Ausreißen aus der Brust den Drang zu ihm,
Das väterliche, ärmliche Vermächtnis!

Aus Erde ist der Mensch und auf der Erde
Und von der Erde lebt er, daß er einst
Wie seine Mutter wieder Erde werde.»

Jetzt schwieg er. Bleich und trauernd, wie die Blume,
Die in sich trägt die heil’ge Passion,
Blüht auf der Tag zum großen Martyrtume;

Und alles Volk, gewickelt wie zum Knäule,
Hat sich zum Richthaus lärmend hingedrängt,
Wo oben stand der Heiland an der Säule.

Auf seinem Haupt die blut’ge Dornenkrone,
Im Purpurmantel, in der Hand ein Rohr,
o königlich geschmückt zum Spott und Hohne.

Und Ahasver hört ein unendlich Schreien:
«Ans Kreuz mit ihm! den König an das Kreuz!»
nd immer mehr den Mordruf sich erneuen.

Und immer wütiger hört er es rufen:
«Er hat das Volk verführt! Hinweg mit ihm!»
Da tritt er vor zu seines Hauses Stufen.

Es zog herauf das Volk, es schien, als quölle
Mit Hohngelächter an die Oberwelt
Der Teufel Pöbel aus der letzten Hölle,

Um tödlich den verrat’nen Gott zu schlagen,
Der mitten unter ihnen wankt einher,
Der sich zur Qual das eigne Kreuz muß tragen.

Ein Jubelruf schallt gräßlich, tausendtönig:
«Er hat das Volk verführt, hinweg mit ihm!
Ans Kreuz, ans Kreuz von Israel den König!»

«Tod diesem Nazarener, Gott und Allen!»
Schrie Ahasver; da war es totenstill
Und vor ihm Christus unterm Kreuz gefallen.

Und wie die Knechte ihn vom Kreuz entlasten,
Da flehet Christus auf zu Ahasver:
«Laß mich an deiner Schwelle wenig rasten!»

Doch dieser warf ihm zu dies Wort des Spottes:
«Hilft dir dein Vater in dem Himmel nicht
Und nennst dich doch den Eingebornen Gottes?

Ich stoße dich hinweg von meiner Schwelle,
Ob wahr dein Wort, ob du gelogen hast;
Dir keine Ruhe! keine an der Stelle!»

«Dir keine Ruhe, keinen, keinen Frieden!»
Entgegnet ihm der Herr. «So lebe denn Das ew’gev
Leben ruhelos hienieden!»

Kaum hat der Herr dies schwere Wort gesprochen,
So fielin jähem Schrecken Ahasver
Auf sein Gesicht; es war sein Geist gebrochen.

Geheimnisreiche, schreckenvolle Kunde,
An Ahasver, an mir zieh jetzt vorbei!
Vorbei, vorbei, gewalt’ge Opferstunde!

Fünfter Gesang

Durch Erd’ und Himmel ging ein bittres Weinen;
Als Christus an dem Kreuze ward erhöht,
Zugleich hört’ auch die Sonne auf zu scheinen.

Und als der Mittler nun im Todesleide Ausrief:
«Es ist vollbracht!» und so verschied,
Ging durch das Herz der Erde Schwertes Schneide.

Da scholl durch die Natur ein Wehschrei gräßlich,
So mark- und beindurchdringend, unerhört,
So jammervoll, wildfremd und unermeßlich,

Als wär’ ihr selbst durch ihre Seel’ gestochen
Der Todesspeer, ach! jäh und mörderisch
Durch ihre warme Mutterbrust gebrochen!

Und eine Furcht, ein Schauern unbezwinglich,
Und eine schwere große Finsternis
Sank auf die weite Erde undurchdringlich.

Und wieein Vöglein in des Geiers Krallen,
Begann der Boden jetzt vor inn’rer Angst
In sich zu beben und emporzuwallen.

Da schienen aufgelöset alle Banden,
Es wankte innerlich der Erde Grund,
Aufwachten da die Toten und erstanden.

«So war er dennoch Gott und mußte sterben?»
Sprach leise Ahasver. «Doch aber ich
Soll auf der Erde nicht den Tod erwerben?»

Doch wie auf arg gefährlich schwanker Leiter
Trieb eine rätselhafte Macht ihn fort
Durch alle Schrecken vorwärts immer weiter,

Bis er von Mauern eines weiten Raumes
Umfangen irrt und wankt von Gang zu Gang,
Wie ein Nachtwandler in dem Bann des Traumes.

Nicht einen Ausweg kann er wiederfinden
In diesem öden, ungeheuren Grab,
Wohin er sich auch wenden mag und winden.

Enträtseln kann er nicht, wie er hereinkam,
Und kann sich nicht besinnen, wo er ist
In solcher Schreckensstunde irr und einsam.

Und wie er weiter tappet an den Wänden,
Da stößt er endlich jetzt auf einen Tisch;
Ein Opfermesser hält er in den Händen.

Da ruft er aus fast zaghaft und beklommen:
«Wie bin ich zu Jehova’s Hause doch,
In Salomonis Tempel hergekommen?

Hat er in Christus doch gelebt hienieden,
Den Tod erwählt in menschlicher Gestalt,
So ließ er gern den toten Gott in Frieden.

Furchtbar Geheimnis, lösen wer es könnte!
Im Allerheiligsten hat er gethront, —
Wenn ich hinein mir einen Blick vergönnte?»

In seines Herzens heftiger Erregung
Fand er dieStufen, die lebendig fast,
Wie auch der Boden waren in Bewegung.

Doch als er mühsam so sich dort emporrang,
Zerriß von oben bis nach unten aus
Mit einem Donnerschlag des Tempels Vorhang;

Und schrecklich, in gewalt’ger Blitzeshelle,
Der Engel Michael mit Flammenschwert
Stand hoch und herrlich auf der heilgen Stelle.

Auf Feuerwolken seine Füße ruhten,
In Feuerflammen hob er seinen Arm,
Und also sprach er wie mit Wettergluten:

«Wen suchst du hier? Der Dämon ist gerichtet,
Der zorngewalt’ge Dämon deines Volks;
Und seine Macht hat Gottessohn vernichtet!»

«Jehova?» rief da Ahasver mit Schrecken.
Der Engel sprach: «Ein Abgott war auch Er!
Der Gott der Wahrheit muß ihn niederstrecken,

So ihn, wie alle Götzen dieser Erde,
Damit aus allen Menschen nur ein Volk
Und Eins in ihm die ganze Schöpfung werde!

Ans Erdenleben hast du dich verwettet,
Es werde dir zu Teil, was du begehrt,
So sei an dieses Leben angekettet!

Vorüber spurlos sollen dir die Zeiten,
Vorüberschreiten machtlos an dir hin,
Vorüber, aber lang wie Ewigkeiten!

Versagt sei dir des Todes süßer Frieden,
Versagt des Menschen letzter Trost, der Schlaf,
Versagt von nun an alle Ruh hienieden;

Doch stets zur Gnade offen sind die Arme
Des Gottessohnes in dem Himmaelreich,
Damit er jeden Wesens sich erbarme.

So will er dir zur Lösung wiedergeben
Das Rätsel deines eigenen Geschicks,
Dreimal auch deiner Kinder junges Leben,

Bis du zum Heile deinen Weg gefunden
Mit ihnen hin zu Gottes Vaterbrust
Und so vom Erdendienst dich hast entbunden!

Zum ersten Male kann es dir gelingen,
Zum andren Male fleh um Gottes Rat,
Zum dritten Male mußt du es vollbringen.

Sonst wehe dir! Bis zu dem Weltgerichte
Mußt du dann wandern auf dem Erdenrund,
Bis an das Ende aller Weltgeschichte.»

Da plötzlich löschten aus die Wunderflammen,
Und schrecklich, grausig, düster quoll die Nacht
Im wüsten Wirbel wiederum zusammen.

[ 39 ] Wiederum solch ein Beispiel, wie die Menschenseele sich gedrängt fühlt, sich auseinanderzusetzen mit dem, was in der Zeit herangekommen ist. Und jetzt, nachdem wir solche Bilder durch unsere Seelen haben durchgehen lassen, möchte ich Sie erinnern an das, was ich schon einmal gesagt habe von dieser Stelle aus: Wir müssen unsere Anschauungsweise ändern, wenn wir richtig in die geistige Welt hineinblicken wollen. Wir müssen nicht glauben, daß wir sie wie die sinnliche Welt anschauen können. Wir müssen uns sogar an andere Ausdrucksweisen gewöhnen. Die Bäume, Flüsse, Berge, das alles sehen wir, nehmen wir wahr, wenn wir in der physischen Welt sind. Die geistigen Wesenheiten aber erleben wir so, daß wir sagen müssen: sie sehen uns, sie nehmen uns wahr. Zum wahren Verständnisse des Mysteriums von Golgatha ist das aber notwendig zu wissen, weil das nur im Geistigen richtig verstanden werden kann. Aber so wollen wir das Mysterium von Golgatha verstehen.

[ 40 ] Zeiten müssen kommen, wo durch ein wirkliches Verständnis des Wortes: «Nicht ich, sondern der Christus in mir», es möglich sein wird, sich in der richtigen Weise mit Wissen zu den geistigen Welten zu erheben. Im Jahre 1838 ist dieses epische Gedicht «Ahasver» von Julius Mosen erschienen, und es verrät uns das auch, da er diese Legende so schreiben konnte, daß Mosen wirklich ergriffen werden konnte von dem tragischen Geschick, das ihn ereilt hat. Er hat die größte Zeit, fast die ganze Zeit seines Lebens, im Bette gelegen, da sein physischer Leib fast ganz gelähmt war. Dadurch konnte er sich eben zu höheren Ideen erheben. Er erinnert uns darin an jenen Sünder, von dem ich gestern gesprochen habe, in dem Roman des «Maha Guru», der, als er schon wahnsinnig war, seine Kunst gefunden hat, und er erinnert uns an die Frau des Grafen aus dem polnischen Drama, die ebenfalls in krankhaften Zustand geraten mußte, um mit der geistigen Welt in Verbindung zu sein. Heute soll es eben die Aufgabe der Geisteswissenschaft sein, den Menschen im gesunden und normalen Zustande in die geistige Welt aufsteigen zu lassen. Das alles sind Zeichen für den Ernst und für die Würde, mit der wir die Aufgabe der geisteswissenschaftlichen Bewegung aufzufassen haben. Heute, wenn man in ein Wort, in ein Wahrwort zusammen sich denkt dasjenige, was einen als Kraft beseelen kann, so fassen wir es zusammen mit den Worten: Das Mysterium von Golgatha zeigt uns, daß ein geistiges Verständnis notwendig ist, daß wir den Christus als Geist suchen müssen. - Dann müssen wir auch sagen: Der Christus sieht uns, nimmt uns wahr.

[ 41 ] Dies wollen wir uns recht tief einprägen und immer vor Augen halten, und unser geistig-seelisches Gewissen muß es befriedigen können, wenn wir unsere geisteswissenschaftlichen Erkenntnisse so vertreten, daß wir mit gutem Gewissen in der Seele die Worte tragen: Der Christus mag zusehen bei dem, was wir als unsere Geisteswissenschaft treiben. - Das ist unser Glaube, das kann uns aber auch so beseelen, wie einmal die Menschen beseelt worden sind durch das Wort des Bernhard von Clairvaux: «Gott will es!», das ein Wort geworden ist, welches sich in Taten umgesetzt hat. Möge es bei uns dasselbe sein, daß wir glauben dürfen, den Christus richtig zu verstehen, wenn wir unter dem Eindruck des Wortes leben: Der Christus kennt uns. —- Und wenn Sie es richtig verstehen, ich könnte Ihnen nichts Esoterischeres geben für die unsere Geisteswissenschaft im richtigen Licht erblickende Seele und für das im rechten Sinne die Geisteswissenschaft fühlende Herz, als das Wort: Der Christus sieht uns!

[ 42 ] So lebe in unserer Seele das Wort: Der Christus sieht uns! — denn das dürfen wir glauben, wenn wir die Geisteswissenschaft richtig verstehen: Der Christus sieht uns!