Die okkulte Bewegung
im 19. Jahrhundert
und ihre Beziehung zur Weltkultur
GA 254
7 November 1915, Dornach
Dreizehnter Vortrag
[ 1 ] Da es möglich ist, daß wir heute noch hier miteinander sprechen, so will ich einige Punkte berühren, welche da oder dort zusammenhängen mit dem, was wir im Laufe der Zeit betrachtet haben. Ich möchte zuerst Ihren Blick darauf lenken, daß die Stimmung, von der ich das letzte Mal gesprochen habe, die Stimmung einer gewissen Abweisung der geistigen Welten, der wirklich konkreten geistigen Welten, eigentlich etwas ziemlich allgemeines ist in der heutigen äußeren Welt, während im Grunde genommen die Stimmung: heranzutreten an die geistigen Welten, um aus den geistigen Welten etwas aufzunehmen zur Bereicherung und Erkraftung des Lebens, nur bei einem kleinen Häuflein von Menschen vorhanden ist. Ich meine, das können wir ja sehen.
[ 2 ] Man wird mit diesen Dingen in seinem Verständnis nur dann zurechtkommen, wenn man sich klar ist darüber, daß heute noch nicht viele Menschen dasjenige kennen, was immer verbreiteter und verbreiteter werden wird in der Welt: das tragische Ringen mit der Erkenntnis. Die Empfindung, daß man die Erkenntnisse der geistigen Welten braucht, daß man sie aber nur erlangen kann in einem geduldigen Hingeben der Seele an die geistigen Welten, diese Empfindung, dieses innere Ringen mit der Erkenntnis, dies konnte in den alten Zeiten, wo gewissermaßen die Erkenntnis an die Menschen durch atavistisches Hellsehen herangekommen ist, noch nicht da sein.
[ 3 ] Gerade aus denjenigen Tatsachen heraus, die ich in den letzten Wochen hier auseinandergesetzt habe, kann sich in unserer Zeit erst dieses Ringen mit der Erkenntnis bilden. Und so kommt es denn, daß in unserer Zeit, da wo es sich um Erkenntnis, um Erkenntnisstreben handelt, die Menschen nur zu sehr geneigt sind, sich irgend etwas vorzumachen. Auf der einen Seite möchten die Menschen heute frei sein von jeglichem Autoritätsglauben, auf der anderen Seite sind die Menschen gerade heute dem schlimmsten Autoritätsglauben verfallen. Denn wenn einer irgend etwas bringt — ich habe das oft in anderem Zusammenhange erörtert -, was das Mäntelchen der Wissenschaftlichkeit trägt, dann ist der Glaube an so etwas Wissenschaftliches ganz allgemein. Die Menschen wollen nicht zu dem sich heraufringen, was wirklich individuelles Erkenntnisstreben ist. Sie sind in Wahrheit, ohne daß sie es merken, zu bequem, zu träge, um diejenigen Kräfte der Seele in Tätigkeit zu versetzen, die eben in Tätigkeit kommen, wenn man mit der Erkenntnis ringt. Und so wollen sich die Menschen mit dem, was allgemein als autoritativ-wissenschaftlich anerkannt ist, wie durch ein seelisch-geistiges Narkotikum beruhigen. Sie wollen dasjenige, was so allgemein anerkannt ist, fertig übernehmen, damit sie nicht das individuelle Erkenntnisstreben in Tätigkeit zu versetzen brauchen. Im Grunde genommen ist das Aufbäumen gegen die geisteswissenschaftliche Weltanschauung wesentlich darauf zurückzuführen, daß diese geisteswissenschaftliche Weltanschauung an die einzelnen Seelen die Anforderung stellt, die individuellen Kräfte in Tätigkeit zu versetzen, mitzudenken, mitzufühlen. Das wollen aber die Menschen nicht. Sie wollen sich ein gewisses autoritatives Wissen fertig übergeben lassen.
[ 4 ] Allerdings, Seelen, welche durch ihre ganze Konstitution in dem Ringen unserer Zeit darinnenstehen — und «unserer Zeit» bedeutet, wie wir es in diesem Zusammenhang hier immer gezeigt haben, die drei bis vier letzten Jahrhunderte -, also diejenigen Seelen, die so in dem Ringen dieser Jahrhunderte darinnenstehen, die fühlen im Ahnen, wie sie nötig haben, alles heraufzurufen, was in den Tiefen der Seele ist, um an die geistigen Welten heranzukommen, um die eigenen Seelen zu verbinden mit dem, was geistig durch die Welt webt und wallt. An solchen Seelen können wir es dann studieren, wie sie in dem Ringen der Zeit sich darinnen fühlen.
[ 5 ] Wir haben das letzte Mal auf solche Seelen aufmerksam gemacht. Ich habe bedeutende Werke aus der Literatur angeführt, aus denen wir ein solches Ringen der Seele innerhalb der Impulse der Zeit ersehen können. Jene Seelen aber, die sich wie durch ein geistig-seelisches Narkotikum betäuben wollten, leben sich ein in eine gewisse Weltanschauungsströmung, in die sie hinein geboren oder hinein erzogen waren. Das sind gewiß eine große Anzahl von Seelen in unserer Zeit, welche durch ihr Karma und durch das, was mit ihm zusammenhängt, mehr nach dem Materialismus hinneigen. Sie übernehmen das, was der Materialismus als Weltanschauung hervorgebracht hat. Andere sind spiritueller gerichtete Seelen, sie übernehmen das, was der Spiritualismus oder der Idealismus zur Welt gebracht hat, und sie betäuben sich an dem, was sie übernehmen, ohne den Willen zu entwickeln, sich hineinzustellen in jenes Ringen, in das die Seele kommt, wenn sie wirklich in die geistigen Welten hineintreten soll.
[ 6 ] Ein Beispiel aber einer ringenden Seele, ich möchte sagen, einer, trotz ihrer Bedeutung bescheidenen, ringenden Seele, möchte ich heute besprechen, einer Seele, die voll mitgelebt hat das geistige Ringen des 19. Jahrhunderts. Damals, als die große philosophische Welle durch die Zeit gegangen ist, da war dieser Mann, von dem ich sprechen möchte, jung. Er hat mitgemacht alle jene großen Gedanken, welche die idealistischen Philosophen im Beginne des 19. Jahrhunderts heraufgetragen haben, die idealistischen Philosophen und Naturphilosophen, die, wie Fichte, Schelling, Hegel, geglaubt haben, durch intensive Anstrengung des Denkens, des individuellen Denkens, hineinzukommen in die Sphäre, wo die Weltenrätsel sich enthüllen. Jene philosophische Welle hat der Betreffende durchgemacht, welche vorzugsweise aus einer gewissen starren Einseitigkeit des Denkens heraus, man möchte sagen, die ganze Welt konstruieren wollte. Dann hat er mitgemacht den Übergang zu der Zeit, wo man geglaubt hat, daß es mit diesem Denken ganz und gar nichts ist, daß man auf diese Weise gar nicht zu irgendwelcher Enthüllung der Welträtsel kommen könnte. Er wächst deshalb da hinein, wo man sich gesagt hat: Das Denken kann überhaupt nichts, man muß den Blick richten auf das weite Feld der äußeren, sinnlichen Erfahrung, man muß die sinnlichen Erfahrungen messen, wiegen, sie miteinander vergleichen, muß sie auf äußere Weise ableiten. - Man muß hinzufügen: ihm sind noch gegenwärtig die, welche an die Stärke des Denkens noch glauben, während in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein gewisses Mißtrauen zum Denken vorherrschte und die Ansicht bestand, nur das äußerliche, sinnliche Beobachten sei dasjenige, woran man als Mensch glauben dürfe. Dann hat derselbe Mann sehr bedeutungsvolle Entdeckungen gemacht auf diesem äußeren sinnlichen Gebiete, gerade in einer Sphäre, die erkenntnistheoretisch außerordentlich aufklärend ist.
[ 7 ] Aber dadurch, daß er herüberlebt, ich möchte sagen, aus der denkerisch gerichteten Zeit in die sinnlich gerichtete Zeit, hat sich in ihm aufgerührt und aufgerüttelt alles, was die Seele an inneren Kräften hat, an solchen Kräften, die mit der Frage ringen: Wie kann der Mensch überhaupt die Anknüpfung finden an die wirkliche Realität, an das Wahre im Weltall? Da kommen dann über die menschliche Seele eigentümliche Augenblicke, Augenblicke, wo die menschliche Seele sich wie an einem finsteren Abhang stehend fühlt, wo sie sich sagt: Was man auch versucht an Gedankenschöpfungen und an allem möglichen innerlich zu entwickeln, wo hat man denn eine Sicherheit, wo hat man ein Kriterium dafür, daß dies doch nicht auch aus der Seele hervorgeholt ist, daß es nicht menschlich-subjektiv ist, eventuell sogar mit dem Tode seine volle Bedeutung verliert, also im Grunde genommen nicht hineinführen würde in das ganze Getriebe der Welt?
[ 8 ] Dann wiederum kommen die Augenblicke über die Seele, wo sie sich sagt: Warum soll man das überhaupt versuchen, aus der Seele selbst etwas hervorzuholen? Da gibt es doch keine Sicherheit! Wenn man chemisch, physikalisch forscht, wenn man sich auf die äußere, physische Welt verläßt, kann man wenigstens am Faden der äußeren Welt fortgeführt sich fühlen.
[ 9 ] Man muß solche Stimmungen der Seele eben als Stimmungen nehmen, so als Stimmungen nehmen, daß sie die Seele hin und her werfen zwischen dem Suchen und dem Abweisen eines jeden Suchens. Wenn man eine solche Seele betrachtet, so ist sie gewöhnlich gerade eine von denen, die echte, wahre Erkenntnistriebe haben, die aber in unserer Zeit in eigentümlicher Art hineingestellt sind in das Weltgetriebe, namentlich da, wo dieses Weltgetriebe nach Erkenntnis strebt, weil solch eine Seele sich leicht sagen kann, wenn sie die Menschen ringsherum sich ansieht: Wie leicht, wie leicht machen es sich diese Menschen, an dieses oder jenes wie an etwas nicht zu Widerlegendes zu glauben! Man braucht nur ein wenig die geistigen Augen aufzumachen und man sieht, wie brüchig solch ein Glaube ist.
[ 10 ] Da könnte zum Beispiel die Seele, die ich meine, finden, daß die Menschen, auch diejenigen, die für gewisse Dinge in der Welt die Verantwortung tragen, heraufkommen sehen diese oder jene scheinbar wichtige Erfindung oder Entdeckung, die wie etwas Großes und Gewaltiges ausposaunt wird, und sie für wichtig halten, und dann ist es wieder für ein paar Jahre nichts damit. Insbesondere ging es jener Seele, die ich gerade meine, nahe, wie es mit den verschiedenen Heilmitteln ist, wie da oder dort ein Heilmittel entdeckt wird, das dann in die Welt hinein ausposaunt wird, als diese oder jene Krankheit sicher heilend.
[ 11 ] Die Menschen, die es sich bequem machen im Leben, nehmen so etwas als großartig auf; aber jene, die etwas wissen, die wissen auch, daß solche Dinge heraufkommen und wieder hinuntersinken. So hatte gegen die dreißiger Jahre des 19. Jahrhunderts hin eine solche Seele gefunden, wie ein Heilmittel, man könnte sagen, Karriere gemacht hat: die Jodine. Aber der Mann konnte nicht so ohne weiteres sich sagen: Ich mache den ganzen Jodinerummel mit -, denn er war zu bekannt mit der Leichtigkeit, mit der sich die Menschen zumeist aus ihrer Bequemlichkeit heraus Erkenntnisse erwerben. Und da stand er denn da, es war im Jahre 1821, die Jodine hatte ihre Karriere gemacht, und schreibt in der zweiten Auflage eines kleinen Schriftchens — die zweite Auflage erschien 1832 — daß der Mond aus Jodine bestehe und man deshalb auch durch den Mond heilen könne.
[ 12 ] «Die erste Auflage dieses Schriftchens erschien im Jahre 1821, zu der Zeit, wo die Jodine anfing, als Heilmittel Aufsehen zu machen. Es war so nach eigentlich für ein temporäres und zum Teil lokales Interesse berechnet; ich lasse es dahin gestellt sein, inwieweit sich jetzt noch jemand dafür interessieren kann.»
[ 13 ] «Die Jodine ist ein Heilmittel von außerordentlicher Wirksamkeit. Sehr natürlich. Es ist noch kein Jahr, daß sie angefangen hat, gegen den Kropf wirksam zu sein, und somit hat sie durch das Alter noch nichts von ihrer ersten Kraft verloren. Denn wir finden bei jedem Heilmittel, daß es zu Anfange seines Gebrauchs unübertreffliche Wirkungen zeigt und alle früher gegen dieselbe Krankheit angewandte Mittel ganz und gar entbehrlich macht; sobald es aber eine Zeitlang im Medizinkasten der Materia medica gelegen hat, zur verlegenen und kraftlosen Ware wird, geradeso wie Kinder, an denen man in ihren frühern Jahren einen ausgezeichneten Verstand bemerkte, im spätern Alter gewöhnlich Dummköpfe werden. Wir haben an der Ratanhiawurzel vor einigen Jahren ein auffallendes Beispiel dieser Art gesehen. Drohte sie nicht in ihrem Übermute, alle unsere Tonica und Adstringentia aus den Apothekerkasten zu werfen, und beschämte sie nicht selbst die China, die sich doch sonst immer in Respekt zu erhalten weiß, durch die Wunderkuren, die sie von sich erzählte? Jetzt möchte die Ratanhia sich selber mit Ratanhia kurieren, da sie, wie es den Ärzten zu gehen pflegt, die von den Krankheiten, die sie am häufigsten heilen, am öftersten angesteckt werden, an einer so chronischen Schwäche leidet, daß sie alle Prahlereien vergißt und sich ganz ruhig zur Tormentille und Columbo hinsetzt, über die sie sonst mit einer so vornehmen Miene hinwegsah; und wenn sonst kein Schleim- und Blutfluß war, der nicht vor dem bloßen Namen Ratanhia gezittert hätte, so sehen wir jetzt diese ungezogenen Krankheiten häufig der großen Meisterin geradezu ins Gesicht lachen und eine Widerspenstigkeit zeigen, von der sie zu Anfange ihrer Praxis laut allen Nachrichten nie eine Spur erfahren hatte. Man kann nach diesem Allen den Ärzten nicht genug raten, die Jodine jetzt, da sie noch in ihrer ersten Jugendkraft ist, so oft als möglich zu benutzen, ehe auch sie der Marasmus senilis unbrauchbar macht.
[ 14 ] Jetzt in der Tat dürfte es wohl kaum einen Kropf geben, den die Jodine nicht von Grund aus heilte; und dies nicht allein. Ein neues Mittel greift den Menschen erst bei einem schwachen Punkte an; aber es frißt um sich wie ein Krebs; und so hat denn die Jodine auch schon die Skropheln und Krankheiten des Uterus angegriffen; und kein Zweifel, daß sie von da aus sich noch weiter umsehen wird. Es geht den Mitteln wie gescheiten Leuten: Lange Jahre können verfließen, ehe Jemand daran denkt, sie zu brauchen; man weiß kaum, daß sie da sind; haben sie aber erst Geschick in einer Sache gezeigt, so häuft man nach und nach so viel Funktionen, Ehren und Würden, mögen sie dazu taugen oder auch nicht taugen, auf sie, daß sie, weil sie doch nicht alles zugleich leisten können, nun gar nichts mehr leisten und bloß von ihrem alten Rufe zehren. Die Jodine hat es allerdings noch nicht so weit gebracht; sie muß noch rüstig sein und sich rühren, ehe sie sich ihrerseits wird zur Ruhe setzen können. Unterstütze man sie darin; man wird desto eher das Vergnügen haben, zu einem andern Mittel übergehen zu können. Indes ist es unnötig, hierzu noch besonders zu ermahnen, da ohnehin in neuerer Zeit schon das Mögliche geschieht, ein Mittel durch alleKrankheiten hindurch zu jagen, bis es zuletzttodmüde absteht; man hat überdies jetzt den Vorteil, doppelt so schnell als früher zustande zu kommen, weil, während ein Mittel gegen die eine Hälfte der Krankheiten von der Allopathie verordnet wird, es stets zugleich gegen alle Krankheiten von direkt entgegengesetzter Natur von der Homöopathie gebraucht wird, so daß ihr keine Krankheit so leicht entgehen kann. So werden wir gewiß nächstens erleben, daß die Einen die Jodine gegen die Fettsucht empfehlen, weil sie die Leute mager macht, und die Andern gegen die Schwindsucht, auch, weil sie die Leute mager macht: und da mithin die Jodine vermöge dieses Grundes zwei geradezu entgegengesetzte Wirkungen zu leisten vermag, so wüßte ich nicht, was im Himmel und auf Erden die Jodine nicht sollte zu bewirken vermögen, bloß aus dem Grunde, weil sie die Leute mager macht.
[ 15 ] Übrigens sollte es mich freuen, wenn sich die Jodine nun zunächst gegen die Schwindsucht wendete. Es ist wirklich schon zu lange her, daß Herz in Hufeland’s Journal dem Phellandrium aquaticum an den Rezepttafeln am Krankenbette seinen Platz als Symptom der Schwindsucht anwies, die man manchmal daran erkennen kann, auch wenn die übrigen Symptome derselben fehlen (in welchem Falle besonders glückliche Kuren damit vorkommen); es mag der Jodine immerhin nun seinen Platz abtreten; und diese wird ihm gern eine andere Krankheit dafür ablassen. Gewiß, es bedarf nur dieser Anregung, einen Arzt zu vermögen, die Sache zu veranstalten.
[ 16 ] Freilich aber bleiben diese und ähnliche Vorschläge nur pia vota, wenn wir nicht einen Weg aufzufinden wissen, die Jodine in reichlicherem Maße zu gewinnen, als dieses bisher möglich war. Bei der Homöopathie zwar besteht die Verlegenheit nicht sowohl darin wie sie recht viel Jodine, sondern, wie sie recht wenig bekommen soll, da, wenn wir allen Homöopathen zusammen einen Gran schenken, sie darum wie die Ameisen um den Chimborasso, in Verzweiflung, ihn je abtragen und klein machen zu können, herumlaufen werden, allein die Allopathen, die minder genügsam sind, wollen doch auch kurieren. Für diese wäre in der Tat sehr zu wünschen, daß nun auch ein Bergwerk von Jodine entdeckt würde, welches die nötige Quantität von Zentnern lieferte, die die jährliche Konsumation erfordern dürfte. Denn schon jetzt wollen alle Fucusarten des Weltmeeres nicht mehr zureichen, den nötigen Bedarf von Jodine zu verschaffen, da man doch von derselben noch weiter nichts hat, als die Tinktur. Wie soll es dann werden, wenn sie erst eine ganze Nachkommenschaft von Salben, Pflastern, Pillen und andern Kompositionen in der Polygamiemitandern Mitteln wird erzeugthaben, die einem so kräftigen Heilmittel gar nicht fehlen kann. Ich tue daher, da sich bis jetzt von einer solchen Fundgrube noch keine Spur gezeigt hat, folgenden Vorschlag zur Auffindung derselben. Man lasse künftig bloß mit Kröpfen und Skropheln behaftete Bergleute, und Weiber, die an Unordnung der Katamenien leiden, in den Gruben arbeiten. Findet man nun, daß hier ein Kropf einsinkt, dort eine angelaufene Drüse verschwindet, oder bei einer Frau die Katamenien wieder eintreten: so hat man eo ipso den Beweis, daß diese Grube Jodine enthalten müsse, und kann nun keck die Erde aus derselben als jodinehaltig in schicklichen Verbindungen gegen die genannten Krankheiten anwenden. Auf ähnliche Weise wurde ja auch die Wirksamkeit des Braunsteins gegen die Krätze entdeckt, nur daß ich hier den Schluß umdrehe, wobei ich indessen hoffe, nicht gegen die logischen Regeln verstoßen zu haben.
[ 17 ] Ich bahne mir nun den Weg zu der Hauptaufgabe dieses Büchleins dadurch, daß ich die gewöhnlichen Wege, auf denen man bisher die Gegenwart der Jodine auszuforschen und zu erweisen pflegte, kürzlich beleuchte und zugleich zeige, in wie fern sie brauchbare Resultate geben konnten, oder nicht.
[ 18 ] Ein Apotheker Courtois entdeckte die Jodine zuerst in der Asche des Tangs, eines Meergewächses. Sogleich faßte man den Verdacht gen alle Meerbewohner, daß sie dies Heilmittel verheimlichten; durch das ganze Meer wurde sogleich die strengste Haussuchung angestellt, und die gelddurstigen Spanier können den armen Indianern nicht ärger mitgespielt haben, als wir es den Seegeschöpfen taten: denn welche Marter, welche Wasser- oder Feuerprobe wurde wohl in unsern chemischen Laboratorien unversucht gelassen, um den armen Meerprodukten das Geständnis auszupressen, daß sie Jodine versteckt hielten; und als solches sah man denn allgemein einen roten Dampf an, den man durch siedende Schwefelsäure von ihnen zu erzwingen pflegte. Ein solcher roter Dampf war hinreichend, gerade wie sonst die roten Augen einer Hexe, alle Individuen der Art zum Scheiterhaufen zu verdammen, die man nun mit unerbittlicher Strenge aus ihren Schlupfwinkeln hervorzog, um aus ihrer Asche die Jodine zu gewinnen. Dies ist auch jetzt noch die gewöhnlichste Art, die Jodine aufzusuchen und darzustellen, und jedes Meerprodukt kann daher Gott danken, das sich von dieser gefährlichen Ware frei weiß. Freilich bemerkte man bald, daß man auf diesem Wege nur eine sehr spärliche Ausbeute erhielt, und voll Unmut darüber, daß den Kindern des Ozeans so wenig abzugewinnen war, packte man nun sogar den alten Oceanus selber an, schüttete ihn in eine Destillierblase (in der Tat untersuchte man das Meerwasser auf Jodine) und suchte durch Sieden und Schmoren ihn zum Geständnisse seiner Reichtümer zu zwingen; aber bis jetzt hat er standhaft die Folter ausgehalten.
[ 19 ] Was nun zu tun? Jodine mußten die Ärzte haben, und die Apotheker schafften keine. Sie gerieten also auf eine weit sinnreichere Art, die Gegenwart der Jodine auszuforschen, als bisher Statt gefunden hatte, und waren auch wirklich so glücklich, auf solche Weise dieselbe in Substanzen zu finden, in denen der Chemiker mit seinen Reagentien freilich keine Spur entdecken konnte. Und wie fingen die Leute denn dieses an? Je nun, sie dankten die Chemie ab und machten die Logik zum Hüttenknechte. Diese warf die ganzen Retorten und Blasen der _ Chemie zum Fenster hinaus, setzte sich an den Blasebalg, heizte eine Weile mit Syllogismen und Soriten ein, und siehe da, in kurzem lag aus einer Menge Substanzen ein schönes braunes Jodinekorn da, wie man es sich nicht schöner hätte wünschen können...»
[ 20 ] «Da wir den Grundsatz zur Basis unsrer Untersuchungen aufgestellt haben, daß jede Substanz Jodine enthalte, die den Kropf heile: so wollen wir jetzt die Mittel aufzählen, die dieses Vermögen in vorzüglichem Grade besitzen sollen. Dies sind folgende: Gebrannter Schwamm, von dem schon oben die Rede gewesen ist, Extractum Cicutz, Digitalis, Antimonium crudum, Mercurius dulcis, gebrannte Eierschalen, Juchten und Tuchlappen. Nun ist gar kein Zweifel, daß alle diese Mittel wirklich Jodine enthalten, die sich auch nach unsrer Zerlegungsmethode sehr leicht würde daraus darstellen lassen; und selbst das Messer, welches die Exstirpation des Kropfes verrichtet, kann dies nicht anders, als durch seinen Gehalt an Jodine bewirken, indes steht doch zu befürchten, daß bei unserm immer skrophulöser werdenden Zeitalter am Ende alle diese Mittel nicht mehr ausreichen werden, und ich habe daher, um diesem Mangel im Voraus vorzubeugen, darüber nachgedacht, ob sich nicht ein andrer Körper entdecken ließe, der die Jodine in noch reichlicherem Maße enthielte, und siehe, da bin ich auf eine herrliche Entdeckung geraten, von der sich nie ein Arzt, nie ein Chemiker noch Physiker je etwas hat träumen lassen, und die, ich kann es mit Stolz sagen, als ein glänzendes Meteor in den Jahrbüchern der Wissenschaft dastehen wird. Hört es und staunt! Der Mond, ja der Mond ist nichts weiter, als ein großer Klumpen Jodine. Als echtes Meeresprodukt schwimmt er dort im blauen Himmelsozean herum, um, wie selbst jedem alten Weibe bekannt ist, die Kröpfe auf dieser Erde zu vertreiben, und beurkundet hierdurch so schön, daß nichts ohne Nutzen und Zweck an seinen Ort gestellt ist. Man könnte zwar dann fragen, wozu die kleinen Jodinekleckse, die Sterne, da wären? Je nun, doch wohl um die Warzen zu kurieren, als kleinere Verkröpfungen der Hände und des Gesichts, deren Vertreibung man sonst fälschlich mit auf Rechnung des Mondes setzte. Welche reichhaltige Quelle von Jodine ist uns durch diese Ansicht auf einmal geöffnet, wie schön lassen sich alle Erscheinungen an und im Monde damit in Übereinstimmung bringen, und zu welchen glänzenden Resultaten wird sie uns noch weiter führen, so daß ich behaupten kann, das ganze Jahrhundert habe keine folgenreichere und für die Wissenschaft wichtigere Entdeckung aufzuweisen.
[ 21 ] Ich hätte übrigens nun nicht nötig, noch weitere Beweise für die Jodinität des Mondes anzuführen, da, wenn man den Mond auf den Probierstein unsers oben angeführten Grundsatzes legt, er die Probe so schön aushält; aber ich will der Welt zeigen, daß ich auch eine nähere Beleuchtung meines Fundes nicht zu scheuen brauche, und zugleich mit auf die wichtigen sich daraus ergebenden Folgerungen aufmerksam machen.
[ 22 ] Jetzt erst sind wir im Stande, auf eine ganz genügende Weise das periodische Abnehmen des Mondes zu erklären: denn da wir finden, daß der Mond bloß, wenn er im Abnehmen begriffen ist, den Kropf heilt, folgt daraus nicht sehr natürlich, daß eben diese große Konsumtion für Kropfkranke den Substanzverlust am Monde hervorbringt, der sich alle Monate auf eine uns noch unbekannte Weise wieder reproduziert, was wir allerdings eben so wenig erklären können, als warum der Krebs seine Scheren wiederbekommt.
[ 23 ] Durch diese unsre Ansicht gewinnt auch die schon alte Meinung wieder sehr an Wahrscheinlichkeit, daß der Mond ein Exkrement und quasi sputum der Erde sei, das sie, wahrscheinlich nach einer Überladung, ausvomiert habe. Wenigstens erklärt sich daraus sehr genüglich, warum jetzt nur noch so wenig Jodine auf der Erde angetroffen wird, denn wenn man viel Galle weggebrochen hat, wird der Magen rein.
[ 24 ] Ferner kommen wir nun endlich auch aufs Reine über den Ursprung der sogenannten Mondsteine. Man hat sie bisher häufig für eine Art Deserteurs und Überläufer von dem Monde zur Erde gehalten. Allein, wenn sie wirklich von dem Fleisch und Bein des Mondes entstanden wären, so müßte sich notwendig Jodine in ihnen nachweisen lassen, oder vielmehr, sie müßten ganz aus Jodine bestehen. Da nun beides von den Verteidigern ihres selenitischen Ursprungs noch nicht dargetan worden ist: so ist mir allerdings eine von den folgenden beiden Meinungen viel wahrscheinlicher: entweder, daß sie als eine Art Gichtkonkremente zu betrachten seien, die sich in der Atmosphäre, dem Gelenkwasser zwischen zwei Weltkörpern, die man nicht übel mit Knochen des Weltalls vergleicht, erzeugen; oder daß sie ein käseartiges Gerinnsel des Äthers seien, der, wie die Milch, durch elektrische und galvanische Prozesse zusammenschlickert .. .»
[ 25 ] «Wenn aber der Mondschein kein wahres Licht ist, was ist er denn? — Nun natürlich weiter nichts, als ein Ausfluß von Jodine. — Aber er sieht ja gelb aus? — Je nun, das rührt bloß von der verschiedenen Potenzierung her, die die Jodine hier erlitten hat, antworte ich, und hoffe, einem Naturphilosophen klar und verständlich geantwortet zu haben; und da ich bloß für gescheite Leute schreibe: so wird jeder Naturphilosoph sogleich wissen, daß ich schon zufrieden bin, wenn er es nur verstanden hat. Hieraus läßt sich übrigens auch erklären, warum im Mondschein Kälte entsteht, die ja allemal eintritt, wo eine Substanz sich verflüchtigt, also auch bei dieser Verflüchtigung der Jodine.
[ 26 ] Ich würde nun nach allem diesem recht sehr raten, daß ein Chemiker den Mondschein in einer Schüssel auffinge und einer chemischen Analyse unterwürfe.. .»
[ 27 ] «Ich füge nun bloß noch der Charakteristik des Mondes, als Jodinekloß, Folgendes bei: der gelbsüchtige Teint des Mondes rührt auf jeden Fall von der Eigenschaft der Jodine her, die Haut gelb zu färben, die sie an ihrem eignen Felle zuerst versucht hat; und das Abend- und Morgenrot am Himmel lassen sich sehr füglich daraus erklären, daß der Mond wahrscheinlich Abends und Morgens mehr als zu andern Tageszeiten schwitzt; was vielleicht auf einem hektischen Zustande desselben beruht, da er oft so auffallend dabei abnimmt; und daß die Jodine schön rot oder violett schwitzt, ist ja bekannt.
[ 28 ] Durch diese beiden letztern Ansichten hoffe ich auch die gewöhnlichen Chemiker, die manchmal in dem Verlaufe dieser Schrift nicht ganz mit mir zufrieden gewesen sein dürften, wieder mit mir versöhnt zu haben, da die Schlüsse, worauf die Beweise beruhen, alle Spekulation verschmähend, bloß auf reinen Tatsachen beruhen.
[ 29 ] So scheide ich denn von allen hiermit in Ruhe und Frieden und wünsche nur noch schließlich der Jodine eine längere Jugend, als ich ihr in meinem Prognostikon habe prophezeien können.»
[ 30 ] Es ist das etwas, was scheinbar jeder aufgeklärte Mensch mit ganzem Recht absurd nennen würde. Aber das hindert ihn nicht, diesen aufgeklärten Menschen, jede Stunde einmal einen ähnlichen Fehler zu machen. Nur bemerkt er es nicht, wenn es sich um etwas handelt, was er in die Gegenstände seines Glaubens eingeschlossen hat. Der Mann, der das geschrieben hat, im Jahre 1821 — er nannte sich dazumal Dr. Mises -, das ist derselbe, den Sie aus der wissenschaftlichen Literatur kennen als Professor Gustav Theodor Fechner, derselbe, der in den fünfziger Jahren versuchte, eine Ästhetik von unten herauf zu begründen auf Grundlage von sinnlich-anschaulichen Experimenten, nicht von oben herunter, das heißt aus dem Gedanken- und Empfindungsmaterial der Seele heraus. Das war ein Mann, der, man kann wirklich sagen, alle Qualen des Erkenntnisringens des 19. Jahrhunderts durchgemacht hat. Es war derselbe Mann, der den Streit hatte mit dem Botaniker Schleiden über die Einwirkung des Mondes auf verschiedene Vorgänge der Erde. Ich habe Ihnen erzählt, wie dann durch Frau Professor Schleiden und Frau Professor Fechner hat entschieden werden sollen, wer von beiden recht hatte. Das ist auch derselbe Mann, der versucht hat, aus seinem Ringen heraus eine Art idealistisch-spirituelle Weltanschauung zu gewinnen. Sie können sehen, wie er das versucht hat, aus der Darstellung, die ich über Gustav Theodor Fechner gegeben habe in meinen «Rätseln der Philosophie».
[ 31 ] Man möchte sagen: an einer solchen Seele sieht man so recht die Realität, als welche der Mensch empfinden kann dasjenige, in dem er mit seinem Erkenntnisstreben darinnen lebt, wenn er dieses Erkenntnisstreben in allem Ernste hat. Nun ist aber die Geisteswissenschaft wohl wirklich erst dasjenige, was uns den ganzen Ernst und die ganze Bedeutung der Sache klarmachen kann. Wenn solch ein Mensch wie Gustav Theodor Fechner so etwas ausspricht, wie es in dem kleinen Schriftchen steht: «Beweis, daß der Mond aus Jodine bestehe», dann will er damit gleichsam zeigen, wie leichtgeschürzt das Denken der Menschen ist, und wie leicht das menschliche Denken gar nicht herankommt an die Realität, ganz fern steht der Realität. Es wird eben von den Menschen nicht der ganze Ernst und die ganze Bedeutung und die ganze Schwere der menschlichen Entwickelung empfunden. Die Geisteswissenschaft will uns deshalb den Horizont, den wir überblicken in bezug auf das Menschenwesen, etwas größer machen, als man es mit der heute anerkannten Wissenschaft kann. Sie will uns hinweisen auf weit zurückliegende Epochen der Menschheitsentwickelung, zum Beispiel auf die atlantischen Zeiten, will uns zeigen, wie der Mensch in der Atlantis war, und will uns dann hinweisen darauf, in welcher Entwickelungsumwandlung eigentlich dieser Mensch begriffen ist.
[ 32 ] Machen wir uns dann nur das eine klar, wenn wir das, was wir gelernt haben über die alte Atlantis, einmal an unserer Seele vorüberziehen lassen: wie ist es denn, wenn wir den Blick werfen auf das, was heute als Tierwelt, als Menschenwelt um uns herum lebt? Das alles war noch zur Zeit der alten Atlantis ganz anders! Vergegenwärtigen wir uns, was wir in dieser Beziehung wissen. Wir wissen, daß erst während der alten Atlantis die Menschen als Seelen herunterkamen von der Wanderung, die sie durchgemacht hatten in der Sternenwelt. Sie suchten sich erst wieder menschliche Leiber aus, die aus dem Materiale, der Substanz des Irdischen heraus ihnen zugeformt waren. Und wir wissen aus der Darstellung, die gegeben worden ist, wie anders in der atlantischen Zeit diese menschlichen Leiber waren. Ich habe wiederholt darauf aufmerksam gemacht — und Sie können es auch in meinen Schriften lesen —, daß der Menschenleib dazumal noch weich, biegsam, bildsam war, so war, daß die aus den Himmelswelten herunterkommenden Seelen die Leiber noch formen konnten.
[ 33 ] Nehmen Sie einmal an, eine Frau — oder damit wir nicht einseitig sind —, ein Mann wird heute zornig, richtig böse, und macht sich mit bösen Gedanken über einen anderen Menschen her. Nicht wahr, gar so stark kommt das nicht in der Umformung des Gesichtes zum Ausdruck, ein bißchen schon, aber nicht so stark. Die Menschen können heute schon sehr böse sein, und es kommt nicht so stark in ihrer Physiognomie zum Ausdruck. Das war früher in der alten atlantischen Zeit anders. Da wurde das Gesicht, wenn der Mensch etwas Böses im Sinne hatte, ganz Ausdruck seines Inneren, da wandelte es sich ganz um, so daß es dazumal nicht unrichtig gewesen wäre, wenn man gesagt hätte: Der schaut aus wie eine Katze. — Es schaute dann wirklich der Mensch wie eine Katze aus oder wie eine Hyäne, wenn er ganz falsch wurde. Das Äußere des Menschen war dazumal noch ganz und gar Ausdruck des Inneren. Also verwandlungsfähig war dazumal der Mensch in hohem Grade.
[ 34 ] Bei den Tieren war diese Verwandlungsfähigkeit schon geringer, aber sie war auch vorhanden; ihr physischer Leib war schon viel mehr verfestigt als der des Menschen, und eine Verwandlung fand nur ganz allmählich statt. Namentlich waren die Tiere gattungsmäßig verwandelbar, nicht so, daß sie die Eigenschaften so stereotyp vererbten wie heute. Alles hat sich also für den physischen Menschenleib immer mehr verfestigt, möchte ich sagen, in feste Formen gegossen seit der atlantischen Zeit. Der Mensch hat heute zwar noch die Möglichkeit, seine Hand zu bewegen, auch ein gewisses Mienenspiel des Gesichts zu entfalten; aber in gewissem Sinne ist die Form seines Leibes doch fest geworden. Und völlig verfestigt sind die Tierformen, die daher Starrheit in ihrer Physiognomie uns zeigen. Das war auch bei den Tieren in dem Maße noch nicht der Fall in der alten atlantischen Zeit.
[ 35 ] Wir können, wenn wir den Menschen charakterisieren wollen, im allgemeinen sagen: Heute ist sein physischer Leib in hohem Maße starr, sein Ätherleib, der ist noch leicht beweglich. Der Ätherleib formt sich daher auch noch nach dem, wie der Mensch innerlich ist. So hat es schon eine größere Bedeutung, sogar eine gewisse Realität, wenn zum Beispiel jemand böse wird, daß sich äußerlich sein Gesicht ein wenig zur Hyänenähnlichkeit formt, sein Ätherleib schon hyänenähnlicher wird. Der Ätherleib ist schon noch metamorphosierbar, der Ätherleib hat noch etwas, was ihn verwandelbar sein läßt. Aber er ist ebenso auf dem Wege zur Starrheit wie der physische Leib. Wie der physische Leib von der atlantischen Zeit bis in unseren fünften nachatlantischen Zeitraum hinein feste Formen bekommen hat, so wird von dem fünften in den sechsten nachatlantischen Zeitraum hinüber auch der Ätherleib starrere, festere Formen erhalten, und die Folge davon wird sein — ich habe das in verschiedenen Vorträgen angedeutet —, daß dieser Ätherleib, der mit seinen Formen wieder in den physischen Leib hineingeht, sich sehr stark geltend machen wird. Wir sind im fünften Zeitraum der ersten nachatlantischen Zeitepoche, dann kommt der sechste und dann der siebente Zeitraum; also im sechsten und siebenten Zeitraum wird dieser Ätherleib in seiner Starrheit einen großen Einfluß haben auf den physischen Leib, er wird den physischen Leib zu seinem getreuen Abbilde machen.
[ 36 ] Das hat Wichtiges im Gefolge. Das hat im Gefolge, daß in diesem sechsten Zeitraume unserer nachatlantischen Erdenentwickelung die Menschen mit ganz bestimmten, ihre inneren moralischen Qualitäten ausdrückenden Leibern geboren werden. Man wird den Menschen begegnen und wird aus der Art, wie sie aussehen, wissen: sie sind moralisch so oder so geartet. Die moralische Physiognomie wird dann besonders stark ausgeprägt sein, während dasjenige, was jetzt mehr die Physiognomie ausmacht, mehr zurückgetreten sein wird. Jetzt wird der Mensch in seiner Physiognomie sehr durch die Vererbung bestimmt: er sieht seinen Eltern, seinen Voreltern, er sieht seinem Volke und so weiter ähnlich. Das wird im sechsten Zeitraume ganz und gar keine Bedeutung mehr haben. Da wird der Mensch durch seine Inkarnationsfolge sich das Gepräge seines Aussehens geben. Die Menschen werden sehr verschieden sein, aber sie werden ein scharfes Gepräge haben. Man wird genau wissen: Du begegnest jetzt einem wohlwollenden oder einem übelwollenden Menschen. So wie man heute weiß: Du begegnest jetzt einem Italiener oder einem Franzosen -, so wird man dann wissen: Du begegnest jetzt einem mißwollenden oder einem wohlwollenden Menschen, mit den verschiedenen Abstufungen. — Das wird also immer mehr und mehr sein, daß das Moralische sich im Gesicht ausdrückt. Auch die äußere Physiognomie der Umgebung wird sich mannigfaltig ändern in diesem sechsten Zeitraume. Namentlich werden diejenigen Tiere ausgestorben sein, welche die Menschen heute ganz besonders zu ihrer Fleischnahrung wählen. Dann werden die Menschen ein großes Loblied auf die fleischlose Kost singen, denn es wird dann eine alte Erinnerung sein, daß die Väter in alten Zeiten sogar Fleisch gegessen haben. Nicht etwa so ist es, daß alle Tiere aussterben, sondern nurgewisse Tierformen; besonders die, welche die starrsten Formen angenommen haben, werden von der Erde verschwunden sein. Also auch die äußere Physiognomie der Erde wird sich etwas geändert haben.
[ 37 ] Sehen Sie, dieses Darinnenstehen in einer so festen moralischen Physiognomie, wie es später kommen wird, das wird dem Menschen infolgedessen wie ein Fatum sein, wie ein richtiges Fatum, wie ein Schicksal, ein seinem ganzen Wesen aufgedrücktes Schicksal. In sich wird er dann nicht die Möglichkeit finden können, irgend etwas zu tun gegen dieses Fatum, gegen dieses Schicksal. Nun denken Sie sich diese Tragik! Der Mensch wird dann tatsächlich sich sagen müssen: Im fünften nachatlantischen Zeitraume, da gab es einzelne Materialisten, die glaubten, wenn der Hinterhauptlappen nicht genau über das Kleinhirn geht, dann müßten die Menschen Verbrecher werden. Für diese Menschen war es damals Theorie, aber jetzt ist es wirklich so geworden, jetzt ist dasjenige fest geformt, wovon sie gesagt haben, daß es nicht formbar ist, nämlich der Ätherleib. Wir gehen wirklich der Tendenz entgegen, die Theorien der materialistischen Weltanschauung gewissermaßen zu verwirklichen. Jetzt sind sie noch nicht eine Wirklichkeit, aber wir gehen der Tendenz entgegen. Da sind wir an einem eigentümlichen Punkte der Weltanschauungsgeheimnisse. Diejenigen, welche sich ganz und gar dagegen wehren würden, Propheten zu sein, sind die wahren Propheten, sind die, welche heute erzählen: Man ist deshalb ein Verbrecher, weil der Hinterhauptlappen das Kleinhirn nicht bedeckt. Diese werden sich als Vorverkünder einer Wahrheit erweisen; das wird schon so sein! Die Materialisten von heute sind die ärgsten Propheten, sie wollen es nur nicht sein. Heute besteht noch die Möglichkeit, daß durch Erziehung eine solche eigenartige Bildung des physischen Leibes, wie ein zu kurzer Hinterhauptlappen, durch ein Gegengewicht paralysiert werden kann; in der sechsten nachatlantischen Zeitepoche wird das nicht mehr der Fall sein können, die Ätherleiber werden dann nicht mehr verwandelbar sein. Da braucht es stärkere Mittel, ganz andere, stärkere Mittel, um dem vorzubeugen.
[ 38 ] Wenn dem nicht vorgebeugt wird, so kommt eben der Zustand, den die Materialisten beschreiben und der dann eine Wirklichkeit ist: dann kommt der Zustand, den Sie in einer solch schmerzdurchwühlten Weise geschildert finden in den Gedichten der Marie Eugenie delle Grazie, die heute vorgelesen wurden. Diese Gedichte können Sie auf eine Zeit beziehen, welche schon vorgeahnt wird, die wirklich in der sechsten nachatlantischen Zeitperiode eintreten wird. Man kann in den Gedichten leicht fühlen: das ist eine Seele, die durch das, was sie als heutige Erkenntnis gewinnen kann, sich fühlt wie ins Nichts getaucht. Sie will weitergehen, hat aber noch nichts, was als Gegenmittel da ist, und da kommt ihr ein Bild, wie es sein wird, wenn es in der nächsten Zeit so fortginge mit dem Materialismus! Und um nichts anderes könnten die Menschen sich bekümmern in der sechsten nachatlantischen Zeit, als um solches, was die delle Grazie heute schon zum Ausdruck bringt, wenn kein Gegenmittel geschaffen würde gegen die Entwickelungsrichtung, die der Mensch einmal nimmt aus den Kräften heraus, die er nun einmal hat.
[ 39 ] Alle bisherigen Religionssysteme der Welt könnten das nicht hindern, daß der Mensch im sechsten nachatlantischen Zeitraume einem furchtbaren Fatum unterworfen wäre, dem Fatum, daß in seinem Gesichte, in seiner ganzen Körperphysiognomie — wogegen er nichts unternehmen könnte, wenn er alles so ließe, wie die heute geltende Weltanschauung von der Welt es will —, seine moralischen Qualitäten ausgedrückt wären.
[ 40 ] Das sind ernste Betrachtungen, ungeheuer ernste Betrachtungen. Es gäbe ein gutes Mittel, die Träume der Materialisten in Realität umzusetzen, und dieses Mittel bestünde darinnen, daß diejenigen Leute den Sieg davontrügen in bezug auf die Weltanschauung, die da sagen: Da träumt die Geisteswissenschaft davon, daß die Menschheit in der Zukunft Äthergestalten sehen wird, zuerst den Christus in ätherischer Form und danach dann noch andere Äthergestalten sehen wird; davon träumt die Geisteswissenschaft! Diejenigen aber, die das sagen, sind Narren, die sperren wir ins Irrenhaus. — Gescheite Leute sind dies, die so etwas für Wahngebilde halten. Wenn diese Weltanschauung siegen würde, dann käme das, was ich geschildert habe. Aber diese Weltanschauung darf nicht siegen, das muß unsere unverwüstliche Überzeugung sein. Wissen müssen wir: wenn unsere Ätherleiber so stark sein sollen, daß sie die Fehler unseres physischen Leibes korrigieren können, so muß diese Stärke dadurch herauskommen, daß die Menschen lernen werden für Ernst und Wahrheit zu nehmen, was ihnen aus der ätherischen Welt heraus entgegentreten wird. Dann wird das gegen die Zukunft immer mehr und mehr heilend wirken. Dazu müssen wir vor allen Dingen Geisteswissenschaft aufnehmen, damit wir uns vorbereiten, wenn es an uns herantritt, die ätherische Gestalt des Christus zu sehen, damit wir das im richtigen Ernste zu nehmen wissen.
[ 41 ] Einen großen Strich könnten wir ziehen in der Menschheitsentwikkelung. Vorher hat das Ätherische im Menschen gewirkt und noch das Physische geformt; aber auf der anderen Seite wird die Zeit kommen, wo das Physische und das Ätherische fest sein werden. Der Mensch muß sich daran gewöhnen, das Ätherische außerhalb zu sehen, in allerlei Formen und Gestalten, und es wird das Ätherische sein, nach dem wir uns so richten müssen, wie die sinnlichen Wahrnehmungen uns entgegentreten. Einer Zeit müssen wir entgegengehen, wo wir zunächst den Christus finden, und in seinem Gefolge immer mehr Ätherisches. Dieses Ätherische wird die Stärke haben, dann noch individuelle Menschen aus uns zu machen. Viele Geheimnisse sind es, die hinter dem Weltenwerden liegen, und erschütternd sind viele Geheimnisse. Es hat einstmals einen Homer gegeben. Lesen Sie nach mit Verstand dasjenige, was ich gesagt habe in verschiedenen Zyklen und auch in dem Büchelchen: «Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit», so werden Sie sich sagen müssen: Wodurch ist Homer Homer geworden? Dadurch, daß noch ein höherer Geist ihn leitete. -— Homer wußte das wohl. Seine Gesänge beginnen daher nicht mit den Worten: Ich singe -, sondern sie beginnen mit den Worten: «Singe, o Muse... .» Das ist ganz ernst zu nehmen. Er wußte, daß ein höherer Geist ihn inspirierte. Nur unsere jetzige Zeit nimmt das als Phrase, wie sie als Phrase nimmt die Goetheschen Sätze:
«Die Sonne tönt nach alter Weise,
in Brudersphären Wettgesang,
und ihre vorgeschrieb’ne Reise
vollendet sie mit Donnergang»
[ 42 ] und so weiter. Insofern nun Homer sich wieder inkarniert, wird sich der «Mensch» inkarnieren, nicht aber der Geist, der ihn dazumal leitete. Aber man wird dieser Gestalt im Ätherischen begegnen, die damals Homer inspirierte, oder dem Geist, der den Sokrates, Plato inspirierte, insofern sie eben inspiriert waren. Anfangen müssen wir, die geistige Welt durch die Geisteswissenschaft zu verstehen. Das andere kommt dann von selbst. Aber wenn wir nicht anfangen mit der Geisteswissenschaft, dann gehen wir der Zeit entgegen, die der Menschheit ein furchtbares Fatum aufdrängt.
[ 43 ] Die materialistische Weltanschauung braucht nicht wahr zu sein, aber sie hat eine innere Wahrheit. Sagen kann man von der inneren Wahrheit dieses: Was die materialistische Weltanschauung von den Menschen schildert, das würde werden, wenn diese materialistische Weltanschauung siegte. Und es ist in die Hände der Menschen gegeben, durch eine andere Weltanschauung diesen Materialismus nicht zum Siege kommen zu lassen. Nicht so einfach liegt die Sache, daß man sagen könnte, die materialistische Weltanschauung sei falsch; sondern so liegt sie, daß es in des Menschen Hand gegeben ist, sie nicht durch den lahmen Gedanken der Widerlegung, sondern durch die Tat zu besiegen. Und je mehr Menschen sich finden, welche ihre Augen öffnen gegenüber dem Geistigen, desto mehr Menschen werden sich finden, die einsehen, daß die Verwirklichung des Materialismus in Bann gehalten werden kann, und desto mehr ergibt sich auch die Möglichkeit, daß der Materialismus im Banne gehalten wird.
[ 44 ] Jetzt noch sitzt der Mensch und ahnt dieses oder jenes — er ist vielleicht ein Dichter, ein Künstler — und sagt: Ich fühle mein Genie in mir! - Gewiß, das wird noch eine Zeitlang dauern. Aber verschwinden wird diese Stimmung, total verschwinden wird diese Stimmung. Denn jene Stimmung wird heraufkommen, wo die Menschen sagen werden: Ich hatte eine bestimmte Stunde, da erschien mir ein ätherisches Wesen, das teilte mir dieses oder jenes mit. Ich bin das Instrument, durch welches dieses geistige Wesen hereinwirkt in diese Welt! — Immer mehr und mehr muß die geistige Welt bewußte Realität werden.
[ 45 ] Gewiß, die geistige Welt ist da; aber die Menschen können sich von ihr abwenden. Und die materialistische Weltanschauung kann genannt werden: die große Verschwörung gegen den Geist. Diese materialistische Weltanschauung ist nicht bloß ein Irrtum, sie ist eine Verschwörung, die Verschwörung gegen den Geist.
[ 46 ] Ich hoffe, daß dies trotz der wenigen einzelnen Striche, mit denen ich das andeuten konnte, Ihre Seelen ergreifen wird, so daß Ihre Seelen in diesen Gedanken arbeiten. Gerade die Bekenner der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung sollen etwas wissen von den Impulsen der Weltentwickelung, in denen die Menschheit darinnen lebt. Und möglich ist ja, daß noch viele Menschen kommen und sagen: Das ist nicht so, das ist nicht so, das ist nicht christlich, christlich ist anders und so weiter. Wenn diese kommen, dann werden wir, wenn wir mit Tiefe und im Ernste und mit Würde aus der Geisteswissenschaft heraus erfaßt haben, was die Welt bewegt, in unserem meditativen Leben ewige Grundgesetze ahnen können. Mögen Menschen behaupten, daß wir Phantasten oder sonst irgend etwas seien, wir wissen, wie es mit der Menschheits- und Weltentwickelung ist. Und derjenige, der um ihretwillen durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist, der sieht auch das, was sich in unserer Seele als der Ausdruck der Weltentwickelung ergibt. «Christus sieht uns», daran wollen wir festhalten.
