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Die okkulte Bewegung
im 19. Jahrhundert
und ihre Beziehung zur Weltkultur
GA 254

11 Oktober 1915, Dornach

Zweiter Vortrag

[ 1 ] Bei der heutigen Betrachtung möchte ich bitten, Persönliches mit Sachlichem untereinandergemischt geben zu dürfen, weil das, was ich an die gestrige Auseinandersetzung anzuknüpfen habe, gerade das ist, was die heutige Betrachtung notwendig machen wird und von dem ich nach sorgfältiger Erwägung glauben muß, daß es richtig ist, es heute hier genauer auseinanderzusetzen.

[ 2 ] Ich möchte ausgehen von einem ganz bestimmten Erlebnis, das mit unserer Bewegung zusammenhängend ist. Sie wissen ja: in äußerlicher Weise haben wir unsere Bewegung damit begonnen, daß wir anknüpften — aber eben in äußerlicher Weise anknüpften - an die sogenannte Theosophische Gesellschaft, und daß wir die sogenannte Deutsche Sektion innerhalb der Theosophischen Gesellschaft im Herbst 1902 in Berlin gegründet haben. Nun hatten wir dann im Laufe des Jahres 1904 einen Besuch in verschiedenen Städten Deutschlands von angesehenen Mitgliedern der Theosophischen Gesellschaft, der Theosophical Society. In die Zeit dieses Besuches fällt das Erlebnis, von dem ich ausgehen werde. Es war dazumal von mir bereits erschienen, im Frühling 1904, mein Buch «Theosophie», und begründet war die Zeitschrift «LuzitferGnosis». Und ich hatte in der Zeitschrift «Luzifer-Gnosis» bis zu einem gewissen Punkt die Artikel veröffentlicht, die über das Atlantisproblem, über die Beschaffenheit des atlantischen Zeitalters handelten. Es ist dann auch das, was ich in diesen Artikeln in «Luzifer-Gnosis» veröffentlicht habe, in einem Sonderabdruck erschienen mit dem Titel: «Unsere atlantischen Vorfahren.» Wenn Sie sich erinnern, so werden Sie finden, daß darinnen eine Anzahl von Mitteilungen gemacht worden sind über die Beschaffenheit der atlantischen Welt; sie wurden auch noch zurückgeführt in «Luzifer-Gnosis» auf die Beschaffenheit des sogenannten lemurischen Zeitalters. Also eine größere Anzahl von Artikeln dieser Art war erschienen, und gerade als dazumal die Mitglieder der Theosophical Society bei uns waren, war eines dieser Hefte, das bedeutungsvolle Mitteilungen zu bringen hatte, abgeschlossen und wurde an die Abonnenten verschickt. Es war dies gerade in den Tagen, als diese Theosophen da waren. Eine in der Theosophical Society sehr angesehene Persönlichkeit las in dem Hefte damals auch diese Mitteilungen über die atlantische Welt und stellte dann an mich eine Frage. Und diese Frage ist es, was ich als bemerkenswertes Erlebnis zusammen mit dem Gestrigen erwähnen will.

[ 3 ] Dieses Mitglied der Theosophical Society, das gerade in der Zeit, als die Gesellschaft durch Blavatsky gegründet worden ist, die allerwichtigsten Angelegenheiten mitgemacht hatte, das also ganz darinnen stand in dem Betriebe der Theosophical Society, das stellte, nachdem es die Mitteilungen über die atlantische Welt gelesen hatte, die Frage: Auf welche Weise sind denn diese Mitteilungen über die atlantische Welt eigentlich zustande gekommen? — Diese Frage schloß sehr viel und sehr Bedeutungsvolles ein, denn jenes Mitglied kannte bis dahin nur die Art und Weise, wie solche Mitteilungen in der Theosophical Society zustande gekommen waren. Sie waren nämlich zustande gekommen dadurch, daß man in der Theosophical Society zu einer Art mediumistischer Forschung gegriffen hatte. Man hatte sich bei den Mitteilungen, die dazumal schon in der Theosophical Society veröffentlicht waren, auf Forschungen gestützt, die in gewisser Beziehung etwas mit mediumistischen Forschungen zu tun haben. Das heißt, es wurde eine Persönlichkeit in eine Art von mediumistischen Zustand gebracht, man kann nicht sagen Trance, aber in eine Art von mediumistischen Zustand, und es wurden dann auch die Bedingungen hergestellt, die es möglich machten, daß die Persönlichkeit, die sich nicht im gewöhnlichen Bewußtsein befand, doch Mitteilungen machte über dasjenige, was man mit dem gewöhnlichen Bewußtsein nicht erreichen kann. Auf diesem Wege waren die Mitteilungen in jener Zeit zustande gekommen, und das betreffende Mitglied der Theosophical Society meinte, daß Mitteilungen über vorgeschichtliche Ereignisse nur auf diesem Wege gewonnen werden und fragte daher, welche Persönlichkeit wir unter uns hätten, die wir in dieser Weise als ein Medium für solche Forschungen benützen können.

[ 4 ] Da ich ablehnen mußte, auf diesem Wege zu forschen und streng auf dem Boden des individuellen Forschens stand, und da ich dazumal schon alles lediglich durch eigenes persönliches Forschen gefunden hatte, so verstand mich die betreffende Persönlichkeit überhaupt nicht. Sie verstand nicht, um was es sich da handelte, sie verstand nicht, daß es sich um etwas anderes handelte als um das, was man in der Theosophischen Gesellschaft bisher getan hatte. Das war aber der Weg, der mir vorgeschrieben war: alles, was vorheriger Forschungsweg war, abzulehnen, und wenn auch mit Mitteln übersinnlicher Anschauungen, so doch so zu forschen, wie man forscht, wenn man sich nur desjenigen bedient, was als Offenbarung gegeben werden kann der Persönlichkeit, die zugleich die Forscherpersönlichkeit ist.

[ 5 ] Es ist nach alledem, wie ich in die spirituelle Bewegung einzugreifen habe, nichts anderes möglich, als in strengster Weise diese Ihnen oft geschilderte, für die moderne Welt und für die gegenwärtige Menschheit zweifellos notwendige Forschungsmethode geltend zu machen. Sie sehen: Bedeutsames trennt die ganze Forschungsmethode der Geisteswissenschaft von den Wegen, die in der Theosophical Society eingeschlagen worden sind. Denn alles, was sie an Mitteilungen aus der geistigen Welt hatten, zum Beispiel auch die in dem Buche Scott-Elliots über die Atlantis, ist durchaus auf dem vorhin geschilderten Wege zustande gekommen, weil man dies als allein maßgebend, weil allein objektiv, betrachtet hatte. In dieser Beziehung war also das Einfügen unserer geisteswissenschaftlichen Richtung von Anfang an etwas gegenüber den Methoden der Theosophical Society völlig Neues. Es war etwas, das ganz und gar mit den modernen wissenschaftlichen Methoden rechnete, die nur so weit auszubilden waren, daß damit hinaufgestiegen werden konnte in die geistigen Gebiete.

[ 6 ] Gerade diese Besprechung ist bedeutsam. Sie hat im Jahre 1904 stattgefunden und zeigte, daß zwischen dem, was hier in der Geisteswissenschaft getrieben wird und dem, was in der übrigen Theosophical Society getrieben wurde, ein großer Unterschied bestand; daß es das, was wir in der Geisteswissenschaft haben, damals nicht gab, sondern daß die Theosophische Gesellschaft die Methode fortsetzte, die hervorgegangen war als Kompromiß zwischen den Exoterikern und den Esoterikern. Das ist überhaupt das notwendige Ergebnis des Entwickelungsganges, den ich gestern geschildert habe. Ich sagte: Allmählich hörte das Sehertum auf, und es gab nur noch vereinzelte Fälle von Sehern, die man mediumistisch machen konnte und aus denen man etwas gewinnen konnte. So hatten sich sogenannte okkulte Orden gebildet, die zwar sehr viele Eingeweihte hatten, aber keine Seher. Die hatten sich allmählich überhaupt erst die Methoden herausbilden müssen — die schon lange gang und gäbe waren im materialistischen Zeitalter -, und sie hatten sich die Forschungsinstrumente erst verschaffen müssen dadurch, daß man nach solchen Persönlichkeiten suchte, in denen noch mediumistische Fähigkeiten, das heißt, atavistisches Hellsehen zu entwickeln war, um so aus ihnen etwas herauszubekommen. Man hatte ausgebreitete Lehren und auch Symbole. Aber wenn man wirklich forschen wollte, so war man darauf angewiesen, solche Persönlichkeiten mit atavistischem Hellsehen zu Hilfe zu nehmen. Diese Methode wurde dann in der Theosophical Society in gewisser Weise auch fortgesetzt, und der Kompromiß, von dem ich gestern gesprochen habe, bestand im wesentlichen aus nichts anderem, als daß man in den Logen, in den verschiedenen Orden solche Experimente gemacht hat, durch welche man geistige Einflüsse in die Welt hineinprojizierte; so daß man den Menschen zeigen konnte oder wollte: Es gibt Einflüsse aus der geistigen Welt auf die Menschen.

[ 7 ] Was man also in esoterischen Schulen getrieben hatte, das hatte man so herausgeholt. Dieser Versuch machte Fiasko. Denn während man erwartet hatte, daß durch das Medium wirklich spirituelle Gesetze herauskämen, die in der Umgebung herrschen, hat man nichts anderes erreicht, als daß die Medien fast alle dem Irrtume verfallen waren, daß das, was ihnen gegeben war, von den Toten stamme; daß sie also das Bestreben hatten, das ihnen Gegebene umzufrisieren in Mitteilungen, die ihnen von Toten zugekommen wären. Das bedingte dann eine ganz bestimmte Konsequenz. Wenn die älteren Mitglieder unter Ihnen zurückdenken an die ersten Zeiten der theosophischen Bewegung und die Literatur betrachten, die da noch unter diesem Einflusse der Theosophical Society gegeben worden ist, da werden Sie wissen, daß die astrale Welt, das heißt unmittelbar nach dem Tode, in Büchern von Frau Besant beschrieben wurde, die aber nur das wiedergaben, was in der «Geheimlehre» von der Blavatsky stand, oder was in den Büchern von Leadbeater zu lesen war. Daraus stammte auch alles das, was über das Leben der Menschen zwischen dem Tode und einer neuen Geburt gegeben war.

[ 8 ] Wenn Sie nun damit vergleichen, was ich in meiner «Theosophie» geben mußte, was da über das Seelenland und über das Geisterland gegeben worden ist - man wollte das in der ersten Zeit immer abstreiten, aber ich glaube, es werden sich heute schon genügend Menschen finden, die objektiv darüber denken können -, dann werden Sie ganz beträchtliche Unterschiede finden, eben weil die Forschungsmethoden auch für diese Gebiete verschieden waren. Denn alle Forschungsmethoden, die die Theosophical Society hatte, führten auf jene Methoden zurück, von denen ich gesprochen habe; auch die Methoden, die angewendet wurden, um das Leben der Toten zu erforschen.

[ 9 ] Sie sehen also, daß dasjenige, was zunächst die Theosophical Society der Welt gab, in gewisser Beziehung eine Fortsetzung des Versuches der Okkultisten war. In welch anderer Beziehung es dies nicht war, wollen wir gleich hören. Aber im ganzen war es die Fortsetzung des Versuches, der schon von der Mitte des 19. Jahrhunderts ab durch einen Kompromiß der Exoteriker und Esoteriker zustande gekommen war; nur daß später durch die Theosophical Society die Sache etwas esoterischer gemacht worden ist. Während man vorher versucht hatte, das Medium vor die Welt hinzustellen, haben die Mitglieder der Theosophical Society es vorgezogen, das nur im inneren Kreise zu tun und dann nur die Ergebnisse mitzuteilen. Das ist ein wesentlicher Unterschied, denn man ging damit zurück auf eine Forschungsmethode, welche die verschiedenen Orden vor der Mitte des 19. Jahrhunderts als allgemeine Gepflogenheit anerkannt hatten. Ich muß das hervorheben, weil ich einmal scharf betonen muß, daß mit dem Hineinsetzen unserer geisteswissenschaftlichen Bewegung eben eine ganz neue, mit den Gesinnungen der modernen Wissenschaft absolut rechnende Methode in die okkulte Bewegung eingeführt worden ist.

[ 10 ] Nun sagte ich Ihnen: der Kompromiß zwischen den Exoterikern und den Esoterikern, durch allerlei Medien die materialistische Welt zu überzeugen, daß es eine geistige Welt gibt, habe Fiasko erlitten. Man sah das Fiasko daran, daß die Medien immer von einer Welt sprachen, die ihnen unter den vorhandenen Verhältnissen gar nicht zugänglich sein konnte: von der Welt der Toten. Sie sprachen von Eingebungen, die sie aus einer Welt, in der die Toten leben, empfangen haben wollten. Nun stand die Sache so, daß die Exoteriker und die Esoteriker sahen, daß der Versuch, den sie gemacht hatten, nicht zu dem führte, was sie eigentlich gewollt hatten.

[ 11 ] Wodurch nun ist das zustande gekommen, was da vorging? Ich meine, was hat sich da eigentlich gezeigt durch diesen merkwürdigen Versuch, der durch den geschilderten Kompromiß zustande gekommen war? Es hat sich gezeigt, daß eine bestimmte Sorte von Eingeweihten gewissermaßen das Heft aus den Händen gerissen haben denjenigen, die den Kompromiß eingegangen waren. Die sehr weit nach links stehenden Eingeweihten hatten sich der Bewegung bemächtigt, die protegiert worden ist in der Art, wie ich es Ihnen geschildert habe. Sie erlangten einen großen Einfluß, weil alles, was durch die Medien zustande kam, nicht aus dem Reiche der Toten herrührte, sondern aus dem Reiche der Lebendigen, die zu gleicher Zeit die Initiatoren waren, die sich mit den Medien in Fern- oder Nahrapport setzten. Weil das alles durch diese Initiatoren und durch die Medien zustande gebracht wurde, hatte es die Färbung der Theorien derer, die sich dieser Medien bemächtigen wollten. Diejenigen unter den Exoterikern und Esoterikern, die den Kompromiß geschlossen hatten, haben den Menschen beibringen wollen: Seht, es ist noch eine geistige Welt da! — Das hat man ihnen beibringen wollen. Als aber dann denen, die glaubten das Leitseil führen zu können, das Leitseil entglitt, bemächtigten sich jene sehr weit nach links stehenden Okkultisten desselben und versuchten, ihre Theorien, ihre Anschauungen durch das Mittel der Medien, wenn ich diese Tautologie gebrauchen darf, der Welt mitzuteilen.

[ 12 ] Nun war eigentlich für diejenigen, die zum Heile der Menschheit diesen Kompromiß geschlossen hatten, die Sache eine sehr fatale. Immer mehr und mehr fühlten sie: es werden im Grunde genommen immer mehr falsche Lehren über das Übersinnliche in die Welt gebracht. Das war die Lage in der Entwickelung des Okkultismus etwa in den vierziger, fünfziger Jahren, sogar noch in den sechziger Jahren des verflossenen 19. Jahrhunderts.

[ 13 ] Nun war man aber, während man noch nachdachte in den Kreisen der ehrlichen Okkultisten, in einer fatalen Lage. Denn je weiter die Okkultisten nach links standen, desto weniger waren sie darauf bedacht, nur das zu bringen, was man bringen kann: nämlich das Allgemein-Menschliche, «Links» ist man im Okkultismus, wenn man etwas als Endzweck erreichen will mit Hilfe dessen, was man als okkulte Lehre vertritt. «Rechts» ist man im Okkultismus, wenn man ihn nur um seiner selbst willen verbreitet. Die Mittelpartei kommt eben darauf hinaus, das Esoterische, das in unserer Zeit notwendig ist für das allgemeine Menschliche, exoterisch zu machen. Diejenigen aber, die ganz nach links stehen, sind solche, die Sonderzwecke verbinden mit dem, was sie als okkulte Lehre verbreiten. Man steht links in dem Maße, als man Sonderzwecke verfolgt, die Menschen in die geistige Welt führt, ihnen allerlei Kundgebungen aus der geistigen Welt gibt und in einer unrichtigen Weise in sie hineinpflanzt, was nur zur Realisierung von solchen Sonderzwecken dienen soll. Vor einer solchen Lage also war die Leitung der modernen Eingeweihten. Sie sahen die Sache in den Händen von Leuten, die Sonderzwecke verfolgten. Vor dieser Sachlage standen die Esoteriker und Exoteriker, die den angedeuteten Kompromiß geschlossen hatten.

[ 14 ] Da hörte man — wenn ich dieses Wort spreche, ist es vielleicht nicht ganz genau, aber man kann die Worte nicht genau wählen, weil wir an die äußere Sprache gebunden sind und der Verkehr unter den Okkultisten etwas anderes ist, als es die äußere Sprache zu bezeichnen fähig ist —, daß ein bedeutsames Ereignis für die weitere Fortsetzung der Geistesentwickelung auf der Erde bevorstehen müsse, und dieses Ereignis war nichts anderes als das, was ich in der folgenden Weise schildern muß. Man hatte es bei den Forschungsmethoden der einzelnen Orden vorgezogen, bis in die späteren Zeiten hinein, so gut man eben konnte, weibliche Medien weniger zu benützen. In den strengen Orden, die auf dem richtigen Standpunkte stehen wollten, hat man überhaupt keine weiblichen Medien benutzt zu Offenbarungen aus der geistigen Welt.

[ 15 ] Nun ist das schon so, daß der weibliche Organismus durch seine Organisation länger geeignet ist, atavistisches Hellsehen zu bewahren als der männliche Organismus. Während die männlichen Medien sehr auf dem Aussterbe-Etat standen, waren weibliche Medien immerhin noch vorhanden, und man hat sich einer großen Zahl weiblicher Medien bedient auch bei dem in Rede stehenden Kompromiß. Jetzt trat aber eine Persönlichkeit in den Gesichtskreis der Okkultisten, die im ausgesprochensten Maße medial war. Das war Frau H. P. Blavatsky, eine Persönlichkeit, die ganz besonders geeignet war, durch gewisse unterbewußte Glieder ihres Organismus viel, sehr viel aus der geistigen Welt herauszuholen. Nun machen wir uns einmal klar, was eigentlich dadurch möglich war für die Welt. Gerade in einem der wichtigsten Zeitpunkte für die okkulte Entwickelung trat eine Persönlichkeit in die Welt herein, die durch die eigentümliche Art ihres Organismus nur so gespickt war mit allen Möglichkeiten, das Mannigfaltigste aus der geistigen Welt durch ihre unterbewußten Fähigkeiten herauszuholen.

[ 16 ] Der Okkultist, der dazumal seine Zeit betrachtete, mußte sich sagen: Nun erscheint im richtigen Moment eine Persönlichkeit, die uns durch die eigentümliche Beschaffenheit ihres Organismus die schärfsten Beweise geben kann für dasjenige, was uralte überlieferte Lehre ist, was bei uns nur in Symbolen existiert. — Im allerhöchsten Maße war das der Fall, daß eine Persönlichkeit da war, die einfach durch ihre Organisation die Möglichkeit bot, vieles von dem, was die Zeit schon längst nicht mehr auf andere Weise als durch Überlieferung wußte, wiederum zu beweisen. Vor diesem Faktum stand man, gerade nachdem man Fiasko gemacht hatte, nachdem man so in eine Sackgasse gekommen war. Das müssen wir durchaus festhalten: man stand Blavatsky gegenüber als einer Persönlichkeit, aus der man, wie aus einer elektrisch geladenen Leidener Flasche die elektrischen Funken, okkulte Wahrheiten herausholen konnte.

[ 17 ] Nun würde es zu weit führen, wenn ich alle Zwischenglieder erzählen wollte, aber einiges Wichtige muß ich doch angeben. Es handelte sich darum, daß ein wirklich bedeutungsvoller Moment da war, den ich etwa so schildern kann, es ist mehr symbolisch ausgedrückt, trifft aber ganz den Tatbestand. Diejenigen Okkultisten, die auf der rechten Seite standen, in Verbindung mit der Mittelpartei, also diejenigen, die den Kompromiß geschlossen hatten, konnten sich sagen: Nun ist es möglich, etwas sehr Bedeutsames herauszubekommen aus dieser Persönlichkeit. — Die aber, die auf der Seite der Linken standen, konnten sich sagen: Nun ist es möglich, in intensivster Weise etwas in der Welt zu erreichen mit Hilfe dieser Persönlichkeit! — Und jetzt entstand wirklich ein Ringen, ein wirkliches Ringen um diese Persönlichkeit, auf der einen Seite in der ehrlichen Absicht, vieles, was die Eingeweihten wußten, bestätigt zu finden, auf der anderen Seite um mächtiger Sonderzwecke willen.

[ 18 ] Auf die erste Periode im Leben von H. P. Blavatsky habe ich öfter hingedeutet und gezeigt, wie es wirklich so war, daß man versucht hat, zunächst aus ihr vieles herauszubekommen. Aber die Sache wurde verhältnismäßig recht bald anders, und das kam dadurch, daß H. P. Blavatsky verhältnismäßig bald in die Sphäre derjenigen kam, die gewissermaßen auf dem linken Flügel standen. Und obwohl H. P. Blavatsky sehr gut wußte, was sie selber schauen konnte - sie war dadurch auch besonders bedeutsam, daß sie nicht bloß ein passives Medium war, sondern eine ungeheuer starke Erinnerung hatte für alles, was sich ihr aus den höheren Welten kundgab -, so mußten allerdings doch gewisse Persönlichkeiten auf sie einen Einfluß haben, wenn sie Kundgebungen aus der geistigen Welt hervorrufen wollte. Deshalb beruft sie sich immer auf das, was eigentlich wegbleiben müßte, auf die Mahatmas. Die können ja dahinterstehen, darauf kommt es aber nicht an, wenn es gilt, die Menschheit zu fördern.

[ 19 ] H.P. Blavatsky stand also verhältnismäßig bald vor einer Entscheidung. Von einer Seite, die der Linken angehörte, bekam sie Wind davon, daß sie eine wichtige Persönlichkeit sei. Sie wußte wohl, was sie schaute, aber die ganze Bedeutung ihrer Persönlichkeit kannte sie nicht. Sie wurde ihr erst enthüllt von der linken Seite. Sie war im Innersten ihres Wesens trotzdem eine grundehrliche Natur und versuchte es zunächst, nachdem sie Wind bekommen hatte von jener Seite, die ihr anfangs kaum gefallen haben dürfte — eben weil sie eine grundehrliche Natur war -, ihrerseits eine Art Kompromiß zu schließen mit einer okkulten Brüderschaft in Europa. Es hätte etwas sehr Schönes herauskommen können, weil sie durch ihre große mediumistische Gabe wirklich phänomenal bedeutsame Bestätigungen hätte liefern können für das, was die Eingeweihten aus der Theorie und aus dem Symbolismus heraus kannten. Sie war aber nicht nur eine grundehrliche Natur, sondern auch, was man im Deutschen einen Frechdachs nennt. Das war sie schon. Sie hatte einen gewissen Grundzug im Wesen, der zum Medialen neigenden Persönlichkeiten besonders eigen ist: nämlich eine Ungleichartigkeit in ihrem äußeren Auftreten. Sie hatte also Momente, wo sie sehr frech werden konnte. Und da hatte sie in einer solchen Anwandlung von Frechdachsigkeit der okkulten Brüderschaft, die entschlossen war, das Experiment zu machen, Bedingungen gestellt, die unerfüllbar waren. Und da sie wußte, daß durch sie vieles zustande kommen konnte, entschloß sie sich, es noch mit anderen Brüderschaften aufzunehmen. So kam sie an eine amerikanische Brüderschaft. Diese amerikanische Brüderschaft ist eine solche gewesen, bei der fortwährend die Majorität zwischen rechts und links geschwankt hat, die aber jedenfalls vor der Möglichkeit stand, ungeheuer Bedeutsames über die geistigen Welten herauszubekommen.

[ 20 ] Nun fällt in diese Zeit zugleich die intensivste Anteilnahme von seiten anderer linksstehender Brüder an H. P. Blavatsky. Diese Brüder der linken Seite hatten schon dazumal ihre Sonderinteressen. Ich will mich über diese Sonderinteressen nicht besonders aussprechen. Wenn es nötig werden sollte, so könnte ich das in der Zukunft einmal sagen. Für jetzt mag es genügen, zu sagen, es waren Brüder, die Sonderinteressen hatten, vor allen Dingen starke politische Sonderinteressen, denen die Möglichkeit vorleuchtete, etwas Politisches in Amerika zu vollbringen mit Leuten, die man zuerst in okkulter Weise präpariert hatte. Die Folge davon war; daß in einem Moment, wo H. P. Blavatsky eine Unsumme von okkultem Wissen dadurch schon erobert hatte, daß sie mit jener amerikanischen Loge zusammengearbeitet hatte, also im Zusammenhang gewesen war mit der amerikanischen Loge, sie aus der betreffenden Loge herausgeworfen werden mußte, weil man entdeckte, daß da etwas Politisches nun dahintersteckte. Also es ging nicht mehr.

[ 21 ] Jetzt war die Situation erst recht eine schwierige, eine ungeheuer schwierige. Denn das, was unternommen worden war, um die Welthinzuweisen auf eine geistige Welt, das mußte in gewisser Weise, weil es Fiasko gemacht hatte, von den ernsten Okkultisten zurückgenommen werden. Es mußte gezeigt werden, daß nichts darauf zu geben sei, was der Spiritismus vorbrachte, obgleich er viele Anhänger hatte. Er war nur materialistisch und ein äußerster Dilettantismus. Nur solche Gelehrte beschäftigten sich damit, die in äußerlich materialistischer Weise Kunde von einer geistigen Welt bekommen wollten. Außerdem hatte Blavatsky die amerikanische Loge merken lassen bei ihrem Abgange, daß sie keineswegs gewillt war, über das, was sie wußte — und sie wußte viel, weil sie sich nachträglich an das, was bei ihr zustande gekommen war, erinnern konnte -, der Welt gegenüber zu schweigen. Sie hatte eine ganze Menge von Frechdachsigkeit!

[ 22 ] Nun war, wie man sagt, guter Rat teuer. Was war nun zu tun? Und jetzt kam etwas zustande, was ich auch verschiedentlich schon angedeutet habe; denn Stücke von dem, was ich heute im Zusammenhange sage, habe ich da und dort immer wieder gesagt. Es kam das zustande, was man im Okkultismus nennt: okkulte Gefangenschaft. H. P. Blavatsky wurde in okkulte Gefangenschaft gesetzt. Diese besteht darin, daß durch gewisse Dinge, die nur gemacht werden können von gewissen Brüdern — und die nur Brüderschaften machen, die sich auf eigentlich nichterlaubte Künste einlassen —, daß also durch gewisse Künste und Machenschaften erzielt wurde, H.P.Blavatsky in gewisser Zeit in einer Welt leben zu lassen, die all ihr okkultes Wissen nach innen warf.

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[ 23 ] Wenn Sie sich denken, das wäre - symbolisch gezeichnet - Blavatsky und in ihrer Aura wäre das okkulte Wissen, so wurde durch gewisse Vorgänge erzielt, daß für lange Zeit hindurch, was in dieser Aura lebte, in ihre Seele zurückgeworfen wurde. Also alles das, was sie an okkulterm Wissen hatte, sollte eingesperrt werden; sie sollte abgeschlossen werden in bezug auf die äußere Welt und in bezug auf ihren Okkultismus.

[ 24 ] Das ist zustande gekommen in der Zeit, in der also H.P.B. hätte recht gefährlich werden können durch die Verbreitung der Dinge, die gerade zu den allerinteressantesten gehören am Horizonte der okkultistischen Bewegung. Nun erfuhren von dieser Sache gewisse indische Okkultisten, die ihrerseits wieder sehr der linken Seite zuneigten, die vor allen Dingen ein Interesse daran hatten, den Okkultismus, der durch H.P.B. in die Welt kommen konnte, so zu drehen, daß er im Sinne dessen, was diese indischen Okkultisten als Sonderinteressen hatten, wirken konnte in der Welt. Durch die Bemühungen dieser indischen Okkultisten, die die entsprechenden Praktiken kannten, kam es zustande, daß ihr wieder weggenommen wurde diese Einsperrung, daß sie wiederum frei wurde, so daß sie jetzt ihre geistigen Kräfte wieder richtig gebrauchen konnte, daß diese nicht mehr zurückgeworfen wurden.

[ 25 ] Sie sehen daraus schon, was alles in dieser Seele im Grunde genommen vorgegangen war, und aus was für Bestandstücken das zusammengesetzt war, was durch diese Persönlichkeit in die Welt kam. Aber dadurch, daß sich gewisse indische Okkultisten das Verdienst erworben hatten, sie frei zu machen von der Einsperrung, hatten sie sie auch in gewisser Beziehung in der Hand, und es war gar nicht möglich, etwas dagegen zu tun, daß diese indischen Okkulktisten die Persönlichkeit Blavatsky dazu benützten, jenen Teil des Okkultismus in die Welt zu schikken, welcher ihnen genehm war. So kam etwas ganz Merkwürdiges zustande. Es wurde gewissermaßen — wenn ich den groben Ausdruck benutzen darf — etwas arrangiert. Das, was arrangiert wurde, kann ich ungefähr in folgender Weise ausdrücken. Die indischen Okkultisten wollten gegen die Sonderbestrebungen, die die anderen hatten, ihre eigenen Sonderbestrebungen geltend machen und bedienten sich dazu Frau Blavatskys. H.P.B. war angewiesen darauf, einen Einfluß von außen her zu bekommen: die mediumistische Stimmung mußte bei ihr immer von außen erzeugt werden. Daher war es auch möglich, allerlei durch sie in die Welt zu bringen.

[ 26 ] Um diese Zeit geschah die Vereinigung von H.P.B. mit jener Persönlichkeit, die im Grunde genommen direkt theosophische Interessen von Anfang an nicht hatte, aber eine mit ausgezeichnetem Organisationstalent begabte Persönlichkeit war: nämlich mit Olcott. Ich kann es nicht bestimmt sagen, aber ich vermute, daß schon eine gewisse Verbindung in der Zeit bestanden hatte, als H.P.B. der amerikanischen Loge angehört hatte. Dann trat, gewissermaßen unter der Maske einer früheren Individualität, eine Persönlichkeit in den geistigen Gesichtskreis der H.P.B., die im wesentlichen der Träger desjenigen war, was man von Indien aus in die Welt lancieren wolite. Einige von Ihnen wissen vielleicht, daß gerade Colonel Olcott in seinem Buche «People from the other world» über diese Individualität viel geschrieben hat, die jetzt in den Gesichtskreis von H.P.B.trat unter der Maske einer früheren Individualität, die bezeichnet worden ist als Mahatma Koot Hoomi. Sie wissen vielleicht, daß Olcott über diesen Mahatma Koot Hoomi viel, viel geschrieben hat, darunter auch jenes, daß im Jahre 1874 sich dieser Mahatma Koot Hoomi darüber aussprach, welche Individualität in ihm wohne. Er gab an, eigentlich John King zu heißen und die Individualität eines im 17. Jahrhundert mächtigen Seeräubers gewesen zu sein. Das steht in dem Buche «People from the other world» von Colonel Olcott. Also hätte man es zu tun in dem Mahatma Koot Hoomi mit dem Spirit eines im 17. Jahrhundert glänzenden Seeräubers, der dann im 19. Jahrhundert das besorgt hatte, was besorgt worden ist an bedeutsamen Phänomenen mit Hilfe des Mediums H.P.B, und auch sonstiger. Er hat Teetassen gebracht von weither, er hat allerlei Dokumente aus dem Sarge des verstorbenen Vaters von H.P.B. erscheinen lassen und dergleichen mehr. Man mußte also nach des Colonel Olcotts Aussage annehmen, daß das die Tat des im 17. Jahrhundert glänzenden Seeräubers gewesen wäre.

[ 27 ] Nun sprach sich schon Colonel Olcott in merkwürdiger Weise über diesen John King aus. Er sagt, daß man es vielleicht gar nicht zu tun habe mit dem Spirit jenes Seeräubers, sondern vielleicht mit dem Geschöpfe eines Ordens, der unter den physischen Menschen als sichtbarer Orden besteht, während er in betreff seiner Resultate von Unsichtbaren abhängig ist. Es wäre also Mahatma Koot Hoomi Mitglied gewesen eines Ordens, der während seines Lebens jene Dinge trieb, wie ich sie beschrieben habe, und die auf dem Wege durch H.P.B. der Welt mitgeteilt werden sollten, aber mit allen möglichen Sonderinteressen verknüpft. Diese bestanden darinnen, daß man insbesondere eine indische Lehre zu verbreiten sich gedrängt fühlte.

[ 28 ] So lag also jetzt die Sache etwa in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts. Sie sehen also sehr bedeutsame Vorgänge, die man aber im Zusammenhange betrachten muß, wenn man den ganzen Hergang der okkultistischen Bewegung ins Auge faßt. Dieser selbe John King ist derjenige, welcher auf dem Wege der Präzipitation zustande gebracht hat die Bücher von Sinnett, sowohl das erste Buch, die «Briefe über die okkulte Welt», wie auch namentlich das Buch «Esoterischer Buddhismus».

[ 29 ] Dieses Buch «Der Esoterische Buddhismus» fiel mir in die Hand, eigentlich sehr kurze Zeit nachdem es erschienen war, nur einige Wochen danach, und ich konnte dazumal aus diesem Buche ersehen, wie man im Grunde genommen bemüht war, namentlich von einer gewissen Seite her, der spirituellen Lehre eine ganz materialistische Form zu geben. Denn wenn Sie sich mit all dem Rüstzeug, das Sie im Laufe der Zeit nun gewonnen haben, über den «Esoterischen Buddhismus» hermachten, so würden Sie erstaunt sein über die materialistischen Formen, in denen die Dinge da mitgeteilt werden. Man hat es zu tun mit einer der schlimmsten Formen des Materialismus. Es wird da die geistige Welt geradezu materialistisch dargestellt. Keiner, der nur das Buch «Esoteriischer Buddhismus» in die Hand bekommt, kann sich aus dem Materialismus erheben. Der Stoff wird da wohl recht sehr verfeinert, aber man kommt bei dem Buche von Sinnett aus dem Materiellen gar nicht heraus, wenn man auch noch so hoch hinaufklettert. So daß also nicht nur das der Fall war, daß jene, die jetzt die geistigen Brotgeber —- verzeihen Sie das materialistische Gleichnis - von H.P.B. waren, nicht nur im indischen Sinne Sonderinteressen hatten, sondern auch die schärfsten Konzessionen an den materialistischen Zeitgeist machten. Und wie richtig sie spekulierten, konnte man an dem Einflusse sehen, den das Buch von Sinnett auf sehr viele Menschen hatte. Ich habe Naturforscher kennengelernt, die entzückt waren von dem Buche von Sinnett, weil alles in ihren Kram hineinpaßte und sie dabei dennoch eine geistige Welt denken konnten. Das Buch kam allen Bedürfnissen des Materialiismus entgegen und gab doch die Möglichkeit, den Bedürfnissen nach der geistigen Welt zu genügen, eine geistige Welt zuzugestehen.

[ 30 ] Nun wissen Sie, daß gerade unter der weiteren Entwickelung dieser Vorgänge H.P.B. - es war Ende der achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts - ihre «Geheimlehre» geschrieben hat und dann im Jahre 1891 gestorben ist. Diese «Geheimlehre» ist ganz in dem Stile gehalten wie der «Esoterische Buddhismus», nur daß ganz grobe Fehler, die jeder Okkultist sogleich korrigieren konnte, in der «Geheimlehre» richtiggestellt worden sind. Ich habe öfter gesprochen über die Eigentümlichkeiten der Blavatskyschen «Secret Doctrine». Das brauche ich also in diesem Zusammenhang nicht zu wiederholen. Dann ist auf Grundlage dessen, was auf diese Art zustande gekommen ist, die Theosophical Society gegründet worden und hat im Grunde genommen ihren indischen Charakter beibehalten, wenn auch in einer nicht mehr so intensiven Weise, wie es noch unter dem Einflusse des John King war; aber der indische Einfluß, die indische Färbung blieb die ganze Zeit über. Es war also dieses, was ich Ihnen jetzt geschildert habe, gewissermaßen ein neuer Weg, der stark mit dem Materialismus des Zeitalters rechnete, aber geeignet sein sollte, die Menschheit darauf hinzuweisen, daß man es mit einer geistigen Welt und nicht nur mit der äußeren materiellen Welt zu tun hat.

[ 31 ] Nun würden sich viele Einzelheiten - aber wir haben dazu nicht die Zeit - an das anschließen müssen, was ich jetzt erzählt habe. Aber ich will gleich darauf kommen, Ihnen zu zeigen, wie sich unsere geisteswissenschaftliche Bewegung, wie wir sie nennen, hineinstellen mußte in die Bewegung, die nun einmal da war.

[ 32 ] Sie wissen, daß wir im Oktober 1902 die Deutsche Sektion der Theosophical Society begründet haben. Nun hatte ich bereits seit dem Winter 1900, auch im Winter 1901, in Berlin Vorträge gehalten, die man eben theosophische Vorträge nennen kann, denn siewaren auch in dem Kreise der Berliner Theosophen gehalten, das heißt derjenigen Theosophen, die mich eingeladen hatten, diese Vorträge zu halten. Die ersten Vorträge waren die, welche zu dem Buche geworden sind «Die Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens». Diese waren in einem Kreise von Mitgliedern der Theosophischen Gesellschaft gehalten, deren Mitglied ich damals nicht war. Wir wollen zunächst festhalten, daß man es zu tun hatte mit einer ausgebreiteten Lehre, einer Lehre, die die Menschen dafür gewonnen hatte, eine Hinlenkung auf die geistige Welt zu haben. Es gab also gewissermaßen in der ganzen Welt präparierte Leute, die etwas von der geistigen Welt wissen wollten. Von dem, was ich Ihnen heute erzählt habe, wußten diese Menschen nichts, sie hatten keine Ahnung davon. Sie hatten eine ehrliche Sehnsucht nach der geistigen Welt und hatten sich aus dieser Sehnsucht heraus derjenigen Bewegung angeschlossen, in der eine solche Sehnsucht gestillt werden konnte. Man fand also in dieser Bewegung diejenigen Herzen, die sich sehnten nach einer Erkenntnis der geistigen Welt.

[ 33 ] Nun wissen Sie, daß mir in einer grotesk komischen Weise vorgeworfen wird, daß ich eine plötzliche Schwenkung gemacht hätte aus einer ganz anderen Weltanschauung heraus, die zuletzt in meinem Buche «Welt- und Lebensanschauungen im 19. Jahrhundert» ausgesprochen worden ist. Der erste Teil erschien im Februar 1900 und der zweite Teil erschien im Oktober 1900. Es wird mir vorgeworfen, daß ich eine Schwenkung gemacht hätte zur theosophischen Richtung hin. Ich habe Ihnen oftmals erzählt, daß nicht nur das der Fall war, daß mir zum Beispiel das Buch von Sinnett gleich nach seinem Erscheinen in die Hand gefallen war, sondern daß ich auch intime Beziehungen gehabt hatte mit der ganz jungen Wiener Theosophischen Gesellschaft. Sie müssen die Zeitverhältnisse heute zusammenfassen; und ich möchte noch in Kürze Ihnen eine Möglichkeit geben, auf diese, ich möchte sagen, Vorgeschichte der Deutschen Sektion in offener, objektiver Weise hinzuschauen. Es gab darinnen Menschen, die Sehnsucht hatten nach der geistigen Welt, und in ihrem Kreise hatte ich die Vorträge gehalten. Das waren die Vorträge, die ich in dem kleinen Raume bei Graf Brockdorff gehalten habe über die Mystik und über die Mystiker. Ich selber war dazumal nicht Mitglied. Die Vorrede zu dem Drucke dieser Vorträge ist datiert: September 1901. Ich habe also das, was dazumal im Winter 1900/1901 an Vorträgen gehalten worden ist, im Sommer 1901 zusammengestellt, und das Buch ist dann unter dem Titel «Die Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens» im September erschienen.

[ 34 ] Sie müssen nun die ersten Worte des Vorwortes dieses Buches nehmen. Ich will sie Ihnen vorlesen:

[ 35 ] «Was ich in dieser Schrift darstelle, bildete vorher den Inhalt von Vorträgen, die ich im verflossenen Winter in der theosophischen Bibliothek zu Berlin gehalten habe. Ich wurde von Gräfin und Graf Brockdorff aufgefordert, über die Mystik vor einer Zuhörerschaft zu sprechen, der die Dinge eine wichtige Lebensfrage sind, um die es sich dabei handelt. - Vor zehn Jahren hätte ich es noch nicht wagen dürfen, einen solchen Wunsch zu erfüllen. Nicht als ob damals die Ideenwelt, die ich heute zum Ausdruck bringe, noch nicht in mir gelebt hätte. Diese Ideenwelt ist schon ganz in meiner «Philosophie der Freiheit» (Berlin 1894, Emil Felber) enthalten. Um aber diese Ideenwelt so auszusprechen, wie ich es heute tue, und sie so zur Grundlage einer Betrachtung zu machen, wie es in dieser Schrift geschieht, dazu gehört noch etwas ganz anderes, als von ihrer gedanklichen Wahrheit felsenfest überzeugt sein. Dazu gehört ein intimer Umgang mit dieser Ideenwelt, wie ihn nur viele Jahre des Lebens bringen können. Erst jetzt, nachdem ich diesen Umgang genossen habe, wage ich, so zu sprechen, wie man es in dieser Schrift wahrnehmen wird.»

[ 36 ] Nun können Sie sich denken, warum ich das, was ich in den verschiedensten Kreisen als Vorträge gehalten habe, habe einlaufen lassen in eine okkulte Bewegung. Schon im ersten Bande meiner «Welt- und Lebensanschauungen» steht in dem Kapitel über Schelling folgendes. Ich zitiere nach der ersten Auflage, die Ernst Haeckel gewidmet war und im Februar 1900 erschienen ist. Daraus werde ich einige Stellen vorlesen, die also in einem Buche geschrieben sind, von dem gesagt wird, daß es aus einer ganz anderen Weltanschauung entsprungen sei als dasjenige, was in der «Mystik» steht:

[ 37 ] Seite 80: «Nun gibt es zwei Möglichkeiten, das eine Wesen, das Geist und Natur zugleich ist, zu beschreiben. Die eine ist: ich zeige die Naturgesetze auf, die in Wirklichkeit tätig sind. Oder ich zeige, wie der Geist es macht, um zu diesen Gesetzen zu kommen. Beide Male leitet mich eines und dasselbe. Das eine Mal zeigt mir die Gesetzmäßigkeit, wie sie in der Natur wirksam ist; das andere Mal zeigt mir der Geist, was er beginnt, um sich dieselbe Gesetzmäßigkeit vorzustellen. In dem einen Falle treibe ich Natur-, in dem anderen Geisteswissenschaft. Wie diese beiden zusammengehören, beschreibt Schelling in anziehender Weise: «Die notwendige Tendenz aller Naturwissenschaft ist, von der Natur aufs Intelligente zu kommen. Dies und nichts anderes liegt dem Bestreben zugrunde, in die Naturerscheinungen Theorie zu bringen. Die höchste Vervollkommnung der Naturwissenschaft wäre die vollkommene Vergeistigung aller Naturgesetze zu Gesetzen des Anschauens und des Denkens. Die Phänomene (das Materielle) müssen völlig verschwinden und nur die Gesetze (das Formelle) bleiben. Daher kommt es, daß, je mehr in der Natur selbst das Gesetzmäßige hervorbricht, desto mehr die Hülle verschwindet, die Phänomene selbst geistiger werden und zuletzt völlig aufhören. Die optischen Phänomene sind nichts anderes als eine Geometrie, deren Linien durch das Licht gezogen werden, und dieses Licht selbst ist schon zweideutiger Materialität. In den Erscheinungen des Magnetismus verschwindet schon alle materielle Spur, und von den Phänomenen der Schwerkraft, welche selbst Naturforscher nur als unmittelbar geistige Einwirkung — Wirkung in die Ferne — «begreifen zu können glaubten, bleibt nichts zurück als ihr Gesetz, dessen Ausführung im Großen der Mechanismus der Himmelsbewegungen ist. Die vollendete Theorie der Natur würde diejenige sein, kraft welcher die ganze Natur sich in eine Intelligenz auflöste. Die toten und bewußtlosen Produkte der Natur sind nur mißlungene Versuche der Natur, sich selbst zu reflektieren, die sogenannte tote Natur aber überhaupt eine unreife Intelligenz, daher in ihren Phänomenen noch bewußtlos schon der intelligente Charakter durchblickt. Das höchste Ziel, sich selbst ganz Objekt zu werden, erreicht die Natur erst durch die höchste und letzte Reflexion, welche nichts anderes als der Mensch, oder allgemeiner das ist, was wir Vernunft nennen, durch welche zuerst die Natur vollständig in sich selbst zurückkehrt, und wodurch offenbar wird, daß die Natur ursprünglich identisch ist mit dem, was in uns als Intelligentes und Bewußtes erkannt wird.>»

[ 38 ] Und in weiterer Anknüpfung an Schelling sage ich dann Seite 85:

[ 39 ] «Mit seinem fortschreitenden Denken wurde für Schelling die Weltbetrachtung zur Gottesbetrachtung oder Theosophie. Vollständig stand er schon auf dem Boden einer solchen Gottesbetrachtung, als er 1809 seine «Philosophischen Untersuchungen über das Wesen der menschlichen Freiheit und die damit zusammenhängenden Gegenstände herausgab. Alle Weltanschauungsfragen rückten sich ihm jetzt in ein neues Licht. Wenn alle Dinge göttlich sind: wie kommt es, daß es Böses in der Welt gibt, da Gott doch nur die vollkommene Güte sein kann? Wenn die Seele des Menschen in Gott ist: wie kommt es, daß sie doch ihre selbstsüchtigen Interessen verfolgt? Und wenn Gott es ist, der in mir handelt: wie kann ich, der ich also gar nicht als selbständiges Wesen handle, dennoch frei genannt werden?»

[ 40 ] Diese Weltanschauung wird nicht abgelehnt. —- Und weiter sage ich Seite 90:

[ 41 ] «Mit solchen Anschauungen hat Schelling sich als den kühnsten und mutigsten derjenigen Philosophen erwiesen, die sich von Kant zu einer idealistischen Weltanschauung haben anregen lassen. Das Philosophieren über Dinge, die jenseits dessen liegen, was die menschlichen Sinne beobachten, und was das Denken über die Beobachtungen aussagt, hat man, unter dem Einflusse dieser Anregung, aufgegeben. Man suchte sich mit dem zu bescheiden, was innerhalb Beobachtung und Denken liegt. Während aber Kant aus der Notwendigkeit solchen Bescheidens geschlossen hat, man könne über jenseitige Dinge nichts wissen, erklärten die Nach-Kantianer: da Beobachtung und Denken auf kein jenseitiges Göttliches hindeuten, sind sie selbst das Göttliche. Und von denen, die solches erklärten, war Schelling der energischste. Fichte hat alles in die Ichheit hereingenommen; Schelling hat die Ichheit über alles ausgebreitet. Er wollte nicht wie jener zeigen, daß die Ichheit alles, sondern umgekehrt, daß alles Ichheit sei. Und Schelling hatte den Mut, nicht nur den Ideengehalt des Ich für göttlich zu erklären, sondern die ganze menschliche Geistpersönlichkeit. Er machte nicht nur die menschliche Vernunft zu einer göttlichen, sondern den menschlichen Lebensinhalt zu der göttlichen, persönlichen Wesenheit. Man nennt eine Welterklärung Anthropomorphismus, die vom Menschen ausgeht und sich vorstellt, daß dem Weltenlauf im ganzen eine Wesenheit zugrunde liegt, die ihn so lenkt, wie der Mensch seine eigenen Handlungen lenkt. Auch derjenige erklärt die Welt anthropomorphisch, der den Ereignissen eine allgemeine Weltvernunft zugrunde legt. Denn diese allgemeine Weltvernunft ist nichts anderes als die menschliche Vernunft, die zur allgemeinen gemacht wird. Wenn Goethe sagt: «Der Mensch begreift niemals, wie anthropomorphisch er ist, so denkt er daran, daß in den einfachsten Aussprüchen, die wir über die Natur tun, versteckte Anthropomorphismen enthalten sind. Wenn wir sagen, ein Körper rollt weiter, weil ihn ein anderer gestoßen hat, so bilden wir eine solche Vorstellung von unserem Ich aus. Wir stoßen einen Körper, und er rollt weiter. Wenn wir nun sehen, daß eine Kugel sich gegen eine andere bewegt, und diese dann weiterrollt, so stellen wir uns vor, die erste habe die zweite gestoßen, analog der stoßenden Wirkung, die wir selbst ausüben. Ernst Haeckel findet, das anthropomorphische Dogma «vergleicht die Weltschöpfung und Weltregierung Gottes mit den Kunstschöpfungen eines sinnreichen 'Technikers oder Maschinen-Ingenieurs und mit der Staatsregierung eines weisen Herrschers. Gott der Herr als Schöpfer, Erhalter und Regierer der Welt wird dabei in seinem Denken und Handeln durchaus menschenähnlich vorgestellt.» Schelling hat den Mut zu dem konsequentesten Anthropomorphismus gehabt. Er erklärte zuletzt den Menschen mit seinem ganzen Lebensinhalt zur Gottheit. Und da zu diesem Lebensinhalt nicht allein das Vernünftige gehört, sondern auch das Unvernünftige, so hatte er die Möglichkeit, auch das Unvernünftige innerhalb der Welt zu erklären. Er mußte zu diesem Ende allerdings die Vernunftansicht durch eine andere ergänzen, die ihre Quelle nicht im Denken hat. Diese, nach seiner Meinung, höhere Ansicht, nannte er «positive Philosophie». Sie «st die eigentliche freie Philosophie; wer sie nicht will, mag sie lassen, ich stelle es jedem frei, ich sage nur, daß, wenn einer zum Beispiel den wirklichen Hergang, wenn er eine freie Weltschöpfung und so weiter will, er dieses alles nur auf dem Wege einer solchen Philosophie haben kann. Ist ihm die rationale Philosophie genug, und verlangt er außer dieser nichts, so mag er bei dieser bleiben, nur muß er aufgeben, mit der rationalen Philosophie und in ihr haben zu wollen, was diese in sich schlechterdings nicht haben kann, nämlich den wirklichen Gott und den wirklichen Hergang und ein freies Verhältnis Gottes zur Welt». Die negative Philosophie wird «vorzugsweise die Philosophie für die Schule bleiben, die positive die für das Leben. Durch beide zusammen wird erst die vollständige Weihe gegeben sein, die man von der Philosophie zu verlangen hat. Bekanntlich wurden bei den eleusinischen Weihen die kleinen und die großen Mysterien unterschieden, die kleinen galten als eine Vorstufe der großen... Die positive Philosophie ist die notwendige Folge der recht verstandenen negativen, und so kann man wohl sagen: in der negativen Philosophie werden die kleinen, in der positiven die großen Mysterien der Philosophie gefeiert.»

[ 42 ] Geschlossen wird dieses Kapitel in den «Welt- und Lebensanschauungen» mit den Worten:

[ 43 ] «Wird das Innenleben als das Göttliche erklärt, dann erscheint es inkonsequent, bei einem Teil dieses Innenlebens stehen zu bleiben. Schelling hat diese Inkonsequenz nicht begangen. In dem Augenblicke, in dem er sagte: die Natur erklären, heiße die Natur schaffen, hat er seiner ganzen Lebensanschauung die Richtung gegeben. Ist das denkende Betrachten der Natur eine Wiederholung ihres Schaffens, so muß auch der Grundcharakter dieses Schaffens dem des menschlichen Tuns entsprechen; er muß ein Akt der Freiheit, nicht ein solcher geometrischer Notwendigkeit sein. Ein freies Schaffen können wir aber auch nicht durch Gesetze der Vernunft erkennen; es muß sich durch ein anderes Mittel offenbaren.»

[ 44 ] Ich hatte eine Geschichte der Weltanschauungen im 19. Jahrhundert zu schreiben. Weiter konnte ich nicht gehen; denn, was dazumal in der fortschreitenden Entwickelung lebte, das waren lauter dilettantische Versuche, das hatte auf den Fortgang des Forschens in philosophischer Beziehung keinen Einfluß. Das konnte kein Kapitel bilden in diesem Buche. Aber die Theosophie, insofern sie in das ernste Denken aufgenommen worden ist, finden Sie da drinnen in dem Kapitel über Schelling.

[ 45 ] Nun bitte ich Sie, dieses Buch trägt in seinem zweiten Teile, der erst Hegel behandelt, das Datum: Oktober 1900. Da habe ich erst angefangen, jene Vorträge zu halten, und im September 1901 ist die «Mystik» bereits erschienen. Wirklich nicht um etwas Persönliches vorzubringen, sondern um Ihnen ein unbefangenes Urteil zu ermöglichen, möchte ich Sie hinweisen auf eine Besprechung, die über das Buch «Welt- und Lebensanschauungen im 19. Jahrhundert» erschienen ist am 15. Dezember 1901 in dem Organe des deutschen Freidenkerbundes «Der Freidenker». Darin wird nach einer Einleitung, und nachdem man gesagt hat, es werde vermißt eine lesbare Darstellung der Weltanschauungsentwickelung im 19. Jahrhundert, gesagt:

[ 46 ] «Namentlich auf dem Gebiete der Philosophie, wo «sich mit Worten trefflich streiten, mit Worten ein System bereiten läßt, ist in populären Schriften viel gesündigt worden. Den Zionswächtern und Ordnungsschülern jedweder Facon und ihrem gelehrten Klüngel, dem leider so mancher Hochschullehrer angehört, ist viel aufs Kerbholz zu schreiben.»

[ 47 ] Durch den folgenden Absatz soll nur auf die wohlwollende Art hingewiesen werden, wie damals das Buch aufgenommen worden ist:

[ 48 ] «Um so freudiger muß es daher begrüßt werden, wenn Dr. Steiner, ein als moderner Denker und Kämpfer bekannter Schriftsteller, es unternommen hat, dem deutschen Publikum eine objektive Darstellung der geistigen Kämpfe um die Weltanschauung, die in Deutschland im 19. Jahrhundert ausgefochten wurden, zu geben.»

[ 49 ] Dann gibt er einen Auszug aus dem Buche. Dann ist aber etwas Merkwürdiges gesagt, und um dessentwillen muß ich Ihnen das alles mitteilen. Derjenige, der diese Kritik geschrieben hat, vermißt in dem Buche etwas, und das spricht er in folgender Weise aus:

[ 50 ] «Wenn auch der Spiritismus Du Prels und das anachoretische Urchristentum Tolstojs für eine auf dem Entwickelungsgedanken fußende Kulturtätigkeit unbrauchbar geworden sind, so ist doch ihr symptomatischer Wert nicht zu verkennen. Desgleichen hätte der Neu-Buddhismus (Theosophie), der eine eigene Phraseologie, eine Art ‹mystisches Rotwelsch› ausgebildet hat, einen Platz finden können. Eine Psychologie des modernen Geisterglaubens von einem so geistreichen Manne wie Steiner wäre uns sicherlich willkommen gewesen. Die Sprache des Werkes ist leicht faßlich. Keine schulphilosophischen, ellenlangen Perioden stören dem Leser den Genuß.»

[ 51 ] Das ist geschrieben im Dezember 1901, kurz nachdem ich angefangen hatte, die theosophischen Vorträge in Berlin zu halten. Man kann sagen: objektiv ist dazumal verlangt worden, öffentlich ist es gefordert worden, daß ich mich ausspreche über das, was die Theosophie will. Es war nicht eine Willkür, es war ein deutlicher Wink des Karma, wie man sagt.

[ 52 ] Nun hatte ich im Winter 1900/1901 die Vorträge über die Mystik gehalten und im Winter 1901/1902 diejenigen, die als Vorträge etwas ausführlicher das griechische und auch das ägyptische Mysterienwesen behandelten, und die dann in dem Buche «Das Christentum als mystische Tatsache», im Sommer 1902 erschienen sind. Ein großer Teil der «Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens» wurde sogleich ins Englische übersetzt, und zwar noch bevor ich Mitglied der Theosophica! Society war. Nun könnte ich vieles erzählen — aber dazu reicht die Zeit nicht aus —, was wichtig ist, was aber ein anderes Mal erzählt werden kann. Das eine muß ich aber dennoch erzählen.

[ 53 ] Sie sehen, wie nirgendwo die kontinuierliche Entwickelung irgendwie einen Sprung oder dergleichen hat, wie alles auf ganz selbstverständliche Weise gekommen ist. Allerdings hatte ich schon im Beginne des Vortragszyklus, den ich über das griechische und ägyptische Mysterienwesen gehalten habe — wieder in der Bibliothek zu Berlin im Brockdorffschen Hause -, also schon beim zweiten Vortragszyklus hatte ich ein wenig Gelegenheit, etwas ans Ohr herandringen zu hören von dem, was damals nicht so schlimm war, was aber in weiterer konsequenter Ausführung führen kann zu den Dingen, die hier unter dem Titel «Mystische Verschrobenheiten» behandelt worden sind. Den Titel hat, wie ich glaube, Herr Bauer geprägt.

[ 54 ] Ich habe also im Jahre 1901/1902 über das griechische und ägyptische Mysterienwesen gesprochen, und bei diesen Vorträgen war auch die jetzige Frau Dr. Steiner anwesend, die auch den Vortrag gehört hatte, welchen ich in der Theosophischen Gesellschaft über Gustav Theodor Fechner im Winter 1900 gehalten habe. Es war ein besonderer Vortrag, der nicht zu dem anderen Zyklus gehörte. Also schon im Winter 1900 war die jetzige Frau Dr. Steiner bei einem Teile der Vorträge, die ich damals gehalten habe, anwesend. Es wäre interessant, einige kleine Details über diese Anwesenheit zu erzählen. Sie können aber auch unterbleiben, sie würden die Sache nur etwas kolorieren. Das kann ein anderes Mal geschehen, wenn es notwendig sein sollte.

[ 55 ] Nachdem dann Frau Dr. Steiner eine Zeitlang von Berlin abwesend gewesen war, kam sie im Herbst aus Rußland wieder nach Berlin zurück und hörte dann mit einer Bekannten der Gräfin Brockdorff die ersten Vorträge des zweiten Zyklus im Winter 1901/1902. Dazumal kam jene Bekannte nach einem der Vorträge, die ich über die griechischen Mysterien gehalten habe, zu mir und sagte, — nun, eben etwas von der Art, wie ich es vorhin charakterisiert habe. Diese Dame ist dann eine immer fanatischere und fanatischere Anhängerin der Theosophischen Gesellschaft geworden und hat später sich auch eine hohe Stellung erworben in dem Orden, der begründet worden ist für die Neugeburt des Christus. Diese Dame war dazumal auch anwesend und kam nach einem Vortrage, den ich über die griechischen Mysterien gehalten hatte, auf mich zu, nahm die Miene einer Eingeweihten der Theosophical Society an, die Miene einer recht tief Eingeweihten, die zunächst ihre Einweihung damit bezeugte, daß sie sagte: Ja, Sie sprechen jetzt von Mysterien, aber solche gibt es auch heute noch. Es gibt auch jetzt noch ganz geheime Gesellschaften. Wissen Sie denn das auch?

[ 56 ] Nach einem nächsten Vortrage, wiederum über die griechischen Mysterien, kam sie wieder an mich heran und sagte: Man sieht, Sie erinnern sich noch gut an dasjenige, was, als Sie noch in den griechischen Mysterien waren, gelehrt worden ist! — Das ist dasjenige, was in weiterer Ausbildung schon herangrenzt an das Kapitel «mystische Verschrobenheit».

[ 57 ] Im Zusammenhange damit darf ich wohl erwähnen, daß im Herbste 1901 jene Bekannte der Gräfin Brockdorff einen Tee-Abend veranstaltete. Er wird immer von Frau Dr. Steiner «der Chrysanthemen-Tee» genannt, weil viele solche Blumen da waren. Die Einladung ging von jener Bekannten aus, und nachträglich habe ich mir so manchmal die Idee gebildet: Diese Dame wollte - nun, ich weiß nicht was. Es war der Tag der Begründung der Theosophical Society gewählt worden, ein besonders wichtiger Tag für diese Dame. Sie wollte vielleicht versuchen, mich zum überzeugten Mitarbeiter in ihrem Sinne zu machen, tastete so herum, war manchmal dringlich. Aber es ist sonst nichts Bedeutungsvolles dabei herausgekommen. Doch ein Gespräch aus dem Herbst 1901 möchte ich jetzt erwähnen, das stattfand zwischen der jetzigen Frau Dr. Steiner und mir bei jenem Chrysanthemen-Tee, und in welchem diese die Frage stellte, ob es nicht doch sehr notwendig sei, eine geistige Bewegung in Europa ins Leben zu rufen. Im Verlaufe des Gespräches sagte ich klar die Worte: Gewiß, notwendig ist es, eine geisteswissenschaftliche Bewegung ins Leben zu rufen; ich werde mich aber nur finden lassen für eine solche Bewegung, die an den abendländischen Okkultismus und ausschließlich an diesen anknüpft und diesen fortentwickelt. - Und ich sagte in dieser Beziehung, daß angeknüpft werden müsse an Plato, an Goethe und so weiter. Ich wies hin auf das ganze Programm, das dann auch ausgeführt worden ist.

[ 58 ] In diesem Programm hatte eben ein ungesundes Treiben wirklich keinen Platz, aber es kamen selbstverständlich vielfach auch Personen mit solchen Neigungen heran, weil man es mit Persönlichkeiten zu tun hatte, die von allen Seiten beeinflußt waren von der Bewegung, von der ich Ihnen erzählt habe. Wie aber mit diesem Programm notwendigerweise verbunden war eine völlige Abkehr von allem Mediumismus und Atavismus, das sehen Sie an dem Gespräch, das ich mit einem Mitglied der englischen Gesellschaft hatte, und das ich im Anfang dieses Vortrages angeführt habe.

[ 59 ] Sie sehen, daß mit Bewußtsein der Weg eingeschlagen worden ist, der uns die langen Jahre hindurch geführt hat. Wenn auch auf diesem Wege viele Elemente herangekommen sind mit allerlei mediumistischem und atavistischem Hellsehen, von diesem Wege ist nicht abgewichen worden, und er hat uns zu dem geführt, zu dem wir gebracht worden sind.

[ 60 ] Dadurch allerdings war ich darauf angewiesen, innerhalb der theosophischen Bewegung diejenigen Menschen zu finden, welche Herz und Sinn hatten für eine solche durchaus gesunde Methode. Alle diejenigen, die eine solche gesunde und doch streng wissenschaftliche und unter streng wissenschaftlicher Verantwortlichkeit vor sich gehende Bewegung nicht wollten, haben immer das, was wir getrieben haben, so behandelt, daß sie zunächst das, was bei uns geleistet worden ist, in ihrer Art verdreht haben, wie Sie es an dem Beispiele sehen, das Ihnen jetzt soviel Kopfzerbrechen macht - vielleicht auch nicht! — und was dann soviel Feindschaft gebracht hat, wie Sie es wiederum an diesem Beispiele sehen. Das aber kann Ihnen wieder aus einer geschichtlichen Betrachtung hervorgehen, daß sich durch all das Wirken durchzieht kein Zurückweichen vor dem Eintreten in die höchsten geistigen Welten, soweit sie sich der Menschheit jetzt gnadenvoll aus der höheren Welt heraus eröffnen können; daß aber auf der anderen Seite streng dasjenige zurückgewiesen wird, was nicht auf gesundem Wege, nicht durch die Methoden für das richtige Eintreten in die geistigen Welten hat gewonnen werden können. Wer das erkennen kann, bewertet und geschichtlich verfolgt, braucht es nicht nur als eine bloße Versicherung hinzunehmen, sondern er sieht es an der ganzen Art des Wirkens, wie es durch die Jahre hindurch geübt worden ist. Wir haben die Möglichkeit gehabt, viel, viel weiter zu gehen in der wirklichen Erforschung der geistigen Welt, als jemals die Theosophische Gesellschaft hat gehen können. Aber wir wandeln nicht auf unsicheren Wegen, sondern wir wandeln die sicheren Wege. Das darf frank und frei gesagt werden.

[ 61 ] Daher habe ich es stets abgelehnt, mit irgendwelchem antiquierten Okkultismus, mit irgendwelchen Brüderschaften oder Gemeinschaften dieser Art auf dem Gebiete der Esoterik irgendwie etwas zu tun haben zu wollen. Und nur unter Wahrung der vollsten Selbständigkeit arbeitete ich eine Zeitlang in gewisser äußerlicher Verbindung mit der Theosophical Society und ihren esoterischen Einrichtungen, nicht aber in ihrer Richtung. Schon im Jahre 1907 ist alles Esoterische vollständig abgetrennt worden von der Theosophical Society, und was dann weiter geschehen ist, wissen Sie hinlänglich. Auch das ist geschehen, daß okkultistische Brüderschaften mir diese oder jene Vorschläge machten; und namentlich als eine ganz angesehene okkultistische Brüderschaft mir den Vorschlag machte, mich zu beteiligen an der Ausbreitung eines sich auch rosenkreuzerisch nennenden Okkultismus, ließ ich ihn unbeantwortet, trotzdem er von einer ganz angesehenen okkultistischen Bewegung kam. Ich muß das sagen, um zu zeigen, daß bei uns ein selbständiger, der Gegenwart angemessener Weg verfolgt wird, und daß ungesunde Elemente uns auf das unangenehmste berühren müssen.