Anthroposophical Community Building
GA 257
3 March 1923, Dornach
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Anthroposophical Community Building, tr. SOL
Neunter Vortrag
Ninth Lecture
[ 1 ] Gestern habe ich mich bemüht, Ihnen eine Art Bericht zu’ geben über dasjenige, was in Stuttgart vorgefallen ist, und ich sagte dann, daß ich im wesentlichen den Inhalt der Vorträge andeuten möchte, die ich dort zu halten hatte. Ich werde also zunächst diesen Inhalt der Vorträge heute hier angeben und werde dann morgen versuchen, noch einiges in Anknüpfung an das gestern Ausgeführte zu sagen.
[ 1 ] Yesterday I tried to give you a sort of report on what happened in Stuttgart, and I said that I would essentially outline the content of the lectures I was to give there. So today I will first outline the content of those lectures here, and tomorrow I will try to say a few more things in connection with what I said yesterday.
[ 2 ] Der erste Vortrag am Dienstag hat sich ergeben aus einem ganz bestimmten Bedürfnisse heraus, das sich im Laufe der Ihnen ja, ich möchte sagen, wenigstens stimmungsgemäß geschilderten Diskussion am Sonntag, Montag und Dienstag, also aus einem Bedürfnis heraus, das sich aus diesen Diskussionen gebildet hatte, klar gezeigt hat. Es war das Bedürfnis, das Wesen der Gemeinschaftsbildung zu betrachten. Dieses Bilden von Menschengemeinschaften durch die anthroposophische Sache, das ist ja etwas, was in der letzten Zeit innerhalb unserer Anthroposophischen Gesellschaft eine große Rolle gespielt hat. Namentlich die Jugend, aber auch andere Menschen, ältere Menschen kamen in die Anthroposophische Gesellschaft herein mit der ausgesprochenen Sehnsucht, innerhalb dieser Gesellschaft andern Menschen zu begegnen, mit denen zusammen sie gewissermaßen dasjenige finden könnten, was in der heutigen sozialen Ordnung das Leben dem einzelnen nicht geben kann. Es ist damit ja hingewiesen auf eine durchaus begreifliche Sehnsucht vieler Menschen in unserer Zeit.
[ 2 ] The first lecture on Tuesday arose from a very specific need that became clearly evident in the course of the discussions on Sunday, Monday, and Tuesday—discussions that I would say were at least described in terms of their general mood—that is, from a need that had emerged from these discussions. It was the need to consider the essence of community-building. This formation of human communities through the anthroposophical movement is, after all, something that has played a major role within our Anthroposophical Society in recent times. Young people in particular, but also others—including older people—have joined the Anthroposophical Society with a distinct longing to meet other people within this society with whom they could, in a sense, find what the current social order cannot provide for the individual. This points to a thoroughly understandable longing felt by many people in our time.
[ 3 ] Durch das Heraufkommen des Bewußtseinszeitalters liegt ja die Sache so, daß die alten sozialen Bindungen den rein menschlichen Gehalt und die rein menschliche Kraft verloren haben. Der Mensch wuchs ja immer in eine gewisse Gemeinschaft hinein. Er wuchs nicht zum Lebenseinsiedler heran, sondern er wuchs in eine bestimmte Gemeinschaft hinein. Er wuchs in die Familiengemeinschaft, in die Berufsgemeinschaft, in die Standesgemeinschaft, in der letzten Zeit in dasjenige hinein, was man die Klassengemeinschaft nennt und so weiter. Diese Gemeinschaften haben immer etwas für den Menschen getragen, was er als einzelner nicht tragen kann. Eine der stärksten Bindungen von Menschen im sozialen Leben untereinander hat ja in der neuesten Zeit die Klassengemeinschaft abgegeben.
[ 3 ] With the advent of the Age of Consciousness, the situation is such that the old social bonds have lost their purely human substance and their purely human power. Human beings have always grown up within a certain community. They did not grow up to be solitary individuals, but rather grew up within a specific community. They grew up within the family community, the professional community, the estate-based community, and, in recent times, what is called the class community, and so on. These communities have always provided people with something that they cannot provide for themselves as individuals. In recent times, the class community has indeed been one of the strongest bonds connecting people to one another in social life.
[ 4 ] Es entstanden aus den alten gesellschaftlichen Formationen heraus, aus Standesgemeinschaften, Volksgemeinschaften, sogar aus Rassengemeinschaften, die Klassengemeinschaften. Und es ist in der letzten Zeit ja so geworden, daß ein gewisser Zusammenhalt da war in den sogenannten höheren Ständen, denen des Adels, in dem Bürgerstande und dann im Proletarierstande. So entstanden Klassengemeinschaften, die sich hinübererstreckt haben über Volkstümer, sogar über Rasseneigentümlichkeiten und so weiter. Und vieles von dem, was heute vorhanden ist im ganz internationalen sozialen Leben, ist zurückzuführen auf solche Klassengemeinschaften.
[ 4 ] Class communities emerged from the old social formations—from estates, ethnic communities, and even racial communities. And in recent times, a certain cohesion has developed among the so-called higher classes—the nobility, the bourgeoisie, and the proletariat. Thus, class communities arose that extended across ethnic groups, even across racial characteristics, and so on. And much of what exists today in international social life can be traced back to such class communities.
[ 5 ] Nun aber ist ja das Zeitalter der Bewußtseinsseele, das ja schon seit dem Beginn des 15. Jahrhunderts sich immer mehr und mehr angekündigt hat, in der neuesten Zeit mit einer gewissen Vehemenz, mit einer inneren Stärke aus den Menschenseelen heraus zur Offenbarung gekommen. Die Menschen fühlen doch: auch innerhalb von Klassengemeinschaften können sie nicht mehr zu dem kommen, was sie über das einzelne Individuelle hinaustragen soll. Der Mensch fühlt sich heute auf der einen Seite stark als eine Individualität, und er möchte zurückweisen dasjenige, was ihm sein individuelles Fühlen, Empfinden, sein individuelles Denken irgendwie beeinträchtigt. Er möchte eine Persönlichkeit sein. Und das rührt ja aus gewissen elementarischen Untergründen her. Es steckt in den Seelen der Menschen, wenn ich mich des Ausdruckes, dessen ich mich auch gestern bedient habe, noch einmal bedienen darf, seit dem Ablauf des Kali Yuga, also seit dem Beginne unseres Jahrhunderts, wenn auch noch so unklar, heute etwas, das sich ausdrückt in den Worten: Ich möchte eine in mir selbst geschlossene Persönlichkeit sein. - Gewiß, viele wissen sich das nicht zu formulieren. Es kündigt sich dann an in allerlei Unzufriedenheiten, in allerlei Haltlosigkeiten des Seelenlebens, aber es ist doch dieses: eine Persönlichkeit, eine geschlossene Persönlichkeit sein zu wollen.
[ 5 ] But now the age of the conscious soul—which has been heralding itself more and more since the beginning of the 15th century—has come to manifestation in recent times with a certain vehemence, with an inner strength arising from the human soul. People do feel, after all, that even within class communities they can no longer attain what is meant to carry them beyond the individual. Today, on the one hand, people feel strongly as individuals, and they wish to reject anything that in any way impairs their individual feelings, sensibilities, and thinking. They want to be a personality. And this stems from certain elemental depths. It has been present in people’s souls—if I may once again use the expression I employed yesterday—since the end of the Kali Yuga, that is, since the beginning of our century, however vague it may still be: something that today expresses itself in the words, “I want to be a self-contained personality.” - Certainly, many do not know how to put this into words. It then manifests itself in all sorts of dissatisfactions, in all sorts of instability in the life of the soul, but it is nevertheless this: the desire to be a personality, a self-contained personality.
[ 6 ] Aber nun kann der Mensch einmal im irdischen Leben nicht ohne die andern Menschen auskommen. Die historischen Bindungen geben nicht das her, auch die proletarische Klassengemeinschaft zum Beispiel nicht, was zu gleicher Zeit dem Drang nach Persönlichkeit Rechnung trägt, und auf der andern Seite doch wiederum Menschen an Menschen schließt. Der Mensch möchte sich heute durch das rein Menschliche an das rein Menschliche des andern anschließen. Er möchte gewissermaßen zwar soziale Bindungen haben, aber sie sollen solchen individuellen Charakter tragen, wie etwa persönliche Freundschaften.
[ 6 ] But in this earthly life, human beings simply cannot do without other people. Historical ties—not even the proletarian class community, for example—can provide what both satisfies the urge for individuality and, at the same time, brings people together. Today, people wish to connect with the purely human aspect of others through what is purely human in themselves. They do wish, in a sense, to have social bonds, but these should have an individual character, much like personal friendships.
[ 7 ] Und unendlich vieles, was heute im Leben zwischen Menschen spielt, ist ein Drängen nach solchen Menschengemeinschaften. Dieses Drängen nach solchen Menschengemeinschaften trat besonders stark zutage, als einige jüngere Persönlichkeiten vor einiger Zeit an mich herankamen mit der Tendenz, eine Art Erneuerung des Christentums herbeizuführen, wobei sie glaubten, daß diese Erneuerung des Christentums nur herbeigeführt werden könne durch das Verlebendigen des ChristusImpulses auf die Art, wie es aus der Anthroposophie heraus möglich ist. Aus dieser Sehnsucht von jüngeren Theologen, die zum Teil eben in der Vollendung ihres theologischen Studiums waren, also vor der Aufgabe standen, den Seelsorgerberuf zu übernehmen, oder die noch in dem theologischen Studium standen, aus dieser Sehnsucht heraus ist dann dasjenige entstanden, was, ich möchte sagen, eingetreten ist als die jüngste Begründung durch unsere Anthroposophische Gesellschaft, die «Bewegung für religiöse Erneuerung».
[ 7 ] And so much of what takes place in human relationships today is a yearning for such human communities. This yearning for such human communities became particularly evident some time ago when several younger individuals approached me with the intention of bringing about a kind of renewal of Christianity, believing that this renewal of Christianity could only be brought about by revitalizing the Christ impulse in the way made possible by anthroposophy. Out of this longing on the part of younger theologians—some of whom were just completing their theological studies and thus faced the task of taking up the pastoral ministry, while others were still in the midst of their theological studies—out of this longing arose what, I would say, emerged as the most recent initiative of our Anthroposophical Society: the “Movement for Religious Renewal.”
[ 8 ] Nun war natürlich für diese Bewegung für religiöse Erneuerung so mancherlei zu tun. Vor allen Dingen handelte es sich darum, in der Weise, wie das heute sein kann, den Christus-Impuls zu verlebendigen. Dazu war notwendig, ganz ernst zu machen mit dem, was ich ja oftmals betont habe, daß der Christus nicht nur im Ausgangspunkt der christlichen Entwickelung zu den Menschenseelen gesprochen hat, sondern daß er wahr gemacht hat dasjenige, was in dem Worte liegt: «Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Erdenzeiten», das heißt, daß er jedesmal gehört werden kann, wenn eine Seele ihn hören will, daß also eine fortwährende Christus-Offenbarung stattfindet. Also von den aufgeschriebenen Evangelienoffenbarungen mußte zu den unmittelbar lebendigen Offenbarungen des Christus-Impulses geschritten werden. Das war ja die eine Seite der Aufgaben für die religiöse Erneuerung.
[ 8 ] Of course, there was much to be done for this movement for religious renewal. Above all, the task was to bring the Christ impulse to life in the way that is possible today. To do this, it was necessary to take very seriously what I have often emphasized: that Christ did not speak to human souls only at the beginning of Christian development, but that He made real what is contained in the words: “ I am with you always, even to the end of the age,” that is, that he can be heard whenever a soul wishes to hear him, and that a continuous revelation of Christ is thus taking place. Thus, it was necessary to move from the written revelations of the Gospels to the immediately living revelations of the Christ impulse. That was, after all, one aspect of the tasks for religious renewal.
[ 9 ] Die andere Seite war aber diejenige, die ich sogleich bezeichnen mußte dadurch, daß ich sagte: Aber eine religiöse Erneuerung muß herbeiführen Gemeindebildungen, religiöse Gemeindebildungen. Der Mensch kann seine Erkenntnis als einzelner pflegen, wenn er sie erst durch die Gemeinschaft erhalten hat. Aber jenes unmittelbare, nicht so sehr denkerische als empfindungsgemäße Erleben der geistigen Welt, das als Religiöses bezeichnet werden kann, das Erleben der geistigen Welt als einer göttlichen, das kann nur sich ausleben im Gemeinschaftbilden. Und so, sagte ich, muß eine Gesundung des religiösen Lebens durch eine gesunde Gemeinschaftsbildung entstehen.
[ 9 ] The other side, however, was the one I had to point out immediately by saying: But a religious renewal must bring about the formation of communities—religious communities. A person can cultivate their knowledge as an individual only after first having received it through the community. But that immediate experience of the spiritual world—one based not so much on thought as on feeling, which can be described as religious—the experience of the spiritual world as divine—can only find its full expression in the formation of community. And so, I said, a revitalization of religious life must arise through the formation of healthy communities.
[ 10 ] Es waren ja zunächst evangelische theologische Persönlichkeiten, die diese Bewegung für religiöse Erneuerung unternahmen. Sie konnte man darauf hinweisen, wie gerade die evangelischen Bekenntnisse in der neueren Zeit immer mehr und mehr hingeneigt haben zur besonderen Betonung des Predigthaften und abgekommen waren von dem Kultusartigen. Aber die Predigt atomisiert die Gemeinschaften. Die Predigt, durch die ja die Erkenntnis von der göttlichen Welt durchdringen soll, fordert die einzelnen Seelen dazu auf, sich ihre eigene Meinung zu bilden, was sich ja ausgedrückt hat dadurch, daß das Credo, das Glaubensbekenntnis, am meisten angefochten worden ist in der neueren Zeit, daß gewissermaßen jeder sein eigenes Glaubensbekenntnis haben wollte. Ein Atomisieren, ein Zersprengen der Gemeinde und ein Hinlenken des Religiösen auf die einzelne Persönlichkeit ist eingetreten.
[ 10 ] It was, after all, Protestant theological figures who initially launched this movement for religious renewal. One could point out to them how, in recent times, the Protestant confessions in particular had increasingly leaned toward a special emphasis on preaching and had strayed from a ritualistic approach. But the sermon atomizes communities. The sermon—through which, after all, knowledge of the divine world is meant to permeate—calls upon individual souls to form their own opinions, a tendency that has manifested itself in the fact that the creed, the profession of faith, has been most vigorously challenged in recent times, with everyone, so to speak, wanting to have their own creed. A fragmentation, a shattering of the congregation, and a redirection of religious life toward the individual personality has taken place.
[ 11 ] Das würde aber nach und nach überhaupt zur Auflösung der sozialen Ordnung nach dem Seelischen hin führen, wenn nicht die Möglichkeit einer wirklichen Gemeindebildung wieder da wäre. Aber die wirkliche Gemeindebildung, sagte ich, ist nur in einem Kultus gegeben, der nun wirklich aus den heutigen Offenbarungen der geistigen Welt heraus gewonnen wird. Und so ist denn jener Kultus auch eingezogen in die Bewegung für religiöse Erneuerung, der innerhalb derselben nun eben da ist. Dieser Kultus berücksichtigt durchaus die historische Entwickelung der Menschheit, trägt daher in vielen seiner Einzelheiten und auch in vielem, was in seiner Totalität auftritt, eine Fortführung des Historischen in sich. Aber er trägt überall auch die Einschläge desjenigen, was sich erst heute dem übersinnlichen Bewußtsein aus der geistigen Welt offenbaren kann.
[ 11 ] This, however, would gradually lead to the complete dissolution of the social order in favor of the spiritual realm, were it not for the possibility of genuine community-building. But genuine community-building, as I said, is only possible within a form of worship that is truly derived from the present-day revelations of the spiritual world. And so this form of worship has also found its way into the movement for religious renewal, where it is now present. This form of worship takes full account of the historical development of humanity; therefore, in many of its details—and also in much of what appears in its totality—it embodies a continuation of history. But it also bears throughout the influences of that which can only now reveal itself to supersensible consciousness from the spiritual world.
[ 12 ] Kultus bindet die Menschen, die im Kultus sich vereinigen, aneinander. Kultus schafft Gemeinden. Und Dr. Rittelmeyer hat im Verlaufe der Diskussionen ganz mit Recht gesagt: der Anthroposophischen Gesellschaft erwächst in der Bewegung für religiöse Erneuerung gerade durch das gemeindebildende Element des Kultus eine gewisse starke, vielleicht die stärkste Gefahr. Auf was hat er damit hingedeutet? Er hat damit auf das hingedeutet, daß ja heute viele Menschen doch, wie ich schon vorhin sagte, an die Anthroposophische Gesellschaft herankommen mit der Tendenz, den Anschluß an andere Menschen im Sinne einer solchen freien Gemeinschaftsbildung zu finden, daß mit der religiösen Färbung durch den Kultus dieses Gemeinschaftsleben gefunden wird, daß daher diejenigen Menschen, welche diese Sehnsucht nach dem Gemeinschaftsleben haben, sie zunächst befriedigen werden innerhalb der Bewegung für religiöse Erneuerung. Und die Anthroposophische Gesellschaft müßte daher, wenn sie da nicht einer Gefahr entgegengehen will, danach trachten, auch ein gemeinschaftsbildendes Element zu pflegen.
[ 12 ] Worship binds together the people who unite in it. Worship creates communities. And Dr. Rittelmeyer quite rightly said in the course of the discussions: the Anthroposophical Society faces a certain strong—perhaps the strongest—danger within the movement for religious renewal precisely because of the community-building element of worship. What was he alluding to? He was pointing out that today, as I mentioned earlier, many people approach the Anthroposophical Society with a tendency to seek connection with others in the sense of forming such a free community—that this community life is found through the religious coloring provided by the cult—and that, therefore, those people who have this longing for community life will initially satisfy it within the movement for religious renewal. And the Anthroposophical Society, therefore, if it does not wish to face a danger in this regard, should strive to cultivate a community-building element as well.
[ 13 ] Nun, damit warhingewiesen auf etwas, was gerade durch die neueste Phase unserer Anthroposophischen Gesellschaft von einer ganz besonderen Bedeutung ist. Es war hingewiesen darauf, daß erkannt werden muß von den Anthroposophen das Wesen der Gemeinschaftsbildung. Die Frage muß beantwortet werden: Ist diese Gemeinschaftsbildung, die in der religiösen Erneuerung auftritt, die einzig mögliche in der Gegenwart, oder findet sich auch eine andere Möglichkeit innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft für die Gemeinschaftsbildung? Diese Frage kann natürlich nur beantwortet werden, wenn man das Wesen der Gemeinschaftsbildung etwas ins Auge faßt. Es ist aber im Menschen der Gegenwart nicht bloß jene Tendenz zur Gemeindebildung vorhanden - sie ist stark vorhanden, aber nicht bloß vorhanden -, die durch den Kultus befriedigt werden kann, sondern es ist noch eine andere Art von Sehnsucht nach Gemeinschaftsbildung vorhanden. Und so kann es ganz gut sein, daß diesen zwei Arten von Sehnsucht nach Gemeinschaftsbildung, die in jedem Menschen heute vorhanden sind, für jeden einzelnen Menschen Rechnung getragen werden kann, so daß nicht nur in der Bewegung für religiöse Erneuerung ein gemeinschaftsbildendes Element vorhanden ist, sondern auch in der Anthroposophischen Gesellschaft.
[ 13 ] Well, this drew attention to something that is of particular significance precisely in light of the latest phase of our Anthroposophical Society. It was pointed out that anthroposophists must recognize the essence of community-building. The question must be answered: Is this community-building, which arises in religious renewal, the only one possible at the present time, or is there also another possibility for community-building within the Anthroposophical Society? This question can, of course, only be answered if one considers the nature of community-building a bit more closely. However, in people today there is not merely that tendency toward community-building—it is strongly present, but not merely present—which can be satisfied through worship; rather, there is also another kind of longing for community-building. And so it may well be that these two kinds of longing for community, which are present in every person today, can be taken into account for each individual, so that a community-building element is present not only in the movement for religious renewal but also in the Anthroposophical Society.
[ 14 ] Man muß natürlich, wenn man über solche Dinge spricht, diese in Ideen kleiden. Aber dasjenige, was ich nun in Ideen entwickeln werde, ist eigentlich im gefühlsmäßigen Erleben der heutigen Menschheit vorhanden. Man macht sich nur die Dinge dadurch klar, daß man sie in Ideen gibt; aber das, was ich jetzt ausdrücken will, ist etwas durchaus im heutigen Menschen eben gefühlsmäßig Vorhandenes.
[ 14 ] Of course, when one speaks of such things, one must express them in ideas. But what I am now going to develop in ideas is actually present in the emotional experience of humanity today. We only make things clear to ourselves by expressing them in ideas; but what I now wish to express is something that is indeed present in the emotional life of people today.
[ 15 ] Die erste Art der Gemeinschaftsbildung, die, ich möchte sagen, gleich bei unserer Lebensanfängerschaft auf der Erde an uns herantritt, die ja eine selbstverständliche ist, über die gewöhnlich nicht sehr nachgesonnen und nachempfunden wird, das ist jene Gemeinschaftsbildung, die durch die Sprache gegeben ist. Wir lernen als Kind die Sprache. Und ein besonders stark gemeinschaftsbildendes Element ist ja durch dieMuttersprache gegeben aus dem Grunde, weil die Muttersprache an das Kind herantritt und vom Kinde aufgenommen wird in der Zeit, in der der Ätherleib noch ganz und gar ungeschieden und undifferenziert in der übrigen Organisation darinnensteckt. Dadurch verwächst die Muttersprache ganz intensiv mit dem ganzen Wesen des Menschen. Diese Sprache ist aber etwas, was als ein Gemeinsames über Menschengruppen sich ausbreitet. Die Menschen finden sich zusammen in der gemeinschaftlichen Sprache. Und wenn Sie sich daran erinnern, was ich ja öfter hier ausgesprochen habe, daß in der Sprache tatsächlich ein Geistiges verkörpert ist, daß der Sprachgenius nicht bloß die Abstraktion der heutigen Gelehrten, sondern ein wirkliches geistiges Wesen ist, so werden Sie eben empfinden, wie die Gemeinschaft der Sprache darauf beruht, daß diejenigen, die in der gleichen Sprache sich verständigen, in ihrem Kreise, zu dem sie zusammengekommen sind, die Wirksamkeit des realen Sprachgenius fühlen. Sie fühlen sich gewissermaßen unter den Flügeln einer wirklichen geistigen Wesenheit. Und das ist bei aller Gemeinschaftsbildung der Fall.
[ 15 ] The first form of community-building—one that, I would say, comes to us right from the very beginning of our lives on Earth, which is, of course, something we take for granted and about which we usually do not reflect deeply or contemplate—is the community-building that arises through language. We learn language as children. And the mother tongue is a particularly powerful community-building element precisely because it approaches the child and is absorbed by the child at a time when the etheric body is still completely undifferentiated and integrated into the rest of the organism. As a result, the mother tongue becomes deeply intertwined with the entire being of the human being. But this language is something that spreads as a common bond among groups of people. People come together through the shared language. And if you recall what I have often stated here—that a spiritual element is indeed embodied in language, that the “genius of language” is not merely an abstraction of today’s scholars, but a real spiritual being— then you will sense how the community of language is based on the fact that those who communicate in the same language feel, within the circle in which they have come together, the active presence of the real genius of language. They feel, as it were, sheltered under the wings of a real spiritual being. And this is the case in all forms of community formation.
[ 16 ] Jede Gemeinschaftsbildung läuft darauf hinaus, daß unter denjenigen, die sich zur Gemeinschaft zusammenschließen, ein höheres GeistigWesenhaftes waltet, das gewissermaßen aus geistigen Welten heruntersteigt und die Menschen zusammenbindet. Aber wir können ja, ich möchte sagen singulär, im einzelnen noch anderes finden, was im eminentesten Sinne wie ein gemeinschaftsbildendes Element auftreten kann unter einer Anzahl von Menschen. Die gemeinsame Sprache, sie bindet die Menschen, weil, was der eine sagt, in dem andern leben kann, weil also gleichzeitig ein Gemeinsames in mehreren Menschen leben kann. Aber stellen wir uns einmal folgendes vor: Eine Anzahl von Menschen, die gemeinsam ihre Kindheit und erste Schulzeit verlebt haben, finden sich durch irgendwelche Veranlassung — so etwas könnte ja eintreten, ist auch oftmals eingetreten und herbeigeführt worden - nach dreißig Jahren wieder zusammen. Sie kommen dazu, nun als ein kleines Häuflein vierzig- bis fünfzigjähriger Menschen, innerhalb dessen jeder einzelne die Kindheit mit dem andern in der Schule, in derselben Gegend verlebt hat, von dem zu sprechen, was sie in ihrer Kindheit und Jugend miteinander erlebt haben. Da lebt in ihnen etwas ganz Besonderes auf, etwas, was noch in diesem Augenblicke eine ganz andere Gemeinschaft ist als bloß die durch die Sprache herbeigeführte. Wenn eine Menschengruppe, welche die gleiche Sprache spricht, nun während des Beisammenseins eben in dem durch die Sprache herbeigeführten Verständnis der Seelen sich zuammenfindet, so ist dieses Zusammenfinden doch etwas verhältnismäßig Oberflächliches gegenüber dem andern, das eintritt, wenn man tief innen im Seelenzentrum dadurch gepackt wird, daß man in gemeinsamen Erinnerungen lebt. Jedes Wort bekommt sein besonderes Kolorit, seine besondere Färbung dadurch, daß es hinweist auf gemeinsam verlebte Kindheit, gemeinsam verlebte Jugend. Es geht dasjenige, was da für die Augenblicke einer solchen Zusammengehörigkeit Mensch an Mensch bindet, tiefer in das Seelische hinein. Man fühlt sich mit tieferen Organen an dasjenige gebunden, mit dem man da zusammen ist.
[ 16 ] Every process of community-building ultimately boils down to the fact that, among those who come together to form a community, a higher spiritual and essential force prevails—one that, in a sense, descends from spiritual realms and binds people together. But we can, I would say uniquely, find other individual elements that can act as community-forming factors in the most eminent sense among a group of people. A common language binds people together because what one person says can live within another—in other words, because something shared can exist simultaneously within several people. But let’s imagine the following: A group of people who spent their childhood and early school years together find themselves reunited after thirty years due to some circumstance—something like this could indeed happen, and has often happened and been brought about. They find themselves—now as a small group of forty- to fifty-year-olds, every one of whom spent their childhood with the others at school in the same neighborhood—talking about what they experienced together in their childhood and youth. Something very special comes alive within them, something that, even at this very moment, constitutes a community quite different from the one brought about merely by language. When a group of people who speak the same language comes together during a gathering precisely through the understanding of souls brought about by language, this coming together is nevertheless something relatively superficial compared to what occurs when one is deeply moved at the very center of one’s soul by living within shared memories. Every word takes on its own special flavor, its own particular hue, because it points to a childhood and youth lived together. What binds people to one another in those moments of such togetherness penetrates deeper into the soul. One feels bound, through deeper faculties, to those with whom one is gathered there.
[ 17 ] Und in was ist man zusammen? In Erinnerungen ist man zusammen, in demjenigen, was vor Zeiten gemeinschaftlich erlebt worden ist. In eine Welt fühlt man sich hineinversetzt, die jetzt nicht mehr da ist, in der man gemeinschaftlich gelebt hat mit jenen andern, mit denen man jetzt beisammen ist. Das gilt für irdische Verhältnisse, es soll nur veranschaulichen. Aber es veranschaulicht eben gerade das Wesen des Kultus, denn was wird denn angestrebt beim Kultus? Der Kultus, ob er nun durch Worte, ob er durch Handlungen sich offenbart, gibt in der sinnlich-physischen Welt etwas wieder, was in ganz anderem Sinne als dasjenige, was wir in der äußeren natürlichen Umgebung haben, unmittelbar Abbild der geistigen Welt, der übersinnlichen Welt ist. Gewiß, jede Pflanze, jeder Vorgang in der äußeren Natur ist Abbild eines Geistigen, aber nicht so unmittelbar wie dasjenige, was man in einer Kultzeremonie oder in einem Kultworte, das in der richtigen Weise ausgesprochen wird, offenbart. Da ist die übersinnliche Welt unmittelbar in Wort oder Handlung hineingelegt. Darin besteht ja der Kultus, daß in der sinnlichen Welt Worte so gesprochen werden, daß die übersinnliche Welt unmittelbar in ihrer Wesenhaftigkeit anwesend ist, Handlungen so vollzogen werden, daß in diesen Handlungen die Kräfte der übersinnlichen Welt anwesend sind. Eine Kultzeremonie ist ja eine solche, wo etwas geschieht, was nicht bloß das bedeutet, was da zelebriert wird, wenn man es äußerlich mit den Augen anschaut, sondern es geht durch die gewöhnlichen physischen Kräfte etwas, was eben geistige Kräfte, übersinnliche Kräfte sind. Ein übersinnliches Geschehen vollzieht sich im sinnlichen Abbilde.
[ 17 ] And in what are we together? We are united in memories—in what we once experienced together. We feel transported into a world that no longer exists, a world in which we lived together with those others with whom we are now gathered. This applies to earthly circumstances; it is merely meant to illustrate a point. But it illustrates precisely the essence of worship, for what is the aim of worship? Worship, whether it manifests itself through words or through actions, reflects in the sensory-physical world something that—in a sense entirely different from what we find in the external natural environment—is a direct reflection of the spiritual world, the supersensible world. Certainly, every plant, every process in the external natural world is a reflection of something spiritual, but not as directly as that which is revealed in a ritual ceremony or in a ritual word spoken in the proper manner. There, the supersensible world is directly embedded in word or action. This is, after all, the essence of ritual: that in the sensory world, words are spoken in such a way that the supersensible world is directly present in its very essence, and actions are performed in such a way that the forces of the supersensible world are present within them. A ritual ceremony is, after all, one in which something happens that does not merely signify what is being celebrated when viewed outwardly with the eyes, but rather, through ordinary physical forces, something takes place that is precisely spiritual forces, supersensible forces. A supersensible event takes place within the sensory representation.
[ 18 ] Der Mensch ist also im sinnlichen Sprechen und im sinnlichen Handeln unmittelbar mit der geistigen Welt vereint. Es ist im richtigen Kultus so, daß die Welt, die gewissermaßen da in das Sinnliche hereingebracht wird in Wort und Handlung, derjenigen entspricht, aus der wir Menschen aus unserem vorirdischen Leben heruntergezogen sind. Wie sich, wenn drei, vier, fünf Menschen im vierzigsten, fünfzigsten Lebensjahre zusammenkommen, welche die Kindheit zusammen erlebt haben, diese versetzt fühlen in die Welt, in der sie als Kinder zusammen waren, so fühlt sich derjenige, der einen richtigen Kultus mit den andern zusammen mitmacht — er weiß es nicht, es bleibt im Unterbewußten, aber dadurch lebt es sich um so mehr in das Fühlen und Empfinden ein -, versetzt in die Welt, in der sie ja gemeinsam waren, bevor sie auf die Erde heruntergestiegen sind. Denn so wird der Kultus gebildet. Der Kultus wird so gebildet, daß der Mensch im Kultus richtig etwas erlebt, was durchaus Erinnerung ist, Bild von dem ist, was er im vorirdischen Dasein, also bevor er zur Erde heruntergestiegen ist, erlebt hat, Und so fühlen diejenigen, die zu einer Kultgemeinde gehören, in einem erhöhten Maße das, was ich vorhin nur zur Verdeutlichung beschrieben habe, wenn man in einem späteren Lebensalter zusammenkommt mit einer Gruppe und Kindheitserinnerungen austauscht: sie fühlen sich versetzt in eine Welt, die sie gemeinsam durchgemacht haben im Übersinnlichen. Das macht das Bindende in der Kultusgemeinde aus. Das hat immer das Bindende beim Kultus ausgemacht. Und wenn es sich um religiöses Leben handelt, das nicht atomisieren soll, das also nicht in die Predigt das Wesentlichste legen soll, sondern in den Kultus, dann führt der Kultus eben zur wirklichen Gemeinschaftsbildung, zur Gemeindebildung. Und religiöses Leben kann nicht ohne Gemeindebildung bestehen. Daher ist die Gemeinschaft, die auf diese Weise eine Erinnerungsgemeinschaft in bezug auf das Übersinnliche ist, auch eine Sakramentsgemeinschaft.
[ 18 ] Through sensory speech and sensory action, the human being is thus directly united with the spiritual world. In true worship, the world that is, as it were, brought into the sensory realm through word and deed corresponds to the world from which we humans were drawn down from our pre-earthly life. Just as when three, four, or five people in their forties or fifties who spent their childhoods together come together, they feel transported back to the world in which they were together as children, so too does the person who participates in a proper ritual together with others—though they may not realize it, it remains in the subconscious, but through this it becomes all the more deeply embedded in their feelings and sensations—transferred to the world in which they were indeed together before they descended to Earth. For this is how the ritual is formed. The ritual is formed in such a way that, within it, a person truly experiences something that is indeed a memory, an image of what they experienced in their pre-earthly existence—that is, before they descended to Earth, And so those who belong to a religious community feel, to a greater degree, what I described earlier merely for the sake of clarity—when people come together in later life with a group and exchange childhood memories: they feel transported to a world they experienced together in the supersensible realm. That is what creates the bond within the worship community. That has always been the binding force in worship. And when it comes to religious life—which should not be fragmented, that is, which should not place the most essential element in the sermon but rather in the worship service—then the worship service leads precisely to the formation of a true community, to the formation of a congregation. And religious life cannot exist without the formation of a congregation. Therefore, the community—which in this way is a community of remembrance with regard to the transcendent—is also a sacramental community.
[ 19 ] Nun ist es aber nicht möglich, daß diese Form der Sakramentengemeinschaft, also der Kultgemeinschaft, stehenbleibt für den modernen Menschen bei dem, was sie ist. Gewiß, für viele wird es heute noch so sein; aber die Kultgemeinschaft selber würde nicht ihren Wert, ihren rechten Wert haben, vor allen Dingen nicht ihr rechtes Ziel erreichen, wenn sie eben eine bloße Erinnerungsgemeinschaft an das übersinnliche Erleben bliebe. Daher ist ja auch immer mehr und mehr das Bedürfnis aufgetreten, hineinzubringen in den Kultus die Predigt. Nur ist bei der Ausbildung dieser Predigt, wie sie hervorgetreten ist in der neueren Zeit in den evangelischen Gemeinschaften, eben das Atomisierende so groß geworden, weil die wirklichen Bedürfnisse der Bewußtseinsseelenentwickelung im fünften nachatlantischen Zeitraum dabei eben nicht berücksichtigt worden sind. Die Predigt der älteren Kirchen ist durchaus aufgebaut auf den Bedürfnissen des vierten nachatlantischen Zeitraums. Die Predigt formt sich in den älteren Bekenntnissen aus der Weltanschauung des Verstandes- oder Gemütszeitalters heraus. Der moderne Mensch versteht das nicht mehr recht. Daher sind die evangelischen Bekenntnisse auch übergegangen zu der mehr auf die menschliche Meinung, auf die menschliche Bewußtseinserkenntnis gebauten Darstellung. Das ist auf der einen Seite etwas Vollberechtigtes. Auf der andern Seite ist wiederum die Form dafür noch gar nicht richtig gefunden. Die Predigt, die innerhalb des Kultus auftaucht, ist ja ein Herausfallen aus dem Kultus, ist ein Hinneigen vom Kultus aus zu der Erkenntnis. Aber wenig wird dem Rechnung getragen in der Form, welche die Predigt angenommen hat in der sich fortentwickelnden Menschheit. Ich brauche Sie nur an eines zu erinnern, so werden Sie das gleich einsehen. Rechnen Sie diejenigen Predigten der neueren Zeit ab, die nicht gebaut sind auf irgendein Bibeltextwort als Thema, so werden Sie sehen, wie wenig bleibt. Überall, bei Sonntagspredigten, bei Predigten für gewisse Anlässe, überall wird ein Bibeltextwort zugrunde gelegt, weil eben verleugnet wird die unmittelbare lebendige Offenbarung, die in der Gegenwart auch da sein kann. Aber es wird durchaus nur an das Historische angeknüpft. Also es wird zwar die individuelle Predigt gesucht, aber die Bedingung dafür ist nicht gefunden. Und so strömt eben die Predigt ein in die bloße menschliche Meinung, in die individuelle Meinung. Das aber atomisiert.
[ 19 ] However, it is not possible for this form of sacramental communion—that is, the worship community—to remain, for modern people, simply what it is. Certainly, for many it may still be so today; but the liturgical community itself would not have its value—its true value—and, above all, would not achieve its true purpose if it were to remain merely a community of remembrance of the supersensory experience. That is why the need to incorporate the sermon into the liturgy has arisen more and more. However, in the development of this sermon—as it has emerged in recent times within Protestant communities—the atomizing tendency has become so pronounced precisely because the real needs of the development of the conscious soul in the fifth post-Atlantean epoch have not been taken into account. The sermons of the older churches are entirely structured around the needs of the fourth post-Atlantean epoch. In the older confessions, the sermon takes shape out of the worldview of the Age of Reason or the Age of Sentiment. Modern people no longer really understand this. Consequently, the Protestant confessions have also shifted toward a presentation based more on human opinion and human conscious insight. On the one hand, this is entirely justified. On the other hand, however, the proper form for this has not yet been fully established. The sermon, which arises within the context of worship, is, after all, a stepping outside of worship—a turning from worship toward knowledge. Yet little account is taken of this in the form that the sermon has assumed within the context of humanity’s ongoing development. I need only remind you of one thing, and you will see this immediately. If you count the sermons of recent times that are not based on a biblical text as their theme, you will see how few remain. Everywhere—in Sunday sermons, in sermons for specific occasions—a biblical text is taken as the foundation, precisely because the immediate, living revelation that can also be present in the here and now is denied. But the connection is made exclusively to the historical. So while the individual sermon is sought, the condition for it is not found. And so the sermon simply flows into mere human opinion, into individual opinion. But that atomizes it.
[ 20 ] Wenn nun die neuerdings begründete Bewegung für religiöse Erneuerung, da sie ja im wesentlichen auf dem Boden steht, der aus der Anthroposophie kommt, mit der unmittelbar fortgehenden, sich fortbewegenden Offenbarung rechnet, also mit dem lebendigen GeistErleben aus der übersinnlichen Welt heraus, dann führt sie gerade ihre Predigt dazu, einzusehen, daß sie etwas anderes braucht, das nämlich, woraus unmittelbar diese fortdauernde lebendige Erkenntnis der geistigen Welt möglich ist. Sie braucht also anthroposophische Geisteswissenschaft, Ich möchte sagen: die Predigt wird immer das Fenster sein, durch das die Bewegung für religiöse Erneuerung wird aufnehmen müssen dasjenige, was ihr eine fortwährende lebendige Anthroposophische Gesellschaft wird geben müssen. Dazu bedarf es aber, was ich Ihnen eben schon in dem letzten Vortrag drüben im noch bestehenden Goetheanum gesagt habe in bezug auf die religiöse Erneuerung, dazu bedarf es, daß, wenn wachsen soll diese Bewegung für religiöse Erneuerung, auch in aller Lebendigkeit die Anthroposophische Gesellschaft daneben sein muß, das heißt das lebendige Leben der Anthroposophie durch eine Anzahl von Menschen. Die Bewegung für religiöse Erneuerung würde sich bald das Wasser abgraben, wenn sie nicht eben wiederum neben sich hätte eine Anzahl von Menschen - es brauchen nicht gleich wiederum alle Menschen zu sein, aber immer eine Anzahl von Menschen -, in denen lebendig das anthroposophische Erkennen lebt.
[ 20 ] If, then, the recently founded movement for religious renewal—since it is essentially rooted in the groundwork laid by anthroposophy—expects an ongoing, ever-evolving revelation, that is, with the living spiritual experience arising from the supersensible world, then its very preaching leads it to realize that it needs something else—namely, that from which this ongoing, living knowledge of the spiritual world is directly possible. It therefore needs anthroposophical Spiritual Science; I would say: the sermon will always be the window through which the movement for religious renewal will have to take in what a continuing, living Anthroposophical Society will have to provide for it. But this requires—as I already told you in my last lecture over at the Goetheanum, which still stands, regarding religious renewal—that if this movement for religious renewal is to grow, the Anthroposophical Society must also be present alongside it in all its vitality; that is, the living reality of anthroposophy embodied by a number of people. The movement for religious renewal would soon cut off its own lifeline if it did not, in turn, have alongside it a number of people—it need not be everyone, but always a number of people—in whom anthroposophical knowledge lives on in a living way.
[ 21 ] Nun kommen aber eben viele Menschen, wie ich Ihnen gesagt habe, zur Anthroposophischen Gesellschaft und wollen nicht nur die anthroposophische Erkenntnis in abstracto, sondern sie wollen auch in ihr, eben aus einem Drang der Menschen unseres Bewußtseinszeitalters heraus, Gemeinschaftsbildungen haben. Man könnte nun sagen: die Anthroposophische Gesellschaft könne ja auch einen Kultus pflegen. Gewiß, das könnte sie auch; das gehört aber jetzt auf ein anderes Feld. Ich will jetzt die spezifisch anthroposophische Gemeinschaftsbildung einmal ins Auge fassen. Es gibt eben durchaus noch etwas anderes im heutigen Menschenleben als dasjenige, was beruhen kann in bezug auf die Menschengemeinschaft auf einer gemeinsamen Erinnerung an die vor dem Erdendasein durchlebte übersinnliche Welt. Es gibt das, was heute wiederum gebraucht wird gerade auf die Art und Weise, wie es nur im Bewußtseinszeitalter sein kann. Da ist man genötigt, über etwas zu sprechen, was mit Bezug auf den modernen Menschen von den meisten heute noch ganz übersehen wird. Gewiß, man hat zu allen Zeiten von Idealismus gesprochen, aber heute ist der Idealismus, wenn von ihm gesprochen wird, auch bei den Gutmeinenden zumeist nichts anderes als Phrase, richtige Phrase. Denn es fehlt heute, in jenem Zeitalter, wo in der ausgebreiteten Zivilisation besonders stark die intellektualistischen Kräfte und Elemente aufgetaucht sind, es fehlt das Weltverständnis des ganzen Menschen. Gewiß, als Sehnsucht ist es insbesondere in der heutigen Jugend vorhanden. Aber gerade jene Unbestimmtheit, mit der es auftritt in der heutigen Jugend, zeigt, daß eben etwas lebt in den heutigen Menschenseelen, was noch nicht klar geworden ist, was noch undifferenziert ist, was nicht unnaiver wird, wenn es differenziert wird.
[ 21 ] But as I have told you, many people are now coming to the Anthroposophical Society, and they do not merely seek anthroposophical knowledge in the abstract; rather, driven by the needs of people in our age of consciousness, they also seek to form communities within it. One might say: the Anthroposophical Society could, after all, also cultivate a form of worship. Certainly, it could do that as well; but that now belongs to a different realm. I would now like to focus on the specifically anthroposophical formation of community. There is indeed something else in human life today besides that which, with regard to human community, can be based on a shared memory of the supersensible world experienced before earthly existence. There is something that is needed again today, precisely in the way that is possible only in the age of consciousness. Here we are compelled to speak of something that, with regard to modern human beings, is still completely overlooked by most people today. Certainly, people have spoken of idealism in every age, but today, when idealism is discussed—even among those with good intentions—it is for the most part nothing more than empty rhetoric, mere rhetoric. For what is lacking today, in this age where intellectualistic forces and elements have emerged particularly strongly within widespread civilization, is an understanding of the world that encompasses the whole human being. Certainly, as a longing, it is present especially among today’s youth. But precisely that vagueness with which it appears in today’s youth shows that something is alive in the souls of people today that has not yet become clear, that is still undifferentiated, and that does not become less naive when it is differentiated.
[ 22 ] Bitte beachten Sie nur einmal folgendes: Versetzen Sie sich zurück in Zeiten, in denen religiöse Strömungen innerhalb der Menschheit sich ausgebreitet haben. Sie werden sehen, daß in abgelebten, in früheren Zeiten der geschichtlichen Entwickelung der Menschheit der oder jener Verkündigung aus der geistigen Welt von vielen Menschen mit ungeheurem Enthusiasmus begegnet worden ist. Ja, es wäre gar nicht möglich gewesen, daß die heute vorhandenen religiösen Bekenntnisse die Menschen tragen, wenn nicht bei ihrer Verkündigung eine viel stärkere Affinität der Seelen für etwas, was aus der geistigen Welt verkündet worden ist, vorhanden gewesen wäre, als das heute der Fall ist. Man kann sich gar nicht vorstellen, wenn man die heutigen Menschen betrachtet, daß sie von so etwas gefangen werden könnten, wie oftmals in früheren Zeiten die Verkündigung religiöser Wahrheiten war. Gewiß, es finden heute noch Sektenbildungen statt; aber gegenüber dem Feuer, mit denen Menschenseelen früheren Verkündigungen entgegengekommen sind, haben die heutigen Sektenbildungen etwas Philiströses. Es ist nicht die innere Wärme der Seelen vorhanden für das Aufnehmen von Geistigem. Das hat im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts sogar in rapider Weise abgenommen. Aus der Unbefriedigtheit finden sich heute allerdings noch Menschen, die dem oder jenem zuhören, auch zu einem gewissen Bekenntnis von dem oder jenem kommen; aber jene positive Wärme, die früher da war in den Menschenseelen und die einzig und allein möglich gemacht hat, daß man um Geistiges sein ganzes Wesen, sein ganzes menschliches Wesen eingesetzt hat, das ist gewichen einer gewissen Kühle, ja Kälte. Und diese Kühle und diese Kälte, die ist ja auch in den Menschenseelen vorhanden, wenn sie heute von Idealen und Idealismus reden. Denn heute ist eigentlich etwas die Hauptsache, was im Grunde noch lange nicht Erfüllung ist, was im Grunde noch lange Erwartung sein wird, aber als Erwartung in ungeheuer vielen Menschen heute schon lebt. Das kann ich Ihnen auf die folgende Weise charakterisieren.
[ 22 ] Please consider the following just once: Transport yourself back to times when religious movements were spreading among humankind. You will see that in bygone eras, in earlier periods of humanity’s historical development, this or that message from the spiritual world was received by many people with tremendous enthusiasm. Indeed, it would not have been possible for the religious creeds that exist today to sustain people if, at the time of their proclamation, there had not been a much stronger affinity in people’s souls for something proclaimed from the spiritual world than is the case today. Looking at people today, one cannot even create a mental image of them being captivated by something in the way that the proclamation of religious truths often was in earlier times. Certainly, sects still form today; but compared to the fervor with which human souls responded to earlier proclamations, today’s sects have a rather philistine quality. The inner warmth of the soul needed to receive spiritual matters is lacking. This has even declined rapidly in the last third of the 19th century. Out of a sense of dissatisfaction, however, there are still people today who listen to this or that, and even come to a certain commitment to this or that; but that positive warmth that used to be present in people’s souls—and which alone made it possible for one to devote one’s entire being, one’s entire human being, to spiritual matters—has given way to a certain coolness, even coldness. And this coolness and this coldness are also present in people’s souls when they speak today of ideals and idealism. For today, the main thing is actually something that is, in essence, still far from being fulfilled, something that, in essence, will remain an expectation for a long time to come, but which already lives as an expectation in an immense number of people today. I can characterize this for you in the following way.
[ 23 ] Nehmen Sie die zwei jedem Menschen ja gut bekannten Bewußtseinszustände, die vorhanden sind: den träumenden Menschen und den Menschen im gewöhnlichen wachen Tagesbewußtsein. Wie ist es beim träumenden Menschen? Beim schlafenden Menschen, der nicht träumt, ist es ja ebenso, denn traumlos schlafen heißt nur, daß die Träume so sehr herabgedämpft sind, daß man sie nicht merkt. Also wie ist es beim träumenden Menschen?
[ 23 ] Consider the two states of consciousness that are well known to everyone: the person who is dreaming and the person in ordinary waking consciousness. What is it like for the person who is dreaming? It is the same for the sleeping person who is not dreaming, for sleeping without dreams simply means that the dreams are so greatly subdued that one does not notice them. So what is it like for the person who is dreaming?
[ 24 ] Er lebt in seiner Traumbilderwelt. Er lebt in derselben, indem sie oftmals für ihn viel anschaulicher, viel tiefer ins Herz gehend ist - das kann man schon sagen - als dasjenige, was man im Alltag beim wachen Tagesbewußtsein erlebt. Aber man erlebt es isoliert. Man erlebt es als die einzelne menschliche Persönlichkeit. In einem und demselben Zimmer können zwei Menschen schlafen, sie haben zwei ganz verschiedene Welten in ihrem Traumbewußtsein. Sie erleben diese Welten nicht miteinander. Jeder erlebt sie für sich; sie können sich höchstens hinterher den Inhalt erzählen.
[ 24 ] He lives in his world of dream images. He lives in that world because it is often much more vivid for him, much more deeply moving—one can certainly say that—than what one experiences in everyday life with waking consciousness. But one experiences it in isolation. One experiences it as an individual human personality. Two people can sleep in one and the same room, yet they have two completely different worlds in their dream consciousness. They do not experience these worlds together. Each experiences them on their own; at most, they can recount the content to one another afterward.
[ 25 ] Wacht der Mensch auf aus dem Traumbewußtsein in das gewöhnliche Tagesbewußtsein, so nimmt er durch seine Sinne dieselben Dinge wahr, die derjenige, der ihm zunächst steht, auch wahrnimmt. Eine gemeinschaftliche Welt tritt ein. Der Mensch erwacht zu einer gemeinschaftlichen Welt, indem er aus dem Traumbewußtsein in das wache Tagesbewußtsein übergeht. Ja, an was erwacht denn der Mensch aus dem Traumbewußtsein ins wache Tagesbewußtsein? Er erwacht am Licht, am Geräusch, an seiner natürlichen Umgebung - in dieser Beziehung machen auch die andern Menschen keine Ausnahme — zum wachen Tagesbewußtsein, zum gewöhnlichen wachen Tagesbewußtsein. Aus dem Traum heraus erwacht man an dem Natürlichen des andern Menschen, an seiner Sprache, an dem, was er einem sagt, und so weiter, an der Art und Weise, wie sich seine Gedanken und Empfindungen in die Sprache hineinkleiden. An dem, wodurch der gewöhnliche Mensch, der andere Mensch sich natürlich auslebt, erwacht man. Also man erwacht an der natürlichen Umgebung zum gewöhnlichen Tagesbewußtsein. In allen früheren Zeitaltern war es so, daß der Mensch aus dem Traumbewußtsein ins wache Tagesbewußtsein an der natürlichen Umgebung erwachte. Und dann hatte er an seiner natürlichen Umgebung zugleich das Tor, durch das er, wenn er es tat, in ein Übersinnliches hineindrang.
[ 25 ] When a person awakens from dream consciousness into ordinary waking consciousness, he perceives through his senses the same things that the person standing closest to him also perceives. A shared world emerges. A person awakens to a shared world by transitioning from dream consciousness to waking daytime consciousness. Indeed, to what does a person awaken from dream consciousness into waking daytime consciousness? They awaken to light, to sound, to their natural surroundings—in this respect, other people are no exception—to waking daytime consciousness, to ordinary waking daytime consciousness. One awakens from the dream to the naturalness of another person—to their speech, to what they say to you, and so on—to the way their thoughts and feelings are clothed in language. One awakens to that through which the ordinary person, the other person, naturally expresses themselves. Thus, one awakens to ordinary waking consciousness through the natural environment. In all earlier ages, it was the case that human beings awoke from dream consciousness to waking daytime consciousness through their natural surroundings. And in their natural surroundings, they also found the gateway through which, if they chose to do so, they could enter the supersensible realm.
[ 26 ] Mit dem Erwachen der Bewußtseinsseele, mit dem Entfalten der Bewußtseinsseele ist in dieser Beziehung ein neues Element hereingetreten ins Menschenleben. Da muß es nämlich noch ein zweites Erwachen geben, und dieses zweite Erwachen wird immer mehr und mehr als ein Bedürfnis der Menschheit auftreten: Das ist das Erwachen an Seele und Geist der andern Menschen. Im gewöhnlichen wachen Tagesleben erwacht man ja nur an der Natur des andern Menschen; aber an Seele und Geist des andern Menschen will der Mensch erwachen, der selbständig, der persönlich durch das Bewußtseinszeitalter geworden ist. Er will an Seele und Geist des andern Menschen erwachen, er will dem andern Menschen entgegentreten so, daß der andere Mensch in seiner eigenen Seele einen solchen Ruck hervorbringt, wie es gegenüber dem Traumleben das äußere Licht, das äußere Geräusch und so weiter hervorbringt.
[ 26 ] With the awakening of the soul of consciousness, with the unfolding of the soul of consciousness, a new element has entered human life in this regard. For there must be a second awakening, and this second awakening will increasingly emerge as a need of humanity: this is the awakening to the soul and spirit of other human beings. In ordinary waking daily life, one is indeed only awakened to the nature of the other human being; but the human being who has become independent and personal through the age of consciousness wishes to awaken to the soul and spirit of the other human being. They wish to awaken to the soul and spirit of other human beings; they wish to encounter other human beings in such a way that the other person elicits within their own soul a jolt similar to that produced by external light, external sound, and so on in relation to the dream life.
[ 27 ] Dieses Bedürfnis ist einmal ein ganz elementares seit dem Beginne des 20. Jahrhunderts und wird immer stärker werden. Das ganze 20. Jahrhundert hindurch wird, trotz allem seinem chaotischen, tumultuarischen Wesen, das die ganze Zivilisation durchsetzen wird, dieses als Bedürfnis aufzeigen: es wird sich einstellen das Bedürfnis, daß Menschen an dem andern Menschen in einem höheren Grade werden erwachen wollen, als man erwachen kann an der bloßen natürlichen Umgebung. Traumleben, es erwacht an der natürlichen Umgebung zum wachen Tagesleben. Waches Tagesleben, es erwacht am andern Menschen, an Seele und Geist des andern Menschen zu einem höheren Bewußtsein. Der Mensch muß mehr werden, als er dem Menschen immer war. Er muß ihm zu einem weckenden Wesen werden. Die Menschen müssen sich näherkommen, als sie sich bisher gestanden haben: zu einem weckenden Wesen muß jeder Mensch, der einem andern entgegentritt, werden. Dazu haben eben die modernen Menschen, die ins Leben jetzt hereingetreten sind, viel zu viel Karma aufgespeichert, als daß sie nicht ihr Schicksal verbunden fühlen würden, ein jeder mit dem, der ihm im Leben als anderer Mensch entgegentritt. Wenn man in frühere Zeitalter zurückgeht, da waren die Seelen jünger, da haben sie weniger karmische Zusammenhänge gehabt. Jetzt tritt eben die Notwendigkeit ein, daß man nicht nur durch die Natur erweckt wird, sondern durch die Menschen, die mit einem karmisch verbunden sind und die man suchen will.
[ 27 ] This need has been a fundamental one since the beginning of the 20th century and will only grow stronger. Throughout the entire 20th century, despite all its chaotic and tumultuous nature—which will permeate the whole of civilization—this will manifest as a need: there will arise a need for people to awaken to one another to a greater degree than they can awaken to their mere natural surroundings. Dream life awakens through the natural environment to waking daily life. Waking daily life, in turn, awakens through other human beings—through their souls and spirits—to a higher consciousness. Human beings must become more than they have ever been to one another. They must become beings who awaken one another. People must draw closer to one another than they have ever been before: every person who encounters another must become an awakening being. To this end, modern people—who have now entered life—have accumulated far too much karma to fail to feel their destinies intertwined, each with the other person they encounter in life. If one goes back to earlier ages, souls were younger then; they had fewer karmic connections. Now, however, the necessity arises that one be awakened not only by nature, but also by the people with whom one is karmically connected and whom one seeks.
[ 28 ] Und so gibt es außer jenem Bedürfnis nach Erinnerung an die übersinnliche Heimat, die durch den Kultus befriedigt werden kann, das andere Bedürfnis, sich erwecken zu lassen zum Geistig-Seelischen durch den andern Menschen. Und der Gefühlsimpuls, der da wirksam sein kann, der ist der des neueren Idealismus. Wenn das Ideal aufhört, ein bloßes abstraktes zu sein, wenn es lebendig verwurzelt sein wird wiederum mit dem menschlich Seelisch-Geistigen, dann wird es eben die Form annehmen: Ich will erwachen an dem andern Menschen. - Das ist schließlich ganz im Unbestimmten das Gefühl, das durch die Jugend heute sich einstellt: Ich will erwachen an dem andern Menschen. Und das ist es, was als besonderes Gemeinschaftsleben in der Anthroposophischen Gesellschaft gepflegt werden kann, was sich da auf die natürlichste Weise von der Welt einstellt. Denn, wenn eine Menschengruppe sich zusammenfindet, um gemeinsam zu erleben dasjenige, was aus der übersinnlichen Welt heraus durch die Anthroposophie geoffenbart werden kann, dann ist dieses Erleben in einer Menschengruppe eben etwas anderes als das einsame Erleben. Daß man erwacht an der Seele des andern in dem Momente, wo man zusammen ist, das gibt eine Atmosphäre ab, die nicht etwa in die übersinnliche Welt hineinführt so, wie es in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» beschrieben ist, die aber das Verständnis der Ideen fördert, welche durch anthroposophische Geisteswissenschaft von der übersinnlichen Welt gegeben werden.
[ 28 ] And so, in addition to that need to remember the supersensible homeland—which can be satisfied through worship—there is the other need: to be awakened to the spiritual-soul aspect through other human beings. And the emotional impulse that can be at work here is that of modern idealism. When the ideal ceases to be merely abstract, when it becomes once again vividly rooted in the human soul and spirit, then it will take on precisely this form: I want to be awakened by another human being. — This, after all, is the feeling—albeit still quite vague—that is emerging among young people today: I want to be awakened by another human being. And this is what can be cultivated as a special communal life within the Anthroposophical Society—something that arises there in the most natural way from the world. For when a group of people comes together to experience collectively that which can be revealed from the supersensible world through anthroposophy, this shared experience within a group is simply something different from solitary experience. The fact that one is awakened to the soul of the other at the very moment one is together creates an atmosphere that does not lead into the supersensible world in the way described in *How to Attain Knowledge of the Higher Worlds*, but rather fosters an understanding of the ideas conveyed by anthroposophical Spiritual Science from the supersensible world.
[ 29 ] Finden sich Menschen, die mit Idealismus in einer Menschengruppe zusammenleben, die sich, sei es durch Vorlesen, sei es durch etwas anderes, dasjenige gegenseitig mitteilen, was Inhalt der Anthroposophie ist, dann ist ein anderes Verständnis da. Durch das gemeinsame Erleben des Übersinnlichen wird eben gerade am intensivsten Menschenseele an Menschenseele erweckt, die Seele erwacht in ein höheres Verständnis hinein, und wenn diese Gesinnung da ist, bildet sich etwas heraus, das bewirkt, daß auf Menschen, die vereinigt sind im gegenseitigen SichMitteilen und im Miteinander-Erleben anthroposophischer Ideen, ein gemeinsames, wirkliches Wesen sich herniedersenkt. Wie in der Sprache der Sprachgenius lebt, in dessen Fittichen gleichsam die Menschen leben, so leben sie unter den Fittichen eines höheren Wesens, wenn sie mit der richtigen idealistischen Gesinnung miteinander erleben die anthroposophischen Ideen. Was tritt denn da ein?
[ 29 ] When people who are driven by idealism come together in a group and share with one another—whether through reading aloud or by some other means—the essence of anthroposophy, a different kind of understanding emerges. Through the shared experience of the supersensible, the human soul is awakened most intensely in contact with another human soul; the soul awakens to a higher understanding, and when this attitude is present, something emerges that causes a common, true essence to descend upon people who are united in mutual sharing and in the shared experience of anthroposophical ideas. Just as the genius of language lives within language—under whose wings, as it were, human beings live—so do they live under the wings of a higher being when, with the right idealistic attitude, they experience anthroposophical ideas together. What then takes place?


[ 30 ] Nun, wenn dies (es wird gezeichnet) das Niveau ist, wodurch übersinnliche Welt von sinnlicher Welt sich scheidet, so haben wir im Kultus die Vorgänge und Wesenhaftigkeiten der höheren Welt (oben); wir haben sie im Kultus, im Kultuswort und in der Kultushandlung auch in die physische Welt herunterprojiziert (unten). Wenn wir einen anthroposophischen Zweig haben, so haben wir dasjenige, was in der physischen Welt in der anthroposophischen Gruppe erlebt wird, durch die Kraft des wirklichen Idealismus, der spirituell wird, hinaufversetzt in die geistige Welt. Durch den Kultus wird das Übersinnliche in Wort und Handlung heruntergeholt in die physische Welt. Durch den anthroposophischen Zweig werden die Gedanken und Empfindungen der Anthroposophengruppe hinauferhoben in die übersinnliche Welt. Und wenn in der richtigen Gesinnung erlebt wird der anthroposophische Inhalt von einer Menschengruppe, wobei Menschenseele an Menschenseele erwacht, wird tatsächlich diese Menschenseele erhoben zur Geistgemeinschaft. Nur handelt es sich darum, daß dieses Bewußtsein wirklich vorhanden ist. Wenn dieses Bewußtsein vorhanden ist und solche Gruppen in der Anthroposophischen Gesellschaft auftreten, dann ist in diesem, wenn ich so sagen darf, umgekehrten Kultus, in dem andern Pol des Kultus, etwas Gemeinschaftsbildendes im eminentesten Sinne vorhanden. Man möchte sagen, wenn man bildlich sprechen will: Die Kultgemeinde versucht die Engel des Himmels zu veranlassen, herunterzugehen in den Kultraum, damit sie unter den Menschen seien. Die anthroposophische Gemeinde versucht, die Menschenseelen zu erheben in die übersinnliche Welt, damit sie unter die Engel kommen. Das ist in beiden das gemeinschaftsbildende Element.
[ 30 ] Now, if this (as it is depicted) is the level at which the supersensible world is separated from the sensible world, then in the ritual we have the processes and essences of the higher world (above); we have projected them down into the physical world through the ritual, the ritual word, and the ritual action (below). When we have an anthroposophical branch, we have that which is experienced in the physical world within the anthroposophical group raised up into the spiritual world through the power of true idealism, which becomes spiritual. Through the ritual, the supersensible is brought down into the physical world in word and deed. Through the Anthroposophical Branch, the thoughts and feelings of the Anthroposophical group are raised up into the supersensible world. And when the Anthroposophical content is experienced by a group of people in the right spirit—whereby one human soul awakens another—this human soul is indeed elevated to a spiritual community. The point, however, is that this consciousness must truly exist. If this consciousness exists and such groups emerge within the Anthroposophical Society, then in this—if I may put it this way—reversed form of worship, at the other pole of worship, there is something that fosters community in the most eminent sense. One might say, to speak figuratively: The religious congregation seeks to induce the angels of heaven to descend into the place of worship so that they may be among the people. The anthroposophical community seeks to elevate human souls into the supersensible world so that they may come among the angels. This is the community-building element in both.
[ 31 ] Aber wenn Anthroposophie dem Menschen etwas sein soll, was wirklich in die übersinnliche Welt führt, dann darf sie nicht Theorie, nicht Abstraktion sein. Dann darf man nicht bloß von geistigen Wesen reden, sondern man muß die nächsten, die unmittelbarsten Gelegenheiten aufsuchen, um mit geistigen Wesen zusammenzusein. Die Arbeit einer anthroposophischen Gruppe besteht nicht bloß darin, daß eine Anzahl von Menschen über anthroposophische Ideen reden, sondern daß sie sich als Menschen so vereinigt fühlen, daß Menschenseele an Menschenseele erwacht und die Menschen hinaufversetzt werden in die geistige Welt, so daß sie wirklich unter geistigen Wesen sind, wenn auch vielleicht ohne Schauen. Auch wenn das in der Anschauung nicht da ist, im Erleben kann es da sein. Und das ist dann das Stärkende, das Kräftigende, das aus den Gruppen hervorgehen kann, die mit richtiger Gemeinschaftsbildung eben entstanden sind innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft. Es ist eben notwendig, daß das, was in vieler Beziehung doch vorhanden ist in der Anthroposophischen Gesellschaft, allgemeiner werde; und das ist es, was die in den letzten Jahren Eintretenden dann nicht gefunden haben. Sie haben eigentlich das gesucht, haben es aber nicht gefunden. Sie haben höchstens gefunden: Ja, wenn du richtiger Anthroposoph sein willst, dann mußt du an den Atherleib und an die Wiederverkörperung glauben und so weiter.
[ 31 ] But if anthroposophy is to be something that truly leads human beings into the supersensible world, then it must not be mere theory or abstraction. Then one must not merely speak of spiritual beings, but must seek out the nearest, most immediate opportunities to be in the presence of spiritual beings. The work of an anthroposophical group does not consist merely in a number of people discussing anthroposophical ideas, but in their feeling so united as human beings that one human soul awakens within another, and people are lifted up into the spiritual world, so that they are truly among spiritual beings, even if perhaps without seeing them. Even if this is not present in perception, it can be present in experience. And that is what is strengthening and invigorating—what can emerge from the groups that have arisen through genuine community-building within the Anthroposophical Society. It is indeed necessary that what already exists in many respects within the Anthroposophical Society become more widespread; and that is precisely what those who have joined in recent years have not found. They were actually looking for it, but did not find it. At most, they found: “Yes, if you want to be a true anthroposophist, then you must believe in the etheric body and reincarnation, and so on.”
[ 32 ] Ich habe es oft betont: Man kann ein Buch wie zum Beispiel meine «Theosophie» auf zweifache Weise lesen. Man kann so lesen, daß man da liest: Der Mensch besteht aus physischem Leib, Ätherleib, Astralleib und so weiter, der Mensch hat wiederholte Erdenleben, Karma, das heißt, man nimmt Begriffe auf. Gewiß, das sind andere Begriffe als auf einem andern Felde, aber der geistige Prozeß, der sich abspielt, ist unter Umständen genau derselbe, wie wenn man ein Kochbuch liest. Denn gerade das habe ich ja oft gesagt, es handelt sich um den geistigen Prozeß, nicht um die Aufnahme von Ideen. Es ist ganz einerlei, ob Sie lesen, Sie sollen Butter in eine Pfanne gießen, Mehl hineintun, das durcheinanderrühren, Eier hineinschlagen, oder ob Sie lesen: Es gibt physischen Stoff, ätherische Kräfte, astralische Kräfte, die sind da durcheinandergemischt. Es ist ganz einerlei als Seelenprozeß, ganz einerlei, ob Sie Butter, Fett, Eier, Mehl auf irgendeinem Kochherde zusammengemischt haben oder ob Sie für die Menschenwesenheit physischen Leib, Atherleib, Astralleib zusammengemischt sich vorstellen. Man kann aber auch die «Theosophie» so lesen, daß man weiß: In ihr sind Begriffe enthalten, die sich zu der gewöhnlichen Begriffswelt des Physischen so verhalten wie die Begriffswelt des Physischen zur Traumwelt. Sie gehören einer Welt an, in die man ebenso aus der gewöhnlichen physischen hinein erwachen muß, wie man aus der Traumwelt in die physische Welt erwacht. Es ist die Gesinnung, mit der man liest, die dann das richtige Kolorit den Dingen gibt. Und diese Gesinnung wird eben für den Menschen der Gegenwart, durch verschiedene Mittel natürlich, lebendig. Die andern, die der Mensch für sich ausmachen kann, sind ja alle beschrieben in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Aber für den modernen Menschen ist eben auch noch die Durchgangsphase, ganz abgegrenzt von der Anschauung der höheren Welt, notwendig: daß er erwachen kann an dem SeelischGeistigen des andern Menschen zu dem Hineinleben in die geistige Welt, wie er erwacht aus dem Traumleben durch Licht und Geräusch und so weiter in die physische Welt herein.
[ 32 ] I have often emphasized this: A book such as my *Theosophy*, for example, can be read in two ways. One can read it in such a way that one reads: “Human beings consist of a physical body, an etheric body, an astral body, and so on; human beings have repeated earthly lives and karma”—in other words, you absorb concepts. Certainly, these are different concepts than those in another field, but the mental process that takes place is, under certain circumstances, exactly the same as when you read a cookbook. For that is precisely what I have often said: it is a matter of the mental process, not the absorption of ideas. It makes no difference at all whether you read that you should pour butter into a pan, add flour, stir it all together, and crack eggs into it, or whether you read: There is physical matter, etheric forces, and astral forces—they are all mixed together. As a soul process, it makes no difference at all whether you have mixed together butter, fat, eggs, and flour on some kind of stove, or whether you have a mental image of the human being as a mixture of physical body, etheric body, and astral body. But one can also read “Theosophy” in such a way that one knows: it contains concepts that relate to the ordinary conceptual world of the physical just as the conceptual world of the physical relates to the world of dreams. They belong to a world into which one must awaken from the ordinary physical world, just as one awakens from the world of dreams into the physical world. It is the attitude with which one reads that then gives things their proper context. And this attitude comes alive for people today—through various means, of course. The others, which a person can discover for themselves, are all described in *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?*. But for modern people, a transitional phase—completely distinct from the perception of the higher world—is also necessary: that they may awaken, through the soul-spiritual nature of another human being, to a life within the spiritual world, just as they awaken from the dream state through light, sound, and so on, into the physical world.
[ 33 ] Dafür muß man sich Verständnis erringen. Es ist notwendig, Verständnis zu erringen für das, was Anthroposophie in der Anthroposophischen Gesellschaft sein soll: Ein Geistesweg soll sie sein. Dann findet sich auch die Gemeinschaftsbildung, wenn sie ein Geistesweg ist. Aber esmuß wirklich Anthroposophie ins Leben hinein. Das ist ein Bedürfnis, meine lieben Freunde. Daß es ein Bedürfnis ist, ich kann es Ihnen an einem ganz naheliegenden Beispiel veranschaulichen. Nachdem wir viele kleinere Versammlungen im kleinsten und im größeren Kreise in Stuttgart hatten, wo viel verhandelt worden ist über das, was man nun tun soll für die Konsolidierung der Anthroposophischen Gesellschaft, war ich auch einmal - es war nicht jeneVersammlung, von der ich Ihnen gestern erzählte, die war erst später, sondern früher, es war aber auch in der Nacht - zusammen mit der Jugend. Es war akademische Jugend. Ja da redete man nun auch zunächst darüber, wie man es am besten macht, damit die Gesellschaft die richtige Form bekommt, damit alles richtig getan wird und so weiter. Aber nach einiger Zeit war das Gespräch abgeglitten zu dem Anthroposophischen selber. Man war mitten drinnen, weil die Studenten und Studentinnen das Bedürfnis hatten, zu fragen: Wie soll man in der Zukunft studieren, wie soll man seine Doktorarbeiten machen und so weiter? -— Das konnte man nicht äußerlich beantworten, sondern da mußte man durchaus in die Anthroposophie hineinsegeln. Das heißt, man fing an mit dem Philiströsen und kam gleich in das Anthroposophische hinein in seiner Anwendung: Wie macht man, wenn man Anthroposoph ist, eine Doktordissertation? Wie studiert man, wenn man Anthroposoph ist, Chemie und so weiter? Also es erwies sich die Anthroposophie dadurch als lebensfähig, daß ein Gespräch von selber in sie hineinlief.
[ 33 ] To achieve this, we must gain an understanding. It is necessary to gain an understanding of what anthroposophy is meant to be within the Anthroposophical Society: it is meant to be a spiritual path. Then, if it is a spiritual path, community-building will naturally follow. But anthroposophy really must be brought into life. That is a necessity, my dear friends. I can illustrate to you that it is a necessity using a very obvious example. After we had held many smaller gatherings in both small and larger groups in Stuttgart, where much was discussed about what should now be done to consolidate the Anthroposophical Society, I was also once—it wasn’t that gathering I told you about yesterday, which took place later, but earlier, though it was also at night—together with the young people. They were university students. At first, we talked about how best to ensure the Society takes the right form, that everything is done correctly, and so on. But after a while, the conversation drifted toward anthroposophy itself. We were right in the thick of it, because the students felt the need to ask: How should we study in the future? How should we write our doctoral dissertations, and so on? — You couldn’t answer that from an external perspective; instead, you had to delve right into anthroposophy. That is to say, we started with the philistine aspects and immediately moved into the practical application of anthroposophy: How does one write a doctoral dissertation as an anthroposophist? How does one study chemistry and so on as an anthroposophist? So anthroposophy proved its viability in that a conversation naturally led into it.
[ 34 ] Das ist es eben, daß Anthroposophie nicht bloß als Abstraktion da sein soll. Man kann natürlich die Sache so einrichten, daß man irgendwo Menschen zu einer Versammlung zusammenruft, welche zu beraten hat: Wie soll man die Gesellschaft konstituieren und so weiter, und dann setzt man als zweiten Programmpunkt ein Gespräch über Anthroposophie. Das ist äußerlich entwickelt. So äußerlich meine ich das nicht, sondern ganz innerlich, daß man eben einfach aus den alltäglichsten Bedürfnissen dazu kommt: Man muß die Geschichte anthroposophisch einrichten. Gerade daß so etwas sich zeigte, daß man über die Konstitution der Anthroposophischen Gesellschaft sprach und dazu kam - ganz notwendig durch innere organische Entwickelung -, auseinandersetzen zu müssen, wie sich derjenige die Embryonalentwickelung vorzustellen hat, der heute ein wissenschaftlicher Philister ist, und derjenige, der Anthroposoph ist, daran sieht man dieses Lebensimpulsierende der Anthroposophie. Das muß eben hinein, nicht eine doppelte Buchführung, wo man auf der einen Seite philiströs «Anthroposophische Gesellschaft» und «Bund für freies Geistesleben» und so weiter einrichtet, sondern wo wirklich das Lebendige geschieht, ohne daß man Abstraktling und Theoretiker wird, ohne daß man an den Haaren herbeizieht das Anthroposophische und immer sagt: Im Anthroposophischen muß Mensch zu Mensch sich finden und so weiter. - Diese Abstraktionen dürfen natürlich nicht eine Rolle spielen, sondern es muß das konkret Anthroposophische hineinführen in dasjenige, um was es sich handelt. Meistens sagt man dann gar nicht: Das ist anthroposophisch oder nicht anthroposophisch, sondern meistens spricht man dann das Wort Anthroposophie gar nicht aus. Das ist auch etwas, was schon notwendig ist, daß man die Sache nicht ins Wortfanatische hineinbringt.
[ 34 ] That is precisely the point: anthroposophy should not merely exist as an abstraction. Of course, one could organize things so that people are called together for a meeting to discuss how to establish the society and so on, and then include a discussion of anthroposophy as the second item on the agenda. That is an external development. I don’t mean that in an external sense, but rather in a deeply inner sense—that one simply arrives at this from the most everyday needs: one must organize history in an anthroposophical way. Precisely the fact that something like this came to light—that people spoke about the constitution of the Anthroposophical Society and, as a result—entirely out of necessity through inner, organic development—had to grapple with how one who is today a scientific philistine and one who is an anthroposophist should form a mental image of embryonic development—in this one sees the life-giving impulse of anthroposophy. That is precisely what must be incorporated—not a system of double standards, where on the one hand one philistinely establishes the “Anthroposophical Society” and the “League for a Free Spiritual Life” and so on, but where the living process actually takes place, without becoming an abstract thinker or a theorist, without grasping at straws to justify the anthroposophical and always saying: “In anthroposophy, people must find one another,” and so on. — These abstractions must not, of course, play a role; rather, the concrete essence of anthroposophy must be woven into the very heart of the matter at hand. Most of the time, people don’t even say, “This is anthroposophical or not anthroposophical”; rather, they usually don’t even utter the word “anthroposophy” at all. This, too, is something that is necessary—to ensure that the matter does not descend into a fanaticism over words.
[ 35 ] Sehen Sie, meine lieben Freunde, es war keine Außerlichkeit: Ich habe zwölf Vorträge gehalten beim letzten Wiener Kongreß über die verschiedensten Themata und hatte mir zur Aufgabe gestellt, während dieser zwölf Vorträge niemals das Wort «Anthroposophie» auszusprechen. Es ist gelungen! Sie werden in den zwölf Vorträgen in Wien im Juni nirgends das Wort «Anthroposophie» oder «anthroposophisch» finden. Es ist gelungen. Man kann ja schließlich auch einen andern Menschen kennenlernen, ohne daß man sich dafür interessiert, ob er Müller heißt oder Kommerzienrat oder dergleichen ist; man nimmt ihn einfach so, wie er ist. Wenn man die Anthroposophie nimmt, so wie sie lebendig ist, ohne auf ihren Namen viel zu achten, dann ist es heute sogar am besten.
[ 35 ] You see, my dear friends, it was no mere pretense: I gave twelve lectures at the last Vienna Congress on a wide variety of topics, and I had set myself the task of never uttering the word “anthroposophy” during those twelve lectures. I succeeded! Nowhere in the twelve lectures I gave in Vienna in June will you find the word “anthroposophy” or “anthroposophical.” I succeeded. After all, one can get to know another person without caring whether their name is Müller or whether they are a Kommerzienrat or the like; one simply accepts them as they are. If one approaches anthroposophy as it is lived, without paying too much attention to its name, then that is actually the best approach today.
[ 36 ] Nun, ich will über diese Dinge morgen weiter sprechen, und dann auch noch etwas, was einem Berichte ähnlich sein soll, Ihnen vortragen.
[ 36 ] Well, I’d like to continue discussing these matters tomorrow, and then also present to you something that is supposed to be similar to a report.
