Die Geschichte und die Bedingungen der anthroposophischen Bewegung
im Verhältnis zur Anthroposophischen Gesellschaft
Eine Anregung zur Selbstbesinnung
GA 258
17 Juni 1923, Dornach
Achter Vortrag
[ 1 ] Wir werden heute zu einer Art von Abschluß unserer Betrachtungen kommen müssen, und der wird, wie es eigentlich selbstverständlich ist und auch gestern schon erwähnt worden ist, davon handeln müssen, was sich nun als die notwendige Konsequenz ergibt für das Handeln der Anthroposophischen Gesellschaft in die Zukunft hinein. Machen wir uns, um dieses Handeln etwas charakterisieren zu können, doch nur einmal klar, wie Anthroposophie herausgewachsen ist aus der ganzen Zivilisation der neueren Zeit.
[ 2 ] Sie werden gesehen haben aus den Betrachtungen, die wir acht Tage hindurch gepflogen haben, wie gewissermaßen das Publikum für die Anthroposophie zunächst innerhalb derjenigen Kreise gesucht werden mußte, die einen starken Anstoß bekommen haben nach der Richtung zu einer geistigen Vertiefung hin. Dieser Anstoß kam von den verschiedensten Seiten her. Aber hier war es nötig zunächst nur, den hauptsächlichsten Anstoß für die heimatlosen Seelen zu suchen bei dem, was durch Blavatsky, ich möchte sagen, als Rätsel der neuesten Zeit aufgegeben worden ist.
[ 3 ] Nun, das haben wir ja betrachtet. Aber wenn wir so auch für die Anthroposophische Gesellschaft bis zu diesem Anstoß zurückgehen müssen, so muß sich uns auf der anderen Seite auch ergeben haben, wie für die Anthroposophie selbst ein solcher Anstoß oder gerade dieser Anstoß nicht das Wesentliche war. Denn Anthroposophie selbst geht zu anderen Quellen zurück. Wenn auch gerade, weil in der geschilderten Art ihr Publikum sich ergeben hat, selbst in der Ausdrucksform für das anthroposophische Weisheitsgut im Beginne Worte gebraucht worden sind, die diesen heimatlosen Seelen von jener Seite her, die mit Blavatsky zusammenhängt, geläufig waren, so waren das eben doch Ausdrucksformen. Wenn Sie in die ersten Schriften von mir selbst zurückgehen, «Das Christentum als mystische Tatsache», «Die Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens», so werden Sie sehen, daß diese Schriften eigentlich in keiner Weise zurückführen zu irgend etwas, was von Blavatskys Seite her oder überhaupt von jener Seite her gekommen ist, mit Ausnahme eben der Tatsache, daß die Ausdrucksform zunächst so gewählt worden ist, daß ein Verständnis erzielt werden konnte.
[ 4 ] Also man muß unterscheiden zwischen demjenigen, was als eigentliche Geistessubstanz durch die anthroposophische Bewegung geflossen ist, und demjenigen, was zunächst aus den Zeitverhältnissen heraus die Ausdrucksform sein mußte. Daß auf diesem Gebiete Irrtümer entstehen können, das rührt nur davon her, daß die Menschen in der Gegenwart so wenig geneigt sind, von der äußeren Ausdrucksform aus zurückzugehen zu dem, was eigentlich das Wesen der Sache ist. Anthroposophie führt in gerader Linie zurück zu demjenigen, was, allerdings auf philosophische Art, angeschlagen ist in meiner «Philosophie der Freiheit», was angeschlagen ist in meinen Goetheschriften der achtziger Jahre. Wenn Sie das nehmen, was dort in diesen Goetheschriften und in der «Philosophie der Freiheit» als Hauptsächlichstes angeschlagen ist, so ist es dies, daß der Mensch im Innersten seines Wesens in Verbindung ist mit einer geistigen Welt, daß er also dann, wenn er nur tief genug in sein eigenes Wesen zurücksieht, auf etwas kommt in seinem Innern, zu dem die gebräuchliche, die damals und heute noch gebräuchliche Naturwissenschaft nicht vordringen kann, das nur betrachtet werden darf als unmittelbares Glied einer geistigen Weltordnung.
[ 5 ] Daß gegenüber der ungeheuren, ich möchte sagen, geistigen Sprachverwirrung, die schon einmal diese neuere Zivilisation für alle Länder hervorgebracht hat, manchmal zu Ausdrücken die Zuflucht genommen werden mußte, die paradox klangen, das sollte man eigentlich als eine Notwendigkeit einsehen. So habe ich durch die Goetheschriften, ich möchte sagen, hindurchschimmern lassen, daß es nötig ist, wenn man von der Betrachtung der Welt zu der Betrachtung des Göttlich-Geistigen aufsteigt, eine Modifikation des Begriffes der Liebe vorzunehmen. Ich habe schon in den Goetheschriften angedeutet, daß die Gottheit so vorzustellen ist, daß sie in unendlicher Liebe in das Dasein ausgeflossen ist und in jedem einzelnen Wesen nun gesucht werden müsse, was etwas ganz anderes gibt als einen verschwommenen Pantheismus. Nun war gar nicht in jener Zeit die Möglichkeit vorhanden, irgendwie, sagen wir, einen philosophischen Anknüpfungspunkt zu gewinnen. Denn so leicht es gewesen wäre, dann mit einer solch spirituellen Weltanschauung durchzudringen, wenn das Zeitalter philosophische Begriffe gehabt hätte, an die hätte angeknüpft werden können, so schwer war es gegenüber dem, was dazumal mehr oder weniger als ein aufgewärmter Kantianismus in der Philosophie da war, irgendeinen Anknüpfungspunkt zu gewinnen. Daher war es notwendig, diesen Anknüpfungspunkt bei einem reicheren, intensiveren Leben zu suchen, bei einem Geistesleben, das eben innerlich, ich möchte sagen, mit spiritueller Substanz durchtränkt ist.
[ 6 ] Ein solches Geistesleben war eben dasjenige, was in der Erscheinung Goethes einem entgegentrat. Daher konnte ich, als ich die Ideen, die in Betracht kommen, zuerst zu veröffentlichen hatte, nicht etwa mit einer Erkenntnistheorie an dasjenige anknüpfen, was dazumal in der Zeitzivilisation war, sondern es mußte an die Goethesche Weltanschauung angeknüpft werden, und mit Hilfe der Goetheschen Weltanschauung konnte der erste Schritt hinein in die geistige Welt gemacht werden.
[ 7 ] Bei Goethe öffnen sich in einer gewissen Beziehung zwei Tore in die geistige Welt hinein, die, man möchte sagen, bis zu einem gewissen Grade den Zugang ergeben. Das eine Tor wird gefunden da, wo eine Betrachtung von Goethes naturwissenschaftlichen Schriften einsetzt. Denn mit dieser naturwissenschaftlichen Anschauung, die Goethe ausgearbeitet hat, hat er innerhalb der Pflanzenwelt dasjenige überwunden, woran eigentlich die ganze neuere Naturwissenschaft noch immer krankt. Ihm gelang es, bewegliche, lebendige Ideen an die Stelle der toten Ideen für die Betrachtung der Pflanzenwelt zu setzen. Wenn Goethe auch mit seiner Metamorphosenlehre dem Tierreiche gegenüber gescheitert ist, war es doch immerhin noch möglich, darauf hinzuweisen, daß eine ähnliche, nur gesteigerte, von Goethe noch nicht ausgebildete Betrachtungsweise auch für das Tierreich einsetzen könne. Ich habe in meiner «Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung» versucht zu zeigen, wie man bis zu der Geschichte, bis zum geschichtlichen Leben herauf, zunächst skizzenhaft hat dringen können mit dem, was da an lebendigmachenden Ideen entstanden ist. Das war das eine Tor.
[ 8 ] Nun gibt es bei Goethe keine gradlinige Fortsetzung in die wirkliche geistige Welt hinein von diesem Ausgangspunkte aus, sondern man kann von diesem Ausgangspunkte aus gewissermaßen nur bis zu einem bestimmten Niveau hin arbeiten. Dann hat man während dieses Arbeitens das Gefühl: man ergreift die sinnliche Welt auf eine geistige Art. Indem man die Goethesche Methode anwender, bewegt man sich eigentlich in einem geistigen Elemente. Wenn man auch diese Methode auf die sinnliche Pflanzenwelt oder auf die sinnliche Tierwelt anwendet, man ergreift mit dieser Methode dasjenige, was als Geistiges in der Pflanze, in der Tierwelt lebt und webt.
[ 9 ] Aber Goethe hat auch noch ein anderes Tor in Aussicht genommen. Das trat am stärksten hervor dann, wenn man einsetzte bei etwas, was Goethe nur in der Lage war, bildhaft, man möchte sagen, halb symbolisch anzudeuten: bei seinem «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie», durch das er darstellen wollte, wie Geistiges, Spirituelles im Werden der Welt tätig ist, wie die einzelnen Sphären des Wahren, des Schönen, des Guten zusammenwirken und wie wirkliche geistige Wesenheiten ergriffen werden müssen, nicht bloße abstrakte Begriffe, wenn man zu einer Betrachtung des wirklichen geistigen Lebens kommen wollte.
[ 10 ] Es war also die Möglichkeit vorhanden, zunächst an diesem Punkte der Goetheschen Weltanschauung anzuknüpfen. Aber dann ergab sich erst recht eine gewisse Notwendigkeit. Denn, was ja vor allen Dingen heute dem Menschen vor Augen tritt, wenn es sich um eine Weltanschauung für die heimatlosen Seelen handelt, das ist das Moralisch-Ethische, das sittliche Leben. In jenen alten Zeiten, in denen die Menschen mit einem ursprünglichen Hellsehen zu der Anschauung des Göttlich-Geistigen sich erhoben, war es eine Selbstverständlichkeit, daß von diesem Göttlich-Geistigen, zu dessen Anschauung man sich erheben konnte, auch die sittlichen Impulse herkamen. Wenn wir in sehr alte Zeiten der Menschheitsentwickelung zurückschauen, dann stellt sich die Sache so dar, daß der Mensch in seinem ursprünglichen primitiven Hellsehen, sagen wir in der guten alten Zeit, bei seinem Aufschauen zu dem GöttlichGeistigen, zu den wesenhaften Kräften emporblickte, welche die Naturerscheinungen regeln. Und in den Naturerscheinungen, in Wind- und Wetterwirkungen, in Erdenwirkungen, in mechanischen Wirkungen konnte dieser Mensch einer ursprünglichen Zeit die Fortsetzung dessen sehen, was er an Göttlich-Geistigem wahrnahm. Aber er konnte zu gleicher Zeit von diesem Göttlich-Geistigen die Impulse für sein Handeln empfangen. Das ist ja das Eigentümliche der alten Weltanschauungen, die noch mit dem primitiven Hellsehen zusammenhingen, daß, sagen wir mit Bezug auf die altägyptische Zeit, die Menschen hinaufgesehen haben zu den Sternen, um die Erdenwirkungen zu erkennen; selbst um für ihr Bedürfnis die Überschwemmungsverhältnisse des Nils zu erkennen. Aus dem Gang der Sterne, aus der Gesetzmäßigkeit der Sterne haben sie dasjenige hergeleitet, was sie für die Erdenwelt in ihrer Naturordnung interessiert hat. Aber in derselben Weise haben diese Menschen dasjenige, wenn ich mich so ausdrücken darf, berechnet, was sittliche Impulse werden sollten. Aus der Sternenbeobachtung wurden auch die sittlichen Impulse geholt.
[ 11 ] Sehen wir dann, wie die Lage in der neueren Zeit geworden ist, so müssen wir sagen: Sternenbeobachtung wird nur noch in mathematischer Beziehung gemacht, wobei nichts anderes zustande kommt, als daß man die irdische Mathematik hinaufträgt in den Sternenhimmel. Und auf der Erde werden sogenannte Naturgesetze gesucht und gefunden. Diese Naturgesetze, die auch schon Goethe gefunden hat, die er dann in lebendige Ideen umgestaltet hat, haben, sobald es sich um Weltanschauungen handelt, eine gewisse Eigentümlichkeit, und diese Eigentümlichkeit ist diese, daß der Mensch von der Welt ausgeschaltet wird, wenn er sich an die Naturgesetze halten soll, daß der Mensch mit seinem ureigensten Wesen nicht mehr in der Welt drinnensteht.
[ 12 ] Wenn Sie sich das graphisch vorstellen, wie das in den alten Weltanschauungen war, so war auf der einen Seite das GöttlichGeistige (rot). Das Göttlich-Geistige drang in die Naturerscheinungen. Es wurden Gesetze für die Naturerscheinungen gefunden. Die aber erkannte man als etwas, was eine Art Reflex war des göttlich-geistigen Wirkens in der Natur (gelb). Außerdem war der Mensch da (hell). In den Menschen strahlte dasselbe Göttlich-Geistige hinein (rot). Da stand der Mensch innerhalb der Weltenordnung drinnen. Er bekam sozusagen seinen Substanzgehalt von dem Göttlich-Geistigen, von dem die Natur diesen Substanzgehalt bekam. Was trat ein? Man muß das, was eigentlich eingetreten ist, nur in vollem Ernst betrachten. Das trat ein, daß gewissermaßen durch die Naturwissenschaft der Zusammenhang der Natur mit dem Göttlichen gestrichen worden ist. Weg ist das Göttliche von der Natur, und in der Natur selbst werden die Reflexe des Göttlichen als Naturgesetze konstatiert, und man redet von Naturgesetzen.
[ 13 ] Den Alten waren diese Naturgesetze Gottesgedanken. Den Neueren sind sie noch immer Gedanken, denn man muß sie ja mit Gedanken fassen. Aber das soll sich in irgendeiner Weise aufklären in den Naturerscheinungen, die in dem darinnen liegen, was die Naturgesetze sind. Von einem Gesetz der Schwere, von Brechungsgesetzen des Lichtes, von allen solchen schönen Dingen redet man nun. Aber das hat gar keinen Boden, beziehungsweise keine Höhe, weil es nur einen Sinn hat, von all diesen Gesetzen zu ‚ reden, wenn man von ihnen reden kann als von Reflexen des göttlich-geistigen Wirkens in der Natur.
[ 14 ] Das ist es, was der tiefere Mensch, die heimatlose Seele bei allem heutigen Reden über die Natur fühlt. Sie fühlt, daß diejenigen, die über die Natur reden, mit den Goetheschen Worten belegt werden müssen, oder eigentlich mit den mephistophelischen: spottet ihrer selbst und weiß nicht wie. Man redet von Naturgesetzen, aber diese Naturgesetze sind dasjenige, was von den Anschauungen der Alten übrig geblieben ist. Nur hatten die Anschauungen der Alten noch zu diesen Naturgesetzen dasjenige dazu, was diese Naturgesetze möglich machte.
[ 15 ] Denken Sie sich einmal, Sie haben einen Rosenstrauch. Sie können immer wieder Rosen auf dem Rosenstrauch haben. Wenn die alten abdorren, wachsen neue. Wenn Sie aber die Rosen abpflücken und den Rosenstrauch zugrunde gehen lassen, können Sie nicht immer neue Rosen haben. So aber ist es mit der Naturwissenschaft geschehen. Es war ein Rosenstrauch da. Seine Wurzeln waren in der Gottheit. Die Gesetze, die man in der Natur fand, waren die einzelnen Rosen. Diese Gesetze hat man gepflückt. Die Rosen hat man geptlückt. Den Rosenstrauch hat man verdorren lassen. So haben wir jetzt in den Naturgesetzen etwas, was da ist wie die Rosen ohne Rosenstrauch. Davon haben die Menschen nichts. Sie ahnen nichts in dem Kopfe, auf den so viel in der neueren Zeit gegeben wird. Aber die Menschen, die da heimatlose Seelen sind, ahnen davon sehr viel in ihren Herzen, denn sie können mit den Naturgesetzen nichts anfangen. Sie fühlen: Diese Naturgesetze verdorren, wenn man sich als Mensch ihnen gegenüberstellen will.
[ 16 ] So steht die moderne Menschheit, insofern sie fühlen kann, insofern sie ein Herz im Leibe hat, unbewußt unter dem Eindrucke: Da wird uns über die Natur etwas gesagt, was uns verdorrt und was uns als Menschen sogar verdorren macht. Die Menschheit wird nun durch furchtbaren Autoritätsglauben gezwungen, dieses als die reine Wahrheit aufzunehmen. Während sie mit dem Herzen fühlt, daß die Rosen verdorren, wird sie gezwungen zu dem Glauben, daß diese Rosen die ewigen Weltwesenheiten sind. Man redet von den ewigen Weltgesetzen. Die Erscheinungen gehen vorüber, die Gesetze aber bleiben immer da. Weil dasjenige, was der Mensch aus sich selber heraus als sein Selbstbewußtsein gestalten will, Anthroposophie ist, so ist die Naturwissenschaft Anti-Anthroposophie.
[ 17 ] Sehen wir noch nach der anderen Seite, nach der ethisch-moralischen Seite hin. Aus demselben Quell der Gottheit kamen die sittlich-moralischen Impulse. Aber geradeso, wie man die Naturgesetze zu verdorrenden Rosen macht, so machte man die sittlichen Impulse zu verdorrenden Rosen. Die Wurzel war überall weg, und so schwirrten die sittlichen Impulse als Sittengebote, deren Einwurzelung man nicht kannte, in der Zivilisation umher. Den Menschen war nichts anderes möglich, als zu empfinden: die sittlichen Gebote sind da. Aber der göttliche Ursprung war nicht da, und jetzt entstand die notwendige Frage: Wohin soll es denn kommen, wenn die Sittengebote nicht befolgt werden? Es kommt zum Chaos, zur Anarchie in der menschlichen Sozietät.
[ 18 ] Aber auf der anderen Seite steht das: Wie wirken denn diese Gebote? Wo wurzeln sie? Man fühlte auch da das Verdorrende. Das wurde die große Frage, das wurde die Frage, die sich aus dem Goetheanismus ergab, aber innerhalb des Goetheanismus selber nicht beantwortet werden konnte. Goethe setzte, ich möchte sagen, zwei Ausgangspunkte hin, die sich zwar konvergierend gegeneinanderbewegten, aber nicht zusammenkamen. Dasjenige, was notwendig ist, notwendig war, das ist die Philosophie der Freiheit.
[ 19 ] Es mußte gezeigt werden, wo im Menschen selber das Göttliche lebt, in dem er sowohl die Geistigkeit der Natur wie namentlich die Geistigkeit der Moralgesetze gründen kann. Das führte zu dem Intuitismus der Philosophie der Freiheit, zu dem, was die Leute ethischen Individualismus nannten. Ethischen Individualismus aus dem Grunde, weil in jedem einzelnen menschlichen Individuum der Quell für die sittlichen Impulse in jenem Göttlichen nachgewiesen werden mußte, womit der Mensch im Innersten seines Wesens zusammenhängt. Nachdem das Zeitalter eingetreten war, wo man auf der einen Seite für die Naturgesetze, auf der anderen Seite für die Moralgebote die Lebendigkeit verloren hatte, weil man im Äußeren das Göttliche nicht mehr fand — im Zeitalter der Freiheit konnte es nicht anders sein —, war es notwendig, im Menschen — denn der Mensch tritt uns zunächst als Individualität entgegen - dieses Göttlich-Geistige zu finden. Damit war aber eine Weltanschauung gewonnen, die Sie sich nur klarmachen wollen, dann werden Sie sehen, daß in ihrer gradlinigen Fortsetzung dasjenige liegt, was wir heute Anthroposophie nennen.
[ 20 ] Nehmen Sie an — es ist etwas primitiv gezeichnet, aber es mag doch gelten -—, wir haben hier Menschen. Die Menschen hängen in ihrem innersten Wesen mit einem Göttlich-Geistigen zusammen (rot). Dieses Göttlich-Geistige bildet sich zu einer göttlich-geistigen Weltordnung (gelb). Dadurch, daß das Innere aller Menschen in ihrem Zusammenwirken geschaut wird, dringt man nunmehr in das Göttlich-Geistige ein, wie man in alten Zeiten in das Göttlich-Geistige eingedrungen ist, wenn man nach außen geschaut hat und durch das primitive Hellsehen das Göttlich-Geistige in den äußeren Erscheinungen gefunden hat.
[ 21 ] Es handelt sich eben darum, zu dem, was sich auf der einen Seite aus der Goetheschen Weltanschauung ergab und was auf der anderen Seite einfach aus den Notwendigkeiten der menschlichen Entwickelung am Ende des 19. Jahrhunderts sich ergab, zur Spiritualität vorzudringen; nicht auf eine äußerlich materialistische Weise, sondern durch eine wirkliche Erfassung des unmittelbaren Menschenwesens.
[ 22 ] Nun, damit war aber eigentlich, wenn man die Sache dem Leben nach betrachtet, nicht der Theorie nach, Anthroposophie begründet. Denn wenn man meinen würde, die «Philosophie der Freiheit» sei doch noch keine Anthroposophie, muß es einem geradeso vorkommen, wie wenn jemand sagte: Es gab einen Goethe, dieser Goethe hat alle möglichen Werke geschrieben; wir verstehen heute unter Goethe den Schöpfer seiner Werke. - Nun aber erwidert ein anderer: Ja, das ist eine Inkonsequenz, denn es gab 1749 in Frankfurt am Main ein kleines Kind, das war sogar schwarz geboren, und man sagte, es könne nicht leben. Wenn man alles anschaut, was um dieses Kind war, da kann man davon doch nicht logisch alle Goetheschen Werke ableiten. Das ist eine Inkonsequenz. Man muß doch Goethe bis zu seinem Ursprung zurückverfolgen. Seht an, ob ihr da den Faust findet bei dem blauschwarzen Knaben, der da 1749 in Frankfurt am Main geboren ist!
[ 23 ] Nicht wahr, es ist nicht besonders gescheit, wenn man so etwas sagt. Ebensowenig gescheit ist es aber, wenn man sagt, es sei inkonsequent, daß Anthroposophie aus der «Philosophie der Freiheit» hervorgegangen ist. Das schwarze Kind in Frankfurt lebte eben weiter, und aus seinem Leben ging dasjenige hervor, was heute als Goethe in der Weltentwickelung lebt. Die «Philosophie der Freiheit» mußte weiterleben. Dann ging die Anthroposophie aus ihr hervor.
[ 24 ] Denken Sie sich einmal, wenn an Stelle des Lebens ein philosophischer Logiker tritt und sagt, es muß auf logische Weise abgeleitet werden aus dem blauschwarzen Knaben von 1749 dasjenige, was in «Faust», in «Wilhelm Meister» und so weiter ist —, glauben Sie, er würde auf logische Weise etwas ableiten? Nein, er würde Widersprüche konstatieren, ungeheure Widersprüche. Er wird sagen: Das bringe ich nicht in Einklang, was da irgendeiner einmal als «Faust» geschrieben hat, mit dem, was da der blauschwarze Knabe in Frankfurt am Main war, das folgt nicht logisch daraus.
[ 25 ] So sagen diejenigen, die nicht mit dem Leben zu tun haben, sondern mit Schulstaub-Logik: Aus der «Philosophie der Freiheit» folgt logisch nicht die Anthroposophie.
[ 26 ] Wenn es logisch folgen würde, dann hätten Sie nur sehen sollen, wie all die Schulmeister im Jahre 1894 aus der «Philosophie der Freiheit» heraus die Anthroposophie deduziert hätten! Das haben sie hübsch bleiben lassen. Aber hinterher gestehen sie ein, sie können es nicht deduzieren, sie bringen das nicht zusammen, machen das zu einem Widerspruch zwischen dem Späteren und dem Früheren. Man hat eben in der heutigen Zeit gar nicht die Fähigkeit, da, wo man sogenannte Logik, Philosophie und so weiter entwickelt, auf das Leben einzugehen, auf dasjenige, was sprießt und sproßt, was mehr ist, als logischer Pedantismus in ihm sehen kann.
[ 27 ] Nun handelte es sich darum, des weiteren zunächst sich auseinanderzusetzen mit demjenigen, was aus dem unmittelbaren Leben der Gegenwart heraus gewissermaßen nach einer Fortentwickelung der menschlichen Zivilisation aufstrebte.
[ 28 ] Sie wissen, ich habe versucht, zwei bedeutende Erscheinungen herauszuheben, um mich mit denen auseinanderzusetzen. Die erste war Nietzsche. Warum das der Fall sein mußte, das werden Sie aus den bisherigen Betrachtungen gesehen haben, denn in Nietzsche trat eine Persönlichkeit an die Oberfläche der neueren Zivilisationsentwickelung, die hineinwuchs in die Weltanschauungsentwickelung der Gegenwart und die im Gegensatz zu den anderen ehrlich war.
[ 29 ] Was sagten die anderen? Was fand man als allgemeines Urteil, möchte man sagen, in den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts? Im allgemeinen Urteil fand man dieses: Die Naturwissenschaft hat selbstverständlich recht. Die Naturwissenschaft, wie sie besteht, ist die große Autorität. Wir stellen uns auf den Boden der Naturwissenschaft, gucken in die Sterne hinauf. Nun, da war ja schon vorliegend das Gespräch zwischen Napoleon und dem großen Astronomen Laplace. Napoleon konnte nicht begreifen, wie man, wenn man mit Teleskopen nach den Sternen sieht, Gott finden könne. Der Astronom sagte ihm: Ich brauche diese Hypothese nicht. Er brauchte die Hypothese natürlich nicht zum Anblicke des Sternenhimmels mit dem Teleskop. Aber er brauchte sie in demselben Momente, wo er Mensch sein wollte. Aber der Anblick des Sternenhimmels mit dem Teleskop gab eben dem Menschtum nichts, nichts gab er ihm. Der Himmel war voller Sterne, aber voller Sinnensterne, und im übrigen leer.
[ 30 ] Man sah durch die Mikroskope, so weit als man nur sehen kann, bis in die kleinsten Lebewesen, bis in die kleinsten Teile eines Lebewesens und so weiter hinein. Man machte die Mikroskope immer vollkommener und vollkommener. Aber die Seele fand man nicht. Man konnte noch so lange hineingucken ins Mikroskop, von Seele war es leer. Nichts war da von Seele oder Geist. Nicht in den Sternen war etwas da von Seele oder Geist, nicht unter dem Mikroskop war Seele oder Geist zu finden. Und so ging es weiter. Dem sah sich Nietzsche gegenüber. Die anderen, was sagten sie? Man blickt durch das Teleskop in die Sterne, man erblickt dann Sinneswelten, sonst nichts. Aber wir haben ein religiöses Leben, eine Religion, die sagt uns, daß es doch einen Geist gibt. David Friedrich Strauß hat lang gut reden, wenn er die Konsequenz zieht: Wo ist jetzt dieser Geist auf wissenschaftlichem Wege zu finden? Wir bleiben dabei stehen, daß uns in den Schriften, die uns überliefert sind, doch vom Geist gesprochen wird. Wir finden ihn zwar nirgends, aber wir bekennen uns zu ihm, Nirgends findet diesen Geist die Wissenschaft, an die wir verpflichtet sind zu glauben, die deshalb so ist, wie sie ist, weil sie Realität haben will. Wäre sie anders, so hätte sie keine Realität. Also alles, was anders forscht, findet keine Realität! Also wissen wir von der Realität und glauben an dasjenige, was zwar nicht als Realität gefunden wird, wovon uns aber die alten Zeiten erzählen, daß es Realität sein soll.
[ 31 ] Das war es, was eine solche Seele wie die Nietzschesche, die doch ehrlich war, geradezu auseinandertrieb. Nietzsche sagte eines Tages: Da muß ein Strich gemacht werden. Wie machte er das? Er machte das so, daß er sagte: Also nun haben wir die Realität. Die Realität wird erforscht von der Naturwissenschaft. Das andere ist nichts. Das Christentum hat gelehrt, daß der Christus nicht gesucht werden muß in der Realität, die man aufsucht mit Teleskop, Mikroskop. Aber eine andere Realität gibt es nicht. Also gibt es auch keine Berechtigung für das Christentum. Also, sagte Nietzsche, schreibe ich den « Antichrist».
[ 32 ] Wenn man durch Mikroskop und Teleskop schaut, findet man keine sittlichen Impulse. Die Leute nehmen aber die alten sittlichen Impulse als Gebote an, die herumschwirren oder die von den Behörden befohlen werden. Sie sind aber nicht zu finden, wenn man wissenschaftlich forscht. Also wollte Nietzsche sein zweites Buch, nach dem «Antichrist», der das erste Buch sein sollte, in seiner «Umwertung aller Werte» schreiben: als zweites Buch, wo er zeigte, daß alle Ideale eigentlich im Nichts sind, denn in der Realität werden sie nicht gefunden, und daß man sie fahren lassen müsse.
[ 33 ] Und er wollte sein drittes Buch schreiben. Der Moralismus schöpft gewiß nicht aus dem Teleskop und Mikroskop: also begründe ich, sagte Nietzsche, den Immoralismus. Daher hätten die drei ersten Bücher heißen sollen: Umwertung aller Werte, der Antichrist, erstes Buch; der Nihilismus oder die Aufhebung aller Ideale, zweites Buch; der Immoralismus oder Aufhebung der gesamten sittlichen Weltordnung, drittes Buch.
[ 34 ] Das war selbstverständlich etwas Furchtbares, aber es war die letzte ehrliche Konsequenz dessen, was die anderen eigentlich begründet haben. Man muß die Dinge so vor die Seele hinstellen, damit man die inneren Nerven der modernen Zivilisation durchschaut. Damit mußte man sich auseinandersetzen. Es mußte gezeigt werden, in welch ungeheurem Irrtum Nietzsche befangen ist und wie er richtiggestellt werden muß, so daß man überall seinen Ausgangspunkt aufnimmt und zeigt, wie diese Ausgangspunkte in der Tat so gefaßt werden müssen, daß sie nicht ins Nichts, sondern in die Spiritualität hineinführen. Es war also eine notwendige Auseinandersetzung mit Nietzsche da.
[ 35 ] Und ebenso mußte mit dem Haeckelismus eine notwendige Auseinandersetzung gepflogen werden. Dieser Haeckelismus hatte mit einer gewissen Konsequenz verfolgt, was die Naturwissenschaft aus der Entwickelung der Sinneswesen machen kann. Da mußte eben in der Weise angeknüpft werden, wie ich es Ihnen gleich in den allerersten Betrachtungen dargestellt habe. Ich habe es in den ersten anthroposophischen Vorträgen, die ich überhaupt gehalten habe, mit Hilfe des Buches von Topinard getan. Wenn so vorgegangen wurde, dann ergab sich eben im lebendigen Fortschreiten das Hineinkommen in die konkrete spirituelle Welt. Dann ergaben sich die Einzelheiten eben einfach durch weiteres Forschen, durch weiteres Leben mit der spirituellen Welt.
[ 36 ] Ich habe dies alles aus dem Grunde gesagt, um das Folgende zu zeigen: Es muß also, wenn Anthroposophie zurückverfolgt wird, zu Bildern unseres neueren Zivilisationslebens zurückgegangen werden. Wenn man die Anthroposophische Gesellschaft verfolgt, muß sie zurückverfolgt werden mit der Frage: Wo waren die Menschen, die zunächst eine gewisse Anregung gehabt hatten, um Spirituelles zu verstehen? Das waren eben diejenigen Menschen, die diese Anregungen nach dem Wesen ihrer besonderen heimatlosen Seelen von der Blavatsky-Seite her bekommen hatten.
[ 37 ] Dies, was da einfach durch die Zeitverhältnisse im Beginne des 20. Jahrhunderts nebeneinandergegangen ist, Theosophische Gesellschaft und Anthroposophie, das war in der dritten Epoche, die eben ungefähr mit dem Jahre 1914, wie ich es dargestellt habe, begonnen hat, vollständig überwunden. Da war überhaupt nichts mehr von dem da, was eigentlich an die alten Theosophenzeiten erinnerte. Bis in die Ausdrucksformen hinein war eigentlich nichts mehr da. Während ohnedies gleich im Beginne des anthroposophischen Wirkens die Tendenz auftreten mußte, die spirituelle Betrachtung bis zum Mysterium von Golgatha hinzuführen, bis zu der Durchdringung des Christentums, mußte auf der anderen Seite auch die Tendenz auftreten, nun mit den spirituellen Mitteln die Naturwissenschaft zu ergreifen. Nur, ich möchte sagen, die Eroberung jener spirituellen Mittel, durch die man das wahre Christentum vor die Zeit wiederum hinstellen konnte, fällt eben in eine frühere Zeit. Es beginnt schon in der ersten Periode und wird besonders in der zweiten Periode gepflegt.
[ 38 ] Dasjenige, was nach den verschiedenen anderen Seiten wirken sollte, das kam eigentlich gemäß der Darstellung, die ich in den letzten Tagen gegeben habe, erst in der dritten Epoche heraus. Da fanden sich innerhalb der anthroposophischen Bewegung wissenschaftlich Strebende ein. Für diese wissenschaftlich Strebenden ist, damit nicht immer neue und neue Mißverständnisse in die anthroposophische Bewegung hineingebracht werden, eben nötig, gerade für die wissenschaftlich Strebenden ist im eminentesten Sinne nötig, sich ganz und gar mit dem zu durchdringen, was ich gestern und schon heute vormittag hier genannt habe: das Wirken aus dem Zentralen der Anthroposophie heraus. Da ist es wirklich notwendig, daß man sich über diese Dinge klar ist.
[ 39 ] Ich glaube, es war 1908, da habe ich in Nürnberg einmal folgendes gesagt, um eine ganz bestimmte Tatsache zu charakterisieren: Wir haben eine starke wissenschaftliche Entwickelung gegeben durch Experimente, die in der neueren Zeit gemacht worden sind. Die Untersuchungen mit Hilfe der Experimente haben außerordentlich viel zutage gefördert. Die sind überall gut, denn in dem Experimentieren drinnen arbeitet Spiritualität in Form von geistigen Wesenheiten. Meistens, sagte ich dazumal, liegt die Sache so, daß der Gelehrte an den Laboratoriumstisch geht und eigentlich herumhantiert, so wie es schon einmal die Handhabung ergibt, so wie die Methoden es einmechanisiert haben. Dann aber arbeitet außer ihm eine ganze Schar, möchte ich sagen, von geistigen Wesenheiten, die machen die Sache eigentlich, denn derjenige, der am Laboratoriumstisch arbeitet, der liefert nur die Gelegenheiten, daß die Dinge nach und nach herauskommen. Wenn das nämlich nicht der Fall wäre, so wäre die Sache in der neueren Zeit nicht so sonderbar gegangen.
[ 40 ] Denn sehen Sie, wenn irgend jemand auf etwas gestoßen ist, wie zum Beispiel Julius Robert Mayer auf seiner Reise, so hat er das zunächst in außerordentlich abstrakte Formeln gekleidet. Die anderen haben aber nicht einmal das verstanden. Als im Laufe der Zeit Philipp Reis zum Telephon getrieben worden ist, da haben die anderen es wieder nicht verstanden. Es ist eigentlich ein riesiger Abgrund zwischen dem, was heute die Menschen verstehen, und dem, was eigentlich immerfort erexperimentiert wird: weil dem Menschen die spirituellen Impulse gar nicht zur Verfügung stehen.
[ 41 ] Die Sache ist so. Knüpfen wir noch einmal an jenen ausgezeichneten Menschen, den Julius Robert Mayer an, der — heute ist er ja, wie gesagt, ein großer anerkannter Naturforscher -, als er noch das Gymnasium besuchte, immer der letzte war. Als er die Universität Tübingen besuchte, sollte er den Rat erhalten, vor dem Absolvieren abzugehen. Mit Ach und Krach wurde er doch Arzt, ließ sich dann als Schiffsarzt anwerben, machte eine Reise nach Indien mit. Es war ein stürmisches Meer auf dieser Reise, die Schiffsleute wurden krank, und er mußte nach der Ankunft viel zur Ader lassen.
[ 42 ] Nun weiß natürlich der Arzt, daß es zweierlei Adern gibt, Venen und Arterien. Das Arterienblut spritzt rot heraus, das Venenblut spritzt bläulich heraus. Wenn man zur Ader läßt, in die Vene hineinsticht, muß also bläuliches Blut herauskommen. Julius Robert Mayer mußte viel zur Ader lassen. Aber bei allen Schiffsleuten, die da mitgefahren waren, die diese krankmachenden Aufregungen zur See mitgemacht hatten, geschah etwas Sonderbares, wenn er da hineinstach. Donnerwetter, sagte er sich, jetzt habe ich daneben gestochen, denn da spritzt ja rotes Blut aus der Vene heraus, also habe ich eine Arterie getroffen. Jetzt machte er es beim Nächsten wiederum. Er wurde ganz irre an sich selber, denn er glaubte immer, daß er daneben gestochen habe, da sich das immer wiederholt hat. Endlich kam er darauf, daß er doch ganz richtig gestochen habe, nur war unter dem Eindrucke der krankmachenden See aus den Leuten etwas geworden, wodurch das Venenblut allmählich rötlich statt bläulich, also wenigstens annähernd rötlich, annähernd der Farbe des Arterienblutes, herausspritzte.
[ 43 ] So entdeckte unversehens beim Aderlassen der moderne Mensch, der gar keine Anleitung hatte, von Spirituellem aus irgendwelche geistige Zusammenhänge zu suchen, eine gewaltige Tatsache. Aber was sagte er? Der moderne Gelehrte sagte: Jetzt muß ich nachdenken, was da eigentlich geschieht. Da wird Kraft in Wärme und Wärme in Kraft umgewandelt. Das ist dann wie bei der Dampfmaschine. Man heizt, und Bewegung wird hervorgebracht: Arbeit, Arbeit aus Wärme, so auch im Menschen. Und weil der Mensch in eine andere Wärme in der Tropenzone, wohin das Schiff gefahren war, hineingestellt ist, so hat er nicht nötig, jene Umwandelung in blaues Blut vorzunehmen. Es geschieht nach dem Umwandelungsgesetz der Naturkräfte eben die Sache anders. Es sind andere Wärmeverhältnisse im menschlichen Organismus: das Blut wird nicht so blau, sondern es bleibt rot in den Venen.
[ 44 ] Das Gesetz, das heute anerkannt wird, von der Umwandelung der Stoffe, Kräfte, das wird abgeleitet von dieser Beobachtung.
[ 45 ] Denken wir uns einmal, ein ähnliches wäre einem Arzt passiert, sagen wir, nicht im 19. Jahrhundert, sondern, wenn wir die Verhältnisse ungeändert denken würden, meinetwillen im 11. oder 12. Jahrhundert. Dem wäre niemals eingefallen, das mechanische Wärmeäquivalent von dieser konstatierten Tatsache abzuleiten. Er wäre gar nicht darauf gekommen, so etwas Abstraktes an eine solche Erscheinung anzuknüpfen. Sie können sogar noch an spätere Zeiten denken, denn dem Paracelsus wäre das sicher nicht eingefallen, nicht im Schlafe, obwohl Paracelsus im Schlafe natürlich noch viel gescheiter war als manche andere beim Wachen, aber es wäre ihm ganz sicher nicht eingefallen. Der Arzt, der etwa so wie der Paracelsus gewesen wäre — und für das 19. Jahrhundert war Julius Robert Mayer dasselbe, was Paracelsus für sein Zeitalter -, ein hypothetischer Arzt, der, ich nehme jetzt an, meinetwillen im 10., 11., 12. Jahrhundert gewesen wäre, was hätte der gesagt?
[ 46 ] Nun, noch van Helmont redet vom Archäus, von dem, was wir heute den zusammenwirkenden Äther- und Astralleib nennen. Wir müssen es durch Anthroposophie wiederfinden, nachdem diese Ausdrücke vergessen waren. Der Arzt des 12. Jahrhunderts würde gesagt haben: Da haben wir in der gemäßigten Zone innerhalb des Menschen stark ineinanderwirkend rotes und blaues Blut. Kommen wir mit dem Menschen in die heiße Zone, da unterscheidet sich das Venenblut vom Arterienblut nicht mehr so kräftig, da ist das blaue Venenblut gerötet und das rote Arterienblut mehr gebläut. Da unterscheiden sie sich kaum mehr voneinander. Woher rührt denn das? Der Arzt des 11., 12. Jahrhunderts würde gesagt haben - er hätte es dazumal Archäus oder dergleichen genannt, was wir heute astralischen Leib nennen -: Bei dem Menschen der heißen Zone senkt sich der Archäus weniger tief hinein in den physischen Leib als bei dem Menschen der gemäßigten Zone. Der Mensch der gemäßigten Zone wird mehr von seinem astralischen Leibe durchtränkt, dichter durchsetzt, bei dem Menschen der heißen Zone bleibt der astralische Leib mehr draußen, selbst wenn er wacht. Die Folge davon ist, daß diese Differenzierung, die im Blute vom astralischen Leib bewirkt wird, stärker bewirkt wird bei dem Menschen der gemäRigten Zone, weniger stark bewirkt wird bei dem Menschen der heißen Zone. Der Mensch der heißen Zone hat daher seinen Astralleib freier. Das zeigt uns sein undicklicheres Blut. Er lebt also instinktiv in seinem astralischen Leib, weil der freier ist. Er wird also nicht ein mechanistisch denkender Europäer, er wird ein spirituell denkender Inder, der in seiner Zivilisationshochblüte - nicht jetzt, wo die Dekadenz da ist, sondern in seiner Zivilisationshochblüte eine andere, eine spirituelle Zivilisation, eine Veden-Zivilisation haben muß, während der Europäer eine Comtesche oder eine John Stuart Millsche oder Darwinistische Zivilisation haben muß.
[ 47 ] Von dem Aderlaß her wäre der Arzt des 11., 12. Jahrhunderts zu einer solchen Betrachtung des Anthropos gekommen. Er wäre noch hineingesegelt in die Anthroposophie. Er hätte noch den Weg gefunden ins Geistige, ins lebendig Geistige. Julius Robert Mayer, der Paracelsus meinetwillen des 19. Jahrhunderts, fand noch das Gesetz: Aus Nichts wird nichts, also wandeln sich die Kräfte um -, eine abstrakte Formel.
[ 48 ] Dasjenige, was gefunden werden kann wiederum mit der Anthroposophie, das Geistige im Menschen, führt nun auch wiederum zur Moralität hin. Der Zusammenschluß mit der Aufsuchung der moralischen Prinzipien in der «Philosophie der Freiheit» ist gegeben. Dem Menschen wird dadurch wieder eine Geistigkeit eröffnet, wodurch er nicht mehr einen Abgrund hat zwischen Natur und Geist, Natur und Moral, sondern wo er die unmittelbare Verbindung hat.
[ 49 ] Aber Sie sehen aus dem, was ich Ihnen dargestellt habe, das Folgende: Die Koryphäen der neueren Wissenschaft kommen zu den abstrakten Formeln. Diese abstrakten Formeln schwirren natürlich durch den Kopf derjenigen, die heute eine wissenschaftliche Ausbildung gehabt haben. Diejenigen, die diese wissenschaftliche Ausbildung geben, betrachten dieses Gestrüppe von abstrakten Formeln als etwas, woran der heutige Mensch glauben muß. Sie sehen es als den reinsten Wahnsinn an, wenn man nun erzählt, man könne da von der Beschaffenheit des roten und blauen Blutes bis zum Geistigen des Menschen hinaufsteigen.
[ 50 ] Daraus aber ersehen Sie, was dazugehört, wenn nun wirkliche Wissenschafter in die Anthroposophie sich hereinfinden wollen. Da gehört noch etwas anderes dazu als der bloße gute Wille. Es gehört dazu wirklich eine ungeheure Hingabe an eine Vertiefung, wie man sie heute eben nicht gewöhnt ist, gerade am wenigsten gewöhnt ist, wenn man eine wissenschaftliche Bildung hinter sich hat. Was da gebraucht wird, das ist insbesondere Mut, Mut und wieder Mut. Damit aber haben wir das Element angeschlagen, das wir vor allen Dingen brauchen für unsere Seele, wenn wir mit den Lebensbedingungen der Anthroposophischen Gesellschaft rechnen wollen. Sie steht heute in gewisser Beziehung geradezu diametral demjenigen entgegen, was in der Welt beliebt ist. Sie kann also nicht, wenn sie sich beliebt machen will, irgendwelche Aussicht haben. Wir dürfen daher gerade dann, wenn wir die Anthroposophie in die verschiedenen Zweige des Lebens verbreiten wollen, wie das ja seit dem Jahr 1919 unternommen worden ist, nicht die Tendenz einschlagen, uns beliebt machen zu wollen, sondern wir müssen eben aus dem Zentrum des Wesens heraus den Weg gehen, der aus der Geistigkeit selber sich heraus ergibt, wie ich das in Anwendung auf das Goetheanum am heutigen Morgen hier in diesem besonderen Fall entwickelt habe.
[ 51 ] Aber so müssen wir überall denken lernen, sonst gleiten wir so ab, daß die Leute mit einem gewissen Recht uns immerfort mit anderen Bewegungen verwechseln und von außen her beurteilen. Geben wir uns energisch selbst eine Struktur, dann gehen wir den Weg, der in der Richtung der Lebensbedingungen der anthroposophischen Bewegung liegt. Aber wir müssen uns jenen Ernst dazu aneignen, der uns dann eben den Mut bringt.
[ 52 ] Und wir dürfen nicht übersehen, was nun einmal eben notwendig ist durch den Umstand, daß wir heute als Anthroposophen ein kleines Häuflein sind. Dieses kleine Häuflein will hoffen, daß dasjenige, was heute unter ihm verbreitet wird, unter einer immer größeren und größeren Zahl von Menschen verbreitet werde. Dann wird es unter diesen Menschen eine gewisse Erkenntnisrichtung, eine gewisse sittliche Richtung, künstlerische Richtung, religiöse Richtung geben.
[ 53 ] Aber das alles, was dann vorhanden sein wird durch die Impulse der Anthroposophie und was dann als selbstverständlich angesehen wird, das muß in einem viel höheren Maße bei denjenigen vorhanden sein, die heute ein kleines Häuflein sind. Die müssen sich fühlen als den größtmöglichen Verpflichtungen unterliegend gegenüber der geistigen Welt. Man muß nur verstehen, daß dies instinktiv eigentlich im Urteile der Umgebung zum Ausdrucke kommt.
[ 54 ] Durch nichts kann sich die Anthroposophische Gesellschaft mehr schaden, intensiv schaden, als wenn diese Anthroposophische Gesellschaft sich nicht jene Konfiguration gibt in ihren Mitgliedern, durch welche die Leute draußen aufmerksam werden: Im strengsten Sinne des Wortes wollen die Anthroposophen dies oder jenes. So daß sie sie von allen anderen sektiererischen oder sonstigen Bewegungen unterscheiden können.
[ 55 ] Solange aber dies nicht der Fall ist, wird eben das Urteil der Umgebung so herausgefordert, wie es heute herausgefordert wird. Man weiß eigentlich nicht recht, was diese Anthroposophische Gesellschaft will, und wird dann bekannt mit einzelnen Menschen: an denen sieht man von Anthroposophie nichts. Nicht wahr, wenn, sagen wir, sich die Anthroposophen kundgeben würden durch ein so fein ausgeprägtes Gefühl für Wahrheit und Tatsächlichkeit, daß man daran merkt: Das ist ein Anthroposoph, es fällt einem auf, daß er ein so feines Gefühl hat, ja überall nicht weiterzugehen in seinen Behauptungen, als der Realität entspricht, - ja, das gäbe einen Eindruck! Aber ich will heute eben nicht Kritik üben, sondern nur das Positive hervorheben. Tritt das ein? Das muß eben die Frage sein.
[ 56 ] Oder wiederum könnte man sagen: Ja, das sind Anthroposophen, sie gestatten sich nicht Geschmacklosigkeiten, sie haben einen gewissen künstlerischen Sinn. Das Goetheanum in Dornach muß doch gewirkt haben. Wiederum würde man wissen: Ja, etwas Geschmackvolles gibt die Anthroposophie ihren Mitgliedern. Man kann sie daran unterscheiden von anderen Leuten.
[ 57 ] Solche Dinge, sehen Sie, nicht dasjenige, was sich in scharf konturierten Begriffen geben läßt, sondern solche Dinge gehören zu dem, was in der Anthroposophischen Gesellschaft sich entwickeln muß, wenn sie ihre Lebensbedingungen erfüllen will.
[ 58 ] Oh, es wurde viel von solchen Dingen gesprochen! Aber die Frage mufS immer wieder aufgeworfen werden — und darinnen sollte gerade von dem viel bestehen, was unter Anthroposophen verhandelt wird —, wie man der Anthroposophischen Gesellschaft ein ganz bestimmtes Gepräge gibt, wodurch die Menschen wissen: Das ist etwas, was sie schon so von den anderen unterscheidet, daß man sie nicht mehr mit anderen verwechseln kann.
[ 59 ] Man muß diese Dinge eben gefühlsmäßig andeuten. Denn da, wo Leben herrschen muß, da können nicht Programme gegeben werden. Aber fragen Sie einmal, ob innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft das schon ganz überwunden ist: Man macht es so, man tut das so, man muß sich nach dem oder jenem richten —- und ob der Impuls stark ist, überall zu fragen: Was sagt Anthroposophie selber? Es braucht nicht in einem Vortrage zu stehen: aber dasjenige, was in Vorträgen steht oder gesagt worden ist, dringt in die Herzen, und das gibt gewisse Richtungen.
[ 60 ] Ehe nicht, meine lieben Freunde - ich muß das auch hier sagen -, Anthroposophie genommen wird wie ein lebendiges Wesen, das unsichtbar unter uns herumwandelt und demgegenüber man sich verantwortlich fühlt, eher kann das kleine Häuflein Anthroposophen nicht als ein Musterhäuflein voranschreiten. Und voranschreiten als ein Musterhäuflein müßte das kleine Häuflein Anthroposophen.
[ 61 ] Wenn man in irgendeine der theosophischen Gesellschaften gekommen ist — es gab ihrer viele —, so hatten die ja die bekannten drei Grundsätze, Ich habe schon gestern darüber gesprochen, wie wir sie ansehen sollen. Der erste Grundsatz war: Begründung allgemeiner menschlicher Brüderlichkeit ohne Unterschied von Rasse, Volk und so weiter. Ich machte gestern darauf aufmerksam, daß darüber ja nachgedacht werden soll, ob das wie ein Dogma hingestellt werden soll.
[ 62 ] Aber bedeutsam ist es doch, daß man so etwas trifft. Nur muß es real werden, Es muß tatsächlich nach und nach eine Realität werden. Das wird es aber, wenn die Anthroposophie selbst wie ein lebendes, übersinnliches, unsichtbares Wesen wandelnd unter den Anthroposophen angesehen wird. Dann wird vielleicht weniger von Bruderschaft geredet werden, weniger von allgemeiner Menschenliebe geredet werden, aber sie wird mehr in den Herzen leben, und man wird schon an dem Ton, mit dem die Menschen dasjenige aussprechen, was sie mit der Anthroposophie verbindet, man wird schon an dem Ton merken, mit dem einer dem anderen dies oder jenes sagt, daß es für ihn etwas bedeutet, daß der auch einer ist, der, wie er, der unsichtbaren Wesenheit Anthroposophie anhängt.
[ 63 ] Wir können ja auch einen anderen Weg wählen. Wir können den Weg wählen, lauter Cliquen zu bilden, uns so zu verhalten, wie es nun einmal in der Welt geworden ist, bei Five o’clock teas oder zu sonstigen Teegesellschaften oder dergleichen zusammenzukommen, sich untereinander zu verständigen und allenfalls sich noch zusammenzusetzen zu Vorträgen. Wir können es auch so machen. Wir können auch kleine Cliquen, kleine Kreise bilden. Aber eine anthroposophische Bewegung kann selbstverständlich nicht in einer solchen Gesellschaft leben. Eine anthroposophische Bewegung kann nur in einer Anthroposophischen Gesellschaft leben, die eine Realität ist. Da müssen dann aber die Dinge mit wirklich großem Ernste genommen werden. Da muß man in jedem Augenblicke seines Lebens fühlen, daß man mit der unsichtbaren Wesenheit der Anthroposophie verbündet ist.
[ 64 ] Wenn das Gesinnung würde, Gesinnungswirklichkeit, wenn auch nicht von heute auf morgen, so aber in längeren Zeiträumen, dann würde innerhalb von, sagen wir einundzwanzig Jahren, ganz gewiß ein Impuls entstehen. In dem Momente, wo man so etwas hört, wie ich es zum Beispiel gestern wiederum von den Gegnern vorgebracht habe, würde in den Herzen der nötige Impuls leben. Ich sage gar nicht, daß daraus gleich eine reale Tat hervorgehen muß, aber der nötige Impuls würde in den Herzen leben: dann würden schon die Taten auch entstehen.
[ 65 ] Wo die Taten nicht entstehen, sondern wo nur die Gegner Taten verrichten und sich organisieren, da muß eben der rechte Impuls nicht vorhanden sein, da muß es einem noch lieber sein, nun ja, so richtig ‚bequem weiterzuleben und eben auch im Auditorium zu sein, wenn von Anthroposophie geredet wird. Aber das genügt jedenfalls nicht, wenn die Anthroposophische Gesellschaft gedeihen soll. Soll sie gedeihen, dann muß in der Anthroposophischen Gesellschaft Anthroposophie wirklich drinnen leben. Und ist das der Fall, dann kann auch schon im Laufe von einundzwanzig Jahren etwas Bedeutsames geschehen, auch in einer noch kürzeren Zeit. Ich rechne nach: Einundzwanzig Jahre besteht aber die Gesellschaft schon!
[ 66 ] Nun, da ich nicht Kritik üben will, möchte ich Sie nur auffordern, nun die Selbstbesinnung so weit zu treiben, zu fragen: Ist nun wirklich von jedem einzelnen an jedem einzelnen Platze überall dasjenige getan worden, was aus dem Zentrum des Anthroposophischen heraus empfunden ist?
[ 67 ] Wenn Sie etwa darauf kommen sollten, daß der eine oder der andere das bis heute nicht so empfunden hat, dann bitte ich Sie, fangen Sie morgen an, oder noch heute abend, denn es würde nicht gut sein, wenn die Anthroposophische Gesellschaft zerfallen würde. Aber zerfallen wird sie ganz sicher, wenn sie, da sie jetzt zu alledem, was sie schon hat an äußeren Begründungen, auch noch das Goetheanum wieder aufbaut, wenn nicht jenes Bewußtsein entsteht, von dem ich in diesen Vorträgen gesprochen habe, wenn diese Selbstbesinnung nicht da ist. Dann aber, wenn sie zerfällt, wird sie sehr rasch zerfallen. Aber das hängt ganz von dem Willen derer ab, die innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft sind.
[ 68 ] Anthroposophie wird sicher nicht aus der Welt geschafft. Aber sie könnte für Jahrzehnte und länger, ich möchte sagen, in einen latenten Zustand zurücksinken und dann später wieder aufgenommen werden. Es wäre aber Ungeheures verloren für die Entwickelung der Menschheit. Das muß bedacht werden, wenn man im Ernste an die Selbstbesinnung herantreten will, die ich eigentlich gemeint habe mit diesen Vorträgen. Aber ich habe ganz sicher nicht gemeint, daß man wiederum große Worte machen soll, da oder dort wiederum Programme aufsetzen soll, erklären soll: Wenn es sich um das oder jenes handelt, stellen wir uns ganz zur Verfügung. Das haben wir ja immer getan. Sondern dasjenige, um was es sich handelt, ist, daß wir in uns das innere Zentrum unseres Wesens finden. Wenn wir dieses Suchen nach dem inneren Zentrum unseres Wesens mit dem in dem anthroposophischen Weisheitsgut enthaltenen Geiste tun, dann finden wir auch den anthroposophischen Impuls, den die Anthroposophische Gesellschaft als ihre Lebensbedingung braucht.
[ 69 ] Ich habe gerade in diesen Vorträgen weniger Kritik üben wollen. Die ist ja in der letzten Zeit viel geübt worden, vieles ist bei dieser oder jener Gelegenheit gesagt worden. Ich wollte jetzt mehr durch einen historischen Überblick über einiges — wollte ich alles sagen, würden diese Vorträge eben nicht ausgereicht haben -, durch die Betrachtung der anthroposophischen Sache die Handhabung des Rechten eigentlich nur anregen. Und ich denke, gerade diese Vorträge könnten Veranlassung dazu sein, daß über sie nachgedacht würde, daß sie sozusagen besonnen würden. Dazu hat man immer Zeit, denn das kann zwischen den Zeilen des Lebens, zwischen den Zeilen jenes Lebens, das mit den Forderungen der Außenwelt kommt, getan werden.
[ 70 ] Das wollte ich Ihnen gerade durch diese Vorträge wie in einer Art von Selbstbesinnung für die Anthroposophische Gesellschaft recht ans Herz legen. Wir brauchen heute durchaus eine solche Selbstbesinnung. Wir sollten nicht vergessen, daß wenn wir zu den Quellen des anthroposophischen Lebens gehen, vie] mit ihnen gewirkt werden kann. Tun wir es nicht, dann verlassen wir eben die Wege, auf denen gewirkt werden kann.
[ 71 ] Wir stehen vor so großen Aufgaben wie vor dem Wiederaufbau des Goetheanum. Da können unsere Herzenserwägungen wahrhaftig nur von wirklich großen Impulsen ausgehen, da dürfen wir nicht von Kleinlichem ausgehen. Das sagte ich heute morgen zu denen, die da waren, das wollte ich auch heute abend von einem gewissen Gesichtspunkte wiederum vor Sie hinstellen.
