Faust, the Striving Human Being
Spiritual Scientific Explanations of Goethe's Faust
GA 272
11 April 1915, Dornach
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Faust, the Striving Human Being, tr. SOL
4. Das Eindringen Fausts in die Geistige Welt
4. Faust's Entry into the Spiritual World
nach einer eurythmisch-dramatischen Darstellung
following a eurythmic-dramatic performance
[ 1 ] Wir haben heute vorausgehen lassen der Osterszene im «Faust» die Szene, in welcher dem Faust der Erdgeist erscheint. Wir konnten heute vor acht Tagen so manchen Gedanken an den «Faust» anknüpfen, welcher demjenigen bedeutungsvoll sein kann, der sich geisteswissenschaftlich den Gesetzen der Welt, dem Leben der Welt nähern will. Es ist wirklich nicht, um Ihnen Erklärungen zu geben zu Goethes «Faust», daß das letzte Mal, am Ostersonntag, und dieses Mal hier angeknüpft wird von mir auch an diese dichterische Schöpfung Goethes, es ist aus dem Grunde, weil an den künstlerischen Bildern, die uns im «Faust» entgegentreten, die Menschenseele wirklich etwas von dem wahrnehmen kann, was man Entwickelung dieser Seele nennen muß in die geistigen Welten hinein, was man Sich-Einleben nennen kann in die geistigen Welten. Insofern wir gewissermaßen in den «Faust» uns vertiefen können in geisteswissenschaftlicher Hinsicht, dürfen wir schon an diese dichterische Schöpfung die eine oder andere Betrachtung anknüpfen. Es ist ja im Grunde Goethes «Faust» der Ausdruck des Hineinstrebens in die geistige Welt bei Goethe, also der Ausdruck dafür, wie an einem wichtigen Wendepunkt der neueren Geschichte ein so tiefer Geist wie Goethe hineinzukommen versuchte in die Welt, die wir durch unsere geisteswissenschaftliche Vertiefung suchen.
[ 1 ] Today, we began with the scene in *Faust* in which the Earth Spirit appears to Faust, preceding the Easter scene. Eight days ago, we were able to explore many thoughts related to *Faust* that may be meaningful to those who wish to approach the laws of the world and the life of the world from a perspective of Spiritual Science. It is truly not to offer you explanations of Goethe’s *Faust* that I have, both last time—on Easter Sunday—and this time here, taken up this poetic creation of Goethe’s; but rather because, through the artistic images that confront us in *Faust*, the human soul can truly perceive something of what must be called the soul’s development into the spiritual worlds—what can be called a “living-into” of the spiritual worlds. To the extent that we can, so to speak, immerse ourselves in *Faust* from a perspective on Spiritual Science, we may well offer one or two reflections on this poetic creation. After all, Goethe’s *Faust* is essentially the expression of Goethe’s striving toward the spiritual world—that is, the expression of how, at an important turning point in recent history, a spirit as profound as Goethe’s sought to enter the world that we are striving to reach through our deepening understanding of Spiritual Science.
[ 2 ] Wir haben uns das letzte Mal davon überzeugen können, daß Goethe in einer Zeit lebte, in der es wirklich noch nicht möglich war, in klarer, ich möchte sagen, eindeutiger Weise den Weg zu finden in die geistigen Welten hinein. Wir haben uns überzeugen können, daß solche Wahrheiten wie die von der Bedeutung Luzifers und Ahrimans vor Goethes Seele noch schwebten als unklare Erkenntnis, man möchte sagen, wie ein unklares Ahnen der geistigen Welt, und wir haben uns überzeugen können, daß in der Gestalt des Mephisto zusammengeflossen sind die beiden Gestalten des Luzifer und Ahriman, daß Goethe also ein unklares Gebilde in Mephisto vor sich hat, dem er in eindeutiger geisteswissenschaftlicher Beziehung gar nicht nahekommen kann. Und so können wir gerade in diesem Streben Goethes, wie es sich im «Faust» ausdrückte, sehen, mit welchem Ernste und mit welcher inneren Gewissenhaftigkeit, man möchte sagen, mit welcher Verantwortung vor unserer eigenen Seele wir das betreiben sollen, was uns geisteswissenschaftliche Vertiefung eröffnen soll. Wenn ein Geist, der so tief ist, solche Schwierigkeiten im Wege findet zu dem, was heute von vielen, vielen Menschen schon gesucht werden will, so ist wirklich Gelegenheit, gerade an dem Suchen und Streben Goethes vieles zu lernen. Man möchte wünschen, daß jeder, der sich ein wenig in die Ergebnisse unserer Geisteswissenschaft vertieft hat, wiederum heranginge an dieses Dokument, an Goethes «Faust», der ein Dokument ist aus der Morgenröte, noch nicht aus der Zeit nach dem Sonnenaufgang der geisteswissenschaftlichen Bestrebungen. Ich habe das letzte Mal gesagt, daß Goethe die Reife seines Lebens brauchte, um aus dem Zustand herauszukommen, in dem seine Seele in der Jugend war. Goethes Seele kann sich nicht damit begnügen, nur daß in der Welt zu sehen, was die sinnlichen Augen sehen, was der an das Gehirn gebundene Verstand wahrnimmt. Und was da in seiner Seele lebte und wühlte nach den tieferen geistigen Grundlagen des Lebens, das gestaltete er in dem strebenden Faust, der nicht ein Abbild von Goethe ist, der aber gewisse Seiten des Goetheschen Strebens und Goetheschen Lebens wirklich künstlerisch real zur Darstellung bringt. Und so haben wir denn gerade in der Erdgeistszene etwas vor uns, was zu den ältesten Partien des «Faust» gehört, die Goethe niedergeschrieben hat.
[ 2 ] Last time, we were able to see for ourselves that Goethe lived in an era when it was truly not yet possible to find one’s way into the spiritual worlds in a clear—I would say unambiguous—manner. We have seen that truths such as the significance of Lucifer and Ahriman still hovered before Goethe’s soul as an unclear insight— one might say, like a vague premonition of the spiritual world; and we were able to see that the two figures of Lucifer and Ahriman had converged in the figure of Mephisto—that Goethe thus had before him in Mephisto an indistinct entity that he could not approach at all in a clear, Spiritual Science sense. And so it is precisely in this striving of Goethe’s, as expressed in *Faust*, that we can see with what seriousness and with what inner conscientiousness—one might say, with what sense of responsibility toward our own soul—we should pursue that which is meant to open up deepening in Spiritual Science for us. When a mind of such depth encounters such difficulties on the path to what so many, many people today are already seeking, there is truly an opportunity to learn a great deal precisely from Goethe’s own searching and striving. One might wish that everyone who has delved even a little into the findings of our Spiritual Science would return to this document, to Goethe’s *Faust*, which is a document from the dawn, not yet from the time after the sunrise of spiritual scientific endeavors. I said last time that Goethe needed the maturity of his later life to emerge from the state in which his soul had been during his youth. Goethe’s soul cannot be content merely to see in the world what the physical eyes see, what the intellect bound to the brain perceives. And what lived and stirred within his soul, seeking the deeper spiritual foundations of life—he gave form to this in the striving Faust, who is not a likeness of Goethe, but who truly and artistically brings certain aspects of Goethe’s striving and Goethe’s life to life. And so, particularly in the Earth Spirit scene, we have before us one of the oldest sections of *Faust* that Goethe ever wrote.
[ 3 ] Ich habe das letzte Mal über Goethes «Faust» so gesprochen, daß, wenn ich so mißverstanden würde dabei, wie ich es oftmals werde, man hingehen könnte und sagen, ich hätte den «Faust» ein mangelhaftes Kunstwerk genannt, hätte sogar über den «Faust» manches herbe Wort gesagt. Und jemand, der besonders erfinderisch ist, könnte sagen, ich hätte eine Wendung in meiner Auffassung Goethes durchgemacht, denn ich war ja früher ein Goethe-Verehrer und habe mich nun bezeugt als ein solcher, der Goethe abkanzelt. Nun, daß ich Goethe nicht weniger verehre, als ich ihn jemals verehrt habe, daß er mir als der grandioseste Geist der neueren Zeit erscheint, das sollte ich nicht zu erwähnen brauchen. Aber das, was verehrende Hingabe an eine Persönlichkeit ist, soll uns niemals zu einem blinden Autoritätsgefühl bringen, sondern uns immer einen klaren Blick bewahren für dasjenige, was wir als die Wahrheit erkannt haben.
[ 3 ] The last time I spoke about Goethe’s *Faust*, I did so in such a way that, if I were misunderstood—as I often am—one might go so far as to say that I had called *Faust* a flawed work of art, or even that I had spoken harshly about *Faust* on more than one occasion. And someone particularly imaginative might say that I’ve undergone a shift in my view of Goethe, since I used to be an admirer of Goethe and have now shown myself to be someone who criticizes him. Well, I need not mention that I do not revere Goethe any less than I ever have, that he strikes me as the most magnificent mind of modern times. But what constitutes reverent devotion to a personality should never lead us to a blind sense of authority; rather, it should always preserve for us a clear view of what we have recognized as the truth.
[ 4 ] Aus verschiedenen Teilen ist der «Faust», man kann sagen, zusammengelegt, um nicht zu sagen -geleimt, und man kann sagen, daß Goethe in der Zeit, als er die ältesten Partien des «Faust» schon in den siebziger Jahren des 18. Jahrhunderts geschrieben hat, wirklich nicht imstande gewesen ist, die späteren Partien zu schreiben, daß er wirklich erst reifen mußte, um von seiner Sehnsucht nach der geistigen Welt zu dem zu kommen, was man sein Verständnis für das Christentum nennen kann. Erst die Reife des Lebens brachte Goethe dazu, den Faust, der nach der Geisterwelt sucht, künstlerisch so weiterzuführen, daß dieser Faust dazu kommt, dem Leben erhalten zu werden durch die Östererinnerung, ja, daß dieser Faust sogar dazu kommt, das Evangelium in die Hand zu nehmen und zu beginnen damit, das Johannes-Evangelium zu übersetzen. Wenn man heute so manche Leute hört, daß sie nichts brauchen von geistiger Erkenntnis, um die Tiefen des Christentums auszuschöpfen, daß also diese Geisteswissenschaft ein unnötiges Zeug ist, weil das Christentum schon hinlänglich verstanden werden kann durch das, was jeder Pfarrer von der Kanzel verkündet, daß bloßes Glauben insbesondere in diesem Christentum walten müsse, und man vergleicht solche Seelenstimmung mit dem, was da über Goethe gesagt werden muß, der als einer der tiefsten Geister Jahrzehnte brauchte, um zu seinem Verständnis für das Christentum heranzureifen, dann kann man einen Begriff bekommen von dem ungeheuren Hochmut, dem ungeheuren Dünkel, der in den Menschen steckt, die da, dünkelhaft und hochmütig von der Einfalt ihres Gemütes immer redend, das wegweisen, was sie nicht brauchen — den Inhalt der Geisteswissenschaft, was sie nicht brauchen nach ihrer Anschauung.
[ 4 ] One might say that *Faust* was pieced together—if not glued—from various parts, and one could say that Goethe, at the time he wrote the earliest parts of *Faust*—as early as the 1770s—was truly incapable of writing the later parts; that he truly had to mature first in order to move from his longing for the spiritual world to what might be called his understanding of Christianity. It was only the maturity of life that led Goethe to artistically develop the Faust who seeks the spirit world in such a way that this Faust comes to be sustained in life through the memory of Easter—indeed, that this Faust even comes to take up the Gospel and begin translating the Gospel of John. When one hears some people today say that they need no spiritual insight to fathom the depths of Christianity—that Spiritual Science is therefore unnecessary, since Christianity can already be sufficiently understood through what every pastor proclaims from the pulpit, and that mere faith must prevail, especially in this form of Christianity— and if one compares such a state of mind with what must be said about Goethe—who, as one of the deepest minds, needed decades to mature into his understanding of Christianity—then one can grasp the immense arrogance, the immense conceit, that lies within people who, speaking conceitedly and arrogantly of the simplicity of their minds, reject what they do not need—the content of Spiritual Science, which, in their view, they do not need.
[ 5 ] In der Erdgeistszene haben wir etwas von dem vor uns, was Goethe in seiner Jugend, in den Dreißigerjahren, auch in den letzten Zwanzigerjahren seines Lebens beschäftigte. Wir ersehen aus dieser Erdgeistszene und aus dem, was vorhergegangen ist, dem sogenannten ersten Faust-Monolog, wie Goethe sich vertieft hat auch in die sogenannte okkultistisch-mystische Literatur, wie er versucht hat, durch dasjenige, was diese Literatur ihm gegeben hat, in Meditation, in meditativer Hingabe, die geistige Welt zu finden. Wir sehen ihn gerade in der Szene, die uns heute vorgeführt worden ist, mitten darinnen im Suchen durch die Meditation, die sich ihm ergibt aus den Andeutungen, die er, wie es hier gesagt wird, aus einem okkultistisch-mystischen Buch, aus einem alten mystischen Buch des Nostradamus, gewinnen kann, wie er sich bestrebt durch seine Meditation, die sich ihm aus einem mystischen Buch ergibt, sich hinaufzuschwingen in die geistigen Welten.
[ 5 ] In the Earth Spirit scene, we see a glimpse of what occupied Goethe in his youth—in his thirties, and also in the last two decades of his life. From this Earth Spirit scene and from what preceded it—the so-called first Faust monologue—we can see how Goethe immersed himself in what is known as occult-mystical literature, and how he sought, through what this literature offered him, to find the spiritual world in meditation and meditative devotion. We see him, precisely in the scene that has been presented to us today, right in the midst of his search through meditation, which arises for him from the hints he gains—as is stated here—from an occult -mystical book—an ancient mystical book by Nostradamus—and how, through his meditation inspired by this mystical text, he strives to ascend into the spiritual worlds.
[ 6 ] Versuchen wir es uns einmal vorzustellen, in welche Welten Faust, und damit auch Goethe, eigentlich da hinauf will. Wenn die Seele des Menschen es wirklich dahin gebracht hat, ihre innere Kraft so zu verstärken, daß der geistig-seelische Wesenskern des Menschen frei wird von dem Instrument des physischen Leibes, wenn die Seele gewissermaßen mit ihren im gewöhnlichen alltäglichen Leben gar nicht für sie wahrnehmbaren Kräften herausgeschlüpft ist aus dem physischen Leib, was wird — nicht etwa der physische Leib selbst in seiner Raumesumgrenzung, sondern das physische Leben, mit dem der Mensch geistig dann doch immer zusammenhängt, weil ein Strahl oder Strom zu diesem physischen Leben hingeht -, was wird für die menschliche Seele dieses physische Erleben? Es geht auch in dem Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt durch die Zeit zurück ein Strahl oder Strom des geistigen Lebens bis zu dem, was wir auf der Erde durchlebt haben, wie Sie das entnehmen können aus Darstellungen früherer Vorträge, es geht also immer so etwas wie eine geistige Handausstreckung, oder mehr noch als eine geistige Handausstreckung, zurück zu dem, was physisches Erleben ist. Was wird denn dieses physische Erleben für die menschliche Seele, die frei geworden ist von dem Gebrauch des Instrumentes des physischen Leibes? Ich möchte sagen: Das ganze physische Erleben wird für den Menschen, der aus diesem physischen Erleben heraußen ist, Seelenorgan. Das physische Erleben wird gleichsam Auge oder Ohr, der ganze Mensch wird ein Sinnesorgan, ein geistiges Sinnesorgan, ein Organ, könnte man sagen, nunmehr der ganzen Erde, die hinausschaut in den Weltenraum. — Damit unser Auge die physischen Gegenstände sehen kann, müssen wir außerhalb unseres Auges sein, das Auge muß eingebettet sein wie eine Art selbständiges Organ in die Augenhöhle, die sogar durch Knochenwandungen abgeschlossen ist, so daß das Auge ein verhältnismäßig selbständiges Organ ist. In ähnlicher Weise ist auch das Ohr abgeschlossen. Wiederum der ganze physische Apparat des Gehirns ist in die Kopfhöhle eingeschlossen und von dem übrigen Leibe des Menschen abgeschlossen. So abgeschlossen muß werden das physische Erleben des Menschen, daß es eine Art Sinnesorgan wird, eine Art Auge oder Ohr, durch das der Mensch dann, der außerhalb dessen ist, was sein physisches Erleben ist, hinausschaut in den weiten Weltenraum.
[ 6 ] Let us try to create a mental image of what kinds of worlds Faust—and thus Goethe as well—actually wants to ascend to. If the human soul has truly managed to strengthen its inner power to such an extent that the spiritual-soul core of the human being is freed from the instrument of the physical body—if the soul has, so to speak, slipped out of the physical body using powers that are completely imperceptible to it in ordinary, everyday life—what will —not the physical body itself within its spatial boundaries, but physical life, with which the human being remains spiritually connected after all, because a ray or stream flows toward this physical life—what does this physical experience become for the human soul? Even in the life between death and a new birth, a ray or stream of spiritual life extends back through time to what we have lived through on Earth, as you can gather from descriptions in earlier lectures; so there is always something like a spiritual reaching out—or even more than a spiritual reaching out—back to what constitutes physical experience. What, then, does this physical experience become for the human soul that has been freed from the use of the instrument of the physical body? I would say: The entire physical experience becomes a soul organ for the human being who has stepped outside of this physical experience. Physical experience becomes, as it were, an eye or an ear; the whole human being becomes a sense organ—a spiritual sense organ—an organ, one might say, now of the entire Earth, looking out into the cosmos. — In order for our eye to see physical objects, we must be outside our eye; the eye must be embedded, as it were, like a kind of independent organ within the eye socket, which is even enclosed by bony walls, so that the eye is a relatively independent organ. In a similar way, the ear is also enclosed. Likewise, the entire physical apparatus of the brain is enclosed within the cranial cavity and separated from the rest of the human body. Human physical experience must be so enclosed that it becomes a kind of sensory organ—a kind of eye or ear—through which the human being, who stands outside of what constitutes his or her physical experience, looks out into the vast expanse of space.
[ 7 ] Was da erlebt wird, das kann man auch so darstellen: man kann sagen, man sei jetzt in der Welt, die in dem Buche «’Theosophie» als Seelenwelt dargestellt wird. Es ist dies die Welt, in die man zuerst eintritt, wenn man das Erlebnis hat, mit der selbständig gewordenen Seele außerhalb des Leibes zu sein und das eigene physische Erleben außerhalb seiner hat. In dem Wiener Zyklus vom April 1914 habe ich geschildert, wie der Mensch auch in dem Leben zwischen Tod und einer neuen Geburt durch sein letztes Erdenleben ein geistig-seelisches Sinnesorgan hat, um die übrige Welt wahrzunehmen, das heißt, daß er durch dieses Erdenleben die übrige Welt wahrnimmt. In dieser Welt finden wir dann auch eine längere Zeit nach dem Tode unsere Verstorbenen, bis sie in eine andere Welt aufrücken, die dann erst durch einen späteren Entwickelungszustand der Seele erreicht werden kann, auch für den menschlichen Eingeweihten. In dieser Welt, in die wir da einrücken, muß so manches dem Betrachter auffallen. Man kann nur Einzelheiten über diese Welt sagen. Sie müssen zusammenholen aus den verschiedenen Vorträgen, was diese übersinnliche Welt charakterisiert. Was vor allen Dingen sogleich der Seele auffällt, ist, daß die Seele, indem sie frei geworden ist vom Leibe und sich einlebt in eine neue Welt, nun zunächst erlöschen sieht die Sterne, die Sterne erlöschen fühlt. Die Seele lebt sich ein in eine elementare Welt, so daß sie nunmehr mit dem Luftmeer webt, mit der in der Welt wallenden Wärme selbst mitwallt, mit dem Lichte hinausstrahlt, und da die Seele mit dem Lichte hinstrahlt, kann sie nicht durch das Licht die äußeren Gegenstände sehen. Deshalb verlöschen Sonne und Sterne, und der Mond erlischt mit seinem Lichte vor der Seele. Es ist nicht ein äußeres Anschauen, in dem man dann ist, es ist ein Miterleben der elementaren Welt. Und es ist zu gleicher Zeit ein Miterleben desjenigen, was man die Kraft der historischen Geschehnisse, des geschichtlichen Werdens nennt. In dieser Welt kann man ablaufen sehen das, was die Geschichte im Menschenleben wirklich macht.
[ 7 ] What is experienced there can also be described this way: one can say that one is now in the world that is described in the book *Theosophy* as the world of the soul. This is the world one first enters when one has the experience of being outside the body with the soul that has become independent, and of having one’s own physical experience outside of oneself. In the Vienna lectures of April 1914, I described how, even in the life between death and a new birth, a person possesses—through their last earthly life—a spiritual-soul sensory organ with which to perceive the rest of the world; that is to say, through this earthly life, they perceive the rest of the world. In this world, we also find our departed loved ones for a considerable time after death, until they ascend to another world, which can only be reached through a later stage of the soul’s development—even for the human initiate. In this world into which we enter, many things must strike the observer. One can only speak in general terms about this world. You must piece together from the various lectures what characterizes this supersensible world. What strikes the soul most immediately is that, as it has become free from the body and is settling into a new world, it now first sees the stars fade away—it feels the stars fading. The soul settles into an elemental world, so that it now weaves with the sea of air, surges along with the warmth surging through the world, and radiates outward with the light; and since the soul radiates outward with the light, it cannot see external objects through the light. Therefore, the sun and the stars fade away, and the moon, with its light, fades from the soul’s sight. It is not a matter of external observation in which one then finds oneself; it is a shared experience of the elemental world. And at the same time, it is a shared experience of what is called the power of historical events, of historical becoming. In this world, one can see unfolding what history truly does in human life.
[ 8 ] In ihrer weiteren meditativen Entwickelung kann sich dann die Seele hinaufringen zu einem höheren Erleben. Da wird ihr nicht mehr bloß das eigene Erleben ein geistig-seelisches Sinnesorgan, sondern da wird die ganze Erde Sinnesorgan. Ganz paradox gesprochen, aber Sie werden mich verstehen, muß da die Menschenseele vorrücken zu einem solchen Erleben, von dem man sagen kann: Der Mensch ist jetzt etwas, in dem eingesetzt ist die ganze Erdkugel, wie sonst das Auge oder Ohr eingesetzt sind unserem Leibe, und wie wir sonst mit den Augen sehen, mit den Ohren hören, so nehmen wir mit der ganzen Erde und ihrem Erleben wahr den Weltenraum. — Da werden wir gewahr, daß das, was die Physiker von der Sonne und den Sternen sagen, eine bloße materialistische Träumerei ist. Die Sterne sind ja schon erloschen, die Sonne, das Mondenlicht ist erloschen in der vorhergehenden Welt. Jetzt aber werden wir gewahr, daß da, wo wir die Sonne vermuteten, eine Gemeinschaft von Geistern ist, daß überall, wo wir einen Stern vermuteten, eine geistige Welt ist. Und wir werden gewahr, indem wir uns zurückerinnern an das Erdenleben, daß das eine phantastische materialistische Träumerei ist, wovon die Physiker sprechen, denn wenn uns Sterne oder Sonnen erscheinen, so ist dies, weil irgendwo in der geistigen Welt der Sitz ist von einer geistigen Gemeinschaft, wie es die Erde für eine Gemeinschaft von Menschen ist. Aber so wenig man von einem fernen Stern die physischen Leiber wahrnehmen würde, nur die Menschenseelen, so wenig kann gesagt werden, daß uns da oben von den Sternen irgend etwas interessieren könnte, was nicht geistig-seelischer Natur ist. Das aber, was wir sehen, das müssen wir uns vorstellen gleichsam als die Dünste der Erdenatmosphäre, die zusammenstoßen mit dem, was da hereinkommt, und nichts sehen kann das physische Auge von dem, was der Stern wirklich ist, sondern den Dunst, den die Erde selber hinauswirft in den Weltenraum. All das, was wir als Sternenhimmel sehen, ist nichts als das aus dem Materiellen, allerdings ätherischen Materiellen der Erde selbst Gewobene, ist ein Vorhang, den die Erde hinzieht vor dem, was dahinter ist. Wenn aber die Seele dazukommt, sich hinauszuleben in diese Welt hinein, dann nimmt sie wahr, wie da draußen nicht diese phantastischen Sterne sind, diese materialistisch-phantastischen Sterne, von denen die Physiker sprechen, sondern lebendige Wesenheiten, lebendige Wesensgemeinschaften, auf- und abschwebend, hin- und herwebend im Weltenraum draußen und sich die Gaben von oben nach unten reichend, und wiederum werden die Gaben von unten nach oben gereicht. Wenn man ins Geistige umsetzt die Worte:
[ 8 ] In its further meditative development, the soul can then strive toward a higher experience. There, it is no longer merely its own experience that becomes a spiritual-soul sensory organ, but rather the entire Earth becomes a sensory organ. To put it quite paradoxically—but you will understand me—the human soul must advance to a state of experience in which one can say: The human being is now something in which the entire globe is embedded, just as the eye or ear is embedded in our body; and just as we normally see with our eyes and hear with our ears, so do we perceive the universe with the entire Earth and its experience. — Then we become aware that what physicists say about the sun and the stars is mere materialistic fantasy. The stars have already gone out; the sun and the moonlight have gone out in the preceding world. But now we realize that where we supposed the sun to be, there is a community of spirits; that wherever we supposed a star to be, there is a spiritual world. And as we recall our earthly life, we realize that what physicists speak of is a fanciful materialistic fantasy; for when stars or suns appear to us, it is because somewhere in the spiritual world there is the seat of a spiritual community, just as the Earth is the seat of a community of human beings. But just as one would not perceive the physical bodies of a distant star—only the human souls—so too can it not be said that anything up there among the stars could be of interest to us that is not of a spiritual-soul nature. But what we see, we must create a mental image of, as it were, the vapors of the Earth’s atmosphere colliding with what enters it; and the physical eye can see nothing of what the star truly is, but only the vapor that the Earth itself emits into outer space. Everything we see as the starry sky is nothing but a web woven from the material—albeit the ethereal material—of the Earth itself; it is a curtain that the Earth draws across what lies behind it. But when the soul comes along and extends itself into this world, then it perceives that out there are not these fantastical stars—these materialistic, fantastical stars of which physicists speak—but living beings, living communities of beings, floating up and down, weaving back and forth in outer space, passing gifts from above to below, and in turn, gifts are passed from below to above. If one translates the words into spiritual terms:
Wie alles sich zum Ganzen webt,
Eins in dem andern wirkt und lebt!
Wie Himmelskräfte auf- und niedersteigen
Und sich die goldnen Eimer reichen!
How everything weaves itself into a whole,
How one thing works within another and lives!
How the forces of heaven rise and fall
And pass the golden buckets to one another!
[ 9 ] — Kräfte, aber jetzt in dem Sinne, wie wir von Urkräften sprechen -,
[ 9 ] — forces, but now in the sense that we speak of primal forces —,
Mit segenduftenden Schwingen
Vom Himmel durch die Erde dringen,
Harmonisch all das All durchklingen!
With wings fragrant with the scent of blessings
Penetrating from heaven through the earth,
Resounding harmoniously throughout the entire universe!
[ 10 ] das aber alles geistig-seelisch vorgestellt, dann haben wir ungefähr die Welt, in welche die Seele sich hinauslebt.
[ 10 ] But if we create a mental image of all of this in spiritual and emotional terms, then we have, roughly speaking, the world into which the soul projects itself.
[ 11 ] Wenn wir uns nun vorstellen, was hatte denn Faust in der Zeit, in der er uns da vorgeführt wird, von alldem, was jetzt beschrieben worden ist? Er hat ein altes Buch aufgeschlagen, geschrieben von einem, der eine alte Anschauung in Zeichen aufgezeichnet hat: das hat das Zeichen des Makrokosmos gegeben. Aber Faust ist natürlich nicht in der Lage, mit seiner Seele sich hinauszuleben in Welten, wo die Wesenheiten im Weltenraum ihr großes Geschehen entwickeln. Faust ist nicht in der Lage, da hinaufzukommen. Er sieht nur das Zeichen, das einer hingeschrieben hat, der da hinausgelangt ist, das Zeichen des Makrokosmos. Aber ein Traum, eine Ahnung wird hervorgerufen, daß dieses Zeichen etwas bedeutet. Denken Sie sich also in Ihre Seele hinein, daß Sie niemals etwas von Geisteswissenschaft gehört hätten, daß Sie das Zeichen vor sich hätten, aber daß Sie eine Ahnung hätten, daß einmal einer etwas Ähnliches gesehen hat, das Sie auch sehen möchten, dann sind Sie in Fausts Seele darinnen. Zunächst können Sie sich hineinträumen, daß Ihnen Ihre Phantasie irgend etwas durch diese äußeren Zeichen, die im wesentlichen die Zeichen des Tierkreises sind, die Zeichen der Elemente, die Zeichen der Planeten, belebe, können sogar zunächst mit überquellendem Gefühl in die Worte ausbrechen:
[ 11 ] If we now create a mental image of what Faust had, during the time he is presented to us here, of all that has just been described? He has opened an old book, written by someone who recorded an ancient worldview in symbols: this provided the symbol of the macrocosm. But Faust, of course, is not able to project his soul out into worlds where the beings in the cosmos unfold their great events. Faust is not able to ascend there. He sees only the symbol written down by someone who has reached that realm—the symbol of the macrocosm. But a dream, a hunch, is evoked that this symbol means something. So imagine deep within your soul that you had never heard of Spiritual Science, that you had the symbol before you, but that you had a hunch that someone once saw something similar—something you, too, would like to see—then you are right there within Faust’s soul. To begin with, you can dream yourself into a state where your imagination brings these external symbols—which are essentially the signs of the zodiac, the signs of the elements, and the signs of the planets—to life; you may even, at first, burst out with overflowing emotion:
Welch Schauspiel!
What a spectacle!
[ 12 ] Aber das schlägt sich Ihnen zurück, denn jetzt werden Sie gewahr, Sie haben nichts als das Zeichen im Buche, nichts als eine Phantasie ...
[ 12 ] But this backfires on you, because now you realize you have nothing but the symbol in the book, nothing but a fantasy ...
Aber ach! ein Schauspiel nur!
But alas! It's just a show!
[ 13 ] Sogar nur ein Schauspiel als innere Phantasie! Und zurückgeworfen sind Sie. Das Zeichen hat Sie zu nichts gebracht, im Gegenteil, es hat Sie zurückgeworfen, hat Ihnen das Gefühl gebracht: da ist die Welt des Geistes, vor der Sie stehen, aber nirgends finden Sie Eingang.
[ 13 ] Even if it is merely a spectacle of the inner imagination! And yet you are cast back. The sign has led you nowhere; on the contrary, it has cast you back, giving you the feeling: there is the world of the spirit, standing before you, but nowhere can you find a way in.
Wo fass’ ich dich, unendliche Natur?
Euch Brüste, wo? Ihr Quellen alles Lebens,
An denen Himmel und Erde hängt,
Dahin die welke Brust sich drängt —
Where can I grasp you, infinite Nature?
O breasts, where? You, the sources of all life,
Upon which heaven and earth depend,
Toward which the withering breast strives—
[ 14 ] Nichts wiederum als das Fühlen in den Elementen drinnen, im Licht und in der Luft, wie ich gesagt habe, in der untergeordneten Welt. Und jetzt sogar deutlich ausgedrückt. Faust hat sich hinaufgedrängt in die geistige Welt, ist zurückgefallen in die Welt, die ich vorhin beschrieben habe als die nächste übersinnliche Welt. Dieses mit dem Luft- und Lichtleben, das drückt sich sehr gut aus in den Worten:
[ 14 ] Nothing, in turn, but the feeling within the elements—in the light and in the air, as I have said—in the lower world. And now this is even clearly expressed. Faust has forced his way up into the spiritual world, only to fall back into the world I described earlier as the next supersensible world. This aspect of life in the air and light is very well expressed in the words:
Ihr quellt, ihr tränkt, und schmacht’ ich so vergebens?
You spring forth, you quench my thirst—and yet I languish in vain?
[ 15 ] Er ist ganz in sich zurückgefallen, zurückgefallen aus der geistigen Welt in die elementare Welt. Aber auch diese zu erkennen, ist er ja noch nicht imstande. Da kommt ihm zu Hilfe, daß er das Buch aufschlägt und das Zeichen des Erdgeistes erblickt. Das ist das Zeichen, das nun auch einmal der hingeschrieben hat, der diese untere Welt, die elementarische Welt, als seine eigene Welt gehabt hat. Da fühlt er sich jetzt doch darinnen. Da hat er ein ahnendes Gefühl vom Darinnensein.
[ 15 ] He has fallen completely back into himself, fallen back from the spiritual world into the elemental world. But he is not yet able to perceive this world either. What comes to his aid is that he opens the book and beholds the sign of the Earth Spirit. This is the sign that was once written down by the one who regarded this lower world—the elemental world—as his own. Now he feels himself to be within it after all. He has a sense of being within it.
Wie anders wirkt dies Zeichen auf mich ein!
How differently this symbol affects me!
[ 16 ] — deshalb, weil er etwas dabei fühlt, weil er von dem Sinnenschein sich abgewendet hat, und etwas fühlt von dem Darinnenstecken in der Welt. Nun spricht er eigentlich immer von dieser Welt:
[ 16 ] — because he feels something in the process, because he has turned away from the illusion of meaning, and feels something of what it means to be immersed in the world. Now, he actually always speaks of this world:
Schon fühl’ ich meine Kräfte höher,
Already I feel my strength growing,
[ 17 ] — das, was man erlebt, wenn man in der Wärme, im Licht lebt -,
[ 17 ] — what one experiences when living in warmth and light —,
Schon glüh’ ich wie von neuem Wein.
I’m already glowing as if from new wine.
[ 18 ] Denken Sie sich, wenn Sie Wärme fühlen in der Seele, wenn Sie in der Welt als Wärmewelle leben und weben!
[ 18 ] Imagine feeling warmth in your soul, living and weaving through the world as a wave of warmth!
Ich fühle Mut, mich in die Welt zu wagen.
I feel the courage to venture out into the world.
[ 19 ] Es ist wirklich wie ein sich in den Elementen Bewegen. Ich habe Ihnen gesagt, das Erdenleben wird zum Sinnesorgan, und wie Sie sonst Auge und Ohr in sich fühlen, so fühlen Sie jetzt Ihre Sinnesorgane in der Erde.
[ 19 ] It really is like moving through the elements. I have told you that life on Earth becomes a sense organ, and just as you normally feel your eyes and ears within yourself, so now you feel your sense organs within the Earth.
Der Erde Weh, der Erde Glück zu tragen,
Mit Stürmen mich herumzuschlagen, —
To bear the earth's sorrow and the earth's joy,
To struggle against the storms, —
[ 20 ] wenn Sie als Luftwelle in der Luft sind.
[ 20 ] when you're out in the open as a radio wave.
Es wölkt sich über mir —
Der Mond verbirgt sein Licht
Clouds are gathering above me —
The moon hides its light
[ 21 ] Kein Wunder! Ich habe Ihnen gerade geschildert, wie das geschieht, wie Sterne, wie der Mond verlöschen. Das Licht verlöscht, weil er mit dem Lichte selbst geht.
[ 21 ] No wonder! I have just described to you how this happens, how stars and the moon fade away. The light fades because it goes with the light itself.
Es dampft! — Es zucken rote Strahlen
Mir um das Haupt
It's steaming! — Red rays flicker
Around my head
[ 22 ] Das ist jetzt innerliche Wahrnehmung.
[ 22 ] That is now inner perception.
Es weht
Ein Schauer vom Gewölb’ herab
und faßt mich an!
Ich fühl’s, du schwebst um mich, erflehter Geist.
Enthülle dich!
Ha! wie’s in meinem Herzen reißt!
Zu neuen Gefühlen
All’ meine Sinnen sich erwühlen!
A chill blows
down from the vaulted ceiling
and touches me!
I feel it—you hover around me, spirit I have implored.
Reveal yourself!
Ha! How my heart is torn!
To new feelings
All my senses are stirred!
[ 23 ] Merken Sie nicht, wie das Leben in den Elementen da ausgedrückt ist?
[ 23 ] Don't you see how life is expressed in the elements there?
Ich fühle ganz mein Herz dir hingegeben!
Du mußt, du mußt! und kostet’ es mein Leben!
I feel my whole heart given to you!
You must, you must! Even if it costs me my life!
[ 24 ] Und jetzt spricht er aus seiner Meditation heraus den Spruch, der zum Zeichen des Erdgeistes hinzugeschrieben ist, ein meditativer, suggestiver Spruch, der wirklich ihn zu dem Gesicht des Geistes hinführt, der der Anführer der Geister ist, in deren Bereich wir eintreten, wenn wir die elementarische Welt betreten. Aber sogleich merken wir, daß Faust eigentlich nicht reif ist für diese Welt, sich vor allen Dingen nicht reif fühlen kann für diese Welt. Was soll ihm denn werden, dem Faust? Selbsterkenntnis soll ihm werden, in dem Sinne, daß sie eben die höchste Welterkenntnis ist, indem wir alle das miterleben, was erlebt werden kann, wenn wir im Elementaren schwimmen und weben und wallen und wesen. Aber was sich darinnen individualisiert, Faust kann es nicht erkennen.
[ 24 ] And now, emerging from his meditation, he utters the verse that is appended as a sign of the Earth Spirit—a meditative, evocative verse that truly leads him to the face of the Spirit who is the leader of the spirits into whose realm we enter when we step into the elemental world. But we immediately realize that Faust is not actually ready for this world—above all, he cannot feel ready for it. What, then, is to become of him, of Faust? He is to attain self-knowledge—in the sense that this is, in fact, the highest knowledge of the world—as we all witness what can be experienced when we swim, weave, surge, and exist within the elemental realm. But Faust cannot recognize what individualizes itself within it.
[ 25 ] Dieses Geistgespräch zwischen Faust und dem Erdgeist ist nun so recht charakteristisch für den Reifezustand auch Goethes in der Zeit, wo er die Szene hingeschrieben hat, wie er sein ungeheures Streben in die geistige Welt hinein schildert.
[ 25 ] This spiritual dialogue between Faust and the Earth Spirit is truly characteristic of Goethe’s own state of maturity at the time he wrote the scene, as he describes his immense yearning for the spiritual world.
Geist: Wer ruft mir?
Ghost: Who's calling me?
[ 26 ] Faust wendet sich schon ab, Natürlich klingt das nicht so wie das, was wir sonst mit den Ohren hören, daß es uns von weitem zuklingt, sondern so, daß wir im Tönen darinnen leben. Das klingt anders als das, was man auf der Erde hören kann, ganz anders. Wie man auch das, was man sieht, nicht durch das Licht sieht, sondern damit selbst strahlt. Das sieht anders aus. Übermensch hat der Faust werden wollen. Das heißt, die geistige Welt hat er betreten wollen, aber ein Grauen faßt ihn vor dieser geistigen Welt. Durch diese Begegnung mit dem Erdgeist wird es Faust klar, daß man ein anderer werden muß, als man vorher als Mensch war, wenn man in die geistige Welt hinein will, daß man nicht mit seinen gewöhnlichen Kräften, Empfindungen und Leidenschaften in diese geistige Welt hinein kann. So muß es Faust tief fühlen, wie er zuerst zurückgeworfen wird, aus der höheren geistigen Welt in die elementarische Welt zurückfällt, und wie er jetzt in der elementarischen Welt in seiner Erkenntnis zurückgeworfen ist, weil er nur das Ich geblieben ist, das er früher war, weil er sich nicht hineinentwickelt hat in diese elementarische Welt, wozu ihn die suggestive Meditation brachte, die er vollzogen hat durch den Spruch, der dem Erdgeist zugeschrieben ist. Er hat für einen Moment sehen können, was für Wesen darinnen sind. Aber der Geist sagt ihm:
[ 26 ] Faust is already turning away. Of course, this doesn’t sound like what we usually hear with our ears—sounds that reach us from afar—but rather as if we were living within the sounds themselves. It sounds different from what one can hear on Earth—completely different. Just as what one sees is not seen through the light, but rather one shines with it oneself. It looks different. Faust wanted to become a superhuman. That is to say, he wanted to enter the spiritual world, but a horror seizes him at the thought of this spiritual world. Through this encounter with the Earth Spirit, it becomes clear to Faust that one must become someone other than the human one was before if one wishes to enter the spiritual world—that one cannot enter this spiritual world with one’s ordinary powers, feelings, and passions. Thus Faust must feel deeply how he is first cast back, falling from the higher spiritual world into the elemental world, and how, now in the elemental world, his understanding is set back because he has remained only the “I” that he was before—because he has not developed himself into this elemental world, a process to which the suggestive meditation he performed through the incantation attributed to the Earth Spirit had led him. For a moment, he was able to see what kinds of beings dwell there. But the Spirit tells him:
Wo bist du, Faust, dess’ Stimme mir erklang,
Der sich an mich mit allen Kräften drang?
Where are you, Faust, whose voice rang out to me,
Who pressed himself upon me with all his might?
[ 27 ] Daß diese Stimme aus dem Unterbewußtsein erklang, darauf habe ich schon aufmerksam gemacht, daß das der Faust war, den der äußere Faust selbst nicht einmal richtig kennt.
[ 27 ] I have already pointed out that this voice came from the subconscious—that it was the Faust whom the outward Faust himself does not even truly know.
Bist du es, der, von meinem Hauch umwttert,
In allen Lebenstiefen zittert...
Is it you, swept up by my breath,
who trembles in the depths of every life...
[ 28 ] Dieses «Du» bezieht sich jetzt auf den gewöhnlichen Faust, während der strebende Faust der höhere Mensch Faust war.
[ 28 ] This “you” now refers to the ordinary Faust, whereas the aspiring Faust was the higher human being Faust.
Ein furchtsam weggekrümmter Wurm?
A worm cowering in fear?
[ 29 ] Aber jetzt erwacht der Trotz des Faust. Er will gerade hinein in die Welt, für die er nicht reif ist:
[ 29 ] But now Faust's defiance stirs. He wants to plunge right into the world for which he is not yet ready:
Soll ich dir, Flammenbildung, weichen?
Ich bin’s, bin Faust, bin deinesgleichen.
Shall I give way to you, Flame?
It is I, Faust, your equal.
[ 30 ] Jetzt kann er noch hören, wie die Geister der elementarischen Welt, in die er sich versetzt hat, mit der Menschengeschichte leben, mit dem, was auf der Erde durch die Rassen und Kulturen hindurch sich vollzieht, wie sie damit leben. Und das Geheimnis der elementaren Welt wird durch den Erdgeist ausgesprochen, er redet nirgends von dem Sein, sondern von dem Werden, von dem Geschehen.
[ 30 ] Now he can still hear how the spirits of the elemental world, into which he has transported himself, live with human history—with what unfolds on Earth through the races and cultures—and how they relate to it. And the mystery of the elemental world is revealed by the Earth Spirit; he speaks nowhere of being, but of becoming, of what is happening.
Geist: In Lebensfluten, im Tatensturm
Wall’ ich auf und ab,
Webe hin und her!
Geburt und Grab,
Ein ewiges Meer,
Ein wechselnd Weben,
Ein glühend Leben,
So schaff’ ich am sausenden Webstuhl der Zeit
Und wirke der Gottheit lebendiges Kleid.
Spirit: In the floods of life, in the storm of deeds
I surge back and forth,
Weaving to and fro!
Birth and grave,
An eternal sea,
A shifting weave,
A blazing life,
Thus I create at the whirring loom of time
And weave a living garment for the Deity.
[ 31 ] Nicht im Raume, in der Zeit: Lesen Sie die Haager Vorträge!
[ 31 ] Not in Space, but in Time: Read the Hague Lectures!
[ 32 ] So viel kann Faust doch begreifen, daß das der Geist ist, der durch die Geschichte geht:
[ 32 ] Faust can at least grasp this much: that this is the spirit that runs through history:
Der du die weite Welt umschweifst,
Geschäftiger Geist, wie nah fühl ich mich dir!
You who roam the wide world,
Restless spirit, how close I feel to you!
[ 33 ] Der du die weite Welt umschweifst! Der du der Geist bist, der den Zeitgeistern angehört, wie nah fühl ich mich dir! — So sagt er in seiner Vermessenheit. Der Geist sagt ihm jetzt das, was Faust selber später das Donnerwort nennt, was wie ein Donnerwort in seine Seele schlägt und ihn wiederum zurückschlägt in die gewöhnliche Welt, in der er ist, weil er noch nicht reif ist. Selbsterkenntnis soll er suchen und in dem zur Welt erweiterten Selbst die geistige Welt. Er kann sie noch nicht finden, deshalb muß ihm von diesem Erdgeist das Donnerwort entgegentönen:
[ 33 ] You who roam the wide world! You who are the spirit that belongs to the spirits of the age—how close I feel to you! — So he says in his presumption. The Spirit now tells him what Faust himself later calls the “thunderous word”—a word that strikes his soul like thunder and hurls him back into the ordinary world in which he finds himself, because he is not yet ready. He must seek self-knowledge and, within the self expanded to encompass the world, the spiritual world. He cannot yet find it; therefore, this Earth Spirit must echo the “thunderous word” back to him:
Du gleichst dem Geist, den du begreifst,
Nicht mir!
You are like the spirit you comprehend,
Not me!
[ 34 ] Welcher Geist ist denn das, den Faust begreift? Welchen Geist begreift denn Faust? Er, das Ebenbild der Gottheit, der nicht den Erdgeist begreifen kann? Wie kann er denn jetzt in der Selbsterkenntnis weiterkommen? Wie schaut der Menschengeist aus, den Faust begreifen kann? Er tritt herein, in Schlafrock und Nachtmütze, der andere Faust: Wagner! Das ist der Geist, den du begreifst! Wagner, den begreifst du! Weiter bist du noch nicht gekommen, denn das andere lebt in dir nur als Trotz, als Leidenschaft! - In der Selbsterkenntnis kommt er ein Stück weiter. Das ist gerade das Eigentümliche in Goethes «Faust», das ist die schöne künstlerische Gestaltung des Goetheschen «Faust», daß das, was in realer Gestalt auf die Bühne gebracht wird, immer im Grunde genommen ein Stück Selbsterkenntnis ist. Wie der Mephisto ein Stück Selbsterkenntnis ist, so ist Wagner auch ein Stück Selbsterkenntnis des Faust. Wagner ist Faust selbst. Und man würde gar nicht Unrecht tun, wenn man einmal den «Faust» so inszenieren würde, wenn man in der Gestalt des Wagner in Schlafrock und Nachtmütze, von dem Faust sich abwendet, ein Konterfei des Faust selbst haben würde, dann würden die Menschen unmittelbar schon verstehen, warum denn jetzt gerade dieser Wagner: hereinkommt. Was der Wagner spricht, das ist im Grunde genommen das, was der Faust schon begreift, das andere deklamiert er nur. Das bringt er nur so heraus. Er glaubt sich zu erheben in höchste Wahrheiten, die er in Phrasenhaftigkeit deklamieren kann, aber sie nicht im Inneren erlebt. Und jetzt spielt sich ein Stück Selbsterkenntnis ab. Wagner spricht die Wahrheit aus. Faust hat im Grunde genommen nicht seine innersten Erlebnisse ausgesprochen, er hat deklamiert.
[ 34 ] What spirit, then, is it that Faust comprehends? What spirit does Faust comprehend? He, the image of the deity, who cannot comprehend the spirit of the earth? How, then, can he now make progress in self-knowledge? What does the human spirit look like that Faust can grasp? He enters, in a nightgown and nightcap—the other Faust: Wagner! That is the spirit you grasp! Wagner—that is whom you grasp! You have not gone any further than that, for the other lives within you only as defiance, as passion!—In self-knowledge, he advances a little further. That is precisely what is so distinctive about Goethe’s *Faust*—that is the beautiful artistic conception of Goethe’s *Faust*—that what is brought onto the stage in tangible form is, at its core, always a piece of self-knowledge. Just as Mephisto is a piece of self-knowledge, so too is Wagner a piece of Faust’s self-knowledge. Wagner is Faust himself. And it would not be at all wrong to stage *Faust* in this way—if, in the figure of Wagner in a dressing gown and nightcap, from whom Faust turns away, one were to have a likeness of Faust himself—then people would immediately understand why this particular Wagner enters at this very moment. What Wagner says is, in essence, what Faust already understands; the rest he merely declaims. That’s just how he expresses it. He believes he is rising to the highest truths, which he can declaim in flowery phrases, but which he does not experience inwardly. And now a moment of self-realization unfolds. Wagner speaks the truth. Faust, in essence, has not expressed his innermost experiences; he has merely declaimed them.
Verzeiht! Ich hör’ Euch deklamieren.
Forgive me! I hear you reciting.
[ 35 ] Das ist eine Wahrheit: er hat nur deklamiert. Und es ist ein Stück Selbstbesinnung, einzusehen, daß man sich so nicht dem Geist der Welt nähert, sondern höchstens ein griechisches Trauerspiel liest. So viele Menschen wollen, wenn sie an die Geisteswissenschaft herankommen, deklamieren von den höchsten Wahrheiten, wenn es auch oftmals ein Sich-selbst-Vordeklamieren von den höchsten Wahrheiten ist. Im Grunde genommen wollen sie nichts, als sich von dieser Geisteswissenschaft vordeklamieren, etwas profitieren, sich einen Nebeldunst vormachen. Mit Bezug auf die heutige Zeit kann man sagen, daß in manchen Kreisen das heute viel der Fall ist. Manche Menschen sind sehr interessant, wenn sie von ihren Gesichten deklamieren. In früherer Zeit hat man das von den Priestern gehört, jetzt haben es noch besser gelernt die Komödianten, so daß die Priester von den Komödianten etwas lernen können. Wenn Faust nur so weit gehen würde, als er mit seinem Verständnis dabei ist, so müßte er die Worte sagen, die Wagner spricht, sein Spiegelbild. Aber er geht mit seiner Leidenschaft hinaus, eben mit dem, was luziferisch ist, hinaus, nicht mit dem echten, vollen, menschlichen Seelenkern, sondern mit dem luziferischen Kern. Der Luzifer in Faust ist es, der jetzt dem, was Faust ist, was aber als Wagner vor uns steht, antwortet:
[ 35 ] This is the truth: he was merely declaiming. And it is an act of self-reflection to realize that one does not approach the spirit of the world in this way, but at most reads a Greek tragedy. So many people, when they come into contact with Spiritual Science, want to declaim about the highest truths—even if it is often merely a matter of declaiming to themselves about the highest truths. Basically, they want nothing more than to declaim about Spiritual Science, to profit from it, and to delude themselves with a haze of illusion. With regard to the present day, one can say that this is often the case in certain circles. Some people are very interesting when they declaim from their visions. In earlier times, one heard this from the priests; now the actors have learned it even better, so that the priests can learn something from the actors. If Faust were to go only as far as his understanding allows, he would have to speak the words that Wagner speaks—his mirror image. But he goes beyond with his passion, precisely with that which is Luciferic—not with the genuine, full, human core of the soul, but with the Luciferic core. It is Lucifer in Faust who now responds to what Faust is—but who stands before us as Wagner:
Ja, wenn der Pfarrer ein Komödiant ist;
Wie das denn wohl zu Zeiten kommen mag.
Yes, if the pastor is a comedian;
I wonder how that might happen sometimes.
[ 36 ] Diese Verachtung, dieser Hochmut kommt aus dem Luziferischen in Faust, denn, würde Faust nicht von Luzifer gepackt sein, dann würde er so reden wie Wagner, wenn er eben nur aussprechen würde, was er ehrlich als den Gegenstand seines Verständnisses gestehen kann. Das andere ist eine dunkle Ahnung bei ihm von etwas, zu dem er vordringen will. Aber dieses Selbstgespräch — wirklich, es ist nur ein Gespräch mit sich selbst — bringt ihn doch ein Stück weiter. Man kommt so viel im Leben weiter, wenn man sich einmal in einem andern Selbst entgegentritt. Sich selbst gesteht man nicht gerne, daß man diese oder jene Eigenschaften hat. Wenn sie einem aber in einem andern entgegentreten, so studiert man sie schon lieber. So erwirbt man sich schon Selbsterkenntnis dadurch, daß eine Eigenschaft einem in der Gestalt des andern entgegentritt wie dem Faust bei Wagner. Faust ist noch nicht so weit, daß er sich jetzt sagen würde, als Wagner fort ist: Ja, eigentlich bin ich das selbst. — Würde er mit seinem Verständnis schon vollständig zu sich durchgedrungen sein, so würde er sich sagen: Ich bin erst ein Wagner, hier im Kopf sitzt erst der Wagner!
[ 36 ] This contempt, this arrogance, stems from the Luciferic element in Faust; for if Faust were not gripped by Lucifer, he would speak like Wagner—if only he would voice what he can honestly acknowledge as the object of his understanding. The other aspect is a dark premonition within him of something he wishes to reach. But this soliloquy—truly, it is merely a conversation with himself—does take him a step further. One gets so much further in life when one encounters oneself in another self. One is reluctant to admit to oneself that one possesses this or that quality. But when these qualities confront one in another, one is more willing to study them. Thus, one gains self-knowledge through the fact that a quality confronts one in the form of another, as it does with Faust in Wagner. Faust is not yet at the point where, once Wagner is gone, he would say to himself: “Yes, actually, that is me.”—If he had already fully come to terms with himself through his understanding, he would say: “I am merely a Wagner; it is only Wagner who resides here in my head!”
Wie nur dem Kopf nicht alle Hoffnung schwindet,
Der immerfort an schalem Zeuge klebt,
Mit gier’ger Hand nach Schätzen gräbt,
Und froh ist, wenn er Regenwürmer findet!
How is it that all hope does not fade from the mind,
Which clings ceaselessly to worthless evidence,
Digging for treasures with a greedy hand,
And is happy when it finds earthworms!
[ 37 ] Denn bis jetzt hat er auch nichts anderes gemacht, außer dem, daß er die Geister in der geschilderten Art gesucht hat. Selbsterkenntnis ist es, die dem Faust entgegentritt in Wagner. Wer hat ihm denn den Wagner hereingeschickt? Der Erdgeist hat ihn hereingeschickt, der Erdgeist:
[ 37 ] For up to now, he has done nothing else but seek out the spirits in the manner described. It is self-knowledge that confronts Faust in Wagner. Who, then, sent Wagner to him? The Earth Spirit sent him, the Earth Spirit:
Du gleichst dem Geist, den du begreifst,
Nicht mir!
You are like the spirit you comprehend,
Not me!
[ 38 ] Und jetzt soll Faust sehen, welchen Geistern er gleicht. Dem Erdgeist, der der Beherrscher der Erde ist, gleicht er nicht, aber sehen soll er einmal eine der Gestalten, die in ihm steckt: Da hast du den Wagner! Dieser Wagner steckt in dir!
[ 38 ] And now Faust shall see which spirits he resembles. He does not resemble the Earth Spirit, who is the ruler of the earth, but let him see one of the figures that dwell within him: There you have Wagner! This Wagner dwells within you!
[ 39 ] Aber nun steckt nicht bloß Wagner in Faust, sondern das luziferische Element ist gegen den Wagner, das heißt gegen sich selbst. Da ist noch ein anderes Element in ihm drinnen.
[ 39 ] But now it is not merely Wagner who is present in Faust; rather, the Luciferic element is opposed to Wagner—that is, to itself. There is yet another element within him.
[ 40 ] Wenn man den «Faust» in seiner früheren Gestalt, wie er anfangs war, ansieht, ist es so, daß Goethe dazumal nach der Erdgeistszene das folgende nicht fertig gemacht hat. Da geht das so fort: Gespräch mit Wagner, dann mit dem Studenten, Mephisto... In den Kreis Fausts und seiner Schüler tritt Mephisto ein, von dem Goethe nicht recht weiß, ob er Luzifer oder Ahriman ist. Würde er Geisteswissenschaft gehabt haben, so würde jetzt der Luzifer auftreten. Da hat er den andern, den ihm der Erdgeist schickt. Der Erdgeist schickt ihm Wagner, schickt ihm Mephisto, wir würden sagen Luzifer. Faust soll so nach und nach kennenlernen, was in ihm steckt. Mephisto ist geschickt vom Erdgeist: Da hast du wiederum einen von den Geistern, die du begreifst. Versuche einmal den Luzifer zu begreifen, der in dir steckt, und nicht gleich den Geist der Erde anzuschauen!
[ 40 ] If one looks at *Faust* in its earlier form, as it was at the beginning, it turns out that Goethe did not complete the following section after the Earth Spirit scene at that time. It continues like this: a conversation with Wagner, then with the student, Mephisto... Mephisto enters the circle of Faust and his students, and Goethe isn’t quite sure whether he is Lucifer or Ahriman. If he had studied Spiritual Science, Lucifer would appear now. Instead, he has the other one, the one sent to him by the Earth Spirit. The Earth Spirit sends him Wagner, sends him Mephisto—we would say Lucifer. Faust is to gradually come to know what lies within him. Mephisto is sent by the Earth Spirit: “Here you have, once again, one of the spirits you can comprehend. Try to comprehend the Lucifer within you, and do not look immediately at the Spirit of the Earth!”
[ 41 ] Wie Goethe im Unklaren war über die Sache, kann man daraus ersehen, daß ein kleines Stückchen, das später weggeblieben ist, in der ursprünglichen Niederschrift dasteht, in vier Zeilen. 1775 standen vier Zeilen da, nach der Szene, wo Mephisto den Faust soweit gebracht hat, daß er ihn zu Gretchen hingeführt hat, und daß Faust jetzt zu Gretchen dringen will. Da stehen vier Zeilen, die schon 1790 nicht mehr im Fragment darinnen waren. Nachdem Faust den Mephisto, der aber eigentlich Luzifer ist — Goethe bringt es nur durcheinander -, aufgefordert hat, für das Geschmeide für Gretchen zu sorgen, da sagt in der alten Handschrift .Mephisto, nachdem Faust weggegangen ist:
[ 41 ] Just how unclear the matter was to Goethe can be seen from the fact that a short passage—which was later omitted—appears in the original manuscript, consisting of four lines. In 1775, there were four lines there, following the scene where Mephisto has led Faust to the point where he has brought him to Gretchen, and where Faust now wants to make his move on Gretchen. There are four lines there that were already missing from the fragment by 1790. After Faust has asked Mephisto—who is actually Lucifer, though Goethe gets them mixed up—to provide jewelry for Gretchen, the old manuscript has Mephisto say, after Faust has left:
Er tut, als wär er ein Fürstensohn.
Hätt’ Luzifer so ein Dutzend Prinzen,
Die sollten ihm schon was vermünzen;
Am Ende kriegt’ er eine Kommission.
He acts as if he were a prince's son.
If Lucifer had a dozen princes like that,
They'd certainly make him some money;
In the end, he'd get a commission.
[ 42 ] Da steht es, da nennt sich Mephisto selbst mit dem Namen Luzifer. Wie gesagt, die vier Zeilen sind später weggefallen. Um was war es also Goethe eigentlich zu tun in seiner älteren Zeit, in der er sich, man möchte sagen, selbst ausdrücken wollte in seinem «Faust»? Nun, darum war es ihm zu tun, zu zeigen, wie der Mensch zur Selbsterkenntnis kommen soll. Aber, man möchte sagen, ahnend liegt darinnen in dieser ersten Szene, die Goethe in seiner Jugend hingeschrieben hat, was Sie jetzt mit Deutlichkeit lesen können da, wo geschildert wird in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» die Begegnung mit dem Hüter der Schwelle. Wie der Mensch, der nach und nach einsieht, wie verschiedene Wesenheiten in ihm stecken, sich zerteilt, das haben Sie vorgeahnt in Faust, wie er sich aufteilt in Wagner und Luzifer-Mephisto. Er lernt sich so nach und nach kennen in seinen einzelnen Teilen, er lernt sich kennen als Wagner, er lernt sich kennen als Luzifer-Mephisto. Aber wie gesagt, Goethe mußte erst reif werden, um die große Bedeutung des ChristusImpulses für die Menschheit wirklich zu durchschauen, soweit das in seiner Zeit möglich war. Daher sehen wir, wie Goethe erst in seinen reiferen Jahren das, was er früher geschrieben hat über Fausts Streben bis dahin, wo der Mensch sich in seinen verschiedenen Abbildern, auch im Luzifer-Abbild, entgegentritt, nun dadurch zu ergänzen sucht, daß er Faust in Berührung kommen läßt mit dem, was in die Erdenentwickelung durch Christus eingeflossen ist. Man möchte sagen, die Kultzeichen des Christus treten an Faust heran. Und dadurch sehen wir in dem «Faust» das Dokument, das uns anzeigt, wie Goethe selbst herangebracht hat den Okkultismus an das Christentum, an den ChristusImpuls, und wie wir in der Tat heute auf der Bahn weiterarbeiten, die Goethe mit Bezug auf ihre ersten Schritte dazumal eingeschlagen hat. In Goethes Zeit konnte man nur zu einer Ahnung kommen. Heute ist die Zeit herangekommen, die es dem Menschen möglich macht, durch die Geisteswissenschaft wirklich in die Gefilde des geistigen Lebens einzutreten, in die hinein Goethes ganzes Streben gerichtet war. Die heutige Zeit muß den Faust anders begreifen, als ihn Goethe selbst begriffen hat. Ja, die Welt schreitet vor, und wenn wir nicht voll anerkennen, daß die Welt vorschreitet, so meinen wir es nicht ernst genug mit der Welt. Solche Erlebnisse aber, daß man sich spaltet, daß man sich selbst entgegentritt in seiner wahren Gestalt, in luziferischer Gestalt, solche Erlebnisse bringen einen doch vorwärts, aber immer nur um ein kleines Stückchen. Von dem Glauben müssen wir uns schon trennen, daß wir die ganze geistige Welt überschauen können, wenn wir nur kleine Fortschritte gemacht haben, wie wir sie durch Meditation machen können. Ein wenig nur kommt man immer vorwärts.
[ 42 ] There it is—Mephisto calls himself Lucifer. As I said, those four lines were later omitted. So what was Goethe actually trying to do in his later years, when he—one might say—wanted to express himself in his *Faust*? Well, his aim was to show how a human being is to attain self-knowledge. But—one might say—there lies, as if foreshadowed, in this first scene, which Goethe wrote in his youth, what you can now read clearly in the section titled “How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?”—the encounter with the Guardian of the Threshold. You foresaw in *Faust* how a human being, gradually realizing how various beings dwell within him, becomes divided—just as he splits into Wagner and Lucifer-Mephisto. He thus gradually comes to know himself in his individual parts; he comes to know himself as Wagner; he comes to know himself as Lucifer-Mephisto. But as I said, Goethe first had to mature in order to truly grasp the great significance of the Christ impulse for humanity, to the extent that this was possible in his time. Thus we see how, only in his later years, Goethe sought to supplement what he had previously written about Faust’s striving—up to the point where the human being confronts himself in his various images, including the image of Lucifer—by bringing Faust into contact with what has flowed into the Earth’s evolution through Christ. One might say that the cult symbols of Christ approach Faust. And through this we see in *Faust* the document that shows us how Goethe himself brought occultism into contact with Christianity, with the Christ impulse, and how we are in fact continuing today along the path that Goethe set out on back then, with regard to its first steps. In Goethe’s time, one could only arrive at a vague inkling. Today, the time has come that makes it possible for human beings, through Spiritual Science, to truly enter the realms of spiritual life—toward which all of Goethe’s striving was directed. The present age must understand Faust differently than Goethe himself did. Yes, the world is moving forward, and if we do not fully acknowledge that the world is moving forward, then we are not taking the world seriously enough. Such experiences, however—of being split, of encountering oneself in one’s true form, in a Luciferic form—such experiences do carry us forward, but always only a little way. We must let go of the belief that we can survey the entire spiritual world when we have made only small advances, such as those we can achieve through meditation. One always moves forward only a little.
[ 43 ] Zwei Naturen sind in Faust: die Wagner-Natur und dasjenige, was nun vorwärts strebt. Als Goethe darauf hinweisen wollte in reifen Jahren, hat er das sehr schön gemacht. Es kam Goethe das Bedürfnis, da, als Faust schon an das Christentum herangetreten war, zu zeigen, was die Wagner-Natur in Faust ausmacht. Daher läßt er Wagner und Faust miteinander den Österspaziergang machen. Es ist jetzt wirklich so, daß uns, wie es dramatisch natürlich ist, an zwei Personen dargestellt wird, was in Fausts Seele vorgeht. Der höhere Mensch in Faust strebt vorwärts, aber der Faust-Wagner hält den Faust zurück. Ein Funken der Erfassung der geistigen Welt ist in Faust entzündet, daher wird ihm der Pudel, der ihm begegnet, so, daß er jetzt nicht nur den sinnlichen Pudel sieht, und es ist wirklich etwas wie eine Seelenkraft in Faust, die sich da ausspricht in dem Gespräch mit Wagner:
[ 43 ] There are two natures in Faust: the Wagnerian nature and that which now strives forward. When Goethe wanted to point this out in his later years, he did so very beautifully. Goethe felt the need, at that point—when Faust had already approached Christianity—to show what constitutes the Wagnerian nature in Faust. That is why he has Wagner and Faust take the Easter Walk together. It is now truly the case that, as is naturally dramatic, what is going on in Faust’s soul is portrayed to us through these two characters. The higher human being in Faust strives forward, but the Wagnerian side of Faust holds him back. A spark of understanding of the spiritual world has been kindled in Faust; that is why the poodle he encounters appears to him in such a way that he now sees more than just the physical poodle—and there is truly something like a power of the soul within Faust that expresses itself in the conversation with Wagner:
Faust: Siehst du den schwarzen Hund durch Saat und Stoppel streifen?
Faust: Do you see the black dog roaming through the crops and stubble?
[ 44 ] Jetzt erwacht wiederum die Natur des Wagner in Faust.
[ 44 ] Now Wagner's nature reawakens in Faust.
Wagner: Ich sah ihn lange schon, nicht wichtig schien er mir.
Die höhere Natur: Betracht’ ihn recht! Für was hältst du das Tier?
Wagner-Natur: Für einen Pudel, der auf seine Weise Sich auf der Spur des Herren plagt.
Wagner: I’d seen him for a long time, but he didn’t seem important to me.
The Higher Nature: Look at him closely! What do you take this animal to be?
Wagner’s Nature: A poodle who, in his own way, struggles to follow his master’s trail.
[ 45 ] Das sind Einwände, die sich durchaus Faust selbst eigentlich macht. Und nun geht es weiter. Faust beginnt schon hinter dem Sinnlichen das Übersinnliche zu sehen, er ahnt es schon. Also, es ist Ahnen, hervorgerufen durch die Erfahrungen, die er gemacht hat. Ein Funken der geistigen Welt ist in ihn eingezogen. Und schön ist es, möchte man sagen, wie unendlich künstlerisch aufrichtig und ehrlich Goethe ist, nur muß man ihn verstehen. Als Faust jetzt das Luziferische in sich fühlt — wie Sie wissen, hängt das Luziferische mit dem Eigensinn zusammen, dem inneren Egoismus -, trägt er dieses Luziferische, jetzt als Faust, auch schon in sein Ergriffensein der Seele von dem Christus-Impuls herein. Es ist ein luziferischer Zug, daß ihm das Johannes-Evangelium, indem er es übersetzen will, gar nicht vollkommen erscheint. Denn dem Verstehenden sind die Goethe-Kommentatoren etwas kurios, die nun wirklich mitgehen, weil sie immer mit dem Dichter mitgehen, auch da, wo er die Dinge, die er sagen will, auf seine Personen verteilt. Den Text des Evangeliums versteht Faust noch gar nicht, sonst würde er stehenbleiben bei «Im Anfang war das Wort». Er stockt, weil er es noch nicht versteht. Die Professoren stellen es so dar, als wenn Faust es besser verstünde, aber er versteht es noch nicht. Ihm erscheint jetzt die Kraft, die Tat - also Rationalistisch-Verstandesmäßiges trägt er in das Evangelium hinein. Das ruft jetzt die entgegengesetzte Erscheinung hervor. Während er früher heruntergestoßen worden ist in die sinnliche Welt, wird er jetzt hinaufgelenkt in die geistige Welt. Indem er so recht seine Beschränktheit geltend macht, indem er setzt «Sinn und Kraft und Tat», wird er hinaufgestoßen in die geistige Welt, weil schon ein Funken von geistiger Kraft in Faust ist. Da kommen die Geister und wiederum als Sendbote des Erdgeistes... Mephisto, diese unklare Gestalt zwischen Luzifer und Ahriman. Sie sehen also, man muß aus dem Ringen Goethes heraus das Eindringen Fausts in die geistige Welt begreifen, und man kann gerade für unsere jetzige Zeit daraus unendlich viel lernen.
[ 45 ] These are objections that Faust himself actually raises. And now the story continues. Faust is already beginning to see the supernatural beyond the sensory world; he already senses it. So, it is a premonition, brought about by the experiences he has had. A spark of the spiritual world has entered him. And one might say how beautiful it is, how infinitely artistically sincere and honest Goethe is—one just has to understand him. When Faust now feels the Luciferic within himself—as you know, the Luciferic is connected to self-will, to inner egoism—he, now as Faust, already carries this Luciferic element into his soul’s response to the Christ impulse. It is a Luciferic trait that, as he attempts to translate the Gospel of John, it does not seem perfect to him at all. For to the discerning reader, Goethe’s commentators seem somewhat peculiar; they truly go along with him because they always follow the poet, even where he distributes the things he wishes to say among his characters. Faust does not yet understand the text of the Gospel at all; otherwise, he would pause at “In the beginning was the Word.” He hesitates because he does not yet understand it. The professors portray it as if Faust understood it better, but he does not yet understand it. The power, the deed—that is, rationalistic, intellectual elements—now appear to him, and he projects them into the Gospel. This now brings about the opposite phenomenon. Whereas he was previously thrust down into the sensory world, he is now guided upward into the spiritual world. By asserting his limitations so emphatically—by positing “sense, power, and action”—he is propelled upward into the spiritual world, because there is already a spark of spiritual power within Faust. Then the spirits appear, and once again as messengers of the Earth Spirit... Mephisto, that ambiguous figure between Lucifer and Ahriman. So you see, one must understand Faust’s entry into the spiritual world through the lens of Goethe’s struggle, and we can learn an infinite amount from this, especially for our present time.
[ 46 ] Worum es mir besonders in dem letzten Vortrag am Östersonntag und in diesem Vortrag zu tun war, ist, vor Ihre Seelen zu führen, wie es gerade einem Geist, der sich vertiefen will, eine schwerere Angelegenheit ist, zu dem Christus-Impuls vorzudringen, als einem Geist, der in seinem unendlichen Hochmut und in seiner Dünkelhaftigkeit stehenbleibt und das nicht haben will, was Geisteswissenschaft ihm bieten kann. Auf der andern Seite wollte ich auch an dem «Faust» anschaulich machen, wie gewaltig das war, was durch den Christus-Impuls in die Welt eingezogen ist. Es werden Zeiten kommen, da wird man immer besser und besser, gerade durch das, was Geisteswissenschaft zu geben vermag, die innere Natur des Christus-Impulses begreifen lernen. Es steht in der Welt da — ich möchte sagen, wie eine durch die Weltgeschichte gebrachte Illustration für die Erdenentwickelung der Menschheit von dem, was der Christus-Impuls ist — es steht da die Tatsache, daß Jahrhunderte, nachdem der Christus-Impuls eingetreten ist in die Menschheitsentwickelung der Erde, in dieser Menschheitsentwickelung etwas auftritt, das man auch nicht richtig versteht. Im Augenblick aber, wo man anfängt, es richtig zu verstehen, wird man gerade durch dieses Verständnis zu einem tieferen Gefühl von dem Christus-Ereignis gebracht. Sie wissen ja, sechshundert Jahre, nachdem der Christus-Impuls in die Menschheitsentwickelung eingetreten ist, trat in einer gewissen Menschengemeinschaft ein Prophet auf, der das zunächst abgewiesen hat, was durch den Christus-Impuls in die Menschheitsentwickelung eingetreten ist, Mohammed. Wir dürfen heute wirklich nicht mehr zu dem Aberglauben des 19. Jahrhunderts uns bekennen, der aus dem Rationalismus heraus in Kleinheit das erklären will, was aus dem Geiste heraus erklärt werden muß. Und lächerlich muß demjenigen, der in die Geisteswissenschaft wirklich eindringen will, es erscheinen, wenn von Mohammed ein besonders gelehrter, gescheiter Mann sagt: Ja, der behauptet ja, daß in der Gestalt von Tauben zu ihm der Engel herankomme, der ihm ins Ohr geraunt hat, was er in den Koran geschrieben hat! Aber Mohammed - so sagt der rationalistische Gelehrte — war ein bloßer Gaukler. Er hat sich einige Körner, die die Tauben gern fressen, ins Ohr gesteckt, da sind die Tauben herangeflogen und haben sich die Körner geholt, sind aber wieder weggeflogen, wenn sie sie gehabt haben! - Ja, solche Erklärungen hat es gegeben, innerhalb und außerhalb des Christentums, in dem ganz gescheiten 19. Jahrhundert.
[ 46 ] My particular aim in the last lecture on Easter Sunday and in this lecture was to to bring before your souls how it is a more difficult task for a spirit that seeks to delve deeply to penetrate to the Christ impulse than it is for a spirit that remains stuck in its infinite arrogance and conceit and does not want what Spiritual Science has to offer. On the other hand, I also wanted to use *Faust* to illustrate just how immense was what entered the world through the Christ impulse. Times will come when people will learn to understand the inner nature of the Christ impulse better and better, precisely through what Spiritual Science is able to offer. It stands there in the world—I would say, like an illustration brought about by world history of humanity’s earthly development, showing what the Christ impulse is—there stands the fact that centuries after the Christ impulse entered into humanity’s development on Earth, something occurs in this development that is not yet fully understood. But the very moment one begins to understand it correctly, it is precisely through this understanding that one is led to a deeper sense of the Christ event. As you know, six hundred years after the Christ impulse entered human development, a prophet appeared in a certain human community who initially rejected what had entered human development through the Christ impulse: Muhammad. Today we really must no longer subscribe to the superstition of the nineteenth century, which, out of rationalism, seeks to explain in a narrow-minded way what must be explained from the spirit. And it must seem ridiculous to anyone who truly wishes to delve into Spiritual Science when a particularly learned, intelligent man says of Muhammad: “Yes, he claims that the angel came to him in the form of doves and whispered into his ear what he wrote in the Quran!” But Muhammad—so says the rationalist scholar—was merely a charlatan. He put a few grains—which the doves like to eat—into his ear; the doves flew over and took the grains, but flew away again once they had them!—Yes, such explanations have been offered, both within and outside of Christianity, in the very “intelligent” 19th century.
[ 47 ] Es wird eine Zeit kommen, wo man wirklich über solche Erklärungen nur lachen wird, trotzdem sie den Materialismus voll befriedigen können. Wir müssen schon Mohammed tiefer nehmen, wir müssen uns schon klar sein, daß dasjenige, was in seiner Seele lebte, wirklich ein solcher Verkehr mit der geistigen Welt war, wie ihn Goethe für seinen Faust suchte. Aber was hat Mohammed gefühlt? Was hat er gefunden? Ich kann das heute nur andeuten, ein andermal will ich es noch genauer ausführen. Was hat Mohammed gefunden? Nun, Sie wissen, Mohammed strebte zunächst nach einer Welt, für die er einen Ausdruck hatte, es istnur ein Wort: Der Gott. Die Welt wird zu einem Monon, zu einem monistischen Ausdruck des Gottes. Diese Welt hat nichts von dem Wesen des Christentums, selbstverständlich. Aber Mohammed schaut doch hinein in die geistige Welt, er kommt hinein in die elementare Welt, von der ich heute gesprochen habe. Er verspricht seinen Gläubigen, daß sie eintreten werden, wenn sie durch die Pforte des Todes gegangen sein werden, in diese geistige Welt. Aber er kann ihnen nur von der geistigen Welt erzählen, die er kennengelernt hat. Was ist das für eine geistige Welt? Diese geistige Welt, von der Mohammed seinen Gläubigen erzählt, ist die luziferische Welt, die er als das Paradies ansieht, die Welt, die gerade erstrebt werden soll. Und wenn man aus dem Abstrakten in das Reale kommt, und man hinzufügt, interpretierend, den Sinn des Islam-Strebens in die geistige Welt hinein, erkennt man, was die Geisteswissenschaft auch verkündet. Aber diese geistige Welt ist die Welt, in der Luzifer seine Herrschaft hat; uminterpretiert wird die luziferische Welt zu dem Paradiese, zu der Welt, die gerade erstrebt werden soll von den Menschen.
[ 47 ] A time will come when people will truly laugh at such explanations, even though they may fully satisfy materialism. We must take Muhammad more seriously; we must realize that what lived in his soul was truly the kind of communion with the spiritual world that Goethe sought for his Faust. But what did Muhammad feel? What did he find? I can only hint at this today; another time I will explain it in greater detail. What did Muhammad find? Well, you know, Muhammad initially strove for a world for which he had a single term—it is just one word: God. The world becomes a monon, a monistic expression of God. This world has nothing of the essence of Christianity, of course. But Muhammad does look into the spiritual world; he enters the elemental world of which I have spoken today. He promises his followers that, once they have passed through the gate of death, they will enter this spiritual world. But he can only tell them about the spiritual world he has come to know. What kind of spiritual world is this? This spiritual world that Muhammad describes to his followers is the Luciferic world, which he regards as paradise—the world that is to be striven for. And when one moves from the abstract to the concrete, and interpretively incorporates the meaning of Islam’s striving into the spiritual world, one recognizes what Spiritual Science also proclaims. But this spiritual world is the world in which Lucifer reigns; the Luciferic world is reinterpreted as paradise, as the world toward which human beings are to strive.
[ 48 ] Ich glaube, es muß einen tiefen Eindruck auf unsere Seelen machen, wenn wir so in das Wesen des geschichtlichen Werdens an einer sehr wichtigen Erscheinung uns vertiefen können. Es muß uns schon bedenklich machen, wenn wir im Fortgang des religiösen Lebens erfahren, wie ein großer Prophet auftrat mit dem Irrtum, daß die luziferische Welt das Paradies sei. Ich möchte nicht, daß das in Ihre Seele nur so einziehe wie abstrakte Wahrheiten, ich glaube, es kann schon die Seele erschüttern, wenn man dergleichen auf sie wirken läßt. Aber, was tut der Mohammedaner, um in seine geistige Welt hineinzukommen? Wir könnten vielleicht nachher an der Tür jeden einen Zettel abwerfen lassen, der den Koran ganz gelesen hat von den lieben Freunden, die hier sitzen. Es wäre dann interessant, die Zettel zu zählen derjenigen, die ihn gelesen haben. Aber es ist auch nicht leicht, den Koran ganz zu lesen, mit seinen unendlichen Wiederholungen, mit dem, was der abendländische Mensch in der Darstellung so unendlich langweilig findet. Unter den Mohammedanern aber gibt es Menschen, die ihn siebzigtausendmal in ihrem Leben vom Anfang bis zum Ende gelesen haben wollen. Das heißt: ein Wort, das gegeben ist, der Seele zugeführt zu haben so, daß dieses Wort in der Seele lebendig geworden ist! Können wir in bezug auf das Christentum sicher nichts inhaltlich lernen von einer solchen Religionsgemeinschaft, so können wir doch erfahren, daß innerhalb jener Menschengemeinschaft ganz anders verfahren wird selbst mit dem geistigen Irrtum, als bei uns mit dem, was wir als geistige Wahrheiten zu erkennen berufen sind. Dasjenige, was ein Europäer höchstens tut, ist, daß er den «Faust» liest, dann, wenn er ihn vergessen hat, ihn wieder liest, wenn er ihn wieder vergessen hat, nochmals liest. Aber diejenigen, die ihn hundertmal gelesen haben, den «Faust», werden auch zu suchen sein. Es ist auch begreiflich innerhalb der bisherigen abendländischen Bildung. Wie sollte man denn alles siebzigtausendmal lesen, was im Abendland gedruckt wird; ganz begreiflich ist es. Aber etwas sollten wir uns doch aneignen, daß es etwas anderes ist, sich einfach zu informieren über einen Inhalt, der für das Seelenleben bedeutungsvoll ist, und etwas anderes, mit ihm zu leben, immer wieder und wiederum, so daß man ganz eins mit ihm wird, ganz eins. Es ist etwas, wovon man erst Verständnis gewinnen muß, wovon man sich nicht einmal ein Verständnis nach den Denkgewohnheiten unserer Volksgemeinschaft machen kann. Aber wir sollten über solche Dinge nachdenken. Nicht bloß, um Ihnen etwas zu sagen, sondern, um Ihr Nachdenken anzuregen, sind Worte gesprochen, wie diejenigen sind, die in dieser Betrachtung gesprochen worden sind. Um unser Verantwortlichkeitsgefühl gegenüber uns selbst und gegenüber der Welt zu erhöhen, mit Bezug auf dasjenige, was uns Geisteswissenschaft sein kann und soll.
[ 48 ] I believe it must make a deep impression on our souls when we are able to delve so deeply into the essence of historical development through a very significant phenomenon. It must certainly give us pause when, in the course of religious life, we learn how a great prophet arose with the error that the Luciferic world was paradise. I do not want this to simply sink into your soul like abstract truths; I believe it can truly shake the soul when one allows such things to take effect upon it. But what does the Muslim do to enter his spiritual world? Perhaps afterward we could have each of our dear friends sitting here who has read the entire Qur’an drop a slip of paper at the door. It would then be interesting to count the slips from those who have read it. But it is also not easy to read the entire Qur’an, with its endless repetitions, with what Westerners find so infinitely tedious in its presentation. Among Muslims, however, there are people who claim to have read it seventy thousand times in their lives, from beginning to end. That is to say: to have brought a given word to the soul in such a way that this word has come alive within the soul! While we certainly cannot learn anything substantively about Christianity from such a religious community, we can at least learn that within that human community, even spiritual error is treated quite differently than we treat what we are called to recognize as spiritual truths. The most a European does is read *Faust*; then, when he has forgotten it, he reads it again; and when he has forgotten it once more, he reads it yet again. But those who have read *Faust* a hundred times would be hard to find. This is also understandable within the context of Western education to date. After all, how could one possibly read everything printed in the West seventy thousand times? It is quite understandable. But there is something we should take to heart: that it is one thing to simply inform oneself about a subject that is significant for the life of the soul, and quite another to live with it, again and again, so that one becomes completely one with it—completely one. It is something one must first come to understand—something one cannot even begin to grasp according to the habitual ways of thinking within our national community. But we should reflect on such things. Words such as those spoken in this reflection have been spoken not merely to tell you something, but to stimulate your own reflection. To heighten our sense of responsibility toward ourselves and toward the world, with regard to what Spiritual Science can and should be for us.
[ 49 ] Wir leben in mancherlei Hinsicht in einer schweren Zeit. Die ganz schweren äußeren Ereignisse, die uns in der Gegenwart umgeben, sind nur das äußere Zeichen für unsere ganz schwere Zeit. Es ist nicht gut, diese ganz schwere Zeit wie eine Krankheit anzusehen, wie wir oftmals eine Krankheit Krankheit nennen, denn die Krankheit ist oft ein Heilungsprozeß, die wahre Krankheit ist der physisch erscheinbaren Krankheit vorausgegangen. So ist auch dem, was jetzt als Trauerereignisse durch die Welt geht, vorangegangen etwas Krankhaftes, und in viel Tieferes sollen wir hineinsehen, als die Menschheit geneigt ist, hineinzusehen. Oh, ein großer Schmerz kann sich auf der Seele ablagern desjenigen, der gerade die heutige Zeit betrachtet mit den Aufgaben, die sie hat, und mit dem geringen Verständnis, das so viele Menschen diesen Aufgaben entgegenbringen. Wenn gesehen wird, wie Menschen gerade heute in der Welt urteilen, wie Menschen denken, fühlen und empfinden, und wie dieses Denken, Fühlen und Empfinden zu äußeren Freignissen führt, und wie die Menschen von diesen äußeren Ereignissen so wenig lernen, dann lagert sich ein unendlich bedeutungsvoller Schmerz auf der Seele ab. Dieses Schmerzgefühl ist es, das jetzt oftmals über die Seele kommen muß. Kann man doch wirklich hinaussehen in die Zeit — um nur das jüngste zu nennen — monatelanger Prüfung, hinwenden den Blick auf das, was die Menschen gelernt haben durch diese monatelange Prüfung, auf das, was einem an Urteil entgegentritt im Verhältnis zu dem, was vor acht Monaten einem entgegengetreten ist: es ist dieselbe Art des Utrteilens, dieselbe Art des Empfindens. Das, womit die Menschen glaubten, Recht zu haben vor acht Monaten, sie denken es immer noch, sie wollen gar, daß die traurigen Ereignisse eingetreten sind, um besonders ihnen Recht zu geben in dem, womit sie Recht zu haben glaubten vor acht Monaten.
[ 49 ] In many ways, we are living in difficult times. The very serious external events that surround us at present are merely the outward signs of the very difficult times we are facing. It is not good to view these very difficult times as an illness, just as we often call an illness an “illness,” for illness is often a healing process; the true illness preceded the physically manifest illness. Similarly, what is now sweeping through the world as tragic events was preceded by something pathological, and we must look much deeper than humanity is inclined to do. Oh, a great pain can settle upon the soul of anyone who contemplates the present time with the challenges it presents and the limited understanding that so many people bring to these challenges. When one sees how people in the world today pass judgment, how they think, feel, and perceive—and how this thinking, feeling, and perceiving leads to external events—and how little people learn from these external events, then an infinitely significant pain settles upon the soul. It is this sense of pain that must now so often come over the soul. For one can truly look back on this period—to name only the most recent example—of months-long trials, turn one’s gaze to what people have learned through these months-long trials, and compare the judgments one now encounters with those one encountered eight months ago: it is the same kind of judgment, the same kind of sentiment. What people believed to be right eight months ago, they still believe today; they even wish that these sad events had occurred specifically to prove them right in what they believed to be right eight months ago.
[ 50 ] Ich kann es nicht aussprechen, wie unendlich der Schmerz ist, den man empfindet über die geringe Art, wie sich in den letzten Monaten die Menschenseelen gewandelt haben nach den Voraussetzungen, die man für diesen Wandel machen mußte, damit wirklich unsere Zeit die Zeit einer Prüfung, die Zeit eines Lernens sei. Von denjenigen aber, die innerhalb der Geisteswissenschaft stehen, möchte man wünschen, daß sie mancherlei von dem gerade aufnehmen, was man lernen kann, wenn solche Betrachtungen, wie diese im Zusammenhang mit «Faust», angestellt werden. Immer wiederum möchte man die Seelen hinweisen auf den tiefen Ernst und auf das heilige Wahrheitsstreben, das mit unserer geisteswissenschaftlichen Anschauung verknüpft sein muß. Und rächen muß sich gerade in einer solchen Bewegung dasjenige, was nicht aus tiefer Ehrlichkeit und tiefem Wahrheitsgefühl heraus ist. All dasjenige, wovon man sagen kann dem, der es äußert: Verzeiht, ich hör’ Euch deklamieren! -, alles das sollen wir wirklich zu überwinden versuchen.
[ 50 ] I cannot put into words just how infinite is the pain one feels at the petty way in which human souls have changed in recent months, given the conditions that had to be created for this change so that our time might truly be a time of trial, a time of learning. But one would hope that those who are engaged in Spiritual Science would take to heart much of what can be learned when such reflections—as these in connection with *Faust*—are made. Time and again, one would like to direct souls’ attention to the profound seriousness and the sacred quest for truth that must be linked to our spiritual-scientific perspective. And it is precisely in such a movement that whatever does not spring from deep sincerity and a profound sense of truth must be exposed. All that of which one can say to the one who expresses it: “Forgive me, but I hear you declaiming!”—all of that we must truly strive to overcome.
[ 51 ] Ist es denn nicht sonderbar, wenn wir heute den Bühnentraditionen nach Wagner oft über die Bühne gehen sehen, und wenn auch Gelehrte, wenn gegenwärtig Rationalisten und Verstandesmenschen weidlich höhnen über dasjenige, was Wagner ist, statt daß sie an ihr Herz klopfen und sich in dem Wagner sehen würden. Dieser Wagner sitzt überall auf den Lehrstühlen, in den Laboratorien, und unsere wissenschaftliche Literatur, unsere philosophische Literatur, sie würden eine tiefe Wahrheit enthalten, wenn die größte Zahl der Autoren das Pseudonym «Wagner» wählen würden. Denn sie sind von Wagner geschrieben, diese Philosophien der Gegenwart.
[ 51 ] Isn’t it strange that today, following theatrical traditions, we often see Wagner take the stage, and that even scholars—and currently, rationalists and men of reason—mock Wagner to their hearts’ content, instead of listening to their hearts and recognizing themselves in him? This Wagner sits everywhere in the lecture halls, in the laboratories, and our scientific literature, our philosophical literature—they would contain a profound truth if the vast majority of authors were to choose the pseudonym “Wagner.” For these contemporary philosophies have been written by Wagner.
[ 52 ] Ich glaube gar sehr, daß auch mancher, der in den Reihen der Geisteswissenschaft lebt, hinreichend Grund hat, an seine Brust zu klopfen, sich selbsterkennend zu prüfen, wieviel von bloßem Sich -selbst-Vordeklamieren in seiner Seele ist, und wieviel aus absoluter Ehrlichkeit, aus absolutem Wahrheitsgefühl entsprungen! Mit dieser Mahnung an Ihre Herzen, an Ihre tiefsten Seelenkräfte schließe ich diese Betrachtung.
[ 52 ] I firmly believe that even some who walk the path of Spiritual Science have sufficient reason to search their hearts, to examine themselves with self-awareness, to determine how much of what is in their souls is mere self-proclamation, and how much springs from absolute honesty and an absolute sense of truth! With this appeal to your hearts, to the deepest powers of your souls, I conclude this reflection.
