Faust, the Striving Human Being
Spiritual Scientific Explanations of Goethe's Faust
GA 272
20 August 1916, Dornach
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Faust, the Striving Human Being, tr. SOL
11. Die Historische Bedeutung des «Faust»
11. The Historical Significance of “Faust”
nach eurythmisch-dramatischen Darstellungen: «Zueignung», «Vorspiel auf dem Theater», «Prolog im Himmel»
based on eurythmic-dramatic performances: “Dedication,” “Prelude at the Theater,” “Prologue in Heaven”
[ 1 ] Ich habe gestern und schon öfter davon gesprochen, daß der Goethesche Mephistopheles im Grunde genommen eine widerspruchsvolle Figur ist. Wir wissen auch schon, warum er eine widerspruchsvolle Figur ist. Es vereinigen sich in ihm, man könnte sagen, bunt durcheinander mephistophelische, also ahrimanische, und luziferische Charaktereigenschaften. Goethe wußte — so könnte man zunächst sagen — diese Charaktereigenschaften noch nicht auseinanderzuhalten. Wenn man auf der einen Seite ein Kunstwerk so hoch stellt, wie Sie gesehen haben, daß ich es mit dem «Faust» tue, so darf man wohl auch auf solche tatsächlichen Dinge aufmerksam machen. Merkwürdig bleibt es allerdings, daß man so wenig — in einzelnen Fällen ist es ja geschehen — die Widersprüche aus der Dichtung selber heraus eigentlich bemerkt. Es ist das auch ein Zeichen für die Art, wie heute vielfach Dinge aufgenommen werden, daß man nicht mit genügender innerer Teilnahme an die Dinge so herangeht, daß man das innere Leben und Weben bemerkt. Denn täte man es, so würde man zum Beispiel die inneren Widersprüche in der Mephistophelesfigur bald bemerken müssen.
[ 1 ] I mentioned yesterday—and on many previous occasions—that Goethe’s Mephistopheles is, at heart, a contradictory figure. We also already know why he is a contradictory figure. One might say that Mephistophelean—that is, Ahrimanic—and Luciferic character traits are united within him in a colorful jumble. Goethe—one might say at first—did not yet know how to distinguish between these character traits. If, on the one hand, one holds a work of art in such high regard—as you have seen me do with *Faust*—then one may well also draw attention to such factual matters. It remains strange, however, that one so rarely—though it has happened in individual cases—actually notices the contradictions within the poem itself. This is also a sign of the way things are often received today: people do not approach them with sufficient inner engagement to perceive their inner life and interplay. For if they did, they would, for example, soon have to notice the inner contradictions in the figure of Mephistopheles.
[ 2 ] Nehmen wir zunächst einen vielleicht nicht vollständigen, aber immerhin sehr starken Widerspruch, der gleich auffallen könnte, wenn man den Mephistopheles reden hört in der Szene, die eben an unserer Seele vorbeigezogen ist.
[ 2 ] Let us first consider a contradiction—perhaps not exhaustive, but nonetheless very striking—that might immediately catch one’s attention when listening to Mephistopheles speak in the scene that has just passed before our eyes.
Ich sehe nur, wie sich die Menschen plagen.
Der kleine Gott der Welt bleibt stets von gleichem Schlag,
Und ist so wunderlich als wie am ersten Tag.
Ein wenig besser würd’ er leben,
Hätt’st du ihm nicht den Schein des Himmelslichts gegeben;
Er nennt’s Vernunft und braucht’s allein,
I only see how people torment themselves.
The little god of the world remains ever the same,
And is as whimsical as on the very first day.
He would live a little better,
Had you not given him the semblance of heavenly light;
He calls it reason and needs it alone,
[ 3 ] Nur tierischer als jedes Tier zu sein. Was für eine Empfindung muß man dabei haben, wenn Mephistopheles tadelt, daß der Mensch es so macht? Nun wird niemand dem Mephistopheles sehr tiefe, selbstlose Ziele zutrauen. Das kann er auch gar nicht, schon nach dieser ersten Szene im «Prolog im Himmel». Denn was will denn der Mephistopheles eigentlich? Er will doch den Faust haben, nicht wahr, will ihn doch für sich haben und wird daher doch im Grunde alles gut finden müssen — in seinem Sinne gut —, was der Faust tut, um mit ihm zusammenzukommen, um ihn zu erfassen, zu ergreifen. Erfassen heißt in diesem Falle ergreifen, nicht begreifen; es ist nicht begrifflich, abstrakt gemeint. «Kannst du ihn erfassen» — kannst du ihn ergreifen. Dazu wird ja doch Mephistopheles alles tun wollen. Da könnte es ihm nun sehr gelegen kommen, wenn Faust alle diejenigen Eigenschaften hätte, die ihn gerade in die Klauen des Mephistopheles brächten!
[ 3 ] To be more animalistic than any animal. What must one feel when Mephistopheles reproaches man for acting this way? Well, no one would attribute very deep, selfless motives to Mephistopheles. Nor could he, not even after this first scene in the “Prologue in Heaven.” For what does Mephistopheles actually want? He wants Faust, doesn’t he? He wants him for himself and will therefore, deep down, have to approve of everything—good in his own sense—that Faust does in order to get close to him, to grasp him, to seize him. In this case, “to grasp” means “to seize,” not “to understand”; it is not meant in a conceptual or abstract sense. “Can you grasp him”—can you seize him. After all, Mephistopheles will want to do anything to achieve this. So it might suit him very well if Faust possessed all the very qualities that would drive him right into Mephistopheles’s clutches!
[ 4 ] Schlagen wir einmal einen späteren Vers auf, wo Mephistopheles dem Faust selbst gegenübersteht, im Studierzimmer, wo Faust davon spricht, wie er sich zu Vernunft und Wissenschaft stellt. Faust geht ab; Mephistopheles bleibt in seinem langen Kleide zurück. Man kann sich denken, daß er jetzt doch wohl mit sich selber aufrichtig sein wird, dieser Mephistopheles. Da sagt er:
[ 4 ] Let’s turn to a later verse where Mephistopheles faces Faust himself in the study, where Faust speaks of his attitude toward reason and science. Faust leaves; Mephistopheles remains behind in his long robe. One might imagine that this Mephistopheles will now, at last, be honest with himself. Then he says:
Verachte nur Vernunft und Wissenschaft,
Des Menschen allerhöchste Kraft,
Laß nur in Blend- und Zauberwerken
Dich von dem Lügengeist bestärken,
So hab’ ich dich schon unbedingt.
Just despise reason and science,
Man’s greatest power,
Let yourself be emboldened by the spirit of lies
Through illusions and sorcery,
And I’ll have you in my grasp.
[ 5 ] Also das könnte ihm gerade passen, wenn der Mensch Vernunft und Wissenschaft nicht im richtigen Sinne anwendet, sondern sie gebrauchte, um tierischer als jedes Tier zu sein. Da wird er just dem Herrn vorreden, nicht wahr:
[ 5 ] Well, that might suit him just fine, if a person doesn't apply reason and science in the proper sense, but uses them to be more animal-like than any animal. Then he'll surely argue his case before the Lord, won't he:
Hätt’st du ihm nicht den Schein des Himmelslichts gegeben;
Er nennt’s Vernunft und braucht’s allein,
Nur tierischer als jedes Tier zu sein.
Had you not given him the semblance of heavenly light;
He calls it reason and uses it solely
To be more beastly than any beast.
[ 6 ] Ich sage, es ist nicht ein vollständiger Widerspruch, aber für die Empfindung ein starker Widerspruch.
[ 6 ] I would say it is not a complete contradiction, but it is a strong contradiction in terms of how it feels.
[ 7 ] In der Szene, die ich eben angeführt habe, wo Mephistopheles dem Faust im Studierzimmer gegenübersteht, da ist es ja klar, da redet er schon aufrichtig als Ahriman-Mephistopheles. Aber an der Stelle, die Sie heute gehört haben:
[ 7 ] In the scene I just mentioned, where Mephistopheles stands face to face with Faust in the study, it is clear that he is already speaking sincerely as Ahriman-Mephistopheles. But in the passage you heard today:
Er nennt’s Vernunft und braucht’s allein,
Nur tierischer als jedes Tier zu sein,
He calls it reason and needs it only
To be more animal-like than any animal,
[ 8 ] da kommt ein luziferischer Zug hinein. Dem Luzifer kann das nicht passen, wenn der Faust recht sehr zur Aufstachelung der tierischen Leidenschaften die Vernunft gebraucht. Aber dem Ahriman würde es ja gerade recht sein müssen, wenn der Faust sich so verhielte, wie Mephisto es da tadelt. Da haben wir einen jedenfalls nicht halben Widerspruch, sondern schon dreiviertel Widerspruch!
[ 8 ] There is a Luciferic element at work here. Lucifer cannot be pleased when Faust uses reason to such a great extent to stir up his animal passions. But it would suit Ahriman just fine if Faust were to behave exactly as Mephisto is reproaching him for doing. In any case, this is not just a half-contradiction, but already a three-quarters contradiction!
[ 9 ] Aber mit einer andern Stelle, was soll man denn mit der machen?
[ 9 ] But what about that other passage—what are we supposed to do with it?
Solang’ er auf der Erde lebt,
Solange sei dir’s nicht verboten.
Es irrt der Mensch, solang’ er strebt.Da dank ich Euch; denn mit den Toten
Hab? ich mich niemals gern befangen.
Am meisten lieb’ ich mir die vollen, frischen Wangen.
Für einen Leichnam bin ich nicht zu Haus;
Mir geht es wie der Katze mit der Maus.
As long as he lives on earth,
so long, let it not be forbidden to you.
Man errs as long as he strives.I thank you for that; for I have never
liked to associate with the dead.
What I love most are full, fresh cheeks.
I’m not at home for a corpse;
I’m like a cat with a mouse.
[ 11 ] Wenn man das vergleicht mit der Szene, die wir vielleicht auch einmal aufführen können, wo sich der Mephisto zum Schluß so bemüht, die Seele zu kriegen, im zweiten Teil, als der Leichnam daliegt, wie soll man denn da überhaupt zurechtkommen? Der Teufel geht doch auf Seelen aus, und hier spricht er geradezu vom Gegenteil! Solche Widersprüche sind durchaus viele vorhanden. Ich wollte nur die zwei Beispiele nennen; das erste: ein dreiviertel Widerspruch, der sich in der Dichtung selber findet. Solche Widersprüche sind durchaus darauf zurückzuführen, daß die zwei Charaktereigenschaften, das Luziferische und das Ahrimanisch-Mephistophelische, durcheinanderkommen.
[ 11 ] If you compare this to the scene—which we might be able to perform someday—where Mephisto tries so hard at the end to get the soul, in the second part, as the corpse lies there, how on earth is one supposed to make sense of that? The Devil is, after all, after souls, and here he’s talking about the exact opposite! There are certainly many such contradictions. I just wanted to mention two examples; the first: a three-quarters contradiction found within the poem itself. Such contradictions can certainly be attributed to the fact that the two character traits—the Luciferic and the Ahrimanic-Mephistophelic—become confused.
[ 12 ] Nun kann für uns die Frage entstehen: Wie kommt es denn, daß Goethe geradezu den Ahriman-Mephistopheles dem Faust zur Seite stellt, alles Augenmerk auf den Ahriman-Mephistopheles hinlenkt und gewissermaßen den Luzifer noch ganz unterdrückt? — Das muß doch eine Frage sein. Denn dadurch, daß Goethe aus dem Impulse seiner Zeit heraus dazu verführt worden ist, den Mephistopheles gerade dem Faust an die Seite zu stellen, hat er auch luziferische Züge herübergenommen und dadurch gewissermaßen dem Mephistopheles-Ahriman alles angehängt, was auf die zwei verteilt sein sollte. Es muß also Gründe geben in der Zeit, mehr Augenmerk dem Mephistopheles zuzuwenden als dem Luzifer, Goethe geht, indem er die Faust-Sage behandelt, zurück bis dahin, wo das Mittelalter mit der neuen Zeit zusammenstößt. Und er hat im wesentlichen die Zeitimpulse in sich aufgenommen, die aus diesem Zusammenstoßen des Mittelalters mit der neuen Zeit entstanden sind. Wenn wir etwas weiter zurückliegende Dichtungen ins Auge fassen, Dichtungen, die weiter zurückliegenden Impulsen folgen, so finden wir eine entgegengesetzte Verwechslung. Wir können auch darüber einmal sprechen. Aber heute will ich nur darauf hindeuten. In Miltons «Verlorenem Paradies» finden Sie den entgegengesetzten Fehler gemacht. Da ist alles, was dem Ahriman-Mephistopheles zugeschrieben werden sollte, auf den Luzifer abgeladen, wenn auch nicht in einer so groben Weise, wie das im «Faust» geschehen ist. Wie gesagt, wir wollen darüber einmal sprechen. Das war mehr der Fehler, den das Mittelalter gemacht hat, mehr das Augenmerk nach dem Luzifer hin zu richten. Und der Fehler, den die neuere Zeit macht, ist, mehr das Augenmerk nach dem AhrimanMephistopheles hin zu richten. Jetzt leben wir in einer Zeit, in welcher das richtige Verhältnis zwischen den beiden Weltmächten Mephistopheles und Luzifer immer mehr und mehr von den Menschen eingesehen werden muß. Daher unsere Gruppe, unsere plastische Gruppe, die bestimmt ist für den Bau hier, und die Ahrimanisches und Luziferisches — Mephistopheles und Luzifer — in dem richtigen Verhältnis zueinander bildhaft zeigen soll.
[ 12 ] Now the question may arise for us: How is it that Goethe places the Ahriman-Mephistopheles right at Faust’s side, directs all attention toward the Ahriman-Mephistopheles, and, in a sense, completely suppresses Lucifer? — That must surely be a question worth asking. For by being led, out of the spirit of his time, to place Mephistopheles specifically at Faust’s side, Goethe also incorporated Luciferic traits and thereby, in a sense, attributed to the Mephistopheles-Ahriman everything that should have been distributed between the two. So there must be reasons in that era for paying more attention to Mephistopheles than to Lucifer; in his treatment of the Faust legend, Goethe goes back to the point where the Middle Ages collide with the modern era. And he has essentially absorbed within himself the impulses of the age that arose from this clash between the Middle Ages and the modern era. If we consider works of poetry from somewhat earlier times—poetry that follows impulses from a more distant past—we find the opposite confusion. We can talk about that another time. But today I just want to point it out. In Milton’s *Paradise Lost*, you’ll find the opposite mistake made. There, everything that should have been attributed to Ahriman-Mephistopheles has been shifted onto Lucifer, albeit not in such a crude manner as in *Faust*. As I said, we’ll talk about this another time. That was more the mistake the Middle Ages made—focusing more on Lucifer. And the mistake modern times make is to focus more on Ahriman-Mephistopheles. We now live in a time in which people must increasingly come to understand the proper balance between the two world forces, Mephistopheles and Lucifer. Hence our group, our sculptural group, which is intended for the building here and is meant to depict the Ahrimanic and Luciferic forces—Mephistopheles and Lucifer—in their proper relationship to one another.
[ 13 ] Wenn Sie verstehen wollen, um was es sich eigentlich dabei handelt, so müssen Sie etwas ins Auge fassen, was heute noch dem Menschen ganz paradox erscheint, was aber einmal, wenn die Menschen Geisteswissenschaft wirklich nicht zurückweisen von dem Erdendasein, tief verstanden werden wird. Wir leben in der neueren Zeit unter ganz besonderen Impulsen, unter denen wir leben müssen. Es ist richtig, daß wir unter diesen Impulsen leben. Man muß nur diese Impulse erkennen. Man darf sie nur sozusagen nicht verkennen. Ich habe es oftmals selber ausgeführt, wie da im Beginne der neueren Zeit heraufkommen mußte die Kopernikanische Weltanschauung, wie sie berechtigt, tief berechtigt ist. Wir stehen zwar mit etwas andern Gefühlen dieser Kopernikanischen Weltanschauung gegenüber als die äußere Welt. Denn wenn man die Gefühle, mit denen die äußere Welt der Kopernikanischen Weltanschauung gegenübersteht, ins Auge faßt, so kommt man doch kaum zu einer andern Anschauung, als daß die Leute sagen: Nun, das Mittelalter und das Altertum, die waren dumm, und wir sind gescheit geworden, und als das Mittelalter und das Altertum dumm waren, da haben sie gedacht, die Sonne bewege sich, und haben allerlei Zyklen und Epizyklen konstruiert — Ptolemäische Weltanschauung —- und haben dann das geglaubt, haben nach dem Augenschein die Bewegungen der Himmelskörper angenommen. — In einem gewissen Sinne ist das sogar richtig für das Mittelalter, für das spätere Mittelalter namentlich, denn da waren schon Konfusionen hereingekommen in das, was als Ptolemäische Weltanschauung heraufgekommen ist. Aber die ursprüngliche Ptolemäische Weltanschauung war nicht so, sie war ein Teil der ursprünglichen alten Uroffenbarung, war in die Menschenseelen gekommen auf dem Wege durch die alten Mysterien und keineswegs durch das bloße äußere Anschauen, beruhte also auf Offenbarung. Mit dieser Offenbarung brach die neuere Zeit, und die neuere Zeit stellte sich die Frage: Wie muß man denn den Himmel anschauen, um ihn und seine Bewegungen kennenzulernen? -— Kopernikus hat zunächst die Rechnung aufgestellt, versucht, eine einfache Rechnung zu machen über die Bewegungen der Himmelskörper, um dann zu zeigen, wie die Orte, die man errechnet hat, wirklich mit der Stellung der Himmelskörper stimmen. Und so hat er auf dem Wege der Rechnung sein Kopernikanisches System erfunden, drei Sätze aufgestellt, die in Kopernikus’ Werken selber zu finden sind, über die Bewegungen der Himmelskörper im Verhältnis zu unserer Erde. Von diesen drei Sätzen hat man allerdings einen weggelassen, und dadurch ist die heutige konfuse Kopernikanische Weltanschauung zustande gekommen, die nicht die des Kopernikus selber ist. Der dritte war unbequem - den hat man weggelassen! Daher kennt heute derjenige, der aus den gebräuchlichen Büchern die Kopernikanische Weltanschauung bloß lernt, die Ansicht des Kopernikus keineswegs. Aber nun, das mußte so kommen. Zunächst mußte Kopernikus eine weitaus richtigere Lehre aufstellen, mit den drei Sätzen, dann mußte unsere Lehre kommen, die auf zwei Sätzen des Kopernikus beruht, und es wird erst, wenn die ganze Sache geisteswissenschaftlich wird durchdrungen werden, das Richtige zum Vorschein kommen.
[ 13 ] If you want to understand what this is really all about, you must consider something that still seems quite paradoxical to people today, but which will one day—when people truly do not reject Spiritual Science as part of earthly existence—be deeply understood. In modern times, we live under very special impulses that we must live with. It is true that we live under these impulses. One must simply recognize these impulses; one must not, so to speak, misjudge them. I have often explained myself how, at the beginning of modern times, the Copernican worldview had to emerge, and how justified—deeply justified—it is. Admittedly, we approach this Copernican worldview with somewhat different feelings than the outside world does. For when one considers the feelings with which the outside world regards the Copernican worldview, one can hardly arrive at any other conclusion than that people say: “Well, the Middle Ages and antiquity were foolish, and we have become wise; and since the Middle Ages and antiquity were foolish, they thought the sun moved, and constructed all sorts of cycles and epicycles—the Ptolemaic worldview—and then believed that, accepting the movements of the celestial bodies based on appearances.” — In a certain sense, this is even true of the Middle Ages, particularly the later Middle Ages, for by then confusion had already crept into what had emerged as the Ptolemaic worldview. But the original Ptolemaic worldview was not like that; it was part of the original ancient primordial revelation, having entered human souls through the ancient mysteries and by no means through mere external observation; it was thus based on revelation. Modern times broke with this revelation, and modern times posed the question: How, then, must one observe the heavens in order to understand them and their movements? — Copernicus first set out to calculate, attempting to devise a simple calculation of the movements of the celestial bodies, in order to then demonstrate how the positions he had calculated actually corresponded to the positions of the celestial bodies. And so, through calculation, he devised his Copernican system, formulating three propositions—found in Copernicus’s own works—concerning the movements of the celestial bodies in relation to our Earth. However, one of these three propositions was omitted, and this has given rise to today’s confused Copernican worldview, which is not that of Copernicus himself. The third was inconvenient—so it was omitted! Consequently, anyone today who learns the Copernican worldview solely from standard textbooks is by no means familiar with Copernicus’s actual view. But well, this was bound to happen. First, Copernicus had to establish a far more accurate doctrine with the three propositions; then our doctrine had to emerge, which is based on two of Copernicus’s propositions; and only when the whole matter is thoroughly penetrated by Spiritual Science will the truth come to light.
[ 14 ] Dann kamen diejenigen, die mehr auf äußerliche Weise, nicht durch Rechnen, hinter die Bewegungen der Himmelskörper und ihre Gesetze zu kommen suchten. Das Fernrohr kam. Man lernte den Himmelsraum so untersuchen, wie man auf Erden die Dinge untersucht. Und auf diese Weise entstand die moderne Astronomie, die moderne Astrophysik, eine Wissenschaft, die ganz auf die Weise entsteht, daß man dasjenige in Gesetze faßt, was man beobachtet; das heißt, man will den Himmel dadurch erklären, daß man den Himmel beobachtet. Und was könnte natürlicher sein als dieses? Es müßte ja — so muß der moderne Mensch denken — derjenige schon ein ganz verrückter Kerl sein, der eigentlich etwas anderes wollte, als den Himmel dadurch kennenlernen, daß er den Himmel beobachtet. Das ist doch ganz selbstverständlich, nicht wahr. Und doch ist es nicht richtig, doch ist es eine von den großen Täuschungen. Es ist etwas, was in der Zukunft ganz anders werden wird. Man wird auch in der Zukunft, und zwar mehr noch als in der Gegenwart, den Himmel befragen; man wird kennenlernen wollen, was als Bewegungen in den Himmelskörpern lebt und webt, man wird genau lesen, studieren am Himmel; aber man wird eines wissen, was man heute noch nicht weiß, was heute dem Menschen ganz paradox erscheint, wenn man es ausspricht: Man erfährt nämlich über den Himmel gar nichts, wenn man ihn beobachtet. Die allerfalscheste Methode, den Himmel und seine Bewegungen kennenzulernen, ist, ihn so zu beobachten, wie man es heute macht. — Nicht wahr, ich sage etwas ganz Verdrehtes. Aber man muß schon sich zu den Verdrehungen anders verhalten, als sich der gute Christian von Ehrenfels dazu verhalten hat, auf den ich vor acht Tagen hingewiesen habe. Man wird den Himmel beobachten, immer eingehender und eingehender beobachten und sich von ihm sagen lassen seine Geheimnisse. Aber was werden diese Geheimnisse einer späteren Zukunft enthüllen? Sie werden das enthüllen, was hier auf der Erde vorgeht. Das werden sie enthüllen. Man wird zwar den Himmel beobachten, aber aus dem, was man am Himmel erkennt, wird man erklären, wie die Pflanzen auf der Erde wachsen, wie die Tiere auf der Erde entstehen, alles dasjenige, was auf der Erde sich bildet, was auf der Erde webt und lebt. Darüber wird einem Aufklärung geben dasjenige, was der Himmel offenbart. Es wird einem gar nicht mehr einfallen, den Himmel um den Himmel zu fragen, sondern man wird den Himmel fragen, um über die Erde Aufklärung zu finden. Und die bedeutsamsten Gesetze, die man kennenlernen wird vom Himmel, wird man dazu verwenden, um die Geheimnisse des irdischen Daseins zu enthüllen. Die alte Astrologie, die in ihrer Urbedeutung heute wenig mehr erkannt wird, die zum größten Teil zum Dilettantismus, ja zum Scharlatanismus geworden ist, wird in einer ganz neuen Form wieder aufleben. Man wird nicht nur irdische Schicksale suchen aus den Bewegungen der Sterne und aus den Gesetzen des Himmelsraums, sondern man wird die Gesetze des irdischen Lebens, dasjenige, was webt und lebt, aus den Gesetzen der Himmelskörper erklären. Man wird nicht eher wissen, warum das Salz in Würfeln kristallisiert, warum der Demant in Oktaedern kristallisiert und so weiter, bevor man dasjenige, was Formen hat hier auf der Erde, erklären wird aus den Stellungen der Himmelskörper. Und man wird nicht eher wissen das Geheimnis des Lebens der Tiere, der Pflanzen, der Menschen als Lebensgeheimnis, bis man erklären wird aus den Bewegungen der Himmelskörper, deren Wirkung das Leben ist, dasjenige, was hier auf der Erde webt und lebt. Aus dem Himmel erklärt sich die Erde. Allerdings, dasjenige, was man über den Himmel wissen wird, wird eine etwas andere Gestalt annehmen als das, was man heute zu wissen vorgibt. Man wird erforschen die Gesetze der Stellungen und Bewegungen der Himmelskörper. Aber dann wird man sich anregen lassen meditativ durch das, was man da erforscht, um gewissermaßen mit den Wesen, die in den Sternen leben, in eine Beziehung zu treten. Man wird sich sagen lassen von den Wesen, die da leben, was man wird wissen müssen für das Leben auf der Erde.
[ 14 ] Then came those who sought to understand the movements of the celestial bodies and their laws in a more empirical way, rather than through calculation. The telescope was invented. People learned to examine the heavens in the same way that they examine things on Earth. And in this way, modern astronomy and modern astrophysics emerged—a science that arises entirely by formulating laws based on what is observed; that is, one seeks to explain the heavens by observing them. And what could be more natural than this? After all—as modern people must think—anyone who actually wanted anything other than to come to know the heavens by observing them would have to be a completely crazy fellow. That is, after all, quite self-evident, isn’t it? And yet it is not correct; it is one of the great illusions. It is something that will be quite different in the future. In the future, too—and even more so than today—people will inquire into the heavens; they will want to understand the movements that live and weave within the celestial bodies; they will read and study the heavens closely; but they will come to know something that is not yet known today, something that seems quite paradoxical to people today when it is spoken aloud: namely, that one learns absolutely nothing about the heavens by observing them. The most mistaken method of coming to know the heavens and their movements is to observe them as we do today. — Isn’t that right? I’m saying something quite twisted. But one must relate to these distortions differently than the good Christian von Ehrenfels did, whom I referred to eight days ago. We will observe the sky, observing it more and more closely, and let it reveal its secrets to us. But what will these secrets reveal in the distant future? They will reveal what is happening here on Earth. That is what they will reveal. People will indeed observe the heavens, but from what they perceive in the heavens, they will explain how plants grow on Earth, how animals come into being on Earth—everything that forms on Earth, everything that weaves and lives on Earth. What the heavens reveal will shed light on all of this. It will no longer occur to people to ask the heavens about the heavens themselves; rather, they will ask the heavens in order to gain insight into the Earth. And the most significant laws that people will learn from the heavens will be used to unveil the mysteries of earthly existence. Ancient astrology—whose original meaning is scarcely recognized today and which has largely devolved into amateurism, even charlatanism—will be revived in an entirely new form. People will not only seek to understand earthly destinies through the movements of the stars and the laws of the heavens, but they will also explain the laws of earthly life—that which weaves and lives—through the laws of the celestial bodies. People will not know why salt crystallizes into cubes, why diamonds crystallize into octahedrons, and so on, until they can explain the things that take shape here on Earth based on the positions of the celestial bodies. And one will not know the mystery of the life of animals, plants, and human beings—as the mystery of life itself—until one explains, from the movements of the celestial bodies—whose effect is life—that which weaves and lives here on Earth. The Earth is explained through the heavens. However, what one will come to know about the heavens will take on a somewhat different form than what one claims to know today. People will investigate the laws governing the positions and movements of the celestial bodies. But then they will allow themselves to be inspired, through meditation, by what they are investigating, in order, so to speak, to enter into a relationship with the beings who live in the stars. They will let the beings who live there tell them what they will need to know for life on Earth.
[ 15 ] Das ist eine Zukunftsperspektive. Sie wissen nun, daß in einer ähnlichen Weise, wie Kopernikus, Galilei, Kepler, denen übrigens noch immer alte Anschauungen in ihren Sinn geflossen sind, versuchten, die Gesetze der Himmelsbewegungen durch die Beobachtung des Himmels zu gewinnen, und wie man es in ihrem Sinne fortgesetzt hat in der neueren Zeit, so ist versucht worden von Darwin, Lamarck, Haeckel, die Gesetze des irdischen Lebens zu finden. Und was wäre hier wiederum natürlicher, als daß man die Erde durch die Erde kennenlernt! Man reist herum, wie es Darwin gemacht hat, man mikroskopiert, wie es Haeckel gemacht hat, man rationalisiert, wie es Lamarck gemacht hat, über die Wesen der Erde und versucht zu erkennen die Gesetze, von denen das Leben auf der Erde beherrscht wird. Wiederum kann man als ein Verrückter gelten, wenn man das nicht als eine Selbstverständlichkeit ansieht. Die Zukunft wird das gar nicht als eine Selbstverständlichkeit ansehen! Wenn man den geraden, schönen Entwickelungsgang, den die neuere Biologie genommen hat von Darwin zu Haeckel und zu den Schülern Haeckels, ins Auge faßt, so findet man, daß er dazu geführt hat, namentlich über das Embryonalleben gewisse Gesetze zu bilden. Das sogenannte biogenetische Grundgesetz spielt eine große Rolle, daß nachlebt der Mensch im Embryonalleben die einzelnen Tiergattungen. Sie wissen, ich habe auf das biogenetische Grundgesetz öfter aufmerksam gemacht. Um dieses zu finden, wurden solche Beobachtungen angestellt, durch die man hoffte, etwas eben über das Leben der Lebewesen zu finden. Man kann sagen, die heutige Zeit arbeitet schon wiederum an der Aufdröselung dieser Anschauungen, nur bemerkt man es in Laienkreisen wenig. Die kopernikanische Astronomie wird schon stark von einzelnen Einsichtigeren bezweifelt. Und Haeckels Schüler, Oscar Hertwig, hat namentlich in seinen letzten Schriften Dinge geäußert, die dazu geeignet sind, alles das sehr in Frage zu stellen, was die Darwin-Haeckelsche Theorie an die Oberfläche gebracht hat. Wenn man sich unterrichtet aus dem, was innerhalb der Fachwissenschaft vorgeht, so bekommt man doch eine andere Ansicht, als wenn man sich nur unterrichtet nach dem, was in populären Vorträgen durch die üblichen — mauthnerisch darf ich nicht sagen, wie soll ich nur sagen? -, na ja, also was durch die üblichen Vortragenden dem Publikum dargeboten wird. Es geht schon heute viel in der eigentlichen Fachwissenschaft vor, und es bereitet sich schon das vor, was hier als Zukunftsperspektive angegeben wird. Nur wird man zur Geisteswissenschaft kommen müssen, damit das, was so vorgeht, nicht konfus werde, sondern wirklich sachgemäß werde.
[ 15 ] This is a vision of the future. You now know that, in much the same way as Copernicus, Galileo, Kepler—who, incidentally, were still influenced by old ideas—attempted to derive the laws of celestial motion through observation of the heavens, and just as this approach has been continued in their spirit in more recent times, so too have Darwin, Lamarck, and Haeckel attempted to discover the laws of earthly life. And what could be more natural here than to come to know the Earth through the Earth itself! One travels around, as Darwin did; one examines things under a microscope, as Haeckel did; one rationalizes, as Lamarck did, regarding the creatures of the Earth and attempts to discern the laws that govern life on Earth. Again, one might be considered a madman if one does not regard this as self-evident. The future will not regard this as self-evident at all! If one considers the straight, beautiful course of development that modern biology has taken—from Darwin to Haeckel and to Haeckel’s students—one finds that it has led to the formulation of certain laws, particularly regarding embryonic life. The so-called fundamental law of biogenetics plays a major role: in embryonic life, humans relive the individual animal genera. As you know, I have often drawn attention to the biogenetic law. To discover this law, observations were made in the hope of uncovering something about the life of living beings. It can be said that today’s scholars are already working to unravel these views, though this is scarcely noticed in lay circles. Copernican astronomy is already being strongly questioned by a few more discerning individuals. And Haeckel’s student, Oscar Hertwig, has expressed views—particularly in his later writings—that are likely to cast serious doubt on everything that the Darwin-Haeckel theory has brought to light. If one keeps abreast of what is happening within the specialized scientific community, one gains a different perspective than if one relies solely on what is presented to the public in popular lectures by the usual—I dare not say “Mauthnerian,” how should I put it?—well, by the usual lecturers. A great deal is already happening today in the actual specialized scientific community, and what is presented here as a future prospect is already taking shape. However, one will have to turn to the Spiritual Science so that what is taking place does not become confused, but rather truly becomes well-founded.
[ 16 ] Nun muß ich wiederum etwas sagen, was paradox ist. Durch die Beobachtung desjenigen, was auf der Erde vorgeht, lernt man gar nichts über die Erde kennen, das wird man einmal kennenlernen, wenn man es aus den Sternen abliest, was auf der Erde vorgeht. Was aber draußen im Himmelsraum eigentlich vorgeht, das lernt man kennen durch die Beobachtung zum Beispiel der Embryologie und so weiter. Man kann diese Beobachtung wiederum so behandeln, wie ich vorhin angedeutet habe, daß man die Himmelsbewegungen beobachtet, man kann in eine Beziehung zu den elementarischen Wesenheiten treten, die da regeln diese Bewegungen innerhalb des Erdengeschehens. So wie man den Himmel fragen wird, um die Erde zu erklären, so wird man die Erde fragen, um den Himmel zu erklären. Wie gesagt, es ist heute noch paradox, aber es wird kommen, auf irgendeine Weise wird es schon über diese Erde kommen, daß diese richtige Anschauung Platz greift. Die Astronomen werden mit den Mitteln ihrer Wissenschaft die Biologie begründen, und die Biologen werden mit den Mitteln ihrer Wissenschaft die Astronomie begründen. Und eine im echten Sinne mit den Mitteln der Astrologie begründete Biologie wird spirituelle Wissenschaft sein, und eine mit den Mitteln der echten Embryologie begründete Astrologie wird spirituelle Himmelskunde sein. Wenn Sie das bedenken, so müssen Sie sich sagen: Die Menschheit macht eben nicht eine gerade Entwickelungslinie durch, sondern geht gewissermaßen in Wellen, in einer Wellenlinie vorwärts, auf und ab. - Und damit in der rechten Weise vorbereitet werden konnte die richtige spirituelle Anschauung, die da kommen muß, mußte der Irrtum heraufkommen, derdarinnen besteht, daß man in der neueren Zeit den Himmel durch den Himmel, die Erde durch die Erde erklären will. Unter diesem Eindruck lebten die Menschen.
[ 16 ] Now I must say something that is, once again, paradoxical. By observing what is happening on Earth, one learns nothing at all about the Earth; one will come to understand this only when one reads from the stars what is happening on Earth. But what is actually happening out there in the heavens—that one comes to know through the study of, for example, embryology and so on. One can, in turn, approach this study in the way I indicated earlier—by observing the movements of the heavens—and one can enter into a relationship with the elemental beings who govern these movements within the events of the Earth. Just as one will turn to the heavens to explain the Earth, so will one turn to the Earth to explain the heavens. As I said, it is still a paradox today, but it will come to pass—in one way or another, this correct perspective will take hold on this Earth. Astronomers will use the methods of their science to establish the foundations of biology, and biologists will use the methods of their science to establish the foundations of astronomy. And a biology founded in the true sense through the means of astrology will be spiritual science, and an astrology founded through the means of true embryology will be spiritual astronomy. When you consider this, you must say to yourself: Humanity does not follow a straight line of development, but rather moves forward, up and down, in waves, so to speak. - And so that the correct spiritual perspective—which must come—could be properly prepared, the error had to arise, which consists in the modern tendency to explain the heavens through the heavens and the earth through the earth. People lived under this impression.
[ 17 ] Aber nicht ganz lebte Goethe unter diesem Eindruck, nicht ganz. Goethe hatte ja in einer gewissen Weise den Darwinismus vordarwiniert, aber einen viel spirituelleren Darwinismus. Er ging nicht bloß auf die äußere sinnliche Aufeinanderfolge der Erscheinungen, sondern auf Urpflanze und Urtier. Und ich habe öfter hingewiesen auf das bekannte Gespräch zwischen Goethe und Schiller, wo Goethe, nachdem sie bei dem Botaniker Batsch in Jena gesehen hatten, wie die Pflanzen so nebeneinander betrachtet werden, und Schiller das unbefriedigend fand, mit wenigen Strichen die sogenannte Urpflanze hinzeichnete. Es gibt dieses Bild Goethes nicht. Ich habe versucht, in der Einleitung zu Goethes morphologischen Schriften in Kürschners National-Literatur, die ich geschrieben habe schon in den achtziger Jahren, diese Goethesche Urpflanze nachzuzeichnen. Sie können sie dort finden, wie ich sie nachgezeichnet habe. Schiller aber sagte: Das ist keine Realität, das ist eine Idee. — Goethe sagte: Dann sehe ich meine Idee mit Augen. — Er war sich klar darüber, daß das eine Anschauung für ihn ist, eine Erfahrung, nicht etwas Ausgedachtes, etwas Errationalisiertes. Und wenn man so Goethe kennenlernt, recht intim kennenlernt, sei es durch seine dichterischen Bestrebungen in Verbindung mit seinen wissenschaftlichen, sei es umgekehrt in seinen wissenschaftlichen in Verbindung mit seinen dichterischen — ich habe das gerade bei meiner Interpretation Goethes angestrebt -, so sieht man, wie Goethe sich nicht recht behaglich fühlt, den Himmel durch den Himmel, die Erde durch die Erde zu erklären, und wie fortwährend in seinen Ideen dieses Prinzip der neueren Zeit durchbrochen wird. Deshalb kann man so schwer Goethes Farbenlehre heute noch verstehen, denn, was Goethe will, ist eigentlich eine astronomische Erklärung des Farbengeheimnisses. Und wenn Sie ganz aufmerksam Goethes Morphologie lesen, so werden Sie sehen, wie da gewisse Dinge hereinspielen, die schon von den ersten Anfängen einer Astronomie herrühren. Insbesondere fühlt man das durch, wenn man die Aufsätze Goethes über die Spiraltendenz der Pflanzen ins Auge faßt. Nun, das würde auf Einzelheiten führen, auf die ich heute nur aufmerksam machen kann; ich will nur hinweisen darauf.
[ 17 ] But Goethe did not live entirely under this influence—not entirely. Goethe had, in a certain sense, “pre-Darwinized” Darwinism, but a much more spiritual form of it. He did not focus merely on the external, sensory succession of phenomena, but on the primordial plant and the primordial animal. And I have often referred to the well-known conversation between Goethe and Schiller, in which Goethe—after they had seen at the botanist Batsch’s in Jena how plants are viewed side by side, and Schiller found this unsatisfying—sketched the so-called “primordial plant” with just a few strokes. This drawing by Goethe does not exist. In the introduction to Goethe’s morphological writings in Kürschner’s *National Literature*—which I wrote back in the 1980s—I attempted to sketch this Goethean “primordial plant.” You can find it there, as I have sketched it. Schiller, however, said: “That is not reality; that is an idea.” — Goethe replied: “Then I see my idea with my eyes.” — He was well aware that for him this was a perception, an experience, not something contrived or rationalized. And when one gets to know Goethe in this way—truly intimately—whether through his poetic endeavors in connection with his scientific ones, or conversely through his scientific ones in connection with his poetic ones—which is precisely what I have sought to do in my interpretation of Goethe— then one sees how Goethe does not feel entirely at ease explaining the heavens through the heavens, or the earth through the earth, and how this principle of modern times is continually broken through in his ideas. That is why it is still so difficult to understand Goethe’s Theory of Colors today, for what Goethe actually seeks is an astronomical explanation of the mystery of color. And if you read Goethe’s *Morphology* very carefully, you will see how certain elements come into play there that stem from the very beginnings of astronomy. One senses this particularly when considering Goethe’s essays on the spiral tendency of plants. Well, that would lead into details that I can only draw attention to today; I merely wish to point this out.
[ 18 ] Werfen wir nun die Frage auf: Woher kommt es denn, daß diese neuere Zeit, die wir jetzt rechnen seit dem Zusammenstoß des Mittelalters mit der Neuzeit, seit dem Aufkommen des Kopernikanismus, des Galileismus, des Keplerismus, und die wir wiederum weiterverfolgen bis zum Darwinismus, zum Haeckelismus, zum Lamarckismus, wie kommt es denn, daß diese Zeit ins Auge faßt, den Himmel durch den Himmel, die Erde durch die Erde zu erklären, statt die Erde durch den Himmel und den Himmel durch die Erde? Wie kommt das? — Das kommt durch eine doppelte Verführung, indem Ahriman sowohl wie Luzifer die Menschen verführen. Im Mittelalter, als sich die Sachen vorbereitet haben, als man hinsteuerte nach dem Kopernikanismus, Darwinismus, da war es mehr eine luziferische Wirksamkeit, da waren es luziferische Impulse, die das vorbereiteten. Undalsder Kopernikanismusheraufgekommen war, da war es mehr die ahrimanische Verführung. Ahriman ist es, der im wesentlichen in den Menschei lebt, indem er diese UmkehrungderMenschen vollzieht, vonder ichgesprochen habe. Denn schließlich steht gerade die moderne Wissenschaft ganz unter ahrimanischem Einflusse. Und Goethe hat richtig gefühlt, als er den Ahriman dem Menschen nahe fühlte, den Mephistopheles, in der neueren Zeit. Für ihn war es weniger wichtig, das Verhältnis des Luzifer zum Menschen, als das des Ahriman zum Menschen ins Auge zu fassen. Darauf mußte sich sein ganz besonderes Augenmerk richten. Weniger kam ihm der luziferische Einfluß in Betracht. Denn Faust ist ja vom Anfang an so hingestellt durch die Geschichte, daß er der Mensch der neueren Zeit ist. Die verschiedenen Verirrungen der Theologie des ausgehenden Mittelalters rührten von Luzifer her. Faust aber tritt gleich so auf, daß er die Bibel unter die Bank legt und ein Weltmensch und Mediziner werden will, das heißt, die Erde durch die Erde erklären will, den Himmel durch den Himmel, nicht so, wie es bei den alten Theologen des ausgehenden Mittelalters der Fall war, daß man noch wie in einem letzten Atavismus die Wunder der Erde aus den Oftenbarungen der Theologie zu erklären versuchte, also vom Himmel her zu erklären versuchte. Ahriman trat an des Menschen Seite in der neueren Zeit. Diejenigen, die das zwar fühlten, aber die von der Notwendigkeit nicht durchdrungen waren, sondern nur von der Teufelsfurcht durchzogen waren, verlästerten daher den Faust, der nur folgte dem notwendigen Impulse der neueren Zeit. Und so kam denn die Faust-Dichtung des 16. Jahrhunderts zustande, die den Faust in die Hölle hinein verbrennen läßt, weil er dem Ahriman verfällt. Diejenigen, die noch unter dem Atavismus des Mittelalters standen, die haben gewissermaßen der Dichtung diese Form gegeben. Goethe stand nicht mehr unter dem Einflusse des Mittelalters. Daher konnte er seinen Faust nicht in die Hölle hinein verbrennen lassen. Aber die große Frage entstand bei ihm: Was denn eigentlich tun?
[ 18 ] Let us now pose the question: How is it that this modern era—which we now date from the clash between the Middle Ages and the modern era, from the emergence of Copernicanism, Galileanism, and Keplerianism, and which we in turn trace on to Darwinism, Haeckelism, and Lamarckism—how is it that this era sets out to explain the heavens through the heavens and the earth through the earth, rather than the earth through the heavens and the heavens through the earth? How does this come about? — It comes about through a twofold seduction, in which both Ahriman and Lucifer seduce humanity. In the Middle Ages, when the groundwork was being laid, as people were moving toward Copernicanism and Darwinism, it was more a Luciferic influence; it was Luciferic impulses that prepared the way. And once Copernicanism had emerged, it was more the Ahrimanic seduction. It is Ahriman who essentially lives within human beings, bringing about this reversal in people of which I have spoken. For, after all, modern science in particular stands entirely under Ahrimanic influence. And Goethe sensed correctly when he perceived Ahriman—Mephistopheles—as close to humanity in modern times. For him, it was less important to consider the relationship between Lucifer and humanity than that between Ahriman and humanity. His very special attention had to be directed toward this. The Luciferic influence was of less concern to him. For Faust is, after all, presented from the very beginning of the story as the man of modern times. The various aberrations of late medieval theology stemmed from Lucifer. Faust, however, appears right from the start as one who sets the Bible aside and wants to become a man of the world and a physician, that is, to explain the earth through the earth, and heaven through heaven—not as was the case with the old theologians of the late Middle Ages, who, as if in a final atavism, still attempted to explain the wonders of the earth through the revelations of theology, that is, to explain them from heaven. Ahriman stood at humanity’s side in modern times. Those who sensed this but were not imbued with a sense of necessity—being instead permeated only by fear of the devil—therefore reviled Faust, who was merely following the necessary impulse of modern times. And so the 16th-century Faust epic came into being, one that has Faust burned in hell because he succumbs to Ahriman. Those who were still under the atavism of the Middle Ages were, in a sense, the ones who gave the epic this form. Goethe was no longer under the influence of the Middle Ages. That is why he could not let his Faust be burned in hell. But the great question arose for him: What, then, should actually be done?
[ 19 ] Fassen wir die Sache einmal recht konkret. Was tut man denn eigentlich, wenn man die Erde durch die Erde erklärt? Fassen wir es bei einem Beispiel, das vielleicht, weil es ein bißchen der gewöhnlichen Wissenschaft entrückt ist, uns näher steht. Nehmen wir eine Mythe oder eine Dichtung und denken wir an einen Kommentator oder an einen Interpreten von der Art, wie ich sie oftmals getadelt habe - Sie erinnern sich! Nehmen wir an, so ein Kommentator, ein Interpret einer Mythe, einer Sage oder einer Dichtung, tritt vor uns hin und erklärt uns, wie er sagt, die Dichtung aus der Dichtung; er sucht die Gesetze der Dichtung in der Dichtung oder in der Mythe. Er kann sehr geistvoll sein. Es gibt durchaus sehr geistvolle Mythen- und Dichtungserklärer. Aber sie sündigen alle, denn so kann man nie eine Mythe und nie eine Dichtung erklären, daß man den Verstand auf sie anwendet. Ach, was haben die HamletErklärer alles geschrieben, um den «Hamlet» zu interpretieren! Was haben selbst die Faust-Erklärer alles geschrieben, um den «Faust» zu interpretieren! Was haben Theosophen alles getan, um allerlei Mythen zu interpretieren! Auf den Grund der Mythe, auf den Grund der Dichtungen kommt man nur, wenn man den Blick hinauszurichten versteht dahin, wo die Mythen und die Dichtungen her sind — aus dem Himmel herein. Das deutet schon wiederum auf jene Zukunftsperspektive. Das liegt uns näher, als bei der Wissenschaft darauf hinzuweisen. Mythen führt man an, indem man gleichsam durch sie illustriert, wenn man darauf gekommen ist, was die großen Zusammenhänge im himmlischen Weltenall sind; man läßt sie dann durch die Mythe spiegeln wenigstens. Und wenn man Einsicht hat in die kosmischen Gesetze, die da walten, dann wird man auch nicht zu verstandesmäßigen Kommentatorenkünsten kommen gegenüber Dichtungen; denn wenn man herausschält aus der Mythe und aus der Dichtung das, was solche verstandesmäßigen Erklärer gewöhnlich bekommen, was tritt denn da eigentlich auf? Ja, man kann da immer ein gewisses Bild vor sich haben, wenn so ein Mythenerklärer oder ein Dichtungskommentator auf die Art, wie es heute ist, auftritt. Da tritt etwas auf, wie der war, der da hervorgekommen ist in seiner Fledermausgestalt, wirklich so etwas fledermausartiges Graues, gegenüber dem lebendigen Leben, das in Dichtung und Mythe walter. Da macht man schon auch Bekanntschaft mit Ahriman-Mephistopheles.
[ 19 ] Let’s put this in very concrete terms. What does one actually do when one explains the Earth through the Earth? Let’s consider an example that—perhaps because it is somewhat removed from conventional science—is closer to our own experience. Let’s take a myth or a work of fiction and think of a commentator or interpreter of the sort I have often criticized—you remember! Let’s suppose that such a commentator, an interpreter of a myth, a legend, or a work of fiction, steps before us and explains to us, as he puts it, the work of fiction from within the work of fiction; he seeks the laws of poetry within the poem or within the myth. He may be very witty. There are certainly very witty interpreters of myths and poetry. But they all err, for one can never explain a myth or a poem by applying reason to it. Oh, what have the interpreters of *Hamlet* written in order to interpret *Hamlet*! What have even the *Faust* commentators written in their attempts to interpret *Faust*! What have theosophists done in their efforts to interpret all manner of myths! One can only get to the heart of a myth, to the heart of a work of poetry, if one knows how to direct one’s gaze toward where myths and poetry come from—from heaven. This, in turn, points once again to that future perspective. This is closer to our hearts than pointing this out in the context of science. Myths are cited—as it were, to illustrate through them—once one has grasped the great interconnections within the heavenly cosmos; one then allows them to be reflected, at least, through the myth. And once one has insight into the cosmic laws that govern there, one will not resort to intellectual commentary on works of poetry; for if one strips away from the myth and the poetry what such intellectual interpreters usually extract, what actually remains? Yes, one can always picture a certain image when such a myth interpreter or literary commentator appears in the manner we see today. Something emerges there, like the one who appeared in his bat-like form—truly something bat-like and gray—in contrast to the living life that reigns in poetry and myth. There one also becomes acquainted with Ahriman-Mephistopheles.
[ 20 ] Das, was ich jetzt angeführt habe an einem solchen Beispiel, das könnte ausgedehnt werden über das ganze Treiben in der Wissenschaft, wobei ich diese Wissenschaft nicht tadle. Ich will Ihnen gerade die Notwendigkeit zeigen, daß es so ist. Ahriman mußte eine gewisse Zeit lang eingreifen, sonst wäre die Art und Weise, wie die Menschen in dem Mittelalter gewirkt haben, eine solche geworden, welche die Menschen allzuleicht hätte erschlaffen lassen. Die Menschen lieven sich gern die unbedingte Ruh, drum gibt ihnen die Welt den Teufel zu, der wirkt und lockt und muß als Teufel eben schaffen -,, der reizt und lockt und wirkt. Das ist notwendig, dieses Eingreifen des Ahriman. Und es ist ein völliger Unsinn, wenn man etwas gehört hat von Ahriman und Luzifer und nun fragt: Ist das vielleicht ein ahrimanischer Einfluß? Ist das ein luziferischer Einfluß? Man muß sich davor nur ja hüten!
[ 20 ] What I have just illustrated with this example could be extended to encompass the entire state of affairs in science, though I am not criticizing science itself. I simply want to show you why this is necessary. Ahriman had to intervene for a certain period of time; otherwise, the way people acted in the Middle Ages would have become such that it would have caused them to grow complacent all too easily. People are fond of absolute peace and quiet, which is why the world gives them the devil, who acts and entices and must, as the devil, create—one who provokes, entices, and acts. This intervention by Ahriman is necessary. And it is utter nonsense when one has heard something about Ahriman and Lucifer and then asks: Is this perhaps an Ahrimanic influence? Is this a Luciferic influence? One must guard against this at all costs!
[ 21 ] Welche Rolle Ahriman spielt - Goethe verstand das! Warum aber mußte denn Ahriman eine solche Rolle in der neueren Zeit spielen? Warum mußte überhaupt Ahriman-Mephistopheles in die Sphäre des Menschen eintreten? Nicht wahr, wir wissen, es verläuft die Evolution so, daß wir die sogenannte lemurische Zeit haben, die atlantische Zeit, unsere nachatlantische Zeit. Wir wissen, in der lemurischen Zeit, da war des Menschen Ich, das heißt das Bewußtsein, noch recht wenig tätig, noch recht wenig betriebsam; es beginnt ja eigentlich erst hier.
[ 21 ] Goethe understood the role Ahriman plays! But why did Ahriman have to play such a role in more recent times? Why did Ahriman-Mephistopheles have to enter the human sphere at all? After all, we know that evolution proceeds in such a way that we have the so-called Lemurian period, the Atlantean period, and our post-Atlantean period. We know that in the Lemurian period, the human “I”—that is, consciousness—was still quite inactive, still quite sluggish; it actually only begins here.


[ 22 ] Aber erst nach und nach klärt sich der Mensch auf über dasjenige, was als Ich-Impuls in ihm lebt und webt. Nach und nach erst werden die Menschen sich klar darüber, wie sie stehen, indem das Ich in ihrer Seele wohnt, zu Luzifer und Ahriman, nach und nach werden sie sich erst klar, die Menschen. Wenn man dasjenige, was Prinzip sein muß der zukünftigen Zeit, ins Auge faßt, so stellt es sich ja dar, schematisch nur angedeutet: nach der Erde hinweisend, um die Geheimnisse des Himmels zu entdecken; nach dem Himmel hinweisend, um die Geheimnisse der Erde zu entdecken. Macht man die Sache verkehrt, macht man die Sache im Sinne unserer Zeit nur, so findet man nicht die Geheimnisse der Erde, sondern aus der Erde heraus kommt statt der Himmelsgesetze, statt der Himmelsgeheimnisse, die herauskommen sollten, das Ahrimanische, das an die Menschen herantritt, das versucht, an den Menschen heranzukommen. Es muß zurückgewiesen werden, weil in der Erde nicht gesucht werden muß verstandesmäßig das, was die Erde gibt, sondern das, was sie offenbart für den Himmel. Von dem Weltenraum herein kommt Luzifer; er muß weichen. Würde er an den Menschen herankommen, so würde das so sein, daß im Weltenraum draußen gesucht würde das, was in ihm nicht zu finden ist: die Geheimnisse des Himmels selber. Diese Beziehung wird man einsehen müssen.
[ 22 ] But only gradually does the human being come to understand what lives and weaves within him as the “I” impulse. Only gradually do human beings become aware of where they stand in relation to Lucifer and Ahriman, as the “I” dwells in their souls; only gradually do they come to realize this. When one considers what must be the principle of the future age—even if only schematically outlined—it presents itself as follows: pointing toward the Earth to discover the mysteries of Heaven; pointing toward Heaven to discover the mysteries of the Earth. If one does the opposite—if one proceeds solely in the spirit of our time—one will not find the mysteries of the Earth; rather, instead of the laws of heaven and the mysteries of heaven that should emerge from the Earth, what emerges is the Ahrimanic force, which approaches human beings and attempts to gain a foothold within them. It must be rejected, because what must be sought in the earth—not intellectually—is not what the earth gives, but what it reveals to the heavens. Lucifer comes from outer space; he must be driven away. If he were to approach human beings, it would mean that people would seek in outer space what cannot be found within themselves: the mysteries of heaven itself. One must come to understand this relationship.
[ 23 ] Man mußte einstmals einsehen, wie nahe zum Menschen Luzifer steht. Es ist den Menschen möglich gemacht worden, dieses einzusehen in einem Symbolum, das viel mehr ist als ein Symbolum, in einem Symbolum, das tief in die Geheimnisse der geistigen Welt hineinweist. Man kann, wenn man das, was Luzifer für den Gesamtmenschen ist, charakterisieren will, dies nicht intimer machen, als wenn man die Sache so hinstellt, daß an die Kräfte des Weibes herankommt Luzifer und mit Hilfe der spezifisch weiblichen Kräfte in die Welt hereinwirkt, und der Mann durch das Weib dann mit Hilfe Luzifers verführt wird. Dieses Symbolum mußte hingestellt werden vor die Menschheit, und es mußte dastehen, als der vierte nachatlantische Zeitraum da war, wo die Menschen zunächst begreifen sollten das Verhältnis Luzifers zum Menschen, wo sie es fühlen sollten, empfinden sollten dieses Verhältnis, es sich zum Bewußtsein bringen sollten. Durch nichts konnte man sich so sehr zum Bewußtsein bringen das Verhältnis Luzifers zum Menschen, als indem man den Anfang der Bibel studierte, wie die Schlange herantritt an das Weib, das Weib an seinen Kräften faßt und dadurch die Verführung, die Versuchung der Welt begann. Dieses bedeutsame Symbolum war das wirksamste für diesen vierten nachatlantischen Kulturzeitraum, wenn es auch schon früher dagewesen ist. Das Geheimnis des Luzifer ist in diesem Symbolum enthalten.
[ 23 ] It was once necessary to recognize how close Lucifer is to human beings. People have been enabled to recognize this through a symbol that is much more than a symbol—a symbol that points deep into the mysteries of the spiritual world. If one wishes to characterize what Lucifer is for humanity as a whole, one cannot express this more intimately than by presenting the matter in such a way that Lucifer approaches the powers of the woman and works into the world with the aid of specifically feminine powers, and the man is then seduced through the woman with the aid of Lucifer. This symbol had to be presented to humanity, and it had to be there when the fourth post-Atlantean epoch arrived—a time when people were first to grasp the relationship between Lucifer and humanity, when they were to feel and sense this relationship, and bring it into their consciousness. Nothing could bring the relationship between Lucifer and humanity into consciousness as effectively as studying the beginning of the Bible—how the serpent approaches the woman, how the woman draws upon her own powers, and how, through this, the seduction and temptation of the world began. This significant symbol was the most effective for this fourth post-Atlantean cultural epoch, even though it had existed earlier. The mystery of Lucifer is contained within this symbol.
[ 24 ] Der fünfte nachatlantische Zeitraum mußte den Menschen bewußt aufklären über das ahrimanisch-mephistophelische Geheimnis. Da mußte ein anderes Symbolum hintreten. So wie in dem Religionsbuche, das sich auf die geistige Welt bezieht, das Symbolum des luziferischen Verführers des Weibes an der Spitze steht, und der Mann dadurch mitverführt wird durch die Künste, die Luzifer mit Hilfe des Weibes ausführt, so mußte das Gegenbild im fünften nachatlantischen Zeitraum entstehen: Ahriman, der an den Mann herantritt, den Mann zunächst verführt, und mit Hilfe des Mannes die Frau. Wenn es auch vielleicht nicht so grandios gelungen ist im ersten Anhub der Faust-Dichtung, das tief Ergreifende der Gretchen-Tragödie beruht vielfach darauf, daß geradeso wie Adam auf dem Umwege durch Eva von Luzifer verführt wird, so das Gretchen auf dem Umwege durch Faust von AhrimanMephistopheles verführt wurde. Die innere Notwendigkeit der Sache trieb dazu, ein Weltbuch dem Theologiebuch gegenüberzustellen: den Verführten und die Verführerin; die Verführte und den Verführer; den Luzifer, den Ahriman. Das Verhältnis Luzifers zum Weibe auf der einen Seite, Ahrimans zum Manne auf der andern Seite. Dies ist ein tief bedeutungsvoller geistiger Zusammenhang.
[ 24 ] The fifth post-Atlantean epoch had to consciously enlighten humanity about the Ahrimanic-Mephistophelean mystery. A different symbol had to take its place. Just as in the religious text that refers to the spiritual world, the symbol of the Luciferic tempter of the woman stands at the forefront—and the man is thereby led astray through the arts that Lucifer performs with the woman’s help—so the counter-image had to emerge in the fifth post-Atlantean epoch: Ahriman, who approaches the man, first seduces the man, and then, with the man’s help, the woman. Although this may not have been achieved quite so magnificently in the opening lines of the *Faust* poem, the profoundly moving nature of Gretchen’s tragedy rests in large part on the fact that, just as Adam was seduced by Lucifer indirectly through Eve, so too was Gretchen seduced by Ahriman-Mephistopheles indirectly through Faust. The inner necessity of the matter compelled the author to set a “world book” in contrast to the “theological book”: the seduced and the seductress; the seduced and the seducer; Lucifer and Ahriman. The relationship of Lucifer to woman on the one hand, and that of Ahriman to man on the other. This is a profoundly significant spiritual connection.
[ 25 ] Und deshalb entstand wirklich aus einem inneren geistigen Impulse heraus dieses Weltbuch des «Faust» im Gegensatze zu dem 'Theologiebuch. Und die neuere Zeit ist dazu berufen, die Wege zu finden zwischen Ahriman und Luzifer. Denn alle Kräfte, durch die Luzifer in die Welt hereinwirkt, sind zwar nicht gleich, aber ähnlich den Kräften, durch die es Luzifer gelungen ist, die Frau zu verführen. Alle Kräfte, durch die Ahriman in die Welt hereinwirkt, sind ähnlich den Kräften, mit denen Ahriman den Mann verführt. Und wie wir uns richtig denken die luziferische Verführung, die uns die Bibel darstellt, in die lemurische Zeit hinein, so müssen wir den Ahriman suchen an einer Stelle der Bibel, die nicht mehr klargeworden ist, weil das ahrimanische Geheimnis in der Bibel noch nicht in derselben Weise enthüllt ist wie das luziferische Geheimnis. Wir müssen, während wir das luziferische Geheimnis in die lemurische Zeit versetzen, das ahrimanische Geheimnis, wie ich öfter ausgeführt habe, in die atlantische Zeit versetzen. Da hat die Bibel nur eine Andeutung, nicht ein so klares, weithin glänzendes Bild wie das von der Paradiesesversuchung. Da steht darinnen nur in der Bibel, daß bewirkt wurde durch die Impulse, die hereinkamen in das Erdendasein, daß die Göttersöhne Gefallen fanden an den Töchtern der Menschen. Das ist nur die Hindeutung auf dasjenige, was als ahrimanischer Impuls hereinkommt.
[ 25 ] And that is why this “Faust,” a book about the world, truly arose from an inner spiritual impulse, in contrast to the “book of theology.” And the modern age is called upon to find the paths between Ahriman and Lucifer. For all the forces through which Lucifer works into the world are, though not identical, similar to the forces through which Lucifer succeeded in seducing the woman. All the forces through which Ahriman works into the world are similar to the forces with which Ahriman seduces the man. And just as we correctly conceive of the Luciferic temptation, as depicted in the Bible, as taking place in the Lemurian epoch, so must we seek Ahriman in a passage of the Bible that has not yet become clear, because the Ahrimanic mystery is not yet revealed in the Bible in the same way as the Luciferic mystery. While we place the Luciferic mystery in the Lemurian epoch, we must, as I have often explained, place the Ahrimanic mystery in the Atlantean epoch. There, the Bible offers only a hint—not such a clear, resplendent image as that of the temptation in the Garden of Eden. The Bible merely states that the impulses entering earthly existence caused the sons of God to take a liking to the daughters of men. This is merely an allusion to what enters as the Ahrimanic impulse.
[ 26 ] Goethes «Faust» hat schon eine gewisse historische Bedeutung. Und diese historische Bedeutung liegt in dem, was ich versuchte, Ihnen heute zu skizzieren. Man muß, wenn man auf das aufmerksam machen will, was Geisteswissenschaft der Menschheit werden will und werden soll, heute vielfach Paradoxes aussprechen, solches aussprechen, das vielen Menschen kurios erscheint. Aber wahr ist es doch. Wenn einstmals die Menschen so sein werden, daß ihre Wissenschaft wieder erinnern wird an die Uroffenbarung, indem sie aus dem Himmelsgeheimnisse das Erdenleben erklären, wenn die Erdenwissenschaft so sein wird, daß zum Beispiel aus der Gestaltung der Embryonalentwickelung erkannt werden die tiefsten Geheimnisse des Himmels, dann wird die Menschheit das richtige Verhältnis gefunden haben zu Ahriman und Luzifer, und dann wird in einer gewissen Weise dasjenige in der Menschheit sich ausleben, was dargestellt werden soll in unserer Hauptgruppe im Bau, in welcher der Repräsentant der Menschheit zwischen Ahriman und Luzifer in der richtigen Geste hingestellt wird.
[ 26 ] Goethe’s *Faust* does indeed have a certain historical significance. And this historical significance lies in what I have tried to outline for you today. If one wishes to draw attention to what Spiritual Science aims to be and ought to become for humanity, one must today often articulate paradoxes—statements that seem strange to many people. But it is true nonetheless. When, one day, human beings will have reached a state where their science once again recalls the primordial revelation—by explaining earthly life through the mysteries of the heavens—and when earthly science will have reached a point where, for example, the deepest mysteries of the heavens are recognized through the structure of embryonic development, then humanity will have found the proper relationship to Ahriman and Lucifer, and then, in a certain sense, that which is to be depicted in our main group sculpture currently under construction—in which the representative of humanity is positioned between Ahriman and Lucifer in the correct gesture—will be lived out within humanity.
[ 27 ] Tiefer und immer tiefer wird man dasjenige aufzufassen haben, was in Goethes «Faust» ruht. Aber man wird eine autoritätslose Auffassung brauchen. Diejenigen Menschen, welche dadurch allein zu einer Erkenntnis kommen wollen, daß sie, wie eine Dame unserer Gesellschaft einmal gesagt hat, «immer ein Gesicht machen bis ans Bauch», um ihre innere Seelenstimmung auszudrücken, erreichen ihr Ziel nicht. Es war eine Dame, die nicht gewohnt war, deutsch zu sprechen, und daher diesen Sprachfehler gemacht hat. Doch kommt es nicht darauf an, es war eine richtige Bezeichnung. Sie wollte hinweisen auf diejenigen Menschen, denen jede Möglichkeit fehlt, Humor zu entwickeln in der Auffassung der Welt. Wenn man keinen Humor entwickeln kann, dann kann das unter Umständen recht schlimm werden. Das wird also schon kommen müssen, daß man sich in der Weise, wie ich es charakterisiert habe, in der Welt zurechtfinden muß. Diejenigen Menschen, die bloß in Sentimentalstimmung sich den Dingen der Welt werden nähern wollen, werden selbstverständlich es lieber haben, wenn sie auch ein solches Kunstwerk wie den Goetheschen «Faust» so auffassen können, daß sie bei jeder Zeile «ein Gesicht bis ans Bauch» machen. Die Menschen aber, die den «Faust» verstehen wollen, werden ihn autoritätslos auffassen müssen. Dann werden sie schon durch die Widersprüche sich hindurcharbeiten müssen, aber das Hindurcharbeiten durch die Widersprüche wird die Möglichkeit des Verständnisses bieten. Ein Kinderspiel ist gerade so etwas nicht wie der «Prolog im Himmel»! Wenn man gar zu sehr scheut eine gewisse Ironie und einen gewissen Humor der Welt gegenüber, dann verfällt man zu leicht dem größten Humoristen, der ein Genosse ist desjenigen, der uns in Goethes Mephistopheles gegenübertritt, der dem Herrn mehr zur Last ist als der Schalk, der ein etwas gefährlicherer Geist von der Sorte derer ist, die da verneinen können.
[ 27 ] One will have to grasp what lies at the heart of Goethe’s *Faust* more and more deeply. But one will need an interpretation free from authority. Those people who seek to arrive at insight solely by, as a lady in our society once put it, “always making a face all the way down to their stomach” to express their inner state of mind will not achieve their goal. It was a lady who was not accustomed to speaking German and therefore made this slip of the tongue. Yet that is beside the point; it was an apt description. She wanted to point out those people who lack any ability to develop a sense of humor in their view of the world. If one cannot develop a sense of humor, then under certain circumstances that can become quite serious. So it will inevitably come to pass that one must find one’s way in the world in the manner I have described. Those people who wish to approach the things of the world solely from a sentimental perspective will, of course, prefer to be able to interpret even a work of art such as Goethe’s *Faust* in such a way that they pull a face “all the way down to their stomach” with every line. But those who wish to understand *Faust* will have to approach it without relying on authority. Then they will have to work their way through the contradictions, but working through these contradictions will offer the possibility of understanding. Something like the “Prologue in Heaven” is certainly no child’s play! If one shies away too much from a certain irony and a certain sense of humor toward the world, then one all too easily succumbs to the greatest humorist, who is a comrade of the one who confronts us in Goethe’s Mephistopheles—one who is more of a burden to the Lord than the mischievous fellow, who is a somewhat more dangerous spirit of the sort that is capable of negation.
[ 28 ] Anregen möchte ich dazu, daß solche Dinge, die schon eine Ausnahmestellung einnehmen in der geistigen Menschheitsentwickelung, wiederum tiefer erfaßt werden. Denn sie sind auch ein Weg, hineinzukommen in die Geheimnisse jenseits der Schwelle, wo alles anders ist als diesseits der Schwelle, wo alles so ist, daß man sich schon bekanntmachen muß damit, daß manches paradox klingt, was aus dem Bewußtsein derjenigen Tatsachen heraus gesprochen wird, die jenseits der Schwelle zur geistigen Welt liegen. Die heutige Zeit will nicht viel wissen von den Geheimnissen, die jenseits der Schwelle zur geistigen Welt liegen. Zwar sind die meisten Geister dieser heutigen Zeit immer überzeugt gewesen, daß wir es so herrlich weit gebracht haben. Nun, ich weiß nicht, wie weit sich die Menschen diese Überzeugung hindurchretten werden auch durch unsere uns zunächst liegende Zeit, die es so herrlich weit gebracht hat, und die doch nur in den Konsequenzen desjenigen lebt, was sie durch die Jahrhunderte geglaubt hat. Aber wenn auch für viele heute noch dasjenige paradox klingt, was verkündet wird aus dem Gebiete von jenseits der Schwelle, es muß immer mehr und mehr Verständnis sich für diese Geheimnisse des Daseins bilden. Und vieles von der gedeihlichen Entwickelung der Menschheit in die Zukunft hinein hängt davon ab, daß die Menschen Verständnis finden für dasjenige, was heute noch so vielfach paradox klingt.
[ 28 ] I would like to encourage a deeper understanding of such things, which already occupy an exceptional position in humanity’s spiritual development. For they are also a path to entering the mysteries beyond the threshold, where everything is different from what it is on this side of the threshold, where everything is such that one must already come to terms with the fact that some things sound paradoxical when spoken from the awareness of those realities that lie beyond the threshold to the spiritual world. The present age does not want to know much about the mysteries that lie beyond the threshold to the spiritual world. True, most people of our time have always been convinced that we have come so wonderfully far. Well, I do not know how far people will carry this conviction through the present age—an age that has come so wonderfully far, yet lives only in the consequences of what it has believed over the centuries. But even if what is proclaimed from the realm beyond the threshold still sounds paradoxical to many today, an ever-greater understanding of these mysteries of existence must take shape. And much of humanity’s flourishing development into the future depends on people finding an understanding of that which still sounds so paradoxical in so many ways today.
[ 29 ] Töricht mag es heute noch vor der Welt sein, zu sagen, die Erde müsse durch den Himmel, der Himmel durch die Erde erklärt werden. Wer hineinschaut in all das Menschengeschick Bezwingende, das sich offenbart von jenseits der Schwelle, der weiß, daß das, was so töricht vor den Menschen gilt und paradox, dennoch die Weisheit ist vor dem Geistigen und vor der Welt. Und es darf heute schon gesagt werden, ohne unbescheiden zu werden, weil man schon, wenn man es aus dem Bewußtsein der geistigen Welt heraus sagt, die nötige Demut, um es sagen zu dürfen, aufbringt, weil schon im Herzen diese Demut waltet, trotzdem man vielleicht Kraft anwenden muß, um das, was man am liebsten auch in der Geste der Demut vorbringen möchte, in der Geste der nötigen Kraft vorzubringen, die vielleicht den Anschein der Geste des Hochmuts erwecken könnte. Aber auch das könnte nur eine ahrimanische Auffassung so finden, wenn sie in diesem Falle verwechseln würde Demut und Hochmut. Davon dann ein andermal.
[ 29 ] It may still seem foolish to the world today to say that the earth must be explained through the heavens, and the heavens through the earth. Anyone who looks into all that which overpowers human destiny—which reveals itself from beyond the threshold—knows that what is considered so foolish and paradoxical to human beings is nevertheless wisdom in the eyes of the spiritual realm and the world. And it may already be said today without being immodest, because when one speaks from an awareness of the spiritual world, one already mustered the necessary humility to be allowed to say it—since this humility already reigns in the heart— even though one may have to exert strength to present what one would most like to express in a gesture of humility through a gesture of necessary strength—a gesture that might perhaps give the appearance of arrogance. But even that could only be perceived as such by an Ahrimanic perspective if, in this case, it were to confuse humility with arrogance. More on that another time.
