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Faust, der strebende Mensch Geisteswissenschaftliche
Erläuterungen zu Goethes «Faust»
GA 272

4 April 1915, Dornach

3. Das Ringen Fausts nach dem Christdurchtränkten Quell des Lebens

nach der eurythmisch-dramatischen Darstellung der «Osternacht»

[ 1 ] Unter den Osterdarbietungen, die eben vor unseren Sinnen vorübergezogen sind, waren ja auch diejenigen, welche darstellen, wie eine Seele, die nahe daran ist, durch ihren eigenen Entschluß durchzugehen durch die Todespforte, zurückgeholt wird in die Welt des irdischen Lebens durch die Osterbotschaft. Ich glaube, daß unter den mancherlei Eindrücken, welche die Faust-Dichtung auf uns Menschen machen kann, dieser Szene Eindruck einer der tiefsten sein muß. Bringen Sie jetzt, ich möchte sagen, nach der Verwandlung der die Welt mit ihrer Entwickelung bedeutenden Szenerie,1Bei den Worten «Christ ist erstanden» verwandelte sich die schwarze Farbe der Szenerie In eine rote. bringen Sie das, was Sie als einen Ausblick innerhalb der Faust-Dichtung in Ihre Seele aufgenommen haben, in Zusammenhang mit dem, was gestern gewissermaßen vor der Verwandlung von mir hier gesagt worden ist über jene bedeutungsvolle reale Vision, die der Menschenseele aufgehen kann, wenn sie hintritt vor das Symbolum des im Grabe ruhenden Jesus Christus. Bedenken wir, daß wir gestern sagen durften, daß wachgerufen wird durch ein entsprechendes geistiges Anschauen oder geistiges Empfinden der Anblick dessen, was dem Menschenleben verbunden ist durch seine Erdenentwickelung in bezug auf die luziferische, die ahrimanische Welt. Bedenken wir, daß wir in der Faust-Dichtung vor uns haben eine Seele, welche sich uns sogleich, da die Dichtung beginnt, ankündigt als eine solche, welche aufgenommen hat in sich ahrimanisches Wissen, ahrimanische Erkenntnisse. Und schauen wir dann in diese Seele hinein, wie sie ringt aus ihrer Verbindung mit der ahrimanischen Weisheit heraus nach dem — wir dürfen von unserem Gesichtspunkte aus sagen - christdurchtränkten Quell des Lebens: ein bedeutungsvoller Augenblick, der uns für eine Menschenseele vorgeführt wird. Fassen wir sie ins geistige Auge, diese Menschenseele! Da steht sie vor uns mit all dem Wissen, das sie in sich aufgenommen hat durch die Beobachtung der äußeren materiellen Welt und ihrer Zusammenhänge, mit der Erkenntnis, die sie sich erobern konnte durch die Instrumente, durch die der äußere Naturforscher einzudringen versucht in die Zusammenhänge der Natur... Und wozu ist diese Seele gekommen mit all dem Forschen, das sich knüpft an die verschiedenen Instrumente und auch an die Phiole, in der die Säfte enthalten sind, die für das irdische Leben «eilends trunken machen»? Wir fühlen, wie schon ahrimanisches Wesen an der Seite der Faust-Seele waltet, und wie dieses ahrimanische Wesen verknüpft ist mit dem, was Erdentod ist. Ist es uns nicht, wie wenn diese mit ahrimanischem Wesen angefüllte Menschenseele das Ergebnis ihrer ahrimanischen Erkenntnisse zöge? Und dieses Erkenntnisergebnis, das Ahriman auf Erden den Menschen geben kann, das ist es, was sich zusammenfaßt in die Worte:

Ich grüße dich, du einzige Phiole!
Die ich mit Andacht nun herunterhole,
In dir verehr’ ich Menschenwitz und Kunst.
Du Inbegriff der holden Schlummersäfte,
Du Auszug aller tödlich feinen Kräfte,
Erweise deinem Meister deine Gunst!
Ich sehe dich, es wird der Schmerz gelindert,
Ich fasse dich, das Streben wird gemindert,
Des Geistes Flutstrom ebbet nach und nach.
Ins hohe Meer werd’ ich hinausgewiesen,
Die Spiegelflut erglänzt zu meinen Füßen,
Zu neuen Ufern lockt ein neuer Tag.

[ 2 ] Und schon hat diese Seele die Vision, daß sie zum andern Ufer kommt, wo sie vielleicht dasjenige wird finden können, was sie glauben muß, durch ihre ahrimanische Verstrickung auf dieser Erde nicht finden zu können. Schon hat sie die Vision des Hinübergehens zu dem andern Ufer:

Ein Feuerwagen schwebt, auf leichten Schwingen,
An mich heran! Ich fühle mich bereit,
Auf neuer Bahn den Äther zu durchdringen,
Zu neuen Sphären reiner Tätigkeit.
Dies hohe Leben, diese Götterwonne!
Du, erst noch Wurm, und die verdienest du?
Ja, kehre nur der holden Erdensonne
Entschlossen deinen Rücken zu!
Vermesse dich, die Pforten aufzureißen,
Vor denen jeder gern vorüber schleicht.
Hier ist es Zeit, durch Taten zu beweisen,
Daß Manneswürde nicht der Götterhöhe weicht,
Vor jener dunklen Höhle nicht zu beben,
In der sich Phantasie zu eigner Qual verdammt,
Nach jenem Durchgang hinzustreben,
Um dessen engen Mund die ganze Hölle flammt;
Zu diesem Schritt sich heiter zu entschließen
Und, wär’ es mit Gefahr, ins Nichts dahin zu fließen.

[ 3 ] Und nachdem er nun auch noch das andere ahrimanische Instrument ergreift, da ist er bereit, den Weg hinüber zu nehmen in diejenigen Gefilde, von denen er in Ahrimans Schule gelernt hat, daß sie nummermehr erkennbar sind der Seele, solange sie im Erdenleibe eingeschlossen ist. Und aus dieser Stimmung wird diese Seele herausgerissen durch den Klang der Osterglocken und den Chor des Ostergesanges. Und wieder hat die Faust-Seele das irdische Leben, um jetzt innerhalb des irdischen Leibes das zu suchen, was diese Menschenseele als Ergebnis ihres Suchens im irdischen Leibe hindurchtragen soll durch die Pforte des Todes, damit sie es hinauftragen könne in die geistigen Gefilde, in denen sie es braucht zu ihrer weiteren Entwickelung.

[ 4 ] Dasjenige, was Sie heute gehört haben von dem ersten Teil von Goethes «Faust», und manches, was zu diesem Teile, zu dieser Szene von Goethes «Faust» gehört, erschien zuerst als abgeschlossener erster Teil der Dichtung im Jahre 1808. Vorher aber schon war im Jahre 1790 von Goethe erschienen «Faust, ein Fragment», dieses Fragment, das noch nicht die letzte Gretchen-Szene hatte. Aber auch die Szene hatte dieses Fragment nicht, die uns heute jene für Fausts Seele bedeutungsvollen Ereignisse vor die eigene Seele geführt hat. 1790 gab Goethe sein Fragment noch ohne diese Osterszene und ohne den Monolog heraus, der in die tiefsten Tiefen menschlich-seelischen Erlebens führt. Und am Ende des 19. Jahrhunderts ist dasjenige entdeckt worden, was Goethe fertig hatte in den achtziger, sogar schon in den siebziger Jahren, in den neunziger Jahren. Es ist dann veröffentlicht worden unter dem geschmacklosen Titel «Urfaust». In diesem Urfaust haben wir nun ebenfalls nicht, man kann sagen selbstverständlich nicht diese Osterszene. Warum haben wir sie nicht? Ja, Goethe, der ein Kind seiner Zeit war, mußte reif werden, um in seiner Art, seiner Seele gemäß, die Wirkung des Christus-Impulses auf Fausts Seele darstellen zu können; er mußte erst dazu reif werden. Und Goethe war bis zum Jahre 1790 nicht dazu reif. In die neunziger Jahre fällt jene Vertiefung Goethes in seiner Seele, die ihren Abglanz gefunden hat in dem uns ja bekannten «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie». Es fällt hinein in die Zeit zwischen dem Zeitpunkt, in dem der «Faust» erschienen ist ohne die Osterszene, und dem Zeitpunkt, in dem er erschienen ist mit der Osterszene. Fine unendliche Vertiefung erfuhr Goethes Seele durch das, was sie ausgestaltete in dem «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie». Und erst an diesem Erlebnis gewahrte Goethe, wie er wirken lassen dürfe die Osterauferlebens-Szene auf Fausts Seele.

[ 5 ] Nun, sehen wir in diese Faust-Seele selber hinein, versuchen wir einmal, uns zu versetzen in den Anfang von Goethes «Faust», der in den verschiedenen aufeinanderfolgenden Veröffentlichungen so ziemlich gleich ist. Wir wissen, er heißt:

Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie!
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh’ ich nun, ich armer Tor!
Und bin so klug als wie zuvor;
Heiße Magister, heiße Doktor gar,
Und ziehe schon an die zehen Jahr,
Herauf, herab und quer und krumm,
Meine Schüler an der Nase herum —
Und sehe, daß wir nichts wissen können!

[ 6 ] Zehn Jahre also ist er Dozent. Nehmen wir an, er wäre regelmäßig in die Dozentenlaufbahn hineingekommen, dann könnten wir etwa denken, so gegen die Dreißigerjahre hin wäre er Dozent geworden, so hat er also gewissermaßen seit dem dreißigsten Jahre seines Lebens seine Schüler an der Nase herumgeführt! Erinnern wir uns, was ich gestern sagte. In den Dreißigerjahren wird der Mensch stehen vor dem Bilde des Jupiterdaseins, wenn sich ihm vor Augen stellen wird jene Verführung, von der ich gestern gesprochen habe. Und eine Vision, eine prophetische Vision jener Verführung, hat man vor sich, wenn man vor dem im Grabe liegenden Christus Jesus steht. Haben wir nicht in Faust ausgestaltend dramatisch jene Vision? Steht er nicht förmlich vor uns vor dem Ostergeheimnis, und steht er nicht gerade, man kann sagen, am Ende der Dreißigerjahre vor uns vor dem Östergeheimnis? Dürfen wir nicht annehmen, daß in seinen Empfindungen rumort, was der Mensch aus dem Ostergeheimnis empfinden muß wie eine Vorahnung des Jupitererlebnisses mit Luzifer und Ahriman? Zu Goethes Zeiten konnte man das nicht so darstellen, wie man es jetzt darstellen kann, aber Goethe konnte darstellen die im Herzen rumorende Empfindung gegenüber dem Ostergeheimnis, und die rumorte in Fausts Seele. Und ist es nicht, als wenn Faust fühlte, da wo Mephisto-Ahriman an ihn herantritt, wie verfallen seine Seele ist den ahrimanischen Mächten? Wie er sich zu retten hat vor irgend etwas? Ja, vor was denn? Vor was hat er sich zu retten? Können wir nicht sagen, daß Goethe etwas davon empfunden hat, als er die eigene Faust-Stimmung seiner Jugend wiederum auf sich wirken ließ als reifer Mensch, als reife Seele etwas empfunden hat, so wie er es in seiner Zeit empfinden konnte, von der Osterstimmung, die wir uns in diesen Tagen vor die Seele malten, und daß daraus das Bedürfnis entstanden ist, die Osterszene einzufügen in den «Faust», der früher nicht diese Osterszene gehabt hat? Ins Christliche umgedichter ist der «Faust» mit der Einfügung der Osterszene zwischen den Jahren 1790 und 1800.

[ 7 ] Welche Jahre hatte denn also Faust zu durchleben? Vor welchen Lebensjahren schauderte er so zurück, daß er selbst zur Phiole greifen wollte? Nun, vor dem zweiten, absteigenden Teil des Lebens, jenem Teil des Lebens, von dem wir gesagt haben, wie der Mensch, indem er vor die Vision des Jupiterdaseins tritt, weiß, daß er später auf den Jupiter tragen muß dasjenige, was ihm der Christus als Wegzehrung geben kann, weil er sonst der Nahrung ermangeln müßte in der zweiten Lebenshälfte. Was sucht denn Faust? Er sucht Nahrung der Seele für die zweite Lebenshälfte. Wir suchen sie im Grunde genommen alle seit der Zeit, da das Mysterium von Golgatha über die Entwickelung unserer Erde hinweggegangen ist. Wir suchen sie im Grunde alle. Denn dasjenige, was auf dem Jupiter physisch-psychische Gestalt annehmen wird, das lebt jetzt schon in unseren Seelentiefen, und etwas von dieser Faust-Stimmung müssen wir alle empfinden. Wir brauchen eine Kraft, die wir nicht haben können durch dasjenige, was uns als Mensch nur die Freiheit gibt und uns demgemäß zu Ahriman und Luzifer führt, wir brauchen eine Kraft für diejenigen Impulse in uns, die zusammenhängen mit der absteigenden Lebenshälfte. Die Christus-Kraft ist es, die Christus-Kraft, die der Christus hat, nachdem er durch die Todespforte gegangen ist und in einem irdischen Leibe nicht durchlebt hat des Menschen zweite Lebenshälfte Warum durchlebte er sie nicht? Weil diese Kraft, die dem Menschen gespendet werden muß in der zweiten Lebenshälfte, in die Erdenaura ausfließen mußte, damit sie alle Menschen durch die Erdenentwickelung in sich finden können. Es aufersteht durch das Ostermysterium dasjenige, was wir brauchen, damit wir mit unserer Seele unser ganzes Leben auf der Erde durchpilgern können. Und denken Sie sich jetzt diesen tiefen Zusammenhang in Goethes «Faust». Faust hat in sich aufgenommen — Goethe wußte, wie man dieses aufnimmt, denn er hat es ohne das Östergeheimnis hingestellt, als er ohne das Ostergeheimnis sein Fragment herausgab -, Faust hat in sich aufgenommen, was der Mensch durch die Verbindung mit Luzifer und Ahriman aufnehmen kann, was uns die Möglichkeit der freien Seele gibt. Aber er, der die Seelentiefen durchmißt, ist sich klar, mit dem kann er nun nicht weiterleben, er braucht, um weiterzuleben, etwas anderes. Und Goethe wurde reif dazu, zu zeigen, wie es der Impuls des Östergeheimnisses ist, was Faust braucht. Steht nicht das Ostergeheimnis tiefsinnig vor uns in dem, was Goethe erst als ganz reifer Mann aus seinem «Faust» gemacht hat, was er 1790 noch nicht drinnen haben konnte, weil er es noch nicht verstand?

[ 8 ] Wie ist in dem jungen Goethe die dichterische Idee zu diesem Gedicht, von dem Sie sehen, daß es uns in solche Tiefen führt, entstanden? Wir wissen, daß der junge Goethe einen starken Eindruck bekommen hat sowohl von dem Puppenspiel des Faust, als er es gesehen hat, wo man einfach das Schicksal des Faust durch Puppen dargestellt finder, wie auch aus dem Volksschauspiel von dem «Doktor Faust». Dieses durchaus Volksmäßige trat vor Goethes Seele. Was ist denn nur dieser Faust? Und Goethes Seele war sogleich klar: Dieser Faust muß sein der strebende Mensch überhaupt, der durch sein Streben in alle Untergründe des menschlichen Seelenlebens hinuntertauchen kann und den Weg finden muß hinauf in die lichten Höhen des Geistes. Daß ein innerer Weg von einer Menschenseele durchlaufen werden müsse, das wußte der junge Goethe. Denn was ist es im Grunde genommen anderes als eine Meditation, was Faust in seiner Seele sengend durchlebt bei dem Anblick der verschiedenen Zeichen? Eine Meditation ist es, die ihn zuletzt zu der Vision des die Erde durchflutenden und durchwallenden Erdgeistes führt. Die Meditation erhält als Antwort die Worte:

In Lebensfluten, im Tatensturm
Wall’ ich auf und ab,
Webe hin und her!
Geburt und Grab,
Ein ewiges Meer,
Ein wechselnd Weben,
Ein glühend Leben,
So schaff’ ich am sausenden Webstuhl der Zeit
Und wirke der Gottheit lebendiges Kleid.

[ 9 ] Meditation und Gegenmeditation! Hinein führt es ihn in die Tiefen des Lebens, den Faust, aber wie hinaus? Wie hinauf in die geistigen Höhen?

[ 10 ] Nachdem wir uns also vor die Seele gestellt haben, welch grandiose Idee von dem strebenden Faust in Goethes Seele am Puppenspiel und am Volksschauspiel entstanden ist, und welche Gestalt diese grandiose Idee angenommen hat durch das Eindringen der Goethe-Seele in das Östergeheimnis, fragen wir uns Jetzt einmal: Was hat nun Goethe zeit seines Lebens aus dem «Faust» gemacht? — Nachdem wir uns das Grandiose desjenigen klargemacht haben, was in Goethes Seelenkraft gelegen hat durch den Eindruck des Faust-Impulses, dürfen wir uns wohl auch fragen: Was ist denn nun geworden künstlerisch-dichterisch aus diesen Eindrücken? -— Nun, schon eines, was ich eben sagte, kann uns zu unserem Hange, diesen «Faust» auch ästhetisch-künstlerisch zu begreifen, behilflich sein. Goethe hat ein Fragment, das ungefähr mit der Domszene abschließt, 1790 veröffentlicht. Das, was uns heute den «Faust» so grandios erscheinen läßt, ist nicht darinnen. Er hat es später hinzugedichtet, hat es hineingelegt, als er in Rom war. 1787 hat er das, was wir heute als «Hexenküche» kennen, hineingelegt. Andere Szenen hat er zu andern Zeiten hineingelegt in das Manuskript, das ursprünglich geschrieben und abgeschrieben war und das in der Zeit, in der die späteren Szenen hinzukamen, von ihm selbst als ein «vergilbtes Manuskript» bezeichnet wird. Und als Schiller Goethe aufforderte um die Wende des 18, zum 19. Jahrhundert, etwas zu tun, um den «Faust» abzurunden, da sagteGoethe, es würde ihm schwierig werden, das alte Ungeheuer «Faust» wiederum vorzunehmen und das, was so lange liegengeblieben ist, nun in entsprechender Weise zu ergänzen. Goethe hatte Angst, in diesen seinen «Faust» hineinzulegen das, wozu er später reif geworden war, in all dasjenige, was er war und was erschienen ist bis zum Jahre 1790.

[ 11 ] Und schauen wir uns nun den ersten Teil dieses «Faust» an. Ist er denn nicht ein Werk, dem wir es genau ansehen, daß es zusammengeflickt ist aus dem, was zu verschiedenen Zeiten entstanden ist? Würden die Menschen nicht an traditionellen Urteilen hängen, so würden sie in dem «Faust» die grandioseste dichterische Idee, die jemals mit Bezug auf das einzelne Menschliche in die Welt gekommen ist, sehen. Und zu gleicher Zeit müßten sie sich gestehen, daß mit Bezug auf das Künstlerisch-Dichterische dieser «Faust» das uneinheitlichste, daß er ein durchaus unharmonisches Werk ist, in das man noch mancherlei hineinlegen könnte, was nicht darinnen liegt, das überall Risse und Sprünge hat, das künstlerisch durchaus nicht vollendet ist. Das große Genie Goethes konnte nur fragmentarisch immer vollenden, was vor seiner Seele stand. Und so sehr wir die grandiose Schönheit einzelner Szenen bewundern müssen, so wenig können wir, wenn wir uns nicht bloß an das traditionelle Urteil anhängen, das Literaturhistoriker gefällt haben, sondern wenn wir unbefangen sind, uns verhehlen, daß der «Faust», wie er ist, kein in sich harmonisches Kunstwerk ist, daß er an vielen Stellen geleimt ist, aber Risse und Sprünge überall zeigt. Warum denn dies? Goethe hat dann noch einmal im höchsten Alter unternommen, wiederum zu vollenden den zweiten Teil seines «Faust», wofür auch schon einzelne Szenen da waren, an die er wiederum angefügt hat dasjenige, was er im höchsten Alter hinzufügen konnte. Zum Beispiel: der Anfang der klassisch-romantischen Phantasmagorie, des Helena-Zwischenspiels, war schon um die Wende des 18. zum 19. Jahrhundert vollendet, und manche Partien waren früher vollendet. Und wiederum haben wir durchaus Veranlassung, nicht zu sagen, wie manche Literaturhistoriker sagen, daß man den zweiten Teil des «Faust» nicht verstehen könnte, oder, wie ein keineswegs blöder, sondern sehr gescheiter Mann gesagt hat, daß der «Faust» «ein zusammengeschustertes, geflicktes Machwerk des Alters» sei. Das ist er nicht! Anderseits ist er ein Werk, dessen Aufgabe so groß war, daß selbst die reiche Lebenserfahrung Goethes in seiner Zeit nicht hinreichte, um es durchzugestalten. Man darf schon auch gegenüber dem Größten in der Welt sein eigenes Urteil haben. Warum aber ist das also? Nun, ich habe es schon einmal gelegentlich eines Vortragszyklus, der in Den Haag gehalten worden ist, angedeutet, daß dieser Faust keineswegs, ich möchte sagen, welthistorisch so außerordentlich jung ist. Der Faust, wie er lebte in dem Volksschauspiel, das Goethe gesehen hat, und wie er lebte im Puppenspiel, stellt den in die Tiefen des geistigen Lebens hinuntersteigenden Menschen dar, und er stellt den sich zu den lichten Höhen erheben wollenden Menschen dar; er stellt ihn so dar, daß der neueren Zeiten größter Dichter das Ostergeheimnis für seiner Seele Befreiung brauchte. Wie er im Volksschauspiel dasteht, ist er zusammengeflossen zunächst aus der äußeren physischen Realität, aus jenem Dr. Georg Faust, der in der zweiten Hälfte des Mittelalters gelebt hat und wie ein Landstreicher herumgezogen ist; von dem uns berichten sowohl Trithem von Sponheim wie andere bedeutende Männer, die ihm begegnet sind, und die sogar eine gewisse Achtung vor ihm gehabt haben, die Achtung, die man entgegenbringt einer merkwürdigen Per sönlichkeit, welche durch die Art, wie sie sich seelisch ausdrückt, gar mancherlei weiß und gar mancherlei vermag. Und nicht umsonst wurde ja dieser reale Doktor Faust so genannt, wie ich es einmal hier angeführt habe:

[ 12 ] Magister Georgius Sabellicus Faustus Junior, fons necromanticorum, Magus Secundus, Chiromanticus Aeromanticus, Pyromanticus, in hydra arte secundus.

[ 13 ] So nannte er sich selbst. Nun war es allerdings im Gebrauch dazumal, so viele Titel von sich herumzutragen, und man könnte von Giordano Bruno und manchen andern bedeutenden Geistern des Mittelalters auch eine lange Liste ganz ähnlich klingender Titel sagen. Wenn es vielleicht heute von den ganz gescheiten Menschen als absonderlich empfunden wird, daß Trithem von Sponheim und andere Menschen, die um die Existenz dieses realen Faust gewußt haben, so dachten, daß er mit dämonischen Welt- und Erdenmächten in Verbindung stehe und durch sie mancherlei vermöge, so müssen wir eben bedenken, daß ja zu Luthers Zeiten zum Beispiel das gar nichts besonderes war, wenn man solches erzählte, Wir wissen, wie Luther selbst mit dem Teufel gerungen hat. Wir wissen, daß alles das gang und gäbe, Anschauungen und Erzählungen jener Zeit waren. Aber ein Gefühl lebte in alledem, was beitrug dazu, den Faust auszugestalten im Volksbewußtsein. Es lebte das Gefühl — ich sage das Gefühl und nicht der Begriff, nicht die Idee -, die Naturwissenschaft kommt herauf, die Naturwissenschaft, die den ahrimanischen Teil der realen Wirklichkeit vor die Menschenseele bringt. Und dadurch entstand das Gefühl: Faust ist eine Persönlichkeit und war eigentlich immer eine solche Persönlichkeit, welche etwas mit diesen ahrimanischen Mächten zu tun hat. Gleichsam die geheimen geistigen Verbindungsfäden erblickte man, die von der Seele des Faust zu den ahrimanischen Mächten hingingen. Und das Geschick des Faust fand man geknüpft an dieses Hinneigen zu den ahrimanischen Mächten. Daß Ahrimanisches und Luziferisches mit der ganzen Entwickelung der Menschenseele zu tun hat, von dem fühlte und empfand man noch etwas aus den Resten des alten Hellsehens und der alten hellsichtigen Erkenntnis. Und so verknüpfte sich die Faust-Figur mit diesem Erfühlen von des Menschen Zusammenhang mit den luziferischen und ahrimanischen Mächten. Aber es war zugleich die Zeit, in der dieses fühlende Erkennen bereits in die Dämmerung herunterstieg, in der das alles schon unklar wurde. Und so entstand dann, man möchte sagen, das Gefühl, da kann man den strebenden Menschen mit all seinen Versuchungen und Gefahren für seine Seele darstellen in der Figur des Faust. Aber wie das zusammenhängt, was da der Mensch erstrebt, mit Luzifer und Ahriman, das wußte man nicht mehr genau. Das war schon verschwommen geworden, und daraus ging dann jene ungeheuerliche Verschwommenbheit hervor, von der man einen Eindruck hat, wenn man das mittelalterliche Faust-Buch in die Hand nimmt, worin all dasjenige, was die Volksfigur durchlebt haben soll, geschildert wird, wo wie Kraut und Rüben durcheinander geworfen werden zu einem grotesken Ragout von allen möglichen Abenteuern, die des Menschen Seele durchlebt in ihrem Streben, alle möglichen dämonischen und Elementargeister und Ahriman und Luzifer. Nachdem man diese nicht mehr in ihrer vollen Gestalt gesehen hat, nachdem man sie zertrümmert und zu einem Ragout zusammengemahlen hat mit allen möglichen Elementargeistern der Natur, stellte man nun in diesem Volksbuch, in dieses Ragout die Figur des Doktor Faust hinein. Goethes genialem Tiefblick war es eben einzig und allein angemessen, in dem schauerlichen Ragout die gewaltige Grundidee zu ahnen und sie so weit hinaufzuführen, daß sie an das Ostermysterium herankam. Aber es ist im Grunde recht interessant, zu beobachten, wie, ich möchte sagen, Luzifer und Ahriman nach und nach zu solchen Ragoutteilen zerstückelt worden sind.

[ 14 ] Wenn wir zurückgehen und die Figur des Faust in alten Zeiten suchen, so können wir in Büchern suchen, die damals als Volksbücher entstanden sind, und die in all derjenigen Händen waren, die sich damals mit Angelegenheiten befaßt haben, die sich auf solche Dinge beziehen. Augustinus’ Werke waren sehr verbreitet, als dieses Buch zusammengeschrieben, zusammengeschustert, zusammengeleimt worden ist. Man hat das Gefühl von einem Buchhändler, der ein möglichst dickes Buch machen wollte, und nicht, als ob es von einem Literaten oder gar einem Schriftsteller wäre. Aber seinen Augustinus muß er gekannt haben, namentlich die Lebensbeschreibung des Augustinus. Und Augustinus tritt uns ja in seiner ganzen Entwickelung so merkwürdig entgegen. Wie er zunächst nicht verstehen kann, was das Christentum in seinem Wesen ist, wie er sich nach und nach durch die inneren Widerstände, die er in der Entwickelung seiner Seele dem Christentum entgegenbringen muß, hindurchwindet, zuerst zu dem, was ihm nun an Kunde werden kann von der Manichäerlehre. Und von einem großen, bedeutenden Manne innerhalb der Manichäersekte erhält Augustinus Kunde, von dem Manichäerbischof Faustus. Und wir spüren fast, wer nun jener Faustus senior ist, dem gegenüber der Faust, den ich vorhin genannt habe, sich Faustus junior nennt. Derjenige ist es, dem Augustinus in alten Zeiten einmal entgegengetreten ist, derjenige, der etwas von der Manichäerlehre vertrat als Faustus, als Bischof der Manichäer.

[ 15 ] Aber was vertrat er von der Manichäerlehre? Dasjenige, was angefressen ist von Ahriman, dasjenige, wodurch man nicht mehr einsehen kann, wie der Mensch mit seiner Seele zusammenhängt mit dem ganzen Kosmos, mit allen kosmischen, allen Sternenimpulsen. Man kann sagen: Auch schon im Manichäerbischof Faustus ist zerrissen das Erkenntnisband, das hinaufführt zu den kosmischen Einsichten, die zeigen, wie die Menschenseele aus dem Kosmos herausgeboren ist, und die man kennen muß, wenn man in Wahrheit das Ostergeheimnis verstehen will. — So konnte in dem, der das Volksbuch vom Doktor Faust zusammenschrieb, gerade aus der Gestalt, die uns Augustinus schildert als den Manichäerbischof Faustus, — es konnte in diesem Zusammenschreiber und Zusammenleimer durch diese Gestalt der dem Ahriman verfallene Faustus auftauchen. Aber da alles verschwommen geworden war, so verstand er nicht, daß das gegen Ahriman hin ging. Die Fetzen von ahrimanischer Gefahr sehen wir daher durchschimmern durch die Erzählungen des Volksschauspiels, aber nichts Klares sehen wir durchschimmern. Doch können wir ein deutliches Gefühl erhalten, daß in Faustus der Repräsentant des strebenden Menschen hingestellt werden soll so, daß ihm von ahrimanischer Seite her Gefahr droht. Und vieles war in die Faust-Figur, wie sie sich herausgebildet hat bis zu Goethe, hineingefügt von jenem Manichäerbischof Faustus, dem Faust senior. Manche Kapitel des Volksbuches erscheinen geradezu, wie wenn sie abgeschrieben wären, aber schlecht abgeschrieben nur aus dem Buche, in dem Augustinus schildert seine eigene Entwickelung und sein Zusammentreffen mit dem Bischof Faustus. So sehr können wir beweisen, daß dasjenige, was als ahrimanischer Zug der Faust-Figur anhaftet, nach dieser Seite hinweist, daß also, als das Volksbuch niedergeschrieben worden ist, nur noch der letzte dunkle Drang da war, die ahrimanischen Elemente der Menschennatur gerade an der Faust-Figur darzustellen.

[ 16 ] Und nun gar, wie ist es denn mit dem luziferischen Element? Wie sind denn die luziferischen Elemente zerhackt worden in jene Ragoutteile, die dann hineingekocht worden sind in das Ragout aus Elementargeistern und aus Stücken von Luzifer und von Ahriman, wie ich eben gesagt habe? Ja, wir müssen schon suchen, wenn wir nun des Faust Verbindung mit Luzifer auch suchen wollen. Auch da können wir historisch suchen, da brauchen wir nicht einmal gar so furchtbar weit zu gehen, wir brauchen nur nach Basel zu gehen, und wir können Anhaltspunkte in Basel finden, wie Luzifer zu einem Ragout zerhackt worden ist. Es wird uns nämlich erzählt, wie gerade in Basel Erasmus von Rotterdam zusammengekommen sei mit Faust, wie sie dort im Kollegium eine Mahlzeit halten wollten, aber nicht die rechte Speise dazu fanden. Und da es dem Erasmus gebrach an etwas, was ihm nun schmecken sollte, so sagte er das dem Faust, der bei ihm saß und mit ihm essen wollte, aber sie hatten nichts Rechtes. Da erzählt uns die Faust-Sage, daß Faustus nun imstande gewesen sei, irgendwo her — man weiß nicht woher - ganz fremde, in Basel sonst nicht auf dem Markte zu habende Vögel plötzlich gekocht, gebraten auf den Tisch hinzubringen. Also wir sehen eine Szene zwischen Erasmus von Rotterdam und Faust, in der Faust imstande ist, solche Vögel, wie man sie in Basel dazumal nicht kaufen konnte, weit herum in der Umgebung auch nicht, dem Erasmus vorzusetzen. Was ist denn das nun eigentlich? Als solches ist es in der Sage gar nicht verständlich, man kann sagen, ganz und gar unverständlich, aber es wird uns die Sache verständlicher, wenn wir nachgehen und zusammenbringen dasjenige, was wir aus den Schriften des Erasmus von Rotterdam gewinnen können, der uns selbst erzählt, daß er in Paris die Bekanntschaft gemacht hat von einem gewissen Faustus Andrelinus. Dieser Faustus Andrelinus war ein außerordentlich gelehrter Mann, aber auch ein außerordentlich sinnlicher Mann. Erasmus wurde zunächst so bekannt mit diesem Faustus, daß er noch keinen rechten Geschmack hatte an den sinnlichen Seiten dieses Faustus. Aber wiederum hören wir da von einer Mahlzeit, welche die zwei miteinander aufgegessen haben sollen. Nun, allerdings, zwei gelehrte Herren der damaligen Zeit, wie Erasmus von Rotterdam und Faustus Andrelinus — wir dürfen ihnen nicht zumuten, daß der eine dem andern solche Vögel vorsetzt und auf solche Art gar, wie der Faustus von Basel sie dem Erasmus vorgesetzt haben soll. Es wird also wahrscheinlich dasjenige, was uns da überliefert worden ist, nur eine Art von, ich möchte sagen, scherzhafter Rede sein, welche die beiden bei der Mahlzeit ausgetauscht haben. Aber wir kommen doch ein wenig hinter diese scherzhaften Reden, wenn wir innerhalb dieser Reden auch vernehmen, daß der Faust — diesmal ist es wohl der Faust — sich auch nicht recht gaumenbefriedigt erklärte mit dem, was ihm da vorgesetzt wird, und anderes verlangte. Faust möchte nun essen, um sich besonders zu letzen, fremde Vögel und Kaninchen; ja, fremde Vögel und Kaninchen. Erasmus hat zunächst die Idee, daß das etwas bedeuten müsse. Er benimmt sich also genauso wie manche Theosophen, die nachdenken, was die Dinge bedeuten. Nun, da sagt der andere, gut, er will verzichten auf die Kaninchen. — Erasmus meinte nämlich: Könnte das nicht bedeuten Fliegen und Ameisen? — Auf die Kaninchen will er verzichten. Aber die Vögel sind wirklich Fliegen, und mit Fliegen wolle er sich einmal besonders letzen. — Jetzt sind wir sehr weit. Jetzt haben sich die Vögel durch astralische Verwandlung in Fliegen verwandelt. Und bei Goethe haben wir in der Gestalt des Mephisto den Gott der Fliegen. Es braucht nur der Geist da zu sein, der diesen Wesen gebietet, und er könnte diese Wesen hinzaubern. Und so haben wir die Verbindungsbrücke geschlagen von der unverständlichen Basler Legende und den sonderbaren Vögeln zu den Fliegen, die einfach vom Teufel herkommen. Und daß der Teufel Fliegen vorsetzt dem, den er zu Tische lädt, darüber brauchen wir uns nicht zu verwundern. Welcher Art aber jenes Faustus Andrelinus Seelenwesen ist, welcher Seelenart gerade dieser ist, ja, das wird uns klar, wenn wir den Erasmus nun ein Stückchen weiter seines Weges verfolgen in Paris. In Paris war Erasmus noch nicht so recht geneigt, einzugehen auf dieses Faustus Andrelinus Eigenart. Aber dann muß er eine Reise machen nach London. Da schreibt er denn, daß er jetzt gelernt habe — wahrhaftig, Erasmus, denken Sie! -, sich im Salon zu bewegen, während er früher Manieren gehabt hätte wie ein grober Bauer, — daß er nun gelernt habe, Verbeugungen zu machen und sogar sich auf dem Hofparkett zu bewegen verstünde! Und - ja, Erasmus schreibt es — daß er in einer Atmosphäre lebe, wo man, wenn man kommt und geht, durcheinander sich immer küßt. Man erkennt daraus, daß er den Geschmack seines Pariser Freundes treffen will. Er schreibt: Komme doch herüber. Und wenn die Gicht zu stark dich abhält, so komme auf dem Geisteswagen durch die Lüfte herübergeflogen. Das ist für dich ein Element! — Man sieht, da haben wir die Verbindung des Faustus mit der luziferischen Art der Seelentendenz.

[ 17 ] Bei Goethe tritt uns dann das entgegen, wie Faust seine Verführungen macht, indem er Gretchen verführt und so weiter. Der Luzifer ist wirklich so abgefallen aus der Umgebung der Faust-Figur, daß man schon solche literarische Untersuchungen machen muß, wenn wir an dem Pariser Faust die Verbindung des Faust mit Luzifer konstatieren wollen. Aber wir sehen förmlich den Faust dastehen, Luzifer und Ahriman — wenn auch undeutlich durch die verworrene Zeit - an seiner Seite, im Volksbuch alles zu einem Ragout zusammengekocht. Brauchen wir uns darüber zu verwundern, daß wir in dem Volksspiel und Volksschauspiel, sogar auch in dem Marloweschen Faust etwas haben, was ein Überrest ist uralter Anschauungen, die noch wurzeln in jenen Zeiten, in denen man aus atavistischem Hellsehen heraus des Menschen Zusammenhang mit Ahriman und Luzifer erkannte? Aber all das ist verschwommen geworden, und in dem literarischen Produkt, von dem wir gesprochen haben, durchaus verschwommen hingestellt. Goethe empfand den tiefen Zusammenhang. Aber was konnte Goethe nun nicht? Luzifer und Ahriman voneinander sondern, das konnte er nicht. Sie verschmolzen ihm noch zu der Zwittergestalt des Mephisto, bei dem man nicht recht weiß, ist es nun der Teufel, der Ahriman, der wirkliche Mephisto? Denn er hat auch das, was Luzifer ist, auf sich geladen. Goethe empfängt gleichsam das Ragout, er spürt, daß da Ahriman und Luzifer walten, aber er kann es noch nicht auseinanderklauben, er verschlingt sie zu der okkultistisch unmöglichen Gestalt des Mephisto, der eine Zwittergeburt ist aus Ahriman und Luzifer. Man möchte die Zeit nennen, in die Goethe geblickt hat, indem er das Faust-Buch kennenlernte: das letzte Nachdunkeln eines alten Wissens über diese Sache, die verglimmende Abenddämmerung des alten Wissens von Ahriman und Luzifer. Und Goethes «Faust» ist die erste Morgendämmerung des noch nicht aufgestiegenen Wissens von Ahriman und Luzifer, dunkel und verworren in der Gestalt des Mephisto noch Ahriman und Luzifer durcheinander. Aber schon mit dem Bedürfnis, darzustellen, was die Menschenseele haben kann, indem sie auf sich wirken läßt dasjenige, was in die Erdenaura eingeflossen ist dadurch, daß das Christus-Wesen durch das Mysterium von Golgatha hindurchgegangen ist!

[ 18 ] Das Ostergeheimnis erscheint uns selber wie der Aufgang einer neuen Zeit des geistigen Lebens der Menschheit in dem «Faust» Goethes, der trotz seiner grandiosen Art noch immer etwas Verworrenes hat, etwas von nur dunkler, nebelhafter Morgendämmerung hat. Er erscheint uns wie etwas innerhalb dieser dunklen Morgendämmerung, was wir erblicken können, wenn wir hinaufsteigen auf einen Berg und die Sonne früher aufgehen sehen, als wir sie sehen konnten, bevor wir auf dem Berge standen. Wie einer der größten Menschen durch das Streben nach Erneuerung alter Erkenntnis seine Seele hinwendet zum Ostergeheimnis, fühlen wir, indem wir Goethes «Faust» auf uns wirken lassen. Und lassen wir ihn im rechten Sinne auf uns wirken, dann fühlen wir, was in eines größten Menschen Herzen vor sich gehen kann, wenn dieses Menschen Herz vom Ostergeheimnis berührt wurde, wie das Goethe selber zugleich fühlte, wie auch in dieser Vorempfindung Goethes gegenüber dem Ostergeheimnis etwas liegt wie ein Hinweis darauf: Ja, nach der Morgenröte, in welche die ersten dunkel-hellen Strahlen des Ostergeheimnisses hineinscheinen, wird kommen die Sonne einer neuen geistigen Erkenntnis. Des Menschen Seele wird auferstehen aus dem Grabe der verdunkelten Erkenntnis, in das auch sie hinuntersteigen muß. Die Menschenseele selbst wird erleben im Laufe ihrer Entwickelung das Ostergeheimnis, die Auferstehung desjenigen, was der Christus-Impuls in ihren tiefen, grabartigen Untergründen ist, wenn sie sich verbindet mit der Kraft, die ausgeht durch die Anschauung des Christus-Ostergeheimnisses.

[ 19 ] So, möchte man sagen, empfinden wir Goethes Ruf und möchten ihn, nachdem wir die Tragik des Ostergeheimnisses auf uns haben wirken lassen, umwandeln in den Ruf: Es möge auferstehen die der Zukunft angemessene geistige Erkenntnis in der Menschen Herzen, in der Menschen Seelen! Es mögen der Menschen Herzen und der Menschen Seelen nach der Empfindung der tiefsten Tragik heilig jubelnd in ihrem Inneren des Ostermysteriums Tiefe empfinden und erleben die Auferstehung in sich durch den Christus!

[ 20 ] Mögen Sie auch heute an diesem Tage durch die Worte, die ich mir erlaubte, zu Ihnen zu sprechen, etwas von der Empfindung in Ihre Seele aufnehmen, daß Sie deshalb hier vereinigt sind um unseren dem geistigen Forschen gewidmeten Bau, damit Sie durch die Kraft Ihrer Seelen in die Zukunft etwas hineintragen von jenem Auferstehungsimpulse, der uns so groß anschaulich wird am Ostermysterium, und von dem wir sehen konnten, wie die größten Geister derjenigen Zeit, die nun abgelaufen ist, nach ihm hindrängten.

[ 21 ] Empfinden Sie im «Faust» etwas von dem, was der Zauberklang der Osterglocken im Geiste in Ihren Seelen erklingen lassen kann.