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Das Künstlerische in seiner Weltmission
GA 276

1 Juni 1923, Dornach

Zweiter Vortrag

[ 1 ] Es wird eines der Ergebnisse einer richtig verstandenen und richtig in die Zeitzivilisation eingelebten anthroposophischen Geisteswissenschaft sein, daß sie auf alles Künstlerische befruchtend wirken wird. Es muß gerade in unserer heutigen Zeit stark betont werden, daß die menschlichen Neigungen für das Künstlerische in starkem Maße zurückgegangen sind. Ja, es darf vielleicht sogar gesagt werden, daß innerhalb der anthroposophischen Kreise nicht immer ein volles Verständnis dafür vorhanden ist, daß von uns gesucht wird, innerhalb der anthroposophischen Bewegung Künstlerisches möglichst weitgehend einfließen zu lassen. Das hängt natürlich mit der erwähnten allgemeinen Abneigung der heutigen Menschheit gegen das Künstlerische zusammen.

[ 2 ] Man darf sagen, daß in einer starken Art Goethe zuletzt das ganze Geistesleben und die Kunst innerhalb dieses Geisteslebens als eine Einheit empfand, und daß man dann immer mehr und mehr in der Kunst etwas gesehen hat, was eigentlich nicht notwendig in das Leben hineingehört, sondern gewissermaßen zum Leben, man möchte fast sagen wie eine Art Luxus hinzukommt. Kein Wunder, daß unter diesen Voraussetzungen dann auch das Künstlerische vielfach die Gestalt des Luxusmäßigen annimmt.

[ 3 ] Nun war gerade älteren Zeiten, die in der Art, wie ich das oftmals dargestellt habe, durch die Reste des alten Hellsehens lebendigen Bezug zur geistigen Welt hatten, das eigen, in dem Künstlerischen etwas zu suchen, ohne das eine allgemeine Zivilisation nicht sein kann. Man mag vom heutigen Gesichtspunkte aus gegen das, sagen wir manchmal Steife orientalischer oder afrikanischer Kunstformen Antipathie haben, aber darum handelt es sich nicht. Es handelt sich uns in diesem Augenblicke nicht darum, wie wir uns zu den einzelnen Kunstformen verhalten, sondern es soll sich uns darum handeln, wie das Künstlerische durch die Gesinnung der Menschen in die allgemeine Zivilisation hineingestellt worden ist. Und darüber wollen wir heute einiges sprechen als Grundlage für Betrachtungen, die wir jetzt und in den folgenden Vorträgen anstellen wollen. Wir müssen einen gewissen Zusammenhang zwischen dem ganzen Charakter des heutigen Geisteslebens und der künstlerischen Gesinnung sehen, die ich gerade mit einigen Worten charakterisierte.

[ 4 ] Wenn man das Bestreben hat, den Menschen, so wie man das heute macht, ganz und gar nur als das höchste Naturprodukt, als das höchste Naturwesen anzusehen, als dasjenige Wesen, das sich in der Entwickelungsreihe der anderen Wesen in einem gewissen Zeitpunkte der Erdenentwickelung ergeben hat, dann fälscht man die ganze Stellung des Menschen gegenüber der Welt, weil in Wahrheit der Mensch nicht jenes zufriedene Verhältnis zur Außenwelt haben kann, wenn er sich den elementaren Impulsen in seiner Seele hingibt, die er haben müßte, wenn das wahr wäre, daß er gewissermaßen nur der Schlußpunkt der Naturschöpfung wäre. Wenn sich die Tierreihe einfach so herauf entwickelt hätte, wie das heute von der Wissenschaft als schulwissenschaftlich angesehen wird, dann müßte eigentlich der Mensch, der nichts anderes sein könnte als eben dieses höchste Naturprodukt, restlos von seiner Lage im Weltenall, im Kosmos befriedigt sein. Er müßte nicht ein besonderes Streben haben, etwas über das Natürliche hinaus zu schaffen. Wenn man in der Kunst zum Beispiel etwas schaffen will, wie es die Griechen getan haben im idealisierten Menschen, dann muß man in einem gewissen Sinne unbefriedigt sein in dem, was die Natur gibt. Denn sonst, wäre man befriedigt, würde man nichts in die Natur hineinstellen, was über die Natur hinausgeht. Wäre man mit Nachtigall- und Lerchengesang musikalisch vollständig befriedigt, würde man nicht Sonaten und Symphonien komponieren, denn man würde das als etwas Unwahres, Verlogenes empfinden. Das Wahre, das Natürliche, würde sich erschöpfen müssen im Nachtigallengesang und Lerchengesang. Eigentlich fordert die gegenwärtige Weltenanschauung, daß man sich mit der Nachahmung des Natürlichen begnüge, wenn man überhaupt etwas schaffen will, denn im Augenblicke, wo man über das Natürliche hinaus schafft, muß man dieses Hinausschaffen als etwas Lügenhaftes empfinden, wenn man nicht eine andere Welt noch annimmt als diejenige, welche die natürliche ist. Das sollte man durchaus einsehen.

[ 5 ] Nun ziehen natürlich die Menschen der Gegenwart die künstlerische Konsequenz des Naturalismus nicht. Denn was würde herauskommen, wenn man die künstlerische Konsequenz des Naturalismus zöge? Höchstens könnte man die Forderung aufstellen, man dürfe nur dasjenige, was in der Natur da ist, nachahmen. Ja, ein Grieche oder gar ein Angehöriger einer älteren Zivilisation, sagen wir ein Grieche der Zeit vor dem Äschylos, würde gesagt haben, wenn man ihm irgend etwas hätte darstellen wollen, was die Natur bloß nachahmt: Wozu denn das? Wozu Menschen sprechen lassen auf der Bühne, wie sie im Leben sprechen! Da braucht man ja nur auf die Straße zu gehen. Wozu braucht man es sich auf der Bühne vorstellen zu lassen? Es ist ganz unnötig. Auf der Straße hat man das, was einem die Menschen im gewöhnlichen Erdenleben sagen, viel besser. - Er würde das gar nicht verstanden haben, daß man die Natur einfach nachahmen soll. Denn man hat, wenn man an einem Geistesleben nicht teilnimmt, kaum irgendeinen Impuls für irgendeine Gestaltung, die über das Rein-Natürliche hinausgeht. Wo soll man es auch hernehmen, wenn man sich an einem Geistesleben nicht beteiligt? Dann muß man es einfach von dem hernehmen, was man einzig und allein zugibt, nämlich von der Natur. Alle die Zeiten, die für das Künstlerische wirklich ursprünglich schöpferisch waren, standen von der menschlichen Seele aus in einer ganz bestimmten Beziehung zur geistigen Welt. Und auch aus dieser geistgestimmten Beziehung zur geistigen Welt ist das Künstlerische hervorgegangen. Niemals eigentlich wird aus etwas anderem als aus der Beziehung der Menschen zur geistigen Welt das Künstlerische hervorgehen können. Diejenige Zeit, welche nur naturalistisch sein will, müßte, wenn sie innerlich wahr wäre, durchaus unkünstlerisch, das heißt philiströs werden. Und zum Philister hat unsere Zeit wirklich die allermannigfaltigste Anlage.

[ 6 ] Nehmen wir einmal die einzelnen Künste selbst. Es wird vom reinen Naturalismus, vom rein Naturalistisch-Philiströsen eine künstlerische Baukunst, wenn ich mich des Pleonasmus bedienen darf - Baukunst führt heute oft sehr weit von der Kunst ab, wenn sie auch Kunst genannt wird -, überhaupt kaum geschaffen werden können, denn wenn die Menschen nicht das Bedürfnis haben, sich an Stätten zu vereinigen, wo Geistiges getrieben wird, und diesen Stätten Häuser bauen wollen, werden sie keine Häuser für geistige Impulse bauen. Sie werden also reine Nützlichkeitsbauten aufführen. Und was werden sie denn über die Nützlichkeitsbauten sagen? Nun, sie werden sagen: Man baut, um sich zu schützen, um den Menschen zu schützen, damit man nicht im Freien kampieren muß, der Familie oder den einzelnen Menschen eine Umhüllung. —- Man wird immer mehr den Schutzgedanken für das Körperlich-Natürliche in den Vordergrund stellen, wenn man von der Baukunst vom naturalistischen Standpunkt aus spricht. Wenn das im allgemeinen vielleicht nicht immer zugegeben wird, weil sich die Leute genieren, es zuzugeben, in den Einzelheiten wird es schon zugegeben. Es gibt heute unzählige Menschen, die nehmen es einem übel, wenn ein Haus, das zum Bewohnen da sein soll, nur irgend etwas, was man für zweckmäßig hält, einem Prinzip des Schönen, des Künstlerischen aufopfert. Man hört heute sogar oftmals die Redensart, künstlerisch bauen, das kommt zu teuer. So wurde nicht immer gedacht, so konnte vor allen Dingen in denjenigen Zeiten nicht gedacht werden, in denen die Menschen in ihrer Seele eine Beziehung zur geistigen Welt empfanden. Denn in diesen Zeiten empfand man über den Menschen und sein Verhältnis zur Welt etwa so: Ich stehe hier in der Welt, aber wie ich da stehe mit dieser menschlichen Gestalt, die von Seele und Geist bewohnt wird, trage ich etwas in mir, was in der rein natürlichen Umgebung nicht vorhanden ist. - Wenn dasjenige, was Geist und Seele ist, diese physische Leibesgestalt verläßt, dann kommt heraus, wie sich die physische Umgebung zu dieser physischen Leibesgestalt verhält. Dann zehrt die physische Umgebung diese Leibesgestalt als Leichnam auf. Da erst wirken die Naturgesetze, wenn man Leichnam ist. Solange man nicht Leichnam ist, auf der physischen Erde lebt, entzieht man durch das, was man aus der geistigen Welt herangebracht hat, durch Seele und Geist des Menschen, die Stoffe und Kräfte, die dann im Leichnam übrig bleiben, dem Wirken der physischen Welt.

[ 7 ] Ich habe es öfter ausgesprochen, das Essen ist nicht etwas so Einfaches, wie man es sich gewöhnlich vorstellt. Wir essen, aber wenn die Speise in unseren Organismus kommt, dann ist sie Naturprodukt, Naturstoff und Naturkräfte. Die sind uns ganz fremd. Wir können sie nicht innerhalb unseres Organismus haben. Wir wandeln sie um in unserem Organismus. Wir machen sie zu etwas ganz anderem. Und diejenigen Kräfte und Gesetze, durch die wir die Speisen zu etwas ganz anderem machen, sind nicht die Gesetze der physischen Erdenumgebung, sind die Gesetze, die wir aus einer anderen Welt in die physische Erdenwelt hereintragen. So hat man gedacht in bezug auf dieses, so hat man gedacht in bezug auf vieles andere, als man ein Verhältnis zur geistigen Welt hatte. Heute denken die Menschen: Nun ja, die Naturgesetze, die wirken im Roastbeef, wenn es auf dem Teller liegt, sie wirken im Roastbeef, wenn es auf der Zunge ist, wenn es im Magen, wenn es in den Gedärmen ist, wenn es im Blute ist, immer Naturgesetze! -— Daß da dem Roastbeef geistig-seelische Gesetze entgegenkommen, die der Mensch aus einer anderen Welt in diese Welt hineingetragen hat und die es zu etwas ganz anderem machen, das liegt gar nicht im Bewußtsein einer bloß naturalistischen Zivilisation, so paradox es klingt, denn so in dieser Groteskheit es auszusprechen, genieren sich selbstverständlich die materialistisch gesinnten Menschen. Aber in Wirklichkeit leben sie so, daß sie diese Gesinnung haben. Das überträgt sich dann auch auf die künstlerische Gesinnung, denn letzten Endes — warum bauen wir uns heute Häuser? Damit man am besten geschützt ist für das Roastbeef-Essen! Nun ja - es ist nur eine Einzelheit herausgegriffen selbstverständlich, aber alles, was man so denkt, tendiert schon nach dieser Richtung hin.

[ 8 ] Dem gegenüber stellten in denjenigen Zeiten, in welchen die Menschen ein lebendiges Bewußtsein von dem Verhältnis des Menschen zum geistigen Weltenall hatten, für ihre wertvollsten Bauten das Prinzip des Schutzes der menschlichen Seele auf der Erde vor der irdischen Umgebung auf. Natürlich, wenn ich das mit heutigen Worten ausspreche, dann klingt es paradox. Man hat nicht in älteren Zeiten in derselben Weise die Dinge ausgesprochen wie heute. Man war nicht in demselben Sinne abstrakt. Man hat die Dinge mehr gefühlt, unbewußt empfunden. Aber diese Gefühle, diese unbewußten Empfindungen waren spirituell. Wir kleiden sie heute in deutliche Worte. Aber deshalb sprechen sie doch ganz richtig dasjenige aus, was man in älteren Zeiten in den Seelen erlebt hat. Da hätte man gesagt: Wenn der Mensch durch sein Erdenleben durchgegangen ist, muß er seinen physischen Leib ablegen. Dann, wenn er diesen physischen Leib abgelegt hat, muß sein SeelischGeistiges von der Erde aus den Weg ins geistige Weltenall hinaus finden. — Sehen Sie, das war eine wichtige Empfindung, die man einstmals unter Menschen hatte: Wie findet die Seele, wenn sie nun nicht mehr durch den Leib in die Erdenumgebung hineingestellt ist, sich zurecht? - Sie ist da im Tode, sie muß den Weg finden von der Erde in geistige Welten zurück.

[ 9 ] Heute sorgen sich natürlich die Menschen nicht um solche Dinge, aber es gab Zeiten, in denen dies eine wesentliche, eine Hauptsorge des Menschen war, wie die Seele den Weg in die geistigen Welten hinaus zurückfindet. Denn man sagte sich, da draußen sind Steine, da draußen sind Pflanzen, da draußen sind Tiere. Alles, was man von Steinen, von Pflanzen, von Tieren haben kann, wird, wenn der Mensch es aufnimmt, von seinem physischen Leibe verarbeitet. Sein physischer Leib hat die geistigen Kräfte, um das Mineralische zu überwinden, wenn er zum Beispiel Salzartiges aufnimmt. Er hat die geistig-seelischen Kräfte, um das Rein-Pflanzliche zu überwinden, wenn er Pflanzliches genießt. Er hat die geistig-seelischen Kräfte, um das Tierische ins Menschliche zu verwandeln, wenn er Tierisches ißt. Und der physische Leib ist der Vermittler zu dem, was dem eigentlichen Menschen, der aus geistigen Welten herunterkommt, von der Erde ganz fremd ist. Mit dem physischen Leib kann man auf der Erde stehen. Mit dem physischen Leib kann man unter irdischen Mineralien, Pflanzen und Tieren sein. Aber wenn der physische Leib abgelegt ist, dann ist die Seele wie nackt da, ist so da, wie sie nur in der geistigen Welt sein kann. Dann müßte die Seele, weil sie den physischen Leib abgelegt hat, sich sagen: Wie komme ich durch das Unreine der Tiere hindurch, um hinauszukommen aus der irdischen Region? Wie kann ich durch dasjenige, was in den Pflanzen das Licht verarbeitet, das Licht anzieht, das Licht verdichtet, wie kann ich aus diesem Pflanzlichen heraus, da ich doch zu den Weiten des Lichtes muß und ich gewöhnt worden bin, auf der Erde in dem verdichteten Lichte durch die Pflanzen zu leben? Wie komme ich über die Mineralien hinaus, die mich überall als Seele stoßen, wenn ich sie nicht durch meine leiblichen Säfte auflösen kann?

[ 10 ] Das waren religiös-kulturelle Sorgen in alten Zeiten der Menschheitsentwickelung. Da haben die Menschen nachgesonnen, was sie für die Seelen, insbesondere für diejenigen Seelen, die ihnen wert waren, zu tun haben, damit diese die Linien, die Flächen, die Formen finden, durch die sie in die geistige Welt kommen können. Die Grabgewölbe, die Grabdenkmäler, die Grabbaukünste wurden entwickelt, die im Wesentlichen zunächst in ihren Formen darstellen sollten, was für die Seele da sein muß damit sie, wenn sie des physischen Leibes entblößt ist, nicht sich an Tieren, Pflanzen, Mineralien stößt, sondern längs der architektonischen Linien den Weg zurück in die geistige Welt findet. Deshalb sehen wir, wie in älteren Kulturen sich das unmittelbar aus dem Totenkult charakteristisch herausentwickelt. Wenn wir verstehen wollen, wie die älteren Architekturformen gebildet worden sind, müssen wir überall Rücksicht darauf nehmen zu verstehen, wie die Seele, wenn sie körperentblößt ist, ihren Weg in die geistige Welt zurückfindet. Durch die Mineralien, durch die Pflanzen, durch die Tiere kann sie ihn nicht finden. Durch die Formen, die sich über ihr architektonisch wölbten, glaubte man, da die Seele in einer gewissen Beziehung zum verlassenen Leib stünde, könne sie diesen Weg hinaus in die geistige Welt finden. In dieser Empfindung liegt einer der Grundimpulse für die Entstehung alter architektonischer Formen. Sie sind aus Totenbauten heraus entstanden, insofern die architektonischen Formen künstlerische waren, nicht bloße Nützlichkeitsformen. Das Künstlerische der Baukunst hängt innig mit dem Totenkultus zusammen oder auch damit, daß man wie in Griechenland der Athene, dem Apollo den Tempel baute. Denn gerade so, wie man der menschlichen Seele zuschrieb, daß sie nicht sich entfalten könne, wenn sie sich entfalten soll gegenüber der äußeren umgebenden Natur in Mineralien, Pflanzen, Tieren, so schrieb man auch dem Göttlich-Geistigen des Apollo, des Zeus, der Athene zu, daß sie sich nicht entfalten können, wenn sie umgeben sind von der bloßen Natur, wenn man ihnen nicht aus dem Geistigen des Menschen heraus die Formen schafft, durch welche sich das Seelische in den geistigen Kosmos hinaus entfalten kann. Wie die Seele zum Kosmos steht, das muß man studieren, dann wird man die Maße in den komplizierten Bauformen des alten Orients verstehen. Zugleich sind diese Bauformen des alten Orients ein lebendiger Beweis dafür, daß die Menschen, deren Phantasie diese Bauformen entsprungen sind, sich gesagt haben: Der Mensch ist in seinem Inneren nicht von der Welt, die ihn auf Erden umgibt. Er ist von einer anderen Welt. Daher braucht er Formen, die zu ihm gehören, insofern er aus einer anderen Welt ist. - Aus dem bloßen naturalistischen Prinzip heraus wird keine wahre historische Kunstform verstanden, so daß man sagen kann: Was liegt in den Bauformen? — Nun, hier meinetwillen ist schematisch der menschliche Körper, hier ist die menschliche Seele. Die menschliche Seele will sich allseits entfalten. Wie sie sich entfalten will, abgesehen vom Leibe, wie sie ihr Wesen hinaustragen will in den Kosmos, das wird architektonische Form.

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[ 11 ] Seele, wenn du verlassen willst deinen physischen Leib, um ein Verhältnis zum äußeren Kosmos zu bekommen, wie willst du dann ausschauen? — Das war die Frage. Die architektonischen Formen waren die leibhaften Antworten auf diese Frage.

[ 12 ] Oh, man kann schon fühlen innerhalb der Menschheitsentwikkelung, wie diese Empfindung fortwirkte. In der Zeit der Abstraktionen gewinnt alles einen anderen Anstrich. Wir wollen aber nicht alte Zeiten wieder zurückwünschen, sondern sie verstehen. Wir wollen doch verstehen, wenn wir heute noch in Orte hinauskommen, in denen mancher gar nicht so alte Gebrauch sich noch erhalten hat, warum wir zum Beispiel da an die Kirche herantreten und ringsherum die Gräber sehen. Nicht jeder einzelne konnte ein Grabhaus haben, aber die Kirche war das gemeinsame Grabhaus für alle. Und die Kirche ist die Antwort auf die Frage, welche die Seele sich stellte: Wie möchte ich mich zunächst entfalten, um dem Körper, der mich allein mit der physischen Welt, der Erde verbindet, in der richtigen Weise entkommen zu können? - In der Kirchenform ist gewissermaßen die Begierde der Seele nach ihrer Form, wenn sie den Körper verlassen hat, ausgedrückt.

[ 13 ] Kulturelemente, die noch aus älteren Zeiten stammen, können allein verstanden werden, wenn man sie im Zusammenhange mit den Empfindungen, mit den Gefühlen, mit den Intuitionen, die man von der geistigen Welt hatte, versteht. Man muß wirklich eine Empfindung dafür haben, wie sie einmal bei denen da war, welche ursprünglich die Kirche gebaut haben und den Friedhof ringsherum. Man muß eine Empfindung dafür haben, daß bei denen das Gefühl vorhanden war: Liebe Seelen, die ihr von uns wegsterbet, was wollt ihr, daß wir euch als Formen bauen, damit ihr, wenn ihr noch euren Körper umfliegt, wenn ihr noch nahe eurem Körper seid, die Formen schon habt, die ihr annehmen wollt nach dem Tode? - Und da war die Antwort, die man ein für allemal für die fragenden Seelen hinstellen wollte, die Form der Kirche, die Architektonik der Kirche. So werden wir an das eine Ende des Erdenlebens gewiesen, wenn wir zum Künstlerischen der Architektur kommen. Gewiß, das alles metamorphosiert sich. Dasjenige, was aus dem Totenkultus hervorgegangen ist, kann zur höchsten Ausbildung des Lebens werden, wie es auch geworden ist, wie es am Goetheanum versucht worden ist. Aber man muß die Dinge verstehen, muß verstehen, wie die Architektur überhaupt sich aus dem Prinzip des Verlassens des physischen Körpers durch die Seele entfaltet, aus dem Prinzip des Hinauswachsens der Seele über den Leib, wie es faktisch sich vollzieht im Erdenleben, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes schreitet.

[ 14 ] Blicken wir nach der anderen Seite des Lebens hin, nach der Geburt, nach dem Hereinkommen des Menschen in die physische Welt, da allerdings wird es notwendig sein, daß ich Ihnen etwas sage, worüber Sie vielleicht, oder wenigstens viele unter Ihnen vielleicht — vielleicht auch nicht, dann würde ich sagen: Gott sei Dank — innerlich ein wenig lächeln werden. Aber es ist dennoch eine Wahrheit. Sehen Sie, wenn die Seele auf Erden ankommt, um sich in ihren Körper, wenn ich mich so ausdrücken darf, zu begeben, so kommt sie aus den geistig-seelischen Welten herunter. In diesen geistig-seelischen Welten sind zunächst nicht Raumesformen. Raumesformen kennt die Seele nur, wenn sie ihren Körper verläßt, wo das Räumliche noch nachwirkt. Wenn die Seele herunterkommt, um ihren Körper erst zu beziehen, kommt sie aus einer Welt, in der Raumesformen nicht bekannt sind, in der von unserer physischen Welt Farbenintensitäten, Farbenqualitäten, aber nicht Raumeslinien, nicht Raumesformen bekannt sind. In der Welt, die ich Ihnen in der letzten Zeit öfters beschrieben habe, die der Mensch zwischen dem Tod und einer neuen Geburt durchlebt, lebt er in einer durchseelten, durchgeistigten Licht- und Farben- und Toneswelt, in einer Welt der Qualitäten, der Intensitäten, nicht in einer Welt der Quantitäten, der Ausdehnungen. Und er kommt herunter, taucht in seinen physischen Leib ein, er empfindet - ich schildere jetzt die Empfindung, wie man sie in gewissen, von der Geschichte fast vergessenen, primitiven Zivilisationen hatte —, daß er in seinen physischen Leib untertaucht. Durch den physischen Leib bekommt er sogleich eine Beziehung zur Umgebung: Da wachse ich ja in den Raum hinein. - Dieser physische Leib ist schon ganz auf den Raum gestimmt — das ist mir fremd. Es war nicht so in der geistig-seelischen Welt. Hier werde ich gleich in drei Dimensionen hineingespannt. - Diese drei Dimensionen haben keinen Sinn, bevor man aus der geistig-seelischen Welt in die physische Welt heruntersteigt. Aber Farbiges, Farbenharmonisches, Tonharmonisches, Tonmelodisches, das hat seinen guten Sinn in der geistigen Welt. Da empfand dann der Mensch in jenen alten Zeiten, in denen man solche Dinge eben empfand, ein tiefes Bedürfnis, nicht das an sich zu tragen, was ihm eigentlich fremd ist. Er empfand höchstens sein Haupt als aus der geistigen Welt gegeben. Denn dasjenige, was sein übriger Leib - ich habe das öfter ausgeführt - in früheren Erdenleben war, ist zum Haupte geworden. Der übrige Leib wird erst in dem nächsten Erdenleben zu einem Haupte werden. Diesen übrigen Leib empfindet der Mensch jener alten Zeiten der Schwerkraft angepaßt, den Kräften, die um die Erde herumkreisen. Er empfindet das, wie gesagt, als hineingezwängt in den Raum. Und er empfindet: das, was da in seinen physischen Leib von der Umgebung hereinkommt — mit dem passe ich als Mensch, der etwas aus geistigen Welten herunterträgt, gar nicht zusammen. Ich muß etwas tun, um damit zusammenzupassen.

[ 15 ] Sehen Sie, da trägt der Mensch aus den geistigen Welten in die physische Welt die Farbe seiner Bekleidung herein. Führt uns die Architektur an das Todesende des menschlichen Lebens, so führt uns die Bekleidungskunst im Sinne der alten Zeiten, wo man an dem Farbenfrischen, an dem Künstlerischen seiner Kleidung seine Freude, seine Froheit und dafür Verständnis hatte, an das Geburtsende. In den alten Bekleidungen hatte man dasjenige, was die Menschen aus dem vorirdischen Dasein an Vorliebe für Farbiges, für Zusammenstimmendes aus der geistigen Welt hereintrugen. Und es ist gar kein Wunder, daß in der Zeit, in welcher der Ausblick auf das vorirdische Leben abgeschafft wurde, die Bekleidungskünste in den Dilettantismus hineinwuchsen. Denn, nicht wahr, in den heutigen Bekleidungen spüren Sie kaum irgendwie, daß der Mensch das durch die Art und Weise, wie er im vorirdischen Dasein gelebt hat, an sich sehen möchte. Aber studieren Sie wirklich hochgekommene primitive Kulturen in ihrer Farbenfreudigkeit in den Bekleidungen, mit ihrem oftmals charakteristisch Farbigen in den Bekleidungen, dann werden Sie sehen, daß Sie in der Bekleidungskunst eigentlich eine berechtigte große Kunst haben, durch die der Mensch das vorirdische Dasein in das irdische Dasein hereintragen will, wie er durch die architektonische Kunst das nachirdische Dasein aufnehmen möchte, das Dasein, wo er sich dem Raum entringt, ihn noch hat, aber los will vom Raum und das in architektonischen Formen ausdrückt. Sie können heute noch, wenn Sie sich zu Völkerschaften wenden, die ihre Volkstrachten haben, an diesen Volkstrachten die Frage sich beantworten: Wie haben sich eine Anzahl von Seelen zusammengefunden, um das aus der Verwandtschaft, in der sie im vorirdischen Dasein waren und aus der sie sich in einer Volksgemeinschaft gefunden haben, in ihren Bekleidungen zum Ausdruck zu bringen? — Andenken an ihr Aussehen im Himmel wollten die Menschen in ihren Bekleidungen schaffen. Sie werden daher oftmals in ältere Zeiten zurückgehen müssen, wenn Sie sinnvolle Bekleidungen finden wollen.

[ 16 ] Aber auf der anderen Seite können Sie wiederum sehen, wie in der Zeit, wo das ganze Menschliche vom Künstlerischen ergriffen war, ob man nun durch die besonderen Verhältnisse, aus denen heraus man kam oder im Hineinwachsen war, Maler wurde oder was anderes, es seinen tiefen Sinn hatte, wenn Sie da eine Magdalena zum Beispiel bei Raffael anschauen oder eine Maria. Die sind ganz anders bekleidet. Aber Sie werden sehen, die MagdalenenKleidung behält dann Raffael für alle seine Magdalenen bei, im wesentlichen auch die Marien-Kleidung wiederum für alle Marien, weil er noch ein Lebendiges, wenigstens eine lebendige Tradition hatte, daß man das Geistig-Seelische, das man vom Himmel auf die Erde herunterbringt, in der Bekleidung zum Ausdrucke bringt. Dadurch bekommt die Bekleidung Sinn. Der heutige Mensch wird sagen, sie bekäme auch Sinn dadurch, daß sie einen wärme. Nun ja, gewiß, das ist der materielle Sinn, aber dadurch entstehen nicht künstlerische Formen. Künstlerische Formen entstehen immer durch die Beziehung zum Geistigen hin. Diese Beziehung zum Geistigen muß man wieder finden, wenn man bis zum wirklich Künstlerischen wieder vordringen will.

[ 17 ] Indem Anthroposophie das Geistige in seiner Unmittelbarkeit ergreifen will, kann sie zugleich befruchtend für die Kunst wirken. Denn diejenigen Dinge, die man genötigt ist, als die großen Weltund Lebens-Geheimnisse aus dem anthroposophischen Forschen heraus zu enthüllen, laufen zuletzt selber in Künstlerisches aus. Das muß man richtig erschauen. Was nicht Kopf im vorhergehenden Erdenleben war, das formt sich in seinen Kräfteverhältnissen um, wird Kopf, wird Haupt in dem nachfolgenden Erdenleben. Daß es dann mit physischer Erdenmaterie ausgefüllt wird, ist selbstverständlich. Das habe ich schon oftmals erklärt, daß man natürlich nicht den blödsinnigen Einwand machen darf, der physische Leib ist ganz zugrunde gegangen, wie kann daraus ein Kopf werden. Nun, viel gescheiter sind die andern Einwände in der Regel auch nicht, die gegen Anthroposophie gemacht werden. Natürlich ist der Einwand sehr billig. Aber es handelt sich nicht um die physische Ausfüllung, sondern um den Kräftezusammenhang, der durch die geistige Welt hindurchgeht.

[ 18 ] Der Kräftezusammenhang, der heute in unserem ganzen physischen Organismus, Beinorganismus und so weiter ist, ob die Kräfte vertikal oder horizontal sind, zusammenhalten oder auseinanderstreben, rundet sich, wird Kräftezusammenhang für unser Haupt im nächsten Erdenleben. Da aber arbeiten alle höheren Hierarchien mit, wenn diese Umwandelung, die Metamorphose von Beinen, Füßen und so weiter in das Haupt des Menschen geschieht. Da arbeiten die ganzen Himmelsgeister mit. Kein Wunder, daß zunächst das Haupt diejenige Form trägt, durch die es als das Abbild des weiten Raumes erscheint, der sich rund über uns wölbt, daß dann das Nächste erscheint als das Abbild der um die Erde herumkreisenden Atmosphäre und atmosphärischen Kräfte. Man möchte sagen, im oberen Teil des Hauptes hat man das getreue Abbild des Himmels, im mittleren Teil des Hauptes hat man schon die Anpassung des Hauptes an die Brust, an dasjenige, was an all das angepaßt ist, was die Erde umkreist. In unserer Brust brauchen wir die die Erde umkreisende Luft, brauchen wir das die Erde umwebende Licht und so weiter. Wie aber unser ganzer Organismus in keinem Formzusammenhang steht — nur in einem Stoffzusammenhang mit der oberen Wölbung des Hauptes, so steht unsere Brust nun schon in einer Beziehung zur Nasenbildung, zu alledem, was der mittlere Teil des Hauptes ist.

[ 19 ] Und kommen wir zum Mund herunter, so steht der Mund bereits zum dritten Gliede in der menschlichen Dreigliederung in Beziehung, zu dem Verdauungs-, zu dem Ernährungs-, zu dem Bewegungsorganismus. Wir sehen, wie sich dasjenige, was durch die Himmel durchgegangen ist, um auf der Erde aus der früheren hauptlosen Leibesbildung Haupt zu werden, in seiner majestätischen Wölbung oben noch an die Himmel anpaßt, wie es sich aber schon im mittleren Teil an dasjenige anpaßt, was der Mensch ist durch den Erdenumkreis, und wie es an das angepaßt ist, was der Mensch durchaus als Erdenmensch ist durch Schwerkraft, durch die irdischen Stoffe, in der Mundbildung.

[ 20 ] So enthält das Haupt des Menschen, ich möchte sagen, wenn wir mit den alten Ausdrücken der europäischen Mythologie sprechen wollen: Asgard, die Burg der Götter, oben; Midgard, die mittlere Partie, die eigentliche Menschenheimat auf Erden; dasjenige, was zur Erde zugehört, Jotunheim, die Heimat der Riesen, der irdischen Geister.

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[ 21 ] Das alles wird einem aber nicht klar, wenn man es nur in abstrakten Begriffen überschaut, das alles wird einem klar, wenn man künstlerisch das menschliche Haupt in seiner Beziehung zu seinem geistigen Ursprung durchschaut, wenn man in diesem menschlichen Haupt Himmel, Erde und Hölle in gewissem Sinne sieht, wobei die Hölle natürlich nicht der reine Teufelsort ist, sondern nur das Jotunheim, das Riesenheim. Und wir haben dann durchaus in dem menschlichen Haupte wiederum den ganzen Menschen.

[ 22 ] Man möchte sagen, man sieht recht dieses menschliche Haupt, wenn man in der Wölbung, die das Haupt oben trägt, die reinste Erinnerung sieht an die vorige Erdeninkarnation des Menschen, wenn man in der mittleren Partie, der unteren Augenpartie und in der Nasenpartie, Ohrenpartie, die schon durch die Atmosphäre der Erde getrübte Erinnerung sieht und in der Mundbildung die durch die Erde bezwungene frühere menschliche Bildung, die schon auf die Erde gebannte menschliche Bildung. In seiner Stirnbildung bringt sich der Mensch in einer gewissen Weise dasjenige mit, was ihm karmisch aus seinem früheren Erdenleben überliefert ist. In seiner Kinnbildung ist er schon von dem irdischen Leben der Gegenwart bezwungen, drückt schon Sanftmut oder Eigensinn dieses gegenwärtigen Lebens in seiner besonderen Kinnbildung aus. Er hätte kein Kinn, wenn sich nicht die frühere kopflose oder außerkopfliche Organisation in die gegenwärtige Hauptesorganisation hinein verwandelte. Aber es ist in bezug auf die Mund- und Kinnbildung die Summe der gegenwärtigen Erdenimpulse so stark, daß da schon das Frühere in das Gegenwärtige hereingepreßt, hereingespannt wird. Daher wird niemand sagen, der künstlerisch empfindet, der Mensch ist auffällig durch seine besonders hervorragende Stirne. Das wird man nicht sagen, wenn man künstlerisch empfindet. Man wird immer auf die Wölbung der Stirne, auf die Flächenbildung der Stirne sehen, wird auch in bezug auf das Hervortreten oder Nachhintengehen das Wölbende vorzugsweise ins Auge fassen. Beim Kinn wird man sagen, es ist eigensinnig spitz nach vorne gehend, oder es ist sanft nach rückwärts geformt. Da fängt man an, die Form am Menschen aus dem ganzen Weltenall heraus zu verstehen, und nicht nur aus dem gegenwärtigen Weltenall heraus — da findet man wenig -, sondern aus dem zeitlichen Weltenall heraus, zuletzt auch aus dem außerzeitlichen.

[ 23 ] Man findet, wie man durch eine anthroposophische Betrachtung zum Künstlerischen einfach hingetrieben wird, wie wirklich das unkünstlerische Philistertum mit einer wahren, lebendigen Erfassung des Anthroposophischen eigentlich gar nicht mehr vereinbar ist. Deshalb ist es, ich möchte sagen eine solche Misere für unkünstlerische Naturen, sich mit dem Ganzen der Anthroposophie in Einklang zu bringen. Sie möchten abstrakt ganz gerne natürlich im gegenwärtigen Leben die Erfüllung früherer Erdenleben sehen, aber sie vermögen nicht, nun auch wirklich auf die Formen einzugehen, die da schaffend als umgestaltete Gestalten unmittelbar künstlerisch für das geistige Anschauen sich offenbaren. Dafür muß man auch einen Sinn bekommen, wenn man ins wirkliche lebendige Anthroposophische hineingeht.

[ 24 ] Das ist, möchte ich sagen, das erste Kapitel, das ich habe geben wollen, um zu zeigen, wie sich auf allen möglichen Gebieten das Ungeistige unserer Zeit zeigt. Es zeigt sich unter anderem das Ungeistige in der ungeistigen Stellung, die man zur Kunst einnimmt. Und es wird, wenn die Menschheit sich überhaupt aus dem Ungeistigen heraus retten will, einer der Faktoren zu dieser Rettung auch die Hinneigung zum Künstlerischen sein. Wahres Leben wiederum im Künstlerischen — Anthroposophie kann dazu führen.