Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

Allgemeine Menschenkunde
als Grundlage der Pädagogik
GA 293

28 August 1919, Stuttgart

Siebenter Vortrag

[ 1 ] Es kommt für Sie darauf an zu durchschauen, was das Menschenwesen eigentlich ist. Wir haben auf unserem bisherigen Gange durch die allgemeine Pädagogik versucht, zunächst vom seelischen, dann vom geistigen Gesichtspunkte aus dieses Menschenwesen zu begreifen. Das letztere wollen wir heute etwas fortsetzen. Wir werden uns selbstverständlich fortwährend beziehen müssen auf Begriffe, die über Pädagogisches, auch über Seelisches, Psychologisches in der Welt gang und gäbe sind; denn Sie werden sich ja durch Lektüre im Laufe der Zeit mit pädagogischer und psychologischer Literatur auseinanderzusetzen haben, soweit Sie dazu Zeit und Muße haben.

[ 2 ] Betrachten wir vom seelischen Gesichtspunkte aus den Menschen, so legen wir das Hauptgewicht darauf, Antipathien und Sympathien innerhalb der Weltgesetzmäßigkeit zu entdecken; betrachten wir aber vom geistigen Gesichtspunkte aus den Menschen, so müssen wir das Hauptgewicht darauf legen, Bewußtseinszustände zu entdecken. Und wir haben uns ja gestern mit den im Menschen waltenden drei Bewußtseinszuständen beschäftigt: mit dem Vollwachsein, mit dem Träumen und mit dem Schlafen — und haben gezeigt, wie das Vollwachsein eigentlich nur im denkenden Erkennen vorhanden ist, das Träumen aber im Fühlen waltet und das Schlafen im Wollen.

[ 3 ] Es ist alles Begreifen eigentlich ein Beziehen des einen auf das andere. Begreifen können wir aber in der Welt nicht anders, als daß wir das eine auf das andere beziehen. Diese methodische Bemerkung möchte ich vorausschicken. Indem wir uns zur Welt erkennend in Beziehung setzen, beobachten wir zunächst. Entweder beobachten wir mit unseren Sinnen, wie wir das im gewöhnlichen Leben tun, oder wir entwickeln uns etwas weiter und beobachten mit Seele und Geist, wie wir das im Imaginieren, in der Inspiration und in der Intuition können. Aber auch das geistige Beobachten ist eben ein Beobachten, und notwendig ist zur Ergänzung alles Beobachtens, daß wir begreifen. Begreifen aber können wir nur, wenn wir das eine auf das andere im Weltenall, in unserer Umgebung beziehen. Sie können sich gute Begriffe verschaffen von Leib, Seele und Geist, wenn Sie den ganzen menschlichen Lebenslauf ins Auge fassen. Nur müssen Sie berücksichtigen, daß Sie bei solchem Beziehen, wie ich es jetzt andeuten werde, immer nur die allerersten Anfangsgründe des Begreifens haben. Sie müssen dann die Begriffe, welche Sie auf diese Art bekommen, weiter ausbilden.

[ 4 ] Betrachten Sie nämlich das erst in die Welt gekommene Kind, betrachten Sie es in seinen Formen, in seinen Bewegungen, in seinen Lebensäußerungen, im Schreien, im Lallen und so weiter, dann bekommen Sie ein Bild mehr des Menschenleibes. Aber Sie bekommen dieses Bild des Menschenleibes auch nur vollständig, wenn Sie es beziehen auf das mittlere und auf das greise Lebensalter des Menschen. Im mittleren Lebensalter ist der Mensch mehr seelisch, im Greisenalter ist er am meisten geistig. Das letztere könnte leicht angefochten werden. Selbstverständlich werden da manche sagen: Aber viele Greise werden doch wieder ganz schwachgeistig! — Das ist insbesondere ein Einwand des Materialismus gegen das Seelisch-Geistige, daß man im Alter wieder schwachgeistig wird, und mit einer wahren Beharrlichkeit dozieren ja die Materialisten, daß selbst ein so großer Geist wie Kant in seinem Alter schwachsinnig geworden wäre. Dieser Einwand der Materialisten und diese Tatsache sind richtig. Allein, was sie beweisen wollen, beweisen sie nicht. Denn auch Kant war, als er vor der Todespforte stand, weiser, als er in seiner Kindheit war; nur war in seiner Kindheit sein Leib imstande, alles aufzunehmen, was aus seiner Weisheit kam; dadurch konnte es bewußt werden im physischen Leben. Im Greisenalter dagegen war der Leib unfähig geworden, das auch aufzunehmen, was der Geist ihm lieferte. Es war der Leib kein richtiges Werkzeug des Geistes mehr. Daher konnte auf dem physischen Plan Kant nicht mehr zum Bewußtsein dessen kommen, was in seinem Geiste lebte. Trotz der scheinbaren Tragkraft des eben gekennzeichneten Einwandes muß man sich ja doch klar darüber sein, daß man im Alter weise, geistvoll wird, daß man sich den Geistern nähert. Daher wird man bei solchen Greisen, die sich bis ins hohe Alter hinein Elastizität und Lebenskraft für ihren Geist bewahren, die Eigenschaften des Geistigen in ihrem Anfange erkennen müssen. Es gibt ja auch solche Möglichkeiten.

[ 5 ] In Berlin waren einmal zwei Professoren. Der eine war Michelet, der Hegelianer, der schon über neunzig Jahre war. Er hatte es, da er ziemlich geistvoll war, nur zum Honorarprofessor gebracht, aber er hielt noch, als er schon so alt war, seine Vorträge. Da war dann ein anderer, Zeller, der Geschichtsschreiber der griechischen Philosophie. Der war gegen Michelet ein Jüngling, denn er war erst siebzig Jahre. Von dem hörte man überall, daß er die Last des Alters fühle, daß er nicht mehr seine Vorlesungen halten könne, daß er vor allem aber seine Vorlesungen eingeschränkt wissen wollte. Dazu sagte Michelet immer: Ich begreife den Zeller nicht; ich könnte noch den ganzen Tag Vorlesungen halten, der Zeller aber in seiner Jugend redet immer davon, daß ihm das zu viel Anstrengung verursacht!

[ 6 ] Also Sie sehen, man wird schon vielleicht nur in einzelnen Exemplaren äußerlich physisch das bewahrheitet finden, was hier über den Geist des Alters zugrunde gelegt wird. Aber es ist so.

[ 7 ] Betrachten wir dagegen den Menschen in seinen Lebensäußerungen mehr in seinem mittleren Alter, so bekommen wir die Anfangsgründe für das Beobachten des Seelischen. Daher kann auch der Mensch in seinem mittleren Lebensalter, man möchte sagen, das Seelische mehr verleugnen. Er kann seelenlos oder sehr beseelt erscheinen. Denn das Seelische steht in der Freiheit des Menschen, auch in der Erziehung. Daß manche Menschen sehr seelenlos sind in ihrer mittleren Lebenszeit, beweist daher nichts dagegen, daß die mittlere Lebenszeit die eigentlich seelische ist. Wenn man vergleicht die mehr zappelnde, unbewußt sich betätigende Leibesnatur des Kindes mit der beschaulichen, ruhigen Leibesnatur des Alters, so hat man auf der einen Seite einen Leib, der besonders seinen Leib hervorkehrt im Kinde, und einen Leib, der den Leib als solchen zurücktreten läßt, der sich gewissermaßen als Leib selbst verleugnet, im Greisenalter.

[ 8 ] Wenn wir diese Betrachtung mehr auf das Seelische anwenden, dann werden wir sagen: Der Mensch trägt in sich denkendes Erkennen, Fühlen und Wollen. Schauen wir das Kind an, dann haben wir in dem Bilde, das uns das Kind seelisch darbietet, eine enge Verknüpfung zwischen Wollen und Fühlen. Man möchte sagen, Wollen und Fühlen sind im Kinde zusammengewachsen. Wenn das Kind zappelt, strampelt, so macht es genau die Bewegungen, die seinem Fühlen in diesem Augenblicke entsprechen; es ist nicht imstande, die Bewegungen etwa von dem Gefühl auseinanderzuhalten.

[ 9 ] Anders wird das beim Greise. Bei ihm ist das Entgegengesetzte der Fall: denkendes Erkennen und Fühlen sind zusammengewachsen, und das Wollen tritt in einer gewissen selbständigen Art auf. Es verläuft also der menschliche Lebensgang in der Weise, daß das Fühlen, welches zuerst an das Wollen gebunden ist, sich allmählich im Laufe des Lebens vom Wollen loslöst. Und damit haben wir es gerade vielfach im Erziehen zu tun: mit dem Loslösen des Fühlens vom Wollen. Dann verbindet sich das vom Wollen losgelöste Fühlen mit dem denkenden Erkennen. Damit hat es dann das spätere Leben zu tun. Wir haben das Kind für das spätere Leben nur dann richtig vorbereitet, wenn wir in ihm bewirken, daß das Fühlen sich gut loslösen kann von dem Wollen; dann wird es in einer späteren Lebensära als Mann oder Frau auch das losgelöste Fühlen mit dem denkenden Erkennen verbinden können und wird so dem Leben gewachsen sein. Warum hören wir dem Greise zu, auch wenn er uns von seinen Lebenserfahrungen erzählt? Weil er im Laufe seines Lebens sein persönliches Empfinden verbunden hat mit seinen Begriffen und Ideen. Er erzählt uns nicht Theorien, er erzählt uns das, was er persönlich an Gefühlen hat anknüpfen können an die Ideen und Begriffe. Bei dem Greise, der wirklich sein Fühlen mit dem denkenden Erkennen verbunden hat, klingen daher die Begriffe und Ideen warm, klingen wirklichkeitsgesättigt, konkret, persönlich; während bei dem Menschen, der mehr im Mannes- oder Frauenalter stehengeblieben ist, die Begriffe und Ideen theoretisch, abstrakt, wissenschaftlich klingen. Das gehört einmal zum menschlichen Leben, daß von den menschlichen Seelenfähigkeiten ein gewisser Gang durchgemacht wird, indem sich das fühlende Wollen des Kindes entwickelt zu dem fühlenden Denken des Greises. Dazwischen liegt das menschliche Leben, und wir werden zu diesem menschlichen Leben nur gut erziehen, wenn wir eine solche Sache psychologisch ins Auge zu fassen vermögen.

[ 10 ] Nun müssen wir darauf Rücksicht nehmen, daß bei aller unserer Beobachtung der Welt etwas zuerst auftritt, auch alle Psychologien beschreiben es als das erste, das bei der Weltbeobachtung auftritt: das ist die Empfindung. Wenn irgendeiner unserer Sinne in Zusammenhang kommt mit der Umwelt, so empfinden wir. Wir empfinden die Farbe, die Töne, Wärme und Kälte. So tritt in unserem Wechselverkehr mit der Umwelt die Empfindung auf.

[ 11 ] So, wie die Empfindung gewöhnlich in den landläufigen Psychologien beschrieben wird, bekommen Sie keine richtige Vorstellung von dem, was Empfindung eigentlich ist. Wenn die Psychologien von der Empfindung sprechen, so sagen sie: Draußen geht ein gewisser physischer Vorgang vor sich, Vibrationen im Lichtäther oder Schwingungen in der Luft, das strömt an unser Sinnesorgan, reizt dieses Sinnesorgan. — Man spricht dann wohl von dem Reiz, und man schwingt sich dann auf zu einem Ausdruck, den man bildet, aber nicht zum Verständnis bringen will. Denn der Reiz löst aus durch das Sinnesorgan in unserer Seele die Empfindung, die ganz qualitative Empfindung, welche zustande kommt aus dem physischen Vorgang, zum Beispiel durch Schwingungen der Luftwellen beim Hören. Wie das zustande kommt, darüber kann die Psychologie, kann die gegenwärtige Wissenschaft überhaupt noch keine Auskunft geben. Das steht ja gewöhnlich in den Psychologien.

[ 12 ] Näher als durch solche psychologischen Betrachtungen werden Sie dem Verständnis dieser Dinge kommen, wenn Sie durch die Einsicht in die Natur der Empfindungen selber sich die Frage beantworten können: Welcher der Seelenkräfte ist denn eigentlich die Empfindung am meisten verwandt? - Die Psychologen machen sich die Sache leicht; sie rechnen die Empfindung glattweg zu dem Erkennen und sagen: Erst empfinden wir, dann nehmen wir wahr, dann machen wir uns Vorstellungen, bilden uns Begriffe und so weiter. - So scheint ja auch der Vorgang zunächst zu sein. Nur nimmt man dann darauf keine Rücksicht, welcher Wesenheit eigentlich die Empfindung ist.

[ 13 ] Wenn man die Empfindung wirklich in genügender Selbstbeobachtung durchschaut, so erkennt man: die Empfindung ist willensartiger Natur mit einem Einschlag von gefühlsmäßiger Natur. Sie ist zunächst nicht verwandt mit dem denkenden Erkennen, sondern mit dem fühlenden Wollen oder dem wollenden Fühlen. Ich weiß nicht, wie viele Psychologien - man kann natürlich nicht alle die unzähligen Psychologien, die es in der Gegenwart gibt, kennen - irgend etwas von der Verwandtschaft der Empfindung mit dem wollenden Fühlen oder dem fühlenden Wollen eingesehen haben. Wenn man sagt, daß die Empfindung mit dem Wollen verwandt ist, so ist das nicht genau gesprochen, denn sie ist mit dem wollenden Fühlen und dem fühlenden Wollen verwandt. Aber daß sie mit dem Fühlen verwandt ist, hat wenigstens ein Psychologe, der sich durch eine besonders gute Beobachtung auszeichnete, Moriz Benedikt in Wien, in seiner Psychologie erkannt.

[ 14 ] Diese Psychologie wird von den Psychologen allerdings weniger berücksichtigt. Es ist auch etwas Eigentümliches mit ihr. Erstens ist Moriz Benedikt seiner Fachstempelung nach Kriminalanthropologe; der schreibt nun eine Psychologie. Zweitens ist er Naturforscher, und er schreibt über die Wichtigkeit dichterischer Kunstwerke bei der Erziehung, analysiert sogar dichterische Kunstwerke, um zu zeigen, wie man sie in der Erziehung verwenden kann. Es ist etwas Schreckliches: der Mann will Wissenschafter sein und hält etwas davon, daß die Psychologen etwas lernen können von den Dichtern! Und drittens: Dieser Mann ist jüdischer Naturforscher und schreibt eine Psychologie und widmet diese ausgerechnet dem Priester, dem katholischen Philosophen der Theologischen Fakultät an der Wiener Universität — das war er damals noch -, Laurenz Müllner. Drei furchtbare Dinge, die unmöglich die Fachpsychologen veranlassen können, den Mann ernst zu nehmen. Aber Sie würden, wenn Sie seine Psychologie durchlesen würden, so viele wirklich treffende Aperçus im einzelnen finden, daß Sie davon viel hätten, trotzdem Sie den ganzen Aufbau dieser Psychologie, die ganze materialistische Denkweise Moriz Benedikts - denn in der steckt er doch - ablehnen müssen. Von dem Ganzen des Buches haben Sie nicht das Geringste, aber von den einzelnen Beobachtungen sehr viel. So muß man sich das Beste in der Welt dort suchen, wo es vorhanden ist. Wenn einer ein guter Beobachter im einzelnen ist und es ekelt einen vor der Gesamttendenz, die man bei Moriz Benedikt finden kann, dann braucht man darum nicht seine guten Beobachtungen im einzelnen abzulehnen.

[ 15 ] Die Empfindung ist also, wie sie im Menschen auftritt, wollendes Fühlen oder fühlendes Wollen. Daher müssen wir sagen: Da, wo sich äußerlich die menschliche Sinnessphäre ausbreitet - die Sinne tragen wir ja an der Außenseite unseres Leibes, wenn man sich grob ausdrükken darf -, da ist im Menschen in gewisser Weise fühlendes Wollen, wollendes Fühlen vorhanden. Zeichnen wir uns skizzenhaft den Menschen schematisch auf, so können wir sagen: An der äußeren Oberfläche des Menschen - ich bitte zu berücksichtigen, daß das alles schematisch gemeint ist —, da haben wir die Sinnessphäre, da ist wollendes Fühlen, fühlendes Wollen vorhanden (siehe Zeichnung S. 114). Was tun wir denn an dieser Oberfläche, wenn fühlendes Wollen, wollendes Fühlen vorhanden ist, soweit diese Körperoberfläche Sinnessphäre ist? Wir verüben eine Tätigkeit, die halb Schlafen und halb Traum ist; ein träumendes Schlafen, ein schlafendes Träumen könnten wir es auch nennen. Denn wir schlafen nicht nur in der Nacht, wir schlafen fortwährend an der Peripherie, an der äußeren Oberfläche unseres Leibes, und wir durchschauen als Menschen deshalb die Empfindungen nicht ganz, weil wir in diesen Gegenden, wo die Empfindungen sind, nur schlafend träumen und träumend schlafen. Die Psychologen ahnen gar nicht, daß es derselbe Grund ist, warum sie die Empfindungen nicht erfassen können, der uns auch hindert, wenn wir des Morgens erwachen, die Träume uns klar zum Bewußtsein zu bringen. Sie sehen, die Begriffe von Schlafen und Träumen haben eine ganz andere Bedeutung noch als die, welche wir im gewöhnlichen Leben anwenden würden. Wir kennen das Schlafen im gewöhnlichen Leben nur dadurch, daß wir wissen: in der Nacht, wenn wir im Bette liegen, schlafen wir. Wir wissen gar nicht, daß dieses Schlafen etwas ist, was eine viel größere Verbreitung hat, was wir fortwährend auch tun an unserer Körperoberfläche; nur mischen sich an unserer Körperoberfläche in das Schlafen fortwährend Träume hinein. Diese «Träume» sind die Sinnesempfindungen, bevor sie vom Verstande und vom denkenden Erkennen erfaßt sind.

[ 16 ] Sie müssen die Willens- und Fühlenssphäre beim Kinde auch in seinen Sinnen aufsuchen. Deshalb betonen wir so stark, daß wir, indem wir das Kind intellektuell erziehen, auch auf den Willen fortwährend wirken müssen; denn in allem, was das Kind anschauen muß, was es wahrnehmen muß, müssen wir auch den Willen und das Fühlen pflegen, sonst widersprechen wir ja eigentlich dem kindlichen Empfinden. Wir können erst zum Greise, erst am Lebensabend des Menschen so zu ihm sprechen, daß wir auch die Empfindungen auffassen als schon metamorphosiert. Beim Greise ist es so, daß auch schon die Empfindung übergegangen ist vom fühlenden Wollen zum fühlenden Denken oder denkenden Fühlen. Bei ihm ist die Empfindung etwas anderes geworden. Da haben die Empfindungen mehr Gedankencharakter und entbehren des unruhigen Willenscharakters, tragen größere Ruhe in sich. Beim Greise können wir erst sagen, die Empfindungen haben sich dem Begriffe, dem Ideencharakter angenähert.

[ 17 ] Diesen feinen Unterschied in der Empfindung machen gewöhnlich die Psychologen nicht. Für sie ist Greisesempfindung dasselbe, was Kindesempfindung ist, denn Empfindung ist für sie Empfindung. Das ist ungefähr eine solche Logik, als wenn Sie ein Rasiermesser vor sich haben und sagen: Das Rasiermesser ist ein Messer, also schneiden wir damit das Fleisch, denn Messer ist Messer. - Da nimmt man von der Worterklärung den Begriff. Das sollte man aber niemals machen, sondern man sollte den Begriff von den Tatsachen nehmen. Bei der Empfindung würden wir finden, daß sie auch lebt, daß sie auch ein Werden im Leben durchmacht, daß sie beim Kinde mehr willensartigen Charakter hat, beim Greise mehr verstandesmäßig intellektuellen Charakter. Natürlich ist es für den Menschen leichter, alles aus den Worten herauszuklauben; daher haben wir so viele Worterklärer, und es kann manches ganz entsetzlich auf einen wirken.

[ 18 ] Ich war einmal in der Lage, einem Mitschüler zuzuhören, nachdem wir beide etwas auseinandergekommen waren. Wir hatten dieselbe Volksschule besucht; ich kam auf die Realschule, er auf das Lehrerseminar, noch dazu auf ein ungarisches, und das wollte in den siebziger Jahren etwas heißen. Wir trafen uns nach einigen Jahren und besprachen uns über das Licht. Ich hatte schon gelernt, was man in der regulären Physik lernen konnte, daß also das Licht etwas zu tun habe mit Schwingungen im Äther und so weiter. Das konnte man wenigstens als eine Ursache des Lichtes ansehen. Mein ehemaliger Mitschüler sagte dazu: Wir haben auch gelernt, was das Licht ist: Licht ist die Ursache des Sehens! - Ein Wortgeplänkel! So werden die Begriffe zu bloßen Worterklärungen. Und man kann sich vorstellen, was damit den Schülern gegeben wurde, wenn man weiß, daß dieser betreffende Herr später selbst als Lehrer an zahlreiche Schüler den Unterricht zu erteilen hatte, bis er pensioniert worden ist. - Wir müssen von den Worten loskommen und müssen an den Geist der Dinge herankommen. Wir müssen nicht gleich, wenn wir etwas begreifen wollen, jedesmal an das Wort denken, sondern wir müssen die tatsächlichen Beziehungen aufsuchen. Wenn wir bei dem Worte «Geist» die Ursprünge dafür in Fritz Mauthners Sprachgeschichte aufsuchen und fragen: Wie tritt zuerst das Wort «Geist» auf? - so werden wir die Verwandtschaft des Wortes Geist mit «Gischt», mit «Gas» finden. Diese Verwandtschaften bestehen, aber es würde nichts Besonderes dabei herauskommen, wenn man bloß darauf bauen wollte. Leider wird gerade manchmal diese Methode kaschiert, umfassend kaschiert in der Bibelforschung angewendet. Daher ist die Bibel dasjenige Buch, das von den meisten Menschen, besonders von den gegenwärtigen Theologen, am allerschlechtesten verstanden wird.

[ 19 ] Worum es sich handelt, das ist, daß wir überall sachgemäß vorgehen, daß wir also versuchen, nicht von der Wortgeschichte aus einen Begriff vom Geiste zu bekommen, sondern dadurch, daß wir die kindliche Leibesauslebung vergleichen mit der greisenhaften Leibesauslebung. Durch dieses Tatsachen-aufeinander-Beziehen bekommen wir reale Begriffe.

AltName

[ 20 ] Und so bekommen wir auch nur einen realen Begriff von der Empfindung, wenn wir wissen: sie entsteht als wollendes Fühlen oder fühlendes Wollen berm Kinde noch in der Körperperipherie dadurch, daß diese Körperperipherie beim Kinde gegenüber dem mehr menschlichen Inneren schläft und dabei träumt. Sie sind also nicht nur im denkenden Erkennen voll wach, sondern Sie sind überhaupt nur im Inneren Ihres Leibes voll wach. An der Körperperipherie, an der Leibesoberfläche schlafen Sie auch fortwährend. Und weiter: Was da in der Umgebung des Leibes oder, besser gesagt, an der Oberfläche des Leibes stattfindet, das findet in ähnlicher Weise auch statt im Kopf, und am stärksten findet es statt, je weiter wir in das Innere des Menschen hineinkommen, in das Muskelhafte, das Bluthafte. Da drinnen schläft der Mensch wiederum und träumt dabei. An der Oberfläche schläft und träumt der Mensch, und auch mehr gegen sein Inneres zu schläft er und träumt wiederum dabei. Daher bleibt in unserem Inneren dasjenige, was mehr seelisch-wollendes Fühlen, fühlendes Wollen ist, unser Wunschleben und so weiter wiederum in einem träumenden Schlaf. Wo sind wir denn also nur voll wachend? In der Zwischenzone, wenn wir ganz wach sind.

[ 21 ] Sie sehen, wir gehen jetzt vom geistigen Gesichtspunkte aus, indem wir die Tatsachen des Wachens und des Schlafens auch räumlich auf den Menschen anwenden und dies auf seine Gestaltung beziehen, so daß wir uns sagen können: Der Mensch ist vom geistigen Gesichtspunkte angesehen so, daß er an seiner Oberfläche und in seinen Innenorganen schläft und nur in der Zwischenzone im Leben zwischen Geburt und Tod jetzt wirklich ganz wach sein kann. Was für Organe sind denn in dieser Zwischenzone am meisten ausgebildet? Diejenigen Organe, besonders im Kopfe, die wir die Nerven nennen, der Nervenapparat. Dieser Nervenapparat sendet seine Ausläufer in die äußere Oberflächenzone hinein und wieder in das Innere; da verlaufen die Nerven, und zwischendrinnen sind solche Mittelzonen wie das Gehirn, namentlich das Rückenmark, auch das Bauchmark. Da ist uns Gelegenheit gegeben, so eigentlich recht wach zu sein. Wo die Nerven am meisten ausgebildet sind, da sind wir am meisten wach. Aber das Nervensystem hat zum Geiste eine eigentümliche Beziehung. Es ist ein Organsystem, das durch die Funktionen des Leibes fortwährend die Tendenz hat zu verwesen, mineralisch zu werden. Wenn Sie beim lebenden Menschen sein Nervensystem von der übrigen Drüsen-MuskelBlutwesenheit und Knochenwesenheit loslösen könnten — das Knochensystem könnten Sie sogar beim Nervensystem dabeilassen -, so wäre das beim lebenden Menschen schon Leichnam, fortwährend Leichnam. Im Nervensystem geht fortwährend das Sterben des Menschen vor sich. Das Nervensystem ist das einzige System, welches gar keine unmittelbare Beziehung zum Geistig-Seelischen hat. Blut, Muskeln und so weiter haben immer direkte Beziehungen zum Geistig-Seelischen, das nervöse System hat unmittelbar dazu gar keine Beziehungen; es hat nur dadurch Beziehungen zum Geistig-Seelischen, daß es sich fortwährend aus der menschlichen Organisation ausschaltet, daß es nicht da ist, weil es fortwährend verwest. Die anderen Glieder leben; deshalb bilden sie direkte Beziehungen aus zum Geistig-Seelischen. Das Nervensystem stirbt fortwährend ab; es sagt fortwährend zum Menschen: Du kannst dich entwickeln, weil ich dir kein Hindernis biete, weil ich mache, daß ich gar nicht da bin mit meinem Leben! — Das ist das Eigenartige. In der Psychologie und Physiologie finden Sie dargestellt: das vermittelnde Organ des Empfindens, des Denkens, des GeistigSeelischen überhaupt ist das Nervensystem. Wodurch ist es aber dieses vermittelnde Organ? Nur dadurch, daß es sich fortwährend aus dem Leben herausdrückt, daß es dem Denken und Empfinden gar keine Hindernisse bietet, daß es gar keine Beziehungen zum Denken und Empfinden anstiftet, daß es den Menschen leer sein läßt in bezug auf das Geistig-Seelische da, wo es ist. Für das Geistig-Seelische sind einfach dort, wo die Nerven sind, Hohlräume. Daher kann das GeistigSeelische dort hinein, wo die Hohlräume sind. Wir müssen dem Nervensystem dankbar sein, daß es sich nicht kümmert um das GeistigSeelische, daß es all das nicht tut, was ihm die Physiologen und Psychologen zuschreiben. Täte es das, geschähe nur fünf Minuten lang das, was die Nerven nach den Beschreibungen der Physiologen und Psychologen tun sollen, so würden wir gar nichts in diesen fünf Minuten von der Welt und von uns wissen: wir würden eben schlafen. Denn die Nerven machten es dann so wie jene Organe, die das Schlafen vermitteln, die das fühlende Wollen, das wollende Fühlen vermitteln.

[ 22 ] Ja, es ist schon so, daß man es heute etwas hart hat, wenn man darauf kommt, was in der Physiologie und Psychologie die Wahrheit ist, denn die Leute sagen immer: Du stellst ja die Welt auf den Kopf. Die Wahrheit ist nur, daß sie auf dem Kopfe steht und daß man sie durch Geisteswissenschaft auf die Beine zu stellen hat. Die Physiologen sagen: Die Organe des Denkens sind die Nerven, insbesondere das Gehirn. — Wahr ist, daß Gehirn- und Nervensystem gerade nur dadurch mit dem denkenden Erkennen etwas zu tun haben, weil sie sich immerfort aus der Organisation des Menschen ausschließen und weil dadurch das denkende Erkennen sich entfalten kann.

[ 23 ] Jetzt betrachten Sie etwas ganz genau und nehmen Sie, bitte, Ihre Verstandeskräfte gut zusammen. In der Umgebung des Menschen, wo die Sinnessphäre ist, geschehen reale Vorgänge, die sich immerfort hineinstellen in das Weltgeschehen. Nehmen Sie an, Licht wirke auf den Menschen durch das Auge. Im Auge, das heißt in der Sinnessphäre, geschieht ein realer Vorgang, es geschieht etwas, ein physisch-chemischer Vorgang. Der setzt sich fort in das Innere des menschlichen Leibes, und er kommt dann auch bis in jenes Innere hinein (das dunkel Schraffierte der Zeichnung), wo wiederum physisch-chemische Vorgänge vor sich gehen. Jetzt denken Sie sich, Sie stehen einer beleuchteten Fläche gegenüber, und Lichtstrahlen fallen von dieser beleuchteten Fläche aus in Ihr Auge. Dort entstehen wieder physisch-chemische Vorgänge, die sich fortsetzen in die Muskel-Blutnatur im Inneren des Menschen. Dazwischen bleibt eine leere Zone. In dieser leeren Zone, die durch das nervöse Organ leer gelassen ist, entwickeln sich keine solchen Vorgänge wie im Auge oder im Inneren des Menschen, die selbständige Vorgänge sind, sondern da hinein setzt sich fort, was draußen ist: die Natur des Lichtes, die Natur der Farben selber und so weiter. Wir haben also an unserer Körperoberfläche, wo die Sinne sind, reale Vorgänge, welche vom Auge, vom Ohr, vom Wärmeaufnahmeorgan und so weiter abhängen. Ähnliche Vorgänge sind auch im Inneren des Menschen. Aber dazwischen nicht, wo die Nerven sich eigentlich ausbreiten; die machen den Raum frei, dort können wir leben mit dem, was draußen ist. Das Auge verändert Ihnen Licht und Farbe. Dort aber, wo Sie Nerven haben, wo Sie hohl sind in bezug auf das Leben, da verändern sich Licht und Farbe nicht, da leben Sie Licht und Farbe mit. Sie sind nur in bezug auf die Sinnessphäre abgesondert von einer äußeren Welt, aber innen leben Sie wie in einer Schale die Außenvorgänge mit. Da werden Sie selbst zum Licht, da werden Sie selbst zum Ton, da breiten sich die Vorgänge aus, weil die Nerven dafür kein Hindernis sind wie das Blut und der Muskel.

[ 24 ] Jetzt bekommen wir ein Gefühl davon, was das für eine Bedeutung hat: Wir wachen da mit Bezug auf einen im Verhältnis zum Leben in uns vorhandenen Hohlraum, während wir an der äußeren Oberfläche und im Inneren schlafend träumen und träumend schlafen. Wir wachen nur in einer Zone, die zwischen dem Äußeren und dem Inneren liegt, vollständig auf. Das mit Bezug auf den Raum.

[ 25 ] Wir müssen aber, wenn wir den Menschen vom geistigen Gesichtspunkt betrachten, auch sein Zeitliches in Beziehung bringen zum Wachen und Schlafen und Träumen.

[ 26 ] Sie lernen etwas; das nehmen Sie auf so, daß es hereingeht in Ihr Vollwachen. Während Sie sich damit beschäftigen und wenn Sie daran denken, ist es in Ihrem Vollwachen. Dann gehen Sie an das andere Leben. Anderes nimmt Ihr Interesse, Ihre Aufmerksamkeit in Anspruch. Was tut nun das, was Sie vordem gelernt haben und womit Sie sich beschäftigt haben? Es fängt an einzuschlafen, und wenn Sie sich wieder daran erinnern, dann wacht es wieder auf. Sie kommen mit allen diesen Dingen nur zurecht, wenn Sie all das Wortgeplänkel, das Sie in den Psychologien als Erinnern und Vergessen haben, ersetzen durch die realen Begriffe. Was ist Erinnern? Es ist das Aufwachen eines Vorstellungskomplexes. Und was ist das Vergessen? Das Einschlafen des Vorstellungskomplexes. Da können Sie Reales mit real Erlebtem vergleichen, da haben Sie keine bloßen Worterklärungen. Wenn Sie immer reflektieren auf Wachen und Schlafen, wenn Sie sich selber einschlafend erleben oder einen anderen einschlafen sehen, so haben Sie einen realen Vorgang. Sie beziehen das Vergessen, diese innere Seelentätigkeit, auf diesen realen Vorgang - nicht auf irgendein Wort -, vergleichen die beiden und sagen sich: Vergessen ist nur ein Einschlafen auf einem anderen Gebiete, und auch Erinnern ist nur ein Aufwachen auf einem anderen Gebiete.

[ 27 ] Nur dadurch kommen Sie zum geistigen Weltbegreifen, daß Sie Reales mit Realem vergleichen. Wie Sie das kindliche Lebensalter mit dem Greisenalter vergleichen müssen, um Leib und Geist wirklich aufeinander beziehen zu können, wenigstens in den ersten Rudimenten, so vergleichen Sie Erinnern und Vergessen, indem Sie es auf ein Reales, auf Einschlafen und Aufwachen beziehen.

[ 28 ] Das ist es, was für die Zukunft der Menschheit so unendlich notwendig werden wird: daß die Menschen sich bequemen, in die Realität, in die Wirklichkeit sich hineinzubegeben. Die Menschen denken heute fast nur in Worten, sie denken nicht in Wirklichkeit. Wo käme einem heutigen Menschen das Reale, was wir haben können, wenn wir vom Erinnern sprechen, das Aufwachen, in den Sinn? Er wird im Umkreise der Worte alles mögliche hören können, um das Erinnern zu definieren, aber er wird nicht daran denken, aus der Wirklichkeit, aus der Sache heraus diese Dinge zu finden.

[ 29 ] Daher werden Sie es begreiflich finden, wenn man so etwas wie die Dreigliederung, was ganz aus der Wirklichkeit, nicht aus abstrakten Begriffen, herausgeholt ist, an die Menschen heranbringt, daß diese Menschen es zunächst unverständlich finden, weil sie gar nicht gewöhnt sind, die Dinge aus der Wirklichkeit herauszuholen. Sie verbinden gar keine Begriffe mit dem Herausholen der Dinge aus der Wirklichkeit. Und am wenigsten Begriffe mit dem Herausholen der Dinge aus der Wirklichkeit verbinden zum Beispiel die sozialistischen Führer in ihren Theorien; sie stellen das letzte Ende, die letzte Dekadenzerscheinung des Worterklärens dar. Die Leute glauben am allermeisten, etwas von der Wirklichkeit zu verstehen; wenn sie aber anfangen zu sprechen, dann kommen sie mit den allerleersten Worthülsen.

[ 30 ] Das war nur eine Zwischenbemerkung, die namentlich mit dem Wesen unserer gegenwärtigen Zeitströmung zusammenhängt. Aber der Pädagoge muß auch die Zeit begreifen, in der er steht, weil er die Kinder begreifen muß, die ihm aus dieser Zeit heraus zum Erziehen übergeben werden.