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Rudolf Steiner in the Waldorf School
GA 298

25 May 1923, Stuttgart

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18. Ansprache an der dritten ordentlichen Mitgliederversammlung des Vereins «Freie Waldorfschule»

18. Address at the Third Regular General Meeting of the “Freie Waldorfschule” Association

[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, liebe Freunde! Es obliegt mir, die dritte ordentliche Mitgliederversammlung des Vereins für ein freies Schulwesen, des Waldorfschulvereins, hiermit zu eröffnen. Es ist mir eine tiefe Befriedigung, Sie bei dieser Gelegenheit im Namen des Vorstandes auf das herzlichste begrüßen zu können, und ich drücke Ihnen auch meine Freude darüber aus, daß Sie mit uns zusammen die weiteren Schicksale des Waldorfschulvereins beraten wollen. Bevor wir in die offizielle Tagesordnung eintreten, gestatten Sie mir, daß ich gewissermaßen als eine Art Einleitung zu dem Berichte des Gesamtvorstandes einiges voraussende über den Gang der Waldorfschul-Bewegung als solcher und über die Angelegenheiten der Waldorfschule, soweit Sie an diesem Gange beteiligt sind.

[ 1 ] Ladies and gentlemen, dear friends! It is my privilege to hereby open the third regular general meeting of the Association for a Free School System, the Waldorf School Association. It gives me deep satisfaction to welcome you most warmly on this occasion on behalf of the Executive Board, and I would also like to express my delight that you wish to join us in discussing the future of the Waldorf School Association. Before we proceed to the official agenda, please allow me—as a sort of introduction to the report of the Executive Board—to say a few words about the progress of the Waldorf school movement as a whole and about the affairs of the Waldorf School, insofar as you are involved in this progress.

[ 2 ] Nun liegt ja hinter uns vor ganz kurzer Zeit die so außerordentlich erfreulich verlaufene pädagogisch-künstlerische Tagung, in der ja dasjenige, was erstrebt wird mit der Waldorfschul-Bewegung, und was erstrebt werden kann überhaupt mit einer pädagogischen Bewegung, die den Anforderungen der Gegenwart und der nächsten Zukunft gerecht wird, in so anschaulicher Weise vor wahrscheinlich Sie alle und viele andere Interessenten hingetreten ist. Es braucht also zunächst, wenn über den augenblicklichen Stand der Waldorfschul-Bewegung gesprochen wird, eigentlich nur auf dasjenige hingewiesen zu werden, was bei dieser pädagogisch-künstlerischen Tagung eben zutage getreten ist.

[ 2 ] We have just recently concluded the educational and artistic conference, which was an extraordinary success; it so vividly presented to all of you here—and to many other interested parties—exactly what the Waldorf school movement strives for, and what can be strived for at all by an educational movement that meets the demands of the present and the near future, was presented in such a vivid way to all of you here and to many other interested parties. So, when discussing the current state of the Waldorf school movement, it is really only necessary to point out what has just come to light at this educational-artistic conference.

[ 3 ] Ich möchte mir aber doch gestatten, heute einiges vielleicht gerade als Grundton für diese Versammlung Wichtige noch zu betonen. Wir haben ja unsere letzte Versammlung hier gehabt in einem Zeitpunkte, in dem ich darauf aufmerksam machen durfte, wie das Wollen unserer Waldorfschul-Bewegung seine Bewährung und Verbreitung dadurch hat zeigen können, daß ja an mich selbst damals die Einladung herangegangen war, über das Wesen dieser Waldorfschul-Bewegung gelegentlich des Shakespeare-Festes in Stratford im Jahre 1922 zu sprechen. Und ich durfte dazumal darauf hinweisen, daß es ja ein Ergebnis des Umstandes war, daß man dazumal bekanntgeworden ist in England mit der Waldorfschul-Bewegung, und daß dann für jene Sommerzeit 1922 die Einladung für den Oxforder Ferienkurs erfolgte, durch welchen ich in die Lage versetzt worden bin, in ausführlicher Weise in England sprechen zu können über dasjenige, was die Waldorfschule eigentlich will. Und ein Ergebnis dieser Oxforder Vorträge war ja die Begründung eines englischen Schulvereins, der ins Auge faßt, zunächst die Kings LangleySchule umzuwandeln in eine Art Waldorfschule und überhaupt für die Ausbreitung des Waldorfschul-Gedankens in England zu wirken. Damit aber hat sich überhaupt gezeigt, daß die Ideen und die Impulse, welche in der Waldorfschul-Bewegung liegen, in ganz intensiver Weise das Interesse der Gegenwart in Anspruch nehmen. Und wiederum konnte man ja auch hier selber sehen, wie stark dieses Interesse gerade in England Platz gegriffen hat dadurch, daß eine Anzahl englischer Lehrer und Lehrerinnen eben die Waldorfschule durch längere Zeit hindurch besuchten im Beginne dieses Jahres.

[ 3 ] I would, however, like to take the liberty of emphasizing a few points today that may be particularly important as a guiding principle for this gathering. After all, our last gathering here took place at a time when I was able to point out how the aspirations of our Waldorf school movement had proven their worth and spread—as evidenced by the fact that I myself had been invited at that time to speak about the nature of this Waldorf school movement on the occasion of the Shakespeare Festival in Stratford in 1922. And I was able to point out at that time that it was, in fact, a result of the fact that the Waldorf school movement had become known in England by then, and that this led to the invitation for the Oxford summer course in the summer of 1922, which enabled me to speak at length in England about what the Waldorf school actually aims to achieve. And one result of these Oxford lectures was, of course, the founding of an English school association that aims, first of all, to transform Kings Langley School into a kind of Waldorf school and, more generally, to work toward the spread of the Waldorf school ideal in England. This has clearly demonstrated that the ideas and impulses underlying the Waldorf school movement are capturing the interest of the present day in a very intense way. And once again, one could see here for oneself just how strongly this interest has taken hold in England, as evidenced by the fact that a number of English teachers attended the Waldorf School for an extended period at the beginning of this year.

[ 4 ] Eine weitere Folge dann der Ausbreitung des Waldorfschul-Gedankens ist ja der Kursus, den ich erst vor ganz kurzer Zeit in Dornach selbst zu halten hatte vor einer Anzahl von schweizerischen Lehrern, Schulmännern, die den Kursus zunächst veranstaltet haben. An diesem Kursus haben aber teilgenommen außer den Schweizer Lehrern siebzehn tschechische Lehrer. Und es hat sich gerade bei diesem Kursus gezeigt, wie selbstverständlich es eigentlich den Herzen gerade pädagogischer Persönlichkeiten erscheint, daß so etwas sich vollzöge, wie es versucht wird mit unserer Schulbewegung. Man konnte bei alledem, was man hören konnte bei diesem in Dornach abgehaltenen Kursus, wirklich ersehen, wie eine tiefe Sehnsucht gerade bei den fachlichen Pädagogen vorhanden ist, irgend etwas in die pädagogische Kunst hineinzubekommen, was nach einer Vergeistigung auf der einen Seite und nach einem wirklichen Praktischwerden der pädagogischen Kunst auf der anderen Seite intensiv hinzielt.

[ 4 ] Another consequence of the spread of the Waldorf school philosophy is, of course, the course that I myself had to teach just a short while ago in Dornach to a group of Swiss teachers—educators who had initially organized the course. In addition to the Swiss teachers, seventeen Czech teachers participated in this course. And it was precisely during this course that it became clear just how natural it actually seems to the hearts of educational professionals that something like what our school movement is attempting should take place. From everything that was said at this course held in Dornach, one could truly see how a deep longing exists, especially among professional educators, to introduce into the art of education something that intensively aims, on the one hand, at spiritualization and, on the other hand, at making the art of education truly practical.

[ 5 ] Und es ist ja nun einmal sehr begreiflich, daß eine ganz bestimmte Empfindung, ein ganz bestimmtes Gefühl gerade von seiten pädagogischer Persönlichkeiten anläßlich dieses letzten schweizerischen Kursus zum Ausdruck gekommen ist. Das ist das, daß gerade eigentlich derjenige, dem tief am Herzen liegt, was durch einen solchen Kursus gewollt wird, daß der gerade in einer gewissen Weise bestürzt wird durch einen solchen Kursus. Ich erzähle nur, was zum Ausdruck gekommen ist: es sagte jemand anläßlich des Dornacher Kursus, der dazumal die Anschauung von vielen der Versammelten zum Ausdruck brachte, daß die Ernstgesinnten gerade bestürzt würden dadurch, daß sie sehen, wie wenig sie in der Lage sind, alles das, was im Verlaufe von wenigen Tagen an pädagogischen notwendigen Impulsen auf sie einstürmt, mit der eigenen Seele zu bewältigen.

[ 5 ] And it is, after all, quite understandable that a very specific sentiment, a very specific feeling, has been expressed—particularly by figures in the field of education—in connection with this most recent Swiss course. The point is that it is precisely those for whom the aims of such a course are deeply important who are, in a certain sense, dismayed by it. I am merely recounting what was said: Someone said during the Dornach course—speaking for many of those gathered at the time—that the serious-minded participants were particularly dismayed by the realization of how little they were able to process with their own souls all the necessary pedagogical impulses that came flooding at them over the course of just a few days.

[ 6 ] Nun sehen Sie, ich war dann genötigt, auf diesen Einwand, der mir durchaus berechtigt erschien, auch zu antworten. Es drückt sich ja in einem solchen Gedanken sehr deutlich aus, was für viele Menschen der Gegenwart da ist. Viele Menschen der Gegenwart wissen ganz genau: Es muß etwas ganz Einschneidendes, Eingreifendes kommen, wenn unser Schulwesen seinen sozialen Anforderungen genügen und herauskommen soll aus den Zuständen, in die es einmal hineingeraten ist. Man gibt sich wirklich nicht sehr häufig Rechenschaft, wie notwendig ein einschneidendes Reformieren der Erziehungsimpulse ist. Aber wenn man nachdenkt, findet man bei Eltern, Lehrern überall im Grunde der Seele die halb oder ganz bewußte Überzeugung, daß solche einschneidende Impulse in das Unterrichtswesen hineinkommen müssen. Dann hören die Menschen dasjenige, was wir zu sagen haben, und es ist so, daß es bei der künstlerisch-pädagogischen Tagung vielen so gegangen ist, sie haben gesagt: Das alles soll nun getan werden? Wie kommen wir überhaupt zurecht damit? In ein paar Tagen ergießt sich eine solche Fülle von Forderungen über uns - ja, verzeihen Sie, daß ich es so ausdrücken muß, es ist das eine Empfindung, die ich oft gehört habe -, nun kommt man her in der besten Absicht, und geht fort wie ein mit Idealwasser ganz übergossener Pudel, der, ja - zunächst abschütteln möchte dasjenige, was sich über ihn ergossen hat.

[ 6 ] Well, you see, I was then compelled to respond to this objection, which seemed entirely justified to me. Such a thought very clearly expresses what many people today are feeling. Many people today know full well: something truly radical and transformative must happen if our school system is to meet its social demands and emerge from the conditions into which it has fallen. People really don’t often stop to consider how necessary a radical reform of educational impulses is. But when one reflects on it, one finds among parents and teachers, deep in the core of their souls, a half-conscious or fully conscious conviction that such radical impulses must be introduced into the educational system. Then people hear what we have to say, and the fact is that many at the artistic-pedagogical conference felt this way; they said: “Is all of this supposed to be done now?” How are we even supposed to manage all this? In just a few days, such a flood of demands pours over us—yes, forgive me for putting it this way, but it’s a sentiment I’ve often heard—we come here with the best of intentions, and leave like a poodle completely drenched in “ideal water,” which, yes, at first wants to shake off what has been poured over it.

[ 7 ] Wie gesagt, es ist das tatäschlich gerade bei der letzten Dornacher Tagung vielfach zum Ausdruck gebracht worden. Und ich habe darauf erwidert: Ja, das ist durchaus einzusehen, aber es ist notwendig, dabei das Folgende zu bedenken. Für dasjenige, was man heute pädagogisch übt, was heute überall in den Schulen ausgeübt wird, gibt es lange Zeiten, in die sich die Menschen hineingewöhnen. Da kann man gemächlich hineinwachsen. -— Wir sind genötigt, weil die Leute uns nur immer die wenigen Tage zuwenden können, die sie für Fortschrittsimpulse zur Verfügung haben, das, was wir zu sagen haben den Leuten, immer in wenigen Tagen zu sagen. Es ist ganz begreiflich, daß sich da die Leute in dieser Weise übergossen fühlen. Aber wenn das eintreten könnte, was dennoch notwendig ist, daß immer weitere und weitere Kreise durch die Anregungen, die ja doch immer gegeben werden, immer weitere und weitere Kreise gewonnen würden, um Interesse zu schöpfen für dasjenige, worum es sich handelt, dann würden wir auch in die Lage kommen, die Dinge in langsamerem Tempo zu sagen, die wir zu sagen haben. Dann brauchten sich die Leute nicht übergossen fühlen.

[ 7 ] As I said, this was in fact expressed many times at the most recent Dornach conference. And I replied: Yes, that is certainly understandable, but it is necessary to consider the following. People take a long time to get used to the educational practices of today—the ones carried out in schools everywhere. It’s something you can grow into gradually. — Because people can only devote the few days they have available to receiving impulses for progress to us, we are compelled to convey what we have to say to them within those few days. It is quite understandable that people feel overwhelmed in this way. But if what is nevertheless necessary were to come to pass—that through the inspiration that is, after all, always being provided, ever wider and wider circles were won over to generate interest in the matter at hand—then we would also be in a position to convey what we have to say at a slower pace. Then people would not need to feel overwhelmed.

[ 8 ] Das ist ein Beweis dafür, daß in ganz intensiver Weise gearbeitet werden müßte, um uns die Möglichkeit zu bieten, eben nicht, ich möchte sagen, im Handumdrehen den Leuten lästig zu fallen mit unseren Ideen, sondern um tatsächlich das Tempo einhalten zu können, das für das Auffassen der Ideen den meisten notwendig erscheint. So daß ich darauf hinweisen muß: Wenn von dieser Einsicht ausgegangen wird, dann würde man uns Gelegenheit geben, daß wir uns irgendwie genauer aussprechen, langsamer aussprechen könnten. Es hängt also alles von dem ab, daß in immer weiteren und weiteren Kreisen ein wirkliches Interesse für unsere Sache entsteht. Denn es ist Ja einmal ganz merkwürdig, wie die Dinge eigentlich stehen.

[ 8 ] This is proof that we would have to work very intensively in order to give us the opportunity—not, I would say, to burden people with our ideas in the blink of an eye, but rather to actually be able to maintain the pace that seems necessary for most people to grasp these ideas. So I must point out: If this insight were taken as a starting point, then we would be given the opportunity to express ourselves more precisely, to speak more slowly. It all depends, then, on a genuine interest in our cause developing in ever-wider and wider circles. For it is, after all, quite remarkable how things actually stand.

[ 9 ] Sehen Sie, man muß so den inneren Gang der Waldorfschul-Bewegung seit den vier Jahren, seit die Waldorfschul-Bewegung besteht, einmal ins Auge fassen. Die Tatsachen müssen ja natürlich in der richtigen Weise bewertet werden. Wir haben heute rund siebenhundert Schüler in der Waldorfschule und gegen vierzig Lehrer. Ja, wir sind ausgegangen vor Jahren von einem Status, der weniger Lehrer umfaßte und nicht zweihundertfünfzig Schüler. Nun, diese zwei Zahlen, die damalige, zweihundert oder zweihundertfünfzig Schüler, und die jetzige, siebenhundert Schüler, diese zwei Zahlen bedeuten aber innerlich etwas für die Waldorfschul-Bewegung außerordentlich Charakteristisches. Sehen Sie, sie bedeuten nämlich nicht pädagogisch-didaktisch, aber kulturell-sozial ein vollständiges Umstülpen der WaldorfschulBewegung, ein richtiges Umstülpen. Ein - ja, je nach dem Geschmack, den einer hat, kann man sagen: ein auf die Füße stellen oder ein auf den Kopf stellen; das ist mir gleichgültig. Ich meine nämlich das Folgende: Als die Waldorfschule begründet worden ist, war der Gedanke zunächst ein sozialer bei unseren Freunden. Eine Art Einheitsschule sollte begründet werden, eine Schule, die den damals herrschenden sozialen Impulsen, die 1919 ja an die Oberfläche des sozialen Denkens und sozialen Empfindens der Leute traten, entsprach. Eine solche Schule sollte begründet werden. Aus den sozialen Verhältnissen heraus war der Waldorfschul-Gedanke gedacht. Und es kann jetzt eine gewagte Hypothese sein, aber weder Herr Molt noch Sie nehmen es übel, wenn ich natürlich ist das mit dem bekannten grano salis zu nehmen -, wenn ich in einer Weise, wie man es eben klar zum Ausdruck bringen kann, sage, wie die Umstülpung sich vollzogen hat.

[ 9 ] You see, one must take a look at the internal development of the Waldorf school movement over the past four years, since the movement was founded. Of course, the facts must be evaluated correctly. Today we have about seven hundred students at the Waldorf school and about forty teachers. Yes, years ago we started out with fewer teachers and fewer than two hundred fifty students. Well, these two figures—the one from back then, two hundred or two hundred fifty students, and the current one, seven hundred students—these two figures, however, signify something internally that is extraordinarily characteristic of the Waldorf school movement. You see, they signify—not in a pedagogical or didactic sense, but in a cultural and social sense—a complete reversal of the Waldorf school movement, a true reversal. A—well, depending on one’s perspective, one might say: putting it back on its feet or turning it upside down; that makes no difference to me. What I mean is this: When the Waldorf School was founded, the idea among our friends was initially a social one. The aim was to establish a kind of unified school—a school that corresponded to the prevailing social impulses of the time, which, in 1919, had indeed come to the surface of people’s social thinking and social sensibilities. Such a school was to be founded. The idea of the Waldorf School was conceived out of the social conditions of the time. And this may now be a bold hypothesis, but neither Mr. Molt nor you will take offense if I say—of course, this is to be taken with a grain of salt—if I describe, in a way that can be clearly expressed, how this reversal took place.

[ 10 ] Nehmen Sie an, Herr Molt wäre damals nicht Anthroposoph gewesen, sondern - nicht wahr, da er es nicht gewesen ist, kann man das sagen -, sondern ein philanthropischer Fabrikdirektor, wie es viele in der damaligen Zeit gegeben hat, so würde der eben auch aus den sozialen Verhältnissen heraus einen solchen Gedanken der Begründung einer Schule gefaßt haben. Aber die Waldorfschule, wie sie heute ist, wäre sicher nicht entstanden. Die Waldorfschule, wie sie heute ist, ist lediglich dadurch entstanden, daß sie aus dem Anthroposophischen herausgeboren ist, also durch den Umstand, daß eben nicht nur ein philanthropischer Fabrikant, sondern Herr Emil Molt, der Anthroposoph, den Gedanken gefaßt hat, und daß er die Anthroposophie für die Methodik und Didaktik zu Hilfe gerufen hat.

[ 10 ] Suppose Mr. Molt had not been an anthroposophist back then, but—since he wasn’t, we can say this—a philanthropic factory director, as there were many at that time; he, too, would have conceived the idea of founding a school based on social conditions. But the Waldorf School as it exists today would certainly not have come into being. The Waldorf School as it exists today came into being solely because it was born out of anthroposophy—that is, because it was not merely a philanthropic factory owner but Mr. Emil Molt, the anthroposophist, who conceived the idea, and because he drew upon anthroposophy for its methodology and didactics.

[ 11 ] So, nun haben wir dasjenige, was wir eigentlich als das Kulturhistorisch-Soziale anführen müssen. Wir haben dieses, daß ein Zeitgedanke verwirklicht worden ist mit Hilfe der Anthroposophie, die die Methodik und die Didaktik hergeben sollte.

[ 11 ] So, now we have what we actually need to cite as the cultural-historical and social aspect. We have the fact that a concept of time has been realized with the help of anthroposophy, which was intended to provide the methodology and didactics.

[ 12 ] Nun sehen Sie, im Laufe der Zeit hat sich eben das als Umstülpung vollzogen, daß die große Anzahl von Schülern, die wir heute haben, also diese Ausbreitung des Waldorfschul-Gedankens in der Waldorfschule selber, daß sich diese Ausbreitung doch vollzogen hat lediglich wegen der Pädagogik und Didaktik, die in der Waldorfschule gepflegt wird. So daß also die ursprüngliche Idee umgestülpt ist. Die ursprüngliche Idee zog die hier gepflegte Pädagogik und Didaktik heran. Aber die Waldorfschule ist — wie es auch richtig gewesen ist - dasjenige, was sie geworden ist, durch die Pädagogik und Didaktik geworden. Und heute suchen die Eltern, die ihre Kinder in späteren Zeiten eben hereingebracht haben, die Waldorfschule im wesentlichen eben wegen dieser Pädagogik und Didaktik auf. So daß also im Laufe dieser vier Jahre sich diese wichtige Entwickelung vollzogen hat, daß sich innerhalb der Waldorfschule die aus Anthroposophie herausgeborene Pädagogik und Didaktik zur Geltung gebracht hat.

[ 12 ] Now you see, over time, a reversal has taken place: the large number of students we have today—that is, the spread of the Waldorf school ideal within the Waldorf school itself—has come about solely because of the pedagogy and didactics cultivated in the Waldorf school. So the original idea has been turned on its head. The original idea drew upon the pedagogy and didactics practiced here. But the Waldorf School has become—as was indeed right—what it is today precisely through this pedagogy and didactics. And today, parents who have enrolled their children at a later stage essentially seek out the Waldorf school precisely because of this pedagogy and didactics. Thus, over the course of these four years, this important development has taken place: within the Waldorf school, the pedagogy and didactics born of anthroposophy have come to the fore.

[ 13 ] Und diese Pädagogik und Didaktik war es nun, die in England interessiert hat, die den Kursus in Dornach hervorgerufen hat und so weiter. Es ist ein spezifisch pädagogischer Gedanke, der sich durch die Waldorfschule realisiert, und das ist auch dasjenige, was ich im Laufe der letzten Zeit immer mehr und mehr betonen mußte. Also die siebenhundert Schüler und überhaupt die Vergrößerung der Waldorfschule hat die in der Waldorfschule gepflegte Pädagogik und Didaktik gebracht. Und Bestrebungen, die heute oftmals zutage treten, Schulen zu begründen nach dem Muster der Waldorfschule, die beweisen das auch.

[ 13 ] And it was precisely this pedagogy and didactics that sparked interest in England, led to the course in Dornach, and so on. It is a specifically pedagogical concept that is realized through the Waldorf School, and that is also what I have had to emphasize more and more in recent times. So the seven hundred students—and the overall growth of the Waldorf School—have been brought about by the pedagogy and didactics cultivated there. And the efforts we often see today to establish schools modeled after the Waldorf School also prove this.

[ 14 ] Sehen Sie, für mich war natürlich das, was sich da realisiert hat, von Anfang an das Gültige. Ich habe vom Anfange an die Aufgabe der Waldorfschule so gefaßt, daß ich sie als eine rein pädagogisch-didaktische angesehen habe, und im Laufe der Zeit hat sich auch durchaus herausgestellt, daß überall, wo man sich interessierte für den Waldorfschul-Gedanken, es war wegen dieser Pädagogik und Didaktik.

[ 14 ] You see, for me, of course, what came to pass there was, from the very beginning, what was valid. From the very beginning, I understood the mission of the Waldorf school to be purely pedagogical and didactic, and over time it has become quite clear that wherever people took an interest in the Waldorf school concept, it was because of this pedagogy and didactics.

[ 15 ] Nun ist das Interesse durch die verschiedenen Kurse ganz entschieden bei Lehrern, bei Pädagogen bewiesen, aber ich möchte sagen, es ist auch bewiesen in den Sehnsuchten der Eltern. Sehen Sie, vorgestern kamen gleich wieder eine Anzahl von Eltern in Berlin zu mir und sagten mir: Ja, wie machen wir das, jetzt haben wir kleine Schulgruppen gebildet, Unterricht gegeben, und versuchen dabei, die Waldorfschul-Prinzipien anzuwenden. Aber nun kommt die Regierung und läßt das nicht zu; wir müssen nun unsere Kinder in die Grundschule hineingeben. Könnte man nicht vielleicht dadurch ein Auskunftsmittel schaffen, daß hier eine Filiale der Waldorfschule gegründet würde? - Die Leute dachten, weil in der Waldorfschule das noch immer geht, daß die Regierung nicht kommt, daß da noch liberalere Handhabung vorhanden ist, so ginge es auch vielleicht in Berlin, wenn man eine Filiale der Waldorfschule errichtete.

[ 15 ] Now, the various courses have certainly demonstrated that there is interest among teachers and educators, but I would like to say that it is also evident in the aspirations of parents. You see, just the day before yesterday, a number of parents in Berlin came to see me again and said: “Well, what are we to do? We’ve formed small school groups, taught classes, and tried to apply the Waldorf school principles. But now the government is stepping in and won’t allow it; we have to send our children to the public elementary school.” Couldn’t we perhaps create a way to provide information by establishing a branch of the Waldorf School here?—People thought that since this is still possible at the Waldorf School—where the government doesn’t intervene and a more liberal approach is in place—it might also work in Berlin if a branch of the Waldorf School were established.

[ 16 ] Ich sagte: Das geht natürlich nicht, und man muß an diesem Beispiel sehen, daß überhaupt die Durchführung des Waldorfschul-Gedankens nicht möglich ist ohne ein im weitesten Kreise Umsichgreifen des Gedankens, ein Anerkennen desjenigen, was eigentlich im Grunde genommen Tausende und aber Tausende, ja viel mehr als Tausende und aber Tausende unbewußt wollen. Die Leute wollen ja im Grunde genommen dasjenige, was hier gewollt wird, und getrauen es sich nur nicht zu gestehen, daß sie es wollen. Und ich halte noch immer fest, daß es richtig war, daß ich die Forderung nach dem Weltschulverein gestellt habe, nachdem ein Muster da ist; daß es nicht die Aufgabe ist, alle möglichen anderen Versuche zu machen, die eigentlich überall so auftauchen wie, ich möchte sagen, auf dem Gebiete der Medizin die Kurpfuscherei — natürlich nicht die wirkliche Kurpfuscherei, sondern die als Kurpfuscherei gestempelte Kurpfuscherei; daß es wichtiger ist, als diese Sache zu machen, immer weiter und weiter das Verständnis, das wirkliche reale Verständnis für die Waldorfschul-Pädagogik zu verbreiten. Immer weiter und weiter muß es verbreitet werden. Dann wird das andere schon kommen.

[ 16 ] I said: Of course, that won’t work, and this example shows that the Waldorf school concept cannot be implemented at all without the idea taking hold on a very broad scale—a recognition of what, deep down, thousands upon thousands, indeed far more than thousands upon thousands, unconsciously desire. People, after all, essentially want what is being sought here; they just don’t dare admit that they want it. And I still maintain that it was right for me to call for the World School Association, now that a model exists; that it is not our task to engage in all sorts of other experiments, which actually pop up everywhere like—I might say—quackery in the field of medicine—not real quackery, of course, but quackery that has been labeled as such; that it is more important, rather than pursuing that matter, to continue spreading—further and further—an understanding, a genuine, real understanding of Waldorf school pedagogy. It must be spread further and further. Then the rest will follow.

[ 17 ] Denn sehen Sie, in der pädagogischen Entwickelung selber und in dem Verhältnis der pädagogischen Entwickelung zu den großen Kultur- und sozialen Gedanken liegt eigentlich die Forderung der Waldorfschule. Sehen Sie, vielleicht erscheint es Ihnen doch von einigem Interesse, wenn ich Sie so auf den Umschwung der menschlichen Empfindungen, denen die Gedanken noch nicht gefolgt sind, über einen längeren Zeitraum hin aufmerksam mache.

[ 17 ] For you see, the very essence of the Waldorf School’s mission lies in the development of education itself and in the relationship between that development and the great cultural and social ideas. You see, perhaps you will find it of some interest if I draw your attention over a longer period of time to the shift in human sensibilities that ideas have not yet caught up with.

[ 18 ] Im März 1792 gab es einen Reichskanzler in Mitteleuropa, der faßte die Aufgabe des Volkspädagogischen nur in die folgenden Worte zusammen: «Es obliegt den Regierungen selbstverständlich die Ausbreitung der Reichtümer des Geistes, und es haben die Regierungen für diese Ausbreitung der Reichtümer des Geistes ebenso wie für den Genuß der anderen Gesellschaftsangelegenheiten der Menschen eine Art Staatspolizei zu bilden.» Das war gesprochen aus einem um die pädagogischen Angelegenheiten besorgten Menschengemüte aus der Zeit vom Ende des 18. Jahrhunderts; in der Zeit gesprochen, wo man eben dachte: Die Menschen müssen von oben herunter Direktiven bekommen für allen Genuß von gesellschaftlichen, sozialen, menschlichen Angelegenheiten, vor allen Dingen Direktiven für die Führung des Pädagogisch-Didaktischen.

[ 18 ] In March 1792, there was a Chancellor of the Empire in Central Europe who summarized the task of public education in just the following words: “It is, of course, the responsibility of governments to disseminate the riches of the mind, and governments must establish a kind of state police for this dissemination of the riches of the mind, just as they do for the enjoyment of other social affairs of the people.” These words were spoken from the perspective of a mind concerned with educational matters at the end of the 18th century—a time when it was believed that people must receive directives from above regarding all aspects of social, communal, and human affairs, and above all, directives for the conduct of educational and didactic matters.

[ 19 ] Und im 19. Jahrhundert gab es einen jungen Mann, Fröbel, der sagte schon als dreiundzwanzigjähriger junger Mensch: «Mir erscheinen eigentlich alle Versuche auf pädagogischem Gebiete, selbst der Pestalozzische nicht ausgenommen» - so sagte Fröbel -, «als etwas Rohes und bloß Empirisches. Denn notwendig wäre, daß man zu exakten Prinzipien des Unterrichtens komme, wie die Naturwissenschaft exakte Prinzipien hat.» Das sagte Fröbel.

[ 19 ] And in the 19th century, there was a young man named Fröbel who, even as a twenty-three-year-old, said: “To me, all attempts in the field of education—even Pestalozzi’s, without exception”—so said Fröbel—“seem crude and merely empirical. For it would be necessary to arrive at exact principles of teaching, just as the natural sciences have exact principles.” That is what Fröbel said.

[ 20 ] Mit diesen zwei Dingen, mit dem Ausspruch des Reichskanzlers Rottenhahn 1792 und mit der Briefstelle des jungen Fröbel aus einem Schreiben, das er an seinen Freund Krause gerichtet hat, kann man ungefähr das charakterisieren, was damals lebte, und was heute überwunden werden muß. Denn es lebte die Meinung - und sie lebt vielfach noch und muß überwunden werden -, es lebte die Meinung: Ja, über solche Angelegenheiten, wie es die pädagogisch-didaktischen sind, macht man sich nicht weiter Ideen; das ist selbstverständlich, daß man das dem Staate überläßt. Und die andere Idee ist diese: Die Naturwissenschaften sind souverän. Wer sie studiert, wer von ihnen ausgeht, muß auch die richtige Pädagogik finden.

[ 20 ] These two things—the statement by Imperial Chancellor Rottenhahn in 1792 and the passage from a letter written by the young Fröbel to his friend Krause—give a rough idea of what was prevalent at that time and what must be overcome today. For the prevailing view—and it still prevails in many quarters and must be overcome—was this: Yes, one does not concern oneself further with matters such as those of pedagogy and didactics; it goes without saying that one leaves these to the state. And the other idea is this: The natural sciences are supreme. Whoever studies them, whoever proceeds from them, must also find the correct pedagogy.

[ 21 ] Innerhalb beider Strömungen, innerhalb der bevormundenden und innerhalb der naturwissenschaftlichen Strömung hat sich eben gerade auf pädagogischem Gebiete gezeigt, daß man in eine Sackgasse hineingeraten ist. Man wollte selbstverständlich das Allerallerbeste, als man sagte, es sei auch im pädagogischen Gebiet eine Art Staatspolizei zu begründen; man wollte selbstverständlich das Allerbeste, aber es ist eben alles dasjenige entstanden, wovon die Leute empfinden, daß es anders werden muß.

[ 21 ] Within both schools of thought—the paternalistic and the scientific—it has become evident, particularly in the field of education, that we have reached a dead end. Of course, the intention was to do what was best when it was suggested that a kind of state police force should be established in the field of education as well; of course, the intention was to do what was best, but what has emerged is precisely what people feel must be changed.

[ 22 ] Die Pädagogen seufzen danach: Wir wissen eigentlich nicht, wie wir Menschen behandeln sollen; wir haben geglaubt, durch einen - wie soll ich sagen, Kuddelmuddel darf ich ja nicht sagen, es hätten auch die Anhänger der exakten Naturwissenschaft nicht so gesagt -, sagen wir, eine Synthese — damit man ein anderes Wort gebraucht -, durch eine Synthese von Anthropologie, Psychologie, Völkerkunde, neuerdings sagt man sogar Psychiatrie, müsse man dasjenige, was Menschenbehandlungskunst ist, zusammenbringen. Die Zeit hat gezeigt, daß so etwas nicht geht, wie Fröbel es wollte aus einem tiefen pädagogischen Sinn heraus. Und heute stehen die Leute so da- das hat sich bei all den Leuten gezeigt, die bei den Kursen waren, das zeigt sich aus einem solchen Wunsch wie dem nach einer Filiale der Waldorfschule in Berlin -, die Leute stehen so da, daß sie sagen: Wir wissen ganz gewiß, es muß etwas kommen. Aber wenn dann die Leute von der Waldorfschule zu uns reden über die Dinge, dann sind wir so wie ein mit Idealwasser übergossener Pudel. In ein paar Tagen geht es nicht hinein in unsere Köpfe, aber wir wissen, es muß etwas kommen.

[ 22 ] Educators sigh with frustration: We don’t really know how to treat people; we believed that through a—how shall I put it? I mustn’t say “hodgepodge,” since even the adherents of the exact natural sciences wouldn’t have put it that way—let’s say, a synthesis—to use a different word—through a synthesis of anthropology, psychology, ethnology, and, more recently, even psychiatry, we could bring together what constitutes the art of dealing with people. Time has shown that such an approach doesn’t work, as Fröbel intended out of a deep pedagogical conviction. And today people find themselves in this situation—this has become evident among all those who attended the courses, and it’s evident from a desire such as the call for a branch of the Waldorf School in Berlin—people find themselves in a position where they say: We know for certain that something must come. But when people from the Waldorf School talk to us about these things, we’re like a poodle doused with ideal water. It doesn’t sink into our heads in a few days, but we know something has to happen.

[ 23 ] Das ist das, was wir uns ganz klar vor Augen halten müssen: Unsere Bestrebungen entsprechen den Sehnsuchten von Tausenden und aber Tausenden von Menschen, und wir müssen alles daran setzen, den Waldorfschul-Gedanken mit allen seinen Impulsen immer populärer und populärer zu machen, so daß er etwas wird, was als eine Zeitforderung den Menschen erscheint. Dazu braucht es nämlich nicht einmal etwas anderes, als daß viele Menschen den Mut geweckt bekommen für das, was sie in den Tiefen ihrer Seele in unbestimmter Weise längst empfinden. - Das ist dasjenige, was ich immer noch neuerdings in die Gemüter der Freunde des Waldorfschul-Gedankens, die bei solchen Versammlungen erscheinen, hineinströmen lassen möchte. Denn das ist doch das allerwichtigste, was wir brauchen: Verbreitung des Interesses, Verbreitung der Bemühung um die Popularisierung der Waldorfschule. Das ist es, was wir brauchen.

[ 23 ] This is what we must keep very clearly in mind: Our efforts reflect the longings of thousands upon thousands of people, and we must do everything in our power to make the Waldorf school ideal, with all its impulses, more and more popular, so that it becomes something that people see as a necessity of our time. To achieve this, all that is needed is for many people to find the courage to embrace what they have long felt, in an indefinite way, in the depths of their souls. - This is precisely what I would like to continue instilling anew in the hearts and minds of the friends of the Waldorf school ideal who attend such gatherings. For this is, after all, the most important thing we need: to spread interest and to promote efforts to popularize the Waldorf school. That is what we need.

[ 24 ] Und sehen Sie, in bezug auf den inneren Fortgang unserer Methode ist auch etwas Ähnliches notwendig. Als wir vor vier Jahren die Waldorfschule begründeten, acht Schulklassen hatten, ja, da war es uns durchaus klar: Es muß aus dem heraus geschaffen werden, wonach gestrebt wird unbewußt von solchen Leuten wie Fröbel oder dergleichen; es muß geschaffen werden aus echter Menschenerkenntnis Lehrplan, Lehrziel; alles aus echter Menschenerkenntnis, wie sie sich nur auf dem Boden der Anthroposophie ergibt. Da bekommt man auch eine allgemein menschliche Schule, keine Weltanschauungsschule, keine Sektenschule, sondern wirklich eine allgemein menschliche Schule.

[ 24 ] And you see, something similar is also necessary with regard to the inner development of our method. When we founded the Waldorf School four years ago, with eight classes, yes, it was quite clear to us: the curriculum and educational goals must be created out of what people like Fröbel and others unconsciously strove for; they must be created out of a genuine understanding of the human being—everything based on a genuine understanding of the human being, as it arises solely on the foundation of anthroposophy. That is how one creates a truly universal school—not a school based on a particular worldview, not a sectarian school, but truly a universal school.

[ 25 ] Was allen als Ideal vorschwebte, schon seit Jahrzehnten, das war uns damals klar: Man kann nur versuchen - weil man eben Rücksicht nehmen muß auf die übrigen Verhältnisse -, so weit den Kompromiß zu treiben, daß man sagt: für die ersten drei Schuljahre muß die Sache so verlaufen, daß da nur maßgebend ist, was die Menschennatur lehrt, für Lehrziel und Lehrplan. Mit der vollendeten sechsten Klasse (zwölftes Lebensjahr) und vollendeten achten Klasse (vierzehntes Lebensjahr) wollten wir die Kinder so weit haben, daß sie auch in eine andere Schule übertreten können. Wir wollten die Möglichkeit schaffen, auf der einen Seite durch möglichst lange Zeit den Waldorfschul-Gedanken zu verwirklichen und dennoch den Kindern die Möglichkeit bieten, überzutreten.

[ 25 ] What everyone had envisioned as the ideal for decades was clear to us back then: One can only try—because one must take other circumstances into account—to push the compromise so far that one says: for the first three years of school, things must proceed in such a way that the only guiding principle for educational goals and the curriculum is what human nature teaches. By the end of the sixth grade (age twelve) and the end of the eighth grade (age fourteen), we wanted the children to have reached a level where they could also transfer to another school. We wanted to create the possibility, on the one hand, of realizing the Waldorf school philosophy for as long as possible, while still offering the children the opportunity to transfer.

[ 26 ] Das ist etwas, was sich eigentlich für die acht Volksschulklassen leichter durchführen läßt als für jene Erweiterung, die auch als eine Notwendigkeit sich herausgestellt hat, für jene Erweiterung, die sich durch die neunte, zehnte, elfte, zwölfte Klasse ergeben hat, wo Gymnasial- und Realschulbildung angesetzt wird an die Volksschul- und Bürgerschul-Bildung. Wo ja, jetzt sagt man die jungen Damen, jungen Herren so weit gebracht werden müssen, daß sie ihr Abiturium ablegen müssen und in eine Hochschule kommen können. Wenn auch bei einzelnen Menschen der gute Wille hervorgetreten ist, eine Hochschule zu begründen, so sind das vorläufig noch Riesenillusionen; die Dinge, die wir pflegen, sollten immer auf einen ganz realen Boden aufgestellt werden.

[ 26 ] This is something that is actually easier to implement for the eight grades of elementary school than for that expansion—which has also proven to be a necessity—namely, the expansion resulting from the ninth, tenth, eleventh, and twelfth grades, where gymnasium and Realschule education builds upon elementary and Bürgerschule education. After all, it is now said that young ladies and young gentlemen must be brought to the point where they can take their high school graduation exams and gain admission to a university. Even if some individuals have shown a willingness to establish a university, these are still, for the time being, mere illusions; the endeavors we pursue should always be grounded in reality.

[ 27 ] Nun, die Schwierigkeiten, die liegen natürlich darin, daß wir schon genötigt sind, die jungen Damen und jungen Herren so zu entlassen, daß sie das Abiturium machen können, um dann eine Hochschule besuchen zu können, aus der heraus sie eben Zeugnisse bekommen für dasjenige, was man heute das praktische Leben nennt, um eben in dieses Leben eintreten zu können. Da stellt sich sofort bei diesen höheren Klassen heraus, wieviel schwieriger es ist, zurecht zu kommen mit der idealen Waldorfschul-Forderung, den Lehrplan, das Lehrziel von der Menschennatur abzulesen, auf der anderen Seite den Zufallslehrplänen gerecht zu werden, die gar nichts von dem haben, was eben die Menschennatur fordert.

[ 27 ] Well, the difficulties, of course, lie in the fact that we are already compelled to allow the young ladies and gentlemen to graduate so that they can take the Abitur exam and then attend a university, from which they will receive qualifications for what is today called “practical life,” in order to be able to enter that life. In these upper grades, it immediately becomes apparent how much more difficult it is to reconcile the ideal Waldorf School requirement—to derive the curriculum and educational goals from human nature—with the arbitrary curricula that lack everything that human nature actually demands.

[ 28 ] Wenn das vierzehnte, fünfzehnte, sechzehnte Jahr erreicht ist, dann müßte man die jungen Damen und jungen Herren einführen in das wirkliche praktische Leben, das heißt, sie sollten etwas verstehen von dem, was nun im wirklichen praktischen Leben geschieht. Statt dessen kommt der Lehrer des Lateinischen und des Griechischen, wirft einem an den Kopf, wenn man die realen Forderungen aus Menschenerkenntnis realisieren will, wenn da Schulstunden sind in chemisch-technologischen Dingen, in Weberei, in Spinnerei, kurz Dingen, die man im Leben kennen soll - dann kommt der Lateinlehrer und sagt: Dann habe ich nur so viel Lateinstunden, daß ich nichts vorbereiten kann für das Abiiturium.

[ 28 ] Once students reach the ages of fourteen, fifteen, or sixteen, they should be introduced to real, practical life—that is, they should gain an understanding of what actually happens in real, practical life. Instead, the Latin and Greek teacher comes along and throws it in your face: when you want to address the real demands of understanding human nature, when there are school lessons in chemistry and technology, in weaving, in spinning—in short, things one should know in life—then the Latin teacher comes and says: “Then I only have so many Latin classes that I can’t prepare anything for the Abitur.”

[ 29 ] Und so kommen dann jene unlöslichen Konflikte heraus dadurch, daß man auf der einen Seite immer bestrebt ist, in der reinsten, schönsten Weise den Waldorfschul-Gedanken zu verwirklichen, auf der anderen Seite ihn zu unterbrechen durch alle möglichen Kompromisse, die naturgemäß gegeben sind dadurch, daß man den jungen Menschen eben aus dem, verzeihen Sie, sogenannten praktischen Leben nicht herausreißen darf. Nicht wahr, wir stellen ihn zwar in das Leben so hinein, wie er hineingestellt sein sollte, aber das sogenannte praktische Leben stößt ihn dann zurück, und er wird zum Bohemien. - Das Wort habe ich auch neulich beim schweizerischen Kursus gebraucht und gleich entschuldigen müssen, weil da Anwesende aus Böhmen waren. - Aber es ist schon so, daß wirklich das durchgreifend eingesehen werden muß, daß wir nicht nach dem Ideal der Boheme hinstreben, sondern nach einem wirklich praktischen Leben, nach einem solchen Erziehen und Unterrichten, das die Menschen wirklich ins praktische Leben hineinstellt. Aber da muß erst im weitesten Umfange ein Verstehen desjenigen, was nun das menschliche Wesen eigentlich enthält und fordert, eintreten.

[ 29 ] And so these irresolvable conflicts arise because, on the one hand, we are always striving to realize the Waldorf school ideal in the purest, most beautiful way, while on the other hand, we are forced to compromise it through all sorts of concessions that naturally arise from the fact that we simply cannot tear young people away from—forgive me—so-called practical life. Isn’t that right? We do place them in life exactly as they should be placed, but so-called practical life then pushes them back, and they become bohemians. —I also used that word recently at the Swiss course and had to apologize right away because there were people from Bohemia present. - But it is certainly true that we must thoroughly recognize that we are not striving toward the ideal of bohemianism, but toward a truly practical life—toward a form of education and instruction that truly places people within practical life. But first, there must be a comprehensive understanding of what human nature actually entails and demands.

[ 30 ] Und so wird man nicht den Waldorfschul-Gedanken populär machen, ohne daß man sich entschließt, dasjenige verständlich zu machen, was ich heute andeutete. In weiten Kreisen wird man nicht den Waldorfschul-Gedanken populär machen, wenn man nur in abstrakten Dingen redet, daß die Kinder bequem unterrichtet werden, daß das Lernen spielend geschieht und so weiter. Wenn man mit allen diesen trivialen Gedanken kommt, mit denen alle anderen auch auftreten, wenn man nicht eingeht auf die konkreten Dinge, die nun eben wirklich in den Herzen der Menschen unbewußt liegen, so wird man den WaldorfschulGedanken nicht populär machen.

[ 30 ] And so the Waldorf school philosophy will not gain popularity unless we resolve to make clear what I alluded to today. The Waldorf school philosophy will not gain widespread acceptance if one speaks only in abstract terms—that children are taught in a comfortable way, that learning takes place through play, and so on. If one comes forward with all these trivial ideas—the same ones everyone else uses—and fails to address the concrete matters that truly lie unconsciously in people’s hearts, then one will not make the Waldorf school philosophy popular.

[ 31 ] Und wir stehen heute vor der schweren Aufgabe, daß wir eben genötigt sind, irgend etwas zu tun, damit wir in der Zukunft nicht in bezug auf das Finanzielle der Waldorfschule von der Hand in den Mund leben. Man weiß niemals aus den vorhandenen Finanzen, ob man die Waldorfschule drei bis vier Monate wird halten können; man ist immerfort angewiesen, ins Unbestimmte hinein zu wirtschaften. Nun, gewiß, der Waldorfschul-Gedanke ist etwas, worauf man so fest stehen kann, daßß man schon den Enthusiasmus auch aufbringt, ins Unbestimmte hinein zu wollen. Aber auf der anderen Seite treten Verantwortlichkeiten zutage, und eigentlich ist die Anstellung eines jeden neuen Lehrers eine solche Verantwortlichkeit, so daß es schon einmal ausgesprochen werden muß: Es müßte die ganze Finanzierung der Waldorfschule als des Ausgangspunktes der Waldorfschul-Bewegung, als des ersten pädagogischen Beispieles, wie man in dieser Methode erzieht und unterrichtet, es müßte die finanzielle Fundierung der Waldorfschule doch auf solche Grundlagen gestützt werden, die eine gewisse Stabilität garantieren.

[ 31 ] And today we face the difficult task of being compelled to do something so that, in the future, we do not have to live hand-to-mouth when it comes to the Waldorf School’s finances. Based on the available funds, one can never be sure whether the Waldorf School will be able to stay open for three to four months; one is constantly forced to manage finances into the unknown. Now, certainly, the Waldorf school ideal is something one can stand so firmly behind that one can even muster the enthusiasm to venture into the unknown. But on the other hand, responsibilities come to light, and in fact the hiring of every new teacher is such a responsibility that it must be stated plainly: The entire financing of the Waldorf School—as the starting point of the Waldorf School movement, as the first pedagogical example of how to educate and teach using this method—must be based on a financial foundation that guarantees a certain degree of stability.

[ 32 ] Das ist dasjenige, was ich Ihnen, ich möchte sagen, als eine notwendige Konsequenz aus dem eben Dargelegten heraus noch sagen möchte. Es müßte alles aufgewendet werden von der verehrten Versammlung, was aufgewendet werden kann, um zu Entschlüssen zu kommen, die eine Stabilisierung der Waldorfschul-Finanzierung so möglich machen, daß man eben weiß: Man kann die Verantwortung tragen, es kann nicht so weit kommen, daß nach ein paar Monaten die ganze Sache reißt. Man sieht, wo die Faktoren sind, die die Sache finanziell in die Welt führen wollen. Dann würde auch der äußere Rahmen da sein. Denn dessen kann ich Sie versichern, meine sehr verehrten Anwesenden und liebe Freunde: Die Dinge, die man erlebt bei Kursen, die gehalten werden, bei meinem Oxforder und meinem Schweizer Kursus, das, was man erlebt als die Sehnsuchten der Lehrer und auch der Eltern, das zeigt, daß die Waldorfschul-Bewegung etwas ist, was tief in unserer Zivilisationsentwickelung als Forderung sitzt. Das ist heute praktisch erwiesen durch alles das, was vorgegangen ist. Auf der anderen Seite zeigt die Art und Weise, wie in der Waldorfschule gearbeitet wird, wie in der Waldorfschule tatsächlich im Lehrerkollegium etwas enthalten ist, etwas, wovon ausstrahlt der ganze Waldorfschul-Impuls, wie da aus dem reinsten Enthusiasmus doch eben ein starkes Wollen sich in die Welt setzt, wie es Ihnen vielleicht hat am besten zutage treten können bei der letzten künstlerisch-pädagogischen Tagung. Nach diesen zwei Seiten hin steht die Sache, ich möchte sagen, auf gesunder Basis. Verzeihen Sie, wenn ich Sie bitte, etws zu beraten darüber, wie zu diesen zwei Säulen, die ich besonders charakterisieren wollte, zu dieser ersten Säule: Zeitforderung von seiten der Eltern und Lehrer, auf der anderen Seite dasjenige, was als ein heiliger, sachgemäßer und fachgemäßer Enthusiasmus in der Waldorfschule lebt, etwas zu beraten darüber, wie die dritte Säule hinzugefügt werden könnte: die Stabilisierung des finanziellen Fundamentes.

[ 32 ] This is what I would like to add—I would say—as a necessary consequence of what I have just explained. This esteemed assembly must do everything in its power to reach decisions that will stabilize Waldorf school funding in such a way that we know for certain: We can shoulder the responsibility; it cannot come to the point where the whole thing falls apart after a few months. We can see where the factors lie that aim to bring this endeavor to fruition financially. Then the external framework would also be in place. For I can assure you of this, my esteemed attendees and dear friends: The experiences we have in the courses that are held—in my Oxford course and my Swiss course—and what we perceive as the longings of both teachers and parents—all of this shows that the Waldorf school movement is something deeply rooted in the development of our civilization as a necessity. This has been practically demonstrated today by everything that has taken place. On the other hand, the way work is carried out in the Waldorf school—how there is indeed something inherent in the Waldorf school’s teaching staff, something from which the entire Waldorf school impulse radiates—shows how, out of the purest enthusiasm, a strong will nevertheless takes root in the world; this may have become most evident to you at the recent artistic-pedagogical conference. With these two aspects in mind, I would say the matter stands on a sound foundation. Please forgive me for asking you to discuss how to reconcile these two columns—which I wanted to highlight in particular—namely, the first column: the demands placed on our time by parents and teachers, and on the other hand, that which lives in the Waldorf School as a sacred, appropriate, and professional enthusiasm—I would like to ask for your advice on how a third column might be added: the stabilization of the financial foundation.

[ 33 ] Es ist ja traurig, daß man auch über das sprechen muß. Allein, es ist schon einmal so in der Gegenwart, daß zu allem Geld, viel Geld nötig ist. Und es ist sicher, wenn man die Wege findet, Verständnis für den Waldorfschul-Impuls hervorzurufen, dann kommt man auch zu den nötigen finanziellen Mitteln. Es ist darum schon so, daß man den Weg finden muß von dem ersten Teil desjenigen, was ich eben auseinandergesetzt habe, zu dem, was ich in aller Unbescheidenheit - so muß es schon in diesem Falle genannt werden - am Schlusse dieser Auseinandersetzungen als Forderung hinsetzte.

[ 33 ] It is indeed sad that we even have to talk about this. But that is simply the way things are today: everything requires money—a lot of money. And it is certain that if we find ways to foster understanding for the Waldorf school movement, then we will also secure the necessary financial resources. It is therefore true that one must find the path from the first part of what I have just explained to what I—in all modesty, as it must be called in this case—set forth as a demand at the end of these discussions.

[ 34 ] Anschließend folgten die geschäftlichen Verhandlungen.

[ 34 ] This was followed by business negotiations.