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The Rudolf Steiner Archive

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Rudolf Steiner in der Waldorfschule
GA 298

21 Dezember 1919, Stuttgart

2. Ansprache bei der Weihnachtsfeier

[ 1 ] Meine lieben Kinder! Vor einigen Wochen, als wir zum erstenmal alle in diese Schule gingen, da besuchte ich euch öfter. Dann kamen ein paar Wochen, da mußte ich ziemlich weit weg von hier sein. Aber jedesmal, wenn ich morgens aufgestanden war und zu meiner Arbeit ging, da mußte ich denken: Was werden jetzt meine lieben Waldorfkinder und ihre lieben Lehrer machen? Und oft am Tage, da kam mir dieser Gedanke. Und jetzt zur lieben Weihnachtsfeierzeit, da durfte ich euch wiederum besuchen. Da kam ich in alle Klassen hinein, und viele von euch, meine lieben Kinder, fragte ich: Habt ihr eure lieben Lehrer auch lieb? [Ja! - rufen die Kinder.] Und seht ihr, so Ja habt ihr mir herzlich geantwortet. Und da sagte ich euch: Das ist mir ein ganz besonders liebes Weihnachtsgeschenk!

[ 2 ] Das ist mir auch ein liebes Weihnachtsgeschenk. Denn seht ihr, ich muß denken, meine lieben Kinder, wie ihr, seit unser lieber Herr Molt uns diese Waldorfschule geschenkt hat, den Tag verbringt. Nachdem ihr geruht habt von dem Abend bis zum Morgen in dem göttlichen Geist, der eure Seele behütet von da, wo ihr eingeschlafen seid, bis da, wo ihr aufgewacht seid, und wenn ihr dann euch gewaschen, angezogen, ordentlich, recht ordentlich gemacht habt, dann geht ihr hier herauf nach diesem schönen Schulhaus. Aber ich glaube, viele von euch, vielleicht alle, freuen sich auf dasjenige, was sie hier in diesem schönen Schulhaus alles haben werden. [Ja! - rufen die Kinder.]

[ 3 ] Und, meine lieben Kinder, ihr könnt euch auch freuen. Seht ihr, wie ich oftmals, als ich von euch weg war, an euch hier dachte, und wie ich fragte in Gedanken: Was machen die lieben Waldorfkinder? - da sagte ich mir auch: Diesen lieben Waldorfkindern wird es gut gehen, denn die haben liebe, tüchtige Lehrer, und die lieben, tüchtigen Lehrer, die kommen ihnen entgegen mit rechter Liebe und streben mit großem Fleiß an, daß etwas ganz Tüchtiges aus diesen Kindern werde! - Und da mußte ich denken, wie ihr euch freut, wenn ihr hier heraufgeht, an der Liebe, die euch eure Lehrer entgegenbringen. Diese Lehrer, die müssen viel arbeiten und viel sich anstrengen, damit sie euch all das Gute und Schöne lehren können, das euch zu tüchtigen Menschen macht.

[ 4 ] Und sehet ihr, meine lieben Kinder, besonders gefreut hat es mich, als in die einzelnen Klassen, während ich darinnen war, immer ein paar Kinder hereinkamen: Knecht Ruprecht oder so etwas wie Engelchen stellten sie dar, und sie sangen und sprachen von dem heiligen Christus, von dem Jesuskind. Und das ist schön, das ist groß, daß ihr mit solcher Liebe habt sprechen können von dem Christus und mit solcher Liebe habt zuhören können.

[ 5 ] Denn wißt ihr, woher eure Lehrer diese ganze Tüchtigkeit und Kraft haben, daß sie euch einmal zu tüchtigen Menschen im Leben machen können? Die haben sie von dem Christus, an den wir zu Weihnachten denken, wie er in die Welt zur Beglückung aller Menschen hereingekommen ist, und von dem euch heute so schön dargestellt worden ist.

[ 6 ] Seht ihr, meine lieben Kinder, es gibt auf der Erde noch andere Wesen als der Mensch ist, zum Beispiel die Tiere, die um ihn herum sind, und man könnte oftmals denken, daß man diese Tiere beneiden soll. Ihr könnt hinaufschauen und könnt sehen, wie die Vöglein fliegen, vielleicht könntet ihr dann sagen: Ja, könnten wir doch auch fliegen, dann würden wir uns in die Lüfte erheben können! — Wir Menschen können nicht so fliegen wie die Vögel, weil wir keine Flügel haben. Aber, meine lieben Kinder, wir können fliegen in das Geistige hinein, wir können fliegen mit zwei Flügeln: ein Flügel links, das ist der Fleiß, der andere Flügel rechts, das ist die Aufmerksamkeit. Diese Flügel kann man nicht sehen, aber diese zwei Flügel — der Fleiß und die Aufmerksamkeit -, die machen, daß wir ins Leben hineinfliegen können und wirklich für das Leben tüchtige Menschen werden. Wenn wir fleißige Kinder sind, wenn wir aufmerksam sind, dann kommt, wenn wir so tüchtige Lehrer haben, wie ihr sie habt, dann kommt das an uns heran, was uns für das Leben geeignet macht; dann können wir hineinfliegen mit Fleiß und Aufmerksamkeit in das Leben, in das uns die Liebe der Lehrer trägt.

[ 7 ] Seht ihr, ihr könntet manchmal denken: Ach, es gibt andere Freuden als das Lernen! - O nein, es gibt keine größere Freude als das Lernen! Denn seht ihr, wenn ihr euch freut an dem, was euch unaufmerksam und unfleißig sein läßt, dann ist die Freude gleich vorbei. Ihr freut euch, und gleich ist die Freude vorbei. Aber wenn ihr euch freut an dem, was ihr lernen könnt, wenn ihr euch freut, wenn ihr fliegt mit dem Fleiß und der Aufmerksamkeit, dann, meine lieben Kinder, dann bleibt etwas in eurer Seele - ihr werdet später wissen, was die Seele ist -, dann bleibt etwas in eurer Seele, und wir können uns immer wieder und wiederum freuen. Haben wir etwas Tüchtiges gelernt, dann kommt es immer wieder und wiederum, und wir freuen uns immer aufs neue, und wir haben eine Freude, die nicht aufhört. Andere Freuden, die nur durch Unaufmerksamkeit und durch Trägheit kommen, hören auf.

[ 8 ] Seht ihr, weil viele von euch - und ich möchte glauben alle -, weil ihr fleißig und aufmerksam sein wollt auf dasjenige, was euch eure lieben Lehrer bringen, deshalb habe ich mich, als ich euch wiederum gesehen habe, so gefreut, daß aus euren lieben Augen mir entgegenstrahlte die Liebe zu euren Lehrern. Und damit ihr es ja nicht vergeßt, möchte ich euch auch jetzt wiederum fragen: Habt ihr nicht alle eure Lehrer herzlich lieb? [Doch! - rufen die Kinder.] Seht ihr, das sollt ihr immer sagen. Immer sollt ihr so fühlen und empfinden, denn dann hat auch der Geist, an dessen Erdenleben und dessen Geburt wir uns erinnern zur heiligen Weihnachtszeit, dann hat der Geist, der Christus-Geist, an euch seine Freude.

[ 9 ] Nun, meine lieben Kinder, wenn ihr den ganzen Tag hier oben die Liebe eurer Lehrer empfunden habt, dann könnt ihr wiederum nach Hause gehen, könnt euren lieben Eltern erzählen von demjenigen, was ihr gelernt habt, und eure lieben Eltern können eine Freude daran haben und können sich sagen: Unsere Kinder, die werden einmal im Leben tüchtige Menschen sein!

[ 10 ] Schreibt euch das recht in eure Seelen, denn jetzt ist dazu eine gute Zeit. Wenn wir des großen Festes gedenken, durch das wir uns erinnern, daß Christus in unsere Welt hereingezogen ist zum Trost und zur Beglückung aller Menschen, die ihr Herz und ihre Seele zu ihm hinwenden, dann dürfen wir uns auch dasjenige in die Seele schreiben, was Vorsatz ist, ein guter Mensch zu werden. Was ihr euch heute in die Seele schreibt, was ihr euch heute richtig vornehmt, das wird euch dadurch, daß euch Christi Kraft beisteht, im Leben werden. Und wenn ich wiederkommen und sehen werde, daß ihr in den Fortschritten es noch weiter gebracht habt, wenn ich wiederkomme und sehe, daß ihr mir wiederum zeigen könnt, daß ihr die Liebe zu euren Lehrern in euer Herz aufgenommen und noch behalten habt, dann werde ich wiederum an euch allen meine innigste Freude haben. Daß diese Liebe in euch immer mehr und mehr erwachse, daß ihr immer mehr und mehr entfalten könnt den linken Flügel der menschlichen Seele: Fleiß; den rechten Flügel: Aufmerksamkeit, das wünsche ich euch heute als einen herzlichen Weihnachtsgruß.

[ 11 ] Und jetzt, nachdem ich zu den Kindern gesprochen habe, noch ein paar Worte zu denen, welche die Kinder hierher begleitet haben! Was ich eben zu den Kindern gesagt habe, ist aus der tiefsten Befriedigung meines Herzens geflossen, weil ich wirklich etwas als schönsten Weihnachtsgruß empfangen habe. Was mir entgegenwehte aus dieser Schule, das war, was ich nennen möchte den guten Geist dieser Schule. Ein wirklich guter Geist war es, der hier Lehrer und Kinder vereint, ein guter, ein einheitlicher Geist.

[ 12 ] Sehen Sie, Weihnachtsstimmung ruhte in diesen Tagen über dem ganzen ernsten Unterricht, und diese Weihnachtsstimmung, ich möchte sagen, dieses Hereinsprechen der Christus-Offenbarung, das man auf allen Gängen und namentlich in den Schulzimmern so tief befriedigend vernahm, das war nicht etwas wie eine Beigabe zu dem übrigen Unterricht, das war so, daß man empfinden konnte: Unsere Lehrerschaft hat es dazu gebracht, alles, was hier an die Seelen, an die Herzen, an den : Verstand der Kinder herangebracht wird, zu durchwärmen, zu durchleuchten von wirklichem, echtem Christus-Geist. Wenn auch dem Gottesgeiste gemäß nicht nach jedem Worte hier ausgesprochen wird der Christusname — denn: «Du sollst den Namen deines Gottes nicht eitel aussprechen!» - so ist es doch so, daß dieser Christus-Geist bei uns in allen einzelnen Lehrfächern, in aller einzelnen Lehrtätigkeit steckt. Das ist es, was man insbesondere in dieser Zeit empfinden konnte, was Sie vielleicht auch heute empfunden haben aus dem, was Ihnen als Weihnachtsfeier entgegenkam.

[ 13 ] Und den Kindern, die Sie hierher gesandt haben, an deren Fortschritt Sie hoffentlich auch Freude haben, diesen Kindern möchte ich noch zum Schlusse als Ergänzung meines Weihnachtsgrußes zurufen:

[ 14 ] Kinder, wenn ihr hereintretet in diese Räume und eure Kameraden und Kameradinnen findet, dann denkt daran, daß ihr einander euch herzlich lieben sollt, jeder und jede den anderen. Liebe soll walten unter euch, dann werdet ihr hier unter der Sorgfalt eurer Lehrer gedeihen, und eure Eltern zu Hause werden ohne Sorge und auch mit Liebesgefühlen daran denken, wie ihr hier eure Zeit zubringt.

[ 15 ] Denn das dürfen wir heute sagen, meine lieben Anwesenden, und das soll jederzeit als der Geist dieser Schule hinaustönen zu Euch, die Ihr die Kinder hereingeschickt habt, das soll Euch aus jedem Wort und Blick, den Euch die Kinder nach Hause bringen, heraustönen: ein Nachklang dessen, was in alles menschliche Wandeln auf Erden einziehen soll, seitdem sich zugetragen hat das Mysterium von Golgatha, das eindringen soll in alle menschliche Arbeit, in alles menschliche Wirken, insbesondere in jenes Wirken, bei dem der Geist seine Arbeit zu tun hat. Es soll durchweben wie ein wärmender Lufthauch, wie ein leuchtender Sonnenstrahl alles, was, sich selbst verstehend, Menschen tun, das Wort, das uns heute in der Seele klingt:

Offenbarung des Göttlichen aus den himmlischen Höhen,
und Friede den Menschen auf Erden, die eines guten Willens sind!

[ 16 ] Daß wir diesen guten Willen in den Kindern der Waldorfschule erziehen, das ist unser großes Ideal. Daß wir das Walten des Geistes der Welt finden in unserer Arbeit, in unserem Wirken, das soll unsere Sorge sein. Das Weihnachtswort: «Offenbarung . des Gottesgeistes aus den himmlischen Höhen, und Friede den Menschen auf Erden, die eines guten Willens sind», es träufle hinein auch in alle Arbeit der Waldortfschule! Es durchwalte ihre energische Arbeitksraft sittliche Liebe, und alle Arbeit befeuernder und alle Arbeit tragender Friede! Das, meine lieben Anwesenden, sei mein heutiger Weihnachtsgruß!