Rudolf Steiner in der Waldorfschule
GA 298
16 Dezember 1921, Stuttgart
11. Ansprache bei der Grundsteinlegung für das neue Haus der Waldorfschule
[ 1 ] Mein lieber Freund Molt, der Sie den ersten Gedanken zu dieser Schule als Begründer gefaßt haben und ihr seit ihrer Begründung auch Ihre Mitwirkung zugewendet haben, sehr verehrter Herr Weippert, der Sie Ihre baumeisterliche Kraft in den Dienst des Schulbaues gestellt haben, meine lieben Freunde von der Lehrerschaft, die Sie sich entschlossen haben, hier an dieser Schule, an ihrem Ausgangspunkte, in hingebungsvoller Weise zu wirken, Sie alle, von dem Waldorfschul-Verein, vom Aufsichtsrat und dem Direktorium des Kommenden Tages, die Sie Ihre Sorgfalt und Mitwirkung und Überschau widmen dieser der Menschheit Heil gewidmeten Stätte, und auch diejenigen, welche vom Bund für Dreigliederung des sozialen Organismus sich die Aufgabe gestellt haben, den Keim für ein freies Geistesleben in dieser Schule hier zu beschützen, und ihr, meine lieben Kinder, Schüler und Schülerinnen dieser Schule, die ihr den ersten Unterricht gewissermaßen und die erste Menschenerziehung hier in dieser Schule genießen dürft: an Euch alle wende ich mich in diesem Augenblick, wo es gilt, daß wir mit dem Schicksal dankbarem Herzen den Grundstein zu legen haben für den Schulbau, der durch die Sorgfalt aller beteiligten Kreise für unsere Kinder und die Schülerschaft hier zustande gekommen ist. Da wir diesen Grundstein zu legen haben, geben wir diesem Grundstein mit die Worte, welche hier auf der Urkunde, die in diesem Grundstein nach altehrwürdiger Sitte in die Erde versenkt wird, geschrieben stehen:
[ 2 ] Es walte, was Geisteskraft in Liebe,
Es wirke, was Geisteslicht in Güte
Aus Herzenssicherheit
Und Seelenfestigkeit
In jungen Menschenwesen
Für des Leibes Arbeitskraft,
Für der Seele Innigkeit,
Für des Geistes Helligkeit
Erbringen kann.
Dem sei geweiht diese Stätte.
Jugendsinn finde in ihr
Kraftbegabte, lichtergebene
Menschenpflege.
In ihrem Herzen gedenken
Des Geistes, der hier walten soll,
Die, welche den Stein
Zum Sinnbild hier versenken,
Auf daß er festige die Grundlage,
Auf der leben, walten, wirken soll,
Befreiende Weisheit,
Erstarkende Geistesmacht,
Sich offenbarendes Geistesleben.
Dies möchten bekennen
In Christi Namen,
In reinen Absichten,
In gutem Willen:
[ 3 ] Emil Molt, Weippert, Rudolf Steiner, Marie Steiner, die Mitglieder der Lehrerschaft, des Waldorfschul-Vereins, des Aufsichtsrats, des Direktoriums des Kommenden Tages, des Bundes für Dreigliederung des Sozialen Organismus.
[ 4 ] [Alle hatten namentlich unterschrieben.]
[ 5 ] Diese Urkunde wird hier in das Pentagondodekaeder versenkt, und mit diesem Pentagondodekaeder, welches ist das Sinnbild für die wirkende Kraft des Menschenherzens und Menschengeistes, die wir mit aller Kraft anwenden wollen auf alles das, was gewirkt wird in dieser Schule, in diesem Pentagondodekaeder wollen wir diese Urkunde in die Erde versenken.
[ 6 ] Mein lieben Freunde, meine lieben Kinder, Schüler und Schülerinnen der Freien Waldorfschule!
[ 7 ] Aus dem Geiste unserer Zeit heraus ist die Waldorfschule in einer Zeit der schweren Sorgen begründet worden. Das große Unglück, das über die Menschheit hereingebrochen ist in Form einer furchtbaren kriegerischen Katastrophe, hat, nachdem das Äußere dieser kriegerischen Katastrophe vorüber war, Zeiten heraufgeführt, in denen gedacht werden muß: Was ist zu beginnen, um eine Menschenzukunft vorzubereiten, in welcher Kräfte der Weiterentwickelung, des Fortschrittes und des Aufstieges aus schwerer Not und aus dem Niedergang der Menschheit gepflegt werden können? Zu demjenigen, was in wirksamster Weise hinübertragen soll die Kräfte der Gegenwart, die vielleicht in dieser Gegenwart selbst erst wenig wohltätig wirksam sein können, in eine Zukunft, in der sie wirksamer sein können, gehört die Schule. Und in jener schweren Zeit, in welcher vor allen Dingen auf solche Zukunftsgedanken der Sinn der Menschheit sich lenken mußte, hat unser lieber Freund Emil Molt den Gedanken von sich aus gefaßt, die Waldorfschule entstehen zu lassen. Heute an dem Tage, wo das Gebäude, das diese Waldorfschule erweitern soll, seinen Grundstein bekommt, wollen wir vor allen Dingen in allerherzlichster, dankbarer Weise gedenken jenes fruchtbaren Gedankens, den unser Freund Emil Molt faßte in einer Zeit, in der ein solcher Gedanke geradezu die großen Fragen der Gegenwart erfaßte, als er daran ging, diese Schule zu begründen. Es werden Zeiten kommen, welche auf diese Schulgründung vielleicht objektiver blicken werden, als dies in der heutigen Gegenwart schon möglich ist, wo alle die ungeheuer komplizierten, verworrenen Verhältnisse der Gegenwart noch die Menschheit zu sehr verwirren, um mit voller Klarheit zu sehen, daß vor allen Dingen eine solche Stätte für die Jugend, die hervorgeht aus einem auf sich selbst begründeten Geistesleben, eine absolute Notwendigkeit der Zeit ist. Daß Emil Molt diesen Gedanken aus dem Sinn für diese große Frage der Zeit fassen konnte, das wird niemals vergessen werden können und überall da in gebührender Weise gekennzeichnet werden, wo man Verständnis haben wird für solche Menscheitsnotwendigkeiten und für die großen Menschheits-Entwickelungsimpulse überhaupt.
[ 8 ] Gedenken muß ich ferner namentlich, um es in eure Herzen zu schreiben, meine lieben Kinder, meine lieben Schüler und Schülerinnen, gedenken muß ich fernerhin derjenigen Persönlichkeiten, die sich entschlossen haben, die erste Lehrerschaft dieser Schule zu bilden. Ihr, liebe Kinder, Schüler und Schülerinnen, die ihr zuerst Unterricht und Erziehung in dieser Schule genießt, ihr sollt es euch ins Herz, in die Seelen schreiben, daß gegenüber den großen, ungeheuren Aufgaben, die den Menschen gestellt sind in bezug auf Unterricht und Erziehung für die Menschenzukunft und Menschenziele, es ein bedeutsamer, großer Entschluß war, als Lehrer dieser Schule anzugehören. Es muß nur bedacht werden, daß fürs erste diese Schule heute so besteht, daß sie zwar das Vertrauen weitester Kreise, man darf sagen, in der ganzen Welt erregt. Derjenige, der hinblickt auf dasjenige, was geschieht, der weiß, daß man eigentlich über den ganzen Erdkreis Menschenseelen hat, die nicht nur wissen, in Stuttgart gibt es eine Waldorfschule, die auch mit regstem Interesse die Frage sich stellen: was will man mit so etwas, wie es diese Stuttgarter Waldorfschule ist? -— Ihr, meine lieben Kinder, sollt bedenken, daß ihr die ersten seid, welche in einer Schule erzogen werden, auf die man aus wohlberechtigen Gründen in der ganzen Welt sieht. Ihr sollt vor allen Dingen bedenken, und wir alle müssen es herzlichst dankbar bedenken, daß diejenige Lehrerschaft, die als erste sich aussetzt einer solchen Beurteilung der ganzen Welt, eines großen Entschlusses bedarf. Aber diese Lehrerschaft ist auch durchdrungen von dem Gedanken, von den Impulsen, aus denen heraus diese Schule ihren Anfang genommen hat. Diese Lehrerschaft weiß, daß man, wenn auch in einem beschränkten Umfang, so doch wirkt für etwas, was zuletzt die ganze Menschheitsentwickelung angeht. Diese Lehrerschaft hat gezeigt, daß sie ihre ganze Kraft einzusetzen vermag und einzusetzen haben wird für dasjenige, was aus dieser Gesinnung heraus und aus diesen Impulsen heraus für diese Schule zu geschehen hat. Wir haben manche schöne Blüte in der Entfaltung dieser Schule gesehen. Unvergeßlich wird es denjenigen zukommen, welche sich gewidmet haben der Pflege dessen, was hier im umfassendsten Sinne in dieser Schule gepflegt werden soll. Und wenn ich manchmal die Frage an die hier in der Schule zu erziehenden Kinder gestellt habe: Liebt ihr eure Lehrer? - und ihr antwortetet in entsprechender Weise, dann empfinde ich aus dem ganzen Verhältnis von Schülerschaft und Lehrerschaft, daß sie daran sind, diesen Geist hier in dieser Schule nach und nach einziehen zu lassen.
[ 9 ] Wiederum frage ich euch jetzt, damit ihr auch aus eurem Herzen heraus sagen könnt, wie es bei euch steht um euer Verhältnis zur Lehrerschaft, wiederum frage ich euch alle, meine lieben Kinder, Schüler und Schülerinnen: Habt ihr eure Lehrer lieb und seid ihr dankbar für das, was sie tun? — dann antwortete mir Ja! [Ja! - rufen alle Kinder.]
[ 10 ] So, meine lieben Kinder, meine lieben Schüler und Schülerinnen, so sollt ihr immer empfinden, dann wird der Geist in der Schule sein, unter dessen Licht wir allein das bewirken können, was bewirkt werden muß.
[ 11 ] Diese Schule, in der wir heute feierlich den Grundstein legen, hat noch ein anderes zu bedenken. Sie steht da als etwas, was in gewisser Weise ein Musterbild darstellen möge, wie heute unterrichtet und erzogen werden soll. Aber sie kann als einzelne Schule nicht mehr sein als ein solches Musterbild. Auf das Musterbild schaut man, wie ich es angedeutet habe. Als ich vor ganz kurzer Zeit in Norwegen Vorträge zu halten hatte, konnte ich auch in dieser weiten Ferne sehen, wie zahlreich die Menschen sind, die mit innigem Anteil auf diese Schule hinschauen. Als eine Musterschule wird das angesehen, was hier begründet worden ist. Nur das andere fehlt noch, die Einsicht in der weiten Welt, daß es mit der einen Begründung der Musterschule nicht getan ist, wenn nicht über die ganze Welt sich verbreitet die Einsicht, daß solche Schulgründungen überall notwendig sind, daß Hunderte und Aberhunderte sich vereinigen im Weltschulverein, um überall solche Schulen zu begründen. Sonst kann nichts geschehen, als daß diese kleine Schülerschaft das hineinträgt in die Welt, was gepflegt werden muß für die Menschheitsentwickelung.
[ 12 ] Dieses Zweite allerdings haben wir in der Welt noch nicht gefunden. Wenn wir in der Lage wären, meine lieben Freunde, an vielen Orten heute Schulen nach dem Muster der Waldorfschule zu begründen mit Mitteln, die uns vom Monde herabfallen, wir würden solche Schulen überall in der Welt gefüllt bekommen. Keine einzige dieser Schulen, die mit Mondgeld bezahlt würde, würde unbesucht bleiben. Aber dasjenige, was heute in der Welt fehlt, das ist der soziale Opfersinn, der zwar überall solche Schulen gründen möchte, der aber es nicht dazu bringt, aus der äußerlichen Anerkennung einer im eminentesten Sinne unserer Zeit notwendigen Idee sich aufzuraffen bis zu dem Willen, der allein das wirken kann, was in dieser Zeit notwendig ist. Und ehe dieser Impuls in der Welt sich nicht erfüllt, eher kann der Waldorfschul-Gedanke seine Aufgabe nicht erfüllen.
[ 13 ] Um diese Aufgabe zu erfüllen, sind viele Menschen notwendig, die ihm verständnisvoll entgegenkommen. Und wenn es sein könnte, daß wir am heutigen Tage - wir können es nur durch Gedanken -, wenn wir vermögend wären, nicht bloß äußerlich etwas zu begründen, sondern innerlich, durch diese tiefinnerliche Begründung mit dem Grundstein, den wir für diesen Schulbau in die Erde versenken, wenn wir könnten in vieler Menschen Herzen den Grundstein legen, damit aus diesem erwachse dasjenige, was wir für notwendig halten für die Menschheitsentwickelung und das Menschenziel, dann wäre viel getan.
[ 14 ] Aus innerer bewegter Seele, aus bewegtem Herzen heraus, Schüler und Schülerinnen der Waldorfschule, spreche ich zu euch allen, daß wir in diesem feierlichen Augenblick in unseren Herzen die Kräfte auf dasjenige richten, was eben gekennzeichnet worden ist als für die Menschheit notwendig, und was in dem Waldorfschul-Gedanken angedeutet worden ist. Es haben schon Menschenherzen eine gewisse Kraft, wenn dasjenige, was leben soll, in ihnen lebendig ist.
[ 15 ] Meine lieben Freunde, liebe Kinder, meine lieben Schüler und Schülerinnen der Waldorfschule! Es ist so, daß dann, wenn die Menschen in uralten Zeiten daran gegangen sind, den Grund zu legen für einen Bau, dann haben sie mit der Urkunde, auf der Ziel und Sinn des Baues gestanden hat, und die Namen derer, die tätig waren an der Errichtung des Baues, etwas Lebendiges versenkt in die Erde. Immer mehr und mehr ist die Idee vergeistigt worden. Heute versenken wir, was Sinnbild des Geistes ist, unser Pentagondodekaeder mit dem Einschluß unseres Gelöbnisses, das wir ablegen in Christi Namen, aus unseren reinen Absichten, aus unserer - wie wir sie anwenden mögen - tätigen Arbeitskraft, das wir versenken aus der heiligen Freiheit heraus in die Erde. Heute legen wir dieses Sinnbild in die Erde, wie einen Keim, auf den wir gerichtet haben die schönsten Gedanken, derer wir fähig sind. Und wie aus einem Keim, der in die Erde versenkt wird, durch die Weltenkräfte hervorwächst ein lebendiger Baum, so möge hervorwachsen aus dem, was wir in die Erde versenken, durchtränkt mit unseren innigen Wünschen für das Gedeihen desjenigen, um dessen willen der Bau unternommen worden ist, mit unseren innigen Hoffnungen und Erwartungen in die Zukunft hinein, es möge erblühen aus dem, was wir in die Erde versenken, was wir von unseren Gedanken, Empfindungen, Gefühls- und Willensimpulsen, deren Sinnbild dieser Grundstein ist was wir damit versenken in der Zeiten Schoß -, aus dem möge erblühen, was wir immer wiederum und wiederum nennen müssen als das Ziel, den Impuls der Waldorfschule, daß sie sei eine Stätte, in welcher gepflegt werde alles dasjenige, was die Menschheit braucht, um zu neuen Momenten ihres Fortschrittes, ihres Zivilisations- und Kulturlebens zu kommen. Das möge erblühen aus diesem geistig lebendigen Keim, den wir heute in die Erde versenken wollen.
[ 16 ] Ihr, liebe Kinder, ihr Schüler und Schülerinnen der Waldorfschule, ihr seid die ersten, welche die Empfindung und den guten Willen und die gute Absicht verbinden sollen mit dem, was bei dieser festlichen Gelegenheit zu euch gesagt worden ist, und was den wahren Grundstein bildet für dasjenige, was an diesem Orte hier als Waldorfschule wachsen und blühen und sich für der Menschheit Wohl und für die Menschheitsziele entwickeln soll.
