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The Rudolf Steiner Archive

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Rudolf Steiner in der Waldorfschule
GA 298

18 Juni 1921, Stuttgart

10. Ansprache bei der Feier zum Beginn des dritten Schuljahres

[ 1 ] Meine lieben Kinder! Zuerst spreche ich zu diesen Kindern, die heute zum erstenmal bei uns sind und die in den nächsten Tagen drüben in der Waldorfschule sich zusammenfinden werden mit den lieben Lehrern.

[ 2 ] Meine lieben Kinder! Ihr habt bisher eure Zeit im Elternhaus zugebracht. Ihr seid von euren lieben Eltern gepflegt worden. Eure lieben Eltern haben für euch herzlich gesorgt, und ihr braucht nur ein bißchen nachzudenken - soviel könnt ihr schon nachdenken -, wie eure Eltern angefangen haben zu sorgen für euch an jedem Morgen, wie sie gesorgt haben dafür, daß ihr euer leibliches Wohl finden könnt, daß ihr - es ist so notwendig zum Leben -, daß ihr euer Frühstück und Mittagsmahl bekommt, wie sie dafür gesorgt haben, daß ihr auch Freude am Leben habt, daß ihr spüren könnt, wie ihr euch erfreuen könnt an Blumen, an Pflanzen, an allem, was es in der Welt Schönes gibt. Und ihr, meine lieben Kinder, könnt schon daran denken, wie es euch immer so wohl ums Herz war, wenn eure lieben Eltern dieses oder jenes liebe Wort zu euch gesprochen haben. Ihr habt vielleicht nicht immer gedacht: Wir müssen für dasjenige, was da unsere lieben Eltern für uns besorgen, herzlich dankbar sein -, aber ich möchte euch heute, wo ihr die Schule betretet, wo wirklich etwas recht Wichtiges für euch vorgeht, ich möchte heute euch sagen, daß ihr um so bessere Kinder seid, je mehr ihr für alle Liebe, die euch eure Eltern tun, die sie bestrebt sind, immer weiter zu tun, je mehr ihr für alle diese Liebe immer dankbar seid, immer Dankbarkeit im Empfangen zeigt.

[ 3 ] Und immer während dieser Zeit sagten sich eure Eltern: Unsere Kinder werden einmal so große Leute, wie wir selbst sind. Wir haben einmal lernen müssen, daß wir erst durch das Lernen haben sorgen können für die Kinder, wir haben lernen müssen zu arbeiten! - So seht ihr, liebe Kinder, wenn man arbeiten will, muß man auch denken. - Wir haben lernen müssen, zu denken! - Und da faßten eure Eltern den Gedanken, wohin schicken wir unsere Kinder, damit sie tüchtige Leute werden können, damit sie auch einmal sorgen können für Arbeit, damit sie im Leben sich forthelfen können? Da haben sie den Gedanken gefaßt, euch zu uns in die Waldorfschule zu schicken, weil sie glauben, daß ihr hier in der Waldorfschule etwas lernen könnt, um tüchtige Menschen zu werden. Ihr sollt daran denken, daß eure Eltern euch hierhergeschickt haben, damit ihr einmal arbeiten könnt. Man kann nicht, ohne zu denken, arbeiten. Damit ihr das wißt, sollt ihr euch vornehmen: Ja, wir wollen in der Waldorfschule arbeiten!

[ 4 ] In der Waldorfschule hat man gesorgt dafür, daß ihr etwas lernen könnt, und man hat dafür gesorgt, daß ihr dasjenige, was ihr eigentlich gerne gehabt habt, auch finden könnt in der Waldorfschule. Es ist so gewesen, daß ihr das oder jenes von den Eltern bekommen habt, dies oder jenes Geschenk, oder manches liebe Wort, und da habt ihr dann gesagt oder gedacht und empfunden: Das ist aber schön! - Nun seht ihr, wenn ihr in den nächsten Tagen in die Waldorfschule geht, dann werdet ihr vielleicht, wenn ihr es recht versteht, auch sagen können: Das ist aber schön! Das ist aber ein schönes Geschenk, das unsere Eltern uns gegeben haben, daß wir in die Waldorfschule kommen!

[ 5 ] Ihr werdet oftmals erfahren, daß es ein schönes Geschenk ist. Denn seht ihr, über die Waldorfschule haben wir uns zu sorgen. Die Lehrer sind Menschen, die haben sich viel gesorgt. Sie haben sich gesorgt, daß die Kinder sagen können: Das ist aber schön! - Am besten werden die Kinder das fühlen, daß sie sagen, das ist schön in der Waldorfschule, weil wir gesorgt haben, daß ihr recht liebe Lehrer und Lehrerinnen habt. Ihr werdet liebe Lehrer und Lehrerinnen finden, die haben euch recht lieb. Eigentlich werdet ihr am meisten lernen, wenn ihr eure Lehrer und Lehrerinnen recht lieb habt. Das ist dasjenige, worauf ihr schauen müßt, daß ihr eure Lehrer und Lehrerinnen recht, recht lieb habt. Dann kommt auch das, daß ihr ordentlich lernt.

[ 6 ] Deshalb ermahne ich euch ganz besonders: Seht darauf, wie alles so lieb sein wird, was euere Lehrer und Lehrerinnen zu euch sagen werden. Wenn ihr sie recht lieb habt, dann werdet ihr das tun, was sie wollen. Dann werdet ihr recht viel lernen. Ich glaube, ihr werdet oftmals sagen können: Aber das ist schön, daß uns unsere Eltern in die Waldorfschule geschickt haben! - Und ihr werdet auch, wenn ihr in unsere Schule kommt und da sitzt, immer fühlen können, daß ihr eure Lehrer und Lehrerinnen recht, recht lieb habt.

[ 7 ] Seht, ihr seid ja oftmals abends müde, und wart oftmals müde, und dann mußtet ihr euch schlafen legen, und morgens wacht ihr wieder auf. Während ihr schlaft, da seht ihr nichts, da hört ihr nichts, da werdet ihr gestärkt bis zum Morgen. Da wachen andere Geisteswesen, das könnt ihr heute noch nicht verstehen; deshalb müßt ihr in die Schule gehen, damit ihr die Dinge verstehen lernt, die ihr heute noch nicht versteht - da wachen Geisteswesen. Diesen Geisteswesen, denen muß der Mensch sich ergeben können; er muß dasjenige lieben und verehren lernen, was er nicht sieht. Und das will euch die Waldorfschule geben, damit ihr gute und denkende, arbeitsame und auch fromme Kinder werdet. Ihr sollt in der Waldorfschule fromme Kinder werden, Kinder, die sich bewußt sind, daß der Mensch auch etwas, was man nicht sieht, in seinem Inneren hat. Und wie gesagt, wenn ihr auch vieles von dem nicht verstanden habt, darum kommt ihr in die Waldorfschule, und ihr werdet das verstehen lernen. Man muß es verstehen, sonst kommt man im Leben nicht vorwärts.

[ 8 ] Von euch wende ich mich zu den Eltern, die euch hierher geschickt haben, und danke ihnen namentlich für das Vertrauen, das sie der Waldorfschule entgegenbringen dadurch, daß sie ihr Liebstes hereinschicken in diese Waldorfschule. Ich möchte diesen Eltern die Versicherung geben, daß diejenigen, die den Geist der Waldorfschule vertreten wollen und ausführen wollen, daß diese sich bewußt sind, wie sie eine große, eine unermeßliche Verantwortung damit auf sich nehmen, daß ihnen die Eltern ihr Liebstes hereinbringen, damit dieses Liebste tüchtig wird im Leben. Es steht zu hoffen, daß dasjenige Vertrauen, das Sie jetzt der Waldorfschule entgegenbringen, größer werden kann, je mehr Sie sehen werden, wie die Waldorfschul-Lehrerschaft sich bemüht, nach dem zu trachten, in den Fortschritten und in der Ausbildung Ihrer Kinder in geistiger, leiblicher und seelischer Beziehung dasjenige zu leisten, was Sie erwarten, indem Sie sich zu dem wichtigen, bedeutungsvollen Entschluß aufgerufen haben, Ihre Kinder in die Waldorfschule hereinzubringen. Dasjenige, was sich in der Waldorfschule seit zwei Jahren herausentwickelt hat, bietet genügend Anlaß, die Hoffnung zu hegen, daß dieses Vertrauen wirklich sich wird als ein berechtigtes durch die Tat erweisen lassen. Die Taten werden es sein, die Taten unserer Waldorflehrerschaft, welche zu rechtfertigen haben das Vertrauen, welches Sie in dieser Zeit der Schule entgegenbringen, indem Sie ihr Ihr Liebstes vertrauen. - Wenn ich noch nicht ganz verständlich für unsere lieben Kinder spreche, sie werden sich das merken, sie werden das wieder aufgreifen.

[ 9 ] Nachdem ich dies zu unseren jüngsten Kindern, die erst ihre junge Lebensbahn, Lebensschulbahn beginnen, gesprochen habe, wende ich mich mit einigen Worten zu unseren älteren Kindern, die schon ihre Schulzeit zum Teil bei uns verbracht haben. Und diese möchte ich zuerst mit dem Wort ansprechen, das mir namentlich, wenn ich hierhergekommen bin, liebgeworden ist dadurch, daß es eine unmißverständliche und eindeutige Antwort gefunden hat. Ich möchte nun, nachdem ich zu den jüngsten Kindern gesagt habe, sie möchten sorgen, ihre Lehrer lieb zu bekommen, unsere älteren Kinder, die schon da waren, fragen: Habt ihr sie lieb?, daß die Älteren es sagen, die schon wissen, wie es ist in der Waldorfschule. [Die Kinder antworten: Ja!] Ihr habt eure Lehrer lieb, weil das so recht ist, weil die Lehrer sich so zu euch verhalten werden, daß ihr sie lieb haben werdet.

[ 10 ] Zu den älteren Kindern möchte ich dieses sagen: Ihr werdet ja dieselben Lehrer und Lehrerinnen finden in der neuen Klasse, die ihr in der alten Klasse gehabt habt. Ihr werdet fortsetzen, was ihr gelernt habt in den früheren Klassen, und ihr sollt dennoch denken, was es bedeutet, in eine neue Klasse aufzusteigen. Ihr sollt bedenken, daß uns jedes solche Aufsteigen erinnern kann, wie wir im Leben immer älter und älter werden. Gerade an dem heutigen Tage, wo ihr eine neue Schulklasse betretet, sollt ihr ein wenig zurückblicken auf die Zeit, wo ihr Jünger wart: Ihr sollt bedenken, was ihr alles heute wißt durch dasjenige, was in der Schule euch gebracht worden ist, und sollt denken, indem ihr um eine Klasse aufsteigt, daß ihr da auch in die Zukunft sehen müßt, und die Zukunft, meine lieben Kinder, das ist dasjenige, was wir uns oft vorhalten wollen im Leben, was ihr euch vorhalten sollt im Leben.

[ 11 ] Wenn ihr hinausgeht auf die Straße, da seht ihr, wie die alten Leute um euch herum sind, wie die alten Leute von dem Haus zur Arbeit gehen, wie sie von der Arbeit nach Hause gehen, wie sie zu allerlei Dingen gehen, die im Leben besorgt werden müssen. Wenn ihr hinausgeht auf die Straße, da seht ihr jüngere Leute, solche, die aus der Schule gekommen sind und zum erstenmal dasjenige anzuwenden haben, was sie in der Schule gelernt haben. Ihr seht noch ältere Leute, die schon vom Leben auch etwas gelernt haben, die im Leben Leid und Freud erfahren haben. Und wenn ihr dann angesprochen werdet in der einen oder anderen Weise von älteren Leuten, dann werden sie sagen: Wir haben vom Leben viel gelernt dadurch, daß wir in der Schule etwas Ordentliches gelernt haben, daß wir in der Schule vorbereitet worden sind zu eigentlich Arbeitenden, zur eigentlichen Menschheit vorbereitet worden sind. - Ihr werdet kaum einen Menschen, der ernsthaftig das Leben auffaßt, finden, der nicht zurückdenkt an seine Schulzeit so, daß er sich sagt: Was wäre ich, ohne daß ich in der Schulzeit von der liebenden Lehrerschaft gepflegt worden bin, damit ich dasjenige aufnehme, was man aufnehmen kann, wenn man jung ist, was einem weiterhilft im Leben, was einem eine starke Stütze im Leben ist. - Ihr findet Leute, die mit grauen Haaren herumgehen, die schon gedrückt sind von dem Leben und reifer geworden sind, die meistens, wenn sie am Lebensabend angekommen sind, dann, wenn sie Kinder sehen, zurückdenken an die eigene Kindheit, zurückdenken, wie sie auf der Schulbank gesessen sind, und jetzt erst einsehen und recht empfinden, was es war durch ihr ganzes Leben hindurch, was sie von der Schulbank ins Leben mitgebracht haben.

[ 12 ] Es kann heute gesagt werden, wenn ihr eure Lehrer lieb habt, wenn ihr fleißig gewesen seid, während ihr auf der Schulbank gesessen habt, dann werdet ihr, wenn ihr alt geworden seid, die allergrößte Freude haben, daß ihr in dieser Weise in der Schule wart. Die Waldorfschule möchte dafür sorgen, daß ihr das ganze Leben etwas habt, wenn ihr an sie zurückdenkt, daß ihr etwas habt, wenn ihr dasjenige anwendet im Leben, was in der Waldorfschule an euch herangekommen ist. Die Waldorfschule möchte euch nicht bloß erbauen, die Waldorfschule möchte abwechseln lassen die Schwere der Arbeit, die schon da sein muß, mit Freude und dem, was euch im Leben Freude bringen kann.

[ 13 ] Die Waldorfschule möchte dies euch allen geben. Ihr werdet sehen, daß man die größte Freude haben kann, wenn man etwas Schweres gearbeitet hat, wenn man etwas Schweres gelernt hat. Ihr müßt nicht glauben, daß das durchaus richtig ist, wenn die Leute sagen, die Schule soll alles nur zur Freude machen. Man kann nicht immer als Lehrer es so einrichten, daß die Schüler alles nur wie im Spiele lernen. Ihr werdet das Lernen nicht bloß zu einem Spiel gemacht finden. Ihr werdet es auch schwer haben; aber wenn ihr seht, wie eure Lehrer dafür sorgen, daß auch das Schwere herankommt, da werdet ihr euch freuen können auch darüber, wie ihr die Schwierigkeiten überwindet. Ihr werdet euch dann auch freuen können, daß ihr in der Waldorfschule seid, daß ihr in der Weise aufnehmen könnt, was ihr aufnehmen müßt für das Leben. Und diejenigen, die länger da sind, werden gemerkt haben, daß wirklich mit aller Kraft angestrebt wird, daß die, die hier durch die Waldorfschule gehen, auch zu Menschen gemacht werden, die Sinn haben für wirklich echte menschliche Frömmigkeit, für ein Hinaufschauen zur geistigen, übersinnlichen Welt. Ihr werdet das Wort Geist und übersinnliche Welt immer mehr verstehen lernen, je mehr ihr so aufrückt von der einen Klasse zur anderen.

[ 14 ] Also versucht einmal so recht am heutigen Tage zu denken, wie die Menschen älter werden, wie euch das, daß ihr selbst aufsteigt, äußerlich offenbart, wie der Mensch älter wird; wie es euch daran erinnert, daß ihr so in der Schule stehen müßt, daß ihr deshalb um eurer selbst willen, aus der Liebe zu eurer Lehrerschaft heraus, auf Aufmerksamkeit und schönen Fleiß merkt, daß ihr euch erarbeitet, was ihr für das Leben braucht.

[ 15 ] Eure Lehrer machen es sich zur Sorge in jeder Stunde des Tages und der Nacht, wie sie dasjenige am besten an euch heranbringen, was ihr für das Leben braucht. Sie suchen mit allen Gedanken, die sie nur haben können, mit einem starken Willen suchen sie, wonach euch Bedürfnis ist, was schwer sein muß, trotzdem so leicht als möglich zu machen. Würden sie es euch im Spiele beibringen wollen, dann würdet ihr nicht tüchtige Leute für das Leben werden. Im Leben ist manches schwer, aber ihr werdet es überwinden, wenn ihr als Kind schon lernt, Schwierigkeiten zu überwinden.

[ 16 ] Ihr werdet in der richtigen Weise ins neue Schuljahr eintreten. Ihr werdet manches Neue lernen, es wird manches, das an euch heranrtritt, euch neue Freude machen. Manches wird euch zeigen, wie groß, wie herrlich, wie umfassend alles dasjenige ist, was in der Welt ist, in die die Menschen hineingestellt werden. Ihr werdet lernen, daß das, was da herunterglänzt von Mond und Sternen, was sich äußert und offenbart, diese Welt, die zu uns spricht, wenn die Pflanzen im Frühling aus der . Erde heraus grünen, in den tiefen Tälern, in den Formen der Berge und in den Gesteinen, daß es uns auffordert, Hand anzulegen, um das Möglichste hervorzubringen. Das alles fordert uns auf, daß wir von der Welt etwas verstehen lernen, um in ihr zu arbeiten. Ihr werdet durch das, was in der neuen Klasse gebracht wird, um so besser verstehen lernen, wie herrlich, wie groß diese Welt ist, diese göttlichen Taten von hohen Wesenheiten; ihr werdet verstehen lernen, daß es im Wesen des Menschen liegt, daß er sich hineinstellt in diese Gotteswelt, daß er sich hineinstellt arbeitend in diese Gotteswelt, so wie er arbeiten kann, wenn er etwas gelernt hat. Es wird der Augenblick kommen, wo man hinausschaut auf die Welt, auf die fleißigen Leute, die so viel arbeiten, und wenn man selbst nicht tüchtig ist, und man selbst nichts Ordentliches gelernt hat, wo man sich sagen muß: Was bin ich, wenn ich alt geworden bin, wenn ich als Kind mich unnütz gemacht habe? - Dieser Augenblick kommt. Denkt daran, indem ihr alt werdet, daß ihr diesen Augenblick durchaus vermeiden könnt. Denkt daran, daß ihr um so größer im Leben dastehen werdet, je weniger ihr dasjenige abweist, was eure Lehrer in Liebe zu euch von euch wollen, von euch verlangen. Denkt daran an jedem Morgen, wenn ihr zur Schule geht, denkt an diesen Augenblick, und ihr werdet dadurch, daß ihr aufmerksame Schüler seid, einmal tüchtige Menschen werden und euch nichts im Leben vorzuwerfen haben.

[ 17 ] Und, meine lieben Kinder, heute in diesem ernsten Augenblick muß an noch etwas anderes erinnert werden. Ihr werdet gesehen haben des öfteren schon, wie, nachdem der Mensch seine grauen Haare bekommen hat, nachdem er die Müdigkeit bekommen hat, nachdem das Alter an ihn herangetreten ist, wie er hinausgetragen wird, wie sein Leib versenkt wird, wie das Lebensende herankommt. Das ist nur ein äußeres Ende. Wenn dieser Moment an den Menschen herankommt, dann steigt seine unsterbliche Seele zu dem Geiste empor, den wir alle kennen. Wie ihr jetzt leiblich seid, so werdet ihr einmal Geist sein. Auch dazu, obwohl der Mensch sich vorbereiten soll zur ernsten Weltarbeit, auch dazu muß sich der Mensch vorbereiten, daß er hineindringen kann in diese Welt, in der er sein muß als Geist, ebenso wie er hier in dieser physisch-sinnlichen Welt als Leib ist. Der Leib wird krank, wenn er irgendwelchen Schaden von der Außenwelt erleidet, wenn die Witterung ihm Schaden zufügt, wenn ein Schaden aus seinem Inneren aufsteigt. Wenn der Leib nicht heranwachsen kann, das mag für manchen ein böses Schicksal sein. Ein viel böseres Schicksal ist es, wenn der Mensch seine Seele nicht richtig wachsen läßt. Während ihr in der Schule vorbereitet werdet für ein tüchtiges Arbeiten, wird immer mehr hingeleitet in dasjenige, was ihr aufnehmt, das, daß ihr auch in der Seele im Geiste der Menschheit wachsen könnt; daß ihr nicht nur vor den Menschen und der Welt tüchtige Leute werdet, daß ihr tüchtige Leute werdet vor Gott und der geistigen Welt. Dieser Geist, ihr werdet ihn schon erlebt haben in der Waldorfschule, in diesem Geist sollt ihr bleiben, immer mehr sollt ihr euch bewußt werden dieses Geistes, je älter ihr werdet.

[ 18 ] Wenn ihr von dem Jahresanfang zu dem Ende aufsteigt, wächst eure Arbeit damit, die Sorgen werden damit größer. Deshalb betrachtet einen solchen Moment als etwas besonders Wichtiges, etwas, was euch erinnert, wie der Mensch in der Gotteswelt darinnensteht, wie ihr tüchtig werden müßt an Leib, Seele und Geist, wie ihr in diesem tüchtigen Streben nach Wachstum und Gesundheit eures Geistes, eurer Seele und eures Leibes gedenkt. Denn dieser Gedanke wird euch helfen. Ihr werdet es dazu bringen, daß er an jedem Morgen euch Kraft gibt, damit ihr in der richtigen Weise eure Taten und Ziele zubereitet. Dann werdet ihr am Abend mit Befriedigung daran denken. Ihr werdet schlafend hinübergehen können in Gottes Geisteswelt, wenn ihr euch sagen könnt: Ich habe meine Pflicht in der Schule getan. - Immer mehr müßt ihr lernen durch dasjenige, was ihr in der Waldorfschule erlebt, was das Wort «Pflicht» auch heißt, wie die Pflicht hineinspielt in die Liebe zur Arbeit. Das müßt ihr in der Waldorfschule schon lernen. Durch das alles werdet ihr tüchtige Menschen.

[ 19 ] Das sage ich zu denen, die schon in höheren Klassen sind, die schon in ein reiferes Alter eintreten, die schon näher dem Leben stehen, in dem sie selbständig wirken müssen. Ihr, meine reiferen Kinder, ihr müßt daran denken, daß das euch betrifft, was ich jetzt ausgesprochen habe. Gerade diejenigen, die in die höheren Klassen aufsteigen dürfen, sie dürfen aufsteigen durch ein besonderes Schicksal, das ihnen gewährt, mehr zu wissen, als manche andere noch wissen können. Und die in die höheren Klassen aufgestiegen sind, haben sehen können diejenigen, welche jetzt schon in jugendlichem Alter dazu berufen sind, draußen in der Welt zu arbeiten. Ihr habt mit ihnen auf der Schulbank gesessen, behaltet sie lieb. Betrachtet sie als eure Freunde und Freundinnen, denkt an sie! Dadurch, daß ihr in der rechten Weise an sie denkt, wird das Leben vorwärtsgebracht. Lernt nicht nur Unterrichtsgegenstände, nicht nur etwas, was unmittelbar in euch wächst und gedeiht, lernt die anderen lieben, lernt einander kennen, lernt euch einander als Schüler recht lieben. Lernt, daß die Menschen füreinander da sind, daß der Geist-Schöpfer der Welt am meisten bestrebt ist, durch das zu wirken, was die Menschen gegenseitig an Liebe einander entgegenbringen. Am schlimmsten steht es in der Schule, wenn die Schüler sich nicht lieb haben. Versucht aber, in jedem eurer Mitschüler etwas Liebes herauszufinden - in jedem Menschen ist etwas, was man lieben kann -, lernt in jede Klasse jene Wärme hineinzutragen, die sich durch Liebe ausspricht. Wenn ihr das lernt, dann werdet ihr durch das, was ihr euch auf diese Art angeeignet habt, vieles hinaustragen in das Leben.

[ 20 ] Nun möchte ich mich mit einigen Worten auch an die Eltern wenden, die ihre Kinder schon in der Waldorfschule gehabt haben. Sie werden manches nachgedacht haben über die Art, wie in der Schule gearbeitet wird. Sie werden vielleicht schon sehen können, daß in der Waldorfschule so gearbeitet wird, daß man ein Herz hat für die großen Zivilisationsbedürfnisse der Gegenwart. Gelastet hat auf den Menschen, die die Waldorfschul-Idee in die Welt gesetzt haben, dasjenige, was so weit geführt hat, daß wir das große Unglück vom Beginn des 20. Jahrhunderts erlebt haben, das große Morden und das Elend, das damit verbunden ist. Und derjenige, der das alles mit unbefangenem Sinn betrachtet, meine sehr verehrten Anwesenden, der weiß, wie die Gesinnung, wie die Denkungsart, wie das, was in der Menschen Gedanken und Herzen lebt, der Ursprung ist von dem, was äußerlich geschehen ist; er weiß, wie an Seele und Geist der Menschheit gearbeitet werden muß, damit sie zu Aufsteigekräften aus den Weltniedergangskräften übergeführt werden. Aus den großen Zeitgedanken ist der Waldorfschul-Gedanke geboren, und unter dieser Verantwortlichkeit wird gewirkt. Man möchte ganz und gar sich durchdringen in der Waldorfschule mit dem Gedanken, was es heißt, in die kindlichen Herzen das zu legen, was in den nächsten Jahrzehnten herauskommen muß zum Heile der Welt.

[ 21 ] Ich möchte hier immer aufrufen das Verantwortlichkeitsgefühl, das darin liegt, für diese nächste Zukunft der Menschheit zu sorgen. Meine sehr verehrten Anwesenden, es ist leicht, im abstrakten Sinne von großen Idealen zu sprechen. Es ist leicht zu deklamieren, wie die Menschheit dem Wahren, Schönen und Guten zustreben muß. Aber nicht davon kommt das Heil und Glück der menschlichen Entwickelung, daß wir in großen Worten von fernsten Zukunftsidealen und Utopien sprechen und schöne Worte machen über dasjenige, was in nebelhafter Ferne noch schwebt, unbestimmt und unklar, was wir aussprechen, damit wir eine Wollust in der Seele fühlen. - Darin liegt das Wirken zum Heil und zum Glück und zur Lebensfähigkeit im sozialen Leben, daß wir ganz im einzelnen die Aufgaben angreifen, die uns das Leben stellt. Wenn wir richtig denken können über Ideale, über Ideen, dann sind Ideen jedem heilig. Wenn wir von Idealen nicht sprechen wie von unbestimmten, nebulosen Dingen - das ist mit hohlen, mit leeren Worten gesprochen -, wenn wir mit Idealen so herumwandeln werden, indem wir uns bewußt sind, daß wir in der ganz konkreten Arbeit an diesen Idealen arbeiten, dann trägt man viel mehr als durch schönes Gerede gerade zum Fortschritt und zur Entwickelung der Menschheit bei.

[ 22 ] In dieser richtigen Welterkenntnis, in diesem aufmerksamen Erlauschen desjenigen, was die Welt fordert, in dem liegt das, worin die Waldorfschul-Lehrer und -Lehrerinnen so recht ihr Verantwortlichkeitsgefühl entfachen möchten, in dem sie leben möchten. Aus diesem Geiste heraus möchte ich, daß Kräfte erwachsen, immer im einzelnen Moment das Richtige zu tun. Es werden die Kräfte, im einzelnen Moment das Richtige zu tun, nur erwachsen, wenn man auf das Ganze zu sehen vermag. Man ist im Leben knochenlos, geistig knochenlos, wenn man nicht in der Lage ist, in dieser Weise an die wirklichen Ideale zu denken und zu arbeiten, wenn man in unbestimmten Worten, in nebelhaften Idealen spricht. So möchte ich mit einigen konkreten Worten sprechen von den Kräften, die in den Herzen und Seelen unserer Lehrer sind, mit denen sie rechtfertigen wollen das Vertrauen, das die Eltern ihnen entgegenbringen, mit denen sie beweisen können, daß es nicht ein blindes Vertrauen ist, sein Kind in die Waldorfschule zu schicken, daß es auf Verständnis beruht, wenn wir versuchen, für die nächste Generation zum Heile und zum Glück der Menschheit zu sorgen.

[ 23 ] Wir erfüllen immer mehr, indem wir so denken und nach diesen Gedanken handeln, nicht bloß eine Lieblingsidee, ein Lieblingsgefühl, wir vollführen heute eine Zeitaufgabe; wir verstehen, indem wir so handeln, dasjenige, was wir tun müssen, damit die Menschheit aus dem großen Elendszeitalter zu einem anderen Zeitalter vorrückt. Wir verstehen dasjenige, was werden kann, wenn wir verständnisvoll unsere Jugend leiten lassen wollen, daß Herz und Sinn für solche Leitung der Jugend in die nächste harte Zukunft hineinragt.

[ 24 ] Aus diesem Geiste heraus möchte ich mich an die lieben Freunde, die Lehrer, wenden. Wir haben zusammengearbeitet, wir haben uns bemüht, diesen Geist in die Waldorfschule hineinzutragen. Wir dürfen uns heute mit aller Selbstprüfung sagen: es ist einiges gelungen, dasjenige, was wir uns vorsetzten, in einer gewissen Weise auszubilden, so daß der Vorsatz von vor zwei Jahren schon zur Handhabung geworden ist. Er wird es noch mehr werden; indem sich die Lehrerschaft, getragen von diesem Geiste, hineinfinden wird in ihre Aufgaben, wird immer mehr und mehr die äußere Handhabung des Waldorfschul-Unterrichts und die Handlungsweise durchdrungen werden von diesem Geiste. Es wird dann dadurch, daß unsere Lehrerschaft selbst mit jedem Tage sich bemüht, die Kunst kennenzulernen, wie man dasjenige, was im Waldorfschul-Geist liegt, ins äußere Leben hineinbringt, es wird dadurch dieser Waldorfschul-Geist immer mehr wirklich werden und zum äußeren Dasein immer mehr gedeihen und wird wachsen und wird vielleicht noch durch sein Wachsen auch andere mit sich ziehen.

[ 25 ] Das ist das Wichtige, daß dieser Waldorfschul-Geist Vorbild ist, daß man ihm nachfolgt. Wir können nur wenig tun; es ist wenig im Vergleich zu dem, was die Menschheit bedarf. Es kann vorbildlich wirken, wenn immer mehr dasjenige getan wird, wenn Sie sich bemühen, das zu tun, was auch das Verständnis der Elternschaft gefunden hat. Dann wird sich der Waldorfschul-Geist von der Waldorfschule in unser ganzes Zivilisationsleben hineinbringen lassen.

[ 26 ] Dafür sage ich Euch in diesem Augenblick, wo unsere lieben Lehrer neue Aufgaben sich stellen müssen, ich sage allen Dank. Ich sage Ihnen Dank, weil ich mit angesehen habe, wie Sie an sich selbst gearbeitet haben und sich damit beteiligt haben an dem Fortschritt des guten Geistes in der Waldorfschule.

[ 27 ] In diesem Dankgefühl werden wir weiter zusammenarbeiten, und wir werden versuchen, daß jeder einzelne immer mehr den anderen versteht, so daß der Lehrkörper ein Ganzes wird. Eine Schule ist nur dann etwas, was vollständig ist, wenn es ein Organismus ist, aus dem eine einheitliche Geist-Seele herauswächst. Solches versprechen wir heute den Eltern, solches werden wir uns vornehmen als Vorsatz für die Zukunft, und wir hoffen, daß es zur Tat werden wird, wie schon einiges zur Tat geworden ist.

[ 28 ] Nachdem ich mich mit diesen Worten an Euch alle gewendet habe, möchte ich dasjenige zusammenfassen in ein paar Worte, die vielleicht hier ausgesprochen werden dürfen, weil sie sozusagen umrahmt sind von dem Geiste der Waldorfschule, die selbstverständlich eine Anmaßung werden, wenn sie ausgesprochen würden, um zu charakterisieren, was durch die Waldorfschule geschehen ist, die aber eine Bedeutung haben, wenn wir sie nicht aussprechen wie einen Befehl oder wie etwas, was man einhämmern will, sondern die wir uns selbst sagen, uns selbst, damit die Kräfte noch größer werden, wie wir es versuchten in den verflossenen zwei Jahren. Indem wir wissen, wie sich in einem einzelnen Arbeitsfelde im Kleinen dasjenige ausdrückt, was in der Welt geschehen will, sagen wir, nicht anmaßend, sagen zu uns selbst, die wir vereint als Kinder, als Eltern, als Lehrer für das Gedeihen der Waldorfschule zusammenwirken wollen, sagen wir zu unseren Herzen:

[ 29 ] Vorwärts im rechten Geiste der Waldorfschul-Idee!

[ 30 ] Das ist es, was ich den Geistern, den Seelen und namentlich den Herzen aller zurufen möchte, aus dem Herzen heraus, an dem heutigen Tage, wo wir unsere Schüler zu einem neuen Schuljahr führen.