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The Rudolf Steiner Archive

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The Renewal of the Pedagogical and Didactic Arts
through Spiritual Science
GA 301

23 April 1920, Basel

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4. Der Erzieher als Bildner des zukünftigen menschlichen Seeleninhalts

4. The Educator as Shaper of the Future Content of the Human Soul

[ 1 ] Ich habe bisher versucht, Ihnen zu zeigen, wie man von der äußeren Seite her an den Menschen herankommen kann. Heute möchte ich mich unserer Aufgabe von der anderen Seite her nähern, von der Seite, die ich nennen möchte: die Seite des inneren Erlebens desjenigen, was ich an den drei vorhergehenden Tagen versucht habe zu erörtern. Es könnte scheinen, als ob die Anschauung vom Menschen, wie ich sie versucht habe darzulegen, zunächst nicht dazu führen würde, im Praktischen der pädagogischen Kunst eine Grundlage zu liefern. Allein, es wird sich hier gerade darum handeln, sich zuerst dem Wesen des Menschen von den zwei verschiedenen Seiten her, von der äußeren, wie wir es bisher getan haben, und der inneren Seite zu nähern, und daraus dann erst wirkliche Anhaltspunkte und nicht bloß Gesichtspunkte für die pädagogische Kunst zu gewinnen.

[ 1 ] So far, I have tried to show you how to approach human beings from the external perspective. Today I would like to approach our task from the other side—the side I would like to call the inner experience of what I have tried to discuss over the past three days. It might seem as though the view of the human being that I have attempted to present would not, at first glance, provide a foundation for the practical art of education. However, the very point here is to first approach the essence of the human being from these two different perspectives—the external, as we have done so far, and the internal—and only then to derive from this genuine points of reference, rather than mere points of view, for the art of education.

[ 2 ] Da möchte ich Sie zunächst darauf hinweisen, daß nach und nach durch die Betrachtungsweise, die hier als Zukunft der Naturwissenschaft gewissermaßen geltend gemacht worden ist, der Mensch von außen her durchsichtig wird. Man kommt gewissermaßen durch die Betrachtung des Menschen dahin, aus der Tätigkeit der Organe, aus dem ganzen Wesen heraus dasjenige zu entdecken, was dann innerlich im Menschen erlebt wird, erlebt wird zunächst als Vorstellen, erlebt wird als Fühlen, erlebt wird als Wollen. Bei allem, was gegenwärtige Weltanschauung ist, hat man es auf der einen Seite zu tun mit einem undurchdringlichen, dunklen Menschenwesen, das man nicht durchschaut, das wie undurchsichtig vor einem steht; und auf der anderen Seite hat man es zu tun mit mehr oder weniger abstrakten inneren Erlebnissen von Denken, Fühlen und Wollen, deren konkrete Auslegung man durchaus nicht innerlich wahrnimmt, innerlich empfindet. Wir haben gesehen, daß der Mensch ein dreigliedriges Wesen ist. Sehen wir ihn jetzt nach den drei Aspekten Denken, Fühlen und Wollen innerlich an — wir werden schon sehen, wie sich die beiden Betrachtungen, die äußere und die innere, zusammenschließen.

[ 2 ] First of all, I would like to point out that, little by little, through the approach that has, in a sense, been put forward here as the future of natural science, the human being becomes transparent from the outside. In a sense, by observing human beings—through the activity of the organs and the whole being—one comes to discover what is then experienced internally within the human being: first as a mental image, then as feeling, and finally as will. In all current worldviews, on the one hand, we are dealing with an impenetrable, dark human being whom we cannot fathom, who stands before us as if opaque; and on the other hand, we are dealing with more or less abstract inner experiences of thinking, feeling, and willing, the concrete interpretation of which we do not at all perceive or feel inwardly. We have seen that the human being is a threefold being. If we now look at the human being inwardly from the three aspects of thinking, feeling, and willing—we will already see how the two perspectives, the external and the internal, come together.

[ 3 ] Dasjenige, was wir heute gewinnen als unseren Vorstellungsinhalt, das ist im Grunde genommen etwas sehr, sehr Abstraktes. Durch diesen Vorstellungsinhalt können wir uns als Lehrer, als Pädagogen, als Erzieher auch dem werdenden Menschen nicht nähern. Es ist gewissermaßen eine Scheidewand zwischen uns und dem anderen Menschen. Sie ist da im sozialen Leben und bringt uns unser soziales Unheil. Sie ist da auch in so speziellen Gebieten wie im Unterrichten, im Erziehen. Durch die naturwissenschaftlich materialistische Entwickelung, die unser ganzes Denken angenommen hat und die auch in unsere Gesinnung eingeflossen ist, ist alles dasjenige, was wir über Seele, über Geist zu sagen haben, nach und nach zur Phrase geworden; und aus der Phrase heraus kann man nicht handeln, aus der Phrase heraus kann man sich zu dem erwachsenen Menschen nicht verhalten. Man kann sich auch dem Kinde gegenüber aus der Phrase nicht verhalten. Man muß zur Realität vordringen. Diese Realität, die wird uns nicht zuteil, wenn wir nur jenes abstrakte intellektualistische Verstandesleben haben, wie es durch die bisherige naturwissenschaftliche Richtung gepflegt worden ist. Durch diese kommt man zwar zum Geist. Alles dasjenige, was wir heute in unserer intellektualistischen Bildung als Verstandesinhalt haben, ist Geist, aber es ist filtrierter Geist. Es ist ein solcher Geist, der gewissermaßen gar nicht aus sich heraus kann, der nicht sich innerlich als wirklicher Inhalt erlebt, der daher — ich möchte sagen, wenn ich mich vergleichsweise ausdrücken darf — brutaler bleibt. Dieser Geist beherrscht unser Leben, dieser Geist, der in nichts eigentlich eindringt, dieser Geist, der in der Kunst die materielle äußere Form ausprägt, statt sie herauszuholen aus dem Material selbst, dieser Geist, der in bezug auf die sozialen Gestaltungen der Menschengemeinschaft äußerlich soziale Zusammenhänge aufdrängen möchte, statt sie aus dem unmittelbaren, lebendigen Menschen selbst herauszuholen. Da bekommt man eine ganz andere Stellung zum Geiste, wenn man sich an dasjenige hält, was Geisteswissenschaft geben kann. Denn sehen Sie, Geisteswissenschaft, sie ist viel wichtiger durch die Art, wie sie auftritt, als durch ihren Inhalt. Wenn Sie sich an das halten, was heutiges Wissen ist, so werden Sie finden, daß es gewissermaßen das wiedergibt, was schon da ist. Wir sind ja dadurch zum Naturalismus gekommen, der in der Kunst nur die Außenwelt abbildet, weil wir keine Erkenntnisse haben, die über diese Außenwelt zu einem selbständigen Inhalt kommen. Wir bewegen uns nur in dem Abklatsch der Außenwelt. Wir werden nicht darauf aufmerksam, wie aus den Quellen des Menschen heraufsprießen kann lebendiger Inhalt, denn dieser lebendige Inhalt kann dann nicht von etwas anderem kommen als vom Geiste selbst.

[ 3 ] What we gain today as the content of our imagination is, at its core, something very, very abstract. As teachers, educators, and mentors, this content of imagination does not allow us to connect with the developing human being. It is, in a sense, a barrier between us and other people. It exists in social life and brings us social misery. It also exists in such specific areas as teaching and education. Due to the materialistic, scientific development that has permeated our entire way of thinking and has also seeped into our mindset, everything we have to say about the soul and the spirit has gradually become mere rhetoric; and one cannot act on the basis of rhetoric, nor can one relate to an adult on the basis of rhetoric. Nor can one relate to a child on the basis of empty phrases. One must penetrate to reality. This reality is not granted to us if we possess only that abstract, intellectualistic life of the mind, as it has been cultivated by the scientific approach to date. Through this approach, one does indeed arrive at the spirit. Everything we have today in our intellectualist education as content of the intellect is spirit, but it is filtered spirit. It is a spirit that, in a sense, cannot emerge from within itself, that does not experience itself inwardly as real content, and that therefore—if I may put it in comparative terms—remains more brutal. This spirit dominates our lives—this spirit that does not truly penetrate anything, this spirit that, in art, shapes the material outer form instead of drawing it out of the material itself, this spirit that, with regard to the social structures of human community, seeks to impose external social connections instead of drawing them out of the immediate, living human being itself. One develops a completely different attitude toward the spirit when one adheres to what Spiritual Science has to offer. For you see, Spiritual Science is far more important because of the way it presents itself than because of its content. If you adhere to what constitutes knowledge today, you will find that it, so to speak, reflects what is already there. This is how we have arrived at naturalism, which in art merely depicts the external world, because we lack insights that go beyond this external world to arrive at an independent content. We move only within a mere imitation of the external world. We do not become aware of how living content can spring forth from the sources within the human being, for this living content can then come from nothing other than the spirit itself.

[ 4 ] Nehmen Sie nun den ganzen Gegensatz zwischen dem, was Inhalt der Geisteswissenschaft ist und was Inhalt der gewöhnlichen Naturwissenschaft ist. Diese Geisteswissenschaft wird von vielen Menschen der Gegenwart, wenn sie so hören, was sie zu sagen hat, zunächst genommen wie etwas, ich möchte mich radikal ausdrücken, wie etwas Närrisches, ganz Phantastisches. Warum denn? Weil man nicht gewohnt ist, über die Welt so sprechen zu hören, wie Geisteswissenschaft spricht. Man ist gewohnt, über die Welt so sprechen zu hören, daß man vergleichen kann das Besprochene mit dem, was man draußen sieht, mit dem, was die Augen wahrnehmen, was sonst wahrgenommen wird. Geisteswissenschaft bringt Dinge, für die man nicht irgend etwas in der Außenwelt zunächst finden kann, für die man nicht etwas finden kann dadurch, daß man bloß mit den Sinnen beobachtet, sondern für die man nur etwas dadurch erwirken kann, daß man aus dem eigenen Geiste schafft. Man schafft ja allerdings aus dem tieferen Inhalte der Welt heraus, aber man muß eben produktiv aus dem Geiste heraus schaffen. Auf dieses kommt es an, auf dieses produktive Aus-dem-Geiste-herausSchaffen. Man wartet nicht, wenn man Geisteswissenschaft, wenn ich so sagen darf, studiert, bis einem entgegenkommt von außen ein Baum, ein Tier, das man im Begriff abbildet; man muß den Begriff in seiner inneren Lebendigkeit erzeugen. Wir werden gleich nachher Beispiele sehen, wie man gerade aus der Geisteswissenschaft heraus Begriffe innerlich erzeugen muß, wie sie dadurch ein lebendiger Inhalt werden im Menschen. So daß man sagen kann: unser intellektualistischer Verstand ist allmählich leer geworden. Geisteswissenschaft gibt diesem intellektualistischen Verstand etwas, wodurch er aus sich selbst heraus seine Leerheit erfüllen kann.

[ 4 ] Now consider the complete contrast between the subject matter of Spiritual Science and that of conventional natural science. When they hear what Spiritual Science has to say, many people today initially regard it—to put it bluntly—as something foolish, something entirely fantastical. Why is that? Because people are not accustomed to hearing the world described in the way that Spiritual Science describes it. They are accustomed to hearing the world described in such a way that they can compare what is being discussed with what they see out there, with what their eyes perceive, and with what is otherwise perceived. Spiritual Science presents things for which one cannot initially find a counterpart in the external world—things one cannot discover simply by observing with the senses—but which can only be brought into being by creating from one’s own spirit. One does, of course, create from the deeper content of the world, but one must create productively from the spirit itself. This is what matters—this productive creation from the spirit itself. When one studies Spiritual Science, if I may put it that way, one does not wait for a tree or an animal to come toward one from the outside, which one then represents in a concept; one must generate the concept in its inner liveliness. We will see examples shortly of how one must generate concepts inwardly precisely from Spiritual Science, and how they thereby become a living content within the human being. So that one can say: our intellectualistic mind has gradually become empty. Spiritual Science gives this intellectualistic mind something through which it can fill its own emptiness from within itself.

[ 5 ] Wenn Sie heute zum Beispiel so etwas nehmen wie meine »Geheimwissenschaft« und Sie diese »Geheimwissenschaft« lesen wie irgendein anderes Buch, das heute von der Welt handelt, so werden Sie nicht zurechtkommen; denn man ist ja selbst bei künstlerischen Werken heute dazu gedrängt, daß man sagt: Ja, da wird etwas dargestellt, wo findet man so etwas in der Welt? Vom Drama, vom Roman selbst, also von Phantasieprodukten verlangt man heute, daß sie sich ihrem Inhalte nach genau so oder etwa nahezu genau so in der Welt finden. Das können Sie bei dem, was der Inhalt der Geisteswissenschaft ist, zunächst gar nicht. Sie sind zu etwas anderem genötigt. Und deshalb findet sich so vielGegnerschaft gegen dieGeisteswissenschaft, weil man zu etwas ganz anderem genötigt ist, als dem gewöhnlichen wissenschaftlichen oder künstlerischen Produkte der Gegenwart gegenüber. Man ist genötigt, jeden Schritt, der gewissermaßen als von dem Verfasser eines solchen geisteswissenschaftlichen Buches getan, nachgezeichnet wird, in innerer Aktivität mitzumachen. Man hat nichts von der Lektüre eines solchen Buches, wenn man nicht seinen Inhalt sofort nach der Anleitung dieses Buches aus sich selber heraus produziert. Gerade dadurch stellt sich Geisteswissenschaft heute in der herbsten Weise gegen die Zeitbildung. Die Leute laufen heute am liebsten auch in solche Vorträge, in denen ihnen mit Lichtbildern oder auf eine ähnliche Weise vor die Sinne dasjenige gestellt wird, was sie eigentlich aufnehmen sollen. Oder die Leute laufen heute ins Kino, weil sie da etwas sehen können; sie geben nicht viel darauf, daß da auch ein paar Worte zur Erklärung stehen. Das heißt: man will passiver Mensch bleiben, will ein Mensch bleiben, der nur schaut, der nur hinsieht. Wenn man in dieser Weise die Gewohnheiten der heutigen Zeit auf sich wirken läßt, so hat man von einem geisteswissenschaftlichen Buch oder Vortrag gar nichts. Da enthält er eigentlich gar nichts, der geisteswissenschaftliche Vortrag oder das geisteswissenschaftliche Buch. Alles hängt davon ab, daß man innerlich dasjenige erarbeitet, was, ich möchte sagen, nur fadengezeichnet wird in dem Buche oder in dem Vortrage.

[ 5 ] If, for example, you take something like my *Secret Science* today and read this *Secret Science* as you would any other book dealing with the world today, you will not be able to make sense of it; for even with works of art today, one is compelled to say: ‘Yes, something is being depicted here—where in the world can one find such a thing?’ Even from drama, from the novel itself—that is, from products of the imagination—people today demand that their content be found in the world exactly as depicted, or at least almost exactly as depicted. With the content of Spiritual Science, you simply cannot do that at first. You are compelled to do something else. And that is why there is so much opposition to spiritual science—because one is compelled to do something entirely different from what is expected of the ordinary scientific or artistic works of the present day. One is compelled to participate actively, from within, in every step that is, so to speak, traced as having been taken by the author of such a book on Spiritual Science. One gains nothing from reading such a book unless one immediately produces its content from within oneself, following the book’s instructions. It is precisely through this that Spiritual Science today stands in the most stark opposition to the spirit of the age. People today also prefer to attend lectures in which what they are actually supposed to take in is presented to their senses through slides or similar means. Or people go to the movies today because they can see something there; they don’t care much that there are also a few words of explanation. In other words: people want to remain passive, to remain people who merely watch, who merely look on. If one allows the habits of the present age to influence oneself in this way, one gains nothing at all from a book or lecture on Spiritual Science. In fact, the Spiritual Science lecture or book contains nothing at all. Everything depends on one’s inner work to develop what, I might say, is only outlined in the book or in the lecture.

[ 6 ] Es handelt sich also darum, daß der passiv gewordene Verstand unseres intellektualistischen Zeitalters aktiv wird. Geisteswissenschaft selber ist ein innerliches Tun, insofern man sich mit einer Vorstellungswelt beschäftigt, und unterscheidet sich dadurch radikal von dem, was man heute gewöhnt ist. Sehen Sie, auf diese innerliche Selbsterziehung kommt ungeheuer viel an. Denn dadurch wird die abstrakte Geistigkeit, die gerade der heutigen Verstandesbildung anhaftet, durchaus überwunden. Dadurch aber wird die ganze Geistes- und Seelenverfassung des Menschen eine andere.

[ 6 ] The point, then, is that the intellect—which has become passive in our intellectualistic age—must become active. Spiritual Science itself is an inner activity, insofar as it involves engaging with a world of ideas, and in this respect it differs radically from what people are accustomed to today. You see, this inner self-education is of immense importance. For through it, the abstract intellectualism that is so characteristic of today’s intellectual education is thoroughly overcome. As a result, however, the entire spiritual and psychological constitution of the human being is transformed.

[ 7 ] Es war mir, ich möchte sagen, ergreifend, als ich gerade heute morgen einen Brief bekam von einer Lehrkraft unserer Stuttgarter Waldorfschule, die wir ja aus den hier geltend gemachten pädagogischen Prinzipien begründet haben. Es ist Ihnen vielleicht bekannt, daß ich wochenlang vorher die Lehrerschaft dieser Waldorfschule durch einen seminaristischen Kursus vorbereitet habe; die Lehrer lesen den Kursus immer wiederum nach. In diesem Brief schrieb diese Lehrkraft: »Wenn ich immer wieder und wiederum diese pädagogischen Vorträge lese, so ist es mir, wie wenn ich in einer fremden Gegend mich befindlich plötzlich Heimatklänge hörte.« — Es ist ein Gefühl, das ich ganz gut verstehen kann. Der Mensch, der innerlichste Mensch heute fühlt sich fremd in unserer intellektualistischen Welt; und überwindet er sich wirklich so weit, daß er seinen aktiven, inneren Menschen in Tätigkeit bringt, wie er es tun muß bei jeder geisteswissenschaftlichen Darstellung, dann hat er etwas wie menschliches Urheimatgefühl, wie etwas von den Klängen aus der geistigen Welt heraus, aus der ja der Mensch eigentlich stammt. Und darauf kommt es an, daß man sich angewöhnt, das Geistige immerfort gegenwärtig zu haben. Worauf kam es mir zum Beispiel den Lehrern der Waldorfschule gegenüber an? Darauf kam es mir an, daß diese Lehrer abtun gewissermaßen alles dasjenige, was Normpädagogik ist, was dann so verwertet wird im Unterrichte, daß man sich erinnert, man solle dieses so, jenes so machen, die richtige pädagogische Wissenschaft sagt dies und sagt jenes und so weiter. Geisteswissenschaft ist gewissermaßen darauf hinauslaufend, daß man in jedem Momente eigentlich vergißt den geistigen Inhalt, den man durch die Geisteswissenschaft aufgenommen hat, und ihn jederzeit wiederum neu aufnehmen und in sich erzeugen muß. Man hat nicht wirklich die Geisteswissenschaft, wenn man sie als etwas hat, woran man sich erinnert.

[ 7 ] I found it, I might say, deeply moving when, just this morning, I received a letter from a teacher at our Waldorf School in Stuttgart, which we founded based on the educational principles outlined here. You may be aware that, weeks earlier, I had prepared the teaching staff of this Waldorf School through a seminar course; the teachers keep rereading the course material time and again. In this letter, the teacher wrote: “When I read these educational lectures again and again, it feels as if I were in a foreign land and suddenly heard the sounds of home.” — It is a feeling I can understand quite well. The human being—the innermost human being today—feels alienated in our intellectualistic world; and if he truly overcomes himself to the point of bringing his active, inner self into play, as he must do with every presentation of Spiritual Science, then he experiences something like a primal sense of human belonging, like sounds emanating from the spiritual world, from which humanity actually originates. And what matters is that one gets into the habit of keeping the spiritual ever-present. What, for example, was important to me in relation to the teachers at the Waldorf School? What mattered to me was that these teachers, so to speak, set aside everything that constitutes conventional pedagogy—which is then applied in the classroom in such a way that one remembers to do this one way and that another, with “proper pedagogical science” dictating this and that, and so on. Spiritual Science, in a sense, amounts to the fact that at every moment one actually forgets the spiritual content one has absorbed through Spiritual Science, and must constantly take it in anew and generate it within oneself. One does not truly possess Spiritual Science if one regards it as something one simply remembers.

[ 8 ] Nehmen Sie es mir nicht übel, wenn ich hier etwas Persönliches vorbringe. Ich bin niemals imstande, wenn ich 30-, 40-, 50mal über dasselbe Thema rede, irgendwie den gleichen Vortrag zu halten. Ich kann dies ebensowenig, wie ich — verzeihen Sie den grotesken Vergleich das wieder essen könnte, was ich gestern gegessen habe. Da steht man im Lebendigen drinnen. Und so steht man mit dem, was geisteswissenschaftlicher Inhalt ist, im Lebendigen drinnen. Man hat es immer fort und fort neu zu erarbeiten. So versuchte ich auch die Lehrer der Waldorfschule so vorzubereiten, daß sie gewissermaßen jeden Morgen mit jungfräulicher Seele ihre Schule betreten, um vor etwas völlig Neuem zu stehen, vor lauter neuen Rätseln. Das Vergessenkönnen, das nur die andere Seite des Verarbeitetwerdens ist, das ist es, was Geisteswissenschaft dem Menschen anerzieht, was das Ergebnis der Selbsterziehung durch Geisteswissenschaft ist. Sie werden sagen: Ich kenne ja auch ein paar Geisteswissenschafter oder Anthroposophen, die zählen mir doch an den Fingern her dasjenige, was sie gelernt haben. Ja, meine sehr verehrten Anwesenden, das ist ja noch die Unvollkommenheit der Anthroposophen. Ich habe es nicht verhindern können, daß auch solche Anthroposophen gegenwärtig hier sind, die müssen sich das also eventuell anhören. Es ist eine Unvollkommenheit, wenn man das anthroposophische Wissen als ein Gedächtniswissen hat, wenn man es nicht hat als einen Urquell des inneren Seelenerlebens, das jederzeit neu erschaffen sein will in der Seele. Das ist aber die Stimmung, in der man gerade dem Menschen gegenüberstehen soll, wenn man ihn unterrichten oder erziehen soll. Also darum handelt es sich, daß Geisteswissenschaft durch die Art, wie man sie verarbeitet, unsere Seele in eine Lebendigkeit bringt, die so verläuft, wie im Physischen der Verdauungsprozeß jeden Tag neu verläuft, so daß alles bloß Gedächtnismäßige schwindet gegenüber dem, was Geisteswissenschaft dadurch gibt, daß sie vom aktiven Verstande, nicht vom passiven Verstande ausgeht.

[ 8 ] Please don’t hold it against me if I share something personal here. No matter how many times—30, 40, or 50—I speak on the same topic, I am never able to give the exact same lecture. I am just as incapable of doing this as I am—forgive the grotesque comparison—of eating again what I ate yesterday. One stands right in the midst of life itself. And so, with the content of Spiritual Science, one stands right in the midst of life itself. One must continually work it out anew. So I also tried to prepare the teachers at the Waldorf School in such a way that, in a sense, they would enter their school every morning with a virgin soul, to face something completely new, a host of new riddles. The ability to forget—which is merely the other side of the process of assimilation—is what Spiritual Science instills in a person; it is the result of self-education through Spiritual Science. You will say: “I also know a few people who work in Spiritual Science or are anthroposophists who can count on one hand what they have learned.” Yes, my dear friends here present, that is indeed still the imperfection of the anthroposophists. I have not been able to prevent such anthroposophists from being here today; they may therefore have to listen to this. It is an imperfection when one possesses anthroposophical knowledge merely as rote memorization, rather than as a primal source of inner soul experience that seeks to be recreated anew in the soul at every moment. Yet this is precisely the attitude one should adopt when facing a human being, especially when teaching or educating them. So this is what it is all about: that Spiritual Science, through the way one processes it, brings a vitality to our soul that unfolds just as the digestive process in the physical realm unfolds anew every day, so that everything that is merely memorized fades in comparison to what Spiritual Science offers by proceeding from the active intellect, not from the passive intellect.

[ 9 ] Das ist, was ich nennen möchte eine Befruchtung der pädagogischen Kunst schon auf dem Vorstellungsgebiete dadurch, daß man gerade Geisteswissenschaft einfließen läßt in sein ganzes Denken, in sein Vorstellen. Man kann nun auf der einen Seite sich dem Menschen innerlich von der Vorstellungs-, von der Verstandesseite aus nähern; man kann das aber auch von der Willensseite aus tun. Ich kann das ja hier nur schildern, aber die Ideen, die ich versuchen werde zu schildern, die sind geeignet, wenn man sie nur tief genug erfaßt, Feuer in denjenigen hineinzugießen, der Menschen zu erziehen oder zu unterrichten hat. Da möchte ich auf etwas hinweisen, was zusammenhängt mit der Frage, die mir gestellt worden ist.

[ 9 ] This is what I would like to call an enrichment of the art of education, beginning in the realm of mental images, by allowing Spiritual Science to flow into one’s entire thinking and imagination. On the one hand, one can approach the human being inwardly from the perspective of imagination and intellect; but one can also do so from the perspective of the will. I can only describe this here, but the ideas I will attempt to describe are capable—if one grasps them deeply enough—of kindling a fire within those who are tasked with educating or teaching people. Here I would like to point out something related to the question that was posed to me.

[ 10 ] Es ist gefragt worden, wie sich die Entwickelung des Kindes, so wie ich sie versucht habe wenigstens zunächst zu skizzieren, wie sich diese Entwickelung des Kindes bis zum 7. Jahre, dann bis zum 14., 15. Jahre verhält zu dem, was sich etwa für die Entwickelung ergibt aus dem biogenetischen Grundgesetz Ernst Haeckels heraus.

[ 10 ] The question has been raised as to how the child’s development—as I have attempted to outline, at least initially—how this development of the child up to the age of 7, and then up to the ages of 14 and 15, relates to what emerges regarding development from Ernst Haeckel’s biogenetic law.

[ 11 ] Sie wissen ja, dieses biogenetische Grundgesetz besagt für die äußere naturwissenschaftliche Betrachtung der Welt, daß sich, wenn wir beim Menschen bleiben, in der menschlichen Embryonalentwickelung die Stammesentwickelung wiederholt, daß gewissermaßen die Ontogenie eine Wiederholung der Phylogenie ist. Der Mensch ist in der Zeit von der Konzeption bis zu der Geburt nach und nach in einer solchen Entwickelung, daß er die verschiedenen Tierformen, von den einfacheren bis zu den komplizierteren, bis herauf zum Menschen eben durchmacht. Dieses für die naturwissenschaftliche Weltanschauung außerordentlich bedeutungsvolle Gesetz — ich kenne sehr gut seine Ausnahmen, seine Grenzen - aber gerade derjenige, der das kennt, muß es ein sehr bedeutungsvolles naturwissenschaftliches Gesetz nennen —, das hat man versucht, auch auf die geistig-seelische Entwickelung des einzelnen Menschen im Verhältnis zur ganzen Menschheit geltend zu machen. Man ist dadurch auf eine ganz falsche Fährte gekommen.

[ 11 ] As you know, this fundamental law of biogenetics states—from the perspective of the natural sciences—that, if we limit ourselves to humans, the course of phylogeny is repeated in human embryonic development; in a sense, ontogeny is a repetition of phylogeny. From conception to birth, the human being gradually undergoes a development in which it passes through the various animal forms, from the simpler to the more complex, all the way up to the human being. This law, which is extraordinarily significant for the scientific worldview—I am well aware of its exceptions and limitations—but precisely because one is aware of them, one must call it a very significant scientific law—this law has been applied to the spiritual and psychological development of the individual human being in relation to humanity as a whole. This has led people down a completely wrong path.

[ 12 ] Wodurch würde man einen Parallelismus finden können zwischen der seelisch-geistigen Entwickelung des Menschen und zwischen diesem biogenetischen Grundgesetz? Doch nur dann, wenn man sagen könnte: das kleine Kind, wenn es seinen irdischen Lebenslauf beginnt, macht gewissermaßen Urzustände des Menschengeschlechts durch. Wächst es heran, so macht es Zustände späterer Entwickelungsepochen der Menschheit durch und so weiter. Es wiederholt die kindliche Entwickelung die Entwickelung des ganzen Menschengeschlechtes. So etwas kann man als ein Phantasiegebilde aufstellen, aber es entspricht dies keiner Wirklichkeit; und erst Geisteswissenschaft ist in der Lage, auf diesem Gebiete sich der Wirklichkeit zu nähern. Wenn man den menschlichen Embryo verfolgt von der ersten, zweiten, dritten Woche — soweit man es heute schon kann —- bis zu seinem Reifwerden, so sieht man da die Andeutungen der aufeinanderfolgenden, immer vollkommener werdenden Formen, die Fischgestalt und so weiter. Wenn man dagegen im Kinde die ersten Entwickelungsjahre beobachtet, so sieht man nichts von einer Wiederholung von irgendwelchen Urzuständen der Menschheitsentwickelung, oder im weiteren Fortgang von folgenden Epochen der Menschheitsentwickelung. Da müßte man in die kindliche Entwickelung Kräfte und Vorgänge hineinträumen, wenn man so etwas finden wollte. Es war ein schöner Traum, als Leute, wie der Pädagoge Wolf oder andere geltend gemacht haben, Kinder machen gewissermaßen die Zeiten der wilden Barbarenzeit durch, dann gibt es gewisse Knabenzeiten, wo man die persische Kulturzeit durchmacht und so weiter. Schöne poetische Bilder können dabei herauskommen, aber Unsinn bleibt es, denn es entspricht eine solche Schilderung durchaus nicht einer wahren Wirklichkeit! Da muß man schon in der Lage sein, das menschliche Leben in seiner vollen Realität zu schauen, wenn man das Entsprechende im Geistig-Seelischen für das biogenetische Grundgesetz finden will. Und da zeigt sich der Geisteswissenschaft, daß man nicht an den Anfang des Lebens sehen darf, sondern an das Ende des Lebens blicken muß. Wenn man über das 35., 40., 45. Jahr hinaus ist und nun wirklich sich über diese Jahre hinaus bewahrt hat die Möglichkeit einiger Selbstbeobachtung, dann zeigen sich im Seelenleben des Menschen, im innersten Erleben des Menschen gewisse Rudimente. So wie sich in bezug auf äußerliche Körperlichkeit im Embryonalleben Rudimente der Stammesentwickelung zeigen, so zeigen sich merkwürdige innere Erlebnisse, die der Mensch hat nach dem 35., 40., 45. Jahre, wenn er zu wirklicher Selbstbeobachtung aufsteigt, zu der man vielleicht eben doch nur dadurch kommt, daß man jene Aktivität des Denkens, wie man sie sich aneignen muß, wenn man Geisteswissenschaft wirklich durchlebt, ausbildet. Da merkt man: im Alter treten innerliche Erlebnisse auf, die nicht ganz herauskommen, die wie Rudimente sich ausnehmen; die Leiblichkeit ist nicht mehr da, die uns die Möglichkeit bietet, das, was im Alter geistig-seelisch auftritt, wirklich herauszubringen; der Leib, die Leiblichkeit versagt. Wir werden, wenn wir uns nur durch unsere Leiblichkeit nicht beirren lassen, im Alter seelisch-geistig reich. Allerdings wenige Menschen merken heute in unserer intellektualistischen Kultur etwas von dem, was da im Alter des Menschen wie rudimentär in der Seele auftritt. Und wissen Sie, warum man es nicht merkt? Man merkt es nicht wegen unserer heute auf Intellektualismus gebauten Erziehung! Die macht uns im hohen Grade abhängig vom Leiblichen. Dabei merken wir nicht, wie, sobald als wir über das 35. Jahr hinauskommen, in unserem Seelenleben Dinge auftreten, die eben einfach durch die heutige Körperlichkeit der Menschheit körperlich sich nicht ausleben können, die aber innerlich erlebt werden können, wenn wir diesen Zeitraum des Menschenlebens nicht eigentlich seelisch verschlafen.

[ 12 ] How might one find a parallel between the psychological and spiritual development of the human being and this fundamental law of biogenetics? Only if one could say: the small child, when it begins its earthly life, passes through, as it were, the primordial states of the human race. As it grows up, it passes through states corresponding to later epochs of human development, and so on. The child’s development repeats the development of the entire human race. One can conceive of such a thing as a figment of the imagination, but it does not correspond to reality; and only Spiritual Science is capable of approaching reality in this realm. If one traces the human embryo from the first, second, and third weeks—as far as is currently possible—until it reaches maturity, one sees there the hints of successive, increasingly perfected forms: the fish-like form, and so on. If, on the other hand, one observes a child’s first years of development, one sees no repetition of any primordial states of human evolution, nor of subsequent epochs in human evolution as it progresses. One would have to project forces and processes into the child’s development if one wished to find such things. It was a beautiful dream when people like the educator Wolf or others claimed that children, in a sense, go through the era of the wild barbarians, followed by certain phases of boyhood where they experience the Persian cultural era, and so on. Beautiful poetic images may emerge from this, but it remains nonsense, for such a description does not correspond at all to true reality! One must be able to view human life in its full reality if one wishes to find the corresponding spiritual-soul aspect of the fundamental law of biogenetics. And this is where Spiritual Science reveals that one must not look to the beginning of life, but must look to the end of life. When one has passed the ages of 35, 40, or 45 and has truly preserved the capacity for some self-observation beyond these years, certain rudiments become apparent in the human soul life, in the innermost experience of the human being. Just as rudiments of phylogenetic development become apparent in embryonic life with regard to external physicality, so too do remarkable inner experiences emerge that a person has after the ages of 35, 40, 45th years, when they rise to true self-observation—which one may perhaps attain only by cultivating that activity of thought which one must acquire when one truly lives through Spiritual Science. Then one realizes: in old age, inner experiences arise that do not fully come to the surface, that appear like vestiges; the physicality that offers us the possibility of truly bringing forth what occurs spiritually and psychologically in old age is no longer there; the body, physicality, fails. If we do not allow ourselves to be misled by our physicality, we become spiritually and soulfully rich in old age. However, in today’s intellectualistic culture, very few people notice anything of what arises in the human soul in old age, as if in a rudimentary form. And do you know why people do not notice it? They do not notice it because of our education system, which is built on intellectualism today! It makes us highly dependent on the physical. Yet we fail to notice how, as soon as we pass the age of 35, things arise in our soul life that simply cannot be physically lived out due to the physical nature of humanity today, but which can be experienced inwardly if we do not, in fact, sleep through this period of human life spiritually.

[ 13 ] Das ist es, was sich einem so furchtbar auf die Seele legt, daß der größte Teil der heutigen Menschheit jene Alterserlebnisse, die den Menschen in ungeheuere Tiefen hineinführen können, einfach dadurch, daß er älter wird, mit vollem inneren Wachsein älter wird, geradezu verschläft. Heute wird ja ungeheuer viel von der Menschheit verschlafen! Eignet man sich den aktiven Verstand an, eignet man sich vor allen Dingen — wir werden gleich sehen, was eigentlich damit gemeint ist -— das aktive Gemütsleben und Willensleben an, dann merkt man diese Rudimente des Seelenlebens im Alter. Und eine wirklich von der Geisteswissenschaft befruchtete Erziehungskunst, die wird es dahin bringen, daß wir tatsächlich diese Alterserlebnisse haben können. Dann wird man auch in der sozialen Lebensordnung wissen: solche Alterserlebnisse gibt es; dann wird man auch in einer anderen Weise dem Alter entgegenleben. Man wird gewissermaßen neugierig sein, was das Alter einem bieten kann. Ganz andere innere Lebenserfahrung wird im Menschen reif.

[ 13 ] This is what weighs so terribly on one’s soul: that the majority of humanity today simply sleeps through those experiences of aging—which can lead a person into immense depths—simply by growing older, by growing older with full inner awareness. So much of human life is simply slept through today! If one cultivates the active intellect—and above all, as we shall soon see, the active life of feeling and will—then one becomes aware of these rudiments of soul life in old age. And an art of education truly inspired by Spiritual Science will bring about a situation in which we can actually have these experiences of old age. Then people will also recognize within the social order that such experiences of old age exist; then they will also approach old age in a different way. They will, so to speak, be curious about what old age has to offer. A completely different inner life experience will mature within the human being.

[ 14 ] Aber woher kommt es denn, daß solche Alterserlebnisse, solche rudimentären Erlebnisse auftreten? Um das zu verstehen, muß man aus der Geisteswissenschaft heraus die wirkliche Entwickelung des Menschengeschlechtes ins Auge fassen. Diese wirkliche Entwickelung des Menschengeschlechtes ist ganz verfinstert worden durch unsere materialistische Anthropologie. Im Ausgangspunkte der Menschheitsentwickelung, glaubt man, wäre menschliche Wildheit. Das trifft nicht zu. Im Gegenteil, wenn wir zurückgehen ins 7., 8. vorchristliche Jahrtausend, so war über einem großen Teil der damals zivilisierten Menschheit ein Urwissen, allerdings instinktiver Art, ausgebreitet, aber ein Urwissen, vor dem wir heute in Demut uns beugen, wenn wir es erfassen können. Letzte Reste sind aufgezeichnet in den Veden der Inder. Aber das ist nicht das Ursprüngliche, das ist schon etwas Abgeleitetes. Mit ungeheuer trockener Intellektualität geht heute unsere Gelehrsamkeit an dasjenige, was die ersten historischen Überbleibsel sind aus dem Ägyptertum, aus dem Babyloniertum, aus dem Indertum. Aber dasjenige, was unsere Gelehrsamkeit nur in aller Trockenheit zutage fördert, das ist wiederum nur der letzte Rest eines instinktiven Urwissens der Menschheit, durch das der Mensch sich eins fühlte mit dem ganzen Universum. Wer heute wirklich Naturwissenschaft beherrscht, und dann sieht, was dieses Urwissen der Menschen, selbst in dem schwachen Abglanz, der historisch überliefert ist, war — Geisteswissenschaft kann dasjenige zeigen, was nicht historisch überliefert ist; Sie können darüber in meiner »Geheimwissenschaft« nachlesen —, wer wirklich hineinzuschauen weiß in dieses Urwissen, der weiß, daß es anders ausgesehen hat in den älteren Zeiten der Menschheitsentwickelung, als die heutige materialistische Anthropologie glaubt, die sich einbildet, daß sich der Mensch von selbst vom Wilden zu dem heraufentwickelt hat, von dem wir heute sagen: Wir haben’s so herrlich weit gebracht. Nein, es weist uns die wirkliche Betrachtung der Menschenentwickelung dahin, daß es zunächst eine Periode vorgeschichtlicher Entwickelung gegeben hat. Wir kommen dabei bis ins 7., 8., 9. Jahrtausend vor der Entstehung des Christentums zurück, wo die Menschen ein Urwissen gehabt haben, das sie sich aber nur aneignen konnten dadurch, daß sie bis in ein höheres Alter herauf leiblich-seelisch entwickelungsfähig geblieben sind. Und dann blicken wir auf die erste, im Süden von Asien nach einer großen Weltkatastrophe, welche die Erde betroffen hatte, entstandene Kultur. Nur dadurch kommen wir dieser Urkultur nahe, daß wir auf die Eigentümlichkeit der Menschheit in der damaligen Zeit blicken. Das Parallelgehen der leiblichen Entwickelung mit der Seelenentwickelung bis zum 7. Jahre, dann wiederum bis zur Geschlechtsreife, das hört mit den Zwanzigerjahren auf, dann sind wir fertige Menschen für die heutige Zeit. Da dürfen wir nicht mehr glauben, daß wir uns in einer ähnlichen Weise über die Abgründe der Entwickelung hinüberheben, wie wir uns hinüberheben über den Zahnwechsel und über die Geschlechtsreife.

[ 14 ] But why do such experiences of old age, such rudimentary experiences, occur? To understand this, one must consider the true evolution of the human race from the perspective of Spiritual Science. This true evolution of the human race has been completely obscured by our materialistic anthropology. It is believed that human savagery marked the starting point of human development. That is not the case. On the contrary, if we go back to the 7th and 8th millennia B.C., a primal knowledge—admittedly of an instinctive nature—was widespread among a large part of the then-civilized human race; a primal knowledge before which we bow in humility today, if we are able to grasp it. The last remnants of this are recorded in the Vedas of the Indians. But this is not the original; it is already something derived. With an immensely dry intellectuality, our scholarship today approaches what are the first historical remnants of Egyptian, Babylonian, and Indian cultures. But what our scholarship brings to light only with utter dryness is, in turn, merely the last remnant of humanity’s instinctive primordial knowledge, through which human beings felt at one with the entire universe. Anyone who truly masters the natural sciences today, and then sees what this primordial knowledge of humanity was—even in the faint reflection that has been historically handed down—can understand that Spiritual Science reveals what has not been historically handed down; You can read about this in my *The Secret Science*—anyone who truly knows how to look into this primordial knowledge knows that things looked different in the earlier stages of human development than today’s materialistic anthropology believes; this anthropology imagines that human beings evolved on their own from a “savage” state to the point where we say today: “We have come so wonderfully far.” No, a true examination of human development shows us that there was first a period of prehistoric development. This takes us back to the 7th, 8th, 9th millennia before the emergence of Christianity, when human beings possessed a primal knowledge that they could, however, only acquire by remaining capable of physical and soul development well into later life. And then we look to the first culture that arose in southern Asia following a great global catastrophe that had struck the Earth. We can only come close to understanding this primordial culture by observing the distinctive nature of humanity at that time. The parallel progression of physical and soul development up to the age of seven, and then again until sexual maturity, ceases in our twenties; by then, we are fully formed human beings for the present age. We must no longer believe that we can rise above the abysses of development in the same way that we rise above the loss of baby teeth and sexual maturity.

[ 15 ] Das war anders in Urzeiten der Menschheit. In der alt-indischen Zeit haben sich die Menschen bis in die Fünfzigerjahre hinein physisch-leiblich so entwickelt, wie wir uns nur bis in die zwanziger Jahre hinein entwickeln. Durch diesen Parallelismus der physisch-leiblichen Entwickelung und der geistig-seelischen Entwickelung war das instinktive Urwissen vorhanden, das erlebt wurde von den Patriarchen der damaligen Zeit, von denen, die einfach alt geworden sind, und die noch solche körperliche Umwandlung, wie wir sie nur in der Geschlechtsreife erleben, bis über die Fünfzigerjahre hinaus mit dem seelisch-geistigen Entwickeln durchgemacht haben.

[ 15 ] This was different in the dawn of humanity. In ancient India, people continued to develop physically and bodily well into their fifties, whereas we only develop to that extent until our twenties. Through this parallelism between physical development and spiritual-soul development, a primal, instinctive knowledge existed—one experienced by the patriarchs of that time, by those who simply grew old and who underwent the same physical transformation—which we experience only at sexual maturity—well into their fifties, alongside their spiritual-soul development.

[ 16 ] Dann kam die Zeit, die ich in meiner »Geheimwissenschaft« die urpersische genannt habe. Da kommen wir in das 4., 5., 6. Jahrtausend der vorchristlichen Zeitrechnung zurück, und da vollzieht sich die leibliche Entwickelung noch bis über die Vierzigerjahre hinauf. Und dann kommt die ägyptisch-babylonische Entwickelung, die bisins 3., 4. Jahrtausend der vorchristlichen Zeitrechnung geht. Da bleibt der Mensch entwickelungsfähig bis in die Mitte des Lebens, bis übers 35. Jahr hinaus. Dann kommt diejenige Entwickelung, von der wir eigentlich historisch allein etwas Erhebliches wissen, es kommt die Entwickelung der griechisch-lateinischen, der griechisch-römischen Zeit, jene Entwickelung, in der der Mensch immerhin noch bis zum Anfang der Dreißiger in seiner Leiblichkeit voll entwickelbar bleibt. Der Grieche lebte anders, auch noch der alte Römer lebte anders, als wir leben. Solche Wahrheiten der weltgeschichtlichen Entwickelung, man will sie heute nur nicht zugeben, weil man auf diese Dinge nicht die Aufmerksamkeit hinwendet. Der Grieche lebte noch so, daß er das GeistigSeelische zugleich als ein Leibliches spürte. Wenn er den Blick hinauswendete in die Welt, so wußte er: ich schaue die Dinge nicht bloß an; er wußte gleichzeitig um den physischen Vorgang seines Leibes. Das hing davon ab, daß er viel länger entwickelungsfähig blieb, als wir körperlich-physisch entwickelungsfähig sind.

[ 16 ] Then came the period I have called the “primordial Persian” in my *Secret Science*. This takes us back to the 4th, 5th, and 6th millennia B.C., when physical development continued well into one’s forties. And then comes the Egyptian-Babylonian phase of development, which extends into the 3rd and 4th millennia B.C. During this period, human beings remain capable of physical development until the middle of life, well past the age of 35. Then comes the phase of development about which we actually know anything significant from a historical perspective: the Greek-Latin, or Greek-Roman, era—a period in which human beings still remain fully capable of physical development until the early thirties. The Greeks lived differently, and even the ancient Romans lived differently than we do. Such truths about the development of world history—people simply do not want to admit them today because they do not turn their attention to these matters. The Greeks still lived in such a way that they perceived the spiritual-soul aspect simultaneously as a physical reality. When they turned their gaze out into the world, they knew: I am not merely looking at things; at the same time, they were aware of the physical processes taking place in their bodies. This depended on the fact that they remained capable of development for much longer than we are physically capable of development.

[ 17 ] Sehen Sie, all das, was die Menschen einer früheren menschlichen Entwickelungsepoche noch im Leibe erlebt haben, das erleben wir im Alter nur noch geistig-seelisch, wenn wir es nicht verschlafen. Das sind die Rudimente. Während für das Physische im biogenetischen Grundgesetz der Anfang des Lebens als Wiederholung erscheint dessen, was in der Stammesentwickelung durchgemacht wurde, wachsen wir gerade heute hinein in das, was die Urmenschheit durchgemacht hat, indem wir die Rudimente im Alter betrachten. Dasjenige, was wir heute erleben, wenn wir am Ende der Vierziger-, Anfang der Fünfzigerjahre sind, als seelische Rudimente, das kann uns noch eine Vorstellung geben von der ersten indischen Urkultur, die bis ins 7., 8. Jahrtausend der vorchristlichen Zeitrechnung zurückgeht. Das, was wir in den Vierzigerjahren innerlich seelisch erleben, gibt uns einen Abglanz dessen, was die urpersische Zeit war im 4., 5. Jahrtausend. Dasjenige, was wir erleben in den letzten Dreißigerjahren ist ein Abglanz — nicht mehr leiblich, nur geistig — von dem, was die alten Ägypter, Babylonier ganz anders lebten und fühlten, weshalb sie auch ein ganz anderes soziales Leben führen konnten. Die Gelehrten beschreiben heute die Griechen so, daß sie ihnen im Grunde ganz fremd gegenüberstehen. Es ist ganz merkwürdig, was man eigentlich alles an Außerlichkeit heute geleistet hat. Wir haben vor den Kriegsjahren gehört, wie da oder dort in der Welt »olympische Spiele« wiederum gefeiert werden sollen, olympische Spiele, in denen man die Äußerlichkeit nachahmt von etwas, das ganz darauf gebaut war, daß der Mensch über die Dreißiger hinaus noch eine leiblich-physische Entwickelung durchmacht, die er heute eben nicht durchmacht. Aus dem Leiblichen heraus floß dem Menschen ein Geistig-Seelisches bis ins hohe Alter hinauf in den früheren Zeiten.

[ 17 ] You see, everything that people in an earlier epoch of human development experienced physically—we experience that in old age only on a spiritual and soul level, if we do not sleep through it. These are the rudiments. While, in the biogenetic law, the beginning of life appears as a repetition of what was experienced in ancestral development, we are growing into what primeval humanity experienced precisely today by observing these rudiments in old age. What we experience today—in our late forties and early fifties—as soul rudiments can still give us a mental image of the first Indian primordial culture, which dates back to the 7th and 8th millennia B.C. What we experience inwardly and soulfully in our forties gives us a reflection of what the ancient Persian era was like in the 4th and 5th millennia. What we experience in our late thirties is a reflection—no longer physical, but purely spiritual—of what the ancient Egyptians and Babylonians lived and felt in a completely different way, which is why they were also able to lead a completely different social life. Scholars today describe the Greeks in such a way that they essentially view them as completely alien. It is quite remarkable just how much has actually been achieved in terms of outward appearances today. Before the war years, we heard how, here and there in the world, “Olympic Games” were to be celebrated once again—Olympic Games in which one imitates the outward form of something that was entirely based on the fact that, beyond the age of thirty, a person still undergoes a physical development that they simply do not undergo today. In earlier times, a spiritual and soul aspect flowed from the physical into human beings, continuing well into old age.

[ 18 ] So daß wir sagen können:

[ 18 ] So we can say:

[ 19 ] 1. Kulturstufe: wirkliche Erlebnisse bis über das 48. Jahr
2. Kulturstufe: wirkliche Erlebnisse bis über das 42. Jahr
3. Kulturstufe: wirkliche Erlebnisse bis über das 35. Jahr
4. Kulturstufe: wirkliche Erlebnisse vom 28. bis zum 35. Jahr.

[ 19 ] 1st Cultural Level: Real Experiences Up to Age 48
2nd Cultural Level: Real experiences up to and beyond age 42
3rd Cultural Level: Real experiences up to and beyond age 35
4th Cultural Level: Real experiences from age 28 to 35.

[ 20 ] Die 5. Kulturstufe ist unsere heutige, ist unsere Gegenwart; in der leben wir drinnen seit der Mitte des 15. Jahrhunderts. Da bleiben wir entwickelungsfähig höchstens bis zum 27. oder 28. Jahr.

[ 20 ] The 5th cultural stage is the one we live in today—it is our present; we have been living within it since the mid-15th century. We remain capable of development within it only until the age of 27 or 28 at most.

[ 21 ] Allein diese Anschauung erklärt uns, wie die gegenwärtige Menschheit beschaffen ist. Diese gegenwärtige Menschheit ist so beschaffen, daß sie sich anders entwickeln muß als eine frühere Menschheit. Der gegenwärtigen Menschheit erstehen im Geistig-Seelischen keine Anschauungen mehr, wenn sie sich passiv der leiblich-physischen Entwickelung hingibt. Wenn wir von den Dreißigerjahren an nicht veröden wollen, sind wir darauf angewiesen, uns Anschauungen aus anderen Quellen heraus zu schaffen, als diejenigen sind, die wir bloß durch unsere leiblich-physische Entwickelung erhalten. Vorläufig geben sich die Menschen in bezug auf diese Dinge noch furchtbaren Illusionen hin.

[ 21 ] Only this perspective explains to us the nature of present-day humanity. Present-day humanity is such that it must develop differently from earlier humanity. Present-day humanity no longer develops spiritual-soul perspectives if it passively surrenders to physical development. If we do not want to become spiritually barren from the 1930s onward, we must draw our insights from sources other than those we derive solely through our physical development. For the time being, people are still succumbing to terrible illusions regarding these matters.

[ 22 ] Ich will Sie nur darauf aufmerksam machen, daß unsere religiösen Vorstellungen, auch diejenigen, wovon wir heute noch im Unterrichten leben, ererbte sind. Warum haben wir denn eigentlich diese Furcht vor irgendeiner Erneuerung der religiösen Vorstellungen? Weil man eben heute mit ungeheurer Scheu entgegenblickt dem Entgegennehmen aus geistigen Quellen. Man will bei dem Ererbten stehenbleiben, weil man gewissermaßen sich vor dem Nichts sieht. Das Gefühl ist berechtigt, denn mit 27, 28 Jahren stirbt heute beim Menschen das durch die Leibesentwickelung geweckte innere Geistesleben ab. Wir würden also verödet sein, wenn nicht die ererbten religiösen Vorstellungen wenigstens noch unbewußt und instinktiv in uns spielten. Und wenn wir nicht manche Vorstellungen aus alten Zeiten noch traditionell fortpflanzten, würden wir alle nach dem 28. Jahre veröden. Wir sind eben heute darauf angewiesen, anzuerkennen dies Gesetz der Menschheitsentwickelung. Sie werden merken, die Sache ist im übertragenen Sinne gemeint. Je weiter die Menschheitsentwickelung fortschreitet, desto jünger wird die Menschheit. Mit anderen Worten: diese Menschheitsentwickelung erreicht passiv nur immer jüngere Jahre, dann hört sie auf, in geistiger Hinsicht wirksam zu sein. Der Grieche erreichte noch die Dreißigerjahre in der Leibesentwickelung. Der heutige Mensch erreicht sie nur in seelisch-geistiger Entwickelung und innerlich in Anlagen, die er durch produktive Geistigkeit hervortreiben muß. Und je mehr die Menschen erkalten in bezug auf die traditionellen religiösen Vorstellungen und nichts anderes an ihre Stelle setzen wollen, desto mehr werden sie erleben dieses Erkalten. Die rein intellektualistische Bildung könnte nie und nimmer irgend etwas den Menschen geben für das spätere Alter. Sie ist im wesentlichen dasjenige, was mit dem Zahnwechsel auftritt, was in jungen Kindesjahren auftritt, was wir nur durch eine Anspornung des Willens dann weiter bringen können. Aber dasjenige, um was es sich handelt, ist, daß der Mensch heute in einer Menschheit lebt, die eigentlich nur bis zum 27., 28. Jahre entwickelungsfähig bleibt durch ihre Leiblichkeit und der die weiteren Entwickelungsimpulse für das höhere Alter durch geistige Quellen zugeführt werden müssen.

[ 22 ] I just want to draw your attention to the fact that our religious concepts—including those we still draw upon in our teaching today—are inherited. Why, then, do we actually have this fear of any renewal of religious concepts? Because today people view the acceptance of ideas from spiritual sources with immense apprehension. People want to cling to what they have inherited because, in a sense, they feel they are facing nothingness. This feeling is justified, for today, at the age of 27 or 28, the inner spiritual life awakened by physical development dies away in human beings. We would therefore be left desolate if the inherited religious mental images did not at least continue to operate within us, even unconsciously and instinctively. And if we did not pass on certain mental images from ancient times as tradition, we would all become desolate after the age of 28. We are simply compelled today to acknowledge this law of human development. You will notice that this is meant in a figurative sense. The further human development progresses, the younger humanity becomes. In other words: this human development passively reaches ever younger ages, and then ceases to be effective in a spiritual sense. The ancient Greeks still reached their thirties in terms of physical development. Modern humans reach that stage only in terms of soul-spiritual development and, inwardly, in terms of capacities that they must bring forth through productive spirituality. And the more people grow cold toward traditional religious mental images and refuse to replace them with anything else, the more they will experience this growing coldness. A purely intellectual education could never, ever provide people with anything for their later years. It is essentially what occurs with the loss of baby teeth, what occurs in early childhood—and which we can only advance further through a stimulation of the will. But the point is that people today live in a humanity that, due to its physical nature, remains capable of development only up to the age of 27 or 28, and that the further impulses for development in later life must be supplied from spiritual sources.

[ 23 ] Wenn man heute so das soziale Leben betrachtet, dann sagt man sich ja allerdings, die Betrachtung nach Ideen zeige uns dieses Jüngerwerden der Menschheit, zeige uns dieses immer Unvollkommenerwerden der Menschheit nach einer gewissen Seite hin. Aber ich glaube, derjenige, der nun wirklich so etwas erfassen kann, der sich mit vollem Verantwortungsgefühl in die Menschheit hineinstellen kann mit einem solchen Wissen von der Entwickelung der Menschheit, in dem geht der Wille auf, der unsere pädagogische Kunst befruchten kann. Man sieht dann hin auf dasjenige, was man eigentlich zu leisten hat. Man hat aus geistigen Quellen etwas herauszuholen, was den Menschen Mensch sein läßt, auch wenn er über das 27. oder 28. Jahr hinauf sich entwickelt. Dieses Sichvertiefen mit Gefühl und Gemüt in die Entwickelungsimpulse der Menschheit, das ist der Sporn in uns, den wir zuerst brauchen. Man überschaut es heute nicht genügend. Wenn dem Menschen heute eingeimpft wird, die Erde habe sich herausentwickelt aus einem Urnebel mit den anderen Planeten, werde einstmals wiederum in die Sonne zurückfallen, und man wisse nicht, wozu eigentlich diese Menschheit da ist; wenn man heute in seine Gesinnung die ganze Entwickelung aufnimmt, von der die naturwissenschaftliche Weltanschauung spricht, da wird kein Wille daraus. Aus dieser Weltanschauung, die auf die wahre Wirklichkeit im Menschen hinblickt, wird Wille, denn man weiß jetzt, was man zu tun hat, man weiß, daß jetzt jene Erziehungsnotwendigkeiten beginnen, die vorher von der Natur selbst geleistet worden sind. Man blickt zurück in die alten Zeiten und sagt: Ihr Griechen waret noch so glücklich, daß ihr aus eurer Leiblichkeit heraus über das 28. Jahr hinein Geistig-Seelisches in euch habt entwickeln können, ihr Ägypter, ihr Babylonier, daß ihr selbst noch bis in die Vierzigerjahre rein dadurch, daß Göttliches urkräftig in eure leiblichen Organe hineingewirkt hat, das wiederum habt herausholen können. Diese Möglichkeit, dasjenige, was die Natur selbst, das heißt die göttlichen Kräfte in der Natur geleistet haben, herauszuholen, die besteht für die heutige Menschheit nicht mehr, wird immer weniger bestehen für die zukünftige Menschheit. Wir Menschen müssen die Entwickelung in die Hand nehmen. Wir müssen immer mehr und mehr uns hineinfinden in die Aufgabe, aus den Menschen erst Menschen zu machen.

[ 23 ] When one looks at social life today, one does indeed say to oneself that viewing it through the lens of ideas reveals to us this process of humanity becoming a disciple, reveals to us this ever-increasing imperfection of humanity in a certain respect. But I believe that in the person who can truly grasp such a thing—who can place themselves within humanity with a full sense of responsibility and with such knowledge of human development—there arises the will that can enrich our art of education. One then looks toward what one actually has to accomplish. One must draw from spiritual sources that which allows a human being to remain human, even as he or she develops beyond the age of 27 or 28. This immersion, with feeling and heart, into the developmental impulses of humanity—that is the spur within us that we need first and foremost. People today do not grasp this sufficiently. When people today are taught that the Earth evolved from a primordial nebula along with the other planets, that it will one day fall back into the Sun, and that we do not know what the purpose of humanity actually is; when one incorporates into one’s outlook the entire course of development described by the scientific worldview, no will arises from it. From this worldview, which looks toward the true reality within the human being, will arises, for one now knows what one must do; one knows that the educational necessities are now beginning that were previously fulfilled by nature itself. One looks back to ancient times and says: “You Greeks were still fortunate enough to be able to develop spiritual and soul elements within yourselves from your physical nature well beyond the age of 28; you Egyptians, you Babylonians, you yourselves were able to draw this out even into your forties, purely because divine forces worked with primal power into your physical organs.” This possibility—of drawing out what nature itself, that is, the divine forces in nature, has accomplished—no longer exists for humanity today and will exist less and less for future humanity. We humans must take development into our own hands. We must increasingly find our way into the task of making human beings truly human.

[ 24 ] Da beginnt Wissenschaft unmittelbar Wille zu werden. Denn da, da zeigt es sich, daß wir eigentlich in jene Zeit der Menschheitsentwickelung erst eingetreten sind, in der gerade für die Erziehungskunst die neuen Aufgaben erwachsen. Deshalb war alle Erziehungskunst bis in die neueste Zeit instinktiv. Mehr als irgend etwas anderes war alle Erziehungskunst instinktiv. Dann gab es gute abstrakte Grundsätze, die ich hinlänglich schon auseinandergesetzt habe. Jetzt aber entsteht die Notwendigkeit, diese abstrakten Grundsätze von innen heraus zu beleben, weil wir es in der Hand haben, entweder diese abstrakten Grundsätze durch Belebung zu einer wirklichen Kunst der Menschenbildung zu machen, oder aber die Menschheit der Ödigkeit auszuliefern in der Zukunft.

[ 24 ] This is where science begins to become will itself. For it is here that it becomes apparent that we have only just entered that phase of human development in which new tasks are emerging, particularly for the art of education. That is why, up until very recently, the art of education was instinctive. More than anything else, the art of education was instinctive. There were, of course, sound abstract principles, which I have already discussed at length. Now, however, the need arises to breathe life into these abstract principles from within, because it is in our hands to either transform these abstract principles—by breathing life into them—into a true art of human education, or to consign humanity to desolation in the future.

[ 25 ] Indem ich jetzt am Beginne desjenigen stehe, was ich eigentlich pädagogisch-künstlerisch erörtern will, sehen Sie, daß ich den Ausgangspunkt nehmen möchte nicht von einer theoretischen Erörterung, sondern von einem Gefühl. Ich möchte hier am Ausgangspunkt der Betrachtungen die Worte aussprechen, daß man bei einer Pädagogik nicht auszugehen hat von Grundsätzen, sondern von einem Gefühl. Wir müssen in diesem Moment von dem Gefühl durchdrungen sein: Der Menschheit Seeleninhalt ist in die Hand der Jugendbildner, der Erzieher gegeben. Sie ist es in gesunder Weise, wenn wir sozusagen die Zukunft der Menschheit in uns fühlen. Dies ist der richtige Ausgangspunkt, nicht wenn wir das oder jenes wissen, sondern wenn wir das fühlen, wenn wir das empfinden, wenn wir die ganze Aufgabe der Erziehung, wie sie zusammenhängt mit der Menschheitsentwickelung, fühlen und empfinden. Diesen Ausgangspunkt wollte ich heute als nicht einen theoretischen, sondern als einen empfindungsgemäßen vor Sie hinstellen. Ich möchte sagen, das, was ich heute vor Sie hinstellen wollte, hat man dann richtig erfaßt, wenn man alle einzelnen Sätze, die ich gesprochen habe, alle einzelnen theoretischen Wendungen, die ich gebraucht habe, vergessen kann, und auf seiner Seele lasten fühlt dasjenige, was die Aufgabe des Erziehers ist. Wenn man, in dieses Gefühl zusammengefaßt, das mitnehmen kann, was angeregt werden sollte durch diese Betrachtungen, wenn sich alles Gesprochene in einem Gefühl ablagert, werden wir aus diesem Gefühl die Einzelheiten der pädagogischen Kunst in den folgenden Betrachtungen entwickeln können.

[ 25 ] As I now stand at the beginning of what I actually wish to discuss from a pedagogical and artistic perspective, you can see that I would like to take as my starting point not a theoretical discussion, but a feeling. I would like to begin these reflections by stating that pedagogy must not be based on principles, but on a feeling. At this moment, we must be imbued with the feeling that the spiritual essence of humanity has been entrusted to the hands of those who shape young people—the educators. This is healthy when we, so to speak, feel the future of humanity within us. This is the correct starting point—not when we know this or that, but when we feel it, when we sense it, when we feel and sense the entire task of education as it relates to the development of humanity. Today I wanted to present this starting point to you not as a theoretical one, but as one based on feeling. I would like to say that what I wanted to present to you today has been properly grasped when you can forget all the individual sentences I have spoken, all the individual theoretical phrases I have used, and feel weighing upon your soul what the task of the educator is. If, encapsulated in this feeling, one can take away what these reflections were meant to inspire—if everything that has been said settles into a single feeling—then we will be able to develop the details of the art of education from this feeling in the following reflections.

Fragenbeantwortung

Q&A

[ 26 ] Dr. Steiner (auf Einwendungen antwortend, die mündlich vorgebracht wurden): Ich möchte heute nur weniges noch sagen: Es ist ja ungeheuer naheliegend, davon auszugehen, daß zum Beispiel Zeichnungen der Kinder erinnern an Zeichnungen wilder Völker. Dem liegt aber eine völlig unbegründete Hypothese zugrunde, daß nämlich die Völker, bei denen wir heute diese Zeichnungen finden, die Urvölker gewesen seien. Wir finden allerdings, daß wir die Zeichnungen der Kinder vergleichen können mit Zeichnungen, die, wie wir sagen, primitive Völker machen. Diese Völker sind aber nicht primitiv, sondern dekadent. Dazu macht die naturwissenschaftliche Anthropologie noch den Fehler, daß sie die Völker, die heute wild und barbarisch leben, gewissermaßen wie diejenigen ansieht, von denen wir alle mehr oder weniger abstammen. Die Erziehungskunst darf nicht aufbauen auf einen solchen wissenschaftlichen Fehler; denn wenn sie das tut, wird sie eben diesen Anklang kindlicher Eigenheiten an Eigenheiten von heute lebenden wilden Völkern überschätzen; und dieser Anklang ist auch in der neuesten Zeit gründlich überschätzt worden. Die Tatsachen kann man selbstverständlich zugeben, aber die Verbindung der Tatsachen beruht auf einer Verkennung des wirklichen Zusammenhanges zwischen der Entwickelung des einzelnen Menschen mit der ganzen Menschheitsentwickelung. Auch das ist nicht ausschlaggebend, daß wir heute Kinderverse finden, die weit in die Zeit, die ich hier als den 5. Zeitraum angegeben habe, zurückgehen. Weiter gehen diese Kinderverse nicht zurück. Würden wir durch Geisteswissenschaft weiter zurückgehen, als es die äußere Anthropologie kann, so würden wir finden, daß wir heutige Kinderverse durchaus nicht anführen dürfen für das, was in früheren Zeiten der Menschheitsentwickelung vorhanden war.

[ 26 ] Dr. Steiner (responding to objections raised verbally): I would like to say just a few more things today: It is, of course, extremely obvious to assume that, for example, children’s drawings resemble those of primitive peoples. However, this is based on a completely unfounded hypothesis—namely, that the peoples among whom we find these drawings today were the original peoples. We do, however, find that we can compare children’s drawings with drawings made by what we call “primitive peoples.” These peoples, however, are not primitive, but decadent. Furthermore, scientific anthropology makes the mistake of viewing peoples who live in a wild and barbaric manner today, as it were, as those from whom we are all more or less descended. The art of education must not be based on such a scientific error; for if it does, it will overestimate the resemblance between children’s characteristics and those of savage peoples living today; and this resemblance has also been thoroughly overestimated in recent times. One can, of course, acknowledge the facts, but the connection drawn between them is based on a misunderstanding of the true relationship between the development of the individual human being and the development of humanity as a whole. Nor is it decisive that we find children’s verses today that date back far into the period I have referred to here as the fifth epoch. These children’s verses do not go back any further than that. If we were to go back further through Spiritual Science than external anthropology can, we would find that we must by no means cite today’s children’s verses as evidence of what existed in earlier periods of human development.

[ 27 ] Auf nichts anderes möchte ich heute hinweisen, als daß von der äußerlichen Anthropologie, die den Menschen von der Gegenwart in die Urzeit zurückverfolgt, die im heutigen Menschen einen Nachklang des Urmenschen sieht, der Weg beschritten werden muß zu einer geisteswissenschaftlichen Betrachtung der Menschheitsentwickelung. Auf diesem Weg muß man natürlich auch ein Gefühl entwickeln für das, was nur historisch von der instinktiven Urkultur der Menschheit übriggeblieben ist. Ich erinnere an die Veden-Literatur, an die ungeheuer bedeutsamen Taosprüche des Laotse und so weiter. Gerade der, welcher eine geisteswissenschaftliche Betrachtung der Menschheitsentwickelung vermittelt, wird alles das, was historisch überliefert ist, berücksichtigt haben, bevor er zu dem gelangt, was ich hier erwähnt habe.

[ 27 ] Today I wish to point out nothing other than that, starting from physical anthropology—which traces human beings back from the present to prehistoric times and sees in modern humans an echo of primitive man—we must embark on a path toward a perspective on human evolution developed by Spiritual Science. Along this path, one must, of course, also develop a sense of what remains—merely as a historical remnant—of humanity’s instinctive primordial culture. I refer to the Vedic literature, to the immensely significant Taoist sayings of Laozi, and so on. Precisely the one who conveys a perspective on human development based on Spiritual Science will have taken into account everything that has been historically handed down before arriving at what I have mentioned here.

[ 28 ] Gestern habe ich nicht umsonst gesagt, es wäre selbstverständlich viel bequemer, in das allgemeine Horn hineinzublasen, als sich so vielen Dingen entgegenstemmen zu müssen. Gerade das ist aber heute ein gefährlicher pädagogischer Grundsatz: den Parallelismus zu ziehen zwischen dem, was Kinder tun, mit dem, was die heutigen wilden Völker tun oder was uns heute frühere Zeiten — was man heute »frühere Zeiten« nennt — vormachen. Denn es handelt sich tatsächlich darum, daß wir wirklich finden die Quellen des geistigen Lebens, und wir müssen sie ja im Kinde erst suchen.

[ 28 ] It was not for nothing that I said yesterday that it would, of course, be much more convenient to go along with the general trend than to have to resist so many things. But that is precisely what constitutes a dangerous pedagogical principle today: drawing a parallel between what children do and what today’s “wild peoples” do, or what earlier times—what we now call “earlier times”—set as an example for us. For the point is, in fact, that we must truly find the sources of spiritual life, and we must first seek them within the child.

[ 29 ] Dann das andere. Beachten Sie, bitte, daß ich doch gesagt habe, es findet sich heute der abstrakte Grundsatz — ich habe ihn sogar als mustergültig bezeichnet —, aus dem Kinde heraus zu entwickeln. Das können wir heute in allen Varianten hören, und wir können den Glauben finden, daß man es tue. Aber versuchen Sie nur einmal erst darauf einzugehen, was es heißt, die kindliche Natur nicht als ein unbekanntes Mystisches hinzunehmen, das dann aus sich heraus entwickelt werden soll, sondern sich selbst erst bereit zu machen durch das, was wir in uns als Selbsterziehung erlangen, was wir nur durch Geisteswissenschaft erlangen können. Versuchen Sie durch Geisteswissenschaft einen Blick zu erlangen für das, was wirklich in den Kindern lebt! Ich habe durchaus nichts gegen den Grundsatz, man solle nichts von außen an das Kind heranbringen, sondern alles in dem Kinde sehen; man muß aber erst lernen, in dem Kinde zu sehen. Dazu muß der Mensch erst durchsichtig werden. Und das, was ich gebe, führt ja nur dahin, wirklich die verschiedensten Seiten der Menschennatur zu sehen. Man verdeckt sich aber die verschiedenen Seiten der Menschennatur durch vieles von dem, was heute aus der gewöhnlichen materialistischen Gesinnung heraus stammt. Denn dasjenige, was man heute vielfach geistig-seelisch nennt, ist ein Abstraktes, ein Intellektualistisches. Manches von dem, was natürlich notwendig ist, um die Dinge zu belegen, die ich ausgesprochen habe, wird ja erst in den folgenden Betrachtungen wirklich zutage treten. Aber weder habe ich etwas dagegen, wenn man sagt, man soll dasjenige, was im Kinde ist, vor allen Dingen schätzen und bewerten und es aus dem Kinde herausholen, noch habe ich etwas dagegen, wenn jemand sagt, man soll nicht das, was in uns ist, in das Kind hineinbringen. Im Gegenteil, die beiden Grundsätze betrachte ich als etwas ganz Selbstverständliches. Es handelt sich mir nur darum, zu zeigen, wie es möglich ist, diese beiden Grundsätze im umfassenden Sinne wirklich zu beachten.

[ 29 ] Now for the other point. Please note that I did say that today there is the abstract principle—I even described it as exemplary—of developing the child from within. We hear this in all its variations today, and we may come to believe that it is actually being done. But just try for a moment to consider what it means not to accept the child’s nature as some unknown, mystical entity that is then to be developed from within, but rather to prepare ourselves first through what we attain within ourselves as self-education—something we can attain only through Spiritual Science. Try, through Spiritual Science, to gain an insight into what truly lives within children! I have absolutely nothing against the principle that one should not impose anything from the outside on the child, but rather see everything within the child; yet one must first learn to see within the child. To do this, a person must first become transparent. And what I offer leads precisely to truly seeing the most diverse aspects of human nature. However, the various aspects of human nature are obscured by much of what stems today from the ordinary materialistic mindset. For what is often called “spiritual-psychic” today is an abstraction, an intellectual construct. Much of what is naturally necessary to substantiate the points I have made will only truly come to light in the following reflections. But I have no objection to the view that one should, above all, value and appreciate what is within the child and draw it out of the child, nor do I object when someone says that one should not impose upon the child what is within us. On the contrary, I regard both of these principles as entirely self-evident. My sole concern is to show how it is possible to truly observe these two principles in a comprehensive sense.