The Healthy Development of the Human Being
An Introduction to Anthroposophical Education and Didactics
GA 303
26 December 1921, Dornach
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The Healthy Development of the Human Being, tr. SOL
Vierter Vortrag
Fourth Lecture
[ 1 ] Bei allen gegenwärtigen Betrachtungen, die ja dann ihren Ausdruck auf dem Erkenntnisgebiete und auch in der Lebenspraxis durch die intellektualistisch-naturalistische Welterklärung finden, legt man eigentlich eine Beobachtung desjenigen zugrunde, was dem Menschen im gegenwärtigen Augenblicke vorliegt. Aus Äußerlichkeiten könnte das anders erscheinen. Allein im weiteren Verlaufe dieser Darstellungen wird schon ersichtlich sein, daß es sich da eben doch um Äufßerlichkeiten handelt. Wir untersuchen den Menschen seiner Organisation nach durch die gewöhnliche Methode der Biologie, der Physiologie, der Anatomie, und wir machen uns da eigentlich immer mit demjenigen zu tun, was uns der gegenwärtige Augenblick bedeutet. Allerdings, es sieht zunächst anders aus. Wir untersuchen zum Beispiel die Lunge eines Kindes, die Lunge eines reifen Menschen, die Lunge eines Greises und stellen den augenblicklichen Befund fest. Dann ziehen wir unsere Schlußfolgerungen für den menschlichen Lebenslauf. Aus den Veränderungen der Lunge von der Kindheit bis zur Greisenhaftigkeit schließen wir etwas über die menschliche Entwickelung. Aber dasjenige, was wir da für den eigentlichen Verlauf tun, ist nicht ein Hineinleben in den zeitlichen Verlauf, sondern es ist doch ein Stehenbleiben bei dem Räumlichen, und den zeitlichen Verlauf schließen wir nur aus den räumlichen Veränderungen. Wir machen es ja so, wie wir es etwa bei unserer Beobachtung der Uhr machen. Wir beobachten die Uhr, sagen wir am Morgen, in ihrer Zeigerstellung und orientieren uns aus einem Räumlichen über die Zeit. Wir beobachten die Uhr dann am Mittag, orientieren uns wiederum aus einem Räumlichen über die Zeit. Wir schließen vom Räumlichen auf die Zeit. Diese Art, sich ins Leben hineinzustellen, ist überhaupt unsere gewöhnliche geworden. Wir beobachten den Augenblick, den wir erleben. Wir erleben ihn an dem Räumlichen. Aber nicht in der gleichen Weise erleben wir das innere Werden der Zeit. Nur dadurch kann man das Wesen des menschlichen Lebenslaufes zwischen Geburt und Tod richtig beurteilen, daß man sich ebenso lebendig in die Zeit versetzen kann, wie wir es gewohnt worden sind, uns in den Raum zu versetzen. Ich will das durch einige Beispiele erläutern, gerade mit Bezug auf das Menschenleben, was ich soeben theoretisch ausgesprochen habe. Denn gerade für denjenigen, der Erziehungs- und Unterrichtskunst üben will, ist dieses Sich-Einleben in den zeitlichen Verlauf von ganz besonderer Wichtigkeit. Das sieht man aus solchen Beispielen.
[ 1 ] In all current considerations—which, after all, find their expression in the realm of knowledge and also in practical life through an intellectualistic-naturalistic explanation of the world—one actually bases one’s analysis on an observation of what is present to the human being at the very moment. Outward appearances might suggest otherwise. Yet as these discussions proceed, it will become clear that these are, in fact, merely superficial aspects. We examine the human being in terms of its organization using the standard methods of biology, physiology, and anatomy, and in doing so, we are actually always dealing with what the present moment reveals to us. Admittedly, it appears differently at first glance. For example, we examine the lungs of a child, the lungs of an adult, and the lungs of an elderly person, and we record the findings at that moment. Then we draw our conclusions regarding the course of human life. From the changes in the lungs from childhood to old age, we infer something about human development. But what we are actually doing here is not immersing ourselves in the temporal progression; rather, we are focusing on the spatial aspect, and we infer the temporal progression solely from the spatial changes. We do this in much the same way as we do when observing a clock. We observe the clock—let’s say in the morning—and note the position of its hands, using a spatial reference to orient ourselves regarding time. We then observe the clock at noon and again use a spatial reference to orient ourselves regarding time. We infer time from the spatial. This way of relating to life has become our customary approach. We observe the moment we are experiencing. We experience it through spatiality. But we do not experience the inner unfolding of time in the same way. The essence of the human life course between birth and death can only be properly assessed if one can place oneself just as vividly within time as we have become accustomed to placing ourselves within space. I would like to illustrate what I have just stated theoretically with a few examples, specifically in relation to human life. For those who wish to practice the art of education and teaching, this immersion in the flow of time is of particular importance. This becomes clear from such examples.
[ 2 ] Man nehme an, ein Kind entwickle eine ganz besondere Ehrfurcht für Erwachsene. Ein gesundes Empfinden wird gerade das beim Kind als etwas Gesundes ansehen, was eben das Kind zu einer solchen selbstverständlichen Ehrfurcht vor dem Erwachsenen führt, wenn diese Ehrfurcht durch die Eigenschaft des Erwachsenen berechtigt ist, und das soll ja so sein. Wir werden davon in den weiteren Vorträgen gerade im Sinne einer Erziehungs- und Unterrichtskunst zu sprechen haben. Jetzt will ich das nur als Beispiel anführen.
[ 2 ] Suppose a child develops a very special sense of reverence for adults. A healthy perspective will regard as healthy precisely that aspect of the child which leads him or her to such a natural sense of reverence for adults, provided that this reverence is justified by the adult’s character—and that is indeed how it should be. We will discuss this in future lectures specifically in the context of the art of education and teaching. For now, I simply want to cite this as an example.
[ 3 ] Nun beschränkt man sich gewöhnlich darauf, daß man sagt: Es gibt Kinder, die entwickeln eine solche Ehrfurcht. - Man schreibt das gewissen Eigentümlichkeiten gewisser kindlicher Wesen zu, und man begnügt sich mit dem Augenblick. Man gelangt niemals zu einer Erkenntnis der ganzen Bedeutung dieser Ehrfurcht, wenn man nicht das ganze menschliche Leben betrachtet. Man wird dann allmählich in die Lage kommen, den oder jenen Menschen in einem späten, vielleicht sehr späten Lebensalter zu beobachten, und man wird finden, daß es Menschen gibt, welche die Eigentümlichkeit haben, in selbstverständlicher Art andere, die einen Trost brauchen, zu trösten, anderen, die eine Erbauung brauchen aus der Not des Lebens heraus, eine solche Erbauung zu geben. Oftmals ist es wahrhaftig nicht einmal der Inhalt desjenigen, was solche tröstenden, erhebenden Menschen sagen; es liegt im Timbre, im Klang der Stimme; es ist die Art und Weise, wie sie sprechen. Geht man dann im Lebenslaufe solcher Menschen auf das Kindesalter zurück, dann findet man: das sind Menschen, die in ihrem Kindesalter ganz besonders der Ehrfurcht beflissen waren, der Hochachtung vor dem Erwachsenen. Dieses ehrfürchtige Sich-Verhalten zu den Erwachsenen, das verschwindet dann im Laufe der Zeit, lebt in den Untergründen des Lebenslaufes und tritt im reifen Alter in der Gabe, Erbauung, Erhebung zu bieten, wiederum auf.
[ 3 ] Now, people usually limit themselves to saying: There are children who develop such a sense of awe. — This is attributed to certain peculiarities of certain children, and people are content with the moment. One never arrives at an understanding of the full significance of this awe unless one considers the entirety of human life. One will then gradually find oneself in a position to observe this or that person at a late, perhaps very late, stage of life, and one will discover that there are people who have the distinctive quality of naturally comforting others who need comfort, and of providing encouragement to others who need it in the midst of life’s hardships. Often, it is truly not even the content of what such comforting, uplifting people say; it lies in the timbre, in the sound of their voice; it is the way in which they speak. If one then looks back at the childhood of such people in the course of their lives, one finds: these are people who, in their childhood, were particularly devoted to reverence, to respect for adults. This reverent attitude toward adults, which then fades over time, lives on in the depths of their life story and reemerges in maturity as the gift of offering edification and uplift.
[ 4 ] Man kann das in einer gewissen Weise Geschilderte auch in der folgenden Art aussprechen. Man kann sagen: Wenn ein Kind so richtig aus dem Inneren heraus hat beten lernen, die Betstimmung hat entwickeln lernen, so geht diese Bestimmung in der angedeuteten Weise während des mittleren Stadiums des Lebens in die Untergründe des Lebens hinein und kommt in sehr späten Lebensaltern wieder heraus und äußert sich dann als eine gewisse Gabe des Segnens, die von anderen Menschen empfunden wird. Aber gerade bei solchen Menschen, deren Dasein im späteren Alter segnend wirkt für den Mitmenschen, wird man wiederum finden: sie haben die betende Stimmung in ihrer Kindheit zu eigen gehabt. — Solche Dinge findet man nur, wenn man ebenso mit der Zeit leben lernt, wie wir das mit dem Raume gewohnt geworden sind. Und es muß schon ein Wissen geben, das in der Zeit ebenso lebt wie im Raume, nämlich unmittelbar, nicht durch Schlußfolgerungen aus dem Räumlichen, wie wir es mit der Uhr machen.
[ 4 ] What has been described in a certain way can also be expressed as follows. One could say: When a child has truly learned to pray from within, has learned to develop a prayerful disposition, this disposition sinks into the depths of life in the manner described during the middle stage of life, reemerges in very old age, and then manifests as a certain gift of blessing that is perceived by others. But precisely in the case of such people, whose very presence in later life has a blessing effect on their fellow human beings, one will again find that they had made the prayerful disposition their own in childhood. — Such things can only be discovered if one learns to live with time just as we have become accustomed to doing with space. And there must be a kind of knowledge that lives in time just as it does in space—namely, directly, not through inferences drawn from spatial relationships, as we do with a clock.
[ 5 ] Das, was ich Ihnen da, ich möchte sagen, für das moralisch-innerliche Leben durch ein paar Beispiele veranschaulicht habe, das muß aber, wenn es zu einer wirklichen Erziehungs- und Unterrichtskunst kommen soll, schon in den Anfängen der allgemeinen Menschenbetrachtung durchaus auch angewender werden. Und das kann in der folgenden Weise geschehen.
[ 5 ] What I have just illustrated for you—I would say—regarding the moral and inner life through a few examples must, however, if we are to achieve a true art of education and teaching, be applied from the very beginning of our general consideration of human nature. And this can be done in the following way.
[ 6 ] Wenn wir den Menschen, wie er uns als Ganzes im Leben entgegentritt, mit dem Tiere vergleichen, dann finden wir, daß das Tier, insbesondere das höhere Tier, gleich so geboren wird, daß es die ihm im Leben notwendigen Geschicklichkeiten besitzt. Das auskriechende Hühnchen ist schon ganz seiner Umgebung angepaßt, braucht nicht mehr zu lernen; seine Organe besitzen eine so feststehende Plastizität, wie das betreffende 'Tier nach seiner besonderen Art sie eben nötig hat. Das ist beim Menschen ja nicht der Fall. Der Mensch wird hilflos geboren, er muß erst durch die Außenwelt seine besondere Geschicklichkeit auf gewissen Gebieten erwerben. Das verdankt der Mensch dem Umstande, daß das Wichtigste in seinem irdischen Lebenslaufe eine mittlere Etappe ist zwischen der Kindheit und dem Greisenalter im weiteren Sinne. Diese mittlere Etappe, diese Zeit der Reife ist für das Leben des Menschen auf der Erde hier das Allerwichtigste. Da paßt er seine Organisation durch Erwerbung der Geschicklichkeit dem äußeren Leben an. Da tritt er mit der äußeren Welt in erfahrungsgemäße Beziehung. Diese mittlere Etappe, in der die Organe noch ihre labile Plastizität haben, fehlt eigentlich dem Tier vollständig. Das Tier wird schon so in das Leben hineingeboren, wie wir Menschen im Grunde erst als Greise werden, wo unsere Formen fest werden, wo unseren Formen eine feststehende Plastizität eigen ist. Will man die Animalität verstehen in ihrer Beziehung zur Welt, so versteht man sie eigentlich nur richtig, wenn man sie mit der menschlichen Greisenhaftigkeit vergleicht.
[ 6 ] If we compare human beings—as they appear to us as a whole in life—with animals, we find that animals, especially higher animals, are born already possessing the skills necessary for their lives. The chick that hatches is already fully adapted to its environment and needs to learn nothing more; its organs possess a fixed degree of plasticity precisely as required by that particular animal according to its specific nature. This is certainly not the case with humans. Humans are born helpless; they must first acquire their specific skills in certain areas through interaction with the external world. Humans owe this to the fact that the most important phase of their earthly life is an intermediate stage between childhood and old age in the broader sense. This intermediate stage—this time of maturity—is the most crucial aspect of human life on Earth. It is during this time that humans adapt their physical constitution to external life by acquiring these skills. It is during this time that they enter into an experiential relationship with the external world. This intermediate stage, in which the organs still possess their labile plasticity, is actually completely absent in animals. The animal is born into life in the same way that we humans, in essence, only become like the elderly—when our forms become fixed, when our forms possess a stable plasticity. If one wishes to understand animality in its relationship to the world, one can only truly understand it by comparing it to human old age.
[ 7 ] Es kann aber dann die Frage auftauchen: Äußert sich nicht das Tier auch in seinen seelischen Eigenschaften sogleich in Greisenhaftigkeit? — Das ist nicht der Fall, weil ein anderer Pol noch da ist im Tiere, der diesem Greisigen entgegenwirkt, und das ist die Fortpflanzungsfähigkeit. Die Fortpflanzungsfähigkeit ist zugleich für den Menschen, der sie trägt oder für das Wesen, das sie trägt, ein Verjüngendes. Und indem das Tier auf der einen Seite die Greisenhaftigkeit entwickelt, auf der anderen Seite aber in diese Greisenhaftigkeit die Fortpflanzungsfähigkeit hineinfließt, bleibt es in einer gewissen Weise doch bewahrt vor dem zu frühen Ergreisen, bis es fortpflanzungsfähig wird.
[ 7 ] But the question may then arise: Does the animal not also immediately manifest senility in its psychological characteristics? — That is not the case, because there is another pole within the animal that counteracts this senility, and that is the capacity for reproduction. The ability to reproduce is, at the same time, a rejuvenating force for the human being—or for the creature—who possesses it. And because the animal develops senility on the one hand, while on the other hand the ability to reproduce flows into this senility, it remains, in a certain sense, protected from premature aging until it becomes capable of reproduction.
[ 8 ] Können Sie aber ein Tier oder eine Tierart unbefangen betrachten, dann werden Sie sich sagen: in dem Momente, wo das Tier bei der Fähigkeit anlangt, Nachkommenschaft zu erzeugen, ist es eigentlich schon in die Greisenhaftigkeit hineingekommen. Das ist gerade das Eigentümliche beim Menschen, daß sowohl Greisenhaftigkeit wie Kindhaftigkeit - denn während der Kindhaftigkeit entwickelt sich langsam die Fortpflanzungsfähigkeit-an die Enden des Lebens gestellt sind, und in der Mitte die organisch-plastische Etappe drinnen liegt, die sich durch die Beziehung mit der Außenwelt an diese Außenwelt anpassen kann. Und man kann es in einem gewissen Sinne das Normale des Menschenlebens nennen, daß diese mittlere Etappe in der richtigen Weise bei dem Menschen vorhanden ist. Dann werden gewissermaßen in der richtigen Zeit die Menschen Kinder sein, aufhören in der richtigen Zeit, Kinder zu sein, ins Reifealter eintreten, und sie werden auch in der richtigen Zeit aus dem Reifealter in das Greisenalter eintreten.
[ 8 ] But if you can observe an animal or an animal species objectively, you will say to yourself: the moment the animal reaches the stage where it is capable of producing offspring, it has in fact already entered into old age. This is precisely what is unique about human beings: that both old age and childhood—for during childhood the ability to reproduce develops slowly—are situated at the extremes of life, while in the middle lies the organically malleable stage, which, through its relationship with the outside world, can adapt to that world. And in a certain sense, one can call it the norm of human life that this middle stage is present in humans in the proper way. Then, as it were, at the right time, people will be children, cease to be children at the right time, enter adulthood, and they will also, at the right time, transition from adulthood into old age.
[ 9 ] Wenn man diesen ganzen Lebensweg des Menschen mit einem SichHineinversetzen in das Zeitliche betrachtet, dann kommt man gerade von da aus auch zu der Betrachtung der Abnormitäten. Man kann nämlich bei gewissen menschlichen Individuen sehen, wie sie es, wenn ich so sagen darf, nicht verstehen, die Greisenhaftigkeit lange genug zurückzuhalten. Ich denke jetzt gar nicht an diejenige Greisenhaftigkeit, die gleich graue Haare oder frühzeitig kahlen Schädel bekommt, diese Greisenhaftigkeit meine ich nicht, denn man kann lange, wenn man einen kahlen Schädel bekommen hat, noch ein Kindskopf geblieben sein, aber ich meine diejenige Greisenhaftigkeit, die sich mehr innerlich, organisch äußert, und die auch nur einer inneren Lebensbeobachtung, einer intimen Lebensbeobachtung gegenüber sichtbar wird: die seelische, wenn wir sie so nennen dürfen, Greisenhaftigkeit, die dann in das Leben hereinspielt, wenn dieses Leben äußerlich durchaus in der plastischen Etappe ist.
[ 9 ] If one considers the entire course of a human life by placing oneself within the temporal realm, then it is precisely from that perspective that one also arrives at a consideration of abnormalities. For one can see in certain individuals how they—if I may put it that way—fail to hold back the signs of old age long enough. I am not referring here to the kind of aging that manifests as gray hair or premature baldness; that is not the kind of aging I mean, for even after one has gone bald, one can remain childlike for a long time, but I am referring to the kind of senility that manifests itself more internally, organically, and that becomes visible only through an inner observation of life, an intimate observation of life: the psychological—if we may call it that—senility that comes into play in life when that life is, outwardly, still very much in its formative stage.
[ 10 ] Es kann aber auch das Umgekehrte eintreten: der Mensch kann in seinem Lebenslauf nicht in der rechten Zeit die Kindhaftigkeit verlassen. Dann spielt die Kindhaftigkeit in das mittlere Lebensalter hinein; dann trägt er dasjenige, was er eigentlich nur innerlich-seelisch als Kind haben sollte, in das mittlere Alter hinein. Und durch dieses entsteht im menschlichen Lebenslaufe ganz besonders Eigentümliches, das wir heute skizzenhaft zu betrachten haben werden.
[ 10 ] However, the opposite can also occur: a person may fail to outgrow childishness at the right time in the course of their life. In that case, childishness carries over into middle age; the person then carries into middle age what should actually remain only as an inner, spiritual quality of childhood. And this gives rise to something particularly peculiar in the course of human life, which we will now consider in outline form.
[ 11 ] Betrachtet man das menschliche Leben von diesem Gesichtspunkre aus in seinem zeitlichen Verlaufe, so kann man von dem sogenannten normalen Menschenleben zu den verschiedenen Abnormitäten dieses Menschenlebens kommen. Indem wir als Mensch der Greisenhaftigkeit entgegengehen, verliert ja insbesondere unsere Kopf-, unsere Hauptesorganisation die innere Beweglichkeit, die bewegliche Plastik. Wir werden steifer, unplastischer in bezug auf die Hauptesorganisation, wenn es gegen das Lebensende zugeht. Und alle diejenigen Fähigkeiten, die wir uns im Leben erworben haben, werden im Greisenalter seelischer, geistiger. Aber das geschieht auf Kosten einer Animalisierung unserer Hauptesorganisation. Wir werden physisch so, wie das Tier vom Anfange an ist. Wir werden gewissermaßen animalisiert. Dadurch erkaufen wir uns dasjenige, was wir, wenn die Erziehung richtig ist, vielleicht für das ganze Leben noch haben können an geistig-seelischem Zusammenhang mit dem Leben, wir erkaufen uns das dadurch, daß in diesem späteren Lebensalter gewissermaßen das, was wir geistig-seelisch mit der Welt erleben, nicht mehr so recht in unsere Organisation hineingeht. Der Schädel ist zu steif, plastisch zu fest geworden. Wir hantieren in dem Greisenalter daher mehr mit dem, was uns seelisch-geistig mit der Außenwelt verbindet. Wir nehmen nicht mehr in gleich starkem Maße wie früher dasjenige, was wir an der Außenwelt erfahren, in unsere Innerlichkeit hinein. Eine Animalisierung unserer oberen Organisation tritt ein.
[ 11 ] If we consider human life from this perspective as it unfolds over time, we can trace a path from what is called “normal” human life to the various abnormalities of human existence. As we, as human beings, approach old age, our head—our central nervous system—in particular loses its inner flexibility and plasticity. We become stiffer and less malleable with regard to our head organization as we approach the end of life. And all the abilities we have acquired in life become more psychological and spiritual in old age. But this happens at the cost of an “animalization” of our head organization. Physically, we become like the animal is from the very beginning. We become, so to speak, animalized. Through this, we pay the price for what we—if our upbringing has been proper—might still be able to retain throughout our entire lives in terms of a spiritual-soul connection to life; we pay this price because, in this later stage of life, what we experience spiritually and soulfully with the world no longer truly penetrates our constitution. The skull has become too rigid, too fixed in its form. In old age, therefore, we deal more with what connects us spiritually and psychologically to the outside world. We no longer take what we experience in the outside world into our inner being to the same extent as before. An “animalization” of our higher organization sets in.
[ 12 ] Diese Animalisierung unserer oberen Organisation, die kann nun tatsächlich deplaciert schon in dem frühen Reifealter eintreten, in der innerlichen Weise, wie ich das auseinandergesetzt habe. Weil aber der Mensch selbstverständlich noch immer Mensch bleibt, also auch, wenn er gewissermaßen seiner Kopforganisation nach animalisiert ist, doch Mensch ist, so tritt uns das, was hier in Betracht kommt, nicht in äußerlichen Merkmalen entgegen, sondern eben in innerlich-seelischen Eigentümlichkeiten. Das geschieht so: Wenn diese besondere Art, mit der Außenwelt in Verbindung zu kommen, die der Greis oder die Greisin hat, zu früh eintritt, sie kann sogar schon im Kindesalter eintreten, so tritt diese -- weil ja dann doch natürlich die Plastizität im übrigen Menschen noch überwiegt — zurück in die physische Organisation und man erlebt dasjenige, was man in einem gesunden Verhältnis zur Außenwelt erlebt, wenn man verstanden hat, in der richtigen Zeit Greis zu werden, auf innerliche Art früher. Man verbindet es mit seinem Physischen. Man nimmt es auf in seine physische Organisation, und es kommen dadurch Eigenschaften zustande, die dem Animalischen, dem Tierhaften ähnlicher werden, als sie sonst bei normalen Menschen sind.
[ 12 ] This “animalization” of our higher mental organization can, in fact, begin as early as adolescence—in the internal way I have explained. But since human beings, of course, always remain human—that is, even when they are, so to speak, animalized in terms of their mental organization, they are still human—what we are considering here does not manifest itself in external characteristics, but rather in inner, psychological traits. This happens as follows: When this particular way of relating to the outside world—which the elderly man or woman possesses—occurs too early, it can even occur as early as childhood—then, because plasticity naturally still predominates in the rest of the human being, this aspect is projected back into the physical constitution, and one experiences—in an inner sense and ahead of time—what one would otherwise experience in a healthy relationship with the external world when one has understood how to grow old at the right time. One connects it with one’s physical being. One incorporates it into one’s physical constitution, and as a result, characteristics emerge that become more akin to the animalistic, the bestial, than is otherwise the case with normal people.
[ 13 ] Das Tier hat, man kann sagen, wenn man will, vor dem Menschen einen gewissen Instinkt voraus, der es mit seiner Umgebung in einem höheren Maße verbindet, als der Mensch im normalen Zustande mit seiner Umgebung verbunden ist. Es ist keineswegs eine Legende, sondern entspricht durchaus den Eigentümlichkeiten des tierischen Lebens, daß gewisse Tiere, wenn Naturereignisse herannahen, die ihrem Leben gefährlich werden, von diesen Orten, wo die Gefahr eintreten könnte, wegziehen. Tiere haben eine gewisse instinktive, prophetische Gabe, wenn es sich um die Bewahrung ihres Lebens handelt. Es ist auch durchaus richtig geschildert, wenn man sagt, das Tier empfinde in einem viel höheren Maße als der Mensch den Lauf der Jahreszeiten mit. Das Tier empfindet das Herannahen jener Zeit, in der es fortfliegen muß, wenn es ein Wandertier ist, um andere Orte aufzusuchen. Das Tier hat also eine intime instinktive Beziehung zur Umgebung. Und könnte man in das hineinschauen, was da im tierischen Seelenleben vor sich geht, so würde man, zwar ganz eingekleidet in das Unbewußte, aber doch sehen, wie das Tier eine instinktive Lebensweisheit hat, die sich als ein Zusammenleben mit dem ganzen Naturverlaufe äußert.
[ 13 ] One might say, if one wishes, that animals possess a certain instinct that gives them an edge over humans, connecting them to their environment to a greater degree than humans are connected to theirs under normal circumstances. It is by no means a legend, but rather fully consistent with the characteristics of animal life, that certain animals, when natural phenomena approach that threaten their lives, move away from those places where danger might strike. Animals possess a certain instinctive, prophetic gift when it comes to preserving their lives. It is also quite accurate to say that animals perceive the changing of the seasons to a much greater degree than humans do. Animals sense the approach of the time when they must fly away—if they are migratory—to seek out other places. Animals thus have an intimate, instinctive relationship with their environment. And if one could look into what is going on in the inner life of an animal, one would see—though it is entirely shrouded in the unconscious—that animals possess an instinctive wisdom that manifests as a harmonious coexistence with the entire course of nature.
[ 14 ] Wenn der Mensch in der angedeuteten Weise frühzeitig die Greisenhaftigkeit in sein Leben hereinbekommt, dann tritt, nun allerdings nicht gleich wie beim Tier, weil beim Menschen alles in das Menschliche heraufgehoben wird, aber es tritt doch dieses instinktive Erleben der Umwelt auf. Und dasjenige, was man heute kennt, vielfach richtig, vielfach auch falsch beschreibt als niederes Hellsehen, als Telepathie, als Teleplastie, als Telekinesie, Dinge also, die abnorm im Menschenleben auftreten, das ist nichts anderes als ein Hereinspielen der Greisenhaftigkeit in das frühere Erleben des Menschen. Man kann die Greisenhaftigkeit eben zur richtigen Zeit erleben, dann erlebt man sie als gesunder Mensch. Wenn man die Greisenhaftigkeit schon mit zwanzig Jahren erlebt, wird man im niederen Sinne ein Hellseher. Es äußern sich eben die Dinge, die als Offenbarung der frühzeitigen Greisenhaftigkeit auftreten und Abnormitäten des Lebens darstellen, nicht so sehr in den äußeren als in den inneren Merkmalen. Man würde in das, was als niederes Hellsehen, als Telepathie, Telekinesie, Teleplastie vorhanden ist, was ja bis zu gewissen Graden schon sehr gut erforscht ist, viel tiefere Blicke hinein tun, wenn man den Gesichtspunkt in der richtigen Weise würdigen könnte, daß man es da mit einem frühzeitigen innerlichen Vergreisen zu tun hat.
[ 14 ] When a human being allows senility to enter his life at an early stage in the manner described, then—though not in the same way as in animals, because in humans everything is elevated to the human level—this instinctive experience of the environment does indeed arise. And what is known today—often correctly, but often also incorrectly—as lower clairvoyance, telepathy, teleplasty, and telekinesis—that is, phenomena that occur abnormally in human life—is nothing other than the intrusion of senility into a person’s earlier experiences. One can experience senility at just the right time, and then one experiences it as a healthy person. If one experiences senility as early as age twenty, one becomes, in the lower sense, a clairvoyant. The phenomena that appear as manifestations of premature senility and constitute abnormalities of life are expressed not so much in external as in internal characteristics. One would gain much deeper insight into what exists as lower clairvoyance—such as telepathy, telekinesis, and teleplasty—which, to a certain extent, has already been very well researched—if one could properly appreciate the fact that what is at work here is a premature inner aging.
[ 15 ] Aber man muß dann zu einer wirklichen Lebensbetrachtung vorschreiten. Man muß im gegenwärtigen Augenblicke nicht nur dasjenige sehen, was räumlich vor einem steht, sondern man muß ihn so interpretieren können, daß man weiß: wenn man den Menschen im gegenwärtigen Augenblicke betrachtet und er diese und jene Eigentümlichkeiten zeigt, so rührt das davon her, daß dasjenige, was eigentlich später sein soll, in ein Früheres hereinspielt.
[ 15 ] But one must then move on to a genuine contemplation of life. In the present moment, one must not only see what is physically before one, but one must also be able to interpret it in such a way that one knows: when one observes a person in the present moment and that person exhibits certain characteristics, this stems from the fact that what is actually meant to be later is already influencing the present.
[ 16 ] Wir werden in den nächsten Tagen sehen, wie gerade Heilprozesse durch ein solches Hineinschauen in die menschliche Natur in einer exakten Weise zustande kommen können. Es ist durchaus also eine Art Animalisierung des Menschen möglich, die sich dann aber nicht in einem äußerlichen Greisenhaftwerden äußert, sondern dadurch, daß die sonst im tierischen Instinkt auf tierhafte Art auftretenden Beziehungen zur Umwelt ins Menschliche, aber ins Niedrig-Menschliche herauf übersetzt werden.
[ 16 ] In the coming days, we will see how healing processes can come about in a precise way through such an examination of human nature. It is therefore entirely possible for a kind of “animalization” of the human being to occur, which, however, does not manifest itself in an outward aging of the body, but rather in the fact that the relationships to the environment—which otherwise occur in an animalistic manner through animal instinct—are translated into the human realm, albeit into the lower human realm.
[ 17 ] Für die unbefangene Weltbetrachtung verlieren ja natürlich die Eigentümlichkeiten der Telepathie, Telekinesie, Teleplastie nicht. das Bedeutungsvolle, wenn man sie in dieser Weise nicht als eine Äußerung eines Übersinnlichen betrachtet, sondern als dasjenige, was sich ergibt durch das Hereinspielen eines Späteren in das frühere menschliche Leben. Man lernt dadurch gerade auch die menschliche Wesenheit in ihrem Grundcharakter erkennen, daß man sie so zeitlich betrachtet; denn zeitlich betrachten heißt eben: nicht aus den verschiedenen Augenblicken des Lebens Schlüsse ziehen über Lebensverläufe, sondern innerlich mitleben mit der Zeit und auch sehen können, wie das Spätere, statt später zum Vorschein zu kommen, sich früher auslebt. Zeitlich anschauen, heißt: die Zeit überblicken in der Anschauung, und im gegenwärtigen Augenblicke Vergangenheit und Zukunft sehen können.
[ 17 ] From an unbiased perspective on the world, the peculiarities of telepathy, telekinesis, and teleplasty do not, of course, lose their significance. They retain their significance when one views them not as manifestations of the supernatural, but as the result of a later influence interplaying with an earlier phase of human life. It is precisely by viewing human nature in this temporal context that one learns to recognize its fundamental character; for to view it temporally means not to draw conclusions about the course of life from its various moments, but to live inwardly with time and to be able to see how what comes later, instead of emerging later, plays itself out earlier. To view in a temporal perspective means to survey time in one’s perception and to be able to see both the past and the future in the present moment.
[ 18 ] Sie werden selber fühlen, wie eigentlich unserer gegenwärtigen Betrachtung, wenn das auch äußerlich anders aussieht, diese innerliche, der Zeit und ihrem Verlauf gemäße Anschauungsweise durchaus fernliegt. Daher kommen dann die ungenügenden Interpretationen desjenigen, was im Leben auftritt. Und von diesen ungenügenden Interpretationen ist ja heute das sogenannte wissenschaftliche Erkennen und die Wirkung des wissenschaftlichen Erkennens auf das Leben voll.
[ 18 ] You will feel for yourselves how, even though it may appear different on the surface, our current way of looking at things is actually quite far removed from this inner perspective, which is in harmony with time and its passage. This is the source of the inadequate interpretations of what occurs in life. And today, so-called scientific knowledge and the impact of scientific knowledge on life are, in fact, full of these inadequate interpretations.
[ 19 ] Aber auch der umgekehrte Fall kann eintreten: es kann das Kindhafte in das spätere, reife Leben des Menschen hineinspielen. Das Kindhafte besteht darinnen, daß nicht nur in instinktiver Weise durch die Kopforganisation die Verhältnisse der Umwelt erlebt werden, sondern die Kopforganisation lebt im Stoffwechsel intensiv dasjenige mit, was sein Verhältnis zur Außenwelt ist. Wenn das Kind Farben sieht, so geschehen in ihm lebhafte Stoffwechselvorgänge. Das Kind konsumiert gewissermaßen die äußeren Eindrücke auch bis in seinen Stoffwechsel hinein. Man kann durchaus sagen, ohne bildlich, sondern ganz real zu sprechen: die Magenfunktion des Kindes richtet sich nicht nur nach den Speisen wegen des Geschmackes und ihrer Verdaulichkeit, sondern auch nach den Farbeneindrücken der Umgebung. Sie richtet sich nach dem, was das Kind aus der Umgebung herein erlebt. So daß man sagen kann: Bei dem Greise haben wir eine Animalisierung des Lebens in physischer Beziehung; bei dem Kinde haben wir das ganze Leben erfüllt von einer Sensitivität des vegetativ-organischen Prozesses.
[ 19 ] But the opposite can also occur: childlike traits can carry over into a person’s later, mature life. The childlike aspect consists in the fact that the child not only experiences the conditions of the environment instinctively through the organization of the head, but the organization of the head also intensely participates in the metabolic processes that reflect its relationship to the outside world. When a child sees colors, vivid metabolic processes take place within the child. In a sense, the child “consumes” external impressions right down into its metabolism. One can certainly say—not figuratively, but quite literally—that the child’s digestive function is guided not only by the food’s taste and digestibility but also by the color impressions of the surroundings. It is governed by what the child experiences from the environment. So one can say: In the elderly person, we see an “animalization” of life in a physical sense; in the child, the entire life is filled with a sensitivity of the vegetative-organic process.
[ 20 ] Der vegetativ-organische Prozeß, nicht der animalisch-organische, sondern der vegetativ-organische Prozeß erlebt bei dem Kinde mit alles, was es in der Außenwelt erfährt. Das geht eben durchaus bis in die seelischen Eigenschaften hinein. So daß wir bei dem Kinde niemals zu einer vollständigen Erkenntnis kommen, wenn wir uns nicht auch fragen: Wie konsumiert das Kind bis in seinen Stoffwechsel hinein seine Eindrücke? — Darin besteht ja das sogenannte normale Menschenleben, daß der Mensch dann im späteren, reifen Alter seinen Stoffwechsel mehr sich selbst überläßt, daß er das Leben mit der Außenwelt wiederum in einer selbständigeren Weise erlebt, daß der Mensch dasjenige, was er seelisch-geistig mit der Außenwelt erlebt, nicht so wie das Kind hinunterläßt in den Stoffwechsel, daß nicht immer von einer so lebendigen, innerlichen Drüsenabsonderung, wie es beim Kinde der Fall ist, alle äußeren Beziehungen zur Außenwelt begleitet werden.
[ 20 ] The vegetative-organic process—not the animal-organic process, but the vegetative-organic process—is experienced by the child in everything it encounters in the external world. This extends all the way into the child’s psychological characteristics. Thus, we will never arrive at a complete understanding of the child unless we also ask ourselves: How does the child assimilate its impressions right down into its metabolism? — This is, after all, what constitutes so-called normal human life: that in later, mature age, a person leaves their metabolism more to its own devices, that they experience life with the external world in a more independent way, that a person experiences what they have and spiritually with the outside world—does not allow to sink down into the metabolism as the child does, so that not all external relationships with the outside world are constantly accompanied by such lively, internal glandular secretion as is the case with the child.
[ 21 ] Das Kind konsumiert dasjenige, was es in der Außenwelt erlebt, ich möchte sagen, wie eine Nahrung. Und der spätere, reife Mensch überläßt seinen Stoffwechsel sich selber. Er ist nur dadurch eben ein reifer Mensch im normalen Leben, daß die Dinge nicht so tief in seine vegetativ-organischen Prozesse hineingehen. Aber es kann das bei gewissen Individuen bleiben. Gewisse Individuen können die Kindhaftigkeit in das spätere Leben hineintragen. Dann behalten sie eben diese Eigenschaft, daß sie das äußere Erleben mit ihren organischen Prozessen verbinden, daß sie auch Seelisches noch mit ihren organisch-vegetativen Prozessen verbinden.
[ 21 ] The child absorbs what it experiences in the outside world—I would say—as if it were nourishment. And the later, mature adult leaves his metabolism to its own devices. It is precisely because things do not penetrate so deeply into his vegetative-organic processes that he is a mature adult in normal life. But this can persist in certain individuals. Certain individuals can carry this childlike quality into later life. Then they retain precisely this characteristic: that they link external experiences to their organic processes, and that they also link psychological experiences to their organic-vegetative processes.
[ 22 ] Nehmen wir ein Beispiel: Jemand, der schon ein gewisses Reifealter erlangt hat, entfaltet eine besondere Liebe, nun, sagen wir, zu einem Hund. Solche intensive Hundelieben gibt es ja. Und gerade solche Lieben sind oftmals mit einer starken Intensität des Erlebens verbunden. Wenn dann bei einem solchen Menschen das vorliegt, daß er etwas von der Kindhaftigkeit in das spätere reife Alter hineingetragen hat, oder auch, daß er in der Kindheit die Kindhaftigkeit in einem gesteigerten Maße erlebt, dann bleibt es bei dieser Liebe nicht allein bei dem seelischen Bezug zur Außenwelt, sondern diese Liebe ruft organische, vegetative Prozesse hervor. Der Organismus erlebt diese Liebe mit. Es geschieht immer etwas, wenn diese Liebe lebhaft empfunden wird, auch in den Stoffwechselvorgängen. Die Stoffwechselvorgänge gewöhnen sich dann, nicht nur dem normalen Verdauen, dem normalen Herumgehen in der Welt, dem sonstigen normalen Leben zu dienen, sondern ein gewisses Gebiet, eine gewisse Provinz des Stoffwechsels gewöhnt sich auch daran, solche Absonderungen und wiederum Regenerationen zu haben, wie es diesem besonderen Falle der lebhaften Empfindung dieser Hundeliebe entspricht. Eine gewisse Provinz der Organisation bedarf dieser besonderen Veränderung, die da innerlich rein organisch-vegetativ eintritt im Gefolge der Hundeliebe.
[ 22 ] Let’s take an example: Someone who has already reached a certain age of maturity develops a special love—let’s say, for a dog. Such intense love for dogs does indeed exist. And it is precisely these kinds of loves that are often associated with a strong intensity of experience. If such a person has carried some of their childlike nature into later, mature adulthood—or if they experienced childlikeness to a heightened degree during childhood—then this love is not limited to a psychological connection to the outside world; rather, it triggers organic, vegetative processes. The organism experiences this love as well. Something always happens when this love is felt vividly, including in the metabolic processes. Metabolic processes then adapt not only to serve normal digestion, normal movement through the world, and other aspects of normal life, but a certain area—a certain “province”—of metabolism also adapts to undergoing such secretions and, in turn, regenerations as correspond to this particular instance of the vivid experience of this love for dogs. A certain province of the organism requires this particular change, which occurs internally in a purely organic-vegetative manner as a result of love for a dog.
[ 23 ] Und nun nehmen Sie an, der Hund stirbt. Die äußere Lebensbeziehung kann sich nicht mehr entwickeln, sie ist nicht mehr da. Der Hund ist gestorben; aber eine innere Provinz des Vegetativ-Organischen hat sich gewöhnt, solche Prozesse zu entwickeln. Es kommt beim Menschen dazu, daß dieser Organprozeß, der jetzt nicht mehr seine Befriedigung hat, dem die äußere Anschauung fehlt, weiter funktioniert, aber eben nicht mehr befriedigt wird, weil sein äußeres Korrelat nicht mehr da ist. Solche organische Prozesse haben ihre innere Trägheit; sie setzen sich fort. Das rumort im Inneren des Menschen. Und es können die sonderbarsten Störungen zurückbleiben, wenn zum Beispiel eine Hundeliebe so in die Organ-Vegetativprozesse aufgenommen ist und der Hund dann stirbt.
[ 23 ] And now suppose the dog dies. The external relationship with life can no longer develop; it is no longer there. The dog has died; but an inner realm of the vegetative-organic system has become accustomed to developing such processes. What happens in humans is that this organic process, which now no longer finds satisfaction and lacks an external counterpart, continues to function but is no longer satisfied because its external correlate is no longer there. Such organic processes have their own internal inertia; they carry on. This stirs up turmoil within the person. And the strangest disturbances can remain when, for example, a love for a dog is so deeply integrated into the organ-vegetative processes and the dog then dies.
[ 24 ] Ist ein vernünftiger Mensch da, der auch einige Lebenspraxis hat, was wird dieser Mensch tun? Nun, er wird sich wahrscheinlich darum bemühen, daß ein anderer Hund gekauft wird und dann Sorge dafür tragen, daß der betreffende frühere Hundebesitzer diesen neuen Hund ebenso liebgewinnen kann. Wenn er das erreicht hat, dann hat er eigentlich eine heilsame Handlung vollzogen; denn jetzt kann sich der innere organische Prozeß wiederum an dem äußeren Erleben befriedigen. Wir werden allerdings im Laufe dieser Vorträge sehen, daß es auch noch gescheitere Behandlungsmethoden gibt, aber ich meine, ein mittelvernünftiger Mensch wird so ungefähr handeln.
[ 24 ] If there is a reasonable person who also has some life experience, what will that person do? Well, he will probably try to ensure that another dog is purchased and then make sure that the former dog owner in question can grow just as fond of this new dog. Once they have achieved this, they will have actually performed a healing act; for now the inner organic process can once again find satisfaction in external experience. We will, of course, see in the course of these lectures that there are even more effective methods of treatment, but I believe a reasonably sensible person would act more or less in this way.
[ 25 ] Nun gibt es ja aber allerdings solche Erlebnisse der Außenwelt, die nicht so drastisch sind wie gerade eine Hundeliebe. Unzähliges können wir an der Außenwelt erleben. Und wenn dann das erlebende Individuum die Kindhaftigkeit, das heißt, dieses Konsumieren der Außenwelt in sich lebendig erhalten hat, dann wird bei einem solchen Individuum etwas vom Rumoren im vegetativen Organismus zurückbleiben, wenn ihm das Erleben entzogen wird, wenn es also das, woran sich innere Prozesse entwickelt haben, nicht mehr äußerlich erleben kann. Diese Dinge gibt es im menschlichen Leben, wo man aufsuchen muß, woher ein solcher innerer Zustand kommt, der unerklärlich aus den menschlichen Tiefen aufsteigt. Der Mensch wird dadurch unbefriedigt, moros, hypochondrisch, bekommt alle möglichen Folgezustände. Geht man dem nach, so findet man, daß ihm irgend etwas durch das Leben oder durch Sonstiges entzogen ist, was eigentlich schon in den vegetativ-organischen Prozessen sein Korrelat gefunden hat. Wenn ein solcher Mensch mit seinem Bewußtsein auf die Außenwelt hinschaut, kann er sich nicht mehr die Befriedigung verschaffen für das, was in seinem Organismus drinnen rumort. Es geht etwas in seinem Organismus vor, was eigentlich außen angeschaut oder wenigstens gedacht sein will, und was er nicht denken kann, weil die Veranlassung dazu nicht da ist.
[ 25 ] However, there are indeed experiences of the external world that are not as drastic as, say, a love for a dog. There are countless things we can experience in the external world. And if the individual experiencing these things has retained a childlike quality—that is, this active engagement with the external world—then something of the stirrings within the vegetative organism will remain in such an individual when the experience is taken away from them, that is, when they can no longer externally experience that which has given rise to inner processes. These are the kinds of situations in human life where one must investigate the origin of such an inner state, which rises inexplicably from the depths of the human being. As a result, the person becomes dissatisfied, morose, hypochondriacal, and develops all manner of secondary conditions. If one investigates this, one finds that something has been taken away from the person through life or other circumstances—something that had actually already found its counterpart in the vegetative-organic processes. When such a person turns their consciousness toward the external world, they can no longer find satisfaction for what is churning inside their organism. Something is going on within their organism that actually wants to be observed externally—or at least thought about—and which they cannot think about because the impetus to do so is lacking.
[ 26 ] Wiederum finden wir lebenspraktische Leute, die haben die Eigentümlichkeit, daß sie instinktiv solche Dinge aus dem Menschen herauswittern, wenn er sie hat, und dann finden sie die Möglichkeit, allerlei zu ihm zu sprechen, was diese Dinge aus den unbestimmten Tiefen des Vegetativ-Organischen heraufbringt und sie ins Gedankenleben, ins Vorstellungsleben erhebt, so daß der Mensch das denken kann, vorstellen kann, was er eigentlich zu denken, vorzustellen begehrt. Wer das Leben beobachten kann, wird unzählige solche Zusprüche im Leben finden, wo einfach ein vegetativ-organischer Inhalt, der aus früherer Enttäuschung, aus einem früheren Entziehen eines Lebensinhaltes herrührt, dadurch geheilt, abgeleitet wird, daß man wenigstens in dem Eindringlichen der menschlichen Zusprache an den Menschen herantritt und auch in sein Bewußtseinsleben einführt, was er braucht.
[ 26 ] Once again, we find people with a practical approach to life who have the peculiar ability to instinctively sense such qualities in a person when they are present, and then they find a way to speak all sorts of things to them that bring these qualities up from the indeterminate depths of the vegetative-organic realm and elevate them into the life of thought and mental images, so that the person can think and create mental images of what they actually desire to think and create. Anyone who can observe life will find countless such words of encouragement in life, where a vegetative-organic content—arising from a previous disappointment or from a previous loss of purpose in life—is healed and resolved simply by approaching the person with the intensity of human encouragement and introducing into their conscious life what they need.
[ 27 ] Da es in der Gegenwart durch die besondere Artung unserer Zivilisation wirklich recht viele Individuen gibt, welche ihr Kindhaftes in ihr Reifealter hereinspielen haben, so hat man das, was ich jetzt anführte, in leichten und schweren Fällen viel bemerkt. Während man im gewöhnlichen Leben nicht viel Aufsehens damit macht, von Zuspruch spricht, der in liebevoller Hingabe der einen Person an die andere manches Heilsame bewirken kann, hat man das auch einfließen lassen, in vieler Beziehung mit Recht einfließen lassen in die wissenschaftlich-psychologische Betrachtungsweise. Man hat solche Menschen vor sich, die ein solches innerliches Rumoren haben. Wir wissen jetzt, es rührt dieses innerliche Rumoren von zurückgebliebenen, aus Lebensenttäuschungen und dergleichen zurückgebliebenen vegetativ-organischen Prozessen her. Man hat solche Menschen vor sich. Man muß sich dann, wenn man die Sache ins wissenschaftliche Gebiet überführt, natürlich auch wissenschaftlich ausdrücken. Man untersucht dann den betreffenden Menschen. Und aus seinem bisherigen Lebenslauf, den man durch Beichten oder durch die Träume, die er hat, oder durch sonst etwas auskundschaftet, findet man, was nötig ist, um dem Menschen dasjenige ins Bewußtsein überzuführen, was eben vom unterbewußten Vegetativ-Organischen begehrt wird. Man nennt das dann analytische Psychologie oder Psychoanalyse. Man spricht dann, selbstverständlich wissenschaftlich sich ausdrückend, von «verborgenen Seelenprovinzen». Es sind nicht «verborgene Seelenprovinzen», sondern es sind vegetativ-organische Prozesse, die in der geschilderten Weise zurückbleiben, die nach Erfüllung von außen begehren. Und man sucht nach dem, was man dem Menschen als eine solche Erfüllung bieten kann. Man sagt: Man sorgt für die Abreagierung solcher verhaltener Prozesse. — Sehen Sie, in dem, was ich eben angedeutet habe, liegt das Berechtigte der sogenannten analytischen Psychologie oder der Psychoanalyse.
[ 27 ] Since, in our present-day society, due to the particular nature of our civilization, there are indeed quite a number of individuals who carry their childishness into adulthood, what I have just described has been observed frequently in both mild and severe cases. While in everyday life this is not made a big deal of—and one speaks of encouragement, which, through one person’s loving devotion to another, can bring about many beneficial effects—this has also been incorporated, and in many respects rightly so, into the scientific-psychological perspective. We encounter people who experience such inner turmoil. We now know that this inner turmoil stems from residual vegetative-organic processes—processes left behind as a result of life’s disappointments and the like. We encounter such people. When we transfer the matter into the scientific realm, we must, of course, express ourselves scientifically as well. One then examines the person in question. And from their life history to date—which one uncovers through confessions, their dreams, or other means—one finds what is necessary to bring into the person’s consciousness precisely what is desired by the subconscious vegetative-organic processes. This is then called analytical psychology or psychoanalysis. One then speaks—expressing oneself scientifically, of course—of “hidden provinces of the soul.” These are not “hidden provinces of the soul,” but rather vegetative-organic processes that remain in the manner described, processes that yearn for fulfillment from the outside. And one searches for what one can offer the person as such fulfillment. It is said: One ensures the catharsis of such repressed processes. — You see, in what I have just indicated lies the validity of so-called analytical psychology or psychoanalysis.
[ 28 ] Anthroposophie ist immer solchen Dingen gegenüber, die ja auf ihrem Gebiete durchaus als berechtigt auftreten, in einer besonderen Lage. Anthroposophie ist eigentlich gar nicht von sich aus streitsüchtig. Sie anerkennt gern all das, was innerhalb desjenigen Horizontes auftritt, in dem es berechtigt ist. So wird sie innerhalb des Horizontes, in dem sie berechtigt ist, selbstverständlich auch die Psychoanalyse anerkennen. Aber Anthroposophie muß die Dinge aus der menschlichen Vollnatur und aus einer totalen Welterklärung heraus suchen, muß also gewissermaßen die kleinen Kreise, die in etwas dilettantenhafter, laienhafter Art auch heute von Wissenschaftern getrieben werden, in gröBere Kreise einbeziehen. Sie hat deshalb keine Veranlassung zu streiten. Sie schließt nur das, was einseitig erklärt wird, in den großen Kreis ein. Sie fängt daher in der Regel von sich aus nicht zu streiten an. Aber die anderen streiten, denn die wollen bei ihrem kleinen Kreise bleiben. Die sehen in ihrer Art nur das, was in diesem kleinen Kreise ist. Und weil sie dasjenige, was von einem größeren Horizont ist und sie eigentlich im Grunde genommen fördert, gar nicht besonders verlockt, weisen sie es wütend ab. So daß in der Regel Anthroposophie nur genötigt ist, sich gegen die Einseitigkeiten zu wehren, die sie attackieren. Das ist etwas, was besonders gegenüber solchen Zeitströmungen, wie der psychoanalytischen, gesagt werden muß.
[ 28 ] Anthroposophy always finds itself in a special position when it comes to matters that are, after all, entirely legitimate within their own fields. Anthroposophy is not, in and of itself, confrontational. It readily acknowledges everything that arises within the horizon in which it is legitimate. Thus, within the scope in which it is legitimate, it will of course also recognize psychoanalysis. But anthroposophy must seek to understand things from the perspective of the whole human nature and from a comprehensive worldview; it must, so to speak, incorporate the narrow circles—which are still pursued today by scientists in a somewhat amateurish, layman-like manner—into broader circles. It therefore has no reason to argue. It merely incorporates what is explained one-sidedly into the larger circle. Consequently, it generally does not initiate arguments on its own. But the others argue, because they want to remain within their small circle. In their own way, they see only what lies within that small circle. And because they are not particularly attracted to that which comes from a broader horizon—and which, in fact, ultimately benefits them—they furiously reject it. As a result, anthroposophy is generally compelled only to defend itself against the one-sided views that attack it. This is something that must be said, especially in relation to contemporary trends such as psychoanalysis.
[ 29 ] Das besonders Eigentümliche ist ja dieses, daß wir also sehen: wenn der Mensch dazu kommt, sein Lebensende zu stark in die mittlere Lebensetappe hereinzuziehen, dann entstehen die abnormen Beziehungen zu der Außenwelt, Telepathie, Hellsehen im niederen Sinne. Der Mensch erweitert in instinktiver Weise seinen Horizont über seine Lebenskreise hinaus. Wenn der Mensch nach der umgekehrten Richtung geht, wenn er das, was an seinen Lebensanfang in die Kindhaftigkeit hineingehört, in die späteren Lebensepochen hineinschiebt, dann dringt er mit seinem Wesen zu tief in sein Organisches hinein, dann wirft das Organische Wogen herauf, dann entstehen Abnormitäten nach dem Inneren; er tritt gewissermaßen mit seinem eigenen organischen Inneren in eine zu nahe Beziehung. Und diese Beziehungen stellen sich eben dann so heraus, wie sie von der analytischen Psychologie beschrieben werden, die aber eigentlich hinuntergehen müßte in die Organologie, damit sie wirklich erfaßt werden.
[ 29 ] What is particularly peculiar is this: we see that when a person begins to draw the end of their life too strongly into the middle stage of life, abnormal relationships with the outside world arise—telepathy and clairvoyance in the lower sense. The person instinctively expands their horizon beyond the circles of their life. When a person moves in the opposite direction—when they carry over into later stages of life what belongs to the childlike nature of early life—they penetrate too deeply into their organic being; this stirs up waves within the organic realm, leading to internal abnormalities; they enter, so to speak, into an overly close relationship with their own organic inner self. And these relationships manifest precisely as described by analytical psychology, which, however, would actually have to delve into organology in order to truly grasp them.
[ 30 ] Zu einer vollständigen Menschenerkenntnis ist eben durchaus das Hereinziehen des zeitlichen Lebensverlaufes zwischen Geburt und Tod notwendig. Und eine solche vollständige Menschenerkenntnis ist daher darauf angewiesen, gerade alles Augenmerk auf den zeitlichen Verlauf des Lebens hinzulenken, den zeitlichen Verlauf des Lebens mitzuerleben. Gerade deshalb muß Anthroposophie, indem sie durch ihre besondere Methode ins Übersinnliche und dadurch in eine vollständige Menschenerkenntnis eindringen will, sie muß sich an das Einleben im Zeitlichen halten können. Der Mensch beachtet eben im Sinne der heutigen Zivilisation dieses Zeitliche nicht. Imagination, Inspiration, Intuition, welches die besonderen Erkenntnismethoden der Anthroposophie sind, müssen durchaus auf einem zeitlichen Erleben des Daseins aufgebaut sein.
[ 30 ] A complete understanding of the human being absolutely requires taking into account the temporal course of life between birth and death. And such a complete understanding of the human being therefore depends on directing all attention toward the temporal course of life and experiencing that course firsthand. Precisely for this reason, anthroposophy—in seeking to penetrate the supersensible and thereby attain a complete understanding of the human being through its special method—must be able to remain grounded in the temporal. In the spirit of today’s civilization, however, human beings do not pay attention to this temporal aspect. Imagination, inspiration, and intuition—which are the special methods of knowledge in anthroposophy—must be built entirely upon a temporal experience of existence.
[ 31 ] Imagination, Inspiration und Intuition soll nun nicht etwas sein, was sich als ein ganz Fremdes ins Menschenleben hineinstellt und als Fremdes zur übersinnlichen Erkenntnis führen soll, sondern etwas, was durchaus in der Fortsetzung der gewöhnlichen menschlichen Fähigkeiten liegt. Es wird also von Anthroposophie nicht behauptet, daß irgendwelche besondere Begnadigungen vorliegen müßten, um zu Imagination, Inspiration, Intuition zu kornmen, sondern daß der Mensch sich gewisser tiefer in ihm liegenden Fähigkeiten bewußt werden könne, die er ganz sachgemäß entwickeln kann. Aufgestiegen werden muß durchaus von jener Art von Erkenntnis, die wir uns im gewöhnlichen Leben im heutigen wissenschaftlichen Erkennen und in der heutigen Lebenspraxis aneignen.
[ 31 ] Imagination, inspiration, and intuition are not meant to be something that intrudes into human life as something entirely foreign and is supposed to lead to supersensible knowledge as something foreign, but rather something that lies entirely within the extension of ordinary human abilities. Anthroposophy therefore does not claim that any special gifts are required to attain imagination, inspiration, and intuition, but rather that human beings can become aware of certain deeper abilities within themselves, which they can develop in a perfectly appropriate manner. One must certainly ascend from that kind of knowledge we acquire in ordinary life, in today’s scientific understanding, and in today’s practical living.
[ 32 ] Wie verfahren wir denn da eigentlich, indem wir erkennende Menschen werden? Ich meine jetzt erkennende Menschen eben nicht nur als wissenschaftlich erkennende Menschen, sondern erkennende Menschen durchaus nur in dem Sinne, wie wir es sein müssen, um unser Leben in praktischer Weise durchzuführen. Wir haben dasjenige um uns herum, was wir nennen möchten den Sinnesteppich: die Farbenwelt, die Tonwelt, die Welt der Wärmeverhältnisse und so weiter, alles dasjenige, was auf unsere Sinnesorgane Eindruck macht. Wir geben uns diesem Sinneseindrucke hin und verweben diese Sinneseindrücke mit demjenigen, was wir denken, mit den Gedanken. Wenn Sie sich überlegen, was, wenn Sie sich Ihrem eigenen inneren Leben etwas erinnernd hingeben, was da den Inhalt dieses Seelenlebens ausmacht: es sind Sinneseindrücke, die in die Gedanken hineingewoben sind. Wir leben ganz und gar dadurch, daß wir in unser Seelisches ein solches Gewebe von Sinneseindrücken und Gedanken hereinnehmen.
[ 32 ] How, then, do we actually go about becoming people of insight? By “people of insight,” I do not mean merely those who engage in scientific inquiry, but rather people of insight solely in the sense that we must be in order to live our lives in a practical way. We are surrounded by what we might call the “carpet of the senses”: the world of colors, the world of sounds, the world of temperature, and so on—everything that makes an impression on our sense organs. We surrender ourselves to these sensory impressions and weave them together with what we think—with our thoughts. If you consider—when you surrender yourself to your own inner life with a certain sense of recollection—what constitutes the content of this soul life: it is sensory impressions woven into thoughts. We live entirely by taking such a fabric of sensory impressions and thoughts into our soul life.
[ 33 ] Was geht da eigentlich vor? Nun, betrachten Sie in dieser schematischen Zeichnung diese Linie a bis b als den Sinnesteppich, als die sich um uns herum ausbreitenden Farben, Töne, Gerüche und so weiter. Der Mensch gibt sich seiner Beobachtung, diesem Sinnesteppich hin, und er verwebt die Eindrücke durch seine Gedanken, die ich hier als die rote Schlangenlinie zeichne. Der Mensch verbindet, indem er sich dem Sinnesleben hingibt, gedanklich alles, was er in dieser Sinneswelt erlebt. Er interpretiert die Sinneswelt durch seine Gedanken. Dadurch, daß er gewissermaßen alles, was er an Gedanken entwickelt, in diese Sinneswelt hineinlegt, bildet diese Sinneswelt für ihn eine Grenze, eine Wand, durch die er nicht durchkommen kann. Er zeichnet gewissermaßen alle seine Gedanken auf dieser Wand auf, aber er durchstößt die Wand nicht im heutigen normalen Bewußtsein. Die Gedanken machen halt an dieser Wand und zeichnen auf dieser Wand.
[ 33 ] What is actually going on here? Well, in this schematic drawing, consider this line from a to b as the tapestry of the senses—the colors, sounds, smells, and so on that surround us. Human beings surrender to their observations—to this tapestry of the senses—and weave these impressions together through their thoughts, which I have depicted here as the red serpentine line. By surrendering to sensory life, human beings mentally connect everything they experience in this sensory world. They interpret the sensory world through their thoughts. Because they, in a sense, project everything they develop in thought into this sensory world, this sensory world forms a boundary for them—a wall they cannot penetrate. They, as it were, inscribe all their thoughts upon this wall, but they do not pierce through it in today’s ordinary consciousness. The thoughts come to a halt at this wall and are inscribed upon it.


[ 34 ] Hinaus kommt man über dieses Haltmachen an der Wand dadurch, daß man zunächst die imaginative Erkenntnis ausbildet durch das, was man Meditation in systematisch-regelmäßiger Weise nennen kann. Diese Meditation kann als eine innerliche Forschungsmethode ebenso ausgebildet werden, wie die äußerliche chemische oder astronomische Versuchsmethode ausgebildet werden kann. Sie können sich aus meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und aus dem zweiten Teil meiner «Geheimwissenschaft im Umriß» sogar überzeugen, daß die Methoden, sich in dieser Meditation zu bewegen, keineswegs einfach und weniger langwierig sind, als die Methoden, die man sich aneignen muß, um ein Astronom oder ein Chemiker zu werden, wenn man bis zu den letzten Konsequenzen eben kommen will. Es ist allerdings ein verhältnismäßig leichtes, die Lektüre solcher Werke zu pflegen, welche Anleitungen zu den entsprechenden Übungen geben, und dann so weit zu kommen, daß man mit Zuhilfenahme des gesunden Menschenverstandes auch wirklich sich innerlich von der Wahrheit dessen überzeugen kann, was von anthroposophischen Forschungen gesagt wird. Man braucht es nicht auf Autorität hinzunehmen. Auch wenn man es nicht selber erforschen kann, so kann man es prüfen, wenn man nur auf die Eigentümlichkeit der Forschungsmethode eingeht.
[ 34 ] One can move beyond this “stopping” at the wall by first developing imaginative insight through what might be called systematic and regular meditation. This meditation can be cultivated as an inner method of inquiry just as the external methods of chemical or astronomical experimentation can be cultivated. You can even see for yourselves from my book *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?* and from the second part of my *Outline of Esoteric Science* that the methods for engaging in this meditation are by no means simpler or less time-consuming than the methods one must master to become an astronomer or a chemist, if one wishes to follow them through to their ultimate consequences. It is, however, relatively easy to read works that provide instructions for the corresponding exercises and then to reach a point where, with the aid of common sense, one can truly convince oneself inwardly of the truth of what is said in anthroposophical research. One need not accept it on authority alone. Even if one cannot investigate it oneself, one can still examine it, provided one takes the peculiarities of the research method into account.
[ 35 ] Nun, dieses ganze Üben beruht ja darauf, daß man von einem Eingehen auf die Sinneseindrücke absieht. Den Sinneseindrücken: gibt man sich nicht hin im Meditieren, man gibt sich allein dem Gedankenleben hin. Dieses Gedankenleben aber muß, durch ein festes Ruhen auf gewissen leicht überschaubaren Gedanken, zu einer solchen Lebendigkeit, zu einer solchen Intensität gebracht werden, wie es sonst nur das äußere Sinnesleben hat. Sie wissen ja, es ist etwas ganz anderes, wenn wir den äußeren Sinneseindrücken hingegeben sind, als wenn wir mit dem gewöhnlichen Bewußtsein nur unserer blassen, unlebendigen Gedankenwelt hingegeben sind. Die Sinneseindrücke wirken lebendig, intensiv auf uns. Wir sind an sie hingegeben. Die Gedanken verblassen, sie werden abstrakt, sie werden kalt. Aber darin besteht gerade das Wesen des Meditierens, daß wir es durch Übung dahin bringen, in dem bloßen Gedankenweben mit einer solchen Intensität und Lebhaftigkeit darinnen zu leben wie sonst im äußeren Sinnesleben. Wenn man einen Meditationsgedanken in einer solchen inneren Lebendigkeit erfassen kann, wie sie sonst vorhanden ist, wenn man sich einer Farbe hingibt, dann hat man den Meditationsgedanken in der richtigen Weise ins Leben hereingestellt. Alles das aber muß mit einer solchen inneren Freiheit geschehen, wie eben das normale Gedankenweben und das sinnliche Wahrnehmen geschieht. Wie wir uns da nicht nebulosen Stimmungen, mystischen Verträumtheiten hingeben, wenn wir die äußere Welt beobachten, wie wir da nicht zum Schwärmer werden, so dürfen wir es auch nicht, wenn wir in dieser Weise richtig meditieren. Genau dieselbe Stimmung muß in diesem Meditieren enthalten sein, wie sonst im äußerlichen, sinnlichen Wahrnehmen.
[ 35 ] Well, this entire practice is based on refraining from engaging with sensory impressions. When meditating, one does not give oneself over to sensory impressions; one gives oneself over solely to the life of thought. But this life of thought must—through a firm grounding in certain easily comprehensible thoughts—be brought to such vitality, to such intensity, as is otherwise found only in external sensory life. You know, of course, that it is quite different when we are absorbed in external sensory impressions than when, with ordinary consciousness, we are absorbed only in our pale, lifeless world of thought. Sensory impressions have a vivid, intense effect on us. We are absorbed in them. Thoughts fade; they become abstract; they grow cold. But this is precisely the essence of meditation: that through practice we bring the mere weaving of thoughts to such a degree of intensity and liveliness that we can live within it just as we otherwise do in our external sensory life. If one can grasp a meditative thought with the same inner vitality that is otherwise present when one is absorbed in a color, then one has brought the meditative thought into life in the right way. But all of this must take place with the same inner freedom with which normal thought processes and sensory perception occur. Just as we do not indulge in nebulous moods or mystical reveries when observing the external world, and just as we do not become dreamers then, so too must we avoid doing so when we meditate correctly in this way. This meditation must contain exactly the same mood as is otherwise present in external, sensory perception.
[ 36 ] Das ist das Eigentümliche der anthroposophischen Methode, daß sie die Sinneswahrnehmung geradezu zum Muster nimmt. Sonstige nebulose Mystiker findet man ja, die sagen: Sinneswahrnehmungen - etwas sehr Minderwertiges! Die muß man verlassen. Man muß ins Traumhafte, ins Mystische, ins Sinnesabgewandte sich versetzen! - Dadurch kommt natürlich nur ein halber Schlaf zustande, nicht ein wirkliches Meditieren. Die Anthroposophie verfolgt den entgegengesetzten Weg: Sie nimmt sich das Sinneswahrnehmen geradezu zum Muster in bezug auf seine Qualität, Intensität, in bezug auf seine Lebhaftigkeit. So daß sich der Mensch in diesem Meditieren so frei bewegt, wie er sich in der Sinneswahrnehmung sonst bewegt. Er fürchtet sich dabei gar nicht, daß er zum trockenen Nüchterling wird. Die Dinge, die er auf diese Weise in aller Objektivität erlebt, die halten ihn schon von der trockenen Philistrosität ab und er hat nicht nötig, wegen der Objekte, die er erlebt, um der Überwindung der Alltäglichkeit willen sich in traumhafte Nebulositäten zu erheben.
[ 36 ] This is what is unique about the anthroposophical method: it takes sensory perception as its very model. One does, of course, find other nebulous mystics who say: Sensory perceptions—something very inferior! One must abandon them. One must transport oneself into the realm of dreams, the mystical, and that which is detached from the senses!—Of course, this results only in a half-sleep, not in true meditation. Anthroposophy takes the opposite approach: it takes sensory perception as its very model in terms of its quality, intensity, and liveliness. Thus, in this form of meditation, a person moves as freely as they otherwise do in sensory perception. In doing so, they have no fear of becoming a dry, sober-minded person. The things they experience in this way, with complete objectivity, already keep them from dry philistinism, and they have no need to rise into dreamlike nebulosity for the sake of overcoming the mundane, simply because of the objects they experience.
[ 37 ] Indem der Mensch also richtig meditiert, gelangt er dazu, sich in Gedanken frei zu bewegen. Dadurch aber werden die Gedanken selber befreit von ihrem vorherigen abstrakten Charakter, sie werden bildhaft. Und das tritt jetzt beim vollen Wachbewußtsein ein, mitten unter dem anderen gesunden Denken. Das darf man nämlich nicht verlieren. Der Halluzinant, der Schwärmer, der ist in dem Momente, wo er halluziniert, schwärmt, ganz Halluzinant, ganz Schwärmer, da setzt er den gesunden Menschenverstand ganz weg; das darf derjenige, der die hier beschriebenen Methoden befolgt, nicht. Der hat immer den gesunden Menschenverstand neben sich. Den nimmt er durch all dasjenige mit, was er da im bildhaften Gedankenleben erlebt. Und was tritt dadurch ein? Ja, sehen Sie: bei vollem Wachzustande tritt dasjenige ein, was sonst nur das unbewußte Leben formt an der Bildhaftigkeit des Traumes. Aber das ist gerade der Unterschied der Imagination gegenüber dem Traume: beim Traume wird alles in uns gemacht; dann dringt es aus unerkannten Tiefen herein in das Wachleben, und wir können es nur hinterher beobachten. Bei der Imagination, bei der Vorbereitung zur Imagination, beim meditativen Inhalt machen wir das selbst, was sonst in uns gemacht wird. Wir werfen uns auf zu Schöpfern von Bildern, die nicht bloße Phantasiebilder sind, sondern an Intensität, an Lebendigkeit sich von den Phantasiebildern ebenso unterscheiden wie die Traumbilder von den bloßen Phantasiebildern. Aber wir machen das alles selbst, und darauf kommt es an. Und indem wir es selbst machen, sind wir auch von einer gründlichen Illusion befreit, die nämlich darinnen besteht, daß man dasjenige, was man so selber macht, als eine Kundgebung aus der objektiven Außenwelt ansehen könnte. Das wird man nie, denn man ist sich bewußt, daß man dieses ganze Bildgewebe selber macht. Der Halluzinant, der hält seine Halluzinationen für Wirklichkeit. Er hält Bilder für Wirklichkeit, weil er sie ja nicht selber macht, weil er weiß, daß sie gemacht werden. Dadurch entsteht für ihn die Täuschung, daß sie Wirklichkeit seien. Derjenige, der sich durch Meditation für die Imagination vorbereitet, kann gar nicht in den Fall kommen, das, was er da selber ausbildet, für wirkliche Bilder zu halten. Eine erste Stufe zur übersinnlichen Erkenntnis wird gerade darinnen bestehen, daß man illusionsfrei wird dadurch, daß man das ganze Gewebe, das man jetzt als die innere Fähigkeit, Bilder von solcher Lebendigkeit, wie sonst die Traumbilder sind, hervorzurufen, daß man das in völlig freier Willkür gestaltet. Und man müßte selbstverständlich ja jetzt verrückt sein, wenn man das für Wirklichkeit hielte!
[ 37 ] Thus, by meditating correctly, a person comes to move freely in thought. As a result, however, the thoughts themselves are freed from their previous abstract nature; they become vivid and imagery-filled. And this occurs while the person is fully awake and conscious, right in the midst of other healthy thinking. For one must not lose that. The hallucinator, the dreamer—at the very moment he is hallucinating or daydreaming, he is entirely a hallucinator, entirely a dreamer; he completely sets aside common sense. But the person who follows the methods described here must not do that. He always has common sense at his side. He carries it with him through everything he experiences in his pictorial life of thought. And what happens as a result? Well, you see: in a fully waking state, what otherwise shapes only the unconscious life through the imagery of the dream comes to the fore. But that is precisely the difference between imagination and the dream: in the dream, everything is created within us; then it penetrates from unrecognized depths into waking life, and we can only observe it afterward. In imagination—in the preparation for imagination, in the meditative content—we ourselves create what is otherwise created within us. We become creators of images that are not mere figments of the imagination, but differ in intensity and vitality from these figments just as dream images differ from mere figments of the imagination. But we create all of this ourselves, and that is what matters. And by doing it ourselves, we are also freed from a profound illusion—namely, the belief that what we create in this way could be regarded as a manifestation of the objective external world. This will never happen, for we are aware that we are creating this entire tapestry of images ourselves. The person experiencing hallucinations takes his hallucinations for reality. He takes images for reality because he does not create them himself—because he knows they are being created. This gives rise to the delusion that they are reality. The person who prepares himself for imagination through meditation cannot possibly fall into the trap of taking what he himself forms there to be real images. A first step toward supersensory knowledge will consist precisely in becoming free of illusion by shaping—with complete freedom of will—the entire fabric that one now regards as the inner ability to evoke images with the same vividness as dream images. And of course, one would have to be insane to take that for reality!
[ 38 ] Nun, die nächste Etappe in diesem Meditieren besteht darinnen, daß man sich wiederum die Fähigkeit erwirbt, diese Bilder, die etwas Faszinierendes haben, und die, wenn der Mensch sie nicht in vollständiger Freiheit wie beim Meditieren entwickelt, tatsächlich sich wie die Parasiten festsetzen, daß man diese Bilder aus dem Bewußtsein wiederum ganz verschwinden lassen kann, daß man auch die innere Willkür erhält, diese Bilder, wenn man will, wiederum völlig verschwinden zu lassen. Diese zweite Etappe ist so notwendig wie die erste. So wie im Leben gegenüber dem Erinnern das Vergessen notwendig ist — sonst würden wir immer mit der ganzen Summe unserer Erinnerungen herumgehen -, so ist auf dieser ersten Stufe des Erkennens das Abwerfen der imaginativen Bilder so notwendig als das Weben, das Gestalten dieser imaginativen Bilder.
[ 38 ] Well, the next stage in this meditation consists in regaining the ability to let these images—which have something fascinating about them— and which, if one does not develop them in complete freedom as one does in meditation, actually take root like parasites—to let these images disappear completely from consciousness once again, and to regain the inner freedom to make these images vanish entirely whenever one wishes. This second stage is just as necessary as the first. Just as forgetting is necessary in life as a counterbalance to remembering—otherwise we would always be carrying around the entire sum of our memories—so, at this first stage of cognition, casting off the imaginative images is just as necessary as weaving and shaping them.
[ 39 ] Aber, indem man das alles durchgemacht hat, durchgeübt hat, hat man etwas mit dem Seelischen vollzogen, was man vergleichen könnte damit, wenn man einen Muskel immerfort gebraucht, wenn man ihn immerfort übt, so wird er stark. Man hat jetzt eine Übung in der Seele dadurch vollzogen, daß man Bilder weben, Bilder gestalten lernt, und sie wiederum unterdrückt, und daß das alles vollständig in dem Bereich unseres freien Willens steht. Sehen Sie, man ist dadurch, daß man die Imagination ausgebildet hat, zu der bewußten Fähigkeit gekommen, Bilder zu gestalten, wie sie sonst das unbewußte Leben des Traums gestaltet, da drüben in der Welt, die man sonst mit seinem gewöhnlichen Bewußtsein nicht überblickt, die in die Zustände zwischen dem Einschlafen und Aufwachen hineinverlegt sind. Jetzt entfaltet man diese selbe Tätigkeit bewußt herüber. Man entfaltet also in jener Meditation, die abzielt auf das imaginative Erkennen, den Willen, die Fähigkeit zu erringen, bewußt Bilder zu schaffen, und wiederum die Fähigkeit, bewußt Bilder aus dem Bewußtsein wegzuschaffen. Dadurch kommt eine andere Fähigkeit.
[ 39 ] But by going through all of this, by practicing it, one has accomplished something in the soul that could be compared to how a muscle becomes strong when it is constantly used and exercised. One has now accomplished an exercise in the soul by learning to weave and shape images, and then to suppress them again—and all of this takes place entirely within the realm of our free will. You see, by developing the power of imagination, one has attained the conscious ability to shape images in the same way that the unconscious life of dreaming otherwise shapes them—over there in the world that one cannot otherwise perceive with ordinary consciousness, a world situated in the states between falling asleep and waking up. Now one consciously extends this same activity over here. Thus, in that meditation aimed at imaginative cognition, one develops the will to attain the ability to consciously create images—and, in turn, the ability to consciously remove images from consciousness. Through this, another ability arises.
[ 40 ] Diese Fähigkeit ist eine solche, die sonst unwillkürlich vorhanden ist nicht während des Schlafens, sondern im Momente des Aufwachens und Einschlafens. Der Moment des Aufwachens und Einschlafens kann sich so gestalten, daß man das, was man vom Einschlafen bis zum Aufwachen erlebt hat, in den Traumresten herübernimmt, dann von dorther dasjenige, was drüben ist, beurteilt. Es kann uns aber auch dasjenige, dem wir uns öffnen beim Aufwachen, gleich so überraschen, daß alle Erinnerung an den Traum hinuntersinkt. Im allgemeinen kann man sagen: In den Träumen ragt etwas Chaotisches, etwas wie erratische Gebilde von einem außer dem gewöhnlichen Wachleben Liegenden in das Wachleben herein. Es ragt dadurch herein, daß der Mensch während des Schlafens die bildhafte, die Imaginationen schaffende Tätigkeit entwickelt. Entwickelt er im Wachleben die Imaginationen schaffende Tätigkeit und die Imaginationen wegschaffende Tätigkeit, kann er also aus seiner Vorbereitung zur Imagination zu einem bewußtseinsleeren Zustand kommen: dann ist es so wie ein Aufwachen, und dann dringen von jenseits des Sinnesteppichs — was ich jetzt hier in der Zeichnung mit einem roten Kreis bezeichnet habe -, da dringen dann auf den durch die Meditation entwickelten Gedankenbahnen diejenigen Wesenhaftigkeiten durch den Sinnesteppich durch in uns ein, die jenseits dieses Sinnesteppichs sind. Wir durchstoßen den Sinnesteppich, wenn wir nach den gemachten Bildern mit leerem Bewußtsein verharren; dann kommen die Bilder herein durch Inspiration aus dem Jenseits der Sinneswelt. Wir treten in diejenige Welt ein, die jenseits der Sinneswelt liegt. Wir bereiten uns durch das imaginative Leben zur Inspiration vor. Und die Inspiration besteht darinnen, daß wir bewußt so etwas erleben können wie sonst unbewußt den Moment des Aufwachens. Wie im Moment des Aufwachens in unser waches Seelenleben etwas von jenseits des wachen Seelenlebens hereinkommt, so kommt dann, wenn wir durch die Imagination unser Seelenleben so ausgebildet haben, wie ich es geschildert habe, etwas von jenseits des Bewußtseins des Sinnesteppichs herein.
[ 40 ] This ability is one that is otherwise present involuntarily—not during sleep, but at the moments of waking and falling asleep. The moment of waking and falling asleep can unfold in such a way that one carries over into waking life the experiences from the time of falling asleep until waking—and then, from there, assesses what lies beyond. However, what we open ourselves to upon waking can also surprise us so much that all memory of the dream fades away. In general, one can say: In dreams, something chaotic—something like erratic formations from a realm outside ordinary waking life—protrudes into waking life. It intrudes because, during sleep, a person develops the pictorial, imagination-creating activity. If, in waking life, a person develops both the activity that creates imaginations and the activity that dispels them, they can thus move from their preparation for imagination to a state devoid of consciousness: then it is like waking up, and then, from beyond the sensory veil—which I have marked here in the drawing with a red circle—those essences that lie beyond this sensory veil penetrate through it into us along the thought pathways developed through meditation. We pierce the veil of the senses when we remain with an empty consciousness after creating the images; then the images enter through inspiration from beyond the sensory world. We enter the world that lies beyond the sensory world. We prepare ourselves for inspiration through the life of imagination. And inspiration consists in our being able to consciously experience something akin to the moment of waking up, which we otherwise experience unconsciously. Just as, in the moment of waking, something from beyond our waking soul life enters into it, so too, when we have developed our soul life through imagination as I have described, something from beyond the consciousness of the tapestry of the senses enters in.
[ 41 ] Wir erleben auf diese Weise die geistige Welt, die hinter der Sinneswelt ist. Es ist durchaus das, was als solche Fähigkeiten zur übersinnlichen Erkenntnis angeeignet wird, eine Fortsetzung desjenigen, was der Mensch schon im gewöhnlichen Leben als Fähigkeit hat. Und darauf beruht Anthroposophie, daß solche Fähigkeiten weiter ausgebildet werden. Sie muß sich aber dabei ganz und gar auf dasjenige stützen, was sich der Mensch durch ein zeitliches Erfassen der Lebens- und Daseinsläufe aneignet.
[ 41 ] In this way, we experience the spiritual world that lies beyond the sensory world. What is acquired as such abilities for supersensory knowledge is, in fact, a continuation of what human beings already possess as abilities in ordinary life. And anthroposophy is based on the further development of these abilities. In doing so, however, it must rely entirely on what human beings acquire through a temporal understanding of the courses of life and existence.
[ 42 ] Wenn Sie daher das durchlesen, was Sie als vorbereitende Übungen für Imagination, Inspiration und Intuition in meinem Buche: «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? » oder in meiner «Geheimwissenschaft» finden und mit unbefangenem Blicke betrachten, so werden Sie sehen, daß alles das auf eines hinausläuft, darauf hinausläuft, den Zeitenverlauf erleben zu können. Der Mensch lebt sonst in seinem Leben nacheinander im kindlichen Erfassen der Welt, im reifen Erfassen der Welt, im greisenhaften Erfassen der Welt, oder er erlebt abnorm das Hereindringen des einen oder des anderen. Nicht die Imagination selbst, aber dasjenige, was in regelrechter Weise dazu vorbereitet, das muß darauf hinarbeiten, daß alles Leben aus dem vollen Menschen herauskommt; daß der Mensch aus dem ganzen Lebenslauf heraus sich der Welt hingibt; daß also dasjenige harmonisiert wird, was an dem Kinde besonders für die Welt geeignet ist, was im Reifealter besonders für die Welt geeignet ist, und dasjenige, was im Greisenalter besonders für die Welt geeignet ist; das muß in der Weltanschauung, die zum Übersinnlichen kommt, zusammenfließen und muß harmonisiert werden. Der ganze Mensch auch als Zeitorganismus muß gegenüber der Welt wirken. Der Mensch muß gewissermaßen die Frische und Munterkeit des Kindesalters für die übersinnliche Anschauung mitbringen; er muß die Klarheit der Gedanken des reifen Alters mitbringen, und er muß die ja in einem richtigen Menschenleben im Greisenalter erlangte Hingabe an das Leben, die liebevolle Hingabe an das Leben mitbringen. Und das alles: Frische und Munterkeit in der Auffassung, Klarheit in der Beurteilung und liebevolle Hingabe an die Erscheinungen, das muß der Mensch als Vorbereitung mitbringen, damit sich Imagination, Inspiration und Intuition in entsprechender Weise entwickeln können.
[ 42 ] If, therefore, you read through what you will find as preparatory exercises for imagination, inspiration, and intuition in my book, *How Does One Gain Insight into the Higher Worlds?* ” or in my “Secret Science,” and view them with an open mind, you will see that all of this boils down to one thing: being able to experience the passage of time. Otherwise, a person lives their life successively through a childlike perception of the world, a mature perception of the world, and an elderly perception of the world—or they experience the intrusion of one or the other in an abnormal way. It is not imagination itself, but that which properly prepares for it, that must work toward ensuring that all of life flows from the whole human being; that the human being, drawing from the entire course of life, gives himself over to the world; that is to say, what in childhood is particularly suited to the world, what in maturity is particularly suited to the world, and what in old age is particularly suited to the world—all of this must converge in the worldview that leads to the supersensible and must be harmonized. The whole human being, as a temporal organism, must also act in relation to the world. The human being must, so to speak, bring the freshness and liveliness of childhood to the supersensible perception; they must bring the clarity of thought characteristic of maturity, and they must bring the devotion to life—the loving devotion to life—that is attained in old age in a truly human life. And all of this—freshness and liveliness of perception, clarity of judgment, and loving devotion to phenomena—must be brought by the human being as preparation so that imagination, inspiration, and intuition can develop in an appropriate manner.
