The Educational Value
of Understanding Human Nature
GA 310
18 July 1924, Arnheim
Translate the original German text into any language:
Versions Available:
The Educational Value of Understanding Human Nature, tr. SOL
Zweiter Vortrag
Second Lecture
[ 1 ] Über die Befruchtung der pädagogischen Kunst durch Menschenerkenntnis möchte ich in diesem Kursus zunächst sprechen, und so möchte ich die Sache gestalten — ich habe es gestern im einleitenden Vortrage schon angedeutet -, daß ich zunächst zeigen möchte, wie Anthroposophie praktisch werden kann in wirklicher Menschenerkenntnis, jetzt nicht etwa bloß in der Erkenntnis des Kindes, sondern in der Erkenntnis des ganzen Menschen; wie Anthroposophie dann gerade dadurch, daß sie den ganzen Menschen, das heißt das ganze menschliche Leben von der Geburt bis zum Tode, insofern es sich auf der Erde abspielt, kennenlernt, wie sie gerade dadurch auch in richtiger Art auf jene Notwendigkeiten hinweisen kann, die für die Erziehung und den Unterricht des Kindes bestehen.
[ 1 ] In this course, I would like to begin by discussing how the art of education is enriched by an understanding of human nature, and I intend to structure the course—as I already hinted at yesterday in the introductory lecture—in such a way that I first show how anthroposophy can become practical in a genuine understanding of human nature, not merely in an understanding of the child, but in an understanding of the whole human being; how anthroposophy, precisely by coming to know the whole human being—that is, the entire human life from birth to death, insofar as it unfolds on Earth—can thereby also point out in the right way the necessities that exist for the education and instruction of the child.
[ 2 ] Man denkt ja sehr leicht, daß man das Kind unterrichten und erziehen könne, wenn man nur dasjenige Leben zunächst beobachtet, das im kindlichen oder jugendlichen Alter abläuft. Aber das genügt nicht. Sondern geradeso wie bei der Pflanze, wenn Sie dem Keim irgendwie eine Substanz einpflanzen, dies sich in der Blütenbildung oder in der Frucht zeigt, so ist es auch im menschlichen Leben. Was in frühester Kindheit dem menschlichen Leben eingepflanzt wird, aus dem kindlichen Leben herausgeholt wird, das zeigt sich zuweilen im spätesten Lebensalter erst; und man weiß oftmals nicht, wenn der Mensch fünfzigjährig irgendwie in Krankheit, in Bresthaftigkeit verfällt, daß dies seine Ursache hat in einer falschen Erziehung oder in einem falschen Unterricht im 7., 8. Lebensjahr. Man geht ja heute so vor, daß man das Kind studiert - wenn auch nicht in so äußerlicher Weise, wie es gestern gesagt worden ist —, um das herauszufinden, was man um das Kind herum helfend macht. Das genügt nicht. Und so möchte ich heute Grundlagen schaffen, um darauf hinzuweisen, wie das ganze menschliche Leben geisteswissenschaftlich beobachtet werden kann.
[ 2 ] It is very easy to think that one can teach and raise a child simply by observing, at first, the life that unfolds during childhood or adolescence. But that is not enough. Just as with a plant—when you introduce a substance into the seed in some way, this manifests itself in the formation of flowers or fruit—so it is in human life. What is instilled in human life in earliest childhood—what is drawn from the child’s life—sometimes only becomes apparent in old age; and often, when a person in their fifties falls ill or becomes frail, one does not realize that this has its root cause in a flawed upbringing or improper instruction during the 7th or 8th year of life. Today, the approach is to study the child—albeit not in such an overt manner as was mentioned yesterday—in order to determine what supportive measures can be taken around the child. That is not enough. And so today I would like to lay the groundwork for pointing out how the whole of human life can be observed from the perspective of Spiritual Science.
[ 3 ] Der Mensch solle beobachtet werden nach Leib, Seele und Geist, sagte ich schon gestern. Und in dem öffentlichen Vortrage deutete ich gestern an, wie erst das erste Übersinnliche im Menschen, ein höherer Mensch im Menschen, das Dauernde ist, das von der Geburt bis zum Tode geht, während der äußere physische Leib fortwährend ausgewechselt wird. Nun handelt es sich eben darum, dieses menschliche Leben auch so kennenzulernen, daß man sieht: auf der Erde spielt sich das ab, was sich aus dem vorirdischen Leben heraus entwickelt. Wir haben ja in uns nicht bloß dasjenige Seelische, das mit der Geburt oder mit der Empfängnis begonnen hat, wir tragen in uns das vorirdische Seelische, ja, wir tragen in uns die Ergebnisse längst verlaufener Erdenleben. Das alles wirkt und lebt und webt in uns, und wir müssen während des irdischen Lebens das vorbereiten, was dann durch die Pforte des Todes geht und nach dem Tode wieder draußen leben wird in der geistig-seelischen Welt. Wir müssen also begreifen, wie in dem irdischen Leben das Überirdische arbeitet. Denn das ist ja zwischen Geburt und Tod doch auch vorhanden; es arbeitet nur verborgen in dem Leiblichen drinnen, und man versteht das Leibliche nicht, wenn man nicht das im Leiblichen wirkende Geistige versteht.
[ 3 ] As I said yesterday, human beings should be observed in terms of body, soul, and spirit. And in yesterday’s public lecture, I hinted at how it is the first supersensible aspect within the human being—a higher human being within the human being—that is enduring, extending from birth to death, while the outer physical body is constantly being renewed. Now, the point is precisely to come to know this human life in such a way that we see: what unfolds on Earth is what has developed out of pre-earthly life. For we do not merely have within us that aspect of the soul that began with birth or conception; we carry within us the pre-earthly soul, indeed, we carry within us the results of long-past earthly lives. All of this is active, alive, and weaving within us, and during our earthly life we must prepare what will then pass through the gate of death and live on again after death in the spiritual-soul world. We must therefore understand how the supersensible works in earthly life. For it is indeed present between birth and death; it merely works hidden within the physical body, and one cannot understand the physical unless one understands the spiritual working within it.
[ 4 ] Gehen wir nun einmal davon aus, das, was ich jetzt angedeutet habe, an konkreten Beispielen zu studieren: Menschenkenntnis, wie sie sich ergibt aus der Betrachtungsart, die in der anthroposophischen Literatur niedergelegt ist, wie zum Beispiel in meinem Buche «Theosophie», in der «Geheimwissenschaft im Umriß» oder in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Gehen wir aus von dem, was man für eine wirkliche, konkrete Menschenerkenntnis gewinnen kann, wenn man das zugrunde legt, was eben Anthroposophie im allgemeinen über den Menschen und die Welt erkennen läßt. — Zwei Beispiele möchte ich da einmal voranstellen, die auch hier jedem wohlbekannt sein werden. Ich stelle sie aus dem Grunde voraus, weil für mich das Studium dieser zwei Persönlichkeiten, von denen ich ausgehen will, durch viele Jahre hindurch eine eingehende Beschäftigung gebildet hat. Ich nehme zwei geniale Persönlichkeiten; wir werden dann zu weniger genialen heruntersteigen. Wir werden daran sehen, wie Anthroposophie nicht nur im allgemeinen abstrakt herumredet, sondern imstande ist, auf konkrete Menschenwesen einzugehen und sie kennenzulernen, so daß Menschenerkenntnis sich zeigt als etwas, was wirklich im praktischen Leben drinnensteht. Ich wähle die beiden Beispiele: Goethe, Schiller, und möchte auf dem Umwege durch Goethe und Schiller zeigen, wie sich unter dem Einfluß von Geisteswissenschaft Menschenerkenntnis ergibt.
[ 4 ] Let us now assume that we will study what I have just alluded to using concrete examples: An understanding of human nature, as it emerges from the perspective set forth in anthroposophical literature, such as in my book *Theosophy*, in *An Outline of Esoteric Science*, or in *How Does One Gain Knowledge of the Higher Worlds?*. Let us start with what one can gain as a genuine, concrete understanding of human nature by taking as a foundation what anthroposophy in general reveals about human beings and the world. — I would like to begin with two examples that will likely be well known to everyone here. I present them for the following reason: the study of these two personalities, from whom I intend to proceed, has been a subject of in-depth engagement for me over many years. I will take two brilliant personalities; we will then move on to less brilliant ones. We will see how anthroposophy does not merely engage in general, abstract discourse, but is capable of engaging with and getting to know specific human beings, so that knowledge of the human being reveals itself as something that is truly embedded in practical life. I have chosen the two examples of Goethe and Schiller, and I would like to use them as a starting point to show how, under the influence of Spiritual Science, an understanding of human nature emerges.
[ 5 ] Betrachten wir einmal Goethe und Schiller äußerlich, ihrem Lebenslaufe nach, aber gehen wir auf die ganze Persönlichkeit aus. Wir haben Goethe in merkwürdiger Weise ins Leben hereintretend: er wurde ganz schwarz geboren, das heißt dunkelblau. Also er zeigte zunächst, daß er mit seinem Geistig-Seelischen außerordentlich schwer untertauchen konnte in das Physisch-Leibliche. Aber wiederum, als Goethe einmal untergetaucht war, als er dieses spröde physisch-leibliche Material in Anspruch genommen hatte, da war er auch ganz drinnen. Man kann sich eigentlich auf der einen Seite kaum eine gesündere Natur denken als die des Goethe-Knaben. Goethe ist unglaublich gesund. Er ist so gesund, daß seine Erzieher schon mit ihm einige Schwierigkeiten haben. Denn Kinder, mit denen man keine Schwierigkeiten hat, die sind in der Regel nicht die allergesündesten im späteren Alter. Kinder dagegen, die den Erziehern etwas unbequem werden, das sind die, welche dann später im Leben die mehr brauchbaren, weil die energischeren Naturen sind. Daher wird der verständige Erzieher es schon ganz gern haben, wenn ihm die Kinder auch etwas auf die Finger schauen. Und Goethe war von frühester Kindheit an durchaus geneigt, seinen Erziehern auf die Finger zu schauen, sogar bis zur Wörtlichkeit hin: er guckte beim Klavierspiel die Finger des Spielers ab und nannte dann den einen Finger den «Däumerling», den andern «Deuterling» und so weiter. Aber nicht nur in diesem äußerlichen Sinne schaute er seinen Erziehern auf die Finger, sondern er war eigentlich schon «hell» als Knabe, und die Erzieher hatten es daher manchmal schwierig. Später hat er ja in Leipzig eine schwere Krankheit durchgemacht. Aber mit Bezug darauf muß man sagen, es war dazu schon einiges von Strapazen, man kann auch sagen von kleinen Lumpereien notwendig, um die Gesundheit, die Goethe in sich trug, bis zu dem Grade ins Kranke hinüberzugestalten, wie dies gerade damals in Leipzig der Fall war. Dann aber sehen wir wieder, wie Goethe stramm sein ganzes Leben hindurch ein gesunder, aber ein außerordentlich sensitiver Mensch ist, wie er alles einzelne, was da ist, intensiv auf sich wirken lassen kann, wie es aber nicht sehr tief in den Organismus heruntergreift; er wird nicht gleich herzkrank, wenn er ein erschütterndes Ereignis verspürt, aber er verspürt dieses erschütternde Ereignis mit aller denkbaren Seelenschärfe. Und so sein ganzes Leben hindurch. Er leidet seelisch, ohne daß das seelische Leid ihn gleich in eine äußere Krankheit bringt. Das heißt, seine äußere Gesundheit ist außerordentlich fest.
[ 5 ] Let us consider Goethe and Schiller from an external perspective, based on the course of their lives, but let us focus on their entire personalities. Goethe entered life in a remarkable way: he was born completely black—that is, dark blue. So he initially showed that it was extraordinarily difficult for him to immerse his spiritual and soul aspects into the physical and bodily realm. But then again, once Goethe had immersed himself—once he had taken hold of this brittle physical and bodily material—he was fully immersed in it. On the one hand, it’s actually hard to imagine a healthier constitution than that of the young Goethe. Goethe is incredibly healthy. He is so healthy that his teachers already have some difficulties with him. For children with whom one has no difficulties are, as a rule, not the healthiest in later life. Children, on the other hand, who become somewhat of a handful for their teachers—these are the ones who later in life turn out to be the more useful, because they are the more energetic types. That is why the sensible tutor will actually be quite pleased if the children keep a close eye on him. And from his earliest childhood, Goethe was quite inclined to keep a close eye on his tutors, even to the point of taking things literally: while playing the piano, he would watch the player’s fingers and then call one finger “Thumbling,” another “Indexling,” and so on. But he didn’t just watch his tutors’ fingers in this outward sense; he was actually quite “bright” even as a boy, and his tutors therefore sometimes found it difficult. Later, of course, he suffered a serious illness in Leipzig. But in that regard, one must say that it took quite a bit of hardship—one might even say some minor mischief—to transform the health that Goethe possessed into the state of illness that was the case in Leipzig at that time. But then we see again how Goethe remained, throughout his entire life, a healthy yet extraordinarily sensitive person—how he could allow every single thing around him to affect him intensely, yet without it penetrating very deeply into his organism; he does not immediately develop heart disease when he experiences a shattering event, but he feels this shattering event with every conceivable intensity of feeling. And so it is throughout his entire life. He suffers emotionally without this emotional suffering immediately leading to physical illness. That is to say, his physical health is exceptionally robust.
[ 6 ] Dann weiter, Goethe muß schon geradezu herausfordern, eine Betrachtungsweise anzuwenden, die nicht gleich ins Mystische geistig verschwimmt, weil man immer nur sagt: Ach, es kommt nicht darauf an, die äußere physische Gestalt ins Auge zu fassen; das ist niedrig, man muß das Geistige ins Auge fassen! — Sondern bei einem so gesunden Menschen wie Goethe, ist das Geistige und das Physische eines; das Geistige wirkt durch das Physische. Und nur der erkennt eine solche Persönlichkeit, der imstande ist, das Geistige durch das Bild des Physischen hindurch zu schauen.
[ 6 ] Goethe, then, must virtually challenge us to adopt a perspective that does not immediately blur into the mystical, because people always say: “Oh, it doesn’t matter to focus on the outward physical form; that is base—one must focus on the spiritual!” — But in a person as sound as Goethe, the spiritual and the physical are one; the spiritual acts through the physical. And only those who are capable of seeing the spiritual through the image of the physical can recognize such a personality.
[ 7 ] Goethe war eine sogenannte Sitzgröße. Wenn er saß, kam er einem groß vor; wenn er stand, sah man, daß er kurze Beine hatte, Das ist etwas Eigentümliches, was für den, der nun den Menschen nach seiner Einheitlichkeit beobachten kann, besonders wichtig ist. Warum hatte Goethe kurze Beine? Die kurzen Beine bedingen einen besonderen Gang; er ging in kurzen Schritten, die, weil der Oberkörper schwer war-er war schwer und lang-, allerdings fest auf die Erde gesetzt wurden. Wir müssen das beobachten, damit wir es als Erzieher bei Kindern gut studieren können. — Was heißt das, es hat ein Mensch kurze Beine und einen übergroßen Oberkörper? Das heißt: Wir haben bei einem solchen Menschen in der äußeren Erscheinung gegeben, daß er das, was er in einem vorigen Erdenleben durchlebt hat, auf eine harmonische Weise karmisch in dem gegenwärtigen Erdenleben, das heißt in dem, von dem man spricht, zur Darstellung bringen kann.
[ 7 ] Goethe was what is known as a “sitting giant.” When he sat, he appeared tall; when he stood, one could see that he had short legs. This is a peculiar trait that is particularly important for those who are now able to observe people in terms of their overall unity. Why did Goethe have short legs? His short legs dictated a particular gait; he walked with short steps which—because his upper body was heavy (he was heavy and tall)—were planted firmly on the ground. We must observe this so that, as educators, we can study it well in children. — What does it mean for a person to have short legs and an oversized upper body? It means that such a person’s outward appearance allows him to express, in a harmonious karmic way, what he experienced in a previous earthly life within his present earthly life—that is, the one we are discussing.
[ 8 ] Goethe war auch in dieser Beziehung außerordentlich harmonisch, daß er alles, was in seinem Karma lag, ausgestalten konnte bis ins höchste Lebensalter hin. Er wurde ja so alt, weil er alles, was in ihm karmisch veranlagt war, wirklich herausbringen konnte. Man hat bei Goethe, der, nachdem er den Leib verlassen hatte, eben diesem Leibe nach noch so wunderschön war, daß ihn alle im Tode bewunderten, man hat bei ihm den Eindruck: Da hat sich eigentlich alles ausgelebt, was karmisch veranlagt war; da ist eigentlich nichts geblieben, und Goethe muß neu anfangen, wenn er wieder in einem Erdenleben erscheint, unter ganz neuen Bedingungen. Das alles drückt sich gerade in einem so gestalteten Körper aus, wie ihn Goethe hatte. Denn das, was der Mensch aus einem vorigen Erdenleben veranlagt hat, kommt zunächst als Ursache in der Kopfbildung zum Vorschein. Nun hatte Goethe von Jugend auf diesen wunderschönen Apollo-Kopf, der nur die harmonischen Kräfte in die Körperlichkeit hineingoß. Er hatte aber diesen von der Last des Oberleibes beeindruckten Körper mit den zu kurzen Beinen, so daß er diesen Gang wieder hatte, der in seinem ganzen Lebenswandel zum Vorschein kommen konnte. Dieser ganze Mensch war karmische Voraussetzung und karmische Erfüllung im wunderbar Harmonischen. Alles einzelne, was man im Goethe-Leben hat, spricht ja das aus.
[ 8 ] Goethe was also extraordinarily harmonious in this respect, in that he was able to fully realize everything that was part of his karma right up to a very advanced age. He lived to be so old precisely because he was truly able to bring forth everything that was karmically inherent in him. In Goethe’s case—who, even after leaving his body, remained so beautiful in that very body that everyone admired him even in death—one gets the impression that everything that was karmically predestined had actually been lived out; nothing really remained, and Goethe must start anew when he reappears in an earthly life, under entirely new conditions. All of this is expressed precisely in a body shaped as Goethe’s was. For what a person has brought with them from a previous earthly life first manifests as a cause in the formation of the head. Now, from his youth onward, Goethe had this beautiful Apollo-like head, which infused the physical body solely with harmonious forces. But he also had this body, marked by the weight of his upper torso and with legs that were too short, so that he had that characteristic gait, which could manifest itself throughout his entire way of life. This entire human being was a karmic prerequisite and karmic fulfillment in a wonderfully harmonious way. Every single aspect of Goethe’s life speaks to this.
[ 9 ] Bei einem solchen Menschen, der so harmonisch im Leben drinnensteht und so alt wird, muß ja nun die Mitte des Erdenlebens ganz besonders hervorragende Erlebnisse aufweisen. Goethe ist 1749 geboren, 1832 gestorben; er ist also etwa 83 Jahre alt geworden. Wir haben also sein mittleres Lebensalter etwa im 41. Jahre, das heißt um das Jahr 1790. Nehmen Sie nun die Zeit von 1790 bis 1800, so ist dies das mittelste Jahrzehnt, das Goethe erlebt hat. In diesem Jahrzehnt, vor 1800, hat Goethe tatsächlich die wichtigsten Lebensereignisse durchgemacht. Vorher konnte er in den wichtigen Lebens- und wissenschaftlichen Anschauungen nicht irgendwie zu einem Abschluß kommen. Die «Metamorphose der Pflanzen» wird 1790 erst veröffentlicht; alles was sich daran anschließt, schließt sich in diesem Jahrzehnt, von 1790 bis 1800, daran an. Goethe war 1790 mit seinem «Faust» so wenig fertig, daß er ihn als Fragment herausgab; er glaubte überhaupt nicht, mit ihm fertigzuwerden. In diesem Jahrzehnt faßt er unter dem Einfluß von Schillers Freundschaft die kühne Idee, diesen «Faust» weiterzuführen. Die großen Szenen, der Prolog im Himmel und so weiter kommen hier zum Ausdruck. — Also wir haben es bei ihm zu tun mit einem außerordentlich harmonischen Leben, und mit einem Leben, das in Ruhe verläuft, das durch nichts gestört wird von innen heraus, sondern das sich frei und sinnig der Außenwelt hingeben kann.
[ 9 ] For a person like this, who lives life so harmoniously and lives to such an advanced age, the middle years of his earthly life must surely have been marked by particularly remarkable experiences. Goethe was born in 1749 and died in 1832; he thus lived to be about 83 years old. His middle age, therefore, was around 41, that is, around the year 1790. If you take the period from 1790 to 1800, this is the middle decade of Goethe’s life. It was during this decade, before 1800, that Goethe actually experienced the most significant events of his life. Before that, he had been unable to reach any kind of conclusion regarding his major life and scientific views. *The Metamorphosis of Plants* was not published until 1790; everything that followed on from it took place during this decade, from 1790 to 1800. In 1790, Goethe was so far from finishing his *Faust* that he published it as a fragment; he did not believe at all that he would ever be able to complete it. During this decade, under the influence of Schiller’s friendship, he conceived the bold idea of continuing this *Faust*. The great scenes—the prologue in heaven and so on—find expression here. — Thus, we are dealing with a man whose life is extraordinarily harmonious, a life that unfolds in tranquility, undisturbed by anything from within, and which can freely and meaningfully devote itself to the outside world.
[ 10 ] Betrachten wir dagegen Schillers Leben. Schiller wird von vornherein in einen Lebenszusammenhang hineingestellt, der eine fortwährende Disharmonie zeigt zwischen seinem Seelisch-Geistigen und seinem Körperlich-Physischen. Schiller hat durchaus nicht die harmonische Kopfbildung wie Goethe. Er ist eigentlich häßlich, nur geistvoll häßlich, aber doch eigentlich häßlich. Aber es liegt eine starke, persönlichkraftvolle Haltung auch in seiner Physiognomie, was ja insbesondere in der Nasenbildung zum Ausdruck kommt. Schiller ist nicht eine Sitzgröße, sondern er hat lange Beine. Alles dagegen, was zwischen Kopf und Gliedmaßen liegt, worin die Ursachen der Zirkulation und der Atmung liegen, ist bei ihm wirklich krank, kümmerlich von Anfang an ausgebildet, und er leidet sein ganzes Leben hindurch, zuerst mit größeren Pausen, dann aber fast unaufhörlich an Krämpfen. Diese Krämpfe werden später so stark, daß er sich nicht zu irgendeiner Mahlzeit einladen lassen kann, sondern daß er, als er zum Beispiel einmal nach Berlin kommt, sich ausbedingt, man solle ihn für den ganzen Tag einladen, so daß er sich die Zeit aussuchen könne, in der er dann frei von Krämpfen sei. Das alles rührt her von einem mangelhaft ausgebildeten Zirkulations- und Atmungsgebiet.
[ 10 ] Let us, on the other hand, consider Schiller’s life. From the very beginning, Schiller is placed within a life context that reveals a constant disharmony between his spiritual-emotional nature and his physical-bodily nature. Schiller by no means has the harmonious facial features of Goethe. He is actually ugly—though an ugly man of spirit—but ugly nonetheless. Yet there is a strong, personally powerful presence even in his physiognomy, which is expressed particularly in the shape of his nose. Schiller is not of average height; rather, he has long legs. In contrast, everything between his head and his limbs—the very parts responsible for circulation and respiration—is truly diseased in him, having been stunted from the very beginning, and he suffers from cramps throughout his entire life, at first with longer intervals, but later almost incessantly. These cramps later become so severe that he cannot accept invitations to any single meal; rather, when he visits Berlin, for example, he insists that he be invited for the entire day so that he can choose a time when he is free of cramps. All of this stems from an underdeveloped circulatory and respiratory system.


[ 11 ] Da entsteht die Frage: Was liegt karmisch bei einem Menschen aus früheren Erdenleben her vor, der in dieser Weise an Krämpfen leiden muß? - Krämpfe sind, wenn sie ins menschliche Leben eingreifen, ungemein stark hinweisend auf das menschliche Karma. Wenn man vom geisteswissenschaftlichen Standpunkte aus mit ernster,verantwortlicher wissenschaftlicher Untersuchung an Krampferscheinungen herangeht, so findet man immer, da liegt beim Menschen ein bestimmtes Karma vor, Ergebnisse von Taten, Gedanken und Gefühlen früherer Erdenleben. Jetzt hat man den Menschen im gegenwärtigen Leben vor sich. Nun kann zweierlei eintreten. Entweder es geht so harmonisch zu wie bei Goethe, daß man sich sagt: Da ist das Karma, da kommt alles zum Vorschein, was karmisches Ergebnis ist. — Es kann aber auch das andere eintreten, es kann der Mensch durch besondere Bedingungen, die sich für ihn beim Herabsteigen aus der geistigen Welt in die physische ergeben, in die Lage kommen, daß er das, was karmisch auf ihm lastet, nicht immer ganz ausleben kann. Der Mensch kommt aus der geistigen Welt mit bestimmten karmischen Voraussetzungen herunter; er trägt sie in sich. Nehmen wir an, bei A wäre für einen Menschen eine Stelle, wo er in einem bestimmten Zeitpunkte seines Lebens sein Karma irgendwie verwirklichen sollte; aber durch irgend etwas geht es nicht. Dann setzt er sozusagen mit Bezug auf die Verwirklichung seines Karma aus, und es muß eine kürzere Zeit verfließen, wo sein Karma aussetzt; er muß dies dann für das nächste Erdenleben verschieben. Dann geht es so weiter. Wieder kommt eine Stelle, bei B, wo er etwas von seinem Karma verwirklichen sollte; aber er muß wiederum aussetzen, muß wiederum etwas von seinem Karma auf das nächste Erdenleben verschieben. Immer nun, wenn man nötig hat, so sein Karma auszusetzen, entstehen krampfartige Erscheinungen im Leben. Man kann etwas, was man im Inneren trägt, nicht ganz herausbilden in sein Leben. - Das ist eben die Eigentümlichkeit der Geisteswissenschaft, daß sie nicht im Phantastischen herumschwimmt, nur so im Allgemeinen herumredet, der Mensch habe die vier Wesensglieder: physischer Leib, ätherischer Leib, astralischer Leib und Ich, sondern daß sie eingeht auf das wirkliche Leben und hinweisen kann auf etwas im physischen Leben, wo die wirklichen geistigen Ursachen für irgendwelche äußeren Ereignisse liegen, so daß sie weiß, wie der Mensch im äußeren Leben sich darlebt. Das ist das, was wirkliche Geisteswissenschaft eben können muß.
[ 11 ] This raises the question: What karmic legacy from past earthly lives does a person have who must suffer from convulsions in this way? — When convulsions interfere with human life, they are an extremely strong indication of human karma. When one approaches convulsive symptoms from a standpoint of Spiritual Science with serious, responsible scientific investigation, one always finds that a certain karma is present in the person—the results of deeds, thoughts, and feelings from past earthly lives. Now one has the person before one in their present life. Two things can happen. Either things proceed as harmoniously as they did for Goethe, so that one says to oneself: “There is the karma; everything that is a karmic result is coming to light.” — But the opposite can also occur: due to specific conditions arising for the person during their descent from the spiritual world into the physical world, they may find themselves in a situation where they cannot always fully work through what weighs upon them karmically. A person descends from the spiritual world with certain karmic conditions; they carry them within themselves. Let’s suppose that for a person named A, there is a point in their life where they are supposed to realize their karma in some way; but for some reason, it doesn’t work out. Then, so to speak, he puts the fulfillment of his karma on hold, and a short period must elapse during which his karma is suspended; he must then postpone this until his next earthly life. Then the process continues. Again, there comes a point—at B—where he is supposed to fulfill part of his karma; but once more he must put it on hold, must once more postpone part of his karma until his next earthly life. Whenever it becomes necessary to suspend one’s karma in this way, spasmodic phenomena arise in life. One cannot fully manifest in one’s life something that one carries within. — This is precisely the distinctive feature of Spiritual Science: that it does not drift about in the realm of fantasy, merely speaking in general terms about how human beings have the four constitutional elements— physical body, etheric body, astral body, and ego—but rather that it delves into real life and can point to something in physical life where the true spiritual causes of certain external events lie, so that it understands how a person lives out their life in the external world. This is precisely what true Spiritual Science must be able to do.
[ 12 ] Es entstand nun für mich die Frage: Wie wirkt Karma in einem solchen Leben wie dem Schillerschen als der Ausgestalter des ganzen Lebens, wenn eben solche Bedingungen vorliegen wie bei ihm, daß das Karma nicht heraus kann, daß er fortwährend Anstrengungen machen muß, um das zu erreichen, was er erreichen will? Goethe hat es im Grunde genommen leicht, seine großen Schöpfungen zu vollbringen; denn die sind das Ergebnis seines Karma. Schiller hat es immer schwer, seine großen Schöpfungen zustande zu bringen; er muß gegen das Karma anstürmen, und die Art, wie er anstürmt, wird sich erst wieder im folgenden Erdenleben ausleben. Da mußte ich mir eines Tages die Frage vorlegen: Wie hängt gerade ein solches Leben, wie das Schillersche, mit den allgemeinen Lebensbedingungen zusammen? — Wenn man leichtfertig an die Beantwortung einer solchen Frage geht, kommt auch bei ernster geisteswissenschaftlicher Untersuchung nichts Besonderes heraus; spintisieren darf man da nicht, man muß beobachten. Aber wenn man gleich an das erste Objekt der Beobachtung herangeht, wird man irgendwie daneben vorbeigehen. Daher legte ich mir die Frage folgendermaßen vor: Wie spielt sich ein Leben ab, wenn Hindernisse für das Karma oder für andere, vorirdische Bedingungen da sind?
[ 12 ] This raised a question for me: How does karma function as the shaping force of an entire life—such as Schiller’s—when conditions exist, as they did for him, in which karma cannot manifest itself, and he must constantly strive to achieve what he wishes to achieve? Goethe, essentially, has it easy when it comes to bringing his great works to fruition; for they are the result of his karma. Schiller always has a hard time bringing his great works to fruition; he must struggle against his karma, and the way in which he struggles will only be fully realized in his next earthly life. So one day I had to ask myself the question: How does a life such as Schiller’s relate to the general conditions of life? — If one approaches the answer to such a question lightly, even a serious investigation in the field of Spiritual Science will yield nothing of note; one must not speculate here, but must observe. But if one approaches the very first object of observation head-on, one will somehow miss the mark. Therefore, I framed the question as follows: How does a life unfold when there are obstacles to karma or to other pre-earthly conditions?
[ 13 ] Nun studierte ich Menschen daraufhin, wie sich so etwas verwirklicht, und ich will dafür jetzt ein Beispiel anführen. Ich könnte viele solcher Beispiele anführen, will aber jetzt eines nehmen, das ich ganz genau beschreiben kann. Ich hatte einen Bekannten, eine Persönlichkeit, die ich ganz genau ihrem gegenwärtigen Erdenleben nach kannte. Ich konnte konstatieren, wie in seinem Leben Hindernisse nicht vorhanden waren mit Bezug auf die Auslebung des Karma, sondern mit Bezug auf das, was sich abspielt im Dasein zwischen Tod und neuer Geburt, was sich also für diese Persönlichkeit im übersinnlichen Leben abgespielt hat zwischen dem letzten Erdenleben und diesem, in welchem ich sie kennenlernen konnte. Es waren also in diesem Falle nicht so, wie bei Schiller, Hindernisse da für das Ausleben des Karma, sondern Hindernisse für das richtige In-den-Körper-Hineinbringen dessen, was er durchlebt hatte zwischen Tod und neuer Geburt, das heißt in der übersinnlichen Welt. Man sah diesem Menschen an, er hat Bedeutsames erlebt zwischen Tod und neuer Geburt, aber er kann es nicht herausbringen. Er hatte sich hineingestellt in karmische Menschenzusammenhänge, hatte sich hineingestellt in ein Zeitalter, wo das nicht herauskommen kann, was er zwischen Tod und Empfängnis sozusagen angehäuft hatte an innerer Seelenhaftigkeit. Und worin zeigten sich die physischen Begleiterscheinungen für dieses Nicht-herausbringenKönnen des im Menschen vorhandenen Übersinnlichen? Sie zeigten sich darin, daß diese Persönlichkeit ein Stotterer war, daß sie Sprachstörungen hatte. Wenn man nun weitergeht und die seelisch-organischen Ursachen für Sprachstörungen untersucht, dann findet man immer, daß ein Hindernis da ist, das zwischen Tod und neuer Geburt erlebte Übersinnliche in die physische Welt durch die Körperlichkeit herunterzutragen. Nun muß man sich fragen: Was liegt bei einer solchen Persönlichkeit vor, die also sehr viel in sich hat, allerdings auch durch ihr vorheriges Karma, aber - aufgespeichert ist es worden im Dasein zwischen Tod und neuer Geburt — die das Aufgespeicherte nicht herunterbringen kann, und bei der sich dieses Nicht-herunterbringenKönnen im Stottern zeigt? Was sind mit einer solchen Persönlichkeit hier im Leben für Dinge verknüpft?
[ 13 ] I then studied people to see how something like this comes about, and I would now like to give an example of this. I could cite many such examples, but I will now choose one that I can describe in great detail. I had an acquaintance, a person whom I knew very well based on his current earthly life. I was able to observe that in his life, the obstacles were not related to the working out of karma, but rather to what takes place in the existence between death and rebirth—that is, to what had occurred for this individual in the supersensible realm between his last earthly life and this one, in which I was able to get to know him. So in this case, unlike with Schiller, there were no obstacles to the working out of karma, but rather obstacles to properly bringing into the body what he had experienced between death and rebirth—that is, in the supersensible world. One could see from this person that he had experienced something significant between death and rebirth, but he was unable to bring it forth. He had placed himself within karmic human relationships; he had placed himself in an age in which what he had, so to speak, accumulated between death and conception—in terms of inner soul-boundness—could not emerge. And how did the physical symptoms of this inability to bring forth the supersensible present within the human being manifest themselves? They manifested in the fact that this person stuttered, that he or she had speech disorders. If one goes further and examines the soul-organic causes of speech disorders, one always finds that there is an obstacle preventing the supersensible experiences between death and rebirth from being carried down into the physical world through the physical body. Now one must ask: What is the case with such a person—who has so much within them, albeit due to their past karma, but—stored during the existence between death and rebirth—who cannot bring down what has been stored, and in whom this inability to bring it down manifests as stuttering? What kinds of things are connected to such a person here in life?
[ 14 ] Man konnte sich immer wieder sagen: Dieser Mann hat in sich allerlei Großes, das er im vorirdischen Leben erworben hat, aber er kann es nicht herunterbringen. — Er konnte gut das herunterbringen, was man herausbringen kann in der Gestaltung des physischen Leibes bis zum Zahnwechsel, konnte sogar außerordentlich gut das aus sich herausbringen, was man dann vom Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife herausbringt; er wurde dann eine ausgezeichnete literarisch-künstlerische Persönlichkeit, indem er dasjenige herausgestaltete, was man herausgestalten kann zwischen der Geschlechtsreife und dem 30. Lebensjahr. Aber nun kam für den, der nun wirkliche Menschenerkenntnis erwerben kann, die große Sorge: Wie soll es mit dieser Persönlichkeit werden, wenn sie nun in die Dreißigerjahre kommt und dann immer mehr und mehr zu der Verstandes- oder Gemütsseele die Bewußtseinsseele herausbilden soll? Wer in dieser Richtung Erkenntnisse hat, bekommt in solchem Falle die größte Sorge, denn er kann sich nicht denken, daß die Bewußtseinsseele, zu deren Ausbildung man alles, was im Kopfe entspringt, vollständig intakt haben muß, voll herauskommen kann. Denn, daß bei dieser Persönlichkeit nicht alles im Kopfe gerade intakt war, das zeigte sich im Stottern. Und dieser Mann war zunächst äußerlich, mit Ausnahme seines Stotterns, kerngesund. Aber daß außer dem Stottern im Kopfe nicht alles intakt war, das zeigte sich darin, daß er außer Stottern noch Schielen hatte - wiederum ein Anzeichen dafür, daß man nicht alles, was man zwischen Tod und neuer Geburt im Überirdischen aufgenommen hat, im gegenwärtigen Erdenleben herausbringen kann. Eines Tages kam nun dieser Mann zu mir und sagte: Ich habe mir vorgenommen, mein Schielen operieren zu lassen. — Ich war nicht befugt, etwas anderes zu sagen als: Ich würde es nicht tun, wenn ich an seiner Stelle wäre. — Ich tat alles, um ihm abzureden. So genau wie heute sah ich damals in die Verhältnisse nicht hinein; denn das, was ich jetzt erzähle, liegt mehr als 20 Jahre zurück. Aber ich hatte große Sorge wegen dieser Operation. Nun, er ließ sich doch operieren, er folgte eben nicht. Und siehe da, schnell nach der Operation, die an sich, wie man es bei Operationen sehr häufig hat, außerordentlich gut verlief, kam er in voller Freude zu mir und sagte: Jetzt werde ich nicht mehr schielen! Ein bißchen eitel war er ja auch, wie manche bedeutende Persönlichkeit. Aber ich hatte meine große Sorge. Und nur nach Tagen starb der Mann, nachdem er das 30. Lebensjahr vollendet hatte. Die Ärzte diagnostizierten Typhus, aber es war gar nichts von Typhus vorhanden, sondern er starb an einer Hirnhautentzündung.
[ 14 ] One could say time and again: This man possesses all sorts of greatness within himself, which he acquired in his pre-earthly life, but he is unable to bring it down. — He was quite capable of bringing forth what can be brought forth in the formation of the physical body up to the time of the change of teeth; he was even exceptionally good at bringing forth what is brought forth from the change of teeth until sexual maturity; he then became an outstanding literary and artistic personality by shaping what can be shaped between sexual maturity and the age of 30. But now, for those who can truly gain insight into human nature, a great concern arose: What will become of this personality as it enters its thirties and is then expected to develop the consciousness soul more and more alongside the intellectual and emotional souls? Anyone with insight into this matter feels the greatest concern in such a case, for they cannot imagine that the consciousness soul—for whose development everything that arises in the mind must be completely intact—can fully emerge. For the fact that not everything in this person’s mind was exactly intact was evident in his stuttering. And this man was, outwardly, with the exception of his stuttering, perfectly healthy. But the fact that, apart from the stuttering, not everything in his mind was intact was evident in that, in addition to stuttering, he also had a squint—yet another sign that one cannot bring forth into the present earthly life everything one has absorbed in the super-earthly realm between death and a new birth. One day this man came to me and said, “I’ve decided to have surgery for my squint.” — I was not at liberty to say anything other than, “I wouldn’t do it if I were in your place.” — I did everything I could to talk him out of it. At the time, I didn’t see the situation as clearly as I do today; for what I am now recounting took place more than 20 years ago. But I was very concerned about this operation. Well, he went ahead with the surgery anyway; he simply didn’t heed my advice. And lo and behold, shortly after the operation—which, as is very often the case with surgeries, went exceptionally well—he came to me full of joy and said, “Now I won’t squint anymore!” He was a bit vain, after all, like many prominent figures. But I remained deeply concerned. And just a few days later, the man died, shortly after turning 30. The doctors diagnosed typhoid fever, but there were no signs of typhoid at all; rather, he died of meningitis.
[ 15 ] Wer Geistesforscher ist, der braucht, wenn er ein solches Leben betrachtet, gewiß nicht herzlos zu werden; im Gegenteil, die menschliche Anteilnahme wird noch mehr vertieft. Aber man durchschaut auch zugleich das Leben nach seinen großen Zusammenhängen. Man durchschaut, wie das, was von geistig Erlebtem zwischen Tod und neuer Geburt im gegenwärtigen Leben nicht herunterkommen kann, sich in körperlichen Mängeln zum Ausdruck bringt. Wenn nun nicht in der richtigen Weise, wie es ja in diesem Falle nicht sein konnte, eine Erziehung eingreift, kann natürlich ein bestimmter Lebenspunkt gar nicht überschritten werden. Glauben Sie aber nicht, daß ich etwa behaupte: Jeder der schielt, muß im 30. Jahre sterben — negative Instanzen sind nie gemeint, sondern es kann karmisch wieder etwas eintreten, was den Betreffenden bis ins höchste Alter leben läßt. Aber hier war es so, daß durch die Inanspruchnahme des Kopfes diese eigentümliche Organisation, die in Schielen und Stottern zum Ausdruck kam, Sorge machte: Wie kommt diese Organisation über das 35. Lebensjahr hinweg? - Und nun ist da der Zeitpunkt, wo man zurückschauen muß auf das Karma des Menschen und da werden Sie gleich sehen, daß es nicht nötig ist, daß jemand, der schielt, im 30. Jahre stirbt. Denn wenn wir einen Menschen haben, der sich im vorirdischen Leben so vorbereitet hat, daß er sehr viel aufgenommen hat zwischen Tod und neuer Geburt, aber das Aufgenommene nicht herunterbringen kann in das physische Leben, und betrachten wir bei ihm das Karma ganz, so finden wir, daß diese betreffende Persönlichkeit ganz gut hätte nach dem 35. Jahre fortleben können, aber sie hätte dann zu allen andern Bedingungen den Impuls in sich tragen müssen, zu einer spirituellen Lebens- und Weltanschauung zu kommen. Denn dieser Mann war wie selten einer veranlagt für Spirituelles; aber er konnte wiederum, weil die starken geistigen Impulse, die aus früheren Erdenleben da waren, doch einseitige waren, nicht zum Spirituellen kommen.
[ 15 ] Anyone who is a spiritual researcher certainly does not need to become heartless when contemplating such a life; on the contrary, human compassion is deepened even further. But at the same time, one also comes to understand life in terms of its broader contexts. One comes to understand how that which, of one’s spiritual experiences between death and rebirth, cannot be carried over into the present life, finds expression in physical impairments. If, then, education does not intervene in the proper way—as indeed it could not in this case—a certain stage of life naturally cannot be transcended. But do not think that I am claiming, for example, that everyone who squints must die at the age of 30—I never mean negative forces; rather, something karmic may occur that allows the person in question to live to a very old age. But in this case, the strain placed on the head caused concern regarding this peculiar constitution, which manifested as squinting and stuttering: How will this constitution survive beyond the age of 35? — And now is the point where one must look back at the person’s karma, and you will immediately see that it is not necessary for someone who squints to die at the age of 30. For if we have a person who, in a pre-earthly life, prepared themselves in such a way that they absorbed a great deal between death and rebirth, but cannot bring what was absorbed down into physical life—and if we consider his karma in its entirety—we find that this particular individual could very well have lived beyond the age of 35, but he would then have had to carry within himself, under all other conditions, the impulse to arrive at a spiritual worldview on life and the world. For this man was, as few others are, predisposed toward the spiritual; yet, because the strong spiritual impulses carried over from earlier earthly lives were, after all, one-sided, he was unable to attain the spiritual.
[ 16 ] Sie können versichert sein, daß ich über eine solche Sache reden kann. Ich war mit diesem Manne sehr befreundet und wußte daher, welcher Abgrund zwischen meiner eigenen Weltanschauung und der seinigen bestand. Man konnte sich intellektuell sehr gut mit ihm verständigen, konnte sich auch gemütlich verständigen; aber man konnte nicht etwas an ihn heranbringen, was spirituell ist. Und weil er mit dem 35. Jahre hätte zu einem spirituellen Leben übergehen müssen, wenn das, was bis zum 35. Jahre veranlagt war, auf der Erde hätte möglich sein sollen, er aber zu einem spirituellen Leben nicht kam, so starb er da. Also man kann ganz gut schielen und stottern, und kann doch fortleben, wenn man also als ein gewöhnlicher Erdenmensch fortzuleben vermag. Man darf nicht erschrecken über die Dinge, die schon einmal gesagt werden müssen, wenn man nicht in Phrasen aufgehen, sondern Realitäten schildern will. Aber an diesem Beispiele können Sie sehen, wie einen der geistig geschärfte Blick hineinschauen läßt in das menschliche Leben.
[ 16 ] You can rest assured that I am capable of discussing such a matter. I was very close friends with this man and therefore knew what a chasm existed between my own worldview and his. One could communicate with him very well intellectually, and one could also communicate with him comfortably; but one could not convey anything to him that was spiritual. And because he should have transitioned to a spiritual life by the age of 35—if what was predestined up to the age of 35 were to have been possible on Earth—but he did not attain a spiritual life, he died there. So one can very well squint and stutter, and yet continue to live, if one is able to continue living as an ordinary earthly human being. One must not be alarmed by the things that must be said, if one wishes to describe realities rather than get lost in platitudes. But from this example, you can see how a spiritually sharpened gaze allows one to look into human life.
[ 17 ] Und jetzt gehen wir zu Schiller zurück. Wenn wir das Schillersche Leben betrachten, so stellen sich vor allen Dingen zwei Erscheinungen in dieses Leben hinein, die ganz merkwürdig sind. Es gibt von Schiller ein unvollendetes, bloß entworfenes Drama, die «Malteser». Man sieht dem Konzept, dem Entwurf, der da ist, an: hätte Schiller diese «Malteser» zur Ausführung bringen wollen, dann hätte er unbedingt dieses Drama nur als Eingeweihter, als Initiierter schreiben können. Es wäre gar nicht anders gegangen. Er trug, wenigstens bis zu einem gewissen Grade, die Bedingungen zur Initiation in sich. Aber was er so in sich trug, das konnte wegen seines andern Karma nicht herauskommen; es verkrampfte sich, verkrampfte sich auch seelisch. Denn dem «Malteser»-Entwurf ist schon das Krampfhafte anzusehen: große, gewaltige Sätze, die überall nicht bis zum Punkt führen. Es kann nicht heraus, was in ihm ist. — Es ist nun interessant, auch bei Goethe haben wir solche Entwürfe; aber man sieht überall, wo Goethe etwas liegen läßt, da ist er zu bequem, er könnte schon weiter. Nur im höchsten Alter, als schon die Sklerose etwas auftrat, konnte er es nicht. Bei Schiller aber haben wir ein anderes Bild: es ist der eiserne Wille vorhanden, als er die «Malteser» entwirft, vorwärtszukommen; aber er kann nicht. Er kommt nur bis zu einem flüchtigen Entwurf. Denn die «Malteser», in Wirklichkeit gesehen, enthalten ja das, was von den Kreuzzügen her bewahrt worden ist an allerlei Okkultem, an Mystischem und an Initiationswissenschaft. Und an ein solches Drama, zu dessen Fertigstellung man die Erlebnisse der Initiation hätte wirklich in sich tragen müssen, geht Schiller heran. Wahrhaftig, ein Lebensschicksal, das den, der die Sache durchschaut, ungemein tief berührt und in die ganze Wesenheit dieses Menschen hineinschauen läßt. Und seit bekanntgeworden war, daß Schiller so etwas im Sinne hatte wie die «Malteser», seit der Zeit vermehrte sich die Gegnerschaft in Deutschland gegen ihn außerordentlich. Man fürchtete sich vor ihm. Man fürchtete, daß er allerlei an okkulten Geheimnissen in seinen Dramen verraten könne.
[ 17 ] And now let us return to Schiller. When we consider Schiller’s life, two aspects in particular stand out as quite remarkable. There is an unfinished, merely sketched drama by Schiller, *The Maltese*. It is evident from the concept, the draft that exists, that if Schiller had wanted to bring this *Maltese* to fruition, he would have been able to write this drama only as an initiate. It could not have been any other way. He possessed, at least to a certain degree, the conditions for initiation within himself. But what he carried within him could not come forth because of his other karma; it became constricted, constricted even in his soul. For the “Maltese” draft already reveals this constriction: grand, powerful sentences that never quite reach their point. What is within him cannot come forth. — It is interesting to note that we find such drafts in Goethe’s work as well; but wherever Goethe leaves something unfinished, one sees that he is too complacent—he could have gone further. Only in his very old age, when sclerosis had already begun to set in, was he unable to do so. With Schiller, however, we see a different picture: when he was drafting *The Maltese*, he possessed the iron will to press forward; but he cannot. He gets no further than a fleeting outline. For *The Maltese*, viewed in reality, contains what has been preserved from the Crusades—all manner of occult, mystical, and initiatory knowledge. And Schiller sets out to create such a drama, the completion of which would have required him to truly carry within himself the experiences of initiation. Truly, a life destiny that touches those who see through it profoundly and allows them to glimpse into the very essence of this man. And ever since it became known that Schiller had something like *The Maltese* in mind, opposition to him in Germany has grown extraordinarily. People feared him. They feared that he might reveal all manner of occult secrets in his plays.
[ 18 ] Die zweite Erscheinung, von der ich sprechen will, ist die folgende. Die «Malteser» bekommt er nicht fertig, kann nicht mit ihnen zurechtkommen. Er läßt Zeit vergehen, dichtet an allerlei Dingen, die gewiß bewundernswert sind, aber die auch schon bewundert werden können vom Philisterium. Die «Malteser», wenn er sie hätte ausführen können, wären etwas geworden für Menschen von höchstem geistigem Schwung! Er muß sie liegen lassen. Nach einiger Zeit tritt in ihm wiederum das auf, was den Impuls zu dem Späteren gegeben hat. An die «Malteser» kann er nicht wieder denken. Aber er beginnt, an seinem «Demetrius» zu dichten: ein merkwürdiges Schicksalsproblem, das vom falschen Demetrius, der an die Stelle eines andern getreten ist. Alle die Schicksalskonflikte, die da eintreten, wie aus den verborgensten Ursachen heraus, mit allen menschlichen Emotionen, mußten in dieses Drama hineinkommen, wenn es fertig würde. Schiller schreibt daran in einer geradezu fieberhaften Art. Es wird bekannt — und noch größere Furcht haben die Menschen davor, daß nun Dinge zum Vorschein kommen könnten, an denen viele ein Interesse hatten, daß sie eine Weile noch der Menschheit verborgen bleiben.
[ 18 ] The second phenomenon I wish to discuss is the following. He cannot finish *The Maltese*, cannot come to terms with it. He lets time pass, composing all sorts of things that are certainly admirable, but which can also be admired by the philistines. Had he been able to complete *The Maltese*, it would have been something for people of the highest intellectual caliber! He has to set it aside. After some time, what had provided the impetus for his later work resurfaces within him. He can no longer bring himself to think about *The Maltese*. But he begins to write his *Demetrius*: a strange tale of fate centered on the false Demetrius, who has taken the place of another. All the conflicts of fate that arise there, as if from the most hidden causes, along with all human emotions, were bound to find their way into this drama once it was completed. Schiller works on it in an almost feverish manner. Word gets out—and people are even more afraid that things might now come to light in which many had an interest, things that they hoped would remain hidden from humanity for a while longer.
[ 19 ] Und nun treten im Leben Schillers Erscheinungen ein, die derjenige, der sich auf solche Dinge versteht, nicht als etwas auch im KrankhaftNormalen allein Begründetes ersehen kann. Man hat ein merkwürdiges Krankheitsbild bei Schiller. Es tritt das Gewaltige ein — gewaltig nicht im Sinne der Größe, sondern im Sinne des Erschütternden: Schiller wird über seinem «Demetrius» krank; er spricht auf seinem Krankenlager fortwährend fast den ganzen «Demetrius» im hochgradigen Fieber heraus. Es wirkt etwas in Schiller wie eine fremde Macht, die sich durch den Körper ausdrückt. Man braucht selbstverständlich niemanden anzuklagen. Aber man kann nicht anders - trotz alledem, was nach dieser Richtung geschrieben worden ist —, als aus dem Krankheitsbilde die Vorstellung zu haben, da ist auf irgendeine, wenn auch ganz. okkulte Weise mitgeholfen worden an dem schnellen Sterben Schillers! Und daß Menschen eine Ahnung haben konnten, daß da mitgeholfen worden ist, das geht daraus hervor, wie Goethe, der nichts machen konnte, aber manches ahnte, in den letzten Tagen gar nicht wagte, den unmittelbar persönlichen Anteil — auch nicht nach dem Tode - zu nehmen, den er an dem wirklichen Hingange Schillers seinem Herzen nach wahrhaftig genommen hat. Er getraute sich nicht herauszugehen mit dem, was er in sich trug.
[ 19 ] And now phenomena begin to appear in Schiller’s life that anyone versed in such matters cannot regard as something rooted solely in the pathological-normal. Schiller presents a peculiar clinical picture. Something powerful emerges—powerful not in the sense of grandeur, but in the sense of being deeply unsettling: Schiller falls ill while working on his *Demetrius*; from his sickbed, in the throes of a high fever, he recites almost the entire *Demetrius* without interruption. Something seems to be at work in Schiller like a foreign power expressing itself through his body. Of course, there is no need to accuse anyone. But one cannot help—despite everything that has been written along these lines—from forming a mental image, based on the clinical picture, that Schiller’s rapid death was aided in some way, albeit a completely occult one! And the fact that people might have sensed that outside forces were at work is evident from the way Goethe—who could do nothing but sensed many things—did not dare, in those final days, to acknowledge the deeply personal role—not even after Schiller’s death—that he had truly played in Schiller’s actual passing, as his heart truly felt. He did not dare to come forward with what he carried within him.
[ 20 ] Damit will ich nur andeuten, wie Schiller für den, der solche Dinge durchschauen kann, ganz zweifellos dazu prädestiniert war, Hochspirituelles aus sich heraus hervorzubringen, daß aber, wie durch innere und äußere Ursachen, karmisch innerlich und karmisch äußerlich die Sache zurückgestaut worden ist. Ich darf schon sagen, für den Geistesforscher bildet nichts ein so großes Interesse, als etwa folgendes Problem sich zu stellen: zu studieren, was Schiller geleistet hat in den letzten 10 Jahren seines Lebens, von den «Ästhetischen Briefen» an, und dann zu verfolgen, wie dieses Leben nach dem Tode abgelaufen ist. Da gibt es, wenn man sich vertieft in diese Seele Schillers nach dem Tode, geistige Inspirationen in Hülle und Fülle aus der geistigen Welt heraus. Da haben wir den Grund, warum Schiller in der Mitte der Vierzigerjahre sterben mußte. Er konnte einfach, wie sich das in seinen Krämpfen und in seiner ganzen Statur zeigte, namentlich aber in der häßlich geformten Kopforganisation zeigte, er konnte mit seinem Seelisch-Geistigen, das tief drinnenstand im spirituellen Dasein, nicht in seine Körperlichkeit hinein.
[ 20 ] By this I merely wish to suggest that, for those who can see through such things, Schiller was undoubtedly predestined to bring forth something deeply spiritual from within himself; yet, due to both internal and external causes—karmically internal and karmically external—this process was held back. I may well say that for the spiritual researcher, nothing is of greater interest than to pose the following problem: to study what Schiller accomplished in the last 10 years of his life, beginning with the “Aesthetic Letters,” and then to trace how his life unfolded after death. When one delves deeply into Schiller’s soul after his death, there is an abundance of spiritual inspiration emanating from the spiritual world. Therein lies the reason why Schiller had to die in his mid-forties. He simply could not—as was evident in his convulsions and his entire physical stature, but especially in the misshapen structure of his head—integrate his soul-spiritual essence, which lay deep within his spiritual existence, into his physical body.
[ 21 ] Wenn wir uns solche Dinge vorhalten, müssen wir uns doch sagen: Das Menschenleben wird schon in seiner Betrachtung vertieft, wenn man das anwendet, was Anthroposophie geben kann. — Man lernt hineinschauen in das Menschenleben. Nichts anderes wollte ich, als Ihnen durch die Beispiele, die ich gebracht habe, anführen, wie man durch die Anthroposophie lernt, das menschliche Leben anzuschauen. Nehmen Sie aber jetzt die ganze Sache. Kann man nicht in seiner Seele vertieft werden für alles, was menschlich ist, dadurch, daß man einfach in einer solchen Weise auf einzelne Menschenleben hinsieht? Wenn sich der Mensch in einem bestimmten Zeitpunkte seines Lebens sagen kann: So stand es um Schiller, so um Goethe, so stand es mit irgendeinem Menschen, der früh verstorben ist, wie ich es Ihnen angeführt habe, — ja, wird das nicht in der Seele des Menschen so wirken können, daß man lernt, jedes Kind auch vertieft anzuschauen? Daß einem jedes Menschenleben ein heiliges Rätsel wird? Lernt man denn nicht mit viel größerer, mit viel innigerer Aufmerksamkeit auf jedes Menschenleben und Menschenwesen hinschauen? Und kann man nicht gerade dadurch, daß auf diese Weise Menschenerkenntnis in die Seele sich einschreibt, Menschenliebe in sich vertiefen? Und kann man denn nicht mit dieser Menschenliebe, die an der Menschenbetrachtung, an der innigen, tiefen Menschenbetrachtung, an dem Miterleben der innerst heiligen Rätsel der Menschenseele sich vertieft, gerade an eine Erzieheraufgabe herantreten, wenn einem das Leben so heilig geworden ist? Wird sich nicht gerade dadurch der Erzieherberuf umwandeln lassen, nicht zum phrasenhaften, mystisch verträumten, wohl aber zum ganz wahrhaften Priesterberuf, der dasteht, wenn die göttliche Gnade die Menschen herunterschickt in das irdische Leben?
[ 21 ] When we reflect on such things, we must surely say to ourselves: Our understanding of human life deepens simply by applying what anthroposophy has to offer. — One learns to look deeply into human life. My sole intention in presenting the examples I have given was to show you how, through anthroposophy, one learns to contemplate human life. But now consider the whole matter. Can one not deepen one’s soul’s understanding of all that is human simply by looking at individual human lives in this way? If, at a certain point in one’s life, a person can say to themselves: “This is how it was with Schiller, this is how it was with Goethe, this is how it was with any person who died young, as I have described to you”—well, won’t that have such an effect on the human soul that one learns to look deeply at every child as well? That every human life becomes a sacred mystery? Do we not then learn to look upon every human life and every human being with much greater, much more heartfelt attention? And can we not, precisely because knowledge of humanity is inscribed in the soul in this way, deepen our love for humanity within ourselves? And can one not, with this love for humanity—which is deepened through the contemplation of human beings, through intimate, profound contemplation, through sharing in the innermost sacred mysteries of the human soul—approach the task of education precisely when life has become so sacred to one? Will not the teaching profession, precisely through this, be transformed—not into a clichéd, mystically dreamy vocation, but rather into the entirely genuine priestly vocation that exists when divine grace sends human beings down into earthly life?
[ 22 ] Auf die Entwickelung solcher Gefühle kommt es an! Das ist ja nicht das Wesentliche an der Anthroposophie, daß sie theoretisch lehrt: der Mensch besteht aus physischem Leib,Ätherleib, Astralleib und Ich, es gibt ein Karma, es gibt wiederholte Erdenleben und so weiter. Man kann sehr gescheit sein, kann das alles wissen; doch Anthroposoph im wahren Sinne des Wortes ist man dadurch nicht, wenn man diese Dinge auf die gewöhnliche Art, wie den Inhalt eines Kochbuches, weiß. Darauf kommt es an, daß das menschliche Seelenleben ergriffen und vertieft werde durch die anthroposophische Weltanschauung, und daß man dann wirken lernt aus einem solchen ergriffenen und vertieften Seelenleben.
[ 22 ] What matters is the development of such feelings! After all, the essence of anthroposophy does not lie in its theoretical teachings: that human beings consist of a physical body, an etheric body, an astral body, and an “I”; that there is karma; that there are repeated earthly lives; and so on. One can be very intelligent and know all of this; yet one is not an anthroposophist in the true sense of the word if one knows these things in the ordinary way, as if they were the contents of a cookbook. What matters is that the human soul life be grasped and deepened through the anthroposophical worldview, and that one then learn to act from such a grasped and deepened soul life.
[ 23 ] Daher kann die erste Aufgabe, die für die Pädagogik auf der Grundlage der Anthroposophie erfüllt werden kann, diese sein, daß man zunächst darauf hinarbeitet, daß die Lehrer, die Erzieher im tiefsten Sinne Menschenerkenner seien, und daß sie, wenn sie diese Gesinnung nach rechter Menschenbeobachtung in sich aufgenommen haben, mit der Liebe, die aus dieser Gesinnung folgt, an das Kind herantreten. Daher ist das erste, was in einem Seminarkurs für im anthroposophischen Sinne wirken sollende Erzieher vorkommt, nicht, daß man sagt, du sollst es so oder so machen, sollst diesen oder jenen pädagogischen Handgriff anwenden, sondern das erste ist das Erwecken der pädagogischen Gesinnung aus Menschenerkenntnis heraus. Hat man diese pädagogische Gesinnung aus Menschenerkenntnis bis zur rechten Pädagogenliebe, bis zum Erwecken der Pädagogenliebe gebracht, dann kann man sagen, der Lehrer ist reif zum Erziehen, zum Unterrichten. Das erste, um was es sich bei einer auf Menschenerkenntnis begründeten Pädagogik handelt, wie es die Waldorfschul-Pädagogik zum Beispiel ist, das ist nicht, Regeln anzugeben, so oder so solle man erziehen, sondern das erste ist, die Seminarkurse so zu halten, daß man die Herzen der Lehrer findet, daß man diese Herzen so weit vertieft, daß aus ihnen heraus die Liebe zum Kinde erwächst. Die glaubt ja ein jeder natürlich sich andiktieren zu können. Aber diese andiktierte Menschenliebe kann ja nichts leisten; sie könnte vielen guten Willen haben, aber kann nichts leisten. Etwas leisten kann erst diejenige Menschenliebe, die aus einem vertieften Beobachten im Einzelfalle hervorgehen kann.
[ 23 ] Therefore, the first task that can be fulfilled in education based on anthroposophy may be this: to work first toward ensuring that teachers and educators are, in the deepest sense, experts in human nature, and that, once they have internalized this attitude through proper observation of human beings, they approach the child with the love that flows from this attitude. Therefore, the first thing that takes place in a seminar course for educators who are to work in the anthroposophical sense is not to say, “You should do it this way or that way,” or “You should apply this or that pedagogical method,” but rather the first step is to awaken the pedagogical attitude out of an understanding of the human being. Once this pedagogical attitude, rooted in an understanding of the human being, has been developed to the point of genuine pedagogical love—to the point of awakening this love—then one can say that the teacher is ready to educate and to teach. The primary concern of a pedagogy grounded in an understanding of human nature—such as Waldorf pedagogy, for example—is not to lay down rules about how one should educate in this or that way, but rather to conduct teacher training courses in such a way that one reaches the hearts of the teachers, deepening those hearts to the point where love for the child springs forth from within them. Of course, everyone believes they can simply impose this love of humanity upon themselves. But this imposed love of humanity can accomplish nothing; it may be filled with good will, but it can accomplish nothing. Only the love of humanity that arises from deep observation of individual cases can truly accomplish something.
[ 24 ] Wenn man das in sich trägt, das Erziehungswesen auf Menschenerkenntnis bauen zu wollen - sei es, daß man es jetzt durch wirkliche Geisteswissenschaft kennt, oder sei es instinktiv, wie man es auch kennen kann -, dann wird man das Kind daraufhin anschauen, daß man sich fragt: Was entwickelt sich beim Kinde vorzugsweise bis zum Zahnwechsel? — Denn bis zum Zahnwechsel ist das Kind ein ganz anderes Wesen als später, wenn man auf die Intimitäten des Menschen eingeht. Eine gewaltige innere Verwandlung macht das Menschenwesen mit dem Zahnwechsel durch, wieder eine gewaltige innere Verwandlung mit der Geschlechtsreife. Bedenken Sie nur, was der Zahnwechsel für den sich entwickelnden Menschen bedeutet. Der Zahnwechsel als solcher ist janur das äußere Zeichen für tiefe Veränderungen, die im ganzen menschlichen Wesen vor sich gehen, aber Veränderungen, die nur einmal vor sich gehen, denn man bekommt nur einmal zweite Zähne, man bekommt sie nicht alle 7 Jahre. Mit dem Zahnwechsel ist dann die Zahnbildung abgeschlossen. Man muß dann seine Zähne das ganze Leben hindurch behalten, kann sie sich höchstens plombieren lassen oder durch falsche ersetzen, aber man bekommt sie nicht wieder aus dem Organismus heraus. Warum ist das? Das ist deshalb, weil gerade mit dem Zahnwechsel die Kopforganisation einen gewissen Abschluß erlangt. Durchschaut man das, fragt man sich in jedem einzelnen Falle: Was erreicht denn da eigentlich mit dem Zahnwechsel seinen Abschluß? — so wird man, gerade von da ausgehend, dazu geführt, die ganze menschliche Organisation aufzufassen nach Leib, Seele und Geist. Und beobachtet man mit jenem in Liebe vertieften Blick, den man durch solche Menschenerkenntnis bekommt, wie ich es geschildert habe, das Kind bis zum Zahnwechsel hin, so sieht man: Dieses Kind bildet bis zum Zahnwechsel hin das Gehen aus, bildet das Sprechen aus und weiter das Denken. Das sind die drei Fähigkeiten, die bis zum Zahnwechsel als die hervorragendsten ausgebildet werden.
[ 24 ] If one carries within oneself the desire to base the educational system on an understanding of human nature—whether one now understands this through genuine Spiritual Science, or whether it is instinctive, as one might also come to know it—then one will observe the child with the question in mind: What develops most prominently in the child up until the change of teeth? — For up until the change of teeth, the child is a completely different being than later on, when one begins to address the innermost aspects of the human being. The human being undergoes a tremendous inner transformation with the change of teeth, and another tremendous inner transformation with sexual maturity. Just consider what the change of teeth means for the developing human being. The change of teeth as such is merely the outward sign of profound changes taking place throughout the entire human being—changes that occur only once, for one gets a second set of teeth only once; one does not get them every seven years. With the change of teeth, tooth formation is then complete. One must then keep one’s teeth for the rest of one’s life; at most, one can have them filled or replaced with false ones, but they cannot be removed from the organism. Why is that? It is because it is precisely with the change of teeth that the organization of the head reaches a certain point of completion. If one understands this and asks oneself in each individual case: What exactly is it that reaches its completion with the change of teeth? — then, starting precisely from there, one is led to understand the entire human organism in terms of body, soul, and spirit. And if one observes the child up to the time of tooth replacement with that gaze steeped in love—which one gains through such an understanding of human nature as I have described—one sees that up to this point, the child develops the ability to walk, to speak, and, subsequently, to think. These are the three abilities that are developed most prominently up to the time of tooth replacement.
[ 25 ] Das Gehen ist ja nicht bloß gehen, das man lernt mit dem Gehen, denn das ist nur eine einzelne Erscheinung, sondern es ist das Sich-imGleichgewicht-Hineinstellen in die Welt; gehen ist nur die gröbste Erscheinung dabei. Vorher ist man außer diesem Gleichgewicht, jetzt lernt man sich im Gleichgewichte in die Welt hineinstellen. Woher kommt das? Es kommt davon her, daß der Mensch mit einem Kopfe geboren wird, der eine ganz bestimmte Gleichgewichtslage verlangt. Dieses Geheimnis des menschlichen Kopfes tritt ja schon im Physischen sehr stark hervor. Denken Sie nur daran, daß ein menschliches Durchschnittsgehirn zwischen 1200 bis 1500 Gramm schwer ist. Wenn aber ein solches Gewicht auf die feinen Adern, die an der Gehirnbasis sind, drücken würde, so würde es diese sogleich zerquetschen. Daß sie nicht zerquetscht werden, kommt davon her, daß dieses lastende Gehirn in Wahrheit im Gehirnwasser schwimmt, das unser Haupt ausfüllt. Nun werden Sie sich aus dem Physikunterricht erinnern, daß ein Körper, wenn er in einer Flüssigkeit schwimmt, so viel von seinem Gewicht verliert, als das Gewicht der von ihm verdrängten Flüssigkeit ausmacht. Wenden Sie das auf das Gehirn an, dann bekommen Sie heraus, daß unser Gehirn auf die Gehirnbasis nur mit einem Gewicht von etwa 20 Gramm drückt; das andere liegt im Gehirnwasser und wird verloren. Der Mensch wird also so geboren, daß sein Gehirn so gelagert sein muß, daß es in ein Gewicht kommt, wo gerade dieses Verhältnis zum verdrängten Gehirnwasser herauskommt. Dies richtet sich ein, während wir uns vom Kriechen zum Uns-Aufrichten orientieren. Der Kopf muß so lagern, wie wir es mit dem übrigen Organismus machen; Gehen und Greifen ist das, was vom Gehirn in einer bestimmten Lage vom Menschen gefordert wird. Es geht vom Gehirn aus das Ins-Gleichgewicht-Kommen des Menschen.
[ 25 ] Walking is not merely walking, which one learns through the act of walking—for that is only a single manifestation—but rather it is the act of positioning oneself in balance within the world; walking is merely the most rudimentary manifestation of this. Before, one is out of this balance; now one learns to position oneself in the world while maintaining balance. Where does this come from? It comes from the fact that a human being is born with a head that requires a very specific position of balance. This mystery of the human head is already very evident in the physical realm. Just consider that an average human brain weighs between 1,200 and 1,500 grams. But if such a weight were to press down on the delicate veins at the base of the brain, it would crush them immediately. The reason they are not crushed is that this heavy brain actually floats in the cerebrospinal fluid that fills our head. Now, you will recall from physics class that when a body floats in a liquid, it loses an amount of weight equal to the weight of the liquid it displaces. Apply this to the brain, and you’ll find that our brain exerts a force of only about 20 grams on the base of the brain; the rest is suspended in cerebrospinal fluid and is not felt. Humans are therefore born in such a way that their brain must be positioned so that it reaches a weight where this exact ratio to the displaced cerebrospinal fluid is achieved. This adjusts itself as we progress from crawling to standing upright. The head must be positioned in the same way as the rest of the body; walking and grasping are what the brain requires of a human being in a specific posture. It is the brain that initiates the process by which a human being achieves balance.
[ 26 ] Gehen wir weiter. Der Kopf des Menschen ist verhältnismäßig schon weit organisiert, wenn der Mensch geboren ist, denn während der Embryonalzeit ist der Kopf bis zu einem gewissen Grade ausgebildet; fertig ist er erst mit dem Zahnwechsel. Was sich aber erst einrichtet während der Zeit bis zum Zahnwechsel, was eine besondere äußere Organisation sich erwirbt, das ist das rhythmische System des Menschen. Würde man darüber mehr physische, physiologische Beobachtungen anstellen, so würde man sehen, wie wichtig für die ersten 7 Jahre die Einrichtung des Zirkulations- und Atmungssystems ist, was man vor allem dann verderben kann, wenn man nicht in der richtigen Weise das körperliche Leben des Kindes entwickelt. Deshalb muß man in den ersten Lebensjahren damit rechnen: da ist etwas im Zirkulations- und Atmungssystem, das sich da erst in seine Gesetzmäßigkeiten hineinbringt. Das Kind spürt unbewußt, wie da die Lebenskraft am Zirkulations- und Atmungssystem arbeitet. Und gerade so, wie sich ein Körperliches, das Gehirn, in die Gleichgewichtslage hineinbringen muß, so muß sich das Seelische einstellen auf diese Entwickelung des Atmungs- und Zirkulationssystems in den ersten Lebensjahren. Das Physische muß sich einstellen in der Erringung der Gleichgewichtslage vom Haupte aus; das Seelische, indem es sich in der richtigen Weise hinzu organisiert, muß sich einstellen zu der sich umwandelnden Zirkulation und Atmung. Und so wie im Zusammenhange mit dem, was im Gehirn zum Ausdruck kommt, der aufrechte Gang und die Orientierung mit den Händen und Armen zum Vorschein kommt, so kommt im Zusammenhange mit der Einrichtung des Zirkulations- und Atmungssystems die Sprache beim Menschen heraus. Indem der Mensch sprechen lernt, richtet er sein Zirkulations- und Atmungssystem eben so ein, wie er sein Gehen und Greifen einrichtet, wenn er den Kopf so aufsetzen lernt, daß vom Gehirn in der richtigen Weise an Gewicht verloren wird. Schult man sich dafür, eignet man sich einenBlick für diese Zusammenhänge an, und hat man dann einen Menschen vor sich, der so spricht, daß er bei gehobener Stimmlage besonders begabt erscheint für das Sprechen von Hymnen oder Oden, oder auch für Moralpaukenhalten, wo also eine gehobene Sprache vorliegt, so weiß® man auch, daß das mit besonderen Bedingungen im Zirkulationssystem zusammenhängt. Oder wenn man bei einem Menschen sieht, wie er schon im Kindesalter mit rauher Stimme spricht, mit einer Stimme, wie wenn Messing mit Blech zusammengeschlagen wird, so weiß man wiederum, daß dies mit dem Atmungs- oder Zirkulationssystem zusammenhängt. Aber dabei bleibt es nicht allein. Indem man einem Kinde zuhören lernt, ob es eine harmonische, weich-sympathische Stimme oder eine schmetternde Stimme hat und dies zusammenhängen sieht mit den Lungenbewegungen, mit der Herzbewegung und Blutzirkulation - bis in die Finger- und Zehenspitzen hinein den ganzen Menschen innerlich durchvibrierend, da sieht man in dem, was in seiner Sprache sich ausdrückt, zugleich Seelisches. Da tritt sozusagen etwas auf wie ein höherer Mensch, der in diesem Bilde sich ausdrückt, das die Sprache zusammenfaßt mit den körperlichen Vorgängen der Zirkulation und der Atmung. Und von da aus sieht man dann in das vorirdische Leben des Menschen hinauf, das beherrscht ist von denjenigen Bedingungen, die wir uns zwischen dem Tode und unserer neuen Geburt angeeignet haben. Da spielt das hinein, was der Mensch im vorirdischen Dasein erlebt hat. Da lernt man erkennen, wenn man das Wesen des Menschen in wahrer Menschenerkenntnis ergreifen soll, wie man sich das Ohr spirituell schulen muß für das Anhören der Kinderstimmen. Und man kann dann wissen, was man tun kann, um einem Kinde, das bei einer schmetternden Stimme uns verrät, daß es ein stockendes Karma hat, dazu zu verhelfen, daß dieses Karma herauskommen kann.
[ 26 ] Let’s move on. The human head is already relatively well-developed at birth, for during the embryonic period the head is formed to a certain degree; it is not fully developed until the teeth have been replaced. But what develops during the period leading up to the replacement of the teeth—what acquires a specific external structure—is the human rhythmic system. If one were to conduct more physical and physiological observations in this regard, one would see how important the development of the circulatory and respiratory systems is during the first seven years—a process that can be particularly disrupted if the child’s physical development is not guided in the proper way. Therefore, one must take into account in the first years of life that there is something in the circulatory and respiratory systems that is only just beginning to find its natural balance. The child unconsciously senses how the life force is at work in the circulatory and respiratory systems. And just as a physical organ—the brain—must find its equilibrium, so too must the soul adjust to this development of the respiratory and circulatory systems during the first years of life. The physical must find its equilibrium starting from the head; the soul, by organizing itself in the proper way, must adapt to the transforming circulation and respiration. And just as upright walking and orientation with the hands and arms emerge in connection with what is expressed in the brain, so too does speech emerge in humans in connection with the development of the circulatory and respiratory systems. As a person learns to speak, they organize their circulatory and respiratory systems in the same way that they organize their walking and grasping when they learn to position their head so that weight is properly shifted away from the brain. If one trains oneself for this, one develops an eye for these connections; and when one then encounters a person who speaks in such a way that, with a high-pitched voice, he appears particularly gifted for reciting hymns or odes—or even for delivering moral lectures—where elevated language is employed, one knows that this is connected to specific conditions in the circulatory system. Or if one observes a person who, even as a child, speaks with a rough voice—a voice like brass clanging against sheet metal—one knows, again, that this is related to the respiratory or circulatory system. But it does not stop there. As one learns to listen to a child—whether they have a harmonious, soft, and pleasant voice or a shrill one—and observes how this correlates with lung movements, heart activity, and blood circulation—vibrating through the entire person internally, right down to the tips of the fingers and toes—one perceives, in what is expressed through their speech, a spiritual dimension as well. There emerges, so to speak, something like a higher human being who expresses himself in this image, which unites speech with the physical processes of circulation and respiration. And from there one then looks up into the human being’s pre-earthly life, which is governed by the conditions we have acquired between death and our new birth. This is where what a person has experienced in their pre-earthly existence comes into play. There one learns to recognize—if one is to grasp the essence of the human being through true knowledge of humanity—how one must spiritually train one’s ear to listen to children’s voices. And one can then know what to do to help a child—who, through a shrill voice, reveals to us that they have stagnant karma—so that this karma can be released.
[ 27 ] Daraus kann man sehen, was zur Erziehung notwendig ist: eben Menschenerkenntnis. Aber nicht bloß eine solche, die bloß davon redet: der ist ein begabter Mensch, der ist ein guter, der ein schlechter Kerl, sondern eine solche, die am Menschenwesen verfolgt, was sich zum Beispiel geistig darlebt in der Sprache und es auch verfolgt bis in die physische Körperlichkeit hinein, so daß man nicht ein abstraktes Geistiges schaut, sondern eines, das sich im physischen Bilde des Menschen zum Ausdruck bringt. Dann kann man auch als Erzieher eingreifen, kann nach Geist und Körper eingreifen und kann dem Physischen so zu Hilfe kommen, daß es eine richtige Grundlage für das Geistige abgeben kann. Und wenn man dann ein Kind sich von hinten anschaut und sieht, es hat kurze Beine, es lastet der Oberkörper zu schwer, es tritt stark auf — hat man sich für diese Dinge den richtigen Blick angeeignet, dann weiß man: Da spricht ja das vorherige Erdenleben, da spricht Karma! — Oder hat man einen Menschen, der so geht, wie zum Beispiel Johann Gottlieb Fichte, der deutsche Philosoph, gegangen ist, der niemals mit etwas anderem zuerst auftrat als mit den Fersen, und auch wenn er redete, redete er Worte, die gleichsam «mit den Fersen auftraten», dann sieht man an einem solchen Menschen, wie Karma sich ausspricht.
[ 27 ] From this we can see what is necessary for education: namely, an understanding of human nature. But not merely a knowledge that merely talks about it—saying, “This person is gifted,” “That one is good,” “That one is a bad person”—but rather a knowledge that traces what is spiritually alive in human beings, as expressed, for example, in language, and traces it all the way into physical embodiment, so that one does not perceive an abstract spiritual reality, but rather one that finds expression in the physical form of the human being. Then, as an educator, one can intervene—one can work on both spirit and body—and can support the physical in such a way that it can provide a proper foundation for the spiritual. And when one then looks at a child from behind and sees that the child has short legs, that the upper body is too heavy, that the child walks with a heavy step—if one has developed the right eye for these things, then one knows: That is the previous earthly life speaking; that is karma speaking! — Or if one encounters a person who walks the way, for example, Johann Gottlieb Fichte, the German philosopher, used to walk—who never set foot with anything other than his heels first—and even when he spoke, his words seemed to “step forward with his heels”—then one can see in such a person how karma manifests itself.
[ 28 ] So lernt man durch die geisteswissenschaftliche Beobachtung das Karma im Kinde kennen. Und das ist das Allerwichtigste, das man durchschauen muß. Einzig und allein das hilft einem, daß man Menschen, kindliche Körper und kindliche Seelen und kindliche Geister beobachten kann. So muß Menschenerkenntnis eingreifen in die Pädagogik, aber solche Menschenerkenntnis, die seelisch und geistig vertieft ist.
[ 28 ] This is how, through observation based on Spiritual Science, one comes to understand a child’s karma. And that is the most important thing one must grasp. This alone helps us to observe human beings, children’s bodies, children’s souls, and children’s spirits. Thus, an understanding of human nature must be integrated into pedagogy—but an understanding that is deeply rooted in the soul and spirit.
[ 29 ] Damit wollte ich jetzt für die Pädagogik eine Vorstellung von dem hervorrufen, was wir wollen, und was wirklich praktisch für die Erziehung herauskommen kann aus dem, was manche Menschen für so unpraktisch halten, daß sie es als eine Träumerei und Phantasterei ansehen.
[ 29 ] My aim here was to give educators a mental image of what we want, and of what can actually emerge in practical terms for education from what some people consider so impractical that they regard it as mere daydreaming and fantasy.
