Geisteswissenschaft und Medizin
GA 312
23 März 1920, Dornach
Dritter Vortrag
[ 1 ] Ich werde alle die Wünsche, die mir vorgelegt worden sind, im Laufe der Vorträge selbst verarbeiten. Es ist dazu natürlich, da einiges in Wiederholung auftritt, notwendig, daß wenigstens bis zu einem gewissen Teile die Wünsche alle beisammen sind, und dann ist es auch nicht einerlei, ob man die Dinge, die hier gefragt oder angedeutet sind, bespricht, bevor man eine gewisse Grundlage geschaffen hat, oder nachher. Daher werde ich möglichst heute schon mit Berücksichtigung dessen, was ich in Ihren Wünschen bemerkt habe, noch versuchen, für alle folgenden Betrachtungen eine Grundlage zu schaffen.
[ 2 ] Sie haben gesehen, daß von mir versucht worden ist, für die erste Betrachtung von der Formung und inneren Wirksamkeit des Knochen- und Muskelsystems auszugehen, und daß wir gestern schon vorgedrungen sind wenigstens zunächst zur exempelartigen Betrachtung des Krankheitsprozesses und den Notwendigkeiten des Heilverfahrens und daß wir, um an einem Exempel die entsprechende Betrachtung anknüpfen zu können, von der Zirkulation in dem Herzsystem ausgehen mußten.
[ 3 ] Nun möchte ich heute einiges auch noch prinzipiell Einleitendes ausführen über eine Anschauung, die man gewinnen kann aus einer tieferen Menschheitsbetrachtung über die Möglichkeit und das Wesen des Heilens überhaupt. Auf Spezielles soll dann in den folgenden Betrachtungen eingegangen werden, aber ich möchte diese prinzipiellen Auseinandersetzungen vorausschicken.
[ 4 ] Wenn man sich vorstellt, wie eigentlich das heutige medizinische Studium geartet ist, so wird man doch wenigstens in der Hauptsache finden, daß die Therapie neben der Pathologie einhergeht, ohne daß ein klar durchschaubarer Zusammenhang zwischen den beiden besteht. Insbesondere in der Therapie ist ja die bloße empirische Methode vielfach heute das Alleinherrschende. Etwas Rationelles, etwas, worauf man im Praktischen nun wirklich mit Prinzipien aufbauen könnte, ist insbesondere in der Therapie kaum zu finden. Wir wissen, daß diese Mängel der medizinischen Denkweise im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts sogar zu der Schule des medizinischen Nihilismus geführt haben, der alles auf die Diagnose legte und eigentlich damit zufrieden war, wenn Krankheiten erkannt wurden, und sich im allgemeinen recht skeptisch gegenüber irgendeiner Ratio in der Heilung verhalten hat. Nun müßte man, wenn man rein, ich möchte sagen, vernunftgemäß Forderungen an das medizinische Wesen stellt, doch eigentlich sagen, es muß mit der Diagnose zusammen schon etwas gegeben sein, was auf die Heilung hinweist. Es darf nicht bloß ein äußerer Zusammenhang zwischen Therapie und Pathologie herrschen. Man muß gewissermaßen das Wesen der Krankheit doch schon so erkennen können, daß man aus dem Wesen der Krankheit heraus sich eine Anschauung über den Heilungsprozeß bilden kann.
[ 5 ] Das hängt natürlich zusammen mit der Frage: Inwiefern kann es überhaupt im ganzen Zusammenhang der Naturprozesse Heilmittel und Heilprozesse geben? Es wird ja sehr häufig ein ganz interessanter Spruch von Paracelsus zitiert: Der Arzt müsse durch der Natur Examen gehen. Aber man kann nicht sagen, daß die neuere Paracelsus-Literatur gerade mit einem solchen Ausspruch viel anzufangen weiß, denn sie müßte doch sonst darauf aus sein, der Natur selbst Heilungsprozesse abzulauschen. Nun gewiß, es wird das versucht, wenn Krankheitsprozesse vorliegen, gegen die sich die Natur selbst einen Rat schafft. Aber es geht doch wiederum darauf hinaus, die Natur in bezug auf ihre Heilverfahren auch nur gewissermaßen in Ausnahmefällen, wenn schon Schädigungen da sind und die Natur sich hilft, zu beobachten, während eine wirkliche Naturbeobachtung doch diejenige ist, daß man normale Prozesse beobachtet. Und die Frage müßte entstehen: Gibt es denn eine Möglichkeit, normale Prozesse in der Natur zu beobachten, gewissermaßen das, was man normale Prozesse nennt, um an ihnen irgend etwas von einer Anschauung über das Heilverfahren zu gewinnen? — Sie werden ja sogleich bemerken, daß das mit einer etwas bedenklichen Frage zusammenhängt. Man kann natürlich in der Natur nur Heilungsprozesse beobachten in normaler Weise, wenn Krankheitsprozesse in der Natur normal vorhanden sind. Und die Frage tritt vor uns auf: Sind denn in der Natur als solcher schon Krankheitsprozesse vorhanden, so daß man durch der Natur Examen gehen kann und durch sie heilen lernen kann? — Der Beantwortung dieser Frage, die sich natürlich erst im Laufe der Vorträge vollständig geben lassen wird, werden wir uns aber heute wenigstens um ein Stück zu nähern versuchen. Aber man kann dabei gleich sagen, daß eigentlich durch die naturwissenschaftliche Grundlegung der Medizin, wie sie heute üblich ist, der Weg, der hier vorgezeichnet wird, überschüttet wird. Er läßt sich bei den gegenwärtigen Voraussetzungen außerordentlich schwer gehen, denn es ist sehr merkwürdig, daß gerade die materialistische Tendenz im neunzehnten Jahrhundert dazu geführt hat, nun das nächste System, das ich hier dem Knochen-, Muskel- und Herzsystem anfügen muß, eigentlich in seinen Funktionen vollständig zu verkennen, nämlich das Nervensystem.
[ 6 ] Es ist nach und nach üblich geworden, dem Nervensystem sozusagen alles Seelische aufzuhalsen und alles Seelisch-Geistige, das sich im Menschen vollzieht, in Parallelvorgänge aufzulösen, die dann im Nervensystem zu finden sein sollen. Nun wissen Sie, daß ich Einspruch erheben mußte gegen diese Art von Naturbetrachtung in meinem Buche «Von Seelenrätseln», in dem ich zunächst zu zeigen versuchte — und vieles, was beizubringen ist aus der Erfahrung zur Erhärtung dieser Wahrheiten, wird sich uns gerade bei diesen Betrachtungen ergeben —, daß nur die eigentlichen Vorstellungsprozesse mit dem Nervensystem zusammenhängen, während nicht in indirekter, sondern in direkter Weise alle Gefühlsprozesse zusammenhängen mit den rhythmischen Vorgängen im Organismus. Der heutige Naturwissenschafter denkt eigentlich normalerweise so, daß Gefühlsprozesse unmittelbar nichts mit dem rhythmischen System zu tun haben, sondern nur dadurch, daß sich diese rhythmischen Prozesse auf das Nervensystem übertragen, denkt er, daß sich das Gefühlsleben auch durch das Nervensystem auslebe. Und ebenso versuchte ich zu zeigen, daß das gesamte Willensleben direkt, nicht indirekt durch das Nervensystem, zusammenhängt mit dem Stoffwechselsystem. So daß für das Nervensystem auch in bezug auf die Willensprozesse nichts übrigbleibt als die Wahrnehmung dieser Willensprozesse. Durch das Nervensystem wird nicht irgendein Wille in Szene gesetzt, sondern dasjenige, was durch den Willen geschieht in uns, wird wahrgenommen. Alles dasjenige, was da von mir geltend gemacht worden ist, kann durchaus belegt werden mit den entsprechenden Tatsachen der Biologie, währenddem die entgegengesetzte Anschauung von der alleinigen Zuordnung des Nervensystems zum Seelenleben eben gar nicht belegt werden kann. Ich möchte nur einmal sehen, wie bei völlig gesunder Vernunft die Tatsache, daß man einen sogenannten motorischen Nerv durchschneidet, einen sensitiven Nerv durchschneidet, sie dann zusammenwachsen lassen kann und daß dann daraus wiederum ein einheitlicher Nerv entsteht, in Zusammenhang gebracht werden sollte mit der anderen Annahme, daß es sensitive und motorische Nerven gebe. Die gibt es eben nicht, sondern dasjenige, was man motorische Nerven nennt, sind nichts anderes als sensitive Nerven, die die Bewegungen unserer Glieder wahrnehmen, also dasjenige, was im Stoffwechsel unserer Glieder vor sich geht, wenn wir wollen. Wir haben also auch in den motorischen Nerven in Wahrheit sensitive Nerven, die nur in uns selber wahrnehmen, während die eigentlich sensitiv genannten Nerven die Außenwelt wahrnehmen.
[ 7 ] In dieser Richtung liegt etwas, was für die Medizin von ungeheurer Bedeutung ist, was aber erst gewürdigt werden kann, wenn man den Tatbestand selbst ordentlich ins Auge fassen wird. Denn gerade den Krankheitserscheinungen gegenüber, von denen ich gestern zur Gewinnung des Beispiels der Tuberkulose ausgegangen bin, ist es ja schwer, mit der Teilung in sensitive und motorische Nerven auszukommen. Vernünftige Naturforscher haben daher schon angenommen, daß jeder Nerv eine Leitung habe nicht nur von der Peripherie nach innen oder umgekehrt, sondern immer auch eine Leitung von der Peripherie nach dem Zentrum, beziehungsweise von dem Zentrum nach der Peripherie. Ebenso würde dann jeder motorische Nerv zwei Leitungen haben, das heißt: wenn man vom Nervensystem aus irgend etwas erklären will, wie zum Beispiel die Hysterie, so hat man schon nötig, zwei Leitungen, die zueinander im entgegengesetzten Sinne laufen, anzunehmen. Also man hat, sobald man auf Tatsachen eingeht, durchaus schon nötig, solche Eigenschaften der Nerven anzunehmen, die eigentlich den Hypothesen über das Nervensystem vollständig widersprechen. Dadurch, daß man so über das Nervensystem denken lernte, hat man eigentlich alles das zugeschüttet, was man wissen sollte über dasjenige, was im Organismus sonst unter dem Nervensystem liegt, was zum Beispiel bei der Hysterie vorgeht. Wir haben es gestern charakterisiert durch Vorgänge im Stoffwechsel, was zum Beispiel bei der Hysterie vorgeht und was durch die Nerven bloß wahrgenommen wird. Man hätte auf das sehen müssen. Statt dessen hat man die Hysterie nur gesucht in einer Art Erschütterbarkeit und Erschütterung des Nervensystems allein und hat alles in das Nervensystem verlegt.
[ 8 ] Dadurch ist noch etwas anderes gekommen. Man kann ja nicht leugnen, daß unter den etwas ferneren Ursachen der Hysterie auch seelische Ursachen liegen, Kummer, auch erlittene Enttäuschungen, irgendwelche erfüllbaren oder unerfüllbaren inneren Erregungen, die dann auslaufen in hysterische Erscheinungen. Damit, daß man gewissermaßen den ganzen übrigen Organismus vom Seelenleben abgetrennt hat und nur das Nervensystem mit dem Seelenleben in einen eigentlichen direkten Zusammenhang bringt, ist man genötigt, alles auf das Nervensystem abzuladen. Dadurch kam eine Anschauung heraus, die sich erstens dann nicht im allergeringsten eigentlich mehr mit den Tatsachen deckt und die zweitens gar keine Handhabe bietet, das Seelische noch heranzubringen an den menschlichen Organismus. Man bringt es eigentlich nur heran an das Nervensystem. Man bringt es nicht heran an den ganzen menschlichen Organismus. Höchstens dadurch, daß man eben motorische Nerven erfindet, die es gar nicht gibt, und daß man von den Funktionen der motorischen Nerven dann eine Beeinflussung der Zirkulation und so weiter erwartet, die nun immer im äußersten Maße zum Hypothetischen gehört.
[ 9 ] Was ich da auseinandergesetzt habe, hat namentlich auch dahin geführt, die gescheitesten Leute auf Irrpfade zu leiten, als so etwas auftauchte wie die Suggestion und die Hypnose. Da hat man es erleben können — es liegt jetzt schon wiederum etwas zurück —, daß hysterische Damen die allergescheitesten Ärzte irregeführt haben, an der Nase herumgeführt haben, weil man einfach hereingefallen ist auf alles mögliche, was solche Leute den Ärzten vorgemacht haben, und nicht hat eingehen können auf dasjenige, was eigentlich im Organismus vorliegt. Es ist doch vielleicht nicht uninteressant, in diesem Zusammenhange darauf hinzuweisen — obwohl es sich dabei nicht um eine hysterische Dame, sondern um einen hysterischen Mann handelt -, in welchen Irrtum Schleich verfallen ist, verfallen mußte, der über solche Dinge ja eigentlich ganz gut nachzudenken gewöhnt war, als zu ihm als Arzt ein Mann kam, der sich mit der tintigen Feder in den Finger gestochen hatte und sagte, das werde ganz gewiß in der nächsten Nacht zum Tode führen, eine Blutvergiftung werde eintreten und der Arm müsse amputiert werden. Es ist selbstverständlich, daß Schleich als Chirurg die Amputation nicht vornehmen konnte. Er konnte den Mann nur beruhigen und die nötigen Dinge machen, die da gemacht werden: Aussaugung der Wunde und so weiter, aber er konnte selbstverständlich ihm den Arm nicht abschneiden auf dessen bloße Aussage hin, daß er in der nächsten Nacht eine Blutvergiftung haben werde. Der betreffende Patient ging dann noch zu einer Autorität, die ihm selbstverständlich den Arm auch nicht abschnitt. Aber Schleich wurde die Sache etwas unheimlich. Gleich am Morgen erkundigte er sich — der Patient war in der Nacht wirklich gestorben. Und Schleich konstatierte: Tod durch Suggestion.
[ 10 ] Es liegt so nahe, es liegt so furchtbar nahe, zu konstatieren: Tod durch Suggestion. Aber bei einer Einsicht in die menschliche Wesenheit geht es einfach nicht, diesen Tod durch Suggestion in dieser Weise zu denken, sondern es handelt sich darum, daß hier, wenn man Tod durch Suggestion diagnostiziert, sofort eine gründliche Verwechslung von Ursache und Wirkung eintritt. Es trat auch keine Blutvergiftung ein — das hat die Sektion ergeben —, sondern der Betreffende starb, wie es schien, an einer Ursache, die den Ärzten nicht bekanntgeworden ist, aber für jemanden, der die Sache durchschauen kann, ganz unbedingt an einer Ursache, die tief im Organismus begründet war. Und diese Ursache, die tief im Organismus begründet war, hat diesen Menschen schon am vorhergehenden Tag etwas tapperig und unsicher gemacht, so daß er sich, was man sonst nicht tut, mit der tintigen Feder in den Finger stach. Das war schon eine Folge seiner Tapperigkeit. Aber während er äußerlich-physisch tapperig wurde, wurde sein inneres Schauvermögen etwas erhöht, und unter dem Einflusse der Krankheit hatte er eine prophetische Voraussicht seines in der Nacht eintretenden Todes. Dieser Tod hing nicht im geringsten zusammen mit dem, daß er sich mit der tintigen Feder in den Finger stach, sondern der Tod war die Ursache dessen, was er fühlte dadurch, daß er die Todesursache in sich trug, und alles, was vor sich gegangen ist, ist eben nichts anderes als etwas, was ganz äußerlich zusammenhängt mit den eigentlichen inneren Prozessen, die den Tod herbeigeführt haben. Es ist gar keine Rede davon, daß hier «Tod durch Suggestion» eingetreten ist. Denn auch der Glaube und alles das, was der Mann hatte, hatte nichts zu tun mit der Herbeiführung seines Todes, sondern hatte tiefere Ursachen. Aber er sah den Tod voraus und interpretierte alles dasjenige, was geschah, in diese Voraussicht des Todes hinein. Sie sehen an diesem Beispiel zugleich, wie ungemein vorsichtig man sein muß, wenn man über die komplizierten Vorgänge in der Natur ein sachgemäßes Urteil gewinnen will. Man kann da nicht ausgehen von dem Allereinfachsten.
[ 11 ] Nun wird man aber die Frage aufwerfen müssen: Gibt uns die Sinneswahrnehmung und alles, was der Sinneswahrnehmung ähnlich ist, einen Anhaltspunkt für, ich möchte sagen, die etwas anders gearteten Einflüsse, die von Heilmitteln auf den menschlichen Organismus ausgehen sollen?
[ 12 ] Nicht wahr, wir haben dreierlei Einflüsse auf den menschlichen Organismus im Normalzustande: Erstens denjenigen durch die Sinneswahrnehmungen, der sich dann im Nervensystem fortsetzt. Zweitens denjenigen durch das rhythmische System, das Atmen und die Zirkulation, und drittens denjenigen durch den Stoffwechsel. Diese drei normalen Beziehungen, die müssen irgendwelche Analoga haben in den abnormen Beziehungen, die wir herstellen zwischen den Heilmitteln, die wir ja auch in irgendeiner Weise aus der äußeren Natur nehmen müssen, und dem menschlichen Organismus. Am deutlichsten tritt allerdings dasjenige, was zwischen der Außenwelt und dem menschlichen Organismus geschieht, in dem Einfluß auf das Nervensystem auf. Wir müssen uns daher fragen: Wie können wir uns rationell einen Zusammenhang denken zwischen dem Menschen selbst und dem, was außermenschliche Natur ist und was wir verwenden wollen, sei es als Vorgänge, sei es substantiell als Heilmittel, zur menschlichen Heilung? Wir müssen eine Ansicht darüber gewinnen, wie das Wechselverhältnis des Menschen zur außermenschlichen Natur ist, aus der wir unsere Heilmittel nehmen. Denn selbst wenn wir Kaltwasserkuren anwenden, so wenden wir etwas Außermenschliches an. Alles, was angewendet wird, ist angewendet vom Außermenschlichen auf die menschlichen Prozesse, und wir müssen uns eine rationelle Ansicht darüber verschaffen, wie der Zusammenhang zwischen dem Menschen und den außermenschlichen Prozessen ist.
[ 13 ] Da kommt man allerdings auf ein Kapitel, wo wiederum statt eines organischen Zusammenhanges in unserem gebräuchlichen medizinischen Studium das reine Aggregat herrscht. Der Mediziner hört zwar vorbereitende Naturwissenschaft vortragen, dann wird aber auf diese vorbereitende Naturwissenschaft das allgemeine und spezielle Pathologische, das allgemeine Therapeutische aufgebaut und so weiter, und es ist nicht mehr viel zu vernehmen, wenn die eigentlichen medizinischen Vorträge anfangen, von dem, wie sich diese Prozesse, die in den eigentlich medizinischen Vorträgen besprochen werden, und namentlich wie sich die Heilmaßnahmen verhalten zu den Vorgängen in der äußeren Natur. Ich glaube, die durch die heutige medizinische Schulung gegangenen Ärzte werden dies nicht nur äußerlich verstandesmäßig als einen Mangel empfinden, sondern sie werden es gar stark in der Empfindung, die sich ihnen dann aufdrängt, wenn sie praktisch eingreifen sollen in die Krankheitsprozesse, als ein Gefühl in sich tragen, als ein gewisses Gefühl der Unsicherheit, wenn das oder jenes verwendet werden soll. Es ist doch sehr selten eine wirkliche Erkenntnis der Beziehung des zu verwendenden Heilmittels zu dem, was im Menschen vorgeht, in Wirklichkeit vorhanden. Hier handelt es sich darum, daß geradezu durch die Natur der Sache selbst auf eine ganz notwendige Reform des medizinischen Studiums hingewiesen wird.
[ 14 ] Nun möchte ich heute zunächst davon ausgehen, an gewissen Prozessen der außermenschlichen Natur anschaulich zu machen, wie verschieden in vieler Beziehung diese Prozesse von den Prozessen der menschlichen Natur sind. Ich möchte ausgehen von den Prozessen, die wir zunächst an niederen Tieren und Pflanzen beobachten können, um von da aus dann den Weg zu jenen Prozessen zu finden, die hervorgerufen werden können durch das Außermenschliche überhaupt, das wir dem Pflanzenreich oder dem Tierreich und namentlich dem Mineralreich entnehmen. Aber wir werden uns dieser Charakteristik der reinen mineralischen Substanzen erst nähern können, wenn wir eben von ganz elementaren naturwissenschaftlichen Vorstellungen ausgehen, dann zu dem aufsteigen, was zum Beispiel geschieht, wenn wir, sagen wir, Arsen oder Zinn oder irgend etwas anderes als Heilmittel in den menschlichen Organismus einführen. Da muß zunächst darauf hingewiesen werden, daß ganz anders, als das bei der menschlichen Natur selbst der Fall ist, die Wachstumsmetamorphosen bei außermenschlichen Wesen liegen.
[ 15 ] Wir werden nicht umhin können, das eigentliche Prinzip des Wachsens, des lebendigen Wachsens im Menschen irgendwie zu denken und es auch zu denken bei den außermenschlichen Wesenheiten. Aber die Differenz, die da auftritt, ist von einer grundlegenden Bedeutung. Betrachten Sie, zum Beispiel etwas sehr Naheliegendes, die gewöhnliche sogenannte falsche Akazie, die Robinia pseudacacia. Wenn Sie dieser die Blätter an den Blattstielen abschneiden, so entsteht das Interessante, daß die Blattstiele durch eine Metamorphose etwas umgewandelt werden und daß dann diese umgewandelten knolligen Blattstiele die Funktion der Blätter übernehmen. Da ist in einem hohen Maße etwas tätig, was wir zunächst hypothetisch eine Kraft nennen wollen, die in der ganzen Pflanze steckt und die sich dann äußert, wenn wir die Pflanze verhindern, ihr normal ausgebildetes Organ für bestimmte Funktionen zu verwenden. Daß, ich möchte sagen, noch ein Rest von dem vorhanden ist, was da in ganz ausgesprochenem Maße bei der einfacher wachsenden Pflanze der Fall ist, das zeigt sich daran, daß, sagen wir, bei einem Menschen, der durch irgend etwas verhindert ist, den einen Arm oder die eine Hand zu irgendwelchen Funktionen zu gebrauchen, die andere kräftiger sich ausbildet, stärker sich ausbildet und auch physisch größer wird und so weiter. Wir müssen schon solche Dinge miteinander verbinden, denn das ist der Weg, der zur Erkenntnis der Möglichkeit einer Heilweise führt.
[ 16 ] Nun, bei der außermenschlichen Natur geht die Sache sehr weit. Man kann zum Beispiel folgendes beobachten: Nehmen wir an, es wachse eine Pflanze auf einem Bergabhange, so geschieht es, daß solche Pflanzen gewisse Blattstiele so entwickeln, daß sie die Blätter unausgebildet lassen; die bleiben weg. Dagegen biegt sich der Blattstiel um und wird zum Stützorgan. Die Blätter verkümmern (siehe Zeichnung Seite 63), der Blattstiel biegt sich um, wird zum Stützorgan, stützt sich auf: Pflanzen mit umgebildeten Blattstielen, bei denen die Blätter verkümmern. Das weist auf innere Bildungskräfte der Pflanze hin, die bewirken, daß die Pflanze in einer weitgehenden Weise sich an die durch ihre Umgebung bedingte Lebensweise anpassen kann. Nun, die Kräfte, die dadrinnen wirksam sind, treten uns aber namentlich bei niederen Organismen in einer ganz interessanten Art entgegen.
[ 17 ] Wenn Sie zum Beispiel irgendeinen Embryo nehmen, der bis zum Gastrulastadium vorgerückt ist, so können Sie die Gastrula zerschneiden, in der Mitte auseinanderschneiden, und jedes Stück ründet sich wiederum und bildet in sich die Möglichkeit aus, die drei Stücke von Vorder-, Mittel- und Enddarm für sich auszubilden. Wir schneiden also die Gastrula auseinander und finden, daß sich jedes Stück so verhält, wie sich das unzerschnittene Ganze verhalten haben würde. Sie wissen, daß man diesen Versuch ausdehnen kann bis zu niederen Tieren, sogar Regenwürmern, und daß, wenn man gewissen niederen Tieren Stücke abschneidet, sich das wiederum ergänzt, so daß es aus seinen inneren Bildungskräften heraus wiederum dasjenige bekommt, was wir ihm abgeschnitten haben. Auf diese Bildungskräfte muß sachlich hingewiesen werden, nicht hypothetisch, indem man irgendeine Lebenskraft annimmt, sondern es muß sachlich auf diese Bildungskräfte hingewiesen werden. Denn, wenn man genauer zusieht, wenn man wirklich verfolgt, was da eigentlich vorliegt, so sieht man zum Beispiel folgendes: Man sieht, daß, wenn man, sagen wir, einem Froschorganismus in einem sehr frühen Stadium etwas abschneidet, sich der übrige Organismus, der abgeschnittene Organismus wieder ansetzt. Wer etwas materialistisch in seiner Denkweise geartet ist, der wird sagen: Nun ja, in der Wunde, da liegen Spannkräfte, und durch diese Spannkräfte in der Wunde setzt sich dasjenige, was da neuerdings wächst, an. — Aber das kann nicht so der Fall sein. Denn wäre das der Fall, daß wenn ich einen Organismus hier abschneide (siehe Zeichnung Seite 65) und sich hier an der Wunde Neues ansetzt durch die Spannkraft, die ja hier liegt — dann müßte sich doch hier das ansetzen, was das nächste Stück wäre, also dasjenige, was unmittelbar benachbart ist im vollkommenen Organismus. Das ist ja aber nicht der Fall in Wirklichkeit, sondern in der Wirklichkeit erscheinen, wenn man etwas abschneidet bei Froschlarven, Endorgane, der Schwanz oder Kopf sogar, bei anderen Tieren Fühlfäden, also diejenigen, die gar nicht hier angrenzen, sondern diejenigen, die der Organismus zunächst braucht, wachsen da heraus. Es ist also ganz unmöglich, daß durch die unmittelbar hier innewohnenden Spannkräfte sich dasjenige hier ansetzt, was sich hier ausbildet, sondern es ist notwendig, anzunehmen, daß bei diesen Ansätzen der ganze Organismus in irgendeiner Weise beteiligt ist.
[ 18 ] So kann man wirklich dasjenige verfolgen, was in niederen Organismen vor sich geht. Sie können nun, da ich Ihnen den Weg angegeben habe, wie man so etwas verfolgt, wenn Sie das ausdehnen über all die Erfahrungen, die bis heute in der Literatur verzeichnet sind, überall sehen, wie man nur auf diesem Wege überhaupt zu einer Anschauung über diese Sache kommt. Sie werden kaum einen anderen Gedanken hegen können als den: Beim Menschen ist das nun eben nicht so. — Es wäre ja sehr niedlich, wenn man ihm einen Finger oder Arm abschneiden könnte und er den Finger oder Arm wieder ersetzen würde. Er tut es eben nicht. Es ist die Frage: Ja, wie ist es denn mit den Kräften, die nun ein Tafel 5 mal Wachstumsbildungskräfte sind und die sich hier ganz deutlich zeigen, wie ist es denn mit diesen Kräften im menschlichen Organismus? Sind sie da verlorengegangen, sind sie da gar nicht vorhanden?
[ 19 ] Wer sachgemäß die Natur zu beobachten versteht, der weiß, daß man nur auf diesem Wege überhaupt zu einer naturgemäßen Anschauung über den Zusammenhang des Geistigen und Physischen beim Menschen kommen kann. Beim Menschen sind nämlich diese Kräfte, die wir hier, ich möchte sagen, als plastische kennenlernen, die hier unmittelbar Formen aus der Substanz heraus ausbilden, einfach herausgehoben aus den Organen und sind nur in dem, was bei ihm seelisch-geistig ist, vorhanden. Da sind sie nämlich vorhanden. Dadurch, daß sie aus den Organen herausgehoben sind, daß sie nicht Bildungskräfte der Organe geblieben sind, hat sie der Mensch extra. Er hat sie in seinen geistig-seelischen Funktionen. Wenn ich denke oder fühle, so denke ich und fühle ich mit denselben Kräften, die da in dem niederen Tier oder in der Pflanzenwelt plastisch tätig sind. Ich könnte eben nicht denken, wenn ich nicht mit denselben Kräften, die ich aus der Materie herausgezogen habe, das Denken und das Fühlen und das Wollen vollziehen würde. Schaue ich also auf die niederen Organismen hinaus, so muß ich mir sagen: Das, was da drinnen steckt, was die plastischen Kräfte sind, das ist dasselbe, was ich auch in mir trage. Aber ich habe es aus meinen Organen herausgenommen, habe es für sich und denke und fühle und will mit denselben Kräften, die da draußen in der niederen Organismenwelt plastisch tätig sind.
[ 20 ] Wer nun ein Psychologe werden will mit Substanz in seinen psychologischen Aufstellungen, nicht mit bloßen Worten, wie man heute Psychologie konstruiert, der müßte eigentlich die Denk- und Fühl- und Willensprozesse so verfolgen, daß er in ihnen aufzeigt, nur eben geistig-seelisch verlaufend, dieselben Vorgänge, die da unten in den plastischen Gestaltungen erscheinen. Sehen Sie nur einmal nach, wie wir innerlich in unserem seelischen Prozeß tatsächlich das ausführen können, was wir im Organismus nicht mehr ausführen können: Gedankenreihen, die uns verlorengegangen sind, aus anderen heraus zu ergänzen, und wie wir da so ähnlich verfahren, wie ich das hier gesagt habe, daß nicht das unmittelbar Angrenzende, sondern das weit davon Abliegende erscheint.
[ 21 ] Es besteht ein vollständiger Parallelismus zwischen dem, was wir innerlich-seelisch erleben, und dem, was in der äußeren Welt gestaltende Naturkräfte, gestaltende Naturprinzipien sind. Ein vollständiger Parallelismus besteht da. Auf diesen Parallelismus muß man hinweisen und zeigen, daß der Mensch in der Außenwelt im Grunde genommen als Gestaltungsprinzipien das hat, was er innerlich als sein seelisch-geistiges Leben aus seinem eigenen Organismus herausgenommen hat, was daher bei seinem eigenen Organismus nicht mehr der Materie, der Substanz zugrunde liegt. Aber nun, wir haben es nicht aus allen Teilen des Organismus gleich stark herausgenommen, wir haben es in verschiedener Weise herausgenommen. Und erst, wenn man gewissermaßen ausgerüstet ist mit solch einer Vorkenntnis, wie wir sie jetzt entwickelt haben, kann man an den menschlichen Organismus in entsprechender Weise herantreten. Denn betrachten Sie all dasjenige, was unser Nervensystem zusammensetzt, Sie werden das Eigentümliche finden: gerade was man gewöhnlich als Nervenzellen und dasjenige, was man als Nervengewebe und so weiter bezeichnet, das sind eigentlich Gebilde, verhältnismäßig auf frühen Entwickelungsstadien zurückgeblieben, nicht sehr vorgeschrittene Zellgebilde sind das, so daß man sagen könnte: man müßte eigentlich erwarten, daß gerade diese sogenannten Nervenzellen den Charakter früherer primitiver Zellbildungen zeigen. Das tun sie in anderer Beziehung wiederum ganz und gar nicht, denn sie sind zum Beispiel nicht fortpflanzungsfähig. Nervenzellen, ebenso wie Blutzellen, sind unteilbar, wenn sie ausgebildet sind, sie sind nicht fortpflanzungsfähig. Es ist ihnen also in einem verhältnismäßig frühen Stadium eine Fähigkeit, die den außermenschlichen Zellen zukommt, entzogen; die ist ihnen entzogen. Sie bleiben auf einer frühen Entwickelungsstufe stehen, werden gewissermaßen auf dieser Entwikkelungsstufe abgelähmt. Das, was in ihnen abgelähmt wird, das sondert sich ab als Seelisch-Geistiges. So daß wir in der Tat mit unserem seelisch-geistigen Prozesse zurückkehren zu dem, was einmal in der organischen Substanz sich gebildet hat, das wir aber nur dadurch erreichen, daß wir in uns die Nervensubstanz tragen, die wir in einem verhältnismäßig frühen Stadium abtöten, ablähmen wenigstens.
[ 22 ] Auf diese Weise kann man sich dem eigentlichen Wesen der Nervensubstanz nähern. Man bekommt dann heraus, warum diese Nervensubstanz diese Eigentümlichkeit an sich trägt, daß sie auf der einen Seite eigentlich ziemlich den primitiven Bildungen ähnlich sieht, sogar in dem, was sie weiter ausbildet, den primitiven Bildungen ähnlich sieht, und doch dem dient, was man gewöhnlich beim Menschen das Höchste nennt, der geistigen Tätigkeit.
[ 23 ] Ich glaube — das ist nur ein Einschiebsel, das soll nicht zur eigentlichen Betrachtung gehören —, daß schon die oberflächliche Betrachtung des menschlichen Hauptes, in dem der Mensch seine verschiedenen Nervenzellen umschließt, in diesem Umschlossensein von Zellen durch einen festen Panzer, eher erinnert an niedere Tiere als an hochentwickelte Tiere. Gerade unser Kopf erinnert eigentlich, ich möchte sogar sagen, an vorweltliche Tiere. Er erscheint nur umgebildet. Und wenn wir von niederen Tieren sprechen, so sagen wir gewöhnlich: Die haben ein Außenskelett, während die höheren Tiere und der Mensch ein Innenskelett haben; aber nur unser Kopf, da, wo wir am höchsten entwickelt sind, hat ein Außenskelett. Das ist immerhin etwas, was wenigstens eine Art Leitmotiv sein könnte für das, was eben angeführt worden ist.
[ 24 ] Nun denken Sie sich nur, wenn wir dasjenige, was wir so unserem Organismus entzogen haben, durch irgend etwas, das wir eine Krankheit nennen — ich werde noch genauer darauf zu sprechen kommen — veranlaßt, ihm zuführen — also denken Sie, diese Bildungskräfte, die in der außermenschlichen Natur vorhanden sind, die wir unserem Organismus entzogen haben, weil wir sie für das Geistig-Seelische verwenden, wenn wir diese dadurch, daß wir eine Pflanze oder so etwas verwenden, als Heilmittel dem Organismus wieder zuführen, so verbinden wir den Organismus mit dem, was ihm zunächst fehl. Wir kommen ihm zu Hilfe, indem wir ihm das zusetzen, was wir ihm erst dadurch, daß wir Mensch geworden sind, genommen haben.
[ 25 ] Sie sehen hier schon zunächst etwas aufdämmern, was man als Heilprozeß bezeichnen kann: das Zuhilfenehmen derjenigen Kräfte in der Natur draußen, die wir als normaler Mensch nicht haben, wenn wir sie gebrauchen, damit irgend etwas in uns stärker wird, als es beim normalen Menschen ist. Nehmen wir also, um einmal konkret zu sprechen, aber nur beispielsweise, irgendeines unserer Organe, sagen wir meinetwillen unsere Lunge oder so etwas; es würde sich auch bei solchen Organen herausstellen, daß wir ihnen Bildungsprinzipien entnommen haben, um sie für das GeistigSeelische zu haben. Kommen wir nun gerade im Pflanzenteich auf diejenigen Kräfte, die wir da aus der Lunge herausgenommen haben, und führen sie bei irgendeiner Störung des Lungensystems dem Menschen zu, so kommen wir seiner Lungentätigkeit zu Hilfe. Sie sehen, es würde die Frage entstehen: Welche Kräfte in der außermenschlichen Natur sind den Kräften ähnlich, die den menschlichen Organen zugrunde liegen, die aber zur geistig-seelischen Tätigkeit herausgezogen sind? — Sie sehen hier einen Weg, von der bloßen Probiermethode der Therapie zu einer Art Ratio in der Therapie zu kommen.
[ 26 ] Nun liegt aber neben den Irrtümern, denen man sich hingegeben hat in bezug auf das Nervensystem, die Irrtümer in bezug auf das Innermenschliche sind, ein sehr beträchtlicher Irrtum vor in bezug auf die außermenschliche Natur, den ich heute nur andeuten, später aber noch näher ausführen will. Man ist allmählich dazu gekommen im materialistischen Zeitalter, eine Art Evolution der äußeren Wesen zu denken von dem sogenannten Einfachsten bis zu dem Kompliziertesten hin. Man hat dann, nachdem man zuerst seine Betrachtung ausgedehnt hat über die niederen Organismen, die Umwandelung der Formen studiert bis zu den kompliziertesten Organismen, dann auch ins Auge gefaßt das, was nicht Organismen sind, zum Beispiel das mineralische Reich. Das mineralische Reich hat man so ins Auge gefaßt, daß man sich gesagt hat: Das mineralische Reich ist eben einfacher als das Pflanzenreich. — Das hat schließlich dazu geführt, all die sonderbaren Fragen aufkommen zu lassen über die Entstehung des Lebens aus dem mineralischen Reich, über irgendein einmal vorhandenes Bedingtsein des Zusammenkommens der Substanzen aus ihrem bloßen unorganischen Agieren zu einem organischen Agieren. Die Generatio aequivoca ist dasjenige, was viele Diskussionen hervorgerufen hat.
[ 27 ] Nun, einer unbefangenen Betrachtungsweise ergibt sich aber durchaus nicht das Richtige dieser Anschauung, sondern man muß sich sagen: In einer gewissen Weise läßt sich überhaupt ebenso, wie sich eine Art Evolution denken läßt von den Pflanzen hin durch die Tiere zum Menschen, wiederum eine Art Evolution denken von den Organismen, also von den Pflanzen hin zu den Mineralien, indem ihnen das Leben genommen wird. — Wie gesagt, ich will das heute nur andeuten, es wird in den folgenden Betrachtungen deutlicher herauskommen. Man kommt nur zurecht, wenn man die Evolution gar nicht so denkt, daß man vom Mineral heraufgeht über das Pflanzliche durch das Tierische zum Menschen, sondern wenn man den Ausgangspunkt in der Mitte nimmt und irgendwo eine Evolution denkt, die vom Pflanzlichen heraufgeht durch das Tierische zum Menschen, und eine andere Evolution, die hinuntergeht zum Mineralischen, wenn man also den Anfang nicht im Mineral setzt, sondern wenn man ihn mitten in die Natur hineinsetzt, so daß das eine entsteht durch eine aufsteigende, das andere durch eine niedersteigende Evolution. Dadurch aber wird man dazu kommen, einzusehen, daß, indem man von der Pflanze zum Mineral hinuntergeht und namentlich, wie wir sehen werden, zu dem ganz besonders bedeutsamen Mineral, dem Metall, daß da in der niedergehenden Evolution Kräfte auftreten können, die nun in einem ganz besonderen Verhältnisse zu dem Spiegelbild, der aufgehenden Evolution, stehen.
[ 28 ] Kurz, die Frage stellt sich uns vor die Seele: Was sind in den Mineralien für ganz besondere Kräfte vorhanden, die wir nur studieren können, wenn wir hier diese Bildungskräfte, die wir an den niederen Organismen studiert haben, studieren? — Bei den Mineralien sehen wir sie auftreten in der Kristallisation. Die Kristallisation zeigt uns ganz entschieden etwas, was auftritt, wenn wir die niedergehende Evolution betrachten, was irgendwie nur im Zusammenhang stehen kann, aber nicht das gleiche ist, mit dem, was auftritt an Gestaltungskräften, wenn wir die aufsteigende Evolution betrachten. Führen wir daher dem Organismus dasjenige zu, was als Kräfte in den Mineralien ist, so entsteht eine neue Frage. Wir haben antworten können auf eine ähnliche Frage: Wenn wir die bildenden Kräfte, die wir durch das Geistig-Seelische unserer Organisation weggenommen haben, dem menschlichen Organismus aus dem pflanzlichen, tierischen Reiche zuführen, so helfen wir dem Organismus. Was aber tritt ein, wenn wir die andersartigen Kräfte, die in der absteigenden Evolution, also im Mineralreich liegen, nun dem menschlichen Organismus zuführen würden? Das ist die Frage, die ich heute hinstellen will und die sich uns im Laufe der Betrachtungen eingehend beantworten soll.
[ 29 ] Nun aber, bei alledem sind wir ja noch nicht dahin gekommen, irgend etwas beitragen zu können im rechten Sinne zu der Frage, die wir heute an die Spitze der Betrachtung gestellt haben: ob wir der Natur nun selber einen Heilungsprozeß ablauschen können. Bei einer solchen Frage handelt es sich immer darum, daß man mit den richtigen Einsichten — und wir haben ja versucht, solche Einsichten wenigstens skizzenhaft uns zu verschaffen über solche Dinge — an die Natur herangeht, daß sich dann gewisse Vorgänge in ihrer Wesenheit erst enthüllen. Darauf kommt es an.
[ 30 ] Nun, sehen Sie, gibt es im menschlichen Organismus zwei Prozesse — es gibt sie auch im Tierischen, aber das kann uns jetzt weniger interessieren —, die sich in gewissem Sinne, wenn wir sie ausgerüstet mit den Ideen, die wir jetzt gewonnen haben, betrachten, als entgegengesetzte Prozesse darstellen. Diese beiden entgegengesetzten Prozesse sind nicht ganz — ich betone das ausdrücklich und bitte das zu beachten, damit dies, was ich jetzt ausführe, nicht mißverstanden werden könne -—, aber bis zu einem hohen Grade polarische Prozesse. Und diese Prozesse sind: die Blurbildung und die Milchbildung, wie sie im menschlichen Organismus auftreten. Blutbildung und Milchbildung — schon äußerlich unterscheiden sich die Blut- und Milchbildung in ganz wesentlicher Weise. Die Blurbildung ist, ich möchte sagen, sehr stark in die verborgene Seite des menschlichen Organismus zurückverlegt. Die Milchbildung ist etwas, was zuletzt mehr nach der Oberfläche tendiert. Aber der wesentlichste Unterschied zwischen der Blutbildung und der Milchbildung ist doch der, daß die Blutbildung sehr stark die Fähigkeit in sich trägt, selbst Bildungskräfte zu bilden, wenn wir den Menschen selbst betrachten. Das Blut ist ja dasjenige, dem wir bildende Kräfte zuschreiben müssen im ganzen Haushalt des menschlichen Organismus, wenn wir den philiströsen Ausdruck gebrauchen dürfen. Das Blut hat also in einer gewissen Beziehung noch die Bildungskräfte, die wir hier in dem niederen Organismus wahrnehmen; die hat das Blut in sich. Aber gerade die neuere Wissenschaft könnte sich hier auf etwas sehr Wichtiges stützen, wenn sie das Blut betrachtet, tut es aber bis heute nicht eigentlich in einem wirklich vernünftigen Sinn. Sie könnte sich darauf stützen, daß der Hauptbestandteil des Blutes die roten Blutkörperchen sind, die wiederum nicht vermehrungsfähig sind, die wiederum die Eigentümlichkeit haben, daß sie nicht vermehrungsfähig sind. Das haben sie mit den Nervenzellen gemeinschaftlich. Aber wenn man eine solche gemeinsame Eigenschaft hervorhebt, so kommt es immer darauf an, ob der Grund, warum das ist, in beiden Fällen derselbe ist. Der Grund kann nicht derselbe sein, denn aus dem Blute haben wir nicht in demselben Maße herausgenommen die Bildefähigkeit, wie wir sie aus der Nervensubstanz herausgenommen haben. Die Nervensubstanz, die ja gerade dem Vorstellungsleben zugrunde liegt, entbehrt in einem hohen Grade die innere Bildungsfähigkeit. Die Nervensubstanz wird beim Menschen noch während seines Lebens nach der Geburt weit hinaus von den äußeren Eindrücken abhängig nachgebildet. Also die innere Bildungsfähigkeit weicht da zurück gegenüber der Fähigkeit, sich den äußeren Einflüssen einfach anzupassen. Beim Blute ist das anders. Das Blut hat sich in hohem Grade die innere Bildungsfähigkeit bewahrt. Diese innere Bildungsfähigkeit, sie ist ja, wie Sie aus den Tatsachen des Lebens wissen, auch in einem gewissen Sinne bei der Milch vorhanden. Denn wäre sie bei der Milch nicht vorhanden, so würden wir nicht die Milch gerade als gesundes Nahrungsmittel den Säuglingen geben können. Dasjenige, was die Säuglinge brauchen, ist die Milch. Es ist in ihr eine ähnliche Bildefähigkeit wie im Blute. So daß also mit Bezug auf die Bildefähigkeit eine gewisse Ähnlichkeit besteht zwischen dem Blute und der Milch.
[ 31 ] Nun ist aber ein sehr beträchtlicher Unterschied. Die Milch, sie hat diese Bildefähigkeit. Sie hat aber etwas nicht, was das Blut zu seinem Bestande im höchsten Maße braucht, wenigstens hat sie das nur in sehr geringem Maße, in verschwindend geringem Maße: Eisen, das einzige Metall im Grunde genommen im menschlichen Organismus, das in seinen Verbindungen im Menschen, im menschlichen Organismus selbst ordentliche Kristallisationsfähigkeit zeigt. Also wenn die Milch auch andere Metalle in geringen Mengen hat, so ist der Unterschied jedenfalls da, daß das Blut zu seinem Bestande das Eisen braucht, ein ausgesprochenes Metall. Die Milch, die die Bildungsfähigkeit auch hat, braucht dieses Eisen nicht. Nun entsteht die Frage: Warum braucht das Blut das Eisen?
[ 32 ] Das ist eigentlich eine Kardinalfrage der ganzen medizinischen Wissenschaft. Das Blut braucht das Eisen nämlich. Wir werden die Materialien schon herbeitragen zu diesen Tatsachen, die ich heute hingeworfen habe; ich will zunächst erhärten, wie das Blut diejenige Substanz im menschlichen Organismus ist, die einfach durch ihre eigene Wesenheit krank ist und fortwährend durch das Eisen geheilt werden muß. Das ist bei der Milch nicht der Fall. Wäre die Milch in demselben Sinne krank wie das Blut, so würde die Milch in solcher Art, wie es geschieht, nicht ein Bildemittel sein können für den Menschen selber, ein äußerlich ihm zugefügtes Bildemittel sein können.
[ 33 ] Betrachtet man das Blut, so betrachtet man dasjenige, welches im Menschen einfach um der menschlichen Konstitution willen, um der Organisation willen fortwährend etwas Krankes ist. Das Blut ist einfach durch seine eigene Wesenheit krank und muß fortwährend kuriert werden durch den Eisenzusatz. Das heißt, wir haben in dem Prozesse, der in unserem Blute sich vollzieht, einen fortwährenden Heilungsprozeß in uns. Will der Arzt durch der Natur Examen gehen, so muß er vor allen Dingen nicht einen schon abnormen Prozeß der Natur betrachten, sondern einen normalen Prozeß. Und der Blutprozeß ist sicher ein normaler, aber er ist zu gleicher Zeit ein solcher, wo fortwährend die Natur selbst heilen muß, wo fortwährend die Natur durch das zugesetzte Mineral, durch das Eisen heilen muß. So daß wir, wenn wir uns dasjenige graphisch darstellen wollten, was mit dem Blute geschieht, sagen müssen: Dasjenige, was das Blut durch seine eigene Konstitution ohne das Eisen hat, ist eine Kurve oder eine Linie, die abwärts führt und die ankommen würde zuletzt bei der vollständigen Auflösung des Blutes (siehe Zeichnung Seite 74, rot), während dasjenige, was das Eisen im Blute bewirkt, es fortwährend aufwärts führt, es fortwährend heilt (gelbe Linie).
[ 34 ] Wir haben in der Tat da einen Prozeß, der ein normaler ist und der zu gleicher Zeit ein solcher ist, der nachgebildet werden muß, wenn wir überhaupt an Heilungsprozesse denken wollen. Da können wir wirklich durch der Natur Examen gehen, denn da sehen wir, wie die Natur Prozesse vollführt, indem sie dasjenige, was außermenschlich ist, das Metall mit seinen Kräften, dem Menschlichen zuführt. Und wir sehen zu gleicher Zeit, wie dasjenige, was im Organismus unbedingt bleiben will, wie das Blut, geheilt werden muß, und wie das, was aus dem Organismus herausstrebt, wie die Milch, nicht geheilt zu werden braucht, wie sie, wenn sie Bildekräfte enthält, in gesunder Weise Bildekräfte in den anderen Organismus überführen kann. Das ist eine gewisse Polarität, und ich sage: eine gewisse, nicht eine ganze Polarität zwischen dem Blute und der Milch, die aber ins Auge gefaßt werden muß, denn man kann daran eben sehr viel studieren. Da wollen wir dann morgen fortsetzen.
[ 35 ] Ich mußte dieses alles vorausschicken, weil ich an den Fragen gesehen habe, daß sie sich in ganz anderer Weise beantworten werden, wenn man eben die Begriffe, die Grundlagen für die Beantwortung hat.
