Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

Das Zusammenwirken von Ärzten und Seelsorgern
Pastoral-Medizinischer Kurs
GA 318

16 September 1924, Dornach

Neunter Vortrag

[ 1 ] Meine lieben Freunde! Sie haben gesehen, wie nötig es ist, das Kranksein heranzutragen an das geistige Leben und Erleben des Menschen, und das Verständnis, das dem Kranksein entgegengebracht werden soll, gerade von den beiden Seiten aus, die zunächst für die Pastoralmedizin in Betracht kommen, kann eigentlich nur aus einer solchen Betrachtung kommen. Deshalb wollen wir heute das eigentliche Kranksein im Zusammenhang mit dem geistigen Leben noch einmal von dem Gesichtspunkt aus betrachten, von dem aus auf das Wesen des Krankseins gerade das meiste Licht geworfen werden kann.

[ 2 ] Wir wechseln als Menschen in den beiden Zuständen Wachen und Schlafen ab. Was über diese Dinge im allgemeinen als Inhalt der Weltanschauung zu sagen ist, das kennen Sie ja alle.

[ 3 ] Heute wollen wir einmal scharf ins Auge fassen, was während des Schlafes eigentlich sich vollzieht im Menschen. Wir haben da den physischen, den ätherischen Leib für sich bestehen. Wir haben den astralischen Leib und das Ich wiederum für sich bestehen. Wenden wir den Blick auf den physischen und ätherischen Leib zunächst, so wissen wir ja, daß darinnen, vermöge dessen, was sie sind, dieser physische und ätherische Leib, gewisse Vorgänge geschehen, Vorgänge, die vom Einschlafen bis zum Aufwachen unabhängig sind von den Wirkungen des astralischen Leibes und des Ich. Wir haben es in einer Organisation wie der menschlichen mit Vorgängen zu tun, die eigentlich zunächst, so wie sie sich da abspielen müssen, der menschlichen Organisation gar nicht angepaßt sind. Wir haben es zu tun im physischen Leib mit physischen Vorgängen. Physische Vorgänge spielen sich draußen im Mineralreich ab. Dem sind sie angepaßt. Der ganzen menschlichen Gestaltung als physischem Leib sind sie nicht angepaßt. Und dennoch, der physische Leib des Menschen ist sozusagen vom Einschlafen bis zum Aufwachen den physischen Vorgängen hingegeben, so wie das Mineralreich den physischen Vorgängen hingegeben ist. Wir müssen auf diesen Widerspruch achten, der gerade im Menschen während des Schlafes ist. Er soll eine Welt physisch wirkender Kräfte und Substanzen sein, kann das eigentlich nicht sein. Das eben ist die Ursache, daß eigentlich während des Schlafes im physischen Leib des Menschen Vorgänge sich abspielen, die, wenn sie nicht wieder ausgeglichen werden, krankmachende Vorgänge sind.

[ 4 ] Wenn man so allgemeine Sätze ausspricht wie: daß der Schlaf gesund macht, so sind diese Sätze natürlich in einem gewissen Sinne durchaus richtig, aber sie sind nur richtig unter gewissen Voraussetzungen und dürfen uns nicht hindern daran, unbefangen das zu betrachten, was ist. Die physischen Vorgänge im physischen Leib des Menschen können nur dann für den Menschen heilsam bestehen, wenn in diesem physischen Leib untergetaucht ist das Ich und die astralische Organisation, was ja mit dem Aufwachen wieder geschieht und was so sein muß, daß es ständig unterbrochen wird von dem Schlafzustand, weil durch diesen Schlafzustand eingeleitet wird der Abbau im physischen Menschen, der im Menschen ständig vorhanden ist und der da sein muß, damit überhaupt das Seelenleben, das geistige Leben sich im Menschen entfalten kann. Denn mit den Aufbauprozessen verbindet sich kein geistiges Leben, nur mit den Abbauprozessen. Es muß also mit dem Schlaf so viel an Abbauprozessen besorgt werden, daß der Wachzustand in dieser Quantität von Abbauprozessen sich entfalten kann vom Aufwachen bis zum Einschlafen. Wird mehr entfaltet an Abbauprozessen durch die Ungesundheit des Schlafes, dann bleibt ein Rest von Abbauprozessen im menschlichen Organismus vorhanden. Dann haben wir in diesem Abbauprozeß die innerliche krankmachende Ursache.

[ 5 ] Dehnen wir die Betrachtung noch aus bis zum Ätherleib, so ergibt sich für den Ätherleib, daß er während des Schlafzustandes nur solche Prozesse ausführen kann, die sonst im Pflanzenreich vor sich gehen. Wenn der astralische Leib und das Ich in diesen Ätherleib untergetaucht sind, werden immer wiederum diese Prozesse auf ein höheres Niveau gerückt. Aber wenn sie vom Einschlafen bis zum Aufwachen gehen, gehen sie vor sich wie im Pflanzenreich, sind also wieder nicht angepaßt dem menschlichen Organismus, sondern fordern einen Ausgleich durch den astralischen Leib und das Ich. Bleibt ein Rest, der nicht verbraucht wird, dann sind wiederum krankmachende Ursachen da. So daß wir sagen können: Der Schlaf kann uns belehren darüber, wie im menschlichen Organismus die krankmachenden Ursachen eigentlich entstehen; denn diese krankmachenden Ursachen sind im Grunde genommen die normalen Vorgänge des Schlafes, die zu gleicher Zeit die Grundlage für das geistig-seelische Leben des Menschen sind. — Und das ist das Geheimnis der Welt, daß überall, wo man in die Realität hineinkommt, die Dinge nach zwei Seiten gehen. Auf der einen Seite liegt im Schlafzustand des physischen und ätherischen Leibes die Grundlage für des Menschen geistige Entwickelung, auf der anderen Seite liegt durch ganz dieselben Vorgänge die Grundlage für das Krankwerden. Damit ist wiederum das Krankwerden in die geistige Entwickelung unmittelbar hineingeleitet, und wir können sagen: Wenn wir studieren dasjenige, was im physischen und Ätherleib des Menschen wirkt, so ist es eigentlich beim Schlaf im Grunde genommen die Basis der Pathologie.

[ 6 ] Nun betrachten wir von diesem Gesichtspunkt aus einen Menschen, der nicht genügend untertaucht während des Wachens in seinen physischen und ätherischen Leib, was wir bei Schwachsinnigen, bei Psychopathen gefunden haben. Dann taucht das Seelisch-Geistige eines solchen Menschen in Krankheitsprozesse ein, lebt mit Krankheitsprozessen, und auf diese Erkenntnis ist ein besonderer Wert zu legen, daß eigentlich Psychopathen und sogenannte Geisteskranke ihr innerliches Dasein in Gemeinschaft mit Krankheit bewirkenden Ursachen verleben. Sehen Sie, auf solche Dinge muß man genau hinsehen.

[ 7 ] Aber gehen wir dazu über, die Außenwelt zu betrachten. Nehmen wir den physischen Leib des Menschen ganz schematisch (Tafel10, links) und betrachten wir die dazugehörige mineralische Außenwelt, wiederum ganz schematisch, dann haben wir während des Schlafes da drinnen Vorgänge im menschlichen physischen Leib, denen das Ich entzogen ist. Sie gehen vor sich ohne eigentlich innerlich wirkenden Motor. Dieses Ich ist aber in alledem drinnen, was hier die mineralischen Vorgänge sind. Denn da ist dasjenige, was wir das Welt-Ich nennen können, drinnen. Wir haben also auf der einen Seite in den Vorgängen des physisch-menschlichen Leibes ein Ichloses, eine Summe von ichlosen Vorgängen, die das Ich entbehren. Wir haben draußen in der Umgebung die Summe der mineralischen Vorgänge und mineralischen Substanzen, die mit dem Ich, das heißt mit all den Hierarchien, die mit dem Ich identisch sind, durchsetzt sind. Die hat das Ich, die mineralische Substanz.

[ 8 ] Nehmen wir daher an, wir bemerken im physischen Leib des Menschen einen Vorgang, der nicht da sein soll, der ein krankhafter Vorgang ist. Er entbehrt das Ich. Wie können wir ihm beikommen, wenn wir ihn heilen wollen? Wenn wir dasjenige vom Ich, was er entbehrt, was zuviel Schlaf ist in ihm, während des Wachens noch fortwährender Schlaf ist in ihm, wenn wir das suchen draußen in der mineralischen Umgebung. Wir haben dann das Heilmittel. Fügen Sie das dem Menschen bei, ist die Affinität da zu dem betreffenden Organ; das, was dem kranken Organ fehlt, die Ich-Kraft, kommt dadurch dem kranken Organ bei. Sehen Sie, das ist der Vorgang, der zugrunde liegt all unserem Suchen nach Heilmitteln für den physischen Leib des kranken Menschen in der Umgebung der anorganischen Natur. Da müssen wir das Entsprechende finden, das die Ich-Kraft hat, dann wirkt es heilsam. Es beruht also der Übergang von der Pathologie zur Therapie auf einer genauen Einsicht in die Zusammenhänge zwischen den Prozessen des physischen menschlichen Leibes und der mineralischen Außenwelt auf der einen Seite, aber auch des ätherischen menschlichen Leibes und der Außenwelt, das in den Vegetabilien, in den Pflanzen wirkt. Da haben wir die Sache genau so. Merken wir, daß im ätherischen Leib irgend etwas wuchert durch den Ätherleib, finden wir: da fehlt dem ätherischen Leib die entsprechende Einwirkung des astralischen Leibes; da müssen wir draußen irgendwo im Pflanzenreich suchen und wir finden das entsprechende Heilmittel. Das ist das Orientierende.

[ 9 ] Daraus ersehen Sie, daß man den Geist der Natur, den Geist in Mineral- und Pflanzenreich im weitesten Umfang des Universums kennen muß. Den Geist, nicht die Substanz muß man kennen, weil man mit dem Geist der mineralischen und pflanzlichen Natur in Wirklichkeit den Menschen heilen muß. Die Substanz haben Sie nur in dem Zustande, daß sie nicht richtig geistig beherrscht ist, aber den Geist hat. Und derjenige, der heilen will, ohne den Geist der Steine und Pflanzen zu kennen, der kann eigentlich nur nach traditionellen Angaben im Finstern tappen, kann probieren, ob das eine oder das andere hilft, aber er wird nie dazu kommen, warum es hilft, weil er nie wissen wird, wo in irgendeinem Mineral der Geist sitzt, oder wie er sitzt, so daß eigentlich Heiler zu sein von vornherein voraussetzt eine spirituelle Weltanschauung, und es besteht wohl die größte Anomalie unserer Zeit darin, daß gerade in der Medizin diese furchtbare Krankheit des Materialismus herrscht. Denn in der Medizin ist der Materialismus eine wirkliche Krankheit. Dieses Blindsein heißt Einschlafen und schädliche seelische Stoffe erzeugen in der Wissenschaft und müßte eigentlich geheilt werden. Man kann schon sagen: der kränkste Mann in unserer Zeit ist nicht derjenige, der er war für die europäische Bevölkerung im 19. Jahrhundert, der Türke, sondern das kränkste Wesen unserer Zeit ist der Mediziner. Das ist eine Wahrheit, die die Ärzte wissen sollen und höchstens die Theologen, aber darin besteht ja das Esoterische, daß es in dem Kreise bleibt, dem es anvertraut ist.

[ 10 ] Nun, sehen wir uns die Sache noch genauer an. Es gibt nun Menschen, die nicht in dem Sinne Psychopathen oder Wahnsinnige sind, wie man berechtigt ist, von Psychopathie und Wahnsinn zu sprechen, die aber doch nach den Auseinandersetzungen der letzten Tage so hinuntertauchen in ihren physischen und ätherischen Leib, daß sie mit den kranken Zuständen, kranken Vorgängen darin eine gewisse Verbindung eingehen, eine wahrnehmbare Verbindung eingehen. Da kommen wir zu jenen Somnambulen, deren Dasein kein Aberglaube ist, was in der Welt oftmals beschrieben worden ist, was jeder Initiat gut kennt, wir kommen zu denjenigen Somnambulen, die in ihrem somnambulen Zustande Beschreibungen ihrer Krankheiten machen. Sie tauchen hinunter in ihren physischen und Ätherleib. Während der gewöhnliche normale Mensch sich so verbindet mit dem physischen und Ätherleib, daß wir, wenn wir pedantisch wissenschaftlich reden wollen, sagen können: Ich und astralischer Leib gehen im Wachen mit physischem und ätherischem Leib eine Verbindung ein, die in ihrer Verbindungsqualität entsprechend die gesättigte Verbindung ist —, können wir bei einem solchen kranken Menschen sagen: Es geht eben nicht im übertragenen Sinne nach der Atomgewichtszahl das Ich und der astralische Leib in den Äther- und physischen Leib hinein, es bleibt vom astralischen Leib und Ich ein Rest, der nicht ganz untertaucht, aber dann wahrnimmt. Nur das vom Ich und astralischen Leib nimmt wahr, was nicht in den Ätherleib und physischen Leib untertaucht. Wenn so etwas innerlich überflüssig ist von Astralleib und Ich, wird innerlich wahrgenommen. Die Somnambulen beschreiben ihre Krankheit. Nun aber, wie denn? Es gibt ja einen anderen Zustand, den ich Ihnen auch beschrieben habe, in gewissen Fällen, wo der normale Zustand nach der Schlafseite hin unterbrochen ist. Dann, wenn das Ich und der astralische Leib heraußen sind aus dem physischen und Ätherleib, und wenn dann in diesem Ich und astralischen Leib Dinge vorgehen, die nun in dieses Geistig-Seelische nicht hineingehören, so wie die anderen Dinge, die ich Ihnen beschrieben habe, in das PhysischÄtherische nicht hineingehören, wenn zuviel Geistiges vom Ich und astralischen Leib erlebt wird während des Schlafes, wie sonst zuviel vom physischen und Ätherleib von der Natur erlebt werden kann, dann entsteht jenes an das Pathologische angrenzende Hellsehen. Der Mensch trägt dann in den Schlaf hinein eine gewisse Kraft, Geistiges wahrzunehmen. Er trägt wieder hinüber in den Wachzustand Erinnerungen an dieses geistige Wahrnehmen, aber vor allen Dingen fließt dieses geistige Wahrnehmen, das da in abnormer Weise zwischen Einschlafen und Aufwachen vorhanden ist, in die Träume hinein. Es erscheint in lebendigen Träumen, und da merken wir wiederum dasjenige, was jeder Initiat gut weiß: diese Träume sind, wenn sie richtig angesehen werden, erfüllt von Folgendem.

[ 11 ] Nehmen Sie an, daß der Kranke, der physisch Kranke, so veranlagt ist, wie ich es beschrieben habe. Der taucht mit seinem GeistigSeelischen hinunter in den physischen und ätherischen Leib. Er erlebt dann die Krankheit so, daß er sie im somnambulen Zustand beschreibt. Er erlebt dasjenige, was an zu starkem Abbauprozeß im physischen und Ätherleib vor sich geht, er erlebt eine Art rückgängigen Prozeß der Natur in seinem physischen und Ätherleib. Nehmen wir nun an, er ist draußen mit seinem astralischen Leib und Ich. Da erlebt er ja im Geistigen der äußeren Natur. Nehmen wir nun an, man erlebt hier drinnen ein krankes Organ (Tafel 10, Mitte), das dadurch krank ist, daß es irgendeinen äußeren Prozeß eben in krankhafter Weise zum Ausdruck bringt. Das wird im somnambulen Zustand erlebt. Der innerliche Prozeß wird da beschrieben. Ist der Mensch im polarischen Zustand, wirkt der Somnambulismus hinein in sein Ich und astralischen Leib, wenn diese mehr außerhalb des physischen und Ätherleibes sind; wenn das, was da erlebt wird unter den elementargeistigen Vorgängen der Natur, wenn das in die Träume hineingeht, erlebt der Mensch dasjenige, was in den Mineralien das Geistige ist, erlebt er den entsprechenden Geist des Minerals; und wovon träumt er? Er träumt von seinem Heilmittel. Sehen Sie, hier haben Sie den Zusammenhang für manches somnambule Leben. Der Somnambule wechselt in zwei Zuständen ab, die ich charakterisiert habe. In dem einen Zustand träumt er von seiner Krankheit, in dem anderen Zustand träumt er von seinem Heilmittel, und vor uns steht die Art und Weise, wie in alten Mysterien überhaupt Pathologie und Therapie gesucht worden ist.

[ 12 ] Da wurde nicht so experimentiert wie heute. Da wurden die Kranken in den Tempel gebracht und von entsprechend durchaus vorbereiteten Tempelpriestern in eine Art somnambulen Zustand gebracht, und es wurde dieser somnambule Zustand bis dahin getrieben, wo der Kranke seinen Krankheitsprozeß beschreibt. Dann wurde der polarische Somnambulismus hervorgerufen, der Tempelpriester erlebte den Traum, der die Therapie enthält. Es war das Untersuchen in den ältesten Mysterien, das von der Pathologie zur Therapie führt. So bildete man in alten Zeiten die Heilkunde aus, bildete ste aus, indem man Menschenkunde am Menschen suchte mit den alten Formen der Untersuchungsmethoden.

[ 13 ] Wir müssen nicht zu diesen Methoden, sondern zu denjenigen Methoden kommen, wo wir durch imaginatives Erleben sogleich in die Lage kommen, den Krankheitsprozeß zu verfolgen, wo wir durch die intuitive Methode, die herausführt, nicht hineinführt in den Menschen, den Gesundungsprozeß erleben. Das, was früher eine Art Experiment war, wird gerade auf diesem Gebiete ein eindringliches Beobachten werden müssen. Sie sehen, wo eigentlich die Orientierung liegt. Die äußere physische Wissenschaft, die in alten Zeiten eine rein beobachtende war, ist übergegangen zum Experiment, ersetzte immer mehr und mehr die reine Beobachtung durch das Experiment. Da hat sie recht. Aber die Heilwissenschaft hat es ihr nachgemacht, und da hatte sie nicht recht. Die übte früher am Menschen mit den Tempelforschungen das Experiment. Von diesem Experiment müssen wir den Übergang finden zu einer sorgfältig durchgeistigten, wissenschaftlich befruchteten Beobachtung des Lebens. Denn wer das Leben betrachtet, kann die Krankheit überall abfangen. In der einfachsten Äußerung des alltäglichen Lebens, die nur ein wenig abweicht von dem sogenannten Normalen, liegt unter Umständen etwas, was richtig betrachtet zur Erkenntnis komplizierter Krankheitsvorgänge führen kann, wenn man nur die Dinge in dem richtigen Zusammenhang durchschaut.

[ 14 ] Es führt aber dazu, daß eigentlich der Arzt immer mehr und mehr der wirkliche Praktiker werden muß, wiederum der umgekehrte Gang von dem, den die Entwickelung in der neueren Zeit unter dem Einfluß des Materialismus gemacht hat. Der Arzt ist nach und nach ganz zum Wissenschafter geworden, und das hat keinen Sinn. Der Arzt hat nur Sinn, wenn er die Naturgesetze in lebender Regsamkeit immer handhaben kann, nicht wenn er sie nur im abstrakten Sinn erkennt. Durch das Erkennen im abstrakten Sinn des Wortes kommt man noch nicht zur Handhabung der Naturgesetze. Da haben Sie die Sache von der einen Seite angesehen. Sehen Sie sie nun von der anderen Seite aus an.

[ 15 ] Sehen Sie sie von der anderen Seite aus an, von der aus sie der Priester anschauen muß, während Sie sich sagen, des Priesters Beruf besteht darin, den Menschen zu führen in alledem, wo sein Ich und astralischer Leib in die geistige Welt irgendwie untertauchen sollten, wo also der Mensch Anteil haben soll an der geistigen Welt. Ist es nötig, daß der Arzt auf geistige Art hineinschaut in das Wesen des Menschen, pathologische Prozesse auf geistige Art erschaut — was wird der Priester suchen müssen? Der Priester wird suchen müssen in demjenigen, was den Menschen in die geistige Welt hineinführt, in der Gesinnung nach der geistigen Welt, in der Liebe zur geistigen Welt, in dem Durchdrungensein von der geistigen Welt, wie sie schon im normalen Leben vorliegen, alles dasjenige anzufassen, was die menschliche Seele in den normalen und abnormen Erscheinungen auf diesem Gebiete darbietet. Verfolgen wir jetzt für ihn den umgekehrten Prozeß, den wir beim Arzt haben verfolgen müssen. Beim Arzt haben wir gesagt: Nun ja, wenn er die Somnambule das kranke Organ beschreiben läßt, nun ja, so beschreibt sie aus dem Traum heraus das Heilmittel.

[ 16 ] Nehmen wir nun einmal den Priester wiederum, so wie er in den alten Mysterien war. Ihn hat nun die Auffindung des Heilmittels wahrhaftig nicht bloß interessiert, obwohl in erster Linie, da er Menschenfreund in erster Linie war, ihn die Heilung interessiert hat. Aber er ist nicht bei der Heilung stehengeblieben, ihn hat noch etwas anderes interessiert. Ihn hat interessiert nun das Folgende. Er sah, die Somnambule beobachtet in dem Traum das Heilmittel, indem sie mit ihrem Ich und astralischen Leib drinnensteht in der geistigen Welt. Nun faßte er in seinem Anschauen dieses Darinnenstehen in der geistigen Welt, dieses seelische Darinnenstehen in der geistigen Welt auf, und verfolgte es wieder zurück in den Leib. Was findet er da? Da findet er sich wieder hin zu den kranken Organen, selbstverständlich, aber er wußte jetzt aus dem, was er da draußen wahrgenommen hatte, wie im gesunden Zustand der astralische Leib und das Ich in diesem Organ wirken. Dadurch, daß er wieder zurückging auf das kranke Organ, wußte er, wie im gesunden Zustand gewirkt wird. Die Folge davon war: jetzt nahm er wahr, wie aus den göttlich-geistigen Mächten heraus in normaler Weise Astralleib oder Ich in den menschlichen Organismus eingreifen, wie sie darinnensitzen. Er lernte sie in ihrer Gesundheit durch die Träume im geistigen Wesen der Welt kennen und bekam die Anschauung, wie sie sich wieder verhalten, wenn sie untertauchen. Er bekam die innerliche Beziehung des Menschen zur geistigen Welt.

[ 17 ] Dieses ist dasjenige, was als Gesinnung der Priester begleiten lassen kann das Sakrament, wo er zurückträgt die geistige Welt, denn die geistige Welt haftet an dem Sakrament durch die Einrichtung des Kultus. Der Kultus verbindet mit der physischen Substanz das Geistige eben kraft der inneren Einsichten, wie das Geistige zusammenhängt mit der Materie. Physische durchgeistigte Wesenheit wird in den Menschen zurückgeführt und die Beziehung wird in dem Menschen hergestellt, die seinen astralischen Leib innerhalb des physischen Leibes und des Ätherleibes, sein Ich innerhalb des physischen und Ätherleibes mit dem göttlich-geistigen Dasein der Welt verbindet. Alles hängt in dieser Beziehung daran, daß der Sakramentalismus von seiten der Priesterschaft mit einer solchen Gesinnung beobachtet wird. Alles hängt davon ab, daß wir uns durchdringen mit solchen Dingen, wie dem Zusammenhang zwischen dem Erleben im Leibe und dem Erleben außerhalb des Leibes, den Geheimnissen der Pathologie durch Beobachten des verlassenen Leibes, dem Geheimnis der Therapie durch das Beobachten des abnormen Lebens, des Lebens in der geistigen Welt beziehungsweise auch des normalen Wahrnehmens in der geistigen Welt. Dasjenige, was durch hervorragende somnambule Wesen in alten Zeiten in den Tempelgeheimnissen ergründet wurde, muß wieder ergründet werden dadurch, daß der Mensch geistige Erkenntnisse in sich selber entwickelt und die Zusammenhänge wieder beobachtet. Das Experiment muß auf diesem Gebiete in die Beobachtung einfließen.

[ 18 ] Nun ist es schon wichtig, daß diejenigen Ärzte und Priester, die innerhalb der anthroposophischen Bewegung stehen, vereinigt sind in dem Wissen von solchen Tatsachen. Das ist dasjenige, was wirklich bindet, was uns durchdringt mit einer anderen Erkenntnis, als sie die anderen haben. Dagegen wird alles Beschließen, man solle einen Bund oder einen Verein oder eine Gruppe bilden, das ist dagegen eine Abstraktion. Das wirklich Bindende ist der Besitz eines gewissen Wissens. Diejenigen, die dieses Wissen besitzen, gehören eben zusammen und sollten sich zusammengehörig fühlen. Die äußere Verbindung soll der Ausdruck sein für diese innere Verbindung, die durch dieses Wissen geschaffen ist. Unsere Zeit leidet in dieser Beziehung an vielem.

[ 19 ] Bedenken Sie nur, wenn man heute oftmals in der allerallerbesten Absicht zum Beispiel zu einer Jugendversammlung spricht, obwohl deren Bestreben von mir ganz anerkannt wird - es ist außerordentlich schwierig, wie einem zunächst gegenüber dem Konkreten, das die Seele erfüllen sollte, sogleich das entgegentritt, daß man sagt: Das Erste, Wichtigste ist, daß man sich zusammenschließt! — Zusammengeschlossen ist ja in den letzten Jahrzehnten alles ins Unendliche geworden. Man hat sich zusammengeschlossen, aber man hat noch nie wahrgenommen, daß, wenn man so anordnet: 00000000 und so weiter etwas herauskommt. Ein Bewußtsein, das zunächst unerfüllt ist, geschlossen an ein Bewußtsein, das wieder unerfüllt ist, geschlossen an ein drittes Bewußtsein, das wieder unerfüllt ist, das gibt nichts. Dagegen braucht man bloß vorauszusetzen die Erfüllung, dasjenige, was allen Nullen zugrunde liegt, was Eins (1) hat, so haben Sie etwas. Es muß nicht ein Mensch sein, sondern die Erfüllung, dann ist es etwas. Nur kurioserweise, das setzt voraus, daß schon das etwas ist, ja sogar das, was eben kein Mensch ist, sondern daß das Wissen an sich wesenhaft ist. Diese Dinge sollte man bedenken in unserer Zeit, wo man eben vielfach dazu viel zu bequem ist, das Konkrete zu suchen und daher das Abstrakte immer zusammenschließen will. Gut ist das Zusammenschließen, das kommt aber schon von selber, wenn das Konkrete da ist.

[ 20 ] Das ist auch nun wiederum etwas, was vielleicht zuallererst begreifen sollen diejenigen, die als Ärzte und als Priester innerhalb der heutigen Menschheit wirken. Denn man kann schon sagen, die zwei Dinge sind heute allüberall zu beobachten. Ich und astralischer Leib der Menschen finden im Grunde genommen trotz alles Wachzustandes nicht in gehöriger Weise den physischen Leib und den Ätherleib. Es ist schon so, daß eigentlich dem, der die Welt durchschaut in ihrem Werden, die Anschauungen auf dem Gebiete des Materialismus nicht eigentlich so furchtbar wehe tun. Man lasse die Monisten und alle möglichen Leute sich streiten. Das ist ja gewiß eine unmögliche Sache, aber eigentlich ist es nicht das Grundschädliche im Entwickelungsprozeß der Menschheit. Daher beteiligt man sich auch, wenn man diesen Entwickelungsprozeß durchschaut, nicht gerne an diesen Weltanschauungs-Diskussionen. Denn schließlich, ob der eine dies, der andere jenes meint: Meinungen sind ja furchtbar dünne Sachen in der menschlichen Seele, wirken nicht sehr stark auf die Realitäten. Meinungen sind Schäume innerhalb der Realitäten. Und ob da so eine Seifenblase an die andere platzt, die eine verspritzt, die andere ein bißchen dicker wird durch den Anprall, das schadet nichts. Aber man muß bedenken, daß keiner in Wirklichkeit ein Materialist wird, der in richtiger Weise mit seinem Ich und astralischen Leib in seinem physischen und Ätherleib sitzt. Daß also Materialistsein im feineren Sinne bedeutet Kranksein. Und mit dieser Erkenntnis muß man sich durchdringen: Materialist sein bedeutet Kranksein. Es ist daher gar kein Wunder, daß, wenn nun die anderen, die in ihrem physischen und Ätherleib ordentlich drinnensitzen, mit diesen kranken Materialisten zusammenkommen, daß sie den gegenteiligen Pol entwickeln, alle möglichen Unklarheiten des Spiritualismus.

[ 21 ] Und hier kommen wir dann auf ein Gebiet, wo, weil sich die Dinge nicht abspielen in den Teilen der Welt, die noch in einer Verbindung miteinander stehen, sondern in den Teilen der Welt, wo die Welt bereits ins Chaos geworfen ist und ihre Blöcke nebeneinanderliegen, da kommen wir zu dem Gebiet, wo das eine nicht mehr die Heilesoffenbarung des anderen ist, sondern sie beide auseinanderfahren. Solange nämlich der Kranke spricht von den Vorgängen in seinen inneren Organen, so lange stehen seine Träume in Beziehung zu den Heilkräften in der äußeren Welt, die kranken Organen entsprechen. So wie aber der Mensch durch die Krankheit des Materialismus nicht von innen seine inneren Organe beschreibt, sondern den Organismus durchbricht nach der anderen Seite und die Außenwelt beschreiben will, wie das im Materialismus geschieht, dann wirkt das Gegenteil der Träume, der falsche Spiritismus, nicht mehr als Heilmittel, sondern im Gegenteil als stärker krankmachend.

[ 22 ] Und so sehen wir heute in unserer Zeit, wenn wir alle Medizin, die sich auf den Menschen bezieht, vergleichen mit demjenigen, was vollberechtigt damit verglichen werden kann: die Kulturpathologie, Kulturtherapie, wenn wir diese nehmen, so finden wir, daß zum Beispiel der Spiritismus keineswegs ein Heilmittel darstellt, sondern dem Traumzustand entspricht für den Materialismus, der der smnambulen Beschreibung der inneren Organe entspricht. Wenn ein Vorgang — es ist eben so —, der eigentlich das Innere ergreifen sollte, durchschlägt beim Menschen nach der Außenwelt — wir können solche pathologischen Vorgänge beobachten bei Ausschlägen, wo die Sache ganz genau dem entspricht, was ich Ihnen gesagt habe -, dann entsteht für das Anschauen selbst dasjenige, was im Inneren beobachtet wird, nach außen hin nicht als Gesundes, sondern als krankhafte Abweichung. Daher sollte eigentlich der Arzt wissen, daß Materialismus der Ausschlag für Kranksein ist, und so sollte man ärztlich den Materialismus ansehen.

[ 23 ] Dann kommt durch ein solches ärztliches Anschauen schon heraus die Brücke hinüber zu dem priesterlichen Anschauen, welches von der entgegengesetzten Seite ausgeht, zu dem priesterlichen Anschauen, das hineinsieht in die krankhaften Seelenerscheinungen des Menschen, die er aus seinem Bedürfnis, aus seiner Emotion heraus bildet. Das ist auch beim Spiritismus der Fall. Und man kommt dann dazu, zu erkennen, daß krankhaftes Leben im weitesten Sinne sich hineinversenken will in das Weltenall, wie alles dasjenige, was in der Weltanschauung krank ist durch sich, insoferne es auf dem Willen beruht, also eigentlich in der Tat sich auslebt, wie das hinüberwirken muß in das Innere des Menschen in den wirklich krankmachenden Zustand.

[ 24 ] Nun wird man gegenüber der gegenwärtigen Entwickelungsepoche der Menschheit nicht dasjenige sehen können, was man in älteren Zeiten deutlich wegen der anderen Voraussetzungen der Menschennatur gesehen hat, wie dasjenige, was an falscher Willensrichtung, falscher Weltanschauung, falscher Lebensanschauung da ist, was im alten Sinne als «Sünde» bezeichnet worden ist, man wird nicht unmittelbar sehen, wie das hinübergeht in den Erkrankungsprozeß des Organismus, weil es das auch nicht unmittelbar in der Art tut. Wir achten nur in den seltensten Fällen darauf, nur in Fällen, die als Zwischenstufen dastehen zwischen den eigentlich aufzufassenden Krankheiten und der Sünde. Diese gehen wieder in Zustände über, die nur angrenzen an Krankhaftes. Aber die Sünde und das eigentliche Kranksein, die stehen für die heutige Entwickelungsepoche so ab, daß sie durch zwei Inkarnationen voneinander getrennt sind. Es war so, daß in früheren Entwickelungsepochen der Menschheit in der einen Inkarnation manchmal als Ursache und Wirkung zusammenhängen konnten Sünde und Krankheit, was nunmehr durch den fortgeschrittenen Entwickelungsprozeß der Menschheit durch Inkarnationen getrennt ist: Sünde und Krankheit. Sünde in der einen Inkarnation, Krankheit in der anderen.

[ 25 ] Hier beginnt die Domäne des Priesters. Der Priester darf also, wenn er bloß die Traditionen der alten Zeiten festhält, nicht mehr sprechen, daß die Sünde die Ursache der Krankheit sei. Aber wenn er übergeht in die Einsicht von wiederholten Erdenleben, dann darf er davon sprechen, denn dann spricht er wieder aus der Wahrheit. Daher ist vieles, was heute draußen in der Welt von priesterlicher Seite über diese Dinge gesagt wird, nicht mehr wahr, weil es nicht mehr den Tatsachen entspricht. Diese Lehren entstammen alter Zeit, und heute ist kein Wille vorhanden, diese Lehre gemäß demjenigen, was in unserer Zeit gefordert wird, umzugestalten. In all das müssen wir uns hineinfinden, und dann wird es möglich sein, diese Betrachtungen über Pastoralmedizin nach beiden Seiten hin fruchtbar zu machen.

[ 26 ] Ich gedenke jetzt noch, weil es ja in der Tat wünschenswert erscheint, daß die Freunde sich einrichten können, ich gedenke jetzt noch zwei Vorträge aus der Pastoralmedizin morgen und übermorgen zu halten.