Second Scientific Course
The warmth at the boundary between positive and negative materiality
Insights from Spiritual Science on the Development of Physics
GA 321
1 March 1920, Stuttgart
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Second Scientific Course, tr. SOL
Erster Vortrag
First Lecture
[ 1 ] Die naturwissenschaftlichen Betrachtungen, die bei meinem letzten Aufenthalt hier gepflogen worden sind, sollen jetzt eine Art von Fortsetzung erfahren. Ich werde ausgehen diesmal von demjenigen Kapitel physikalischer Betrachtungen, das insbesondere wichtig sein kann für die Grundlegung einer naturwissenschaftlichen Weltanschauung überhaupt, nämlich von der Betrachtung der Wärmeverhältnisse der Welt. Ich werde heute in einer Einleitung versuchen, Ihnen gerade darzulegen, inwiefern durch eine solche Betrachtung, wie wir sie jetzt pflegen wollen, eine Anschauung geschaffen werden kann für die Bedeutung der physikalischen Erkenntnisse innerhalb einer allgemein menschlichen Weltanschauung und wie dadurch der Grund gelegt werden kann zu einer Art pädagogischer Impulse für den naturwissenschaftlichen Unterricht. Wie gesagt, heute wollen wir von einer Art prinzipieller Einleitung ausgehen und sehen, wie weit wir damit kommen.
[ 1 ] The scientific reflections that were undertaken during my last stay here are now to be continued in a sense. This time, I will begin with that chapter of physical reflections which may be of particular importance for laying the foundation of a scientific worldview in general—namely, the study of the thermal conditions of the world. In today’s introduction, I will attempt to explain to you precisely how such an examination—as we now intend to pursue it—can foster an understanding of the significance of physical findings within a general human worldview, and how this can lay the foundation for a kind of pedagogical impetus for science education. As I said, today we want to begin with a kind of introductory overview and see how far we can get with it.
[ 2 ] Die sogenannte Wärmelehre hat ja im 19. Jahrhundert eine Gestalt angenommen, durch die einer materialistischen Betrachtung der Welt außerordentlich viel Vorschub geleistet worden ist. Aus dem Grunde Vorschub geleistet worden ist, weil die Wärmeverhältnisse in der Welt vor allen Dingen Veranlassung dazu geben, den Blick abzuwenden von der eigentlichen Natur der Wärme, von der Wärmewesenheit, und ihn hinzulenken auf die mechanischen Erscheinungen, die aus den Wärmeverhältnissen sich ergeben.
[ 2 ] The so-called theory of heat took shape in the 19th century in a way that greatly promoted a materialistic view of the world. It was promoted for this reason because the thermal conditions in the world primarily lead one to turn one’s gaze away from the actual nature of heat—from the essence of heat—and direct it toward the mechanical phenomena that arise from those thermal conditions.
[ 3 ] Wärme, sie kennt der Mensch zunächst dadurch, daß er die Empfindungen hat, die er mit kalt, warm, lau und so weiter bezeichnet. Allein, die Menschen werden sehr bald darauf aufmerksam, daß mit dieser Empfindung etwas zunächst Vages gegeben zu sein scheint, etwas jedenfalls Subjektives. Wer das einfache Experiment macht - wir brauchen es hier nicht zu machen, es würde uns nur aufhalten, aber es kann es jeder für sich selber immer machen -, kann sich von folgendem überzeugen:
[ 3 ] People first become aware of heat through the sensations they describe as cold, warm, lukewarm, and so on. However, people very soon realize that this sensation seems to involve something that is, at first, vague—something that is, in any case, subjective. Anyone who performs this simple experiment—we don’t need to do it here, as it would only slow us down, but anyone can do it for themselves at any time—can verify the following:


[ 4 ] Denken Sie sich, Sie haben hier ein Gefäß, mit Wasser gefüllt, von irgendeiner ganz bestimmten Temperatur \(t\), rechts davon haben Sie ein Gefäß, ebenfalls mit Wasser gefüllt, mit einer bestimmten Temperatur \(t - t’\) das heißt, mit einer Temperatur, die wesentlich niedriger ist als jene in dem ersten Gefäß. Dann haben Sie weiter ein Gefäß mit Wasser der Temperatur \(t + t’\). Wenn Sie nun Ihre beiden Arme nehmen und die Finger eintauchen in die zwei äußeren Gefäße zunächst, so nehmen Sie empfindungsgemäß den Wärmezustand der zwei Gefäße wahr. Sie können dann die eben eingetauchten Finger in das mittlere Gefäß eintauchen, und Sie werden sehen, daß dem Finger, der in die Flüssigkeit niedriger Temperatur eingetaucht war, die Temperatur im mittleren Gefäß verhältnismäßig warm erscheint, während dem Finger, der in die wärmere Flüssigkeit eingetaucht war, die Temperatur kalt erscheint. So daß also dieselbe Temperatur verschieden erscheint für die subjektive Empfindung, je nachdem man vorher der einen oder anderen Temperatur subjektiv ausgesetzt war. Jeder Mensch weiß ja auch, daß, wenn er in einen Keller geht, das verschieden sein kann, je nachdem ob er im Sommer oder im Winter in den Keller geht. Geht er im Winter hinein, so kann ihm unter Umständen, selbst wenn das Thermometer dieselbe Temperatur zeigt, der Keller warm erscheinen, während, wenn er im Sommer hineingeht, ihm der Keller kühl erscheint. Und daraus schließt man zunächst nur: Ja, die subjektive Empfindung von Wärme ist nicht maßgebend; es handelt sich darum, irgendwie objektiv feststellen zu können, wie der Wärmezustand irgendeines Körpers oder irgendwo ist. Nun, ich brauche ja hier nicht auf die elementaren Erscheinungen einzugehen, und auch nicht auf die elementaren Werkzeuge des Wärmemessens. Die müssen als bekannt vorausgesetzt werden. Daher kann ich einfach sagen: Wenn man nun objektiv mit dem Thermometer den Stand der Temperatur eines Körpers oder eines Raumes mißt, so hat man das Gefühl: Ja, da mißt man eben die Grade vom Nullpunkt nach aufwärts oder abwärts, und man bekommt ein objektives Maß für den Wärmezustand. Man macht dann in seinen Gedanken einen wesentlichen Unterschied zwischen dieser objektiven Feststellung, an der gewissermaßen der Mensch nicht beteiligt ist, und der subjektiven Feststellung durch die Empfindung, an der der Mensch beteiligt ist.
[ 4 ] Imagine you have a container here, filled with water at a specific temperature \(t\). To the right of it, you have another container, also filled with water, at a specific temperature \(t - t’\)—that is, at a temperature that is significantly lower than that in the first container. Then you have another container with water at a temperature of \(t + t’\). If you now take both your arms and dip your fingers into the two outer containers first, you will perceive the thermal state of the two containers through sensation. You can then dip the fingers you just dipped into the middle container, and you will see that to the finger that was dipped in the lower-temperature liquid, the temperature in the middle container feels relatively warm, while to the finger that was dipped in the warmer liquid, the temperature feels cold. Thus, the same temperature appears different to subjective perception, depending on whether one was previously subjectively exposed to one temperature or the other. Everyone knows, after all, that when they go into a basement, the experience can differ depending on whether they go in during the summer or the winter. If one enters in winter, the cellar may, under certain circumstances—even if the thermometer reads the same temperature—seem warm, whereas if one enters in summer, the cellar seems cool. And from this one initially concludes only this: Yes, the subjective sensation of warmth is not decisive; the point is to be able to determine objectively, in some way, what the thermal state of any body or any place is. Well, I don’t need to go into the basic phenomena here, nor the basic instruments for measuring heat. These must be taken for granted. Therefore, I can simply say: When one objectively measures the temperature of a body or a room with a thermometer, one has the feeling: Yes, one simply measures the degrees from the zero point upward or downward, and one obtains an objective measure of the thermal state. One then makes a fundamental distinction in one’s mind between this objective determination—in which, so to speak, the human being is not involved—and the subjective determination through sensation, in which the human being is involved.
[ 5 ] Nun, für alles das, was man während des 19. Jahrhunderts angestrebt hat, kann man sagen, ist diese Auseinanderhaltung etwas gewesen, was in einer gewissen Beziehung fruchtbar war, was seine Erfolge gezeitigt hat. Aber wir sind jetzt in einer Zeit, wo man auf gewisse Dinge durchaus aufmerksam werden muß, wenn man in fruchtbarer Weise auf diesem oder jenem Gebiet des Wissens oder der Lebenspraxis vorwärtskommen will. Und daher müssen heute aus der Wissenschaft selbst heraus gewisse Fragen gestellt werden, die man einfach unter dem Einfluß solcher Konklusionen, wie ich sie dargelegt habe, übersehen hat. Eine Frage ist die: Ist ein Unterschied, ein wirklich objektiver Unterschied zwischen dem Konstatieren durch meinen Organismus gegenüber der Temperatur eines Raumes oder Körpers und dem Konstatieren dieser Temperatur durch das Thermometer, oder täusche ich mich - es kann mir nützlich sein für das Leben, diesen Unterschied zu machen -, wenn ich diesen Unterschied in meine Ideen und Begriffe, die dann die Wissenschaft ausbauen soll, hineintrage? — Es wird der ganze Kursus dazu dienen müssen, zu zeigen, wie heute solche Fragen aufgestellt werden müssen. Denn ich werde, ausgehend von den prinzipiellen Fragen, aufzusteigen haben zu denjenigen Fragen, die heute, weil man solche Dinge nicht berücksichtigt hat, einfach dem praktischen Leben in wichtigen Gebieten entgehen. Wie sie auf dem Gebiete der Technik dem Leben entgehen, werden Sie noch sehen. Jetzt will ich nur prinzipiell auf folgendes aufmerksam machen: Unter den Betrachtungen, die ich gleich nachher charakterisieren will, ist eigentlich ganz verlorengegangen die Aufmerksamkeit auf das. Wärmewesen selbst. Und dadurch ist verlorengegangen die Möglichkeit, dieses Wärmewesen in ein Verhältnis zu bringen zu derjenigen Organisation, mit der wir es in bestimmten Gebieten der Lebenspraxis vor allen Dingen in ein Verhältnis bringen müssen: zum menschlichen Organismus selbst. Wenn wir heute bloß roh - es soll ja nur einleitungsweise sein charakterisieren, auf was es ankommt, so müssen wir aufmerksam machen darauf, daß wir ja in ganz bestimmten Fällen verpflichtet sind heute, die Temperatur des eigenen menschlichen Organismus zu messen, zum Beispiel wenn er in Fieberzuständen ist. Daraus können Sie ersehen, daß das Verhältnis des unbekannten, zunächst unbekannten Wärmewesens zum menschlichen Organismus eine gewisse Wichtigkeit hat. Das Radikalste, wie es sich bei chemischen und technischen Prozessen verhält, will ich später betrachten. Aber man wird niemals seine Aufmerksamkeit in der richtigen Weise auf diese Beziehung des Wärmewesens zum menschlichen Organismus richten können, wenn man von einer mechanischen Auffassung des Wärmewesens ausgeht, weil sich einem dann die Tatsache entzieht, daß im menschlichen Organismus, je nach den Organen, eine ganz verschiedene Wärmeempfänglichkeit besteht für das Wärmewesen selbst, daß das Herz, die Leber, die Lunge ganz verschiedene Kapazitäten haben, sich zum Wärmewesen zu verhalten. Daß man daher ein wirkliches Studium gewisser Krankheitssymptome ohne diese verschiedenen Wärmekapazitäten der einzelnen Organe nicht pflegen kann, das entzieht sich der Betrachtung einfach dadurch, daß durch die physikalische Anschauung von der Wärme keine Grundlage dazu geschaffen ist. Wir sind heute nicht in der Lage, die physikalische Anschauung, die wir im Laufe des 19. Jahrhunderts von der Wärme ausgebildet haben, hineinzutragen in das Gebiet des Organischen. Das ist heute demjenigen bemerklich, der ein Auge hat für die Schäden gegenwärtiger physikalischer sogenannter Forschungen für die höheren Zweige, sagen wir der Erkenntnis des organischen Wesens selber. Deshalb müssen gewisse Fragen aufgeworfen werden, Fragen, die vor allen Dingen bezwecken klare, durchschaubare Begriffe. An nichts leiden wir heute mehr, gerade in den sogenannten exaktesten Wissenschaften, als an unklaren, undurchschaubaren Begriffen.
[ 5 ] Well, with regard to everything that was strived for during the 19th century, one can say that this separation was, in a certain sense, fruitful and yielded results. But we are now in an era where one must certainly pay attention to certain things if one wishes to make fruitful progress in this or that field of knowledge or practical life. And therefore, certain questions must be raised today from within science itself—questions that were simply overlooked under the influence of conclusions such as those I have outlined. One question is this: Is there a difference—a truly objective difference—between my organism’s perception of the temperature of a room or a body and the thermometer’s measurement of that temperature? Or am I mistaken—it may be useful for my life to make this distinction—when I incorporate this distinction into my ideas and concepts, which science is then supposed to develop? — The entire course will have to serve to show how such questions must be posed today. For, starting from the fundamental questions, I will have to move on to those questions that today—precisely because such things have not been taken into account—simply elude practical life in important areas. You will yet see how they elude life in the field of technology. For now, I simply wish to draw your attention to the following in principle: Among the considerations I will characterize shortly, attention to the nature of heat itself has actually been entirely lost. And as a result, the opportunity has been lost to relate this nature of heat to the very organism with which we must, above all, relate it in certain areas of practical life: the human organism itself. If we are to characterize this today in merely rough terms—and this is meant only as an introduction to what is at stake—we must point out that in very specific cases we are obliged today to measure the temperature of the human organism itself, for example, when it is in a feverish state. From this you can see that the relationship between the unknown—at least initially unknown—nature of heat and the human organism has a certain importance. I will consider the most radical aspects—as they pertain to chemical and technical processes—later. But one will never be able to focus one’s attention properly on this relationship between the thermal entity and the human organism if one proceeds from a mechanical conception of the thermal entity, because one then overlooks the fact that within the human organism, depending on the organ, there is a very different sensitivity to heat itself, and that the heart, the liver, and the lungs have very different capacities for relating to heat. That one therefore cannot conduct a genuine study of certain disease symptoms without taking these different heat capacities of the individual organs into account—this simply escapes consideration because the physical conception of heat provides no foundation for it. Today we are not in a position to carry the physical conception of heat—which we developed over the course of the 19th century—into the realm of the organic. This is evident today to anyone who has an eye for the harm that current so-called physical “research” does to the higher branches of knowledge—namely, the understanding of the organic being itself. Therefore, certain questions must be raised—questions aimed above all at establishing clear, transparent concepts. Nothing troubles us more today, especially in the so-called most exact sciences, than unclear, opaque concepts.
[ 6 ] Was heißt es denn eigentlich, wenn ich sage: Wenn ich den Finger hier eingetaucht habe rechts und links (siehe Zeichnung Seite 12), so habe ich, wenn ich die beiden Finger dann in ein Gefäß mit einer Flüssigkeit von bestimmter Temperatur eintauche, verschiedene Empfindungen; was heißt es denn? Ist wirklich objektiv in der Begriffsfeststellung ein Unterschied gegenüber der sogenannten objektiven Feststellung durch das Thermometer? Denken Sie sich doch einmal: Sie tauchen statt des Fingers hier (siehe Zeichnung, rechts) das Thermometer ein und Sie tauchen es da (Mitte) ein, so werden Sie verschiedene Thermometerstände bekommen, je nachdem Sie hier oder da eintauchen. Wenn Sie die beiden Thermometer nehmen statt der beiden Finger, so wird auch die Quecksilbersäule andere Tatsachen vollziehen in dem einen und in dem anderen Thermometer. Sie werden hier (rechts) einen tieferen und hier (links) einen höheren Thermometerstand haben, der eine wird dann heraufgehen, der andere wird hinuntergehen. Sie sehen, die Thermometer machen nichts anderes, als was Ihre eigenen Empfindungen machen. Für die Feststellung eines Anschauungsbegriffes besteht kein Unterschied zwischen den beiden Thermometern und den Empfindungen Ihrer Finger. Da und dort wird genau dasselbe festgestellt, nämlich: Der Unterschied gegenüber dem früheren Stand. Und das, worauf es ankommt bei unserer Empfindung, das ist, daß wir nur in uns keinen Nullpunkt tragen. Würden wir einen Nullpunkt in uns tragen, würden wir also nicht bloß das, was unmittelbare Anschauung ist, konstatieren, sondern eine Vorrichtung in uns haben, die Temperatur, die wir subjektiv empfinden, auf einen Nullpunkt in uns selbst zu beziehen, dann würden wir durch das, was eigentlich nicht dazu gehört, was mit den Vorgängen nichts zu tun hat, dasselbe konstatieren können, was wir durch die Thermometer konstatieren können. Sie sehen also, für die Feststellung des Begriffs liegt ein Unterschied nicht vor.
[ 6 ] What does it actually mean when I say: If I have dipped my fingers here, on the right and left (see drawing on page 12), then when I dip both fingers into a container of liquid at a certain temperature, I experience different sensations; what does that mean? Is there really an objective difference in the definition of the concept compared to the so-called objective measurement by the thermometer? Just imagine: If, instead of your finger here (see drawing, right), you dip the thermometer in here and there (center), you’ll get different thermometer readings depending on whether you dip it here or there. If you use the two thermometers instead of the two fingers, the mercury column will also register different readings in one thermometer compared to the other. You’ll have a lower reading here (right) and a higher reading here (left); one will rise, the other will fall. You see, the thermometers do nothing different from what your own sensations do. When it comes to determining a concept of intuition, there is no difference between the two thermometers and the sensations in your fingers. Here and there, exactly the same thing is determined, namely: the difference from the previous reading. And what matters in our sensation is that we do not possess a zero point within ourselves. If we did possess a zero point within ourselves, we would not merely ascertain what constitutes immediate perception, but would have a mechanism within us to relate the temperature we subjectively perceive to a zero point within ourselves; then we would be able to ascertain—through something that does not actually belong to the matter at hand, something that has nothing to do with the processes—the very same thing that we can ascertain through thermometers. So you see, there is no difference when it comes to establishing the concept.
[ 7 ] Das ist dasjenige, was als Frage heute gestellt werden muß, wenn man überhaupt in der Wärmelehre auf klare Begriffe kommen will. Denn all diese Begriffe, die da existieren, sind im wesentlichen unklar. Aber glauben Sie nicht, daß das keine Folgen hat. Daß wir keinen Nullpunkt in uns feststellen können, hängt zusammen mit unserem ganzen Leben. Könnten wir einen Nullpunkt in uns feststellen, so würden wir einen ganz anderen Bewußtseinszustand, ein ganz anderes Seelenleben haben müssen. Gerade dadurch, daß sich dieser Nullpunkt bei uns verbirgt, gerade dadurch leben wir in unserem Leben.
[ 7 ] This is the question that must be asked today if we are to arrive at clear concepts in thermodynamics at all. For all these concepts that exist are, in essence, unclear. But do not think that this has no consequences. The fact that we cannot identify a zero point within ourselves is connected to our entire existence. If we could identify a zero point within ourselves, we would have to have an entirely different state of consciousness, an entirely different inner life. It is precisely because this zero point is hidden within us that we live our lives.
[ 8 ] Denn sehen Sie, vieles im Leben beruht ja darauf beim menschlichen Organismus —- und beim tierischen Organismus schließlich auch -, daß wir gewisse Prozesse in uns nicht wahrnehmen. Wenn Sie alles dasjenige in subjektiven Empfindungen erleben müßten, was in Ihrem Organismus vorgeht, denken Sie, was Sie da alles zu tun hätten. Denken Sie an den ganzen Verdauungsprozeß, wenn Sie den in allen Einzelheiten mitmachen müßten. Vieles von dem, was zu unseren Lebensbedingungen gehört, beruht gerade darauf, daß wir gewisse Dinge nicht in unserem Bewußtsein mitmachen, die sich in dem Organismus vollziehen. Dazu gehört einfach, daß wir keinen Nullpunkt bewußt in uns tragen, daß wir kein Thermometer sind. So daß eine solche Unterscheidung des Objektiven und Subjektiven, wie sie gemacht wird, einfach für die weitergehenden Betrachtungen des Physikalischen nicht mehr ausreicht.
[ 8 ] You see, much of life depends on the fact—in the human organism, and ultimately in the animal organism as well—that we are not aware of certain processes taking place within us. If you had to experience everything that goes on in your organism as subjective sensations, just imagine how much you would have to deal with. Think of the entire digestive process—if you had to experience it in every detail. Much of what constitutes our living conditions depends precisely on the fact that we do not consciously experience certain things taking place within our organism. This simply means that we do not consciously carry a zero point within us; we are not thermometers. Thus, the distinction between the objective and the subjective, as it is currently made, is simply no longer sufficient for further considerations of the physical world.


[ 9 ] Das ist dasjenige, was eigentlich im Grunde genommen eine Frage ist, die locker ist in der menschlichen Betrachtungsweise seit dem alten Griechentum, die aber locker gelassen werden konnte, Nicht mehr locker bleiben kann sie für die Zukunft. Denn schon die alten Griechenphilosophen, Zeno vor allen Dingen - ich muß heute darauf aufmerksam machen, trotzdem es Ihnen pedantisch erscheinen wird -, sie haben auf gewisse Vorgänge im menschlichen Denken hingewiesen, die in einer eklatanten Weise in Widerspruch stehen mit dem, was äußere Wirklichkeit ist. Ich brauche nur an den Achillesschluß zu erinnern, auf den ich oftmals aufmerksam gemacht habe. Nehmen wir an, wir haben hier den Weg s, den der Achilles \((A)\) durchmacht, sagen wir in einer bestimmten Zeit. So schnell kann er laufen. Und hier haben wir die Schildkröte \((S)\). Die hat den Vorsprung \((AS)\). Achilles läuft der Schildkröte nach. Nehmen wir den Moment, da Achilles hier in S ankommt. Die Schildkröte läuft weiter. Der Achilles muß ihr nachlaufen. In der Zeit, in der er diese Strecke \((A S)\) durchläuft, ist die Schildkröte hier angekommen (in 1), und in der Zeit, in der er diesen nächsten Raum \((S 1)\) durchläuft, ist sie hier angekommen (in 2). Und so läuft immer die Schildkröte ein kleines Stückchen vorwärts. Der Achilles muß erst hinter ihr her laufen, was sie schon durchlaufen hat. Und Achilles kann der Schildkröte nie nachkommen.
[ 9 ] This is essentially a question that has long been an open one in human thought since ancient Greece, but one that could be left open—it can no longer remain open in the future. For even the ancient Greek philosophers—Zeno above all—I must point this out today, even though it may seem pedantic to you—they drew attention to certain processes in human thought that stand in stark contradiction to external reality. I need only recall the Achilles paradox, which I have often brought to your attention. Let’s assume we have here the distance \(s\) that Achilles \((A)\) travels, say, in a certain amount of time. That’s how fast he can run. And here we have the tortoise \((S)\). It has a head start of \((AS)\). Achilles runs after the tortoise. Let’s take the moment when Achilles arrives here at \(S\). The tortoise keeps running. Achilles has to chase after her. By the time he covers this distance \((A S)\), the tortoise has already arrived here (at 1), and by the time he covers this next distance \((S 1)\), she has already arrived here (at 2). And so the tortoise always moves a little bit forward. Achilles must first run after her to catch up to the distance she has already covered. And Achilles can never catch up to the tortoise.
[ 10 ] Dieses wird gewöhnlich nun von den Menschen so behandelt, wie ganz gewiß manche Gemüter auch derer, die jetzt hier sitzen, die Sache behandeln. Ich sehe es Ihnen an. Sie denken: Das weiß ich ja ganz genau, der Achilles hat ganz natürlich die Schildkröte bald eingeholt, und die Sache ist einfach dumm, wenn man die Schlußfolgerung macht: Der Achilles muß immer das frühere Stück durchlaufen, die Schildkröte ist voraus, er kommt nie nach. Es ist einfach dumm - sagen die Leute. Das geht aber nicht, daß man so sagt, denn die Schlußfolgerung ist absolut zwingend und bindend, es läßt sich dagegen nichts sagen. Und es ist nicht etwa dumm, wenn dieser Schluß gemacht worden ist, sondern es ist ein außerordentlich — in der menschlichen Ratio — gescheiter Schluß, denn er ist absolut bindend, und man kommt nicht über ihn hinweg. Worauf beruht denn aber das Ganze? Solange Sie bloß denken, können Sie nicht anders denken, als dieser Schluß besagt. Aber Sie denken nicht so, weil Sie einfach die Wirklichkeit anschauen und wissen: Der Achilles kommt der Schildkröte selbstverständlich bald nach. Und da verwuseln Sie das Denken mit der Wirklichkeit, lassen sich auf das Denken nicht mehr ein. Den Menschen ist es ja nicht darum zu tun, sich auf das Denken einzulassen, und dann sagen sie: Der, der so denkt, ist einfach dumm. — Durch das Denken kriegt man nichts anderes heraus, als daß der Achilles der Schildkröte nicht nachkommt. Worauf beruht das aber? Das beruht darauf, daß, wenn wir unser Denken gerade konsequent auf die Wirklichkeit anwenden, dann das, was wir konstatieren, falsch wird gegenüber den Tatsachen der Wirklichkeit. Es muß falsch werden. Sobald wir unser rationalistisches Denken auf die Wirklichkeit anwenden, hilft uns nichts darüber hinweg, daß wir falsch sogenannte «Wahrheiten» konstatieren. Denn wir müssen einfach schließen, daß, wenn der Achilles der Schildkröte nachläuft, er jeden Punkt zu durchmessen hat, den die Schildkröte auch durchgemacht hat. Das ist ideell durchaus richtig. In Wirklichkeit aber macht er das nicht, er berührt nicht die Punkte. Seine Beine schreiten weiter aus als die der Schildkröte. Er macht das nicht durch, was die Schildkröte durchmacht. Wir müssen uns also anschauen, was der Achilles tut. Wir können uns nicht darauf einlassen, bloß darüber zu denken. Dann kommen wir zu anderen Resultaten. Diese Dinge berühren das Gewissen der Menschen manchmal recht wenig, in Wahrheit aber sind sie außerordentlich bedeutsam. Und gerade heute, in der gegenwärtigen Zeit wissenschaftlicher Entwickelung, sind sie von der allergrößten Bedeutung. Dann erst, wenn wir einsehen, wieviel Wirklichkeit in unserem Denken über die Naturerscheinungen ist, wenn wir übergehen von den Anschauungen zu der sogenannten Erklärung, dann kommen wir mit den Dingen zurecht.
[ 10 ] People generally treat this story the same way that, no doubt, some of you sitting here today would approach the matter. I can tell by the look on your faces. You’re thinking: I know this very well—Achilles naturally caught up with the tortoise in no time, and it’s simply silly to draw the conclusion that Achilles must always cover the same distance first, that the tortoise is ahead, and that he’ll never catch up. “It’s just silly,” people say. But you can’t say that, because the conclusion is absolutely compelling and binding; there’s no arguing against it. And it’s not at all silly that this conclusion has been drawn; rather, it’s an extraordinarily—in terms of human reason—clever conclusion, because it’s absolutely binding, and there’s no getting around it. But what is the whole thing based on? As long as you’re merely thinking, you can’t think any differently than this conclusion dictates. But you do not think that way, because you simply look at reality and know: Achilles will, of course, soon catch up to the tortoise. And there you confuse thinking with reality; you no longer engage with thinking. People are not concerned with engaging with thinking, and so they say: Anyone who thinks that way is simply stupid. — Through reasoning, one can arrive at nothing other than the conclusion that Achilles does not catch up to the tortoise. But on what does this rest? It rests on the fact that, when we apply our reasoning consistently to reality, what we conclude turns out to be false in light of the facts of reality. It must be wrong. As soon as we apply our rationalistic thinking to reality, nothing can prevent us from establishing so-called “truths” that are false. For we must simply conclude that, if Achilles chases after the tortoise, he must traverse every point that the tortoise has also traversed. That is, in theory, entirely correct. In reality, however, he does not do this; he does not pass through those points. His strides are longer than those of the tortoise. He does not go through what the tortoise goes through. We must therefore observe what Achilles actually does. We cannot content ourselves with merely thinking about it. Then we arrive at different conclusions. These things sometimes have very little impact on people’s consciences, but in truth they are extraordinarily significant. And especially today, in the current era of scientific development, they are of the utmost importance. Only when we realize how much reality there is in our thinking about natural phenomena, when we move from observations to so-called explanations, do we come to terms with these things.


[ 11 ] Nicht wahr, das Anschauliche, das ist etwas, was einfach beschrieben zu werden braucht. Daß ich folgendes machen kann, das braucht einfach beschrieben zu werden: Hier habe ich eine Kugel. Wenn ich sie durch dieses Loch werfe, geht sie durch. Das ist jetzt die Anschauung. Wir wollen jetzt einfach diese Kugel etwas erwärmen. Sie sehen, ich kann die Kugel jetzt auf das Loch legen, sie geht zunächst nicht durch. Sie wird erst wiederum durchfallen, wenn sie genügend abgekühlt ist. In dem Augenblick, wo ich sie abkühle, indem ich Wasser darauf gieße, geht sie wieder durch. Das ist die Anschauung. Das ist dasjenige, was ich einfach zu beschreiben brauche. Nehmen wir aber ar, ich fange jetzt an zu theoretisieren. Ich will es zunächst ganz roh machen, es handelt sich ja um eine Einleitung: Das wäre also die Kugel, die Kugel bestünde aus einer gewissen Anzahl von kleinen Teilen, von Molekülen, Atomen — wie Sie wollen. Das ist etwas, was nicht mehr Anschauung ist, was ich dazutheoretisiere. In diesem Augenblick bin ich verlassen von der Anschauung. Und in diesem Augenblick bin ich in einer außerordentlich tragischen Rolle. Die Tragik empfinden nur diejenigen, die auf solche Dinge eingehen können. Denn wenn Sie untersuchen, ob Achilles die Schildkröte erreichen kann oder nicht, so können Sie anfangen zu denken: Der Achilles muß den Weg der Schildkröte durchmessen, also wird er sie nie einholen. Das kann man strikte beweisen. Nun machen Sie das Experiment. Sie setzen die Schildkröte hin und den Achilles oder jemand anderen, auch wenn er nicht so schnell läuft wie Achilles. Sie können jederzeit beweisen, daß die Anschauung Ihnen das Gegenteil von dem liefert, was Ihnen die Schlußfolgerung liefert. Sie werden sehr bald die Schildkröte einholen.
[ 11 ] Isn't it true that a visual example is something that simply needs to be described? The fact that I can do the following simply needs to be described: Here I have a ball. If I throw it through this hole, it goes through. That is the visual example. Now let’s just warm up this ball a little. As you can see, I can now place the ball on the hole, but at first it doesn’t go through. It will only fall through again once it has cooled down sufficiently. The moment I cool it down by pouring water on it, it goes through again. That is the illustration. That is what I simply need to describe. But let’s say—I’m now beginning to theorize. I’ll start off very roughly, since this is just an introduction: So this would be the sphere; the sphere would consist of a certain number of small parts—molecules, atoms—whatever you like. This is something that is no longer a visual example; it’s something I’m theorizing about. At this moment, I’ve moved beyond the visual example. And at that moment, I find myself in an extraordinarily tragic position. Only those who can engage with such matters can sense the tragedy. For if you examine whether Achilles can catch up to the tortoise or not, you might begin to think: Achilles must traverse the tortoise’s path, so he will never catch up to it. This can be strictly proven. Now try the experiment. Set the tortoise down and place Achilles—or someone else, even if they don’t run as fast as Achilles—next to it. You can prove at any time that what you see tells you the opposite of what the logical conclusion suggests. You will catch up to the tortoise very soon.
[ 12 ] Wenn Sie aber nun über die Kugel theoretisieren wollen, wie ihre Atome und Moleküle angeordnet sind, wo Sie auch die Anschauung verläßt, da können Sie nicht hineinschauen und nachsehen, da werden Sie nur theoretisieren können, und das ist auf diesem Gebiet nicht besser als das, was Sie gegenüber dem Wegstück, das von Achilles nicht durchmessen ist, anführen. Das heißt: Sie tragen die ganze Unvollkommenheit Ihrer Ratio hinein in Ihr Nachdenken über dasjenige, was nicht mehr anschaulich ist. Das ist das Tragische. Wir bauen und bauen Erklärungen auf, indem wir das Anschauliche verlassen, und glauben es dadurch gerade erklären zu können, daß wir Hypothesen und Theorien aufstellen. Und die Folge davon ist, daß wir dann genötigt sind, unserem bloßen Denken zu folgen, daß dieses Denken uns aber in dem Augenblick verläßt, wo wir über die Anschauung hinauskommen. Es stimmt nicht mehr mit der Anschauung überein.
[ 12 ] But if you now want to theorize about the sphere—how its atoms and molecules are arranged—and in doing so you abandon the intuitive image, you cannot look inside and verify it; you will only be able to theorize, and in this field that is no better than the argument you put forward regarding the stretch of road that Achilles could not traverse. In other words: You carry the full imperfection of your reason into your reflections on that which is no longer intuitive. That is the tragedy. We construct explanation after explanation by abandoning the intuitive, and believe we can explain it precisely by formulating hypotheses and theories. And the consequence of this is that we are then compelled to follow our mere thinking—but this thinking abandons us the moment we go beyond intuition. It no longer corresponds to intuition.
[ 13 ] Auf diesen Unterschied habe ich schon im vorigen Kursus hingewiesen, indem ich die scharfe Grenze gesetzt habe zwischen dem Phoronomischen und dem Mechanischen. Die Phoronomie beschreibt bloß Bewegungsvorgänge oder Gleichgewichtsvorgänge, aber sie beschränkt sich darauf, das Anschauliche zu konstatieren. In dem Augenblick, wo Sie von der Phoronomie zur Mechanik übergehen, wo der Kraft- und Massebegriff einzuführen ist, in dem Augenblick können wir nicht ausreichen mit dem bloßen Denken, sondern wir beginnen einfach abzulesen von dem Anschaulichen, was vorgeht. Wir können in den einfachsten physikalischen Vorgängen, in denen die Masse eine Rolle spielt, mit dem bloßen Denken nichts mehr anfangen. Und diejenigen Theorien, die im Laufe des 19. Jahrhunderts aufgebaut worden sind, trotzdem sie sich —- das macht nichts aus — für eingeschränkte Gebiete als praktisch erwiesen haben, sind so entstanden, daß eigentlich, um sie zu verifizieren, notwendig wäre, bis in die Moleküle und Atome hinein Experimente zu machen. Das gilt in bezug auf das Kleine, das gilt aber auch in bezug auf das Große. Sie erinnern sich, daß ich in meinen Vorträgen oftmals aufmerksam gemacht habe auf etwas, das uns jetzt mit einem ganz wissenschaftlichen Charakter in diesen Betrachtungen entgegentreten wird. Ich habe oftmals gesagt: Aus dem, was der Physiker heute über Wärmeverhältnisse und auch über einige andere Dinge, die damit verknüpft sind, heraustheoretisiert, macht er sich gewisse Vorstellungen über die Sonne. Er beschreibt mit einem gewissen Anspruch darauf, daß die Sache stimme, wie die physikalischen Verhältnisse, wie er sagt, auf der Sonne sind. Nun habe ich immer gesagt: Die Physiker würden außerordentlich erstaunt sein, wenn sie das Experiment ausführen könnten, wirklich zur Sonne hinauf zu kutschieren und sähen, wie nichts von dem, was sie aus irdischen Verhäitnissen heraus rechnen oder theoretisieren, mit den Wirklichkeiten der Sonne übereinstimmt. Heute haben die Sachen tatsächlich schon eine ganz bestimmte praktische Bedeutung, namentlich gegenüber der wissenschaftlichen Zeitentwickelung. Erst in diesen Tagen ging ja die Nachricht durch die Welt, daß mit großen Mühen die Ergebnisse englischer Forschungen über die Ablenkung des Sternenlichtes im Weltenraum auch in Berlin vor einer Gelehrtengesellschaft vorgeführt werden konnten. Da wurde mit Recht auf folgendes hingewiesen. Es wurde gesagt: Ja, die Forschungen von Einstein und anderen über die Relativitätstheorie haben eine gewisse Bestätigung erfahren, aber etwas Endgültiges würde man erst sagen können, wenn man soweit wäre, daß man spektralanalytisch untersuchen könnte, wie es sich eigentlich mit dem Sonnenlicht letztlich, namentlich bei Gelegenheit der Sonnenfinsternis, verhält. Da würde man nämlich etwas sehen, was heute noch nicht mit den gangbaren physikalischen Instrumenten konstatierbar ist. - Das war die Nachricht, die sich anknüpfte an die letzte Sitzung der Berliner Physikalischen Gesellschaft. Das ist außerordentlich interessant. Denn es muß natürlich der nächste Schritt der sein, nach einer Möglichkeit zu suchen, wirklich spektralanalytisch das Sonnenlicht zu untersuchen. Der Weg muß der nach Meßinstrumenten sein, die heute noch nicht da sind. Dann wird man gewisse Dinge, die heute aus geisteswissenschaftlichen Grundlagen heraus schon gewonnen werden können, einfach nachträglich bestätigen können, wie das ja bei vielen Dingen der Fall war, die im Laufe der Jahre entstanden sind, die auch, wie Sie wissen, durch physikalische Experimente in der letzten Zeit herausgekommen sind. Dann wird man einsehen lernen, daß es einfach unmöglich ist, dasjenige, was man imstande ist herauszurechnen aus den Beobachtungen namentlich der Wärmeerscheinungen in der irdischen Sphäre, auf die Verhältnisse des Weltraumes, auf die Sonnenverhältnisse zu übertragen und sich vorzustellen, daß die Sonnenkorona und dergleichen entsteht aus Antezedenzien heraus, die entnommen sind der Betrachtung der irdischen Verhältnisse. Gerade wie uns unser Denken irreführt, wenn wir das Anschauliche verlassen und in die Welt der Moleküle und Atome hineintheoretisieren, so führt es uns auch irre, wenn wir ins Makrokosmische hinausgehen und das, was wir durch Anschauung in irdischen Verhältnissen festsetzen, auf so etwas wie die Sonne übertragen. Da glaubt man, daß man in der Sonne etwas wie eine Art glühenden Gasballes habe. Von einem glühenden Gasball kann nicht die Rede sein bei der Sonne. Man hat etwas ganz anderes in der Sonne vorliegend. Denken Sie sich einmal: Wir haben irdische Materie. Jede irdische Materie hat einen bestimmten Intensitätsgrad ihres Wirkens, ob man den auf diese oder jene Weise mißt, auf Dichtigkeit oder dergleichen, darauf kommt es nicht an. Sie hat eine gewisse Intensität des Wirkens. Diese kann auch zu Null werden, das heißt, wir können dem scheinbar leeren Raum gegenüberstehen. Aber damit hat es nicht seinen Schluß, ebensowenig wie es einen Schluß hat — nun, schauen wir einmal auf das Folgende; denken Sie sich, Sie sagen: Ich habe einen Sohn. Der Kerl ist eigentlich ein leichtsinniges Tuch. Ich habe ihm ja ein kleines Vermögen übergeben, aber nun hat er angefangen, es auszugeben. Mehr als bis Null kann er nicht heruntergehen. Er kann einmal nichts mehr haben, damit tröste ich mich, er kommt eben einmal bei Null an. — Ja, aber nachher kann ich eigentlich eine Enttäuschung erleben: Der Kerl fängt an, Schulden zu machen. Dann bleibt er nicht bei Null stehen, dann wird die Geschichte noch schlimmer als Null. Und das kann eine sehr reale Bedeutung haben. Denn als Vater werde ich eigentlich weniger haben, wenn der Kerl Schulden macht, als wenn er bei Null stehen bleibt.
[ 13 ] I already pointed out this distinction in the previous course by drawing a sharp line between kinematics and mechanics. Kinematics merely describes processes of motion or equilibrium, but it limits itself to stating what is immediately apparent. The moment you move from phoronomy to mechanics—the moment the concepts of force and mass must be introduced—we can no longer rely on mere thought alone; instead, we simply begin to deduce from what is observable. In the simplest physical processes in which mass plays a role, mere thought is no longer sufficient. And those theories that were developed in the course of the 19th century—even though they have proven practical for limited areas, which is beside the point—arose in such a way that, in order to verify them, it would actually be necessary to conduct experiments down to the level of molecules and atoms. This applies to the small scale, but it also applies to the large scale. You will recall that in my lectures I have often drawn attention to something that will now confront us in these considerations with a thoroughly scientific character. I have often said: Based on what physicists today theorize about thermal conditions and also about certain other things connected with them, they form certain mental images of the Sun. They describe—with a certain claim to accuracy—what the physical conditions, as they say, are like on the Sun. Now, I have always said: Physicists would be extraordinarily astonished if they could carry out the experiment of actually traveling up to the Sun and saw how none of what they calculate or theorize based on earthly conditions corresponds to the realities of the Sun. Today, these matters actually already have a very specific practical significance, particularly in light of current scientific developments. Just a few days ago, news spread around the world that, after great effort, the results of British research on the deflection of starlight in outer space were also presented in Berlin before a scholarly society. The following point was rightly raised there. It was said: Yes, the research by Einstein and others on the theory of relativity has received a certain degree of confirmation, but one could only speak definitively once we were able to conduct spectral analysis to determine how sunlight actually behaves, particularly during a solar eclipse. For then one would see something that cannot yet be observed with current physical instruments. — That was the news following the last meeting of the Berlin Physical Society. This is extraordinarily interesting. For the next step must, of course, be to seek a way to truly examine sunlight using spectral analysis. The path must lie in developing measuring instruments that do not yet exist. Then one will simply be able to confirm retrospectively certain things that can already be derived today from the principles of the Spiritual Science—as has indeed been the case with many discoveries that have emerged over the years and which, as you know, have also recently been confirmed by physical experiments. Then we will come to realize that it is simply impossible to take what we are able to calculate from observations—namely, of thermal phenomena in the earthly sphere— to the conditions of outer space or to the conditions of the Sun, and to create a mental image of the solar corona and the like, which arise from premises derived from the observation of terrestrial conditions. Just as our thinking misleads us when we abandon the concrete and delve into the world of molecules and atoms through theory, so too does it mislead us when we venture into the macrocosm and apply what we have established through observation in terrestrial conditions to something like the Sun. There, one believes that the Sun is something like a glowing ball of gas. There can be no question of a glowing ball of gas when it comes to the sun. What we have in the sun is something entirely different. Just imagine: We have earthly matter. Every form of earthly matter has a certain degree of intensity in its activity; whether this is measured in one way or another—by density or the like—is irrelevant. It possesses a certain intensity of action. This intensity can also drop to zero—that is, we can be faced with seemingly empty space. But that is not the end of the matter, any more than it is the end—well, let’s look at the following: Imagine you say, “I have a son.” The guy is actually a reckless spendthrift. I did give him a small fortune, but now he’s started spending it. He can’t go any lower than zero. He might end up with nothing—that’s how I console myself—he’ll just hit zero at some point. —Yes, but afterward I might actually experience a disappointment: the guy starts running up debts. Then he won’t stop at zero; then the situation will get even worse than zero. And that can have very real consequences. Because as a father, I’ll actually have less if the guy goes into debt than if he just stays at zero.
[ 14 ] Sehen Sie, dieselbe Betrachtungsweise liegt zugrunde gegenüber den Sonnenverhältnissen. Man geht nicht einmal zur Null, sondern nur bis zur größtmöglichen Verdünnung; man spricht von dünnem, glühendem Gas. Aber man müßte erst bis Null gehen und dann darüber hinaus. Denn das, was man in der Sonne finden würde, wäre überhaupt nicht vergleichbar mit unserem Materiellen, wäre auch nicht vergleichbar mit unserem leeren Raum, der der Null entspricht, sondern es geht darüber hinaus. Es ist in einem Zustand negativer materieller Intensität. Da, wo die Sonne ist, würde man ein Loch finden, in den leeren Raum hineingehend. Es ist weniger als leerer Raum da. So daß alle Wirkungen, die auf der Sonne zu beobachten sind, als Saugwirkungen betrachtet werden müssen, nicht als Druckwirkungen oder dergleichen. Die Sonnenkorona darf also nicht so betrachtet werden, wie heute der Physiker sie betrachtet, sondern sie muß so betrachtet werden, daß man das Bewußtsein hat, es geschieht nicht dasjenige, als was es sich darstellt, etwa Druckwirkungen mit dem Index nach außen, sondern es liegen Saugwirkungen von dem Loch im Raum, von der Negation der Materie vor. Da verläßt uns die Ratio. Da verläßt uns unser Denken gegenüber dem Makrokosmischen, wie es uns verläßt gegenüber dem Mikrokosmischen. In dem Falle, den ich angedeutet habe, können wir nur theoretisieren über das Atomistische.
[ 14 ] You see, the same line of reasoning applies to the conditions of the Sun. One does not even go down to zero, but only as far as the greatest possible dilution; one speaks of a thin, incandescent gas. But one would first have to go down to zero and then beyond. For what one would find in the sun would not be comparable at all to our material world, nor would it be comparable to our empty space, which corresponds to zero—rather, it goes beyond that. It is in a state of negative material intensity. Where the Sun is, one would find a hole leading into empty space. There is less than empty space there. Thus, all effects observable on the Sun must be regarded as suction effects, not as pressure effects or the like. The solar corona, therefore, must not be viewed as physicists view it today, but must be viewed with the awareness that what is happening is not what it appears to be—such as pressure effects directed outward—but rather suction effects emanating from the hole in space, from the negation of matter. Here, reason abandons us. Here, our thinking fails us in relation to the macrocosmic, just as it fails us in relation to the microcosmic. In the case I have indicated, we can only theorize about the atomistic.
[ 15 ] Wir erleben, indem wir subjektiv die Wärmezustände unserer Umgebung beurteilen, gar nicht wirkliche Wärmezustände, sondern wir erleben Differenzen. Das Thermometer zeigt auch Differenzen, es ist kein Unterschied. Wir erleben die Differenzen zwischen unserem eigenen Wärmezustand und demjenigen, in den wir hineinkommen. Den Tatsachen nach tut das auch das Thermometer. Nur haben wir durch Dinge, die nichts mit diesen vorliegenden Tatsachen zu tun haben, durch die Feststellung eines Nullpunktes, die Sache kaschiert. Hier liegt etwas vor, was außerordentlich wichtig ist zu berücksichtigen. Wenn wir unsere Aufmerksamkeit den Lichterscheinungen zuwenden, so liegt die Sache so, daß wir die Lichterscheinungen im wesentlichen verfolgen mit einem Organ, das sehr stark isoliert ist in unserem Organismus. Ich habe das im vorigen Kursus charakterisiert. Dadurch beobachten wir eigentlich niemals Licht — Licht ist Abstraktion —, sondern wir beobachten Farbenerscheinungen. Wenn wir Wärme beobachten, subjektiv, so ist dasjenige, was Empfindungsorgan bei uns ist, was Auffassungsorgan ist, unser ganzer Organismus. Unser ganzer Organismus entspricht da unserem Auge. Er ist nicht ein isoliertes Organ. Wir setzen uns als Ganzes dem Wärmezustand aus. Indem wir mit einem Glied, zum Beispiel mit einem Finger, uns der Wärme aussetzen, ist das nichts anderes als wie ein Teil des Auges gegenüber dem ganzen Auge. Während also das Auge ein isoliertes Organ ist und dadurch sich für uns die Welt des Lichtes in den Farben verobjektiviert, ist bei der Wärme ein solches nicht der Fall. Wir sind gleichsam ganz Wärmeorgan. Aber dadurch tritt uns auch nicht so isoliert von draußen entgegen dasjenige, was die Wärme macht, wie uns isoliert entgegentritt dasjenige, was das Licht macht. Unser Auge ist objektiviert in unserem Organismus. Was die Wärme Analoges macht — weil wir es selbst sind, können wir es nicht erleben. Denken Sie einmal, Sie würden mit dem Auge keine Farben sehen, sondern nur Helligkeit unterscheiden, und die Farben als solche würden ganz subjektiv bleiben, bloß Gefühle bleiben: Sie würden niemals Farben sehen. Sie würden von Hell-Dunkel reden, aber die Farben würden nichts in Ihnen bewirken. So ist es bei der Wahrnehmung der Wärme. Jene Differenzierungen, die Sie beim Licht wegen der Isolierung des Auges wahrnehmen, die nehmen Sie in der Welt der Wärme nicht mehr wahr. Die leben aber in Ihnen. Wenn Sie also von Blau und Rot sprechen bei der Farbe, so haben Sie dieses Blau und Rot außen. Wenn Sie von dem Analogen bei der Wärme sprechen, so haben Sie, weil Sie das Wärmeorgan selbst sind, das, was analog bei der Wärme blau und rot wäre, in sich, Sie sind es selbst. Daher sprechen Sie nicht davon. Und das macht, daß für die Betrachtung des objektiven Wärmewesens eine ganz andere Methode notwendig ist als für die Betrachtung des objektiven Lichtwesens. Und nichts hat, ich möchte sagen, so verführend in der Betrachtungsweise des 19. Jahrhunderts gewirkt, als überall schematisch zu vereinheitlichen. Sie finden überall in den Physiologien eine «Sinnesphysiologie». Als ob es so etwas überhaupt gäbe! Als ob es etwas gäbe, wo man einheitlich sagen kann, es gilt für das Ohr wie für das Auge oder gar für den Gefühls- oder Wärmesinn. Es ist ein Unding, von einer Sinnesphysiologie zu sprechen und zu sagen, eine Sinneswahrnehmung ist dies oder jenes. Man kann nur sprechen von der isolierten Wahrnehmung des Auges, von der isolierten Wahrnehmung des Ohres, von der isolierten Wahrnehmung unseres Organismus als Wärmeorgan und so weiter. Das sind ganz verschiedene Dinge, und man kann nur wesenlose Abstraktionen aufstellen, wenn man von einem einheitlichen Sinnesvorgang spricht. Aber Sie finden heute überall die Neigung dazu, diese Dinge zu vereinheitlichen. Und so kommen dann Schlüsse zustande, die eigentlich, wären sie nicht so schädlich für unser ganzes Leben, im Grunde genommen humoristisch wären. Wenn einer sagt: Da ist ein Bub, ein anderer Bub hat ihn durchgeprügelt. —- Und daneben wird behauptet: Gestern hat er Schläge bekommen von seinem Lehrer, der Lehrer hat ihn durchgeprügelt. Ich habe in beiden Fällen das Prügeln beobachtet. Es ist kein Unterschied. Ich schließe daraus, daß der Lehrer von gestern und der böse Bub, der heute die Prügel austeilte, von derselben inneren Wesenheit sind. — Das wäre ein Unding, nicht wahr, das wäre ganz unmöglich. Aber man macht folgendes Experiment. Man weiß, daß, wenn man Lichtstrahlen in einer gewissen Weise auf einen Hohlspiegel fallen läßt, sie parallel gehen; wenn man sie durch einen weiteren Hohlspiegel auffangen läßt, sie sich im Brennpunkt vereinigen und Lichterscheinungen hervorrufen. Man macht dasselbe mit den sogenannten Wärmestrahlen. Man kann wiederum konstatieren: Man läßt die Strahlen durch Hohlspiegel auffangen, sich im Brennpunkt vereinigen — man kann es mit dem Thermometer konstatieren, daß da eine Art Wärmebrennpunkt entsteht. Das sei dieselbe Geschichte wie beim Licht, also beruhe das Licht und die Wärme auf ein und demselben. Die Prügel von gestern und die Prügel von heute beruhen auf ein und demselben. Wenn man im Leben eine solche Schlußfolgerung ausführen würde, würde man ein Tor sein. Wenn man sie in der Wissenschaft ausführt, wie es heute überall gemacht wird, ist man kein Tor, sondern oftmals eine tonangebende Persönlichkeit.
[ 15 ] When we subjectively assess the thermal states of our surroundings, we do not actually experience real thermal states, but rather differences. The thermometer also shows differences; there is no difference. We experience the differences between our own state of warmth and the one we enter. In fact, the thermometer does the same thing. It’s just that we have obscured the matter through factors that have nothing to do with these actual facts—namely, by establishing a zero point. This is something that is extremely important to take into account. When we turn our attention to light phenomena, the situation is such that we essentially perceive these phenomena with an organ that is highly isolated within our organism. I described this in the previous course. As a result, we never actually observe light—light is an abstraction—but rather we observe color phenomena. When we observe heat subjectively, the organ of sensation, the organ of perception, is our entire organism. Our entire organism corresponds here to our eye. It is not an isolated organ. We expose ourselves as a whole to the state of warmth. When we expose ourselves to warmth with a limb—for example, with a finger—this is no different from a part of the eye in relation to the whole eye. So while the eye is an isolated organ and, as a result, the world of light is objectified for us in colors, this is not the case with warmth. We are, as it were, entirely a thermal organ. But as a result, what constitutes heat does not confront us from the outside in such an isolated way as what constitutes light does. Our eye is objectified within our organism. What constitutes the thermal equivalent—because we are that very thing ourselves—we cannot experience. Just imagine that you could not see colors with your eyes, but could only distinguish brightness, and that colors as such would remain entirely subjective, mere feelings: you would never see colors. You would speak of light and dark, but colors would have no effect on you. It is the same with the perception of heat. Those distinctions that you perceive in light because of the isolation of the eye—you no longer perceive them in the world of heat. Yet they live within you. So when you speak of blue and red in relation to color, you have this blue and red outside of yourself. When you speak of the analogous in heat, because you are the heat-perceiving organ itself, you have within yourself what would be analogous to blue and red in heat—you are that very thing. That is why you do not speak of it. And this means that a completely different method is necessary for the study of the objective nature of heat than for the study of the objective nature of light. And nothing, I would say, has been as seductive in the 19th-century approach to observation as the tendency to standardize everything schematically. You find a “physiology of the senses” everywhere in works on physiology. As if such a thing even existed! As if there were anything about which one could say uniformly, “This applies to the ear as well as to the eye,” or even to the sense of touch or the sense of warmth. It is absurd to speak of a “physiology of the senses” and to say that a sensory perception is this or that. One can only speak of the isolated perception of the eye, of the isolated perception of the ear, of the isolated perception of our organism as a thermal organ, and so on. These are entirely different things, and one can only come up with insubstantial abstractions when speaking of a uniform sensory process. But today you find everywhere a tendency to unify these things. And so conclusions arise that, were they not so harmful to our entire lives, would actually be humorous. When someone says: There’s a boy; another boy beat him up. —- And alongside that, it’s claimed: “Yesterday he was beaten by his teacher; the teacher beat him up.” I observed the beating in both cases. There’s no difference. I conclude from this that the teacher from yesterday and the naughty boy who dished out the beating today are of the same inner essence. — That would be absurd, wouldn’t it? It would be completely impossible. But one can conduct the following experiment. We know that when light rays are directed in a certain way onto a concave mirror, they travel parallel; when they are collected by another concave mirror, they converge at the focal point and produce light phenomena. One does the same with so-called heat rays. Once again, one can observe: When the rays are made to converge at the focal point via concave mirrors—one can verify with a thermometer that a kind of thermal focal point is created. This is the same phenomenon as with light; therefore, light and heat are based on one and the same principle. The beatings of yesterday and the beatings of today are based on one and the same thing. If one were to draw such a conclusion in life, one would be a fool. If one draws it in science, as is done everywhere today, one is not a fool, but often a leading figure.
[ 16 ] Dennoch, es kommt heute darauf an, nach klaren, durchschaubaren Begriffen zu streben, und ohne diese klaren, durchschaubaren Begriffe kommen wir nicht weiter. Sonst wird niemals durch eine physikalische Weltanschauung eine Grundlage geschaffen werden für eine universelle Weltanschauung, wenn man nicht gerade auf physikalischem Gebiet versucht, zu klaren, anschaulichen Begriffen vorzudringen. Sie wissen ja, und es ist auch durch meinen letzten Kursus hier klar geworden, bis zu einem gewissen Grade wenigstens klar geworden, daß auf dem Gebiete der Lichterscheinungen Goethe ein wenig Ordnung geschaffen hat, daß aber diese Dinge nicht anerkannt sind.
[ 16 ] Nevertheless, what matters today is striving for clear, transparent concepts, and without these clear, transparent concepts, we will not make any progress. Otherwise, a physical worldview will never lay the foundation for a universal worldview unless we make a concerted effort, particularly in the field of physics, to arrive at clear, vivid concepts. As you know—and as has also become clear from my last course here, at least to a certain extent—Goethe brought some order to the field of light phenomena, but these ideas have not been recognized.


[ 17 ] Auf dem Gebiet der Wärmeerscheinungen ist es nun ganz besonders schwierig, weil in der nachgoetheschen Zeit ja die Wärmeerscheinungen vollständig in das Chaos der theoretischen Anschauungen eingelaufen sind und im 19. Jahrhundert die sogenannte mechanische Wärmetheorie Unfug über Unfug gestiftet hat; auf der einen Seite dadurch, daß sie Anschauungsbegriffe geliefert hat auf einem Gebiet, wo die Anschauung nicht hinreicht, und für jeden, der glaubt, auch denken zu können, aber es in Wirklichkeit nicht kann, leicht erlangbare Begriffe geliefert hat. Es sind die Begriffe, durch die man sich vorgestellt hat: Ein Gas in einem allseitig geschlossenen Gefäß besteht aus Gasteilchen, aber diese Gasteilchen sind nicht in Ruhe, sondern sie sind in fortwährender Bewegung. Und natürlich, wenn diese Gasteilchen in fortwährender Bewegung sind, wird in den meisten Fällen, da die Gasteilchen klein sind und ihre Entfernungen verhältnismäßig groß vorgestellt werden, so ein Gasteilchen sich durchschlängeln, wird lange nicht auf ein anderes auftreffen, aber zuweilen dann doch. Es prallt dann zurück, und so stoßen sich dann da drinnen die Gasteilchen. Sie kommen in eine Bewegung. Sie bombardieren sich fortwährend gegenseitig. Da geben sie, wenn man die verschiedenen kleinen Stöße summiert, einen Druck auf die Wand. Anderseits hat man die Möglichkeit zu messen, wie hoch die Temperatur ist. Dann sagt man sich: Nun ja, da sind die Gasteilchen drinnen in einem bestimmten Bewegungszustand, sie bombardieren sich. Das Ganze ist in aufgeregter Bewegung. Das stößt sich gegenseitig und stößt auf die Wand. Erwärmt man, so kommen sie immer schneller und schneller in Bewegung, stoßen immer stärker und stärker an die Wand, und man hat die Möglichkeit, zu sagen: Was ist also Wärme? — Bewegung der kleinsten Teile. Es ist gewiß, daß heute unter der Macht der Tatsachen solche Vorstellungen schon etwas abgekommen sind, allein sie sind nur äußerlich abgekommen. Die ganze Denkweise ruht doch noch auf demselben Grunde. Man ist sehr stolz geworden auf diese sogenannte mechanische Wärmetheorie, denn sie soll ja außerordentlich viel erklären. Sie soll zum Beispiel erklären: Wenn ich einfach mit dem Finger über irgendeine Fläche streiche, so wird die Anstrengung, die ich anwende, die Arbeit, die Wucht verwandelt in Wärme. Ich kann zurückverwandeln Wärme in Arbeit, zum Beispiel bei der Dampfmaschine, wo ich durch die Wärme Vorwärtsbewegungen wahrnehmen kann. Und man hat sich die gangbare, höchst bequeme Vorstellung gebildet: Ja, wenn ich äußerlich das beobachte, was da im Raum geschieht, so sind es mechanische Vorgänge. Die Lokomotive und die Waggons bewegen sich vorwärts und so weiter. Wenn ich dann, sagen wir, durch irgend etwas Arbeit leiste und daraus Wärme entsteht, so ist eigentlich nichts anderes geschehen, als daß die äußerlich wahrnehmbare Bewegung sich verwandelt hat in die Bewegung der kleinsten Teilchen. Das ist eine bequeme Vorstellung. Man kann sagen: Alles in der Welt beruht auf Bewegung, und es verwandelt sich bloß die anschauliche Bewegung in die unanschauliche Bewegung. Diese wird dann als Wärme wahrgenommen. Aber die Wärme ist doch nichts anderes als Stoßen und Drängen der kleinen Gasrüpel, die sich stoßen, die an die Wand stoßen und so weiter. Es ist die Wärme allmählich verwandelt worden im Wesen in das, was jetzt geschehen würde, wenn diese ganze Korona plötzlich anfinge, sich gegenseitig in Bewegung zu setzen, wenn sie sich fortwährend stoßen würde, an die Wand stoßen würde und so weiter. Das ist die Clausiussche Vorstellung von dem, was in einem gasgefüllten Raum vorgeht. Das ist die Theorie, die herausgekommen ist dadurch, daß man den Achillesschluß angewendet hat auf Unanschauliches, und nicht bemerkt, wie man derselben Unmöglichkeit unterliegt, wie wenn man das Denken anwendet auf Achilles und die Schildkröte. Das heißt, es wird nicht so, wie man denkt. Im Inneren eines gaserfüllten Raumes geht es anders zu, als wir uns ausmalen, wenn wir die unanschaulichen Begriffe auf Anschauung übertragen.
[ 17 ] In the field of thermal phenomena, the situation is particularly difficult, because in the post-Goethean era, thermal phenomena have become completely entangled in the chaos of theoretical conceptions, and in the 19th century, the so-called mechanical theory of heat caused one absurdity after another; on the one hand, by providing intuitive concepts in a field where intuition falls short, and by offering concepts that are easily grasped by anyone who believes they can think but in reality cannot; These are the concepts through which one has created a mental image of the following: A gas in a vessel closed on all sides consists of gas particles, but these gas particles are not at rest; rather, they are in constant motion. And of course, if these gas particles are in constant motion—since the gas particles are small and the distances between them are represented as relatively large in the mental image—a single gas particle will weave its way through without colliding with another for a long time, though it will occasionally do so. It then bounces back, and thus the gas particles collide with one another inside the vessel. They begin to move. They are constantly bombarding one another. When you add up all these small impacts, they exert pressure on the wall. On the other hand, it is possible to measure how high the temperature is. Then one says to oneself: Well, the gas particles inside are in a certain state of motion; they are bombarding one another. The whole system is in a state of agitated motion. They collide with one another and with the wall. When you heat it, they move faster and faster, colliding with the wall with ever-greater force, and you can say: So what is heat? — The motion of the tiniest particles. It is certain that today, under the weight of the facts, such mental images have already fallen somewhat out of favor, but they have only fallen out of favor on the surface. The entire way of thinking still rests on the same foundation. People have become very proud of this so-called mechanical theory of heat, for it is supposed to explain an extraordinary amount. It is supposed to explain, for example: If I simply run my finger over any surface, the effort I exert—the work, the force—is converted into heat. I can convert heat back into work—for example, in a steam engine, where I can perceive forward motion as a result of the heat. And people have formed the common, highly convenient mental image: Yes, when I observe externally what is happening in space, these are mechanical processes. The locomotive and the railcars move forward, and so on. If I then, let’s say, perform work through some means and heat is generated as a result, nothing else has actually happened except that the outwardly perceptible motion has been transformed into the motion of the tiniest particles. That is a convenient mental image. One can say: Everything in the world is based on motion, and it is merely the visible motion that is transformed into invisible motion. This is then perceived as heat. But heat is nothing other than the collisions and jostling of the tiny gas particles—which collide with one another, collide with the wall, and so on. Heat has gradually been transformed, in essence, into what would now happen if this entire corona suddenly began to set itself in motion, if it were constantly colliding with one another, colliding with the wall, and so on. This is Clausius’s mental image of what takes place in a gas-filled space. This is the theory that emerged from applying the Achilles paradox to abstract concepts, without realizing that one is subject to the same impossibility as when applying the same line of reasoning to Achilles and the tortoise. In other words, things do not turn out the way one thinks they will. Inside a gas-filled space, things happen differently than we imagine when we transfer abstract concepts to concrete experience.
[ 18 ] Das wollte ich heute einleitungsweise sagen. Sie werden daraus ersehen, daß im Grunde genommen die ganze methodische Art der Betrachtung, die namentlich im Laufe des 19. Jahrhunderts sich herausgebildet hat, in ihren Grundfesten wankt. Denn es beruht ein großer Teil dieser Betrachtungsweise darauf, daß man einfach dasjenige, was man beobachtet als anschauliches Faktum, sich so vorstellt, daß man den Ausdruck, auch den rechnerischen Ausdruck des Anschauens, so überleitet, daß man Differentialvorstellungen daraus bekommt. Wenn man das, was man als konstatierbares Faktum hat gegenüber einem gasgefüllten Raume unter einem bestimmten Druck, rechnerisch ausdrückt, so kann man dadurch, daß man die Vorstellung zugrunde legt: Da geschehen die Bewegungen der kleinsten Teile, es in Differentialvorstellungen umwandeln und kann sich dann dem Glauben hingeben, daß, wenn man wiederum integriert, man etwas über die Realität herausbekomme. Man muß einsehen, daß, wenn man den Übergang vollzieht von gewöhnlichen rechnerischen Vorstellungen zu Differentialgleichungen, daß man diese Differentialgleichungen, ohne aus der Wirklichkeit vollständig herauszufallen, nicht wiederum in Integralrechnungen behandeln darf. Das liegt der Physik im 19. Jahrhundert zugrunde, daß man durch ein falsches Verständnis über die Beziehung der Integrale zu den Differentialen sich gegenüber der Wirklichkeit falschen Vorstellungen hingegeben hat. Man muß sich klar darüber sein: In gewissen Fällen darf man differenzieren, aber was die Differentialzustände ergibt, darf nicht gedacht werden, als ob es zurückintegriert werden könnte, denn da kommt man nicht in die Wirklichkeit hinein, sondern zu etwas Ideellem. Es ist gegenüber der Natur von großer Wichtigkeit, daß man das durchschaut.
[ 18 ] That is what I wanted to say by way of introduction today. You will see from this that, fundamentally, the entire methodological approach that emerged particularly during the 19th century is beginning to falter at its very foundations. For a large part of this approach rests on the fact that one simply conceives of what one observes as a concrete fact in such a way that one derives the expression—including the mathematical expression—of that observation, thereby arriving at differential mental images. If one expresses mathematically what one has as an observable fact—namely, a gas-filled space under a certain pressure—and does so by assuming that the movements of the smallest particles are taking place there, one can transform this into differential mental images and then indulge in the belief that, by integrating again, one will uncover something about reality. One must realize that, when making the transition from ordinary mental images to differential equations, one must not treat these differential equations using integral calculus—at least not without completely losing touch with reality. This is the basis of 19th-century physics: through a misunderstanding of the relationship between integrals and differentials, one has succumbed to false mental images of reality. One must be clear about this: In certain cases, one may differentiate, but what the differential forms yield must not be conceived as if it could be reintegrated, for then one does not arrive at reality but at something ideal. It is of great importance in relation to nature that one sees through this.
[ 19 ] Denn, sehen Sie, wenn ich einen bestimmten Verwandlungsvorgang ausführe, wenn ich sage, ich leiste Arbeit, bekomme Wärme, so kann ich aus dieser Wärme wiederum Arbeit bekommen, und wir werden sehen, in welchem Maße das innerhalb der unorganischen Natur gilt, gerade an den Wärmeerscheinungen. Aber ich kann nicht ohne weiteres einen organischen Prozeß umkehren. Auch große anorganische Prozesse kann ich nicht umkehren, zum Beispiel sind planetarische Prozesse nicht umkehrbar. Wir können uns nicht jenen Prozeß umgekehrt vorstellen, der verläuft von der Wurzelbildung einer Pflanze bis zur Blüte, bis zur Fruchtbildung. Der Prozeß verläuft vom Keime bis zur Fruchtbildung, er kann nicht zurückverlaufen wie ein Prozeß in der unorganischen Natur. In unsere Rechnungen fließt das nicht ein. Denn schon, wenn wir sogar im Unorganischen bleiben, gilt es für gewisse makrokosmische Prozesse nicht. Ich kann heute in keiner Rechnungsformel, wenn ich sie aufstellen könnte für das Wachstum einer Pflanze — sie würde aber sehr kompliziert ausfallen -, gewisse Werte negativ einsetzen; dies deckt sich nicht mit der Wirklichkeit. Die Gestaltung der Blüte aus der Gestaltung des Laubblattes könnte ich nicht negativ einsetzen. Ich würde nicht den Prozeß umkehren können. Ich kann auch gegenüber den größeren Erscheinungen der Welt den realen Prozeß nicht umkehren. Das berührt aber nicht die Rechnung. Wenn ich heute eine Mondfinsternis einzusetzen habe, kann ich einfach berechnen, wie eine Mondfinsternis vor unserer Zeitrechnung, zu Thales’ Zeiten war und so weiter, das heißt, ich kann in der Rechnung selbst durchaus den Prozeß umkehren, aber in der Wirklichkeit würde der Prozeß nicht umkehrbar sein. Wir können nicht vom gegenwärtigen Stadium der Weltentwickelung durch Umkehrung des Prozesses zu den früheren Stadien, zum Beispiel zu einer Mondfinsternis, die sich zu Thales’ Zeiten zugetragen hat, zurückschreiten. Eine Rechnung kann ich vorwärts und rückwärts behandeln, mit der Wirklichkeit deckt sich meist nicht, was ich mit der Rechnung erfasse. Diese Rechnung schwebt über der Wirklichkeit. Man muß sich klar darüber sein, inwiefern unsere Vorstellungen und Rechnungen nur Vorstellungsinhalte sind. Trotzdem sie umkehrbar sind, gibt es keine umkehrbaren Prozesse in der Wirklichkeit. Das ist wichtig, denn wir werden die ganze Wärmelehre auf Fragen dieser Art aufgebaut sehen: Inwiefern sind innerhalb des Gebietes der Wärmeverhältnisse Naturprozesse umkehrbar, und inwiefern sind sie es nicht?
[ 19 ] For, you see, when I carry out a certain transformation process—when I say that I perform work and obtain heat—I can in turn obtain work from that heat, and we will see to what extent this applies within inorganic nature, specifically in the phenomena of heat. But I cannot simply reverse an organic process. Nor can I reverse large inorganic processes; for example, planetary processes are irreversible. We cannot create a mental image of the reverse of the process that proceeds from the formation of a plant’s roots to flowering and fruit formation. The process proceeds from the seed to fruit formation; it cannot run in reverse like a process in the inorganic world. This does not factor into our calculations. For even if we remain within the inorganic realm, this does not apply to certain macrocosmic processes. Today, in no mathematical formula—even if I could devise one for the growth of a plant (though it would be very complicated)—could I assign certain values a negative sign; this does not correspond to reality. I could not assign a negative value to the development of the flower from the development of the leaf. I would not be able to reverse the process. Nor can I reverse the actual process when it comes to the larger phenomena of the world. But that does not affect the calculation. If I have to factor in a lunar eclipse today, I can simply calculate what a lunar eclipse was like before our era, in Thales’s time, and so on; that is, I can certainly reverse the process in the calculation itself, but in reality the process would not be reversible. We cannot regress from the present stage of world development to earlier stages—for example, to a lunar eclipse that occurred in Thales’s time—by reversing the process. I can work through a calculation both forward and backward, but what I capture through the calculation usually does not correspond to reality. This calculation hovers above reality. One must be clear about the extent to which our mental images and calculations are merely mental images. Although they are reversible, there are no reversible processes in reality. This is important, for we will see that the entire theory of heat is built upon questions of this kind: To what extent are natural processes reversible within the realm of thermal conditions, and to what extent are they not?
