Zweiter Naturwissenschaftlicher Kurs
Die Wärme auf der Grenze
positiver und negativer Materialität
Geisteswissenschaftliche Impulse zur Entwicklung der Physik
GA 321
1 März 1920, Stuttgart
Erster Vortrag
[ 1 ] Die naturwissenschaftlichen Betrachtungen, die bei meinem letzten Aufenthalt hier gepflogen worden sind, sollen jetzt eine Art von Fortsetzung erfahren. Ich werde ausgehen diesmal von demjenigen Kapitel physikalischer Betrachtungen, das insbesondere wichtig sein kann für die Grundlegung einer naturwissenschaftlichen Weltanschauung überhaupt, nämlich von der Betrachtung der Wärmeverhältnisse der Welt. Ich werde heute in einer Einleitung versuchen, Ihnen gerade darzulegen, inwiefern durch eine solche Betrachtung, wie wir sie jetzt pflegen wollen, eine Anschauung geschaffen werden kann für die Bedeutung der physikalischen Erkenntnisse innerhalb einer allgemein menschlichen Weltanschauung und wie dadurch der Grund gelegt werden kann zu einer Art pädagogischer Impulse für den naturwissenschaftlichen Unterricht. Wie gesagt, heute wollen wir von einer Art prinzipieller Einleitung ausgehen und sehen, wie weit wir damit kommen.
[ 2 ] Die sogenannte Wärmelehre hat ja im 19. Jahrhundert eine Gestalt angenommen, durch die einer materialistischen Betrachtung der Welt außerordentlich viel Vorschub geleistet worden ist. Aus dem Grunde Vorschub geleistet worden ist, weil die Wärmeverhältnisse in der Welt vor allen Dingen Veranlassung dazu geben, den Blick abzuwenden von der eigentlichen Natur der Wärme, von der Wärmewesenheit, und ihn hinzulenken auf die mechanischen Erscheinungen, die aus den Wärmeverhältnissen sich ergeben.
[ 3 ] Wärme, sie kennt der Mensch zunächst dadurch, daß er die Empfindungen hat, die er mit kalt, warm, lau und so weiter bezeichnet. Allein, die Menschen werden sehr bald darauf aufmerksam, daß mit dieser Empfindung etwas zunächst Vages gegeben zu sein scheint, etwas jedenfalls Subjektives. Wer das einfache Experiment macht - wir brauchen es hier nicht zu machen, es würde uns nur aufhalten, aber es kann es jeder für sich selber immer machen -, kann sich von folgendem überzeugen:
[ 4 ] Denken Sie sich, Sie haben hier ein Gefäß, mit Wasser gefüllt, von irgendeiner ganz bestimmten Temperatur \(t\), rechts davon haben Sie ein Gefäß, ebenfalls mit Wasser gefüllt, mit einer bestimmten Temperatur \(t - t’\) das heißt, mit einer Temperatur, die wesentlich niedriger ist als jene in dem ersten Gefäß. Dann haben Sie weiter ein Gefäß mit Wasser der Temperatur \(t + t’\). Wenn Sie nun Ihre beiden Arme nehmen und die Finger eintauchen in die zwei äußeren Gefäße zunächst, so nehmen Sie empfindungsgemäß den Wärmezustand der zwei Gefäße wahr. Sie können dann die eben eingetauchten Finger in das mittlere Gefäß eintauchen, und Sie werden sehen, daß dem Finger, der in die Flüssigkeit niedriger Temperatur eingetaucht war, die Temperatur im mittleren Gefäß verhältnismäßig warm erscheint, während dem Finger, der in die wärmere Flüssigkeit eingetaucht war, die Temperatur kalt erscheint. So daß also dieselbe Temperatur verschieden erscheint für die subjektive Empfindung, je nachdem man vorher der einen oder anderen Temperatur subjektiv ausgesetzt war. Jeder Mensch weiß ja auch, daß, wenn er in einen Keller geht, das verschieden sein kann, je nachdem ob er im Sommer oder im Winter in den Keller geht. Geht er im Winter hinein, so kann ihm unter Umständen, selbst wenn das Thermometer dieselbe Temperatur zeigt, der Keller warm erscheinen, während, wenn er im Sommer hineingeht, ihm der Keller kühl erscheint. Und daraus schließt man zunächst nur: Ja, die subjektive Empfindung von Wärme ist nicht maßgebend; es handelt sich darum, irgendwie objektiv feststellen zu können, wie der Wärmezustand irgendeines Körpers oder irgendwo ist. Nun, ich brauche ja hier nicht auf die elementaren Erscheinungen einzugehen, und auch nicht auf die elementaren Werkzeuge des Wärmemessens. Die müssen als bekannt vorausgesetzt werden. Daher kann ich einfach sagen: Wenn man nun objektiv mit dem Thermometer den Stand der Temperatur eines Körpers oder eines Raumes mißt, so hat man das Gefühl: Ja, da mißt man eben die Grade vom Nullpunkt nach aufwärts oder abwärts, und man bekommt ein objektives Maß für den Wärmezustand. Man macht dann in seinen Gedanken einen wesentlichen Unterschied zwischen dieser objektiven Feststellung, an der gewissermaßen der Mensch nicht beteiligt ist, und der subjektiven Feststellung durch die Empfindung, an der der Mensch beteiligt ist.
[ 5 ] Nun, für alles das, was man während des 19. Jahrhunderts angestrebt hat, kann man sagen, ist diese Auseinanderhaltung etwas gewesen, was in einer gewissen Beziehung fruchtbar war, was seine Erfolge gezeitigt hat. Aber wir sind jetzt in einer Zeit, wo man auf gewisse Dinge durchaus aufmerksam werden muß, wenn man in fruchtbarer Weise auf diesem oder jenem Gebiet des Wissens oder der Lebenspraxis vorwärtskommen will. Und daher müssen heute aus der Wissenschaft selbst heraus gewisse Fragen gestellt werden, die man einfach unter dem Einfluß solcher Konklusionen, wie ich sie dargelegt habe, übersehen hat. Eine Frage ist die: Ist ein Unterschied, ein wirklich objektiver Unterschied zwischen dem Konstatieren durch meinen Organismus gegenüber der Temperatur eines Raumes oder Körpers und dem Konstatieren dieser Temperatur durch das Thermometer, oder täusche ich mich - es kann mir nützlich sein für das Leben, diesen Unterschied zu machen -, wenn ich diesen Unterschied in meine Ideen und Begriffe, die dann die Wissenschaft ausbauen soll, hineintrage? — Es wird der ganze Kursus dazu dienen müssen, zu zeigen, wie heute solche Fragen aufgestellt werden müssen. Denn ich werde, ausgehend von den prinzipiellen Fragen, aufzusteigen haben zu denjenigen Fragen, die heute, weil man solche Dinge nicht berücksichtigt hat, einfach dem praktischen Leben in wichtigen Gebieten entgehen. Wie sie auf dem Gebiete der Technik dem Leben entgehen, werden Sie noch sehen. Jetzt will ich nur prinzipiell auf folgendes aufmerksam machen: Unter den Betrachtungen, die ich gleich nachher charakterisieren will, ist eigentlich ganz verlorengegangen die Aufmerksamkeit auf das. Wärmewesen selbst. Und dadurch ist verlorengegangen die Möglichkeit, dieses Wärmewesen in ein Verhältnis zu bringen zu derjenigen Organisation, mit der wir es in bestimmten Gebieten der Lebenspraxis vor allen Dingen in ein Verhältnis bringen müssen: zum menschlichen Organismus selbst. Wenn wir heute bloß roh - es soll ja nur einleitungsweise sein charakterisieren, auf was es ankommt, so müssen wir aufmerksam machen darauf, daß wir ja in ganz bestimmten Fällen verpflichtet sind heute, die Temperatur des eigenen menschlichen Organismus zu messen, zum Beispiel wenn er in Fieberzuständen ist. Daraus können Sie ersehen, daß das Verhältnis des unbekannten, zunächst unbekannten Wärmewesens zum menschlichen Organismus eine gewisse Wichtigkeit hat. Das Radikalste, wie es sich bei chemischen und technischen Prozessen verhält, will ich später betrachten. Aber man wird niemals seine Aufmerksamkeit in der richtigen Weise auf diese Beziehung des Wärmewesens zum menschlichen Organismus richten können, wenn man von einer mechanischen Auffassung des Wärmewesens ausgeht, weil sich einem dann die Tatsache entzieht, daß im menschlichen Organismus, je nach den Organen, eine ganz verschiedene Wärmeempfänglichkeit besteht für das Wärmewesen selbst, daß das Herz, die Leber, die Lunge ganz verschiedene Kapazitäten haben, sich zum Wärmewesen zu verhalten. Daß man daher ein wirkliches Studium gewisser Krankheitssymptome ohne diese verschiedenen Wärmekapazitäten der einzelnen Organe nicht pflegen kann, das entzieht sich der Betrachtung einfach dadurch, daß durch die physikalische Anschauung von der Wärme keine Grundlage dazu geschaffen ist. Wir sind heute nicht in der Lage, die physikalische Anschauung, die wir im Laufe des 19. Jahrhunderts von der Wärme ausgebildet haben, hineinzutragen in das Gebiet des Organischen. Das ist heute demjenigen bemerklich, der ein Auge hat für die Schäden gegenwärtiger physikalischer sogenannter Forschungen für die höheren Zweige, sagen wir der Erkenntnis des organischen Wesens selber. Deshalb müssen gewisse Fragen aufgeworfen werden, Fragen, die vor allen Dingen bezwecken klare, durchschaubare Begriffe. An nichts leiden wir heute mehr, gerade in den sogenannten exaktesten Wissenschaften, als an unklaren, undurchschaubaren Begriffen.
[ 6 ] Was heißt es denn eigentlich, wenn ich sage: Wenn ich den Finger hier eingetaucht habe rechts und links (siehe Zeichnung Seite 12), so habe ich, wenn ich die beiden Finger dann in ein Gefäß mit einer Flüssigkeit von bestimmter Temperatur eintauche, verschiedene Empfindungen; was heißt es denn? Ist wirklich objektiv in der Begriffsfeststellung ein Unterschied gegenüber der sogenannten objektiven Feststellung durch das Thermometer? Denken Sie sich doch einmal: Sie tauchen statt des Fingers hier (siehe Zeichnung, rechts) das Thermometer ein und Sie tauchen es da (Mitte) ein, so werden Sie verschiedene Thermometerstände bekommen, je nachdem Sie hier oder da eintauchen. Wenn Sie die beiden Thermometer nehmen statt der beiden Finger, so wird auch die Quecksilbersäule andere Tatsachen vollziehen in dem einen und in dem anderen Thermometer. Sie werden hier (rechts) einen tieferen und hier (links) einen höheren Thermometerstand haben, der eine wird dann heraufgehen, der andere wird hinuntergehen. Sie sehen, die Thermometer machen nichts anderes, als was Ihre eigenen Empfindungen machen. Für die Feststellung eines Anschauungsbegriffes besteht kein Unterschied zwischen den beiden Thermometern und den Empfindungen Ihrer Finger. Da und dort wird genau dasselbe festgestellt, nämlich: Der Unterschied gegenüber dem früheren Stand. Und das, worauf es ankommt bei unserer Empfindung, das ist, daß wir nur in uns keinen Nullpunkt tragen. Würden wir einen Nullpunkt in uns tragen, würden wir also nicht bloß das, was unmittelbare Anschauung ist, konstatieren, sondern eine Vorrichtung in uns haben, die Temperatur, die wir subjektiv empfinden, auf einen Nullpunkt in uns selbst zu beziehen, dann würden wir durch das, was eigentlich nicht dazu gehört, was mit den Vorgängen nichts zu tun hat, dasselbe konstatieren können, was wir durch die Thermometer konstatieren können. Sie sehen also, für die Feststellung des Begriffs liegt ein Unterschied nicht vor.
[ 7 ] Das ist dasjenige, was als Frage heute gestellt werden muß, wenn man überhaupt in der Wärmelehre auf klare Begriffe kommen will. Denn all diese Begriffe, die da existieren, sind im wesentlichen unklar. Aber glauben Sie nicht, daß das keine Folgen hat. Daß wir keinen Nullpunkt in uns feststellen können, hängt zusammen mit unserem ganzen Leben. Könnten wir einen Nullpunkt in uns feststellen, so würden wir einen ganz anderen Bewußtseinszustand, ein ganz anderes Seelenleben haben müssen. Gerade dadurch, daß sich dieser Nullpunkt bei uns verbirgt, gerade dadurch leben wir in unserem Leben.
[ 8 ] Denn sehen Sie, vieles im Leben beruht ja darauf beim menschlichen Organismus —- und beim tierischen Organismus schließlich auch -, daß wir gewisse Prozesse in uns nicht wahrnehmen. Wenn Sie alles dasjenige in subjektiven Empfindungen erleben müßten, was in Ihrem Organismus vorgeht, denken Sie, was Sie da alles zu tun hätten. Denken Sie an den ganzen Verdauungsprozeß, wenn Sie den in allen Einzelheiten mitmachen müßten. Vieles von dem, was zu unseren Lebensbedingungen gehört, beruht gerade darauf, daß wir gewisse Dinge nicht in unserem Bewußtsein mitmachen, die sich in dem Organismus vollziehen. Dazu gehört einfach, daß wir keinen Nullpunkt bewußt in uns tragen, daß wir kein Thermometer sind. So daß eine solche Unterscheidung des Objektiven und Subjektiven, wie sie gemacht wird, einfach für die weitergehenden Betrachtungen des Physikalischen nicht mehr ausreicht.
[ 9 ] Das ist dasjenige, was eigentlich im Grunde genommen eine Frage ist, die locker ist in der menschlichen Betrachtungsweise seit dem alten Griechentum, die aber locker gelassen werden konnte, Nicht mehr locker bleiben kann sie für die Zukunft. Denn schon die alten Griechenphilosophen, Zeno vor allen Dingen - ich muß heute darauf aufmerksam machen, trotzdem es Ihnen pedantisch erscheinen wird -, sie haben auf gewisse Vorgänge im menschlichen Denken hingewiesen, die in einer eklatanten Weise in Widerspruch stehen mit dem, was äußere Wirklichkeit ist. Ich brauche nur an den Achillesschluß zu erinnern, auf den ich oftmals aufmerksam gemacht habe. Nehmen wir an, wir haben hier den Weg s, den der Achilles \((A)\) durchmacht, sagen wir in einer bestimmten Zeit. So schnell kann er laufen. Und hier haben wir die Schildkröte \((S)\). Die hat den Vorsprung \((AS)\). Achilles läuft der Schildkröte nach. Nehmen wir den Moment, da Achilles hier in S ankommt. Die Schildkröte läuft weiter. Der Achilles muß ihr nachlaufen. In der Zeit, in der er diese Strecke \((A S)\) durchläuft, ist die Schildkröte hier angekommen (in 1), und in der Zeit, in der er diesen nächsten Raum \((S 1)\) durchläuft, ist sie hier angekommen (in 2). Und so läuft immer die Schildkröte ein kleines Stückchen vorwärts. Der Achilles muß erst hinter ihr her laufen, was sie schon durchlaufen hat. Und Achilles kann der Schildkröte nie nachkommen.
[ 10 ] Dieses wird gewöhnlich nun von den Menschen so behandelt, wie ganz gewiß manche Gemüter auch derer, die jetzt hier sitzen, die Sache behandeln. Ich sehe es Ihnen an. Sie denken: Das weiß ich ja ganz genau, der Achilles hat ganz natürlich die Schildkröte bald eingeholt, und die Sache ist einfach dumm, wenn man die Schlußfolgerung macht: Der Achilles muß immer das frühere Stück durchlaufen, die Schildkröte ist voraus, er kommt nie nach. Es ist einfach dumm - sagen die Leute. Das geht aber nicht, daß man so sagt, denn die Schlußfolgerung ist absolut zwingend und bindend, es läßt sich dagegen nichts sagen. Und es ist nicht etwa dumm, wenn dieser Schluß gemacht worden ist, sondern es ist ein außerordentlich — in der menschlichen Ratio — gescheiter Schluß, denn er ist absolut bindend, und man kommt nicht über ihn hinweg. Worauf beruht denn aber das Ganze? Solange Sie bloß denken, können Sie nicht anders denken, als dieser Schluß besagt. Aber Sie denken nicht so, weil Sie einfach die Wirklichkeit anschauen und wissen: Der Achilles kommt der Schildkröte selbstverständlich bald nach. Und da verwuseln Sie das Denken mit der Wirklichkeit, lassen sich auf das Denken nicht mehr ein. Den Menschen ist es ja nicht darum zu tun, sich auf das Denken einzulassen, und dann sagen sie: Der, der so denkt, ist einfach dumm. — Durch das Denken kriegt man nichts anderes heraus, als daß der Achilles der Schildkröte nicht nachkommt. Worauf beruht das aber? Das beruht darauf, daß, wenn wir unser Denken gerade konsequent auf die Wirklichkeit anwenden, dann das, was wir konstatieren, falsch wird gegenüber den Tatsachen der Wirklichkeit. Es muß falsch werden. Sobald wir unser rationalistisches Denken auf die Wirklichkeit anwenden, hilft uns nichts darüber hinweg, daß wir falsch sogenannte «Wahrheiten» konstatieren. Denn wir müssen einfach schließen, daß, wenn der Achilles der Schildkröte nachläuft, er jeden Punkt zu durchmessen hat, den die Schildkröte auch durchgemacht hat. Das ist ideell durchaus richtig. In Wirklichkeit aber macht er das nicht, er berührt nicht die Punkte. Seine Beine schreiten weiter aus als die der Schildkröte. Er macht das nicht durch, was die Schildkröte durchmacht. Wir müssen uns also anschauen, was der Achilles tut. Wir können uns nicht darauf einlassen, bloß darüber zu denken. Dann kommen wir zu anderen Resultaten. Diese Dinge berühren das Gewissen der Menschen manchmal recht wenig, in Wahrheit aber sind sie außerordentlich bedeutsam. Und gerade heute, in der gegenwärtigen Zeit wissenschaftlicher Entwickelung, sind sie von der allergrößten Bedeutung. Dann erst, wenn wir einsehen, wieviel Wirklichkeit in unserem Denken über die Naturerscheinungen ist, wenn wir übergehen von den Anschauungen zu der sogenannten Erklärung, dann kommen wir mit den Dingen zurecht.
[ 11 ] Nicht wahr, das Anschauliche, das ist etwas, was einfach beschrieben zu werden braucht. Daß ich folgendes machen kann, das braucht einfach beschrieben zu werden: Hier habe ich eine Kugel. Wenn ich sie durch dieses Loch werfe, geht sie durch. Das ist jetzt die Anschauung. Wir wollen jetzt einfach diese Kugel etwas erwärmen. Sie sehen, ich kann die Kugel jetzt auf das Loch legen, sie geht zunächst nicht durch. Sie wird erst wiederum durchfallen, wenn sie genügend abgekühlt ist. In dem Augenblick, wo ich sie abkühle, indem ich Wasser darauf gieße, geht sie wieder durch. Das ist die Anschauung. Das ist dasjenige, was ich einfach zu beschreiben brauche. Nehmen wir aber ar, ich fange jetzt an zu theoretisieren. Ich will es zunächst ganz roh machen, es handelt sich ja um eine Einleitung: Das wäre also die Kugel, die Kugel bestünde aus einer gewissen Anzahl von kleinen Teilen, von Molekülen, Atomen — wie Sie wollen. Das ist etwas, was nicht mehr Anschauung ist, was ich dazutheoretisiere. In diesem Augenblick bin ich verlassen von der Anschauung. Und in diesem Augenblick bin ich in einer außerordentlich tragischen Rolle. Die Tragik empfinden nur diejenigen, die auf solche Dinge eingehen können. Denn wenn Sie untersuchen, ob Achilles die Schildkröte erreichen kann oder nicht, so können Sie anfangen zu denken: Der Achilles muß den Weg der Schildkröte durchmessen, also wird er sie nie einholen. Das kann man strikte beweisen. Nun machen Sie das Experiment. Sie setzen die Schildkröte hin und den Achilles oder jemand anderen, auch wenn er nicht so schnell läuft wie Achilles. Sie können jederzeit beweisen, daß die Anschauung Ihnen das Gegenteil von dem liefert, was Ihnen die Schlußfolgerung liefert. Sie werden sehr bald die Schildkröte einholen.
[ 12 ] Wenn Sie aber nun über die Kugel theoretisieren wollen, wie ihre Atome und Moleküle angeordnet sind, wo Sie auch die Anschauung verläßt, da können Sie nicht hineinschauen und nachsehen, da werden Sie nur theoretisieren können, und das ist auf diesem Gebiet nicht besser als das, was Sie gegenüber dem Wegstück, das von Achilles nicht durchmessen ist, anführen. Das heißt: Sie tragen die ganze Unvollkommenheit Ihrer Ratio hinein in Ihr Nachdenken über dasjenige, was nicht mehr anschaulich ist. Das ist das Tragische. Wir bauen und bauen Erklärungen auf, indem wir das Anschauliche verlassen, und glauben es dadurch gerade erklären zu können, daß wir Hypothesen und Theorien aufstellen. Und die Folge davon ist, daß wir dann genötigt sind, unserem bloßen Denken zu folgen, daß dieses Denken uns aber in dem Augenblick verläßt, wo wir über die Anschauung hinauskommen. Es stimmt nicht mehr mit der Anschauung überein.
[ 13 ] Auf diesen Unterschied habe ich schon im vorigen Kursus hingewiesen, indem ich die scharfe Grenze gesetzt habe zwischen dem Phoronomischen und dem Mechanischen. Die Phoronomie beschreibt bloß Bewegungsvorgänge oder Gleichgewichtsvorgänge, aber sie beschränkt sich darauf, das Anschauliche zu konstatieren. In dem Augenblick, wo Sie von der Phoronomie zur Mechanik übergehen, wo der Kraft- und Massebegriff einzuführen ist, in dem Augenblick können wir nicht ausreichen mit dem bloßen Denken, sondern wir beginnen einfach abzulesen von dem Anschaulichen, was vorgeht. Wir können in den einfachsten physikalischen Vorgängen, in denen die Masse eine Rolle spielt, mit dem bloßen Denken nichts mehr anfangen. Und diejenigen Theorien, die im Laufe des 19. Jahrhunderts aufgebaut worden sind, trotzdem sie sich —- das macht nichts aus — für eingeschränkte Gebiete als praktisch erwiesen haben, sind so entstanden, daß eigentlich, um sie zu verifizieren, notwendig wäre, bis in die Moleküle und Atome hinein Experimente zu machen. Das gilt in bezug auf das Kleine, das gilt aber auch in bezug auf das Große. Sie erinnern sich, daß ich in meinen Vorträgen oftmals aufmerksam gemacht habe auf etwas, das uns jetzt mit einem ganz wissenschaftlichen Charakter in diesen Betrachtungen entgegentreten wird. Ich habe oftmals gesagt: Aus dem, was der Physiker heute über Wärmeverhältnisse und auch über einige andere Dinge, die damit verknüpft sind, heraustheoretisiert, macht er sich gewisse Vorstellungen über die Sonne. Er beschreibt mit einem gewissen Anspruch darauf, daß die Sache stimme, wie die physikalischen Verhältnisse, wie er sagt, auf der Sonne sind. Nun habe ich immer gesagt: Die Physiker würden außerordentlich erstaunt sein, wenn sie das Experiment ausführen könnten, wirklich zur Sonne hinauf zu kutschieren und sähen, wie nichts von dem, was sie aus irdischen Verhäitnissen heraus rechnen oder theoretisieren, mit den Wirklichkeiten der Sonne übereinstimmt. Heute haben die Sachen tatsächlich schon eine ganz bestimmte praktische Bedeutung, namentlich gegenüber der wissenschaftlichen Zeitentwickelung. Erst in diesen Tagen ging ja die Nachricht durch die Welt, daß mit großen Mühen die Ergebnisse englischer Forschungen über die Ablenkung des Sternenlichtes im Weltenraum auch in Berlin vor einer Gelehrtengesellschaft vorgeführt werden konnten. Da wurde mit Recht auf folgendes hingewiesen. Es wurde gesagt: Ja, die Forschungen von Einstein und anderen über die Relativitätstheorie haben eine gewisse Bestätigung erfahren, aber etwas Endgültiges würde man erst sagen können, wenn man soweit wäre, daß man spektralanalytisch untersuchen könnte, wie es sich eigentlich mit dem Sonnenlicht letztlich, namentlich bei Gelegenheit der Sonnenfinsternis, verhält. Da würde man nämlich etwas sehen, was heute noch nicht mit den gangbaren physikalischen Instrumenten konstatierbar ist. - Das war die Nachricht, die sich anknüpfte an die letzte Sitzung der Berliner Physikalischen Gesellschaft. Das ist außerordentlich interessant. Denn es muß natürlich der nächste Schritt der sein, nach einer Möglichkeit zu suchen, wirklich spektralanalytisch das Sonnenlicht zu untersuchen. Der Weg muß der nach Meßinstrumenten sein, die heute noch nicht da sind. Dann wird man gewisse Dinge, die heute aus geisteswissenschaftlichen Grundlagen heraus schon gewonnen werden können, einfach nachträglich bestätigen können, wie das ja bei vielen Dingen der Fall war, die im Laufe der Jahre entstanden sind, die auch, wie Sie wissen, durch physikalische Experimente in der letzten Zeit herausgekommen sind. Dann wird man einsehen lernen, daß es einfach unmöglich ist, dasjenige, was man imstande ist herauszurechnen aus den Beobachtungen namentlich der Wärmeerscheinungen in der irdischen Sphäre, auf die Verhältnisse des Weltraumes, auf die Sonnenverhältnisse zu übertragen und sich vorzustellen, daß die Sonnenkorona und dergleichen entsteht aus Antezedenzien heraus, die entnommen sind der Betrachtung der irdischen Verhältnisse. Gerade wie uns unser Denken irreführt, wenn wir das Anschauliche verlassen und in die Welt der Moleküle und Atome hineintheoretisieren, so führt es uns auch irre, wenn wir ins Makrokosmische hinausgehen und das, was wir durch Anschauung in irdischen Verhältnissen festsetzen, auf so etwas wie die Sonne übertragen. Da glaubt man, daß man in der Sonne etwas wie eine Art glühenden Gasballes habe. Von einem glühenden Gasball kann nicht die Rede sein bei der Sonne. Man hat etwas ganz anderes in der Sonne vorliegend. Denken Sie sich einmal: Wir haben irdische Materie. Jede irdische Materie hat einen bestimmten Intensitätsgrad ihres Wirkens, ob man den auf diese oder jene Weise mißt, auf Dichtigkeit oder dergleichen, darauf kommt es nicht an. Sie hat eine gewisse Intensität des Wirkens. Diese kann auch zu Null werden, das heißt, wir können dem scheinbar leeren Raum gegenüberstehen. Aber damit hat es nicht seinen Schluß, ebensowenig wie es einen Schluß hat — nun, schauen wir einmal auf das Folgende; denken Sie sich, Sie sagen: Ich habe einen Sohn. Der Kerl ist eigentlich ein leichtsinniges Tuch. Ich habe ihm ja ein kleines Vermögen übergeben, aber nun hat er angefangen, es auszugeben. Mehr als bis Null kann er nicht heruntergehen. Er kann einmal nichts mehr haben, damit tröste ich mich, er kommt eben einmal bei Null an. — Ja, aber nachher kann ich eigentlich eine Enttäuschung erleben: Der Kerl fängt an, Schulden zu machen. Dann bleibt er nicht bei Null stehen, dann wird die Geschichte noch schlimmer als Null. Und das kann eine sehr reale Bedeutung haben. Denn als Vater werde ich eigentlich weniger haben, wenn der Kerl Schulden macht, als wenn er bei Null stehen bleibt.
[ 14 ] Sehen Sie, dieselbe Betrachtungsweise liegt zugrunde gegenüber den Sonnenverhältnissen. Man geht nicht einmal zur Null, sondern nur bis zur größtmöglichen Verdünnung; man spricht von dünnem, glühendem Gas. Aber man müßte erst bis Null gehen und dann darüber hinaus. Denn das, was man in der Sonne finden würde, wäre überhaupt nicht vergleichbar mit unserem Materiellen, wäre auch nicht vergleichbar mit unserem leeren Raum, der der Null entspricht, sondern es geht darüber hinaus. Es ist in einem Zustand negativer materieller Intensität. Da, wo die Sonne ist, würde man ein Loch finden, in den leeren Raum hineingehend. Es ist weniger als leerer Raum da. So daß alle Wirkungen, die auf der Sonne zu beobachten sind, als Saugwirkungen betrachtet werden müssen, nicht als Druckwirkungen oder dergleichen. Die Sonnenkorona darf also nicht so betrachtet werden, wie heute der Physiker sie betrachtet, sondern sie muß so betrachtet werden, daß man das Bewußtsein hat, es geschieht nicht dasjenige, als was es sich darstellt, etwa Druckwirkungen mit dem Index nach außen, sondern es liegen Saugwirkungen von dem Loch im Raum, von der Negation der Materie vor. Da verläßt uns die Ratio. Da verläßt uns unser Denken gegenüber dem Makrokosmischen, wie es uns verläßt gegenüber dem Mikrokosmischen. In dem Falle, den ich angedeutet habe, können wir nur theoretisieren über das Atomistische.
[ 15 ] Wir erleben, indem wir subjektiv die Wärmezustände unserer Umgebung beurteilen, gar nicht wirkliche Wärmezustände, sondern wir erleben Differenzen. Das Thermometer zeigt auch Differenzen, es ist kein Unterschied. Wir erleben die Differenzen zwischen unserem eigenen Wärmezustand und demjenigen, in den wir hineinkommen. Den Tatsachen nach tut das auch das Thermometer. Nur haben wir durch Dinge, die nichts mit diesen vorliegenden Tatsachen zu tun haben, durch die Feststellung eines Nullpunktes, die Sache kaschiert. Hier liegt etwas vor, was außerordentlich wichtig ist zu berücksichtigen. Wenn wir unsere Aufmerksamkeit den Lichterscheinungen zuwenden, so liegt die Sache so, daß wir die Lichterscheinungen im wesentlichen verfolgen mit einem Organ, das sehr stark isoliert ist in unserem Organismus. Ich habe das im vorigen Kursus charakterisiert. Dadurch beobachten wir eigentlich niemals Licht — Licht ist Abstraktion —, sondern wir beobachten Farbenerscheinungen. Wenn wir Wärme beobachten, subjektiv, so ist dasjenige, was Empfindungsorgan bei uns ist, was Auffassungsorgan ist, unser ganzer Organismus. Unser ganzer Organismus entspricht da unserem Auge. Er ist nicht ein isoliertes Organ. Wir setzen uns als Ganzes dem Wärmezustand aus. Indem wir mit einem Glied, zum Beispiel mit einem Finger, uns der Wärme aussetzen, ist das nichts anderes als wie ein Teil des Auges gegenüber dem ganzen Auge. Während also das Auge ein isoliertes Organ ist und dadurch sich für uns die Welt des Lichtes in den Farben verobjektiviert, ist bei der Wärme ein solches nicht der Fall. Wir sind gleichsam ganz Wärmeorgan. Aber dadurch tritt uns auch nicht so isoliert von draußen entgegen dasjenige, was die Wärme macht, wie uns isoliert entgegentritt dasjenige, was das Licht macht. Unser Auge ist objektiviert in unserem Organismus. Was die Wärme Analoges macht — weil wir es selbst sind, können wir es nicht erleben. Denken Sie einmal, Sie würden mit dem Auge keine Farben sehen, sondern nur Helligkeit unterscheiden, und die Farben als solche würden ganz subjektiv bleiben, bloß Gefühle bleiben: Sie würden niemals Farben sehen. Sie würden von Hell-Dunkel reden, aber die Farben würden nichts in Ihnen bewirken. So ist es bei der Wahrnehmung der Wärme. Jene Differenzierungen, die Sie beim Licht wegen der Isolierung des Auges wahrnehmen, die nehmen Sie in der Welt der Wärme nicht mehr wahr. Die leben aber in Ihnen. Wenn Sie also von Blau und Rot sprechen bei der Farbe, so haben Sie dieses Blau und Rot außen. Wenn Sie von dem Analogen bei der Wärme sprechen, so haben Sie, weil Sie das Wärmeorgan selbst sind, das, was analog bei der Wärme blau und rot wäre, in sich, Sie sind es selbst. Daher sprechen Sie nicht davon. Und das macht, daß für die Betrachtung des objektiven Wärmewesens eine ganz andere Methode notwendig ist als für die Betrachtung des objektiven Lichtwesens. Und nichts hat, ich möchte sagen, so verführend in der Betrachtungsweise des 19. Jahrhunderts gewirkt, als überall schematisch zu vereinheitlichen. Sie finden überall in den Physiologien eine «Sinnesphysiologie». Als ob es so etwas überhaupt gäbe! Als ob es etwas gäbe, wo man einheitlich sagen kann, es gilt für das Ohr wie für das Auge oder gar für den Gefühls- oder Wärmesinn. Es ist ein Unding, von einer Sinnesphysiologie zu sprechen und zu sagen, eine Sinneswahrnehmung ist dies oder jenes. Man kann nur sprechen von der isolierten Wahrnehmung des Auges, von der isolierten Wahrnehmung des Ohres, von der isolierten Wahrnehmung unseres Organismus als Wärmeorgan und so weiter. Das sind ganz verschiedene Dinge, und man kann nur wesenlose Abstraktionen aufstellen, wenn man von einem einheitlichen Sinnesvorgang spricht. Aber Sie finden heute überall die Neigung dazu, diese Dinge zu vereinheitlichen. Und so kommen dann Schlüsse zustande, die eigentlich, wären sie nicht so schädlich für unser ganzes Leben, im Grunde genommen humoristisch wären. Wenn einer sagt: Da ist ein Bub, ein anderer Bub hat ihn durchgeprügelt. —- Und daneben wird behauptet: Gestern hat er Schläge bekommen von seinem Lehrer, der Lehrer hat ihn durchgeprügelt. Ich habe in beiden Fällen das Prügeln beobachtet. Es ist kein Unterschied. Ich schließe daraus, daß der Lehrer von gestern und der böse Bub, der heute die Prügel austeilte, von derselben inneren Wesenheit sind. — Das wäre ein Unding, nicht wahr, das wäre ganz unmöglich. Aber man macht folgendes Experiment. Man weiß, daß, wenn man Lichtstrahlen in einer gewissen Weise auf einen Hohlspiegel fallen läßt, sie parallel gehen; wenn man sie durch einen weiteren Hohlspiegel auffangen läßt, sie sich im Brennpunkt vereinigen und Lichterscheinungen hervorrufen. Man macht dasselbe mit den sogenannten Wärmestrahlen. Man kann wiederum konstatieren: Man läßt die Strahlen durch Hohlspiegel auffangen, sich im Brennpunkt vereinigen — man kann es mit dem Thermometer konstatieren, daß da eine Art Wärmebrennpunkt entsteht. Das sei dieselbe Geschichte wie beim Licht, also beruhe das Licht und die Wärme auf ein und demselben. Die Prügel von gestern und die Prügel von heute beruhen auf ein und demselben. Wenn man im Leben eine solche Schlußfolgerung ausführen würde, würde man ein Tor sein. Wenn man sie in der Wissenschaft ausführt, wie es heute überall gemacht wird, ist man kein Tor, sondern oftmals eine tonangebende Persönlichkeit.
[ 16 ] Dennoch, es kommt heute darauf an, nach klaren, durchschaubaren Begriffen zu streben, und ohne diese klaren, durchschaubaren Begriffe kommen wir nicht weiter. Sonst wird niemals durch eine physikalische Weltanschauung eine Grundlage geschaffen werden für eine universelle Weltanschauung, wenn man nicht gerade auf physikalischem Gebiet versucht, zu klaren, anschaulichen Begriffen vorzudringen. Sie wissen ja, und es ist auch durch meinen letzten Kursus hier klar geworden, bis zu einem gewissen Grade wenigstens klar geworden, daß auf dem Gebiete der Lichterscheinungen Goethe ein wenig Ordnung geschaffen hat, daß aber diese Dinge nicht anerkannt sind.
[ 17 ] Auf dem Gebiet der Wärmeerscheinungen ist es nun ganz besonders schwierig, weil in der nachgoetheschen Zeit ja die Wärmeerscheinungen vollständig in das Chaos der theoretischen Anschauungen eingelaufen sind und im 19. Jahrhundert die sogenannte mechanische Wärmetheorie Unfug über Unfug gestiftet hat; auf der einen Seite dadurch, daß sie Anschauungsbegriffe geliefert hat auf einem Gebiet, wo die Anschauung nicht hinreicht, und für jeden, der glaubt, auch denken zu können, aber es in Wirklichkeit nicht kann, leicht erlangbare Begriffe geliefert hat. Es sind die Begriffe, durch die man sich vorgestellt hat: Ein Gas in einem allseitig geschlossenen Gefäß besteht aus Gasteilchen, aber diese Gasteilchen sind nicht in Ruhe, sondern sie sind in fortwährender Bewegung. Und natürlich, wenn diese Gasteilchen in fortwährender Bewegung sind, wird in den meisten Fällen, da die Gasteilchen klein sind und ihre Entfernungen verhältnismäßig groß vorgestellt werden, so ein Gasteilchen sich durchschlängeln, wird lange nicht auf ein anderes auftreffen, aber zuweilen dann doch. Es prallt dann zurück, und so stoßen sich dann da drinnen die Gasteilchen. Sie kommen in eine Bewegung. Sie bombardieren sich fortwährend gegenseitig. Da geben sie, wenn man die verschiedenen kleinen Stöße summiert, einen Druck auf die Wand. Anderseits hat man die Möglichkeit zu messen, wie hoch die Temperatur ist. Dann sagt man sich: Nun ja, da sind die Gasteilchen drinnen in einem bestimmten Bewegungszustand, sie bombardieren sich. Das Ganze ist in aufgeregter Bewegung. Das stößt sich gegenseitig und stößt auf die Wand. Erwärmt man, so kommen sie immer schneller und schneller in Bewegung, stoßen immer stärker und stärker an die Wand, und man hat die Möglichkeit, zu sagen: Was ist also Wärme? — Bewegung der kleinsten Teile. Es ist gewiß, daß heute unter der Macht der Tatsachen solche Vorstellungen schon etwas abgekommen sind, allein sie sind nur äußerlich abgekommen. Die ganze Denkweise ruht doch noch auf demselben Grunde. Man ist sehr stolz geworden auf diese sogenannte mechanische Wärmetheorie, denn sie soll ja außerordentlich viel erklären. Sie soll zum Beispiel erklären: Wenn ich einfach mit dem Finger über irgendeine Fläche streiche, so wird die Anstrengung, die ich anwende, die Arbeit, die Wucht verwandelt in Wärme. Ich kann zurückverwandeln Wärme in Arbeit, zum Beispiel bei der Dampfmaschine, wo ich durch die Wärme Vorwärtsbewegungen wahrnehmen kann. Und man hat sich die gangbare, höchst bequeme Vorstellung gebildet: Ja, wenn ich äußerlich das beobachte, was da im Raum geschieht, so sind es mechanische Vorgänge. Die Lokomotive und die Waggons bewegen sich vorwärts und so weiter. Wenn ich dann, sagen wir, durch irgend etwas Arbeit leiste und daraus Wärme entsteht, so ist eigentlich nichts anderes geschehen, als daß die äußerlich wahrnehmbare Bewegung sich verwandelt hat in die Bewegung der kleinsten Teilchen. Das ist eine bequeme Vorstellung. Man kann sagen: Alles in der Welt beruht auf Bewegung, und es verwandelt sich bloß die anschauliche Bewegung in die unanschauliche Bewegung. Diese wird dann als Wärme wahrgenommen. Aber die Wärme ist doch nichts anderes als Stoßen und Drängen der kleinen Gasrüpel, die sich stoßen, die an die Wand stoßen und so weiter. Es ist die Wärme allmählich verwandelt worden im Wesen in das, was jetzt geschehen würde, wenn diese ganze Korona plötzlich anfinge, sich gegenseitig in Bewegung zu setzen, wenn sie sich fortwährend stoßen würde, an die Wand stoßen würde und so weiter. Das ist die Clausiussche Vorstellung von dem, was in einem gasgefüllten Raum vorgeht. Das ist die Theorie, die herausgekommen ist dadurch, daß man den Achillesschluß angewendet hat auf Unanschauliches, und nicht bemerkt, wie man derselben Unmöglichkeit unterliegt, wie wenn man das Denken anwendet auf Achilles und die Schildkröte. Das heißt, es wird nicht so, wie man denkt. Im Inneren eines gaserfüllten Raumes geht es anders zu, als wir uns ausmalen, wenn wir die unanschaulichen Begriffe auf Anschauung übertragen.
[ 18 ] Das wollte ich heute einleitungsweise sagen. Sie werden daraus ersehen, daß im Grunde genommen die ganze methodische Art der Betrachtung, die namentlich im Laufe des 19. Jahrhunderts sich herausgebildet hat, in ihren Grundfesten wankt. Denn es beruht ein großer Teil dieser Betrachtungsweise darauf, daß man einfach dasjenige, was man beobachtet als anschauliches Faktum, sich so vorstellt, daß man den Ausdruck, auch den rechnerischen Ausdruck des Anschauens, so überleitet, daß man Differentialvorstellungen daraus bekommt. Wenn man das, was man als konstatierbares Faktum hat gegenüber einem gasgefüllten Raume unter einem bestimmten Druck, rechnerisch ausdrückt, so kann man dadurch, daß man die Vorstellung zugrunde legt: Da geschehen die Bewegungen der kleinsten Teile, es in Differentialvorstellungen umwandeln und kann sich dann dem Glauben hingeben, daß, wenn man wiederum integriert, man etwas über die Realität herausbekomme. Man muß einsehen, daß, wenn man den Übergang vollzieht von gewöhnlichen rechnerischen Vorstellungen zu Differentialgleichungen, daß man diese Differentialgleichungen, ohne aus der Wirklichkeit vollständig herauszufallen, nicht wiederum in Integralrechnungen behandeln darf. Das liegt der Physik im 19. Jahrhundert zugrunde, daß man durch ein falsches Verständnis über die Beziehung der Integrale zu den Differentialen sich gegenüber der Wirklichkeit falschen Vorstellungen hingegeben hat. Man muß sich klar darüber sein: In gewissen Fällen darf man differenzieren, aber was die Differentialzustände ergibt, darf nicht gedacht werden, als ob es zurückintegriert werden könnte, denn da kommt man nicht in die Wirklichkeit hinein, sondern zu etwas Ideellem. Es ist gegenüber der Natur von großer Wichtigkeit, daß man das durchschaut.
[ 19 ] Denn, sehen Sie, wenn ich einen bestimmten Verwandlungsvorgang ausführe, wenn ich sage, ich leiste Arbeit, bekomme Wärme, so kann ich aus dieser Wärme wiederum Arbeit bekommen, und wir werden sehen, in welchem Maße das innerhalb der unorganischen Natur gilt, gerade an den Wärmeerscheinungen. Aber ich kann nicht ohne weiteres einen organischen Prozeß umkehren. Auch große anorganische Prozesse kann ich nicht umkehren, zum Beispiel sind planetarische Prozesse nicht umkehrbar. Wir können uns nicht jenen Prozeß umgekehrt vorstellen, der verläuft von der Wurzelbildung einer Pflanze bis zur Blüte, bis zur Fruchtbildung. Der Prozeß verläuft vom Keime bis zur Fruchtbildung, er kann nicht zurückverlaufen wie ein Prozeß in der unorganischen Natur. In unsere Rechnungen fließt das nicht ein. Denn schon, wenn wir sogar im Unorganischen bleiben, gilt es für gewisse makrokosmische Prozesse nicht. Ich kann heute in keiner Rechnungsformel, wenn ich sie aufstellen könnte für das Wachstum einer Pflanze — sie würde aber sehr kompliziert ausfallen -, gewisse Werte negativ einsetzen; dies deckt sich nicht mit der Wirklichkeit. Die Gestaltung der Blüte aus der Gestaltung des Laubblattes könnte ich nicht negativ einsetzen. Ich würde nicht den Prozeß umkehren können. Ich kann auch gegenüber den größeren Erscheinungen der Welt den realen Prozeß nicht umkehren. Das berührt aber nicht die Rechnung. Wenn ich heute eine Mondfinsternis einzusetzen habe, kann ich einfach berechnen, wie eine Mondfinsternis vor unserer Zeitrechnung, zu Thales’ Zeiten war und so weiter, das heißt, ich kann in der Rechnung selbst durchaus den Prozeß umkehren, aber in der Wirklichkeit würde der Prozeß nicht umkehrbar sein. Wir können nicht vom gegenwärtigen Stadium der Weltentwickelung durch Umkehrung des Prozesses zu den früheren Stadien, zum Beispiel zu einer Mondfinsternis, die sich zu Thales’ Zeiten zugetragen hat, zurückschreiten. Eine Rechnung kann ich vorwärts und rückwärts behandeln, mit der Wirklichkeit deckt sich meist nicht, was ich mit der Rechnung erfasse. Diese Rechnung schwebt über der Wirklichkeit. Man muß sich klar darüber sein, inwiefern unsere Vorstellungen und Rechnungen nur Vorstellungsinhalte sind. Trotzdem sie umkehrbar sind, gibt es keine umkehrbaren Prozesse in der Wirklichkeit. Das ist wichtig, denn wir werden die ganze Wärmelehre auf Fragen dieser Art aufgebaut sehen: Inwiefern sind innerhalb des Gebietes der Wärmeverhältnisse Naturprozesse umkehrbar, und inwiefern sind sie es nicht?
